Kurt Huber über Leibniz

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Der Zusammenhang von Leibnizens Menschenbild und universeller Logik.

Professor Kurt Hubers Leibnizbiographie zeigt, wie sich Leibnizens grundlegende Gedanken auf dem Gebiet der Mathematik und der Logik aus dessen Sicht des Menschen und seiner Stellung im Universum ableiten.

Von Ralf Schauerhammer

Während Professor Kurt Huber, dessen an Leibniz geschulte rigorose Denkmethode wesentlich dazu beigetragen hat, daß der Studentenkreis der „Weißen Rose“ den lebensgefährlichen Widerstand gegen die Nazis wagte,1 im Gefängnis auf seine Hinrichtung wartete, schrieb er unermüdlich ein einer Leibnizbiographie, welche erst nach dem 2. Weltkrieg gedruckt wurde. Darin schreibt Huber: „Doch auch im Mathematischen sind Leibnizens grundlegende Gedanken nicht selten missverständlich interpretiert und weitergeführt und manchmal geradewegs in ihr Gegenteil verkehrt worden. So in den Bestrebungen der sogenannten ‚mathematischen Logik‘, die sich – seit Hamilton – zu Unrecht auf Leibniz beruft. Denn der große Mathematiker [Leibniz, RS] strebt gerade nicht nach einer äußerlichen Mathematisierung der Logik, sondern erkennt mit bewundernswertem Scharfblick den innerst-logischen, kategorialen Charakter der Mathematik in allen ihren Einzelzweigen.“ Und dann die Zusammenfassung Hubers: „Auf die Herausarbeitung, auf eine die Mathematik wie die gewöhnliche Begriffslogik in höherem Sinn umspannende Logik der allgemeinsten Ordnung ist ein weitschauendes Denken seit der in aller Unfertigkeit gedankenschweren Frühschrift des „Ars combinatoria“ gerichtet.“2

Kurt Huber sieht den Kern des Leibnizschen Monadenkonzepts sowie seiner Dynamik „nicht aus der Physik“ entstammen, sondern findet, dass sie Leibnizens Streben nach einem „rationalen Verstehen“ der wichtigsten „theologischen Dogmen“  entspringen.3 Man muss also nicht nur die Monadologie rückwärts (vom Reich der Gnade zur Monade) verstehen, sondern auch seine naturwissenschaftlich-mathematischen Entdeckungen und seine Logik aus seiner Sicht des Menschen und dessen Stellung im Universum ableiten.

Leibnizens Sicht des Menschen und dessen Stellung im Universum bildet sich schon sehr früh heraus. Leibniz lernt bereits im Knabenalter die wesentlichen Schriften der Antike und der Scholastiker kennen, aber bald auch die damals modernen Autoren, wie Hobbes, von deren geometrisch-exakter Methode er beeindruckt ist. Bald erkennt er jedoch die Gefahr des „vom Westen heraufdämmernden Atheismus englisch-französischer Prägung“ und „untersucht die christlichen Hauptdogmen, um deren Kern einem rationalen Verstehen näher zu rücken. Sie durften nicht widersinnig sein, d.h. ihre logische Möglichkeit musste erwiesen werden“.4 Bereits in den frühen juristischen Schriften Leibnizens zeichnet sich dieses ab.

Nach Kurt Huber liegt z.B. das Wesentliche der 1671 entstandenen Schrift „Juris et aequi elementa“ darin, dass der Begriff der christlichen Nächstenliebe der Rechtswissenschaft zugrunde gelegt wird:

„Freilich teilt Leibniz den aristotelischen Kerngedanken, Ethik, Recht und Politik aus einer gemeinsamen Wurzel abzuleiten… Freilich bezeichnet er als diese Wurzel zunächst im engen Anschluß an… Hobbes den Nutzen, den öffentlichen als Wurzel des Rechts, den privaten als Wurzel der Politik. Doch… im schärfstem Gegensatz zu… Hobbes… durchkreuzt er dessen Naturrechtslehre… durch seine Bestimmung dessen, was ‚Nutzen‘ im tieferen Sinne heißt. Die Kernschwierigkeit, wie man im rechtlichen und sittlichen Verhalten zwar nach dem eigenen Glück streben und dennoch das Wohl des anderen mit verwirklichen könne, löst er durch den johanneisch-christlichen Urbegriff der Liebe… Die Liebe zum anderen ist eine Lust für mich, doch eine Lust, die im Wohlergehen des anderen gründet. Diese recht verstandene, durch Vernunft bestimmte und in Grenzen gehaltene Liebe zum Nächsten ist die Gerechtigkeit; sie ist die subjektive Grundlage des Rechts und der Sittlichkeit… ‚Justitia est caritas sapientis‘ – ‚Gerechtigkeit ist die Liebe des Weisen‘ – An dieser Formel der Jugend hat Leibniz… bis ins Greisenalter festgehalten.“5

Man muss sich klar machen, welch unüberbrückbarer Gegensatz zwischen Hobbes und Leibniz besteht, der sich daraus ableitet, dass Leibniz die menschlichen Handlungen nicht nur als vom egoistischen Eigennutzen bestimmt sieht. Leibniz erkennt, dass das Zusammenleben der Menschen nicht durch direktes Aufeinanderprallen der Eigeninteressen erklärbar ist, sondern dass die auf Gottes Güte bezogene Nächstenliebe notwendiger Bestandteil menschlichen Handelns ist. Denn der Mensch steht dem Menschen nicht nur als Konkurrent um Nahrung und Macht gegenüber, sondern er bezieht sich auf den Mitmenschen vermittelt durch Geschichte, Kultur und letztendlich der Wirkungen des gesamten Universums.

Thomas Hobbes seinerseits stellte die These auf: „Der Mensch ist für den Menschen ein Wolf“.6 Für Hobbes ist die Welt aus unsichtbaren Körpern zusammengesetzt, die sich nach ehernen Notwendigkeitsgesetzen von Abstoßung und Anziehung im leeren Raume bewegen und zu sichtbaren Komplexen verbinden und wieder auflösen. Der Mensch ist nur Körperwesen und alles Geistige wird auf Bewegungen des Leibes und dessen Stoffaustausch mit der Natur zurückgeführt: Nahrungsaufnahme und Ausscheidung, Einatmen und Ausatmen. Erkenntnis erfolgt durch Sinneseindrücke, d.h. Stöße von Teilchen, deren Impuls durch Nerven ins Gehirn weitergeleitet wird, wo Bilder der Dinge entstehen, die wiederum Reaktionsmuster für das Handeln sind – Computerprogrammen vergleichbar.

Entsprechend den mechanischen Anziehungs- und Abstoßungskräften hat der Mensch zwei Grundtriebe zur Selbsterhaltung: den Trieb zur Aneignung von Umwelt und den Trieb zur Vermeidung von Schädigungen des eigenen Lebens. In reiner Form ist das Besitztrieb und Todesfurcht. Nur sie bestimmen den „Kampf ums Dasein“.

„Nun ist aber der Krieg seiner eigenen Natur nach ewig, da er bei der Gleichheit der Streitenden durch keinen Sieg für immer beendet werden kann. Denn der Sieger bleibt weiter bedroht… Niemand wird einen solchen Krieg aller gegen alle… als etwas für ihn Gutes ansehen. Dadurch kommt es, dass man infolge gegenseitiger Furcht es für ratsam hält, aus einem solchen Zustand herauszutreten und Genossen zu suchen, damit, wenn Krieg sein muss, er doch nicht gegen alle und nicht ohne Hilfe geführt werde… Es ist ein Gebot der rechten Vernunft, den Frieden zu suchen, sobald eine Hoffnung auf denselben sich zeigt, und solange er nicht zu haben ist, sich nach Hilfe für den Krieg umzusehen. Dies ist das Gesetz der Natur.“7

Vernünftig ist es also, Mittel zu finden, das eigene Leben zu sichern ohne die beständige Bedrohung des Todes durch alle anderen: Hobbes‘ „vernünftige“ Lösung ist die Schaffung einer überindividuellen Person, einer „Körperschaft“, in der die einzelnen Menschen Atome sind. Innerhalb des Körpers herrscht Friede, weil jedes Glied eines solchen Körpers auf alle Rechte und seine Freiheit verzichten muss. Insbesondere muss jeder in dieser „Civil society“ das Recht aufgeben sich zu wehren, wenn er bedroht wird, und somit bedroht keiner keinen. Es liegt aber im vernünftigen Interesse jedes Gliedes dieser Körperschaft, diese möglichst zur alleinigen Supermacht zu machen, was wiederum den Staat berechtigt von seinen Bürgern Opfer zu verlangen, z.B. Steuerzahlung, öffentliche Leistungen, Militärdienst. Die so gebildeten leviathanischen Staaten führen nun „naturgemäß“ den „Krieg jeder gegen jeden“ auf höherer Ebene fort, bis theoretisch am Ende eine Supermacht übrigbleibt, in der die Friedhofsruhe der Unfreien herrscht.

Hobbes‘ Prämissen sind falsch, denn das Verhalten des Menschen ist nicht allein aus der abstoßenden Todesfurcht und dem anziehenden Selbsterhaltungstrieb erklärbar. Menschen, die für andere ihr Leben opfern, aber auch Selbstmord und Verkürzung des Lebens durch Drogen wären andernfalls nicht möglich. Und auch bei Reichtum und Macht ist der Gebrauch (im Sinne des Gemeinwesens) wesentlich, nicht der Besitz. Trotzdem verbreitete sich Hobbes‘  Menschenbild und wurde in die Naturwissenschaften zurücktransportiert.

Leibniz braucht für das Zusammenleben der Menschen kein Ungetüm8namens Leviathan. Da ihm die „Liebe zum anderen eine Lust“ ist, „die im Wohlergehen des anderen gründet“ ist, findet er darin auch die Grundlage der Politik und Gesellschaftsordnung. „Die wahre Politik“, schreibt Leibniz, „will das für uns Nützlichste. Dies ist aber zugleich das Gott Willkommenste: der Beitrag zur Vervollkommnung des Universums, der wiederum nur in der Steigerung unserer Macht und Weisheit besteht. In der Harmonie des Universums9 liegt der objektive Grund dafür, dass die höchste Steigerung von Weisheit und Macht in der gemeinschaftlichen Arbeit an Erkenntnis der Welt und Wohltun allein erreicht werden kann.“10

Das „nützlichste“ Verhalten des Menschen ist nicht „Selbsterhaltung“, sondern die „Vervollkommnung des Universums“. Denn der Mensch kann für sich allein nicht existieren, er ist größer als  er selbst und hat Verantwortung für seine Mitmenschen und seine Umgebung im weitesten Sinne. Er verwirklicht durch die Teilhabe an der Schöpfung seine Gottgleichheit, wie es schon Nikolaus von Kues ausdrückte.11 Noch schöner beschreibt Leibniz den Nutzen der „gemeinschaftlichen Arbeit an Erkenntnis der Welt“, wenn er sagt: „Die Schönheit der Natur ist so groß und deren Betrachtung hat solche Süßigkeit, auch das Licht und die guten Regungen, so daraus entstehen, haben so herrlichen Nutzen bereits in diesem Leben, dass wer sie gekostet, alle anderen Ergötzlichkeiten gering dagegen achtet!“12

Bereits diese wenigen Zitate aus Leibnizens frühen Schriften belegen Kurt Hubers These: „Die Rechtswissenschaft, Ethik und Theologie, Naturrechtsbestrebungen und praktische Politik – alles vereint sich in dem lebendigen Begriff der Gottesliebe als des letzten Grundes einer geistigen Weltharmonie. Nichts ist verkehrter, als Leibnizens philosophisches System einseitig aus der Logik oder der Naturwissenschaft ableiten zu wollen.“13

Man merkt, dass Hubers seine These sehr bedachtsam formuliert hat, denn er verbindet die scheinbar unüberwindliche Kluft zwischen Gottesliebe und Logik mit dem Begriff der Weltharmonie. Dieser Begriff läßt unmittelbar an Johannes Keplers Weltharmonik denken und tatsächlich stellt Huber Leibnizens Denken genau in diesen historischen Zusammenhang. Er verweist auf Leibnizens Studium bei Eberhard Weigel in Jena, unter dessen Einfluss Leibniz sich „mit Leidenschaft“ auf die „neueste pythagoreische Literatur“ wirft und der „große Kepler ihm mindestens schon ein lebendiger Begriff“ wird. Und dann folgt diese wesentliche Zusammenfassung14:

„Im Anfang war das Wort – Logos, Sohn, die geschaffene Welt ist Abbild der göttlichen Urvernunft.“ Nikolaus von Kues15 entwickelt eine tiefsinnige Metaphysik des Universums als „Spiegel der Gottheit“. Die „wahre“ Welt wird nicht in sinnlicher Anschauung, sondern in den gedanklichen Zeichen der „Zahl“ im allerweitesten Sinn erfasst. Mathesis ist die Zeichensprache der göttlichen Vernunft selbst. Eine tiefe Religiosität der ratio, der Vernunft, tut sich neben dem Offenbarungsglauben auf, bereit, ihn zu sprengen.16

Die Reformation hat, so sehr auch Luthers Werk ganz auf dem Offenbarungsglauben ruht, mit dessen Einschränkung auf das Bibelwort der Entwicklung jener rationalen Religiosität nur Vorschub geleistet. Schon in deren Schoße vollzieht Kepler eine durchgreifende Wendung: In seinem Werk geht der Pythagoreismus der Zahlenharmonie mit dem Individualismus der neueren Philosophie eine neue, höchst fruchtbare Bindung ein. Die Welt ist ein zahlenmäßig geordneter, harmonischer Zusammenhang aller wirklich existierenden Einzeldinge. Diese „monadologische Struktur“ der Wirklichkeit – wie wir vorgreifend sagen wollen – und die universale Gesetzlichkeit ihrer Ordnung und ihres Zusammenhangs sind zwei weltanschauliche Voraussetzungen des „modernen“ Pythagoreismus… Leibniz wird gerade der Vollender, Zuendedenker eines auf beiden Gedanken als Grundfesten sich aufbauenden Systems… Das wirkliche Einzelding steht mit allen anderen Einzeldingen des Universums in lebendigen, charakteristischem Zusammenhang. Es ist so in seiner Art, von seiner Stelle aus ein Ausdruck des gesamten Universums. Dieser Gedanke der Repräsentation dese Universums in jedem Einzelding ist einer der kühnsten, der fruchtbarsten Gedanken deutscher pythagoreischer Weltspekulation…

Die Methode der Erarbeitung dieses universellen Zusammenhangs ist… die echt mathematische Methode der klassischen antiken Geometrie: die Euklidische Methode der Analysis und Synthesis. Das heißt…. in der Logik: Zerlegung all unserer Begriffe in eine endliche Anzahl letzter Stammbegriffe unseres Verstandes und Aufbau all unseres Wissens aus einer gesetzlichen Verbindung, Kombination dieser Elementarbegriffe. Begreiflich, dass diese weiteste Fassung des Problems der Logik die Mathematik irgendwie in sich schließen muss wie jede andre Wissenschaft. Die in solcher Weise verstandene Logik wird zur Universalwissenschaft.“

Huber spannt eine Brücke zwischen Gottesliebe und Logik. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Leibniz die Logik viel grundlegender und umfassender verstanden hat, als es heute üblich ist. Die aus Leibnizens Weltbild notwendig folgende universelle Aufgabe der Logik wird heute nicht mehr gesehen. Logik wird deshalb zur „mathematischen Logik“ verkürzt, d.h. die Logik wird als Teil der Mathematik betrachtet, anstatt als Grundlage der Mathematik und aller anderen Wissenschaften. Diese Verkürzung der Logik würde Leibniz nicht akzeptieren.

In cusanisch-keplerscher Tradition stehend, muss Leibniz die Aufgabe der Logik vom Standpunkt der fruchtbaren Teilhabe des Menschen an der universellen Schöpfung sehen. Sie muss vor allem dazu beitragen, immer wirkungsvoller „geistig Seiendes in Angleichung an das dinglich Seiende“ zu entfalten und so die dem Menschen eigene „Kunst des Erfindens“ befördern.

„Kann der Mensch das Universum erkennen?“ „Wenn ja, auf welche Weise kann er das?“ „Kann der Mensch in diesem Universum frei handeln?“ Die Antworten auf diese Fragen fallen, je nach dem Menschenbild, ganz verschieden aus.

Damit der Mensch überhaupt existieren kann, muss er als wirkliches Individuum existieren. Nicht nur als etwas vom Universum abgeleitetes17, dessen Existenz lediglich eine Zusammenfassung vieler einzelner Erscheinungen ist: Vergleichbar einer auf eine Filmleinwand geworfenen Figur, die durch schnell aufeinanderfolgende Bilder eines universellen Projektors erzeugt wird. Leibniz geht von der wirklichen Existenz des Individuums aus. Kurt Huber sieht sogar schon in Leibnizens Frühschrift „De principio individui“, mit der dieser 1663 den Baccalaureus erwarb, den Keim seiner späteren Monadologie, da für Leibniz „jedes Individuum durch sein ganzes Wesen zum Individuum“ wird und „ein inneres, qualitatives Moment das Individuum als unwiederholbar Einmaliges charakterisiert“.18

Andererseits muss der Mensch in einem realen Zusammenhang zum Universum stehen, denn wenn er als selbstevidentes Atom bestehen würde, welches nur mit seiner unmittelbaren Umgebung in Kontakt gerät, wäre alles Tun zufällig und keine universeller Zusammenhang möglich. Ohne diesen erkennbaren Zusammenhang, ist freies Handeln unmöglich und es kann höchstens die Illusion der Freiheit bestehen.19 Wirkliche Freiheit setzt notwendig die Möglichkeit der Beeinflussung des Universums durch eigene Handlungen in die gewollte Richtung voraus. Das ist sowohl einem nur aus der Gesamtheit abgeleiteten Individuum als auch einem Atom prinzipiell nicht möglich.

Eine leibnizsche Monade hingegen trägt das gesamte Universum in sich und umgekehrt hängt das Universum derart zusammen, dass jede geringste lokale Veränderung auch globale Konsequenzen hat. Selbst Gott, sagt Leibniz, kann nicht ein Detail willkürlich ändern, ohne an die Folgen dieser Veränderung im gesamten Universum gebunden zu sein. Im Unterschied zu uns Menschen überblickt Gott jederzeit das gesamte Universum, während wir endlichen Menschen das Universum zwar potentiell erkennen können, aber tatsächlich immer nur einen Ausschnitt der Wahrheit sehen, der von unserem individuellen Standpunkt abhängt. So ist das, was uns zu Individuen macht und auf ganz einmalige Weise von allen anderen Wesen und Individuen unterscheidet, gleichzeitig unsere Begrenztheit,20 und wir sehen die eine Wahrheit nur so, wie man eine große Stadt aus verschiedenen Perspektiven ganz unterschiedlich sieht.

Aufgrund der inneren qualitativen Begründung des Individuums und des universellen Zusammenhangs folgt, dass jedes Individuum einzigartig sein muss. Zwei völlig gleiche Individuen sind undenkbar, sie könnten nicht unterschieden werden und wären somit identisch. Für den, der „in Atomen denkt“, ist das vielleicht erstaunlich, denn da Atomen der Bezug zum Universum fehlt und sie nicht die innere Qualität von Monaden haben, ist eine völlige Gleichheit an verschiedenen Orten denkbar. Warum sollten sie nicht zufällig gleich sein? Gegenfrage: Sind die überhaupt?

Auch der Begriff der Kontinuität entspringt unmittelbar aus diesem Bild des Individuums im Universum. Leibnizens Kontinuitätsprinzip ist nicht aus der Mathematik abgeleitet, sondern liegt dieser, wie auch die gesamte Logik, zugrunde. Die mathematische Bedeutung des Wortes Kontinuität muss folglich mit dieser tiefergehenden Konzeption in Einklang gebracht werden und es darf nicht umgekehrt ein mathematisch beschränkter Begriff in unerlaubter Weise verallgemeinert werden.

Leibniz sagt and verschiedenen Stellen ganz ausdrücklich, dass Kontinuität ein allgemeines Prinzip ist, dass nicht nur in der Mathematik und der Physik „von Nutzen“ ist, also nicht aus diesen Naturwissenschaften kommt, sondern dort nur angewandt wird. Und er beginnt seinen Aufsatz „Über das Kontinuitätsprinzip“21 mit der Feststellung, dass das „Prinzip der allgemeinen Ordnung“, d.h. der harmonische Zusammenhang des Universums, sich „auch in der Physik“ bewährt hat, „da die höchste Weisheit, die der Quell der Dinge ist, die vollkommenste Geometrie ausübt und eine Harmonie beobachtet, an deren Schönheit nichts heranreicht.“ Aus dieser Harmonie leitet Leibniz nun direkt das Kontinuitätsprinzip ab, welches er ganz allgemein folgendermaßen formuliert: „Einer geregelten Ordnung im Gegebenen entspricht eine geregelte Ordnung im Gesuchten.“ Darunter kann man eine sogenannte kontinuierliche Funktion verstehen, bei der sich die gesuchten unbekannten Größen (die y-Werte) kontinuierlich verändern, wenn die gegebenen Daten (die x-Werte) das gleiche tun. Viel wichtiger ist für Leibniz, dass diese Funktion selbst Ausdruck einer schöpferisch erkennbaren Harmonie ist. Woher kommt diese Funktion? Was ist diese Funktion bei den Kegelschnitten, welche Leibniz nun als erstes Beispiel für sein Kontinuitätsprinzip anführt? Die Kegelschnitte, welche solche qualitativ unterschiedliche Dinge wie Graden, Kreise, Ellipsen, Hyperbeln und Parabeln umfassen, lassen sich als kontinuierlicher Prozeß erklären durch… Ja durch was? Doch wohl durch die schöpferisch-synthetische Idee, sie alle gemeinsam als Schnitte der Ebene mit dem Kegel zu erklären. Für Leibniz ist es mit der Kontinuität (der schöpferisch-synthetische Ideenfunktion) vollkommen vereinbar, dass bei der Rotation der Ebenen durch den Kegel plötzliche „Quantensprünge“ auftreten und die gesuchten y-Werte vom Kreis in qualitativ verschiedene Ellipsen übergehen und dann zu Parabeln und Hyperbeln oder Geraden „springen“. Die Diskontinuität des zufälligen Nebeneinanders von Gerade, Kreis, Ellipse, Hyperbel und Parabel wird durch die Idee des Kegelschnitts aufgehoben, wenn man die „große Stadt“ von diesem Blickpunkt aus sehen kann.

Zum Ende des Artikels sagt Leibniz: „So kann ein Fünkchen, dass in eine gewaltige Pulvermasse fällt, eine ganze Stadt zerstören.“ Eine mikroskopische Ursache kann eine makroskopische Wirkung haben. Diese stehe „in keinem Widerspruch zu unserem Prinzip“, denn mit dem Kontinuitätsprinzip werde eigentlich zum Ausdruck gebracht, dass die Natur „als das Produkt einer unendlichen Weisheit erscheint“. Alle, die immer noch meinen, Kontinuität sei primär ein mathematisch-physikalisch zu definierender Begriff, sollten sich die Frage beantworten, warum Leibniz seinen Aufsatz „Über die Kontinuität“ mit dem folgenden Sokrates-Zitat beendet:

„Güte und Schönheit sind nichts Willkürliches… Vielmehr leiten sich gerade die Hauptsätze der Physik aus dem Begriff einer geistigen Ursache ab. Vortrefflich hat dies schon Sokrates in Platos Phaedo bemerkt, indem er gegen den Anaxagoras und die übrigen, allzu materialistischen Philosophen zu Felde zieht… Wo zu zeigen wäre, dass der Geist alles aufs beste ordnet, und dass er der Grund aller Dinge ist, deren Hervorbringung er seinem Plane gemäß beschließt, greifen sie lieber zu Bewegung und zum Stoß der rohen Körper, indem sie die bloßen Bedingungen und Werkzeuge mit der wahren Ursache verwechseln. Das ist – sagt Sokrates – wie wenn einer Rechenschaft davon geben wollte, dass ich hier im Gefängnisse sitze und den verhängnisvollen Kelch erwarte, statt, wie ich gekonnt hätte, zu den Böotiern oder anderswohin zu flüchten – und er dann sagte, dies geschehe darum, weil ich Knochen, Bänder und Muskeln hätte und dieses so gestreckt wären, wie es zum Sitzen erforderlich ist. Jene Knochen und Muskeln aber wären wahrhaftig nicht hier, noch würdet ihr mich hier sitzen sehen, hätte nicht der Geist das Urteil gefällt, es sei des Sokrates würdiger, den Gesetzen zu gehorchen.“

Leibniz fährt fort:

„Ich leugne indessen nicht, dass die Naturvorgänge, nachdem die Prinzipien einmal festgestellt, nach den Regeln der mathematischen Mechanik erklärt werden können und müssen; vorausgesetzt nur, dass die bewundernswürdigen Zwecke der ordnenden Vorsehung darüber nicht vergessen. Die Prinzipien der Physik aber und somit auch die der Mechanik können selbst nicht weiter aus Gesetzen von mathematischer Notwendigkeit abgeleitet werden, sondern bedürfen zu ihrer Begründung letztlich des Hinweises auf die höchste Intelligenz: hierin liegt die echte Versöhnung zwischen Glauben und Vernunft.“

Dieses Zitat schreibt Kurz Huber ins das Manuskript seiner Leibniz-Biographie, während er selbst im Gefängnis auf seine Hinrichtung durch die Nazis warten muss.

Anmerkungen

1  Hermine Maier besuchte in den 30er Jahren die Vorlesungen  Professor Hubers. Sie beschreibt, wie er die Studenten bei der Suche nach wissenschaftlicher Wahrheit die rigorose Denkmethode Leibnizens durchleben ließ, und sie sagt: „In diesem Sinne mag man in Kurt Hubers Persönlichkeit auch mit Recht den geistigen Urheber des Münchener Studentenaufstandes erblicken“. In Kurt Huber zum Gedächtnis, Bildnis eines Menschen, Denkers und Forschers, Verlag Josef Habbel, Regensburg, 1947, Seite 85.

2 Kurt Huber, Leibniz, Seite 323.

3 Ich vermute, dass dieses eine originäre Entdeckung Hubers ist. Immerhin ist Hubers Biografie (nach der von Guhrauer von 1842) erst die zweite, welche den Entwicklungsgang der Leibnizschen Konzepte umfassend beschreibt. Warum diese Entdeckung wichtig ist, wird hoffentlich im Verlauf meines Artikels noch klarer werden.

4 Kurt Huber, Leibniz, Seite 42.

5 Kurt Huber, Leibniz, Seite 40f.

6 „Homo homini lupus“, in De Cive (1647) Über den Bürger im dritten Teil seiner Elemente der Philosophie.

7 Hobbes, Grundzüge der Philosophie, 3. Teil „Vom Bürger“, Ausgabe Phil. Bibl. Meiner 158, Leipzig, Seite 84f.

8 In der Bibel (z.B. Hiob) kommt Leviathan als gewaltiges Ungeheuer vor.

9 Die dem menschlichen Denken kohärente und deshalb von ihm erkennbare Schöpfungsordnung. Siehe Johannes Keplers Weltharmonik.

10 Zitiert nach Kurt Huber, Leibniz, Seite 58.

11 Das Universum ist „Spiegel der Gottheit“ und, so sieht es der Cusaner, genau wie „Gott der Schöpfer des wirklich Seienden und der natürlichen Formen“ ist, so ist der „Mensch Schöpfer des gedanklich Seienden und der künstlichen Formen“. Diese vom Menschen geschaffenen künstlichen Formen sind „Ähnlichkeiten des menschlichen Geistes, so wie die Geschöpfe Ähnlichkeiten des göttlichen Geistes“ sind. Auf diese Weise ist der Mensch Gott gleich.

12 Aus einem deutschen Fragment Lessings, zitiert nach Kurt Huber, Leibniz, Seite 113.

13 Kurt Huber, Leibniz, Seite 60.

14 Kurt Huber, Leibniz, Seite 22f.

15 Nikolaus von Kues in De coniecturis: „Kraft seiner erhabenen Ähnlichkeit mit Gott nämlich nimmt der Geist des Menschen teil – soweit das möglich ist – an der Fruchtbarkeit schöpferischer Natur und bringt aus sich selbst, nach dem Bilde der allmächtigen Formkraft, geistig Seiendes in Angleichung an das dinglich Seiende hervor.“

16 Für Kepler ist die Erforschung des Universums Gottesdienst, da wir den Schöpfer in seinem Universum erkennen. Wir Menschen können das, weil Gott nur den Gesetzen der Geometrie entsprechend schöpfen konnte.

17 Siehe Spinozismus und Holismus.

18 Kurt Huber kommentiert: „In diesem Gedanken erfüllt sich erst der echte qualitative Individualismus, der zu einer ‚Monadenlehre‘ führen kann.“

19 Wenn in einer Demokratie die Bürger durch die Medien belogen und verdummt werden, so dass sie die wirklichen politischen Zusammenhänge nicht verstehen, dann herrscht keine Freiheit, da politisches Handeln unmöglich wird. Auch sind Bürger, die sich selbst als Atome verstehen, welche prinzipiell nur lokal wirksam sein können und sich für die „großen Dinge“ erst gar nicht interessieren, unfrei.

20 Es gibt immer noch etwas Anderes außerhalb unserer individuellen Begrenztheit. Nur Gottes vollkommenes Wesen umschließt alles. Nikolaus von Kues sprach deshalb von Gott als dem Nichtanderen.

22 Zitiert nach G.W. Leibniz, Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie, Felix Meiner Verlag.

Foto: Wikipedia

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