Humboldt ist tot – es lebe Humboldt

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Wilhelm von Humboldt Im Rahmen des „Jahres der Geisteswissenschaften“ veranstaltete der Deutsche Kulturrat am 26.09. und 27.09.2007 in Berlin einen Kongress unter dem Titel „Kultur als Arbeitsfeld und Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler“. Unterstützt wurde der Kongress vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Gerda Henkel Stiftung. Das Kulturbüro der EKD stellte als Kooperationspartner die Französische Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt als Tagungsort zur Verfügung. In diesem kulturhistorisch ansprechenden Ambiente wurde diskutiert, wie sich der Kulturbereich als Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler verändert, welche Qualifikationen von Geisteswissenschaftlern erwartet werden und welche Beschäftigungsmöglichkeiten es gibt.
von Maria Schmitz


„Humboldt ist tot!“ Mit diesem provokativen Satz leitete Dr. Petra Bahr, die Kulturbeauftragte der EKD, ihr Grußwort ein. Es gebe bildungspolitische Programme, die mit dieser These hausieren gingen und behaupteten, auf Geisteswissenschaftler könne man in Zukunft verzichten und damit auch auf die Ideen Humboldts.

Deutschland brauche Ingenieure, Techniker und Biowissenschaftler. Doch sind die Geisteswissenschaften wirklich tot? Hat Geist nicht etwas mit Urteilskraft zu tun? Braucht unsere Gesellschaft nicht mehr denn je gut ausgebildete Geisteswissenschaftler und Geisteswissenschaftlerinnen?

„Humboldt lebt!“ bekräftigte die Theologin. Die Geisteswissenschaften dienten nicht nur der Unterhaltung am Feierabend und seien auch nicht auf ein Bildungsbürgertum beschränkt, sondern gestalteten die Gesellschaft mit. „Wer die Geisteswissenschaften fördert, institutionalisiert die Nachdenklichkeit in der Gesellschaft, eine Nachdenklichkeit, die wir in der Zukunft dringend brauchen“, betonte die Kulturbeauftragte der EKD. Medien und Bibliotheken, Museen und Universitäten, Stadtteilprojekte und Internetportale sichern nicht nur das kulturelle Erbe, sie fragen auch nach dem, was für die Zukunft von Bedeutung ist.

Auch die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Annette Schavan, gab ein deutliches Plädoyer für die Geisteswissenschaften ab. Aus einem gebildeten Menschen könne ohne weiteres ein Spezialist werden, aus einem Spezialisten jedoch schwerlich ein Gebildeter. Sie kritisierte die augenblickliche bildungspolitische Debatte, in der nur zweitrangige Themen diskutiert würden. Kinder müssten Erfahrungen mit Musik, Kunst, Theater und Literatur machen, daher sei eine breit angelegte Bildung unabdingbar.

Doch wie sieht die Realität aus? Leben wir nicht längst in einer vom Nützlichkeitssyndrom befallenen Gesellschaft? Die Geisteswissenschaften an den Universitäten wurden ausgedünnt. Freiwerdende Lehrstühle wurden nicht wieder besetzt. Im Rahmen des Bologna-Prozesses mit seinen Bachelor- und Masterstudiengängen wird die Arbeitsmarktorientierung in den Vordergrund gestellt.

Doch dieser Schmalspurpragmatismus kann nicht funktionieren. Eine Hochschule kann nie eine passgenaue Ausbildung bieten. Gerade die Geisteswissenschaftler brauchen ein breit angelegtes Wissen. Sie deuten, erklären, bewerten die Welt. Sie beschäftigen sich mit dem kulturellen Gedächtnis und ziehen hieraus Schlüsse für die Gegenwart und die Zukunft. Interpretieren sie literarische Werke, brauchen sie auch historische und philosophische Kenntnisse. Ohne theologisches Hintergrundwissen können sie keine Gemälde alter Meister entschlüsseln. Gerade die Breite des erforderlichen Wissens und die vielfachen Bezüge unter den verschiedenen Disziplinen zeichnen die Geisteswissenschaften aus, was nicht ausschließt, sich zugleich in einen Gegenstand zu vertiefen. Gerade wegen dieser Fähigkeiten sind Geisteswissenschaftler hervorragend qualifiziert, in einer Vielzahl von Berufen arbeiten zu können, auch wenn ihre Studiengänge nicht den Praxisbezug eines Ingenieurstudiums aufweisen können.

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sprach deshalb „vom Nutzen der Nutzlosigkeit“ der Geisteswissenschaftler und hob die Bedeutung der Geisteswissenschaftler „alter Schule“ besonders hervor. Er warnte eindringlich vor der zunehmenden Schmalspurausbildung in den Hochschulen durch die Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse.

Die Arbeitsmarktsituation

In der engagierten Diskussion wurde deutlich, dass die Arbeitssituation für Geisteswissenschaftler teilweise unzumutbare Ausmaße angenommen hat. Gerade junge Hochschulabsolventen haben Schwierigkeiten beim Berufseinstieg und hangeln sich von einem Praktikum zum nächsten durch, immer in der Hoffnung auf eine Anstellung. Volontariate mit einem Monatslohn von 600 Euro sind kein Einzelfall mehr. Museen, Theater, Orchester und Verlage müssen Stellen streichen und arbeiten zunehmend mit freien Mitarbeitern. Vielen bleibt daher nur noch der nicht ganz freiwillig gewählte Schritt in die Selbstständigkeit, wobei deutlich wurde, dass nur 40% von ihrer selbstständigen Tätigkeit leben können.

Auf der anderen Seite haben sich vollkommen neue Berufsfelder für Geisteswissenschaftler entwickelt: Freiberufliche Historiker erforschen Firmen- und Familiengeschichte, entwickeln Konzepte für Computerspiele mit historischem Hintergrund. Museen suchen freiberufliche Mitarbeiter für museumspädagogische Aufgaben. Der Kulturtourismus boomt. Die demographische Entwicklung bietet neue Herausforderungen für Kultureinrichtungen und den Bereich der kulturellen Bildung.

Es bleibt der Kreativität der Geisteswissenschaftler überlassen, die Nischen zu finden, in denen sie ihre Fähigkeiten und Kenntnisse sinnvoll einsetzen können. Doch gerade dazu ist eine breite Bildung, wie sie Humboldt gefordert hat, notwendig, denn nur dann hat man die Freiheit, flexibel auf neue Herausforderungen zu reagieren. Wie sehr pragmatisches Nützlichkeitsdenken Kunst und Kultur behindert, hatte bereits Friedrich Schiller erkannt, der 1795 im 2. Brief über die ästhetische Erziehung schrieb:

„Der Lauf der Begebenheit hat dem Genius der Zeit eine Richtung gegeben, die ihn mehr und mehr von der Kunst des Ideals zu entfernen droht. Diese muss die Wirklichkeit verlassen und sich mit anständiger Kühnheit über das Bedürfnis erheben; denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit, und von der Notwendigkeit der Geister, nicht von der Notdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen. Jetzt aber herrscht das Bedürfnis und beugt die gesunkene Menschheit unter sein tyrannisches Joch. Der Nutzen ist das große Idol der Zeit, dem alle Kräfte fronen und alle Talente huldigen sollen. Auf dieser groben Waage hat das geistige Verdienst der Kunst kein Gewicht, und, aller Aufmunterung beraubt, verschwindet sie von dem lärmenden Markt des Jahrhunderts.“

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