Ist der Wille frei, oder determiniert?

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Von Hirnforschern wird die These vertreten, der Mensch sei determiniert und es gäbe keinen freien Willen. Wissenschaftlich ist die Frage trivial und spätestens seit 1946 durch Max Planck geklärt.

von Ralf Schauerhammer


Seit einigen Jahren wird von einigen Hirnforschern lautstark die These vertreten, das Handeln des Menschen sei vorherbestimmt, also durch neurologische Prozesse determiniert, und folglich gäbe es keinen freien Willen. Der freie Wille sei lediglich eine Illusion und könne deshalb insbesondere nicht zur Erklärung von verantwortlichem Handeln herangezogen werden. So meldet zum Beispiel der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth in seinem Aufsatz Willensfreiheit und Schuldfähigkeit aus Sicht der Hirnforschung angesichts „von neuen Befunden und Einsichten der Hirnforschung … Zweifel an der Existenz von Willensfreiheit“ an, denn „der subjektiv empfundene Willensakt ist nicht die Ursache, sondern ein Bewusstseinskorrelat von Willkürhandlungen, die vom Gehirn vorbereitet und gesteuert werden. Dies stellt hinsichtlich der Schuldfähigkeit von Straftätern wichtige Grundlagen des deutschen Strafrechts … in Frage“. Sein Frankfurter Kollege Wolf Singer behauptet das gleiche in einem Artikel der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. Januar 2004 mit dem Titel: „Keiner kann anders als er ist. Verschaltungen legen uns fest. Wir sollten aufhören von Freiheit zu reden“.

So aufregend diese medienwirksam in Szene gesetzte „wissenschaftliche Debatte“ um die These „Willensfreiheit oder Determinismus“ auch sein mag, vom wissenschaftlichen Standpunkt ist die Antwort trivial und muss spätestens seit dem 17. Juni 1946 als geklärt gelten. Damals hielt der Schöpfer der Quantenphysik Max Planck – nach dem nicht ohne Grund die Gesellschaft benannt wurde, der die Förderung der deutschen Forschung obliegt – in Göttingen eine Rede, worin er einem Laienpublikum verdeutlichte, dass kompetente Forscher bei ihrer Arbeit immer den eigenen Forschungsstandpunkt berücksichtigen müssen, weil sie sonst Gefahr laufen, wie Dummköpfe aneinander vorbeizureden, oder ihre Zeit mit Scheinproblemen zu verschwenden.

Zu Beginn des Vortrags gab Planck ein didaktisches Beispiel. Man stelle sich vor, in einem Raum sitzen Personen um einen langen Tisch. Die am Kopfende Sitzenden behaupten, die Fenster des Raumes seien links, während die am Fußende Sitzenden darauf bestehen, dass der Raum seine Fenster rechts hat. Beide Parteien werden zu keiner Einigung gelangen; beide haben recht – jedenfalls so lange, wie sie nicht ihren eigenen Standpunkt berücksichtigen. Tun sie dieses, so entlarvt sich das Problem augenblicklich als Scheinproblem. Später sagt Planck in diesem Vortrag das Folgende: „Ist der Wille frei, oder ist er kausal determiniert? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir zuerst die Methoden prüfen, die zur Untersuchung der Gesetzlichkeit der Willensvorgänge dienen können.

„Da ist vor allem ein wichtiger Punkt zu beachten. Um in den gesetzlichen Ablauf eines Vorganges einen zutreffenden Einblick zu gewinnen, muss man vor allem dafür sorgen, dass durch die Anwendung der Untersuchungsmethode der Ablauf des Vorganges nicht beeinflusst wird. So darf man zum Beispiel bei der Messung der Temperatur eines Körpers kein Thermometer benutzen, dessen Einführung eine Temperaturänderung des Körpers bewirkt, und bei der mikroskopischen Beobachtung von Vorgängen in einer lebenden Zelle darf man keine Beleuchtung verwenden, durch welche der normale Ablauf dieser Vorgänge gestört wird. Was für physikalische und biologische Vorgänge gilt, bleibt selbstverständlich auch für seelische Zustände und Vorgänge zutreffend. Es ist einer der elementarsten Grundsätze der experimentellen Psychologie, dass eine Beobachtung zu einem völlig falschen Ergebnis führen kann, wenn die Versuchsperson weiß, oder wenn sie auch nur vermutet, dass sie beobachtet wird. Deshalb wirkt unter Umständen die Beobachtung selber als eine gefährliche Fehlerquelle.

„Wenden wir das Gesagte auf das vorliegende Problem an, so ist von einer wissenschaftlich einwandfreien Betrachtung des gesetzlichen Ablaufs einer Willensregung in erster Linie zu fordern, dass durch diese Betrachtung die Willensregung nicht beeinflusst wird. Daraus folgt ohne Weiteres die Notwendigkeit einer wesentlichen Beschränkung in der Wahl eines zulässigen Standpunktes für die Betrachtung. Da nämlich die Betrachtung selber ebenso wie die zu betrachtende Willensregung ein seelischer Vorgang ist, so kann die Betrachtung unter Umständen den Ablauf der Willensregung beeinflussen und so das erzielte Ergebnis fälschen. Das ist nur dann nicht zu befürchten, wenn wir den Willen eines anderen Menschen ohne dessen Wissen betrachten, oder wenn ein anderer unseren Willen ohne unser Wissen betrachtet. Dagegen wird die Fehlerquelle stets dann in Wirksamkeit treten, wenn wir versuchen, unseren eigenen Willen zu betrachten. Denn dann trifft der seelische Vorgang der Betrachtung mit dem seelischen Vorgang der Willensregung in unserem einheitlichen Selbstbewusstsein zusammen. Daher ist es unzulässig, vom Standpunkt des eigenen Ich aus den eigenen Willen zu betrachten, und zwar sowohl den gegenwärtigen als auch den zukünftigen Willen, denn dieser wird durch den gegenwärtigen Willen mitbedingt. Dagegen steht nichts im Wege, eine Willensregung des vergangenen Ich wissenschaftlich zu betrachten. Denn vergangene seelische Vorgänge werden durch nachträgliche Betrachtungen nicht beeinflusst. Zum Ausdruck dieses Sachverhalts will ich im Folgenden zwischen dem äußeren und dem inneren Standpunkt der Betrachtung des Willens unterscheiden. Der äußere Standpunkt ist derjenige, von dem aus der Willensvorgang betrachtet werden kann, ohne dadurch eine Störung zu erleiden. Er wird eingenommen bei der Betrachtung der Willensvorgänge anderer Menschen, sowie auch bei der Betrachtung der vergangenen Willensvorgänge des eigenen Ich. Der innere Standpunkt ist derjenige, von dem aus der Willensvorgang nicht betrachtet werden kann, ohne dass dadurch der Vorgang gestört wird. Er wird eingenommen bei der Betrachtung der gegenwärtigen und der zukünftigen Willensvorgänge im eigenen Ich. Der äußere Standpunkt ist für die wissenschaftliche Untersuchung der Gesetzlichkeit von Willensvorgängen geeignet, der innere Standpunkt ist es nicht. Es versteht sich von selbst, dass diese beiden Standpunkte sich gegenseitig ausschließen und dass es sinnlos ist, beide gleichzeitig zu benutzen. Wenn wir nun von dem hierfür allein zulässigen äußeren Standpunkt aus an die wissenschaftliche Betrachtung der Willensvorgänge herangehen, so lehrt uns die alltägliche Erfahrung, dass wir im Umgang mit anderen Menschen bei allen ihren Reden und Handlungen stets bestimmte Motive, also kausale Determiniertheit voraussetzen; denn sonst wäre ihr Verhalten unberechenbar und jeder geordnete Verkehr mit ihnen unmöglich. Auch die wissenschaftliche Forschung verfährt nicht anders. Wenn ein Historiker den Entschluss Julius Cäsars, den Rubikon zu überschreiten, nicht auf seine politischen Überlegungen und sein angeborenes Temperament, sondern auf seine Willensfreiheit zurückführen wollte, so würde das einfach den Verzicht auf ein wissenschaftliches Verständnis bedeuten. Darum werden wir schließen müssen, dass der Wille vom äußeren Standpunkt der Betrachtung aus als kausal determiniert anzunehmen ist.

„Ganz anders steht es mit dem inneren Standpunkt. Hier versagt, wie wir sahen, die wissenschaftliche Betrachtungsweise. Dafür tut sich aber hier eine andere Erkenntnisquelle auf, nämlich das Selbstbewusstsein. Dieses sagt uns unmittelbar, dass wir in jedem Augenblick, wie unseren Gedanken, so auch unserem Willen jeden beliebigen Inhalt geben können, sei es nach reiflicher Überlegung, sei es nach Gutdünken, oder auch aus reiner Laune. Dabei ist wohl zu beachten, dass es sich hier nicht etwa um eine Willensbetätigung handelt, die ja oft durch äußere Umstände gehemmt wird, sondern allein um die gesinnungsmäßige Willensrichtung. In dieser verfügen wir vollkommen frei. Man denke nur an den stillschweigenden Vorbehalt, den wir bei jedem von uns gesprochenen Wort machen können, die sogenannte reservatio mentalis. Das ist eine wirkliche, unmittelbar zu erlebende, keine nur scheinbare Freiheit, wie manche behaupten, weil sie die beiden entgegengesetzten Standpunkte nicht auseinanderhalten können. Wer freilich nach der ,wirklichen‘ Willensfreiheit fragt, ohne auf den eingenommenen Standpunkt Rücksicht zu nehmen, der verfährt nicht anders als jemand, der ohne nähere Erläuterung die Frage aufwirft, welche Seite dieses Saales ‚wirklich’ die rechte ist…

„Zusammenfassend können wir also sagen: Von außen betrachtet ist der Wille kausal determiniert, von innen betrachtet ist der Wille frei. Mit der Feststellung dieses Sachverhaltes erledigt sich das Problem der Willensfreiheit. Es ist nur dadurch entstanden, dass man nicht darauf geachtet hat, den Standpunkt der Betrachtung ausdrücklich festzulegen und einzuhalten. Wir haben hier ein Musterbeispiel für ein Scheinproblem. Wenn diese Wahrheit gegenwärtig auch noch mehrfach bestritten wird, so besteht doch für mich kein Zweifel darüber, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann sie sich zur allgemeinen Anerkennung durchringen wird.“

Bezogen auf die eingangs erwähnte Willensfreiheit-Debatte bedeuten Plancks Worte Folgendes: Die Hirnforscher müssen selbstverständlich voraussetzen, dass das menschliche Handeln und Wollen determiniert ist. Aber genau weil dieses eine Voraussetzung ihrer Forschung ist, kann der Beweis der Determiniertheit menschlichen Wollens gerade nicht das Ergebnis ihrer Forschung und erst recht nicht Ergebnis ihrer Experimente sein. Wenn die Hirnforscher also in Zukunft etwas mehr Mühe darauf verwenden, ihren eigenen Standpunkt zu verstehen, wird es sicherlich nicht mehr so viele lustige Beiträge zum Thema Strafrecht geben, wie wird das bisher von ihnen gewohnt sind. Aber das ist ohnehin nicht ihr Gebiet, sondern gehört zu einem anderen Bereich der der Wissenschaft, welcher (ganz anders als die Hirnforschung) den von Max Planck als „den inneren“ bezeichneten Standpunkt einnehmen muss.

Wem das zu einfach klingt, um wahr zu sein, der tröste sich damit, dass die Wahrheit immer einfach ist, wenn man sie erst einmal erkannt hat. Außerdem mag er sich damit trösten, dass der Vortrag für Laien verständlich sein sollte, und Planck deshalb auf einen umfangreichen philosophischen Apparat verzichtetet, der das Argument sehr viel länger, komplexer und für Akademikerohren sicherlich erst „wahrheitsfähig“ gemacht hätte. Wer nicht darauf verzichten kann, der sollte sich beispielsweise den Artikel „Kann es gehirnphysiologische Ursachen unseres Handelns geben?“ von Friedrich Kambartel (aus „Denkmaschinen? Interdisziplinäre Perspektiven zum Thema Gehirn und Geist“, 1993) durchlesen, oder „Willensfreiheit und die Autonomie der Kulturwissenschaften“ von Dirk Hartmann (in „Handlung Kultur Interpretation, 2000, Heft 1 Seite 66-103), oder „Einführung in die Messtheorie“ von Peter Jaenecke (insbesondere die Anwendungen in Kapitel 4.4). Dort wird auf die vielen philosophischen Strömungen und Geschmäcke, sowie die verschieden experimentellen Ansätze eingegangen. Letztendlich bleibt es aber bei dem, was Max Planck auch für Laien in so beeindruckend einfachen Worten sagte.

Schließlich sollten diese einfachen Worte ihres Namensgebers die Max-Planck-Gesellschaft veranlassen, in Zukunft mehr darauf zu achten, dass einige Herren am Fußende (anstatt die anderen Forscher am Kopfende für nicht existent oder irrelevant zu erklären) wissenschaftliche Arbeiten abliefern, die dem Anspruch des Namensgebers dieser Gesellschaft genüge tun, d.h. insbesondere, dass sie den eigenen Forschungsstandpunkt relativierend berücksichtigen, um sich auf diese Weise als für der Förderung durch diese Gesellschaft würdig zu erweisen.

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