„Giftmüll“ überall im Finanzsystem

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Seit Ende Juli rollt eine neue Welle heftiger Erschütterungen über die internationalen Finanzmärkte. Die „Stimmung auf den Märkten“ hat völlig gedreht. Die Aufregung in den Finanzmedien ist groß. Plötzlich stellt man fest, dass sich überall im internationalen Finanzsystem „Giftmüll“ befindet – nicht nur in den USA, sondern bei Banken hier in Deutschland, in der Schweiz, Großbritannien oder Australien. Und diese Liste wird noch länger werden. Der „Giftmüll“ – das sind Schuldverschreibungen und ins besonders Kreditderivate, die als Basiskomponente amerikanische Ramschhypotheken – „Subprime“- oder „Alt A“-Hypotheken – haben. Die Leser von Solon konnten genau hierzu schon am 16. März, als die ersten US-Finanzinstitute wegen „Subprime“-Problemen kollabierten, lesen: „Überraschend ist das alles nicht, überraschend ist eher, wie überrascht man jetzt tut.“
Von Michael Liebig


Die Ramschhypotheken stecken in „Collateralized Debt Obligations“ (CDOs), deren Volumen in den letzten Jahren auf geschätzte drei Billionen Dollar angestiegen sind. Seit Mitte 2006 kühlt sich der bis dahin völlig überhitzte US-Immobilienmarkt immer mehr ab. Als Folge davon können immer mehr Haushalte zweifelhafter Bonität, die sich Ramschhypotheken ohne Eigenkapital-Anzahlung und mit variablen Zinssätzen andrehen ließen, diese nicht mehr bedienen. Die Folge sind enorme Zahlungsausfälle. Die nicht mehr werthaltigen Ramschanleihen sind aber längst in alle Welt verstreut, wo sie auf den internationalen Finanzmärkten als Basiskomponenten von Schuldverschreibungen (Asset-Backed Securities) und CDOs gehandelt werden. Ins besonders letztere erfreuten sich höchster Beliebtheit als hoch profitable Anlage, zumal die Rating-Agenturen die Risiken von CDOs – auch solchen mit „Subprime“-Komponenten – meist ganz niedrig einstuften. Jedenfalls bis Mitte Juli.

In Deutschland taucht nun eine besonders schwere Ladung „Giftmüll“ auf – bei der „Industrie-Kreditbank“ (IKB). Daraus könne sich die schlimmste Bankenkrise seit 1931 entwickeln, warnte Jochen Sanio, der Chef der Finanzaufsicht Bafin. Sanio organisierte einen 8-Milliarden Euro-Beistandskredit seitens der öffentlichen und privaten Banken in Deutschland. Die IKB-Schieflage dürfte in der Tat schwerwiegender sein als die Herstatt-Pleite 1974 oder der Bankrott der österreichischen Bawag 2006.

Aber der „Giftmüll“ ist global und epidemisch. Die Financial Times schrieb am 1. August: „The subprime virus has gone global.“ Auf allen Kontinenten sind immer mehr Banken oder Hedge Funds davon betroffen. Täglich kommen neue Meldungen über hohe Verluste oder gar Zahlungsunfähigkeit von Banken und Hedgefonds – und diese Meldungen werden weitergehen.

Deshalb kann man in den kommenden Monaten von drei Entwicklungen ausgehen:

Anhaltende nervöse Instabilität und Erschütterungen auf den internationalen Finanzmärkten. Die Zentralbanken und Aufsichtsbehörden werden dem massiven „Blutverlust“ bei Banken und Hedge Funds, vor dem nachdrücklich und wiederholt gewarnt wurde, nur solange tatenlos zusehen, bis Verluste und Erschütterungen das Finanzsystem insgesamt bedrohen. Dass die Gefahr einer Systemkrise gesehen wird, zeigt die deutsche „Rettungsaktion“ für die IKB.

Als weiterer „Puffer“ gegen eine Systemkrise werden wohl die staatlichen Investitionsfonds der großen Überschussländer auf den westlichen Finanzmärkten in Erscheinung treten – die „Souvreign Wealth Funds“ aus China, Südostasien, (vielleicht) Russland und aus dem arabischen Raum. Der jüngste Besuch des amerikanischen Finanzministers Paulson in China sollte auch vor diesem Hintergrund gesehen werden.

Die Verluste von Banken und Hedge Funds haben einen „Stimmungsumschwung“ bewirkt. Statt der massiver Kreditvergabe zu ultralockeren Bedingungen und ohne Rücksicht auf tatsächliche Risiken steht jetzt Kreditverknappung an. Schon jetzt gibt es große Schwierigkeiten, bereits abgeschlossene Firmenübernahmen zu finanzieren – und deren Finanzierungsvolumen betrug 2,5 Billionen Dollar im ersten Halbjahr 2006. Hinzu kommt, dass Finanzinstitute, die wegen ihrer Verwicklung mit Ramschhypotheken unter Liquiditätsdruck geraten sind, nun „gute“ Anlagen – Anleihen und Aktien – verkaufen müssen. Dieser Verkaufsdruck ist neben der gekippten „Stimmung“ wohl auch ein Grund für die jüngsten Kurseinbrüche auf den – immer noch aufgeblähten – Aktienmärkten.

Die Kreditverknappung wird über den Finanzsektor eher früher als später auch die Realwirtschaft erfassen. Die amerikanische Immobilienkrise und die von ihr angestoßenen – nicht „verursachten“ – Finanzerschütterungen werden die US-Wirtschaft weiter in die Rezession treiben. In Amerika kommen 34% der nationalen „Wirtschaftsleistung“ aus dem Finanzsektor, wo nun die Zeiten der Supergewinne definitiv vorbei sind. Der schrumpfende finanzielle Spielraum der hochverschuldeten amerikanischen Haushalte – „Vermögensschrumpfung“ bei Immobilien, hoher Schuldendienst und die inflationären Energie- und Lebensmittelpreise – werden die Konsumausgaben herunterdrücken. Das alles addiert sich zur Rezession.

Die entscheidende Frage wird sein, inwieweit die Wachstumsdynamik in China, Indien, Russland und anderen Schwellen- und Entwicklungsländern die Rezession in den Vereinigten Staaten und deren internationale Auswirkungen abfangen oder gar kompensieren kann. Gerade für die exportstarke (und exportabhängige) deutsche Wirtschaft haben die eurasischen Wachstumsmärkte längst existenzielle Bedeutung erlangt.

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