Was die Welt im Innersten zusammenhält

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Die Bibliothek des verloren gegangenen Wissens zeigt Johannes Keplers Bedeutung für die Zukunft der Wissenschaft.

von Ralf Schauerhammer

kepler-krafft1Johannes Kepler war ein genialer Mensch, und ein sehr liebenswerter dazu. Er war seiner Zeit um Jahrhunderte voraus. Er ist der Begründer der modernen Astronomie, und mit ihm beginnt eigentlich erst die modere Naturwissenschaft. Mehr noch! Keplers Denken verfügt über eine Tiefe und einen Reichtum, der weit über dem Standard der heutigen natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen liegt. Deshalb hat Kepler uns „Modernen“ etwas zu sagen.


Wer Kepler nicht nur als Vorläufer von Newton sieht oder ihn als mystisch angehauchten Neoplatoniker abtut, wer wirklich erkunden will, was es mit Keplers „harmonikalem Weltbild“ auf sich hat, der wird durch viele schöne Ideen belohnt, unter anderem durch solche, die Wege zeigen, wie die heute in viele Fachbereiche zersplitterte Forschung fruchtbar zusammengeführt werden kann. Daher ist es erfreulich, daß im Rahmen der Bibliothek des verloren gegangenen Wissens zwei Bücher mit den wesentlichen Werken Keplers erschienen sind, welche es jedem ermöglichen, die Gedanken Keplers gründlich zu studieren, und das auch noch zu einem erfreulich günstigen Preis. Der Herausgeber ist der international anerkannte Keplerspezialist Fritz Krafft.

Das Ziel der Bibliothek des verloren gegangenen Wissens beschreibt Fritz Krafft folgendermaßen: „Die in der Neuzeit zunehmend rigoroseren Reduktionismen der Erfahrungswissenschaften“ führen letztendlich zu einer „Zersplitterung der ursprünglich einheitlichen Naturwissenschaft“. Inzwischen wird „die Notwendigkeit einer Umkehr dieser Entwicklungstendenz… immer deutlicher gesehen“. Und genau dabei leistet die Beschäftigung mit Kepler wertvolle Dienste.

Krafft charakterisiert das Problem folgendermaßen: „Der von Karl Raimund Popper in Anlehnung an David Hume als irrational deklarierte Erkenntnisvorgang tritt dabei völlig hinter die vorwiegend rationalen Prozessen unterworfene Rechtfertigung zurück – und entsprechend blickt ein Naturwissenschaftler auf die Geschichte seiner Disziplin in der Regel auch >teleologisch< zurück: Er prüft die historischen Fakten aus der Sicht der modernen Naturwissenschaft auf ihre Tauglichkeit hin, als Vorstufen gegenwärtigen, bestätigten Wissens gelten zu können…“ Das ist für die weitere Entwicklung der Wissenschaft lähmend, denn „dadurch geht dann aber auch das ungeheure Wissen, das dem Innovationsprozeß als unabdingbare Voraussetzung ursprünglich zugrunde lag, verloren.“ Durch die Beschäftigung mit dem auf solche Weise verloren gegangenen Wissen, kann „die Naturwissenschaft wieder Bestandteil der Kulturgeschichte“ werden und schöpferische Kraft gewinnen.

Um dem Leser die Vereinnahmung Keplers in das System „gegenwärtigen, bestätigten Wissens“ möglichst zu erschweren, nimmt Fritz Krafft neben den drei „klassischen“ Schriften Weltgeheimnis, Neue Astronomie und Weltharmonik auch Keplers astrologische Schrift Tertius interveniens in die Sammlung mit auf. In dieser Schrift tritt Kepler 1610 als „Dritter“ zwischen Helisäus Röslin, einem Befürworter der traditionellen Astrologie und den Gegner aller Astrologie, Philipp Freselius, welche beide 1609 ihre Position schriftlich kundgetan hatten. Kepler wendet sich sowohl gegen die okkulte Astrologie, weil sie die Freiheit und Verantwortung des Menschen negiert, als auch gegen die generelle Ablehnung der Astrologie und damit jegliche universelle Einflüsse auf den Menschen, weil man damit „das Kind mit dem Bade ausschütte“. Kepler behandelt hingegen die Astrologie, welche damals Gebiete einschloß, die wir heutzutage zur Psychologie, Soziologie, Volkswirtschaft und Meteorologie zählen, mit der gleichen wissenschaftlichen Strenge, mit der er die Astronomie revolutionierte.

Die beiden Bücher wurden vom Herausgeber mit ausgezeichneten Einleitungen versehen. Im folgenden möchte ich kurz auf die zur Neuen Astronomie – Die neue, ursächlich begründete Astronomie eingehen. Fritz Krafft geht in drei Schritten vor, zuerst entwickelt er die Biographie Johannes Keplers im „Kontext seiner Zeit“, dann gibt er eine Zusammenfassung der „vorkeplersche Astronomie“, welche so kurz, umfassend und gut ist, daß sie allein schon die Anschaffung des Buches lohnt, um darauf aufbauend das Wesentliche von Keplers „neuer Astronomie“ zu schildern.

kepler-krafft2Wenn man Keplers Denkweise verstehen will, ist die Beschäftigung mit seiner „geistigen“ Biographie und seiner Denkweise unumgänglich. Keplers Leben „ist stark geprägt durch die konfessionellen Auseinandersetzungen des 16. und 17. Jahrhunderts, die schon im Vorfeld des großen Dreißigjährigen Krieges besonders den süddeutschen und österreichischen Raum in Mitleidenschaft gezogen hatten“. Kepler verhält sich in dieser Situation, in der das konfessionelle „Parteibuch“ nicht nur über Karriere und leibliches Wohlergehen, sondern oft über Leben und Tod entschied, als völlig autonomer und selbstbewußter Mensch, der nur seinem Wissen und Gewissen folgt. Er ist katholisch getauft, aber protestantisch erzogenen worden und wurde „insbesondere durch die natürliche Theologie Jakob Heerbands“ beeinflußt.

Sein Lehrer Michel Mästlin führte ihn in „die neue mathematische Astronomie des Nicolaus Copernicus“ ein. Während Mästlin diese „ketzerischen“ Argumente nie öffentlich vortrug, fühlte sich sein Schüler Kepler „berufen, die Richtigkeit der ihm wegen der größeren ,mathematischen‘ Ökonomie als Schöpfung plausibler erscheinenden Heliozentrik ,metaphysisch‘, wie er sagte, das heißt physikalisch zu beweisen.“

Kepler „hatte schon in den Seminaren nichts unhinterfragt hingenommen – weder im Bereich der Astronomie,… noch im Bereich der Theologie. Ihn hatten die lauten Warnungen vor der kalvinistischen Irrlehre geradezu zum Studium der Lehrmeinung aller drei Konfessionen gereizt; und es war neben Bibelworten gerade seine Kenntnis der aristotelischen Philosophie und Physik, die ihn daraufhin nach und nach die lutherisch-orthodoxe Ubiquitätslehre von der Realexistenz von Christi Fleisch und Blut im Abendmahl ablehnen ließ zugunsten der kalvinistischen Christologie. Hiernach gilt die Abendmahlsfeier mehr als eine Erinnerungsfeier zur Bestätigung des Glaubens… Kepler knüpfte damit an altkirchliche und jesuitische Traditionen an… Aber auch die entscheidenden Lehraussagen des Kalvinismus und des Katholizismus waren ihm entschieden zuwider. In ersterem war es vor allem die Prädestination, die ihm Gottes Absicht mit der Erschaffung des freien Menschen völlig verkehrte, im Katholizismus waren es unter anderem die Heiligenverehrung, das Papsttum und die Heilsstruktur der Kirche, die ihm mit christlichem Denken nicht vereinbar waren.“

Kepler „stellte sich so zeit seines Lebens als Christ und als Theologe zwischen alle kirchlichen und theologischen Fronten, verstand sich gegenüber den einzelnen Konfessionen aber als Christ und… stets als Mitglied der einen, der in diesem Sinne ,katholischen‘ Kirche.“ Er wurde daher „Opfer der Konfessionsstreitigkeiten, die ihn schließlich de jure und de facto aus den damaligen Kirchen ausschlossen… Er nahm seine Zuflucht so einerseits in antiken Denkmöglichkeiten, speziell im Platonismus, andererseits… in den Aussagen der Heiligen Schrift selbst“. Vor allem aber, und hier folgte er der „natürlichen Theologie“, sah er „die Möglichkeit, Gott… auch aus dem ,Buch der Natur‘ zu erkennen… Gott wolle über die mathematischen Inhalte aus dem Buch der Natur erkannt werden.“ Vor allem sah Kepler den „Beweis der Ebenbildlichkeit“ des Menschen mit Gott in der „Gabe des menschlichen Intellekts“, der das Universum durch „die geometrisch-harmonische Ordnung, den ,Widerschein aus dem Geiste Gottes'“ erfassen kann.

Die Beschäftigung mit dieser Denkweise ist nicht nur die Voraussetzung für das Verständnis von Keplers Werken, sondern auch hilfreich für jeden, der ernsthaft darüber nachdenkt, wie eine Entwicklung möglich ist, welche die „Zersplitterung der ursprünglich einheitlichen Naturwissenschaft“ wieder „umkehren“ kann. Es wird niemals durch von „außen“ kommende, „interdisziplinäre“ Anstrengungen gelingen, den zentrifugalen Tendenzen entgegenzuwirken, sondern nur durch eine innere Denkkultur, welche das schöpferische Denken selbst wieder zum „innersten“ Bestandteil und Anliegen der Naturwissenschaft macht, und dadurch die Naturwissenschaft selbst verändert – oder wie Schiller sagt, „zum Kunstwerk adelt“. Hierin liegt der fruchtbare Ansatz, den Keplers „harmonikales“ Denken uns heute noch bietet.

Am Ende der Einleitung würdigt Fritz Krafft Kepler als den Begründer einer modernen empirischen Wissenschaft und beschreibt, wie die Beschränkung der Naturwissenschaft auf die „reduktionistische Methodik“ Galileis und Newtons den Erklärungsumfang der Naturwissenschaft nach Kepler schrumpfen ließ. Das „verbindende und Erkenntnis und sinnliche Erfahrbarkeit gewährleistende Band bildete für Kepler die apriorische und in gewissem Sinne vorgöttliche Geometrie. Mit dieser bewußten Synthese war aber gleichzeitig unter dem Eindruck der Meßtechnik Brahes, deren Rechtfertigung die Optik begründete, die Genauigkeit der auf geometrischen Gesetzen beruhenden optischen Erfahrung gewährleistet und erkenntnistheoretisch begründet. Apriorische Ursachen und a posteriori gewonnene Empirie mußten jetzt übereinstimmen. – Zumindest die Astronomie war damit sowohl eine quantitative als auch eine empirische Naturwissenschaft geworden, und die Neuzeit hatte die ihr spezifische Auffassung von den Aufgaben und Methoden einer exakten Naturwissenschaft erhalten.“

„Die Frage nach dem ,Wie‘ (wie groß, wie schnell, wie weit usw.), der seine sogenannten Gesetze der Planetenbewegung folgen, war für Kepler allerdings nie Selbstzweck gewesen – darin unterschied er sich wesentlich von Galileo Galilei, der deshalb für Keplers Denkweise auch kein Verständnis fand, vielmehr mit seiner Bescheidung auf das ,Wie‘ den Weg zu Isaac Newtons reduktionistischer Methodik wies. Die Einsicht in den Ablauf einer Bewegung war Kepler stets Mittel zum eigentlichen Zweck gewesen, zur Frage nach dem ,Warum‘ (oder gar ,Wozu‘), zur Erkenntnis der Ursachen und deren Begründung im Schöpfungsplan, dessen Erkenntnis und Nachvollzug der Gotteserkenntnis und dem Lobpreis des Schöpfers diene. Seine… Astronomie und Wissenschaft erhielt daraufhin einen auch in der Folgezeit nie wieder erreichten Erklärungsumfang nicht nur für die Kosmologie des Sonnensystems; und sie war wissenschaftstheoretisch erstmals abgesichert – und auch für moderne Maßstäbe erstaunlich prognosefähig.“

Angaben zu den erwähnten Büchern:

Johannes Kepler
Was die Welt im Innersten zusammenhält
Antworten aus Keplers Schriften

Mit einer Einleitung, Erläuterungen und Glossar herausgegeben von Fritz Krafft
ISBN: 3-86539-015-3, (12,95 Euro), Marixverlag

Das Buch enthält die Schriften:
Weltgeheimnis / Mysterium cosmographicum
Dritter, der dazwischen tritt / Tertius
interveniens
Weltharmonik / Harmonice mundi

Johannes Kepler
Astronomia Nova
Neue, ursächlich begründete Astronomie

In der Übertragung von Max Caspar
Herausgegeben und eingeleitet von Fritz Krafft
ISBN: 3-86539-014-3, (25,00 Euro) Marixverlag

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