Wissensdarstellung bei Leibniz

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Leibniz-Denkmal in Leipzig Die in den letzten Jahrzehnten exponentiell anwachsende Flut von Wissen (und auch Pseudowissen) schreit förmlich nach neuen Methoden der Wissensdarstellung, mit denen Wissen bewertet, in Relation gesetzt und verwertbar gemacht werden kann. Schon Gottfried Leibniz war dieses Problem der Wissensdarstellung bewußt, und er hat grundlegende Entdeckungen auf diesem Gebiet gemacht, die heute mit der modernen Computertechnik verwirklicht werden können.
Von Peter Jaenecke


Derzeit vollziehe sich – so wird jedenfalls vielerorts behauptet – ein grundlegender Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Dabei gilt Wissen als treibende Kraft für gesellschaftliche Entwicklungen: Zum einen brauche man Wissen in der hochtechnisierten Gesellschaft, um die immer komplexeren industriellen Produkte zu produzieren; so wurde bereits in vielen Gebrauchsgütern wie Auto oder Mobiltelefon im wahrsten Sinne des Wortes eine Menge Wissen verbaut. Zum anderen komme es auf richtiges, von subjektiven Einflüssen freies Handeln an, und das lasse sich nur über Wissen verwirklichen. Neben dieser eher optimistischen Vorstellung über die gesellschaftliche Bedeutung von Wissen gibt es jedoch auch skeptische Stimmen, die auf den exponentiellen Zuwachs von Wissen, aber auch auf dessen Kurzlebigkeit verweisen.

Fakt ist jedoch zunächst nur die ständig zunehmende Flut von wissenschaftlichen Beiträgen, noch zusätzlich um ein Vielfaches vermehrt durch die Flut der Angebote aus dem Internet. Nun ist aber der Zuwachs an Veröffentlichungen nur dann mit einem Wissenszuwachs verbunden, wenn jede neue Veröffentlichung auch wirklich immer neues und dauerhaftes Wissen bereitstellt; das dürfte jedoch kaum zutreffen. Wenn es außerdem tatsächlich so etwas wie die mittlere Lebensdauer von Wissen gibt, dann muß das unablässig wegfallende Wissen mit dem neuerzeugten gegengerechnet werden; ob dann in der Summe immer noch von einer Wissensexplosion die Rede sein kann, bleibt zumindest fraglich.

Vieles erscheint wohl nur deswegen so kurzlebig zu sein, weil es sich als falsch oder unbrauchbar erweist, und die Veröffentlichungsflut könnte mit einer hohen Zahl an redundanten oder nichtssagenden Aussagen einhergehen. Offenbar ist nicht alles, was gedruckt vorliegt, zugleich auch sicheres Wissen.

Nun kann aber Wissen nur dann zur wichtigsten Produktivkraft aufsteigen, es kann nur dann Grundlage für rationales Handeln und für objektive Entscheidungen sein, wenn es sich um sicheres und jederzeit auffindbares Wissen handelt.

Diese Voraussetzung ist jedoch nicht erfüllt, wenn, wie man annehmen muß, das meiste des unentwegt Produzierten nur bedeutungsloses Wissen oder sogar bloß Pseudowissen ist und das wenige gesicherte Wissen in der Masse untergeht, was einer Nichtexistenz gleichkommt.

Eine solche Situation bleibt nicht ohne Auswirkung, und in der Tat gibt es in unserer Gesellschaft deutliche Anzeichen dafür, daß durch die Masse eine gewisse Form von Unwissenheit und damit Entscheidungsunsicherheit erzeugt wird: Bei nahezu allen gesellschaftspolitischen Problemen gibt es endlose Diskussionen darüber, wie sie am besten zu lösen seien, Experten werden zurate gezogen, auf Gutachten folgt Gegengutachten; am Ende einigt man sich auf einen Kompromiß, der wenig mit einer rationalen Lösung gemein hat.

Können Experten bei der vorliegenden Wissenslage überhaupt noch rational entscheiden? Offenbar nicht, wie die Praxis bezeugt. Experten sind Spezialisten auf einem kleinen Spezialgebiet; die Lösung der gesellschaftlichen Probleme erfordert aber fachgebietsübergreifendes Wissen, das uns fehlt. So befinden wir uns in der paradoxen Situation, daß unsere Gesellschaft einerseits im starken Maße an Wissen orientiert ist, aber andererseits trotz Masse am Mangel von verwertbarem Wissen leidet. Uns geht es offenbar wie Schiffbrüchigen: Umgeben vom endlosen Ozean lechzen wir nach trinkbarem Wasser; wenn es uns folglich nicht gelingt, Wissen von Pseudowissen zu trennen, also das Salz aus dem Meerwasser herauszufiltern, sind wir dem Verdursten preisgegeben.

In einer solchen Situation ruhen alle Hoffnungen auf den modernen Rechenanlagen. Sie sind sicher besser dazu geeignet, Masse zu bewältigen als Menschen. Doch um sie einsetzen zu können, muß das Wissen erst in einer rechnergerechten, d.h. für formale Methoden zugänglichen Form dargestellt sein. Die Wissensdarstellung, ein Teilgebiet der künstlichen Intelligenz, befaßt sich mit dieser Aufgabe, allerdings orientiert sie sich an Anwendungen und an dem gerade zur Verfügung stehenden Programmierwerkzeug; grundsätzliche Probleme der Wissensdarstellung werden dort nur am Rande behandelt.

Es ist nun bemerkenswert, daß bereits Leibniz über die Wissensflut in seiner Zeit klagte und auf Abhilfe sann. Noch bemerkenswerter ist es, daß er hierbei an eine formalsprachliche Erfassung von Wissen dachte und auf die elementare Frage: Wie kommt Inhalt in ein inhaltsloses zeichensprachliches System? eine Antwort fand. In dem nach ihm benannten Programm geht es um ein Verfahren, mit dem es möglich ist, Wissen kompakt und eindeutig zu erfassen, kontroverse Aussagen zu entscheiden, mit Wissen sicher umzugehen und neues Wissens hervorzubringen. Mit einem solchen Verfahren läßt sich dann auch Wissen von Pseudowissen unterscheiden. Seine Vorstellungen sind erstaunlich modern und kommen erst jetzt richtig zur Entfaltung, nachdem es die technischen Möglichkeiten für ihre Verwirklichung gibt. Dies soll in Wissensdarstellung durch Leibniz gezeigt werden.

Anhand elementarer Prinzipien wird zunächst erläutert, worin Wissensdarstellung aus heutiger Sicht besteht und wie sich Wissen formal darstellen läßt. Anschließend wird nachgewiesen, daß Leibniz unter anderem versuchte, Wissen mit Hilfe formaler Sprachen darzustellen und daß seine characteristica universalis als Frühform einer formalen Sprache anzusehen ist. Als Anwendung der Wissensdarstellung wird anschließend das Leibniz Programm vorgestellt und gezeigt, daß typische, bislang wenig verstandene Begriffe aus diesem Programm wie ‚ars iudicandi‘ und ‚ars inveniendi‘ sich über die formalsprachliche Wissensdarstellung in einfacher Weise erklären lassen.

Den vollständigen Artikel„Wissensdarstellung bei Leibniz“finden Sie unter: http://www.peterjaenecke.de/wissensdarstellung.html

Bildnachweis:
Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Denkmal in Leipzig
http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Leibniz-Denkmal.jpeg

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