Preussens Kulturblüte — Modell für heute? Ein Salonabend in der Akademie der Wissenschaften

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Ein Salonabend der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in der Mitte Berlins für fast 2000 Menschen − da denkt man an Großveranstaltung und nicht an Salon. Und doch ist es der Akademie der Wissenschaften zum dritten Mal in ihrem „Salon Sophie-Charlotte“ gelungen, mit Lesungen, Musik, wissenschaftlichen Vorträgen und Ausstellungen auf fünf Stockwerken so etwas wie eine Salonatmosphäre herzustellen. Auch bei Rahel Varnhagen war zu Zeiten der Andrang groß und der Raum eng. Am 19. Januar wurde sechs Stunden lang gelesen, musiziert und referiert − dieses Mal zum Thema Preußen. Und während ein öffentlicher Salon für 2000 Leute noch als Sensation erscheinen mag, dann gilt dies für das Thema Preußen wohl weniger. Allerdings hatte die Behandlung dieses Themas singulären Charakter und kündet eher von Neuem als von Vergangenem, vermittelt nicht simple bildungsbürgerliche Behaglichkeit, sondern Aufbruch und frischen Wind. Wer an dieser Stelle neugierig werden sollte, dem empfehlen wir: Weiterlesen.
von Frank Hahn


Dass seit zwei Jahren die Räume der Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt anlässlich des „Salons Sophie-Charlotte“ regelmäßig überquellen und selbst um Mitternacht noch viel Volk auf den Beinen ist, weist auf das offenbare BEDÜRFNIS nach einem Ort des zwanglosen und zweckfreien Austausches hin, an dem jenseits der Tagespolitik und der intellektuellen Einengung zwischen Kompetenz, Wettbewerb und globalem Markt Wissenschaft und Kunst als die eigentlichen Triebfedern des Menschen, die Erhalter und Erbauer seiner Seele auftreten dürfen. Im Sinne einer von Marktinteressen freien Wissenschaft und Kunst hätte man sich eine regere Beteiligung junger Menschen am Salonabend gewünscht. Dies war im vergangenen Jahr auch der Fall, als der Salon zum Thema „Europa und der Nahe Osten“ einlud. Dies war ein weltläufiges Thema, das dem Wunsch nach Ausgleich, Frieden und Verständigung, aber auch der Neugier auf immer noch Exotisches, dem Verstehen anderer Religionen, Kulturen und Sprachen entgegen kam. Aber Preußen? Das klingt womöglich für die Jugend arg deutsch und eng, angestaubt, bedrohlich-militaristisch oder lächerlich altbacken. Was wäre aber, wenn gerade Preußen als ein „multi-ethnischer Staat“ kulturelle Brücken gebaut hat, wenn gerade hier eine heute häufig ersehnte Synthese von Ästhetik, Wissenschaft und Kunst praktiziert wurde? Wenn also gewissermaßen in Preußen Antworten auf die heute zu beklagende Funktionalisierung von Wissenschaft und Kunst, auf die sich beschleunigende Brutalisierung des Arbeitslebens unter dem Zweiklang von „Kompetenz und Competitiveness“ gäbe? Vermutlich wäre die Überraschung groß. Der Titel des Abends wollte diesem konjunktivischen Ahnen Ausdruck verleihen. Er lautete „Kennen Sie Preußen − wirklich?“ Der Gedankenstrich wurde in allen mündlichen Beiträgen des Abends als mehr oder weniger lange Gedankenpause gehalten.

An dieser Stelle ist es nicht möglich, das sechsstündige Programm des Salonabends auch nur annähernd zu beleuchten. Man kann die Themen und Referenten auf der Website der Akademie der Wissenschaften www.bbaw.de nachlesen.

Zur Orientierung sei nur gesagt, dass der Präsident der Akademie, Prof. Günter Stock, die sechs Forschungsprojekte der Akademie der Wissenschaften, die unter dem Oberbegriff Preußen-Berlin seit dem Frühjahr 2007 mit großer Intensität erforscht werden, zunächst kurz vorstellte: Wilhelm von Humboldt, Alexander von Humboldt, Schleiermacher, Karl Philipp Moritz, Berliner Klassik, Preußen als Kulturstaat. Hier beginnt für den Klischee-Denker schon die Überraschung: kein Wort von Politik, Macht und Militär, stattdessen von Schöngeistern, Theologen, Wissenschaftlern − und von einem Kulturstaat!? Dieser Idee des Kulturstaats wollen wir im Folgenden beispielhaft an drei ausgewählten Vorträgen resp. Diskussionen des wissenschaftlichen Teils im Salonabend nachgehen.

Preußen ein Kulturstaat?

Prof. Wolfgang Neugebauer als Leiter des Projekts „Preußen als Kulturstaat“ hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für die neue Phase der Preußenforschung, die interessanterweise Ende der Achtzigerjahre parallel in der BRD und der DDR eingesetzt hatte. Die Öffnung der innerdeutschen Grenze gab der wissenschaftlichen Forschung dann einen weiteren Schub, da nun die Archive, Bibliotheken und Universitäten wieder zusammengeführt werden konnten. Die geschichtliche Bedeutung dieses Vorgangs ist nur zu ermessen, wenn man Neugebauers Ausführungen über die lange Zeit „unterbrochene“ Preußenforschung folgt. Es habe nur eine relativ kurze Phase wissenschaftlicher Preußenforschung zwischen etwa 1875 und dem Ersten Weltkrieg gegeben. Dabei sei vor allem die Struktur des Staates und seine wirtschaftlichen Grundlagen Gegenstand der Untersuchungen gewesen. Nach 1918 sei − wie so vieles im Zuge des ersten Kulturbruchs durch den ersten Weltkrieg − die Preußenforschung in eine schwere Krise geraten. In den Zwanzigerjahren gab es noch einmal für kurze Zeit einen Aufschwung dieser Forschung, der sich in den großen Namen Otto Hintze und Hermann Oncken widerspiegelte, bevor die Nationalsozialisten nach 1933 sehr zügig die Preußenforschung eingestellt hätten. Otto Hintze habe als Einziger an der Akademie gegen die Behandlung Einsteins protestiert. Daraufhin sei ihm 1938 ein Fragebogen vorgelegt worden, ob er „jüdisch versippt“ sei. Prof. Neugebauer: „Hintze beantwortet diese Frage mit Ja und schied aus der Akademie aus, in der Juden inzwischen Archivverbot hatten“. Die Teilung Deutschlands nach 1945 sowie ein − in Reaktion auf die Katastrophe von Faschismus und Krieg − häufig einseitiges Bild von Preußen als Militärstaat hätten die Forschung behindert und eingeengt, so Neugebauer. Inwieweit er mit dieser Behauptung recht hat oder nicht, steht hier im Moment nicht zur Debatte. Sein generelles Fazit ist sicher schwer zu wiederlegen: „Die Geschichte Preußens ist noch nicht ausgeforscht“!

Worauf wird sich und soll sich die neue Forschung nun konzentrieren? Ich möchte thesenartig Neugebauers Ausführungen zusammenfassen:

* Preußen als NICHT NATIONALER, MULTI-ETHNISCHER STAAT: Preußen sei ein „drastischer Fall“ einer nicht-nationalen, aber erfolgreichen Staatsführung, der niemals Zentralstaat war, sondern vom Rheinland bis Ostpreußen eine Fülle ethnischer Gruppierungen umfasste. Was hielt diesen Staat kulturell zusammen?

* Das preußische VERSPÄTUNGSPHÄNOMEN: wie konnte in einem bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts an Kultur, Kunst und Wissenschaft vergleichsweise armen Staat der Weg vom Militärstaat zum Kulturstaat gelingen ?

* Erste Phase des Kulturstaats: Förderung des Kunsthandwerks an Kunstschulen, die in jeder Provinzhauptstadt von Danzig bis Magdeburg, von Breslau bis Halle entstanden; der ÖFFENTLICHE DISKURS über Geschmacksbildung am Beispiel neuer, öffentlicher Bauten.

* Zweite Phase des Kulturstaates: Wilhelm von Humboldt und die Ästhetik im Zeichen des AUTONOMEN INDIVIDUUMS − Humboldt als Gründer der Berliner Universität und der Museumsinsel als Symbol für HUMANITÄT UND BÜRGERFREIHEIT.

* Dritte Phase des Kulturstaats: Ein zentrales Kultusministerium mit einer erstaunlich kleinen Bürokratie − der Staat als Organisator der KULTURELLEN DASEINSVORSORGE, aber nur als Organ eines sich entwickelnden Bildungsbürgertums. Wurde in puncto Kultur damals mehr diskutiert und ausgehandelt als heute? Müssen wir das simplistische Bild vom Obrigkeitsstaat korrigieren?

* Kultur und Bürgergesellschaft: die Durchlässigkeit der preußischen Gesellschaft und der Obrigkeit war vielleicht größer als angenommen. Viele Entscheidungen fielen in den Salons und nicht am Hof − Sinnbild für die sehr aktive und dynamische Schnittstelle zwischen Staatsführung und Bildungseliten ist das fruchtbare Wirken des Universalgelehrten Alexander von Humboldt. Die Achtung für Bildung und Wissenschaft reichten vom Bürgertum bis weit in die Arbeiterschaft und die Frauenbewegung hinein.

Dass es hier nicht nur um akademische Fragestellungen für historisch Interessierte geht, leuchtet sofort ein. Wie schon beim letzten Salon Sophie-Charlotte schimmert hinter dem Bemühen der Akademie um ernste und heitere Begegnung mit der Öffentlichkeit das Streben nach einem Neubeginn hervor. Im Falle der Preußenforschung brachte es Prof. Neugebauer auf den Punkt, als er davon sprach, die Forschung müsse heute an Otto Hintze anknüpfen, also an die wissenschaftliche Arbeit der Zwanzigerjahre! Dieser Hinweis wurde fast beiläufig aufgenommen, steckt in ihm doch eine psychologisch-politische Wahrheit, derer man kurz innewerden sollte, da sie völlig zu Recht nicht auf dem Marktplatz öffentliche hinausposaunt wird.

Neubeginn nach 60 Jahren

Ein Neubeginn ist 1945 nicht erfolgt, denn damals herrschte die „Stunde Null“. So lesen wir später Geborenen. Wir hören allerdings von Zeitzeugen, dass ein spontaner Neubeginn aus der Mitte der Bevölkerung schon im Sommer 1945 erfolgte, ein enthusiastischer Freudentaumel, mit dem die nicht nur körperlich, sondern auch geistig erschöpften und ausgehungerten Menschen in die rasch wieder eröffneten Theater und Konzertsäle strömten, um ihren Schiller, Shakespeare, Lessing, Beethoven, Schubert, Brahms, Bach usw. zu sehen und zu hören − also echte deutsche Kultur statt Barbarei und Propaganda. Nicht allen unter den Alliierten hat dies gefallen, denn die Deutschen sollten nicht einen Neubeginn im Sinne der Anknüpfung an eigenen große Kulturleistungen versuchen, sondern in einer Mischung aus Schuld, Sühne und Vergessen sich in die internationale Gemeinschaft einreihen.

Demokratie und Rechtsstaat sind wichtige Güter, denen wir seinerzeit teilhaftig wurden, aber die geistigen Auseinandersetzungen der ersten Jahrzehnte nach dem Krieg fanden meist ohne die großen Namen der Vergangenheit statt. Die intellektuellen Eliten im Land wurden von den Debatten und geistigen Kämpfen um den Existenzialismus eines Heidegger und Sartre, um die Studentenrevolte und die „kritische Theorie“ sowie schließlich die Ökologie-Bewegung absorbiert. Das war kein Neubeginn, das war ein sich immer intensiver beschleunigendes Vorantreiben des Diskurses ohne Blick zurück, man könnte fast schon von einem „panikartigen“ Davonlaufen sprechen. Nicht zuletzt standen diese Debatten unter dem Zeichen des kalten Krieges und der Systemkonkurrenz.

Wie wären die Diskurse und Auseinandersetzungen abgelaufen, wenn man Mut und Muße, Souveränität und Freiheit gehabt hätte, die Ideen eines Humboldt, Leibniz, Mendelssohn, Cassirer, Lessing, Rathenau, Lotze, in den Zeugenstand zu rufen. Nun soll nicht behauptet werden, es hätte überhaupt keine Referenzen an diese großen Köpfe der Vergangenheit gegeben. Dies geschah aber eher am Rande und als Teil eines beschaulichen Refugiums, dessen Vorräte man als aufgebraucht und daher aktuell nicht mehr verfügbar ansah. All denjenigen, die sich als Denker und politisch Handelnde in dieser notwendigen Zuspitzung der Dinge nicht wiederfinden oder übergangen fühlen, sei zugerufen: Ausnahmen bestätigen die Regel!

Worum es hier geht: man konnte nicht wirklich von Neubeginn reden, denn jedes neue Beginnen meint das erneute Aufgreifen eines vorher beendeten oder abgebrochenen Ideenstroms − entweder um ihn weiterzuentwickeln oder in eine neue Perspektive zu rücken und ihm damit eine Dimension hinzuzufügen. Eine Stunde Null bezeichnet aber gerade den Fall ins Nichts, ins Bodenlose, wo nichts mehr von den früheren Versuchen und Anstrengungen im geistigen Ringen um Wahrheit und künstlerischen Ringen um Schönheit vorzufinden ist. Ein Neubeginn kann niemals von null, sondern muss mindestens von „eins“ ausgehen. 60 Jahre nach der Stunde null leben wir inzwischen in der „Stunde eins“ eines Landes, das sich in den letzten 60 Jahren als demokratisch stabil erwiesen hat und wie kein anderes in mehreren Anläufen einer noch nicht beendeten Katharsis eine relativ sturmsichere Scheidewand zu totalitären und fundamentalistischen Denkformen aufgebaut hat.

Nun wird es uns bewusst, dass wir nicht ewig in der Stunde eins vor uns hinleben können in der „Bewältigung des Gewesenen“ und dem „Bewahren des Gegebenen“. Die Gestaltung der Zukunft braucht einen in mancher Hinsicht sogar zäsurhaften NEUBEGINN. 60 Jahre danach können wir durchaus den Schritt von Stunde eins zur zweiten Stunde wagen und also endlich an die Forschertradition der Zwanzigerjahre anknüpfen. Dies impliziert zweierlei: Neubewertung des Vergangenen und die Suche nach der Möglichkeit, große Ideen aus der Vergangenheit für Problemlösungen heute fruchtbar zu machen.

Königsberg als geistiges Zentrum

Hinsichtlich des ersten Punkts richtete der Historiker Klaus Garber einen Appell zur Schatzsuche an die Anwesenden. Es geht um das „versunkene“ Königsberg. Nicht erst durch Kant wurde es als geistiges Zentrum berühmt, sondern umgekehrt konnte Kant hier Wurzeln schlagen und die Früchte seiner Arbeit ernten, weil Königsberg schon seit 100 Jahren im Dreieck mit Dorpat und Memel als Brücke zwischen dem katholischen Ermland und dem protestantischen Baltikum zu dem wichtigsten Universitätsstandort und geistigen Zentrum des deutschen Nordostens avanciert war, so vermittelte es Garber. Die vollständige Auslöschung der Stadt Königsberg stelle an einen Neubeginn der Forschung ganz andere Herausforderungen als es in Berlin der Fall sei. Die Schätze zu heben, die seit 60 Jahren nicht mehr berührt werden konnten (!), ist ein gewaltiges Unternehmen, zumal offenbar in Königsberg selbst − also dem heutigen Kaliningrad − weder die Mittel noch die Institutionen oder das Personal dafür vorhanden sind. Also erging der Appell an die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Königsberg gewissermaßen zu adoptieren und sich der Schatzsuche zu widmen. Dies war ein unerwarteter, fast rührender Aufruf, der nochmal von anderer Seite die Dimension des Kulturbruchs zeigt, den das 20. Jahrundert uns hinterlasen hat. Welche Schätze werden in Bezug auf das geistige Zentrum Königsberg vermutet? Oder besser gesagt, welche Fragestellungen sind für uns heute möglicherweise von solcher Bedeutung, dass sich die „Expedition“ lohnt? Ist denn nicht zum Thema Immanuel Kant alles gesagt? Das Meiste gewiss, aber das Interessante an großen Denkern sind ja nicht nur ihre Ideen, sondern die Reibung an ihren Ideen! Und diese Reibung fand in Königsberg mehr statt als irgendwo anders − die für die weitere Entwicklung des Denkens fruchtbarsten Gegenstimmen zu Kants Kritiken kamen von den Königsbergern Hamann und Herder! Ohne Herders Antwort auf die Kritik der praktischen Vernunft sei Hegel nicht zu verstehen, so Garber. Und ohne Hamanns Idee der Wirksamkeit des göttlichen Logos im Menschen durch die Sprache sei Cassirers Philosophie der symbolischen Formen nicht denkbar, so Garber. Und bei Cassirers Schaffen wären wir schon wieder in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts und der Notwendigkeit eines Neubeginns nach dem erzwungenen Abbruch des Ideenstroms, denn Cassirer musste genauso wie der Preußenforscher Hintze Deutschland verlassen.

Preußen, Humboldt und Bologna − der Bogen vom Gestern zum Morgen

Kommen wir schließlich zum „echten Neubeginn“, zur Verknüpfung des Bandes, das die Geistesgeschichte uns zwischen gestern und morgen an die Hand gibt. Zu vorgerückter Stunde debattierte der Salon Sophie-Charlotte die Frage „Preußens Kulturblüte − ein Modell für heute?“ In der Stunde Null, und selbst am Beginn der Stunde eins, hätte solch eine Fragestellung entweder zu lauten Protesten geführt oder wäre als Kabarett-Nummer abgehakt worden. Zunächst ging es noch mal um die Kulturblüte in Preußen. Der australische Historiker Christopher Clark erwähnte die Faszination, die Preußen als Kultur- und Bildungsphänomen auf die englische Oberschicht Anfang des 19.Jahrhunderts ausgeübt hätte. Dass der Staat als Träger der Kultur in Erscheinung trat, sei etwas unerhört Neues gewesen. Clark wies auch auf die Imitation der Bachrenaissance in England hin, wie sie in Berlin von Felix Mendelssohn-Bartholdy eingeleitet worden war. Aber was können wir nun heute von Preußens Kulturpolitik lernen? Folgende Punkte wurden dazu in der Debatte zumindest gestreift:

* In den Ministerien saßen keine Verwaltungsjuristen, sondern Kunstexperten und Schulmänner. Und sie waren Teil eines breiten Netzwerks aus Wissenschaft und Kunst, das sich in den Berliner Salons traf. Fazit: Eine Kulturblüte gelingt nur, wenn sie in der Breite zivilgesellschaftlich getragen ist.

* Wilhelm von Humboldt gelang als hoher Beamter des preußischen Kultusministeriums zwischen 1809 und 1810 in der kurzen Zeit von nur 14 Monaten die völlige Neugestaltung des wissenschaftlichen und künstlerischen Lebens. Ausdruck dafür waren die Gründung der Universität und der Museumslandschaft auf der Spree-Insel. Fazit: Wissenschaft und Kunst müssen zusammen behandelt werden − ein eindeutiges Votum gegen den Ressort-Partikularismus!

Der Publizist und Historiker Gustav Seibt lieferte hierzu die Pointe, indem er die aktuellen kulturpolitischen Brandherde und Abrisshalden in die Debatte brachte: „Die Einheit von Wissenschaft und Ästhetik, umgesetzt in Politik, dafür steht Wilhelm von Humboldt. Das Kostbarste aus dieser Zeit, die Universität Humboldts, wird im Zuge des Bologna-Prozesses kaputtgemacht.“ Manch einem gefiel dies gar nicht, so auch dem Moderator Prof. Jürgen Kocka. Er war derjenige, der am Thema herumkrittelte und wiederholt die Verbindung zwischen Gestern und Morgen mit dem Hinweis „Aber Preußen war doch nicht demokratisch“ kappen wollte. Seibt fiel mit spitzer Klinge des Gedankens Kocka ins Wort: „Was hat Demokratie mit Kunst zu tun? Wollen Sie über ein Bild abstimmen lassen?“ Man könnte sagen, hier trafen die Vertreter der Stunde Null und der Stunde Zwei aufeinander. Dass diese Stunde geschlagen hat, und wir in ihrem Glockenschlag mit frischem Wind zu rechnen haben, wurde im abschließenden Statement Seibts deutlich, als er zum letzten Schlag treffsicher und zielgenau gegen Bologna ausholte: „Der Bologna-Prozess ist doch nur eine Karikatur der napoleonischen Kadettenschule. Im Zuge des Wahns und Scheins europäischer Kompatibilität verspielen wir das kostbarste Erbe Preußens. Was wir heute brauchen, ist wieder die NICHT NEO-LIBERALE LIBERALITÄT Humboldts!“

Hier war es nun ausgesprochen: die preußische Kulturpolitik als mögliche Antwort auf die Funktionalisierung von Wissenschaft und Bildung unter dem Diktat globaler Märkte. Hier bietet sich die Chance auf einen breiten Diskurs, der nötiger denn je erscheint: von Schillers ästhetischem Diktum, der Mensch sei nur Mensch, wenn er spielt, über Humboldts Ideal von „Einsamkeit und Freiheit“ bis zur preußischen Synthese von Kunst und Industrie, und zur einheitlichen − nicht zuletzt auch ästhetischen − Naturbetrachtung Alexander von Humboldlts verfügen wir über eine reiche Tradition von Gegenentwürfen zur schmalen Spur der heutigen Leistungseliten, die Wissenschaft als Mittel zur Effizienzsteigerung, Bildung als Hebel zur Wettbewerbsfähigkeit des Standorts sehen, aber den Menschen dabei vergessen.

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