Ist der Neoliberalismus am Ende ? Gedanken zum Dialog zwischen Staat und Zivilgesellschaft

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„Ein kleines Land kommt groß raus“, könnte man fast satirisch feststellen, seitdem das Fürstentum Liechtenstein Schlagzeilen im großen Steuerskandal macht, der uns vermutlich noch lange beschäftigen wird. Der moralische Ansehensverlust unserer Eliten wird zudem von einer Konsolidierung der Linken in Deutschland begleitet. Ist der Neoliberalismus als Ideologie am Ende, wie einige politische Beobachter mutmaßen ? Wie auch immer die Antwort darauf in der Folge ausfallen wird, geht Solon-Online der Frage nach, wie eine neue und tragfähige Balance zwischen transnationalen Konzernen, dem Staat und der Zivilgesellschaft in einem gesamtgesellschaftlichen Diskurs thematisch erarbeitet werden könnte. Wir würden uns freuen, wenn viele Stimmen sich an demselben beteiligten und laden ausdrücklich zu Kommentaren, Arbeitspapieren, Diskussionsbeiträgen ein, die auf unserer Website veröffentlicht werden können.

von Frank Hahn

 


Nachdem ein Teil der wirtschaftlichen Eliten in diesem Land der Steuerhinterziehung in großem Stil angeklagt und teilweise überführt werden konnte, schwillt das schon länger vernehmliche Grummeln angesichts der neuen sozialen Schieflage im Land zu einem lauter werdenden Chor an. Die Gier einiger nach dem Shareholder-Prinzip handelnder Manager hat den ehemaligen Botschafter der USA in Deutschland, John Kornblum, zu der Warnung veranlasst, dass im Gegensatz zu den USA hierzulande nun die Systemfrage gestellt werde. Und Eberhard Schleyer, seines Zeichens Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, ist besorgt über einen Rückfall in die Klassengesellschaft.

Die offenbare Nervosität bei den Repräsentanten des „Systems“ wirft die Frage auf, was mit diesem Begriff eigentlich gemeint sei ? Fast 20 Jahre nach dem sanglosen Untergang des Sozialismus ist die Erfahrung so frisch, dass sich dieser wahrlich nicht als Alternativmodell empfiehlt – selbst bei der Linkspartei nicht. Dass sich aber Wirtschaft und Gesellschaft in den letzten 10-15 Jahren von den Wesenszügen einer sozialen Marktwirtschaft entfernt haben, kann kein ernsthafter Beobachter mehr leugnen. Der soziale Abstieg der Mittelschichten, die Ausbreitung von Niedriglohnsektor und sog. Prekariat, das Auseinanderklaffen der sozialen Schere haben die Hoffnungen auf sozialen Ausgleich der 60er und 70er Jahre platzen lassen. Längst nähern wir uns englischen oder amerikanischen Verhältnissen, wo schon immer ein wesentlich raueres Klima des Existenzkampfes herrschte.

Was in den 80er Jahren als Thatcherismus oder Reaganomics seine Schrecken verbreitete, kommt nun landläufig und allgemeingültig als Neoliberalismus daher – und es ist offenbar dieses System, das in Frage steht, und um dessen Ansehensverlust die Wirtschaftseliten fürchten.

Wenn wir auf Deutschland blicken, dann wurden die „Systemzweifel“ zum ersten Mal bei der Bundestagswahl 2005 artikuliert. Eine damals noch offen neoliberal auftretende Angela Merkel erhielt das schlechteste Ergebnis für die CDU bei Bundestagswahlen – nach drei Jahren Neoliberalismus Schröderscher Prägung wollte die Mehheit der Wähler mit ihrer Stimmabgabe zumindest eine Verschärfung des Kurses verhindern. Außerdem gewann die Linkspartei mit acht Prozent der Stimmen plötzlich Gewicht in der politischen Debatte. Damals deuteten einige Beobachter diese Entwicklungen so, dass der Neoliberalismus seinen Zenit (als konsensfähige politische Ideologie) überschritten habe. Obwohl es nicht ganz einfach ist, mitten im sprudelnden und tosenden Gewässer die Richtung des Flusses zu bestimmen, geschweige denn den „Standort“ einer mehrfach verschlungenen, in Bewegung befindlichen Gegenwart zu bestimmen, ist der Versuch des selbstreflexiven Innehaltens nach dem Bekanntwerden der Steurhinterziehung bei Teilen der sich als Leistungsträger bezeichnenden Wirtschaftselite wichtig und sogar nötig. Solon-line sprach zu diesem Zweck mit diversen Beobachtern und Wissenschaftlern über ihre Einschätzung der Befindlichkeiten dieser Gesellschaft im Kontext der oben erwähnten Warnungen eines Kornblum oder Schleyer. Als Substrat der verschiedenen Äußerungen schälte sich als Arbeitshypothese heraus, dass der Neoliberalismus nun endgültig zu Grabe getragen werde. Diese These enthält eine pragmatische, eine strategische und eine philosophische Dimension.

Das pragmatische Durchhalten bis 2009

Der große Steuerbetrug dieses Winters kam zeitgleich mit dem Einzug der Linkspartei in zwei westdeutsche Landesparlamente sowie dem Vertrauensverlust in das Bankenwesen und das Finanzsystem, nachdem beide seit dem Ausbruch der US-Hypothekenkrise schwer Leck geschlagen sind. Börsianer warnen vor einem Linksrutsch in Deutschland, und die Parteien stehen bestürzt am Steilufer ihrer Prozenthürden und beobachten, wie ständig hier und da etwas wegbröckelt. Die SPD hat verstanden, dass sie nur mit einer deutlichen Abkehr vom Kurs der Agenda 2010 politisch überleben kann. Das setzt umgekehrt die CDU unter Druck, die Neoliberalen in den eigenen Reihen an die kurze Leine zu nehmen und ihnen ggf. sogar mal den Maulkorb zu zeigen. Deutlich sichtbar wurde dieser Strategiewechsel der CDU bei den kürzlich öffentlich ausgetragenen Differenzen zwischen Merkel und den führenden Vertretern der Wirtschaftsverbände. Ferner wird inzwischen von führenden CDU Politikern täglich betont, dass man sich als Partei der sozialen und nicht der freien Marktwirtschaft definiere. Ludwig Erhardts Diktum vom „Wohlstand für alle“ wird dabei regelmäßig bemüht. Angela Merkel geht aus all diesen Entwicklungen schon jetzt innerparteilich gestärkt hervor, und so wird sich die große Koalition in den nächsten eineinhalb Jahren ein sozialeres Profil geben, mit dem sie dann schließlich in die Zielgrade des Jahres 2009 einbiegen kann. Der Bundestagswahlkampf 2009 könnte unter diesen Umständen sogar spannend werden, denn eine zumindest verbale Abkehr von neoliberalen Kernthesen sollte Politiker unter Zugzwang setzen, einmal mit neuen Ideen aufzuwarten.

In der Zwischenzeit werden wir viel von staatlichen Investitionsprogrammen hören, wie schon jüngst zwei Wirtschaftsinstitute dies angemahnt haben; wir werden von der sozialen Verantwortung des Staates wieder mehr vernehmen und auch konkrete staatliche Rettungsmaßnahmen für angeschlagene Banken erleben. Das britische Beispiel der angekündigten Verstaatlichung des schwer Leck geschlagenen Kreditinstituts „Northern Rock“ kann zum Vorreiter in anderen Ländern werden. Also: aus ganz pragmatischen Überlegungen heraus werden die großen Partein jegliche neoliberale Parolen in den nächsten zwei Jahren sorgfältig in schweren Schränken oder Gefrierfächern verwahren, damit sie nicht ungewollt und im falschen Moment hervortrudeln. Gleichzeitig wird der staatliche Sektor seinen Einfluß leise und behutsam ausdehnen.

Die strategische Dimension

Das Aufkommen des Neoliberalismus und der Globalisierung im Sinne amerikanischer Hegemonie waren komplementäre Erscheinungen. Die Deregulierung der Finanzmärkte begann im Jahre 1971 mit der Aufkündigung der Vereinbarungen von Bretton Woods, während gleichzeitig die Vorrangstellung des Dollars sowie der von den USA dominierten Institutionen IWF und Weltbank gestärkt wurden. Mit dem Ende der Sowjetunion und dem Fall des Eisernen Vorhangs schien die amerikanische Form der Globalisierung unaufhaltsam, was der neoliberalen Agenda auch hierzulande einen erheblichen Schub gab. Letztlich basierte jedoch der sog. „Washington consensus“, d.h. die Unterordnung der weltwirtschaftlichen Akteure unter das Regime des IWF und der von US-Banken dominierten Finanzmärkte auf der militärischen Hegemonie der USA. Mindestens drei Elemente haben im Zuge der Jahre 2004 – 2006 zur unausgesprochenen Aufkündigung des Washington consensus geführt:

  • Der Mythos von der militärischen Handhabbarkeit von Krisenregionen wurde in Afghanistan und Irak schwer erschüttert.
  • Die fortgesetzten Krisen an den Finanzmärkten seit 2000 haben den IWF selbst in Mitleidenschaft gezogen und seine Möglichkeiten der Kreditvergabe eingeschränkt. Damit ist er auch politisch weitgehend zum zahnlosen Tiger geworden, den man nicht mehr zu fürchten brauchte. Die Aufkündigung der Zusammenarbeit mit dem IWF durch die Regierung Argentiniens stellte eine Zäsur dar und war symptomatisch für den Verlust an Einfluß.
  • Der rasante Aufstieg Chinas, Indiens, aber auch Brasiliens und Russlands (die sog. BRIC-Staaten) hat das strategische Gleichgewicht auf der Welt nachhaltig so verschoben, dass Hegemonie einer Seite zur Zeit unmöglich erscheint.

Die Folge ist eine wachsende Regionalisierung der Welt. Während ursprünglich das Konzept einer US-geführten Globalisierung durch die Entgrenzung der Finanzmärkte die globale hegemoniale Rolle eben dieser Finanzmärkte über Wirtschaft, Gesellschaft und Staat sichern sollte, sind paradoxerweise als Folge der größeren globalwirtschaftlichen Rolle der BRIC-Staaten diese als starke staatliche Akteure auf den Plan getreten, deren Position durch die Regionalisierung der Weltwirtschaft weiter gestärkt wird. Zudem ist seit dem Ausbruch der Finanzkrise in den USA im Sommer 2007 die Rolle der USA als Ankerplatz des weltweiten Kapitals erheblich geschwächt worden. Das Vertrauen in die selbstreinigenden Kräfte des Marktes ist schwer erschüttert, um nicht zu sagen verschwunden. Als Folge dieser nur grob angedeuteten strategischen Umschichtungen auf globaler Ebene wird die Rolle des Staates implizit und auf längere Sicht explizit deutlich gestärkt.

Die philosophische Suche nach dem gerechten Staat – obsolet oder aktuell?

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach Inhalt, Charakter und Grenzen des Staates erneut an Gewicht. Was jahrelang als obsolet erschien, nachdem sich der Staat in Erfüllung des neoliberalen Diktums aus weiten Teilen seiner ökonomischen und sozialen Verantwortung zurückgezogen hatte, wird nun wieder aktuell: die Frage nach dem gerechten Staat! Etwas salopp und polemisch überspitzt könnte man formulieren: Wo kein Staat ist, da brauchen wir nach seiner Gerechtigkeit nicht erst zu suchen.

Nun sprechen die Erfahrungen, die der Einzelne mit staatlichen Institutionen oder Repräsentanten macht, nicht gerade dafür, dass staatliche Bürokratien uns mehr Gerechtigkeit verheißen könnten als die transnationalen Konzerne. Einziger Trost könnte sein, dass der Staat sich zumindest nicht nach Rumänien verabschiedet. Während sich also transnationale Konzerne (TNKs) betrieblicher Mitbestimmung durch Flucht ins Ausland entziehen können, kann der Staat nicht einfach verschwinden, falls die Bürger ein größeres Maß an „Mitbestimmung“ artikulieren und einfordern würden. Natürlich kennt er Methoden der Eindämmung, der Manipulation und des gegenseitigen Ausspielens von Interessen, er kann korrumpieren und intrigieren und auch im extremen Fall Gewalt anwenden.

Andererseits braucht er die Bürger, er muß sich selbst immer neu legitimieren – ganz abgesehen davon, dass wir in einem Rechtsstaat über die weitere Kontrollinstanz des Verfassungsgerichts verfügen, die im komplexen Gefüge der Machtinteressen den Standpunkt des Rechts zu vertreten hat. Diese Bemerkungen sollen zweierlei hervorheben: Zum Einen sollen sie unterstreichen, dass die Vorstellung naiv wäre, ein gegenüber den Interessen der transnationalen Konzerne stärkerer Staat verspräche schon per se mehr soziale Verantwortung oder gar Gerechtigkeit. Zum anderen aber ist damit – ebenfalls nur sehr rudimentär – auf ein Phänomen hingewiesen, dass vor einigen Jahren der Berliner Politikwissenschaftler Dr. Reinhard Hildebrandt in seinem Buch „Globalisierung und Zivilgesellschaft“ erörtert hat. Hildebrandt untersucht darin eine sich permanent verändernde Dynamik der Wechselbeziehungen zwischen TNKs, Staat und Zivilgesellschaft. Man könnte verkürzt sagen, dass es zwischen diesen drei Akteuren eine ständige Neujustierung der jeweiligen Spielräume, Freiheiten und Abgrenzungen gibt.

Das durchaus komplexe Spiel zwischen Macht und Kompromiss, Ideen und Interessen, Überlistung und Partnerschaft auf jeder Stufe zu durchschauen, erfordert psychologische und philosophische Fähigkeit der Einfühlung. Insbesondere auf Seiten der sog. Zivilgesellschaft wird das Ringen um entsprechende Einsichten schon frühzeitig unterbunden, da die Mehrheit der Menschen und Institutionen schon gar nicht mehr an die Option der Partizipation ernsthaft glaubt. Wenn es jedoch nun wahr sein sollte, dass der Neoliberalismus zu Grabe getragen wird, dann ist keine Zeit zu verlieren. Dann gilt es, die Zivilgesellschaft wieder ins Spiel zu bringen; dann dürfen nicht länger Apathie und Lethargie als bleierne Abdeckplane auf den Lebensgeistern der Gesellschaft lasten. Dies könnte nämlich ein selbstbewussterer Staat missverstehen und zu stark werden.

Wenn wir einen „gerechten Staat“ wollen, der nicht nur soziale Verantwortung für das Ganze übernimmt, sondern zu einem andauernden Gespräch mit der Zivilgesellschaft über Ziele und Ausblicke der Gesellschaft von morgen veranlasst werden könnte, dann muß als erstes die Zivilgesellschaft gesprächsbereit sein. Und die theoretische Bereitschaft hierfür setzt zunächst ein Nachdenken über Inhalte und Themen eines breiten gesellschaftlichen Dialogs voraus. Es geht also bei dem Begriff Zivilgesellschaft nicht darum, dass Bürger als Lückenbüßer für fehlende staatliche Daseinsvorsorge eintreten sollen; es geht auch nicht um Bürgerinitiativen, die letztlich nur den politischen Parteien zuarbeiten oder als Protestbewegungen irgendwann doch wieder zu Parteien werden. Die viel größere Herausforderung an eine Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts wäre ein permanenter sokratischer Dialog um Bestimmung und Wesen des Menschen, um die Bürger im echten Sinn mündig und zu ernsthaften Partnern des Staates bei der diskursiven Suche nach Antworten zu machen.

Das mag auf den ersten Blick utopisch, idealistisch oder theoretisch klingen. Es ist aber nichtsdestoweniger der notwendige Kontrapunkt zum Niveau der gegenwärtigen Debatte. Denn der eigentliche Punkt des Versagens bei der Linken – oder anderen dem Neoliberalismus kritisch gegenüberstehenden politischen Bewegungen – ist die bei ihnen vorherrschende Beschränkung der Diskussion auf die Versorgung der Menschen statt über Wesen und Bestimmung des Menschen zu sprechen.

Hier begegnen sich eben Sozialismus und Neoliberalismus. Die Linke hat ihre Konzepte seit jeher auf die Analyse der „Produktionsverhältnisse“ reduziert. Der Mensch wurde als Ensemble gesellschaftlicher Kräfte genauso entpersonalisiert wie dies im Neoliberalismus gegenüber den Marktkräften der Fall ist. Die ursprüngliche Idee einer sozialen Marktwirtschaft kommt aber eben gerade nicht aus dem ökonomischen, sondern aus dem religiösen und philosophischen Bereich. Heute wird die Identität der Menschen jedoch wesentlich über das Ökonomische bestimmt. Wir definieren uns als Verbraucher, Kunden, Bewohner, Empfänger, Benutzer usw. Eine Banalisierung und Verdinglichung der Sprache beherrscht den Diskurs, in dem täglich verwendete und scheinbar selbstverständliche Begriffe zu ideenleeren Hülsen geworden sind – man denke an den medialen Dauerbeschuss durch Worte wie Wissensgesellschaft, kreative Klasse, Standortwettbewerb usw.

Der erste Schritt auf dem Weg zu einer Neujustierung des Verhältnisses zwischen Staat und Zivilgesellschaft (auch dies ein Begriff, der hinterfragt werden muß), betrifft die Klärung der Begriffe und der Dialog über Ideen einer zukünftigen, humaneren, gerechteren Gesellschaft, der seit vielen Jahren nur noch in ganz kleinen Nischen geführt worden ist. Wie möchten von Solon-line aus diesen Dialog bereichern und befördern. Wir beginnen hier mit einigen Themenschwerpunkten, die als Einstieg in den Diskurs dienen könnten.

Der „Themenpark“: Grundgesetz, Soziallehre und menschliche Arbeit

Es sind keine „neuen“ Themen, die angesichts der geschilderten Ausgangslage zur Erörterung anstehen. Sie sind jedoch teilweise in den letzten Jahren stark an den Rand des öffentlichen Diskurses gedrängt worden und somit fast „vergessen“. Zum anderen erfordern evtl. neue gesellschaftliche Realitäten auch neue Perspektiven und Anschauungsweisen, unter denen die „alten Themen“ gesehen und behandelt werden. Drei Themenkomplexe wollen wir zunächst aufgreifen:

I. Grundgesetz, Christentum, soziale Verantwortung und Breitenbildung: Aus der reichhaltigen deutschen Ideengeschichte der letzten 300 Jahre – der allgemeinen wie auch der politischen im besonderen – wollen wir stellvertretend drei Bezugspunkte aus dem 20. Jahrhundert herausgreifen, aus denen die Zivilgesellschaft für den Dialog mit dem Staat Anregung schöpfen kann.

Erstens: Das deutsche Grundgesetz von 1949 stellt an den Anfang die Menschenwürde: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung staatlicher Gewalt.“ Hier ist zu fragen, was die Gesellschaft heute unter Menschenwürde versteht. Ein Diskurs über diesen äußerst tiefgründigen Begriff aus Philosophie und Theologie ist angesichts der oben angesprochenen Hülsenhaftigkeit öffentlicher Wortgefechte dringlichst geboten. Ferner ist natürlich auf die ebenfalls bekannten Artikel des Grundgesetzes hinzuweisen, in denen die unveräußerlichen Menschenrechte (Art. 1), die soziale Verpflichtung des Eigentums (Art.14), die Verfasstheit als sozialer Bundesstaat (Art.20) sowie die Sorge für das Allgemeinwohl (u.a. Art.56) als unaufgebbare Ecksteine unserer gesellschaftlichen Ordnung erwähnt werden.

Zweitens: Bereits in den dunklen Jahren der Nazi-Diktatur ist eine tiefgehendere philosophisch-theologische Verankerung der sozialen Marktwirtschaft ausgearbeitet worden. Die Rede ist vom Kreisauer Kreis, in dem sich mit Moltke, Delp, York von Wartenberg, von Haeftgen, Gerstenmaier, Leber und vielen anderen ein bedeutender Teil der Widerstandsbewegung gegen die Nazi-Diktatur zusammenfand. In den wirtschafts- und sozialpolitischen Dokumenten des Kreisauer Kreises aus den Jahren 1942/43 erfuhren die Grundzüge einer sozialen Marktwirtschaft ihren Rückbezug auf die Ebene des Geistigen. Hier haben Menschen unter den erdrückenden Bedingungen der Diktatur und im Angesicht des tiefsten Falls der Menschlichkeit an einer Zukunftsvision gearbeitet, die ihnen persönlich die Kraft und die Hoffnung zum Weiterarbeiten gab. Ausdrücklich verlangen die „Kreisauer“ eine „Verbindung der theologisch-philosophischen und der sozialpolitisch-wirtschaftlichen Dimension der Gesellschaft“. Die Wirtschaftsordnung solle dem Ziel dienen, den Mensch zum Menschen zu machen. Unter Berufung auf die Sozialenzyklika Rerum novarum Papst Leos XIII. heißt es: „Nur die Fähigkeit, jede Schöpfung Gottes, insbesondere aber jeden einzelnen Menschen ernst zu nehmen, wird es ermöglichen, dieser Aufgabe (der Schaffung einer neuen, gerechten und effizienten Wirtschaftsordnung) gerecht zu werden.“ Als ein Ziel der Volkswirtschaft wurde die „nachhaltige Steigerung des Arbeitseinkommens unter Förderung der moralischen und körperlichen Kräfte des Volkes“ definiert. Die Kreisauer erkannten sehr richtig, dass die Sozialgesetzgebung allein den sozialen Frieden nicht herstellen könne; vielmehr sei die „Pflege des Gemeinschaftsgeistes“ im Sinne eines „personalen Sozialismus“ geboten, wie sie in der demokratischen Arbeiterbewegung und in den sozialen Kräften des Christentums verwurzelt seien.

Drittens: In diesem Kontext ist die andere Bewegung des letzten Jahrhunderts bemerkenswert, die nach dem ersten Weltkrieg unter dem Begriff „Neue Richtung“ als „Bewegung für Volksbildung“ hervortrat. Gebildete und sozial engagierte Männer wie Robert von Edberg oder Eugen Rosenstock-Huessy sahen die Notwendigkeit, nach dem Untergang der Welt des Bürgertums in den Jahren 1914-1918 den Bildungsbegriff neu zu fassen. Nicht nur geistliche oder akademische, sondern eine Bildung für das ganze Volk sei der Weg, die Zerrissenheit und Spaltung der Gesellschaft zu überwinden. Dabei ging es nicht um die Popularisierung der Wissenschaft, sondern den Aufbau vieler kleiner Arbeitskreise, in denen die ernsthafte Anstrengung erfolgen sollte, sich im gemeinsamen Gespräch über die geistigen Strömungen klar zu werden, Begriffe zu klären, eine gemeinsame Sprache zu finden. Man könnte beinahe von einem sokratischen Dialog der ganzen Gesellschaft miteinander sprechen. Nach Rosenstock-Huessy war das Schlimmste am Krieg nicht der Waffengang als solcher, sondern der Verlust der Sprache. Hier ist die Frage angebracht, was wir heute im Zuge fortschreitender Vermarktung von Kultur und Wissenschaft sowie in der Folge der neuen Spaltung unserer Gesellschaft an lebendiger Sprachfähigkeit schon verloren haben.

Bildung im echten Sinne statt der Züchtung von Funktionseliten, Verantwortung und Freiheit im christlichen Sinne statt rücksichtslosem Interessenegoismus sind Grundideen, die es erst in sorgfältiger wissenschaftlicher und sozialer Tätigkeit wieder zu erarbeiten gilt. Hier liegen die eigentlichen Wurzelen für eine dauerhafte Stärkung der Partizipation breiter Schichten der sog. Zivilgesellschaft sowie die Schaffung einer menschlichen Sozialordnung, die über eine angemessene Versorgung mit materiellen Gütern hinausgeht.

II. Die Würde der Arbeit: Vor Jahrzehnten wurde noch über die „Humanisierung der Arbeit“ debattiert. In Zeiten der sog. prekären Beschäftigungsverhältnisse wird unter dem Motto der Mindestlöhne im wesentlichen um eine höhere materielle Vergütung der Arbeit gestritten, Fragen zur Würde der Arbeit oder gar zu selbstbestimmten Arbeitsprozessen sind in den Hintergrund getreten. Nun ist es gar keine Frage, dass wir ein weiteres Abrutschen auf das Niveau eines Niedriglohnlands verhindern müssen, und dass nach zehn Jahren Stagnation bei Löhnen und Gehältern schon aus volkswirtschaftlichen Gründen beim Lohnniveau ein erheblicher Nachholbedarf besteht. Aber dies kann nur ein erster Schritt sein; gleichzeitig muß das Thema „Würde der Arbeit“ in den Fokus der öffentlichen Debatte gestellt werden. Denn wenn steigende Arbeitsanforderungen und wachsender Termindruck bei der Erfüllung der Aufgaben die Menschen krank macht, wenn die Grenzen zwischen privater und beruflicher Sphäre zunehmend verwischt werden, dann darf das nicht weiter tabuisiert werden. Im langen Nachhall der Ich-AG-Kampagne hat die „Selbstausbeutung“ der Menschen zugenommen. In den großen Unternehmen hat paradoxerweise gerade die Umsetzung der Humanisierung der Arbeit dazu geführt, dass „statt abstumpfender Fließbandarbeit die wachsende Eigenverantwortlichkeit der Beschäftigten innerhalb der Betriebe das Arbeitsklima durch innerbetrieblichen Konkurrenzkampf, Arbeitsplatzkonflikte und Mobbing-Praktiken erheblich verschlechtert hat“ (1). Aber wen sollen die dergestalt gebeutelten Arbeitnehmer ansprechen oder verantwortlich machen? Sie werden auf subtile Weise in das Bild des eigenverantwortlichen Sub-Managers hineinmanipuliert, und so identifizieren sie sich mit den Mechanismen des „globalen Wettbewerbs“, in dem sie sich behaupten zu müssen glauben. Diese mentale Selbstüberlistung führt in Verbindung mit der implizit immer mitschwingenden Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und dem sozialen Abstieg zu Sprachlosigkeit.

Wie ist aber die Forderung nach Partizipation einzulösen, wenn die seelischen Verletzungen zunehmen, wenn die Menschen erschöpft nach Hause kommen und dabei schon wieder unter dem Druck des nächsten Tages stehen ? Auf Dauer werden die solchermaßen geplagten und ausdruckslosen Menschen nicht mehr viel zur „Standortsicherung“ des Unternehmens beitragen können, weil sie viel zu früh Opfer des „burn-out-Syndroms“ oder anderer als Modekrankheiten verharmloster Leiden werden. Eine öffentliche Debatte über die Würde der Arbeit ist also dringend geboten.

III. Industrie, Kunst und Muße: Das altgriechische Wort für Muße heißt „Schule“. Ist also mit Müßiggang in Wirklichkeit der Schulbesuch gemeint? Wenn wir unter Schule das gemeinsame Lernen im Gespräch – in einem sokratischen Dialog – verstehen, die Schule als Ort zur Erprobung der eigenen Fähigkeiten ansehen, dann sollte diese Schule ein Ort der Muße sein, an dem frei von psychischem Druck und Nützlichkeitsdenken der Einzelne im Gespräch mit anderen seine schöpferischen Potentiale kennenlernen kann.

Das Gleiche gilt für die Arbeitswelt. In einem bemerkenswerten Beitrag in einer Architekturzeitung über die „Zukunft der Arbeit – Muse und Muße“ (2) wurde eine „kleine Utopie“ der Arbeit als otium (Muße) statt negotium (Geschäft oder eben „Nicht-Muße“) entworfen. Der Autor weist auf Schillers „Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen“ hin, in denen der klassische Dichter das berühmte Diktum formulierte, der Mensch sei nur dort Mensch, wo er spiele. Das freie Spiel mit Formen, Farben, Worten und Materialien war einst antikes und klassisches Ideal , aus dem im Preußen des frühen 19.Jahrundert die erste Phase der Industrialisierung erwuchs. „Aus Kunst wird Industrie“, hieß es damals. Und am Ende des Jahrhunderts, als allerdings schon längst die Entfremdung ihren Lauf genommen hatte, schrieb Max Maria Müller noch über die Poesie der Eisenbahnschienen. Die Idee der Industrie als ein Mittel zur sittlichen und geistigen Veredelung des Menschen, einer Verbindung aus Kunst und Industrie, unterlag schließlich den Gesetzen der Mechanisierung im Zeichen der Massenproduktion und der ersten Phase der Globalisierung vor dem ersten Weltkrieg.

In dem besagten Artikel wird auf das Freiheitspotential einer Gesellschaft hingewiesen, die aufgrund des technischen Fortschritts alle unmittelbaren Bedürfnisse zufrieden stellen kann. Nun ist dies schon bei den Nicht-Ökonomen Adorno und Marcuse vor 40 Jahren der berühmte Fehlschluß gewesen, dass sie den technischen Stand des späten 20. Jahrunderts als so ausgereift interpretierten, als ob von nun an das Reich der Freiheit beginnen könne. Armut, Hunger, Not und Elend sind zu Beginn des 21.Jahrhunderts jedoch in vielen Teilen der Welt größer als vor 40 Jahren. Und selbst in Europa und den USA sind wir von einer Überflußgesellschaft weit entfernt. Allerdings existiert das technisch-wissenschaftliche Potential, dass in diesem Jahrhundert die Gesellschaft höhere Freiheitsgrade erreicht. Genannt seien nur Stichworte wie Isotopen-Wirtschaft, Kernfusion, bemannte Raumfahrt und Medizintechnik als Schrittmacher neuer „industrieller Revolutionen“.

Diese Potentiale umzusetzen muß ein wachsender Teil der jungen Generation zu schöpferischen, erfindungsfreudigen Entdeckern, „Bastlern und Tüftlern“, Spielern auf höchstem Niveau gebildet werden. Dazu brauchen sie Muße! Als Folge könnte die tatsächliche „Mußezeit“ in der Gesellschaft insgesamt steigen, weil mit einem solchen Technologieschub die Mangelwirtschaft überwunden würde. Es wäre reizvoll, den Zusammenhang zwischen wissenschaftlich und künstlerisch anspruchsvollen Aufgaben wie z.B. den Einstieg in das Zeitalter der bemannten Raumfahrt von dem Aspekt her zu untersuchen, inwieweit das Motto der Frühindustrialisierung „Kunst wird Industrie“ eine Renaissance erleben könnte.

Ein gemäßigter Optimismus ist hier durchaus angebracht, denn das Vordringen in bisher völlig unbekannte Bereiche wie im Fall der Erkundung des Weltraums kann und darf niemals unter dem Zwang kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolgs stehen. Hier ergäbe sich also die Chance, die absolute Abhängigkeit von „Innovationen“ in unserer hochgepriesenen „Wissensgesellschaft“ von den Marktgesetzen zumindest zu relativieren.

Zusammenfassend ließe sich sagen: Bildung im echten Sinne statt der Züchtung von Funktionseliten, Projekte zur Erweiterung des Horizonts der ganzen Gesellschaft statt Innovationen zur kurzfristigen Steigerung der Rendite, Verantwortung und Freiheit im christlichen Sinne statt rücksichtslosem Interessenegoismus sind Grundideen, die es in sorgfältiger wissenschaftlicher und sozialer Tätigkeit wieder zu erarbeiten gilt. Hier liegen die eigentlichen Wurzelen für eine dauerhafte Stärkung der Partizipation breiter Schichten der sog. Zivilgesellschaft sowie die Schaffung einer menschlichen Sozialordnung, die über eine angemessene Versorgung mit materiellen Gütern hinausgeht.

Anmerkungen:

(1) Joachim Werner in Deutschlandradio Kultur vom 20.1.08 (Thema „Leistung“)

(2) Zeitschrift „Ach“, Dezember 2007

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