Das wahre Polen setzt auf die Freundschaft mit Deutschland

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Lech Kaczynski Es ist schwer, in diesen Tagen eine differenzierte Sichtweise der politischen Ereignisse in Polen zu entwickeln. Genau dies aber haben viele polnische Freunde in den letzten Tagen und Wochen von uns erwartet und gefordert. Sie sind selbst entsetzt über die Politik der Zwillingsbrüder Kaczynski, gleichzeitig aber schmerzt sie als polnische Patrioten der bissig-gehässige, manchmal schadenfrohe Ton in deutschen und europäischen Medien, in denen häufig nicht mehr zwischen der gegenwärtigen Regierung und der polnischen Gesellschaft und seiner Geschichte differenziert wird. Diese polnischen Freunde wünschen sehnlichst die Überwindung der Isolation Polens in Europa – und deshalb ist der folgende Artikel etwas anders als die momentan übliche Polen-Schelte. Er will helfen, die polnischen Befindlichkeiten zu verstehen und Wege aufzeigen, wie gerade die Erfolgsgeschichte der deutsch-polnischen Versöhnung das Terrain dafür abgeben könnte, Polen wie schon in den 80er Jahren einen Schub der gesellschaftlichen Veränderung zu geben, der diesmal nicht aus Mitleid und Solidarität, sondern aus Achtung vor der polnischen Nation gespeist wird. Dabei sollen aber auch die Entgleisungen der jetzigen Regierung nicht schöngeredet werden.
Von Frank Hahn


Die Ereignisse auf dem EU-Gipfel Ende Juni sind uns allen noch präsent. Polen hat sich innerhalb Europas gründlich diskreditiert, meinen wir. Aber hier beginnt bereits das Problem differenzierter Berichterstattung. In Polen selbst wurde das harte Vorgehen der Kaczynskis vom ganzen Parlament gebilligt, und innerhalb der Bevölkerung erntete Kaczynski ebenfalls Zuspruch dafür, dass er es „denen in Brüssel einmal gezeigt habe“ – solche Emotionen beschränken sich keineswegs nur auf die „Mohair-Tanten“. Sie wissen nicht, was „Mohair-Tanten“ sind? Nun, es gibt diese charakteristische Kopfbedeckung, diese altmodischen Damenhüte aus Mohair, die noch fast 20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus von einer bestimmten Schicht „standesbewusster“, wenngleich eher durchschnittlich gebildeter, eher bigotter als gläubiger, religiös und national fanatischer Frauen zwischen 50 und 70 Jahren getragen werden. Dieses Phänomen beschränkt sich bekanntlich nicht auf Polen – aber die regierende PiS-Partei wird eben manchmal polemisch als Partei der „Mohair-Tanten“ tituliert, um die Mischung aus einer gewissen Rückständigkeit, Einfalt und Fanatismus zu charakterisieren, welche die Basis der Regierungspartei prägt. Aber wie gesagt: dieses Mal waren es nicht nur die Moher-Tanten, die Kaczynskis Brüsseler Auftritt begrüßten – die Zustimmung reichte hinein ins Lager der Intellektuellen.

 

Historische Reminiszenzen: Polen in der doppelten Rolle des Märtyrers und Messias

Sind also „die Polen“ doch alle etwas national-chauvinistisch, die tief im Herzen die Deutschen hassen ? Keineswegs – aber ohne eine Portion Nationalstolz hätte Polen sich vermutlich bis heute nicht aus der 130-jährigen Periode der Teilung, Unterdrückung und staatlichen Nicht-Existenz befreit. Dieser Nationalstolz ist bis heute ungebrochen, auch in der jüngeren Generation – gerade die jungen Polen sollten jedoch auch die Frage stellen, worauf man eigentlich stolz ist. Es gibt gute Gründe, die Leistungen der polnischen Nation hochzuschätzen, aber der polnische Patriotismus hat sich in den letzten 200 Jahren durch zwei extreme Pole ausgezeichnet: Messianismus und Märtyrertum.

Die Reaktion der klassischen und romantischen polnischen Dichtung im 19. Jahrhundert wandelte Polens Märtyrerrolle in eine messianische Vision der Rolle Polens in Europa und der Welt um. Dieses Reaktionsmuster wird jetzt auf der politischen Ebene rekativiert und nennt sich das Projekt der „Geschichtspolitik“. Unter dem Motto einer „moralischen Revolution“ wird vom politischen Lager der Kaczynskis die „Geschichtslosigkeit“ der Solidarnosc-Anhänger wie der Post-Kommunisten gleichermaßen als Ursache für den Verlust der „Werte“ beklagt. Dem stellen gewisse polnische Historiker nun quasi als „patriotischen Kitt“ den romantischen Messianismus des 19. Jahrhunderts und die Ideen der Nationaldemokraten aus der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg entgegen. Als historische Pointe des Messianismus wird der Kampf der „Heimatarmee“ gegen die deutschen Besatzer im Jahre 1944 gefeiert – ein sicher heroischer , wenngleich aussichtsloser Aufstand der Polen in einer spezifischen historischen Situation. Aus polnischer Sicht hat diese spezifische Situation immer existiert – nämlich zwischen der deutschen und russischen Übermacht, und manchmal zwischen deutschen und russischen Diktatoren und Besatzern eingekesselt und erdrückt zu werden. Das Beispiel der Heimatarmee 1944 wird symbolisch in die messianische Rolle Polens als Vorhut im Kampf gegen Fremdherrschaft, Diktatur und Versklavung erhöht.

Dass der Warschauer Aufstand und die Erinnerung daran für Polen von psychologisch existentieller Bedeutung war, wird nach dem Trauma der Nazi-Besatzung niemand leugnen wollen. Und das Gedenken an die Helden des Warschauer Aufstands zu pflegen, sollte über Polen hinaus ein europäisches Anliegen sein. Aber es existiert eben – wie immer in solchen Fällen – auch die Gefahr der Instrumentalisierung selbst der edelsten geschichtlichen Taten.

Und die Verklärung zum polnischen Doppel-Mythos von Messias und Märtyrer kann leicht dazu führen, dass Menschen in politischer Verantwortung daraus ein höheres „moralisches Recht“ Polens ableiten, das in der Praxis zu einem typischen Freund-Feind-Denken führt, und zwar sowohl nach innen wie nach außen. Die Doppelrolle „Märtyrer-Messias“ nährt pathologische, paranoische Verhaltensmuster: Wir erleben Überreaktionen gegen angebliche „Feinde“, von denen einige einmal Freunde waren; die misstrauische Angst gegen die eigene Umgebung zieht schließlich – auch das ist ein typisches Muster – eine „Kulturrevolution“ nach sich, in dem die Jungen im Kampf gegen mißliebige Konkurrenten der mittleren und älteren Generation instrumentalisiert werden.

Das Kaczynski-Regime als polnische Variante der McCarthy-Ära?

Mit diesen Elementen ist die politisch-psychologische Befindlichkeit der Kaczynskis und ihres Anhangs ziemlich genau beschrieben. Es ist die permanente Angst vor Verrat und Versagen, die häufig das Motiv autokratischer – bis hin zu faschistischen – Regierungsformen sind. Das Polen der Kaczynskis ist dennoch keine Diktatur, sondern reflektiert vor allem die psychologische Schwäche der Regierenden, die sich durch Einschüchterungskampagnen gegen vermeintliche „Gegner der gerechten Sache“ eine fragwürdige Autorität verschaffen wollen.

So wurde z.B. kürzlich der berühmteste Herz-Transplantologe Polens während seines Dienstes von einer schwer bewaffneten Sondereinheit der Polizei überrumpelt, zu Boden geworfen, ihm wurden unter Anwendung massiver Gewalt Handschellen angelegt, und die Fernsehkameras brachten es in jedes polnische Wohnzimmer, wie hier einer der renommiertesten Mediziner des Landes quasi als Schwerverbrecher oder Terrorist behandelt wurde. Der gegen ihn erhobene Vorwurf lautet auf Korruption, er habe angeblich Geld und Geschenke von Patienten angenommen, damit diese schneller einen Operationstermin bekämen. Was immer an diesen Vorwürfen stimmen mag oder nicht – Tatsache ist, dass er unzähligen Menschen das Leben gerettet hat, von denen einige sofort anfingen, Geld zu sammeln, um seine Freilassung auf Kaution zu bewirken. In eine andere Klinik in Warschau brachen um 7.00 Uhr morgens ein Duzend Polizisten ein und verhafteten einen bekannten Arzt, der gerade seinen Nachtdienst beendete. Vorwurf: Er habe Schmiergelder von Patienten angenommen

Selbst die eigenen Reihen werden inzwischen rigoros „gesäubert“. So hat letzte Woche der Vizepräsident der regierenden PiS-Partei, Pawel Zalewski, kurzerhand alle Parteiämter sowie den Vorsitz im Auswärtigen Ausschuß des Sejm verloren. Sein „Vergehen“ bestand darin, dass er eine Anhörung der Aussenministerin vor dem Auswärtigen Ausschuss zum Ergebnis des Brüsseler Gipfels mit dem Hinweis gefordert hatte, die Parlamentarier möchten über dieses wichtige Ereignis nicht nur aus den Medien, sondern aus erster Hand von den Verantwortlichen selbst informiert werden.

Jaroslaw Kaczynski

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Jaroslaw Kaczynski,
seit 2006 Minister-
präsident von Polen

Zum Aspekt der „Kulturrevolution“ unter den Brüdern Kaczynski: Die Generation der 50-60-Jährigen wird systematisch attackiert und aus ihren Positionen verdrängt bzw. herausgeekelt, um die 20-30-Jährigen an die Schalthebel der Macht zu bringen. Auch dieses Vorgehen war immer schon Merkmal totalitärer Regime und Bewegungen; die Säuberung der politischen Institutionen sollte kritische, eigenständige Denker eliminieren, während man sich die unkritische Jugend durch das Versprechen von Macht, Karriere und Omnipotenz gefügig machen kann. Nicht nur die Diktaturen des 20. Jahrhunderts verdankten diesem Muster ihre Entstehung und zeitweilige Stabilität. Wie gesagt wollen wir keine simplen Klischees bedienen und das eher operettenhafte Regime der Kaczynskis mit blutigen Diktatoren der Vergangenheit vergleichen.

Dennoch ist nicht zu verkennen, dass Polen z.Zt. eine polnische Version der amerikanischen McCarthy-Ära erlebt. Hunderttausende von Politikern, Juristen, Beamten, Lehrern, Kirchenvertretern usw. sollen gezwungen werden, die simple Frage zu beantworten, ob sie in der kommunistischen Zeit mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet haben oder nicht. Eine Weigerung kommt einem Schuldbekenntnis gleich und führt zur sofortigen Suspendierung. Der Fall des Europa-Abgeordneten Bronislaw Geremek machte internationale Schlagzeilen: Nachdem er sich geweigert hatte, an der entwürdigenden Aktion der Kaczynskis teilzunehmen, wollten diese ihm sein Mandat im EU-Parlament „wegnehmen“. Sie waren dann doch höchst erstaunt, dass es in Europa bestimmte Rechtsstandards und zivilisatorische Grundsätze gibt, die einen Abgeordneten vor Machtwillkür schützen. Aber für Leute wie die Kaczynskis ist es schwer vorstellbar, dass es außerhalb ihrer persönlichen Wunschvorstellungen, wie die Welt sein sollte, Rechtsstandards gibt. Sie verfahren wie alle kleinen oder großen Napoleons: Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns und muß sich fügen und den Platz räumen.

Ist es nicht zu reduktionsitsich und monokausal gedacht, mag manch einer fragen, all diese Verirrungen mit dem polnischen Mythos der Vergangenheit erklären zu wollen? Das tun wir auch nicht, dennoch ist es gerade für das deutsche Publikum wichtig, den „Messias-Märtyrer-Komplex“ zu verstehen, denn bei Beurteilung der gegenwärtigen Lage in Polen versagen die üblichen Kategorien politischer Einordnung von Phänomenen. Ein guter – sehr deutschfreundlicher — polnischer Freund formulierte es sogar so: „Eine gerechte Einschätzung der gegenwärtigen Situation Polens nur aus der Sicht des ausländischen Beobachters ist nicht möglich. Das Regime der Zwillingsbrüder hat doch eine respektable positive Resonanz bei recht weiten Kreisen der Bevölkerung. Nach zwei Jahren der Regierungskoalition hat die PIS-Partei der Kaczynskis – laut Meinungsumfragen – immerhin noch 28 % Zustimmung, d.h. fast soviel wie bei den letzten Parlamentswahlen. Sie verfügt also über eine stabile Wählerbasis mit leicht steigender Tendenz.“

Eine Spätfolge der Schocktherapie der 90er Jahre?

Wie lässt sich dies erklären? Bereits vor zwei Jahren wies die damalige Koordinatorin der deutsch-polnischen Beziehungen, Irina Lipowicz, vor einem deutschen Publikum darauf hin, die Wahl der Kaczynskis sei eine Spätfolge der sozialen Verwerfungen der 90er Jahre in Polen gewesen. Dass im Rahmen der Transformation der sozialistischen in eine Marktwirtschaft und vor allem unter Bedingungen der Auflösung des COMECON soziale Opfer unvermeidlich waren, ist eine Sache. Und eine Gesellschaft ist jederzeit bereit, bestimmte Opfer zu bringen, wenn eine nachvollziehbare Perspektive wirtschaftlicher Entwicklung angeboten wird. Die aber fehlt in Polen und den anderen post-kommunistischen Ländern bis zum heutigen Tag. Ich spreche nicht von Hoffnungen auf die EU und auch nicht von ganz offensichtlichen Verbesserungen im privaten Konsum, sondern davon, dass bis heute Polen nicht das Produktionsniveau von 1988 erreicht hat, davon, dass außerhalb der großen Städte nach wie vor eine Arbeitslosigkeit von 20-30% herrscht, dass in die Infrastruktur des Landes bisher sehr wenig investiert wurde usw. Es sind diese eklatanten Fehlentwicklungen der 90er Jahre, die sich die Kaczynskis und ihre Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) zunutze gemacht haben, aber leider nicht um ein Wirtschaftsprogramm zur Verbesserung der Lage aufzulegen, sondern den Mangel an wirtschaftlicher Entwicklung und sozialer Gerechtigkeit mit nationalem Pathos und der Fokussierung auf „Feinde“ zu überspielen.

Das Paradox besteht darin, dass die prozentuale Arbeitslosigkeit inzwischen durch die Abwanderung von zwei Millionen meist junger Polen nach England und Irland gesunken ist und gleichzeitig mit dem EU-Beitritt Polens an allen Ecken des Landes inzwischen Strassen, Brücken und Autobahnen wie „am Fließband“ gebaut werden. Auch dank ausländischer Investitionen verzeichnet das Land ein Wachstum von 6%.
Von diesem Aufschwung spüren die „Moher-Tanten“ wenig, aber auch die Mediziner sind nicht länger willens, sich mit 350 Euro monatlich abspeisen zu lassen. So eskaliert der Streik der Mediziner und Krankenschwestern täglich, und das schafft erhebliche politische Unruhe. Die Zwillingsbrüder sehen darin einen politischen Streik und fürchten die Ausweitung auf Eisenbahner und Bergbauleute – Erinnerungen an die Solidarnosc der 80er Jahre werden wach. Und deswegen hat die Regierung mit der Entlassung des umstrittenen und umtriebigen Bauernführers Andrzej Lepper vom Amt des stellv. Ministerpräsidenten letzte Woche die Vorstufe einer Regierungskrise selbst ausgelöst, um durch möglichst schnelle Neuwahlen die gegenwärtig noch stabile Wählerunterstützung für sich zu nutzen, bevor die Mehrheit bröckeln könnte. Die Lage ist also höchst komplex, widersprüchlich und mitten im Fluß.

„Was hat das mit uns zu tun ?“

Was geht das alles uns an – könnte man fragen. Wir können doch den Polen nicht ihre historischen Traumata nehmen, wir können ihnen auch keine bessere Regierung wählen, für all das sind sie schon selbst verantwortlich. Ganz so einfach ist es aber eben nicht. Erstens sind wir Nachbarn, zweitens brauchen wir Polen für den Erfolg Europas, vor allem aber für ein gutes Verhältnis zu Russland, das nicht ständig von Polen obstruiert werden soll. Aber es geht um sehr viel mehr: Es gibt kaum eine größere Erfolgsgeschichte als die deutsch-polnische Versöhnung der letzten 25-40 Jahre! Während des polnischen Kriegsrechts und des Solidarnosc-Kampfes war den Polen kaum ein Volk näher solidarisch verbunden als die Deutschen. Soll dies angesichts der aktuellen Schwierigkeiten vergessen sein? Es ist besorgniserregend, wie sehr das Polen-Bild der Deutschen unter den jetzigen Verhältnissen bereits gelitten hat. Vergleichen wir einmal die heutige Lage mit den Jahren 1981/82, als in Polen das Kriegsrecht herrschte: eine Welle der Begeisterung für Polen hatte Deutschland erfasst, es wurden Hilfstransporte organisiert und die Solidarität mit den Menschen in Polen kannte keine Grenzen.

Und heute? Gut, die Polen leiden keine materielle Not, aber die Einstellung gegenüber dem Nachbarland reicht von Gleichgültigkeit über Ignoranz bis hin zur Verdammung des „polnischen Nationalismus“, der ganz Europa gefährde. Im übrigen: warum soll man Solidarität mit einem Volk üben, das schließlich seit 17 Jahren eine Demokratie ist, aber offenbar mit dieser nicht „umgehen“ könne? Wir haben erstens eine menschliche Verpflichtung, gerade in der jetzigen Zeit den Polen beizustehen, die ganz vorn für die deutsch-polnische Versöhnung gewirkt haben und jetzt teilweise Opfer des polnischen „McCarthyismus“ sind. Zweitens können wir in der Tat – nicht zuletzt weil wir selbst noch immer an der Überwindung der eigenen Traumata arbeiten – Polen einen Weg zeigen, den Stolz auf die eigenen kulturellen Leistungen nicht in defensiven Chauvinismus oder pathologische Mythen abrutschen zu lassen, sondern gerade in den größten geistigen Schätzen der polnischen Nation das Europäische und Universelle zu entdecken, das zum Bau geistiger und kultureller Brücken einlädt statt zur Abschottung. Beide Aspekte sollen im Folgenden – teilweise an einem sehr persönlichen Beispiel – erläutert werden.

Deutsch-polnischer Jugendaustausch seit 1982 – die Rolle des PZKS

Ich habe kürzlich mit einer sehr interessanten Persönlichkeit in Polen gesprochen, die nicht auf spektakuläre Weise im Scheinwerferlicht, aber umso effektiver und beharrlicher eine historische Leistung für den deutsch-polnischen Jugendaustausch vollbracht hat und die jetzt unter dem Verdacht steht, als Spitzel für den polnischen Geheimdienst gearbeitet zu haben. Die Rede ist vom Vorsitzenden des Polnischen Katholischen Sozialverbands (PZKS), Wieslaw Gwizdz.

Im Februar dieses Jahres hatte Gwizdz einer großen Tageszeitung in Oberschlesien ein Interview gegeben, in dem er u.a. seine Rolle bei der deutsch-polnischen Versöhnung beschrieb. In diesem Zusammenhang kritisierte er das Verfahren der sog. Lustracja. Gwizdz unterstrich, dass es viele ehrenwerte Personen in Polen gibt, die auf die Frage eines Kontakts zu dem Geheimdiensten nicht einfach mit ja oder nein antworten können. Schließlich habe es Situationen gegeben, in denen eine partielle Kooperation mit der Staatsmacht (und dann eben Leuten von der Geheimpolizei) nötig war, um für die Menschen Erleichterungen, Spielräume innerhalb des Regimes zu erreichen. Sein eigener Fall ist dafür ein beredtes Beispiel. Aber allein die Tatsache einer solch differenzierten Sichtweise führte dazu, dass die Zeitung bis heute das Interview nicht abdrucken ließ. Nicht zuletzt weil hier die Bedeutung der deutsch-polnischen Verständigung aus einer besonderen und sehr persönlichen Perspektive beleuchtet wird, möchte ich kurz über die Hintergründe berichten.

Als im Dezember 1981 in Polen über Nacht das Kriegsrecht verhängt wurde, hielt sich Gwizdz gerade mit einigen jungen polnischen Ehepaaren zu einem Austausch in Deutschland auf. Alle Verkehrs- und Postverbindungen von und nach Polen waren unterbrochen, und so blieb der Gruppe zunächst keine andere Wahl, als in Deutschland zu bleiben. Diese Zeit nutzte Gwizdz, um in der Gegend zwischen Rhein und Mosel vor zahlreichen Gemeinden Vorträge zur Lage in Polen zu halten. Dabei kam er auf die Idee, das Regime zu Hause auf eine sehr subtile Weise unter Druck zu setzen: Er fragte seine deutschen Gastgeber, ob sie polnische Kinder aus den umweltgeschädigten Regionen Oberschlesiens für drei Wochen zur Erholung aufnehmen würden. Auf diese Weise könnte man ein gutes Werk für die Gesundheit der Kinder tun und gleichzeitig die Grenzen zu Polen einen Spalt weit öffnen. Schließlich fuhr Gwizdz im Februar 1982 mit 180 Einladungen an polnische Kinder nach Hause. Dort angekommen hat er mit viel Geschick, Witz und unter großem persönlichen Risiko die Ferienaktion für Kinder dem Regime abgetrotzt. Bereits im März 1982 fuhr der erste Sonderzug mit 180 Kindern durch die ansonsten geschlossene Grenze nach Deutschland. Im Laufe der Jahre wuchs die Teilnehmerzahl beträchtlich, und diese Aktion hat sich sogar bis heute erhalten. Die Ferienaktion des PZKS wurde zu einem wichtigen Baustein der deutsch-polnischen Versöhnung, und zwar im Geiste des Aufbaus einer europäischen Friedensordnung auf christlichen Prinzipien. Gwizdz war inzwischen für seinen Verband als Abgeordneter in den polnischen Sejm gekommen, als er vom damaligen Bundespräsidenten Richard v.Weizsäcker für seine Verdienste um die deutsch-polnische Verständigung eine persönliche Anerkennung bekam. Weizsäcker schrieb im November 1986 an Gwizdz:
„Die deutsch-polnische Verständigung ist mir ein Herzensanliegen. Ich freue mich, dass besonders zwischen jungen Polen und Deutschen die Saat neuen Vertrauens gelegt wird.(…) Solche Begegnungen junger Menschen lassen uns bewusst werden, das jedes neue Leben ein neuer Anfang ist und neue Hoffnung weckt. Die jungen Menschen können und dürfen der Vergangenheit nicht ausweichen, auch wenn sie an ihr schuldlos sind. Aber sie sollen in der persönlichen Begegnung mit den Menschen des anderen Landes erleben, dass eine gemeinsame Gegenwart und Zukunft, eine ,europäische Verständigung im Sinn christlichen Friedens‘, wie Sie selbst sagen, möglich und notwendig ist.“

Wieslaw Gwizdz stellt heute die Frage: „Wäre diese Aktion, die maßgeblich zur Überwindung der Spaltung Europas beigetragen hat, überhaupt durchführbar gewesen, ohne dass ich mit den Vertretern des Regimes in Polen geredet hätte?“ Man könne immer den Helden spielen, der sich auf keinerlei Kontakt mit den Schergen des kommunistischen Regimes eingelassen habe – nur mit einer fundamentalistischen Verweigerungshaltung wären eben niemals Zehntausende von gesundheitsgeschädigten Kindern zur Erholung nach Deutschland gefahren und hätten auch niemals schon in jungen Jahren eine andere Gesellschaft mit anderen Werten kennen gelernt. „War es nicht symptomatisch für den Erfolg meiner Aktion“, so Gwizdz, „dass mir ein hoher Beamter des damaligen Schulministeriums vorwarf, ich würde die Kinder demoralisieren und desorientieren, indem ich sie der Dekadenz der westlichen Gesellschaft aussetzte? Welch groteskes Armutszeugnis für ein Regime, dass vor den unübersehbaren Folgen zittert, die aus einem dreiwöchigen Ferienaufenthalt von Kindern im westlichen Ausland entstehen könnten!“

Unter dem demokratisch gewählten Kaczynski-Regime wird Gwizdz als Spitzel verdächtigt und verfemt. Jedem rechtsstaatlichen Empfinden und jeder rechtsstaatlich-demokratischen Praxis widerspricht es dabei zutiefst, dass weder Gwizdz noch alle anderen Beschuldigten und Verdächtigten die Möglichkeit und das Recht haben, Einsicht in ihre eigenen Akten zu nehmen!

 

Die Feiern am Hambacher Schloss: 1832 – 2007

Obgleich der hier geschilderte Fall nur einer unter vielen ist, verdient er doch aus einem aktuellen Anlaß besondere Erwähnung. Der deutsch-polnische Jugendaustausch wird dieses Jahr einen neuen Höhepunkt erreichen, denn im Rahmen der 175-Jahr-Feiern auf dem Hambacher Schloss aus Anlass der großen Freiheitskundgebung deutscher, polnischer und französischer Studenten im Jahre 1832 wird im August ein großes deutsch-polnisch-französisches Jugendtreffen in Hambach stattfinden, das u.a. von Gwizdz und seinem PZKS organisiert wird. Dies könnte eine Gelegenheit sein, um der deutsch-polnischen Verständigung neue Impulse zu geben, und zwar auf einer ganz anderen Ebene als vor 25 Jahren. Heute braucht Polen weder Mitleid noch warme Decken oder „Care-Pakete“. Aber was Polen nicht nur braucht, sondern verdient, ist die Achtung, die wir jedem großen Kulturvolk so schulden wie uns selbst. Indem wir uns mit den großen Leistungen der polnischen Kultur vertraut machen und unsere Kenntnis darum den Polen zeigen, können wir einen Beitrag dazu leisten, dass Polen den überlebten Messias-Märtyrer- Komplex des 19. Jahrhunderts hinter sich lässt und eine moderne Nation im Konzert der anderen Nationen wird, die selbstbewusst und gelassen auf ihre kulturellen Leistungen verweisen kann.

Was kennen wir aber wirklich von den Schätzen Polens in der Kunst und der Wissenschaft? Im Leben einer Nation spiegeln sich die lebendig erhaltenen universellen Ideen ihrer größten Dichter und Denker wider, wodurch die einzelne Nation am Geistesleben der anderen Länder und schließlich der ganzen Welt teilhat. Der Komponist Chopin, die Wissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin Marie Sklodowska-Curie, die Dichter Krasinski, Mickiewicz und Slowacki, die Literatur-Nobelpreisträger Henryk Sienkiewicz, Bolesław Prus, Wislawa Szymborska und Czesław Miłosz, der Maler Matejko und viele andere polnische Universalgeister sind dem deutschen Publikum nicht wirklich bekannt oder gar vertraut. Eine Befreiung Polens aus der oben geschilderten psychologischen „Verklemmung“ wird einerseits bei den besten Ideen der Vergangenheit anknüpfen, andererseits aber ein selbstbewusstes Zugehen auf andere Nationen, eine ganz neue Dialogfähigkeit mit näheren und ferneren Nachbarn erfordern, die nicht von den Traumata der Vergangenheit getrübt ist. Die Feiern in Hambach könnten den Auftakt einer neuen „Entdeckung“ des Anderen, des Nachbarn werden, um gerade nicht das Andere, sondern das Gemeinsame, Verbindende in den jeweiligen Kulturen bewusst zu machen. Auf diesem Weg können gerade wir Deutschen einen Dialog mit Polen führen, der nicht von Themen wie Vertreibung und Nazi-Besatzung auch von unserer Seite immer wieder verkrampft und entstellt wird. Gerade die Feiern zur Wiedereröffnung des Hambacher Schlosses Ende Mai waren ein wichtiger Schritt zur „Entkrampfung“ auch unserer eigenen Geschichte, wenn man z.B. an die Rede Richard v.Weizsäckers denkt. (Solon-line berichtete darüber unter dem 2.6.07)

Gerade in Polen fand dieses Ereignis ein großes Echo. So schrieb die renommierte Zeitschrift Polityka am 26.5.07 unter der Überschrift „Fest der Freiheit“: „Von allen deutschen historischen Jahrestagen ist das 175.Jubiläum der großen Kundgebung auf dem Hambacher Schloß das am meisten polnische Ereignis.“ Allerdings wäre gerade dieser Aspekt während der Feierlichkeiten Ende Mai verschwiegen worden, auch Weizsäcker habe nur ganz marginal auf Polen hingewiesen. In Wahrheit sei jedoch die polnische Sache eine der wichtigsten Parolen bei der Kundgebung 1832 gewesen: „Der polnische Freiheitskampf bestimmte alle Ansprachen, die gehalten, alle Beschlüsse, die gefasst wurden… die Polen wurden mit großer Gastfreundschaft aufgenommen und begrüßt, und zum Beweis ihrer ,Herrlichkeit‘ wurde eine ganze Reihe von Gedichten und Liedern in Hambach komponiert und gesungen, die sog. Polen-Lieder… Das Lied Der polnische Mai wurde von einem Deutschen komponiert, darin hieß es u.a.: ,Es lebe das freie und vereinte Deutschland, es leben die Polen, unsere Verbündeten, es leben die Völker, die die Fesseln der Sklaverei gemeinsam abstreifen‘.“

Auch wenn wir heute keine Fesseln der Sklaverei mehr abstreifen müssen, so zeigt der Rückblick auf das Jahr 1832, wie viel tiefer das gegenseitige Verständnis und die Freundschaft waren, weil man sich in einer gemeinsamen Mission für die Freiheit vereint fand. Eine solche Mission ist heute nötig, um nicht nur das deutsch-polnische Verhältnis aus der Verklemmung zu befreien. Europa insgesamt braucht neue Anstöße des Denkens und Handelns. Das vereinte Europa wird die kulturellen Identitäten der Einzelstaaten nie ersetzen – umso dringender ist der intensive Dialog zwischen den Nationen als geistiges Ereignis der Durchdringung nationaler Poesien und künstlerisch-wissenschaftlicher Ideen aus den einzelnen Nationen. Der Ersatz „nationaler Mythen“ durch eine „europäische Erinnerungskultur“, wie dies z.Zt. Mode ist, verfehlt gerade die wichtigste Aufgabe, nämlich eine Identitätsfindung im europäischen und nationalen Rahmen. Dies ist durchaus nicht nur als „schöngeistige Vision“ zu verstehen.

Denn Europa muß sich in einer krisengeschüttelten Welt, die sich völlig neu „ordnet“, ökonomisch und politisch-strategisch zwischen Amerika und Asien behaupten. Wie dies geschehen könne, dafür gibt es naturgemäß viele Ideen, aber es fehlt paradoxerweise das kulturelle Selbstbewusstsein, um dieser Mission gerecht zu werden. Denn jenseits der wirtschaftlichen und politisch-strategischen Beziehungen könnte gerade Europa quasi als Motor des interkulturellen Dialogs in der Welt fungieren, wenn es die kulturelle Axiomatik der Vergangenheit mit der Zukunft auf eine neue, schöpferische Weise verbindet. Europa muss sich deswegen vom Historismus genauso wie von der „Erinnerungskultur“ befreien und selbstbewußt das Erbe von der griechischen Antike bis heute leben. Ein Projekt wie die Neujustierung des deutsch-polnischen Verhältnisses kann hierbei katalysierend wirken. Das Fest auf dem Hambacher Schloss im August bietet dazu die goldene Gelegenheit.

Auf diese Weise würden wir Polen helfen, aus der Opfer-Messias-Rolle auszubrechen, und weniger die „Einzigartigkeit“ als die Universalität der polnischen Beiträge zur Weltkultur zu feiern. Dies wird gerade auch für die Nach-Kaczynski-Ära in Polen wichtig werden, die hoffentlich bald beginnt.

Bildnachweise:

Lech Kaczynski, seit 23. Dezember 2005 der vierte Präsident der 3. Polnischen Republik
http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Lechkaszynskiprez.jpg
Jaroslaw Kaczynski, seit 2006 Ministerpräsident von Polen
http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Premier_Jaroslaw_Kaczynski.jpg

 

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