Jenseits von Partei und Parlament – W. Rathenaus „aufbauende Ideenpolitik“ in der „DG 1914“

Share

Prof. Sösemann Mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlichen wir hier diesen Aufsatz aus dem Jahre 1993. Es geht uns besonders um die Darstellung der weitgehend unbekannten „Deutschen Gesellschaft 1914“ und die herausragende Rolle, die Walther Rathenau in dieser Zeit im öffentlichen Leben gespielt hat. Prof. Sösemann ist heute geschäftsführender Direktor des Friedrich-Meinecke-Institutes in Berlin.

von Prof. Dr. Bernd Sösemann


Gesellschaften, Vereine und Klubs haben das politische, kulturelle und soziale Leben in Deutschland seit der Aufklärung wiederholt stark mitgeprägt. In Epochen politischer Verfolgung und Zensur – seien es die Jahre der Karlsbader Beschlüsse, des Sozialistengesetzes oder der nationalsozialistischen Diktatur – kommt Gesprächskreisen offiziellen oder auch informellen Charakters eine besonders hohe Bedeutung zu. Liegen jedoch keine ergiebigen Archivalien vor und fehlt es auch an persönlichen Nachlaßmaterialien, dann entziehen sich die verdeckten Aktivitäten dieser Art nahezu allen Rekonstruktionsbemühungen, da es sich ausschließlich um Kommunikationsgeflechte auf der Ebene des vertraulichen Gesprächs handelt, die aus einer Vielfalt von nicht schriftlich fixierten Verabredungen, Anregungen und Informationen bestehen.

Mit der Deutschen Gesellschaft 1914 ist einer der „Klubs“ benannt, für den eine derartige Situationsbeschreibung zutrifft. Zwar sind Programm und Satzung des Vereins nicht unbekannt geblieben, doch ließ sich aufgrund der bisherigen Überlieferung – es gibt keinen Nachlaß der Gesellschaft – die Vermutung schwerlich erhärten, daß den in unterschiedlichen Zusammenhängen und häufig erwähnten Vereinsaktivitäten eine überdurchschnittliche Bedeutung in Staat und Gesellschaft zuzumessen sei. Wegen der schnell wachsenden Mitgliedschaft, der Fülle an Veranstaltungen und dem Umstand, daß Einzelheiten einer langjährigen Entwicklung von der Wilhelminischen Ära über die Jahre der Weimarer Republik bis in die Turbulenzen nationalsozialistischer Vereinnahmung hinein fragmentarisch und somit zu ungenau waren, war eine klare Einschätzung nicht möglich.

Die Quellenlage verbesserte sich in den letzten Jahren erheblich, als in Bibliotheken und Archiven nicht länger nach Nachlaßresten der Deutschen Gesellschaft 1914 gesucht, sondern, ausgehend von den aufgefundenen gedruckten Mitgliederverzeichnissen, persönliche Nachlässe, Briefsammlungen, autobiographische Schriften und Tagebücher durchgesehen wurden. Diese Bemühungen rückten Walther Rathenau in den Mittelpunkt. Er trat der Deutschen Gesellschaft 1914 bereits in ihrer Gründungs- bzw. Entstehungsphase bei (Mitgliedsnummer 850), brachte seine Personalkenntnisse ein und spielte, zusammen mit Generaloberst Helmuth Graf von Moltke und Admiral von Holtzendorff, im Juli 1915 seinen Einfluß als Mitglied des vorbereitenden Ausschusses aus. Rathenau entwickelte im Klub alsbald eine auffallende Aktivität. Er umwarb potentielle Mitglieder, sorgte sich, wie aus einem Brief an Gerhard Hauptmann hervorgeht, um eine ihm genehme personelle Ausrichtung von Ausschüssen und Präsidium. Die Tagebuchaufzeichnungen von Harry Graf Keßler und Theodor Wolff lassen auch erkennen, mit welcher ungewöhnlichen Regelmäßigkeit Rathenau die Vortragsveranstaltungen und die gesellschaftlichen Abende der Deutschen Gesellschaft 1914 in den folgenden Jahren besuchte. Für zahlreiche Arbeitsessen, für ein Zweites Frühstück oder für Verabredungen mit Berlin-Besuchern bevorzugte er die zwanglose und intime Atmosphäre der Klubräume selbst dann noch, als während des letzten Kriegsjahrs die Qualität des Restaurationsbetriebs deutlich zu wünschen übrig ließ, wo es nämlich, wie einer der Besucher schrieb, „schrecklich nach Kabeljau riecht und wo man armselig für teures Geld ißt“.

Diese Bevorzugung tritt noch deutlicher hervor, wenn man bedenkt, daß Rathenau Mitglied zahlreicher Gesellschaften der unterschiedlichsten Art war. Doch der Deutschen Gesellschaft 1914 maß Rathenau offensichtlich eine besondere Bedeutung zu. Wie hoch er diesen Gesprächskreis und seine Wirkungsmöglichkeiten einschätzte, zeigte sich nicht zuletzt darin, daß er dort im Dezember 1915 erstmals über die langfristigen Bedeutungen seiner kriegswirtschaftlichen Erfahrungen vortrug. Er hat für seine damalige Rede und für zwei weitere Vorträge diesen exklusiven Zuhörerkreis bewußt gewählt, weil er meinte, der bereits klar artikulierten Kritik an seiner Tätigkeit für die Rohstoffversorgung am wirkungsvollsten vor diesem Forum entgegentreten zu können.

Diese Vorbemerkungen deuten an, daß es im Folgenden nicht vorrangig um ein biographisches Porträt im Rahmen einer gesellschaftlichen Vereinigung gehen soll, sondern vielmehr um die Skizzierung von politischen und gesellschaftlichen Kommunikations- und Wirkungszusammenhängen in einer Gesellschaft während eines engen Zeitabschnitts. Es sind die Jahre zwischen Kaiserreich und Republik, in denen Rathenau zusammen mit Gleichgesinnten für eine „aufbauende Ideenpolitik“ werben und eine Reform- und Umsetzungsstrategie diskutieren konnte. Am 23. Juni 1919 wird Rathenau übrigens resignierend an Peter Hammes in Göteborg schreiben, er befürchte, daß auch nach den revolutionären Ereignissen des Winters 1918/19 niemand die Absicht habe, eine derartige Politik gegen „das fruchtlose alte Partei- und Agitationswesen“ zu vertreten, sondern daß vielmehr in der deutschen Politik weiterhin das bekannte Streben nach Augenblickserfolgen vorherrschen werde, mit dem sich die Parteien von den Massen abhängig machten. In dieser Briefstelle klingt also das programmatische Ziel an, das Rathenau und seine Mitarbeiter bereits während des Ersten Weltkriegs in der Deutschen Gesellschaft 1914 favorisierten. Doch lassen sich derartige Einzelheiten und Zusammenhänge überzeugender darstellen und interpretieren, wenn Mitgliederstruktur, Organisation, Programm und Satzung dieses Klubs sowie seine Aktivitäten, Verbindungen und die zeitgenössischen Reaktionen untersucht worden sind.

I

Der Gründung einer gut vierhundert Mitglieder umfassenden Deutschen Gesellschaft 1914 – im folgenden DG – am 28. November 1915 im Pringsheimschen Palais in der Berliner Wilhelmstraße 67 ging eine mehrere Monate umfassende Vorbereitungsphase voraus. Von wem die Anregung für diese Gesellschaft stammte und welche Ideen, programmatische Zielsetzungen und Erwartungen sich ursprünglich mit ihr verbanden, ließ sich bisher nicht genau feststellen. Der Ursprung ist in der unmittelbaren Nähe der Reichsregierung zu suchen, der Anstoß eher im Umfeld von Persönlichkeiten wie Hans Delbrück, Albert Ballin, Theodor Wolff, Gerhard Hauptmann, Richard Strauss, Herbert Gutmann (Direktor der Dresdner Bank), Walther Rathenau, dem Industriellen Robert Bosch und dem umtriebigen, über gute Kontakte zur Regierung und zu Parteien verfügenden Publizisten Ernst Jäckh.

Alle Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die seinerzeit über die inhaltliche Konzeption nachgedacht haben, standen zumindest dem Reichskanzler Theodor von Bethmann Hollweg nicht fern, gingen in ihren Gestaltungsvorschlägen von einer ideellen Unterstützung durch die Regierung aus und sahen als eines der Hauptziele der DG an, die öffentliche Zustimmung zu dem seit dem August 1914 offiziell verfolgten politischen und militärischen Kurs auszudehnen und zu stärken. Vor diesem Hintergrund kam der Namensgebung des Klubs eine nicht geringe Bedeutung zu. Letztlich fiel die Entscheidung sowohl gegen die allzu situationsbedingte und auch zu militaristisch wirkende Benennung Schützengraben wie auch gegen die blasse Deutsche Gesellschaft ohne eine Erläuterung. Der Zusatz 1914 – übrigens nicht, wie so häufig falsch zitiert „von 1914“, denn die Gründung erfolgte ja erst Ende 1915 – sollte an das „August-Erlebnis“, die innere Geschlossenheit der Nation, erinnern, den Patriotismus der ersten Tage und Wochen wieder beschwören und damit stärker eine „Burgfriedensbereitschaft nach innen“ (Huber) anmahnen als eine im Krieg bereits zu leistende Vorbereitung der Friedenszeit.

[Dieses Werberundschreiben wurde von an der Gründung der DG beteiligten im Sommer 1915 an ausgesuchte führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verschickt. Hier ein Schreiben, das von Walther Rathenau verschickt und handsigniert wurde.]

dg1914_werbung_solon.jpg

(Quelle: Nachlaß Wichard von Möllendorff, Bundesarchiv Koblenz, Sign.: N 1158. Abgedruckt im Ausstellungskatalog: „Die Extreme berühren sich …“ im Beitrag von B. Sösemann, hier Seite 170.)

Die Mehrheitsmeinung drückte der erste Vorsitzende, der Staatssekretär a.D. im Reichskolonialamt Wilhelm Solf, in seiner Eröffnungsrede mit den Worten aus, die sich auch auf den Einladungsbriefen und in der Satzung wiederfanden: „Als der Krieg ausbrach (…), offenbarte sich in dem ganzen deutschen Volke eine Einheit im Denken und Fühlen, ein Bewußtsein der inneren Verbundenheit in Freud und Leid, das alle Bedenken, alle Sorgen beseitigte und die Gemüter mit der beseligenden Gewißheit erfüllte, gegen alle Schicksalsschläge gefeit zu sein und vor dem Morgen eines sittlichen und tatenfrischen Aufschwunges des deutschen Volkes von ungeahnter Größe zu stehen. (…) Ich wiederhole es: Den Geist von 1914 wollen wir erhalten! Das ist: Der Geist, der unser Volk beseelte, als es in diesen Krieg auszog, erfüllt von dem festen Willen, das Vaterland zu verteidigen, das Werk, das Erbe unserer Väter zu schützen und zu bewachen. (…) Die Wellen der Erschütterung, der Freude und des Leids werden sich nach dem Kriege wieder glätten. Die Deutsche Gesellschaft aber will den Acker, auf dem die Einheit erwachsen ist, weiter bestellen, damit er, auch ohne daß der Kriegspflug ihn zu durchfurchen braucht, für das Land segensreiche Frucht trage.“

Der Klub sollte zwar seinen Schwerpunkt in der Reichshauptstadt haben, aber seine personelle Basis im gesamten Reichsgebiet finden. Keine gesellschaftliche Gruppierung, kein Stand, keine Partei oder irgendeine Vertretung bestimmter Interessen durfte in ihm vorherrschen. Trotz dieser Grundsätze lag den Initiatoren der DG der Gedanke am nächsten, ihr Rekrutierungsfeld hauptsächlich im konservativ-nationalliberalen Spektrum zu suchen. Doch entstand aus dieser offenkundigen Favorisierung keinesfalls eine scharfe Abgrenzung oder gar eine enge parteipolitische Ausrichtung. Bis zum rechten Flügel der Sozialdemokratie reichte das Mitgliederspektrum. Die DG konnte sich demnach nicht als ein „politischer“ Klub im engeren Wortsinn verstehen. In den ersten werbenden Rundbriefen, die an relativ kleinen Kreis gesellschaftlich bedeutender Männer verschickt wurden, und auch in den später breit gestreuten Aufforderungen zum Beitritt findet sich die wiederholte ausdrückliche Bekundung, das man „KEIN politischer Klub“ sein und „noch weniger der Klub EINER politischen Partei oder einer abgegrenzten politischen oder sozialen Gruppe“ werden wolle. Es solle vielmehr in der DG die Möglichkeit „eines vorurteilsfreien und zwanglosen gesellschaftlichen Verkehrs (für) das Deutschland der Tat und des Gedankens von heute und morgen“ gegeben sein.

Jedes Mitglied der DG konnte Aufnahmevorschläge abgeben. Über die Mitgliedschaft entschied der Vorstand, der, wie das Präsidium und der mindestens fünfzigköpfige Gesellschaftsrat, von der Mitgliederversammlung gewählt wurde. Mindestens sechzig Reichsmark waren als Mitgliedsbeitrag zu entrichten; 1919 zahlte das Berliner Mitglied 200 Mark, das auswärtige 100 Mark jährlich. Leitende Aufnahmekriterien sollten Persönlichkeit, Leistung und Können sein, nicht jedoch Amt und Titel, Meinung und Konfession oder Vermögen. Obwohl die Satzung von 1915 die Obergrenze bei eintausend Mitgliedern fixiert hatte, zählte man 1916 bereits über 1200. Rathenaus Vorschlag, eher einen Klub der Hundert zu schaffen, wohingegen Moltke an eine große Gesellschaft mit Zweiggründungen im ganzen Deutschen Reich dachte, war zwar schon in der Vorbereitungsphase erfolglos geblieben, doch sollten seine Bedenken wenigstens dazu führen, daß in den folgenden Jahren die mitunter relativ starke Mitgliederschaft in Städten wie Dresden, Frankfurt am Main, Hamburg, Leipzig, München, Stuttgart und Wien nicht zur Gründung von Filialklubs führte.

Genauere Angaben über die Sozialstruktur der DG liegen nicht vor. Auf der Grundlage einer Zählung von 1925/26 (2155 Mitglieder; 855 außerhalb Berlins ansässig, davon 255 im Ausland) sind folgende Berechnungen möglich:

Höhere Beamte 295 = 13,7 %
(General-)Direktoren 285 = 13,2 %
Auswärtiges Am 214 = 9,9 %
Journalisten, Publ. 160 = 7,4 %
Juristen 153 = 7,1 %
Offiziere 149 = 6,9 %
Univ.-Professoren 96 = 4,5 %
Bankiers 87 = 4,0 %
Künstler 75 = 3,5 %
(Chef)redakteure 60 = 2,8 %
Ärzte 52 = 2,4 %
(Ex-)Minister 22 = 1,0 %
Bürgermeister 20 = 0,9 %
————————————————————–
Insgesamt: 707 verschiedene Berufe

Aus den vorhandenen Verzeichnissen – 1921 war mit 2809 Mitgliedern offensichtlich das Maximum erreicht: Anfang der dreißiger Jahre zählte man weniger als 1500 Personen – läßt sich eine Dominanz von Veteranen aus der höheren Beamtenschaft, des Bankwesens, der Industrie, des Handels und dem Militär herauslesen. Ebenfalls stärker repräsentiert waren Professoren, Journalisten, Verleger und Schriftsteller. Der Reichspräsident Ebert und die Reichskanzler Bethmann Hollweg, Michaelis, Hertling oder Fehrenbach gehörten übrigens ebenso der DG an wie Staatssekretäre und Minister oder der Oberbefehlshaber in den Marken, Gustav von Kessel, der erste Chef des Kriegspresseamts, Erhard Deutelmoser, und Gewerkschaftler wie Carl Legin und August Winnig, Parteipolitiker wie Eduard David und Albert Südekum von der SPD, Conrad Haußmann und Friedrich Naumann von den Fortschrittlichen, Matthias Erzberger und Konstantin Fehrenbach vom Zentrum, Eugen Schiffer und Gustav Stresemann von der Nationalliberalen Partei sowie Joachim von Winterfeld-Menkin und Konrad Freiherr von Wangenheim aus der Fraktion der Konservativen.

Im Verlauf ihres Bestehens änderte sich die äußere Struktur der DG geringfügig. Die folgende Skizze gibt die Grundzüge wieder und nennt die durch Einflußstärke und lange Amtszeit herausragenden Persönlichkeiten.

Vorstand:

Vorsitzende

Solf (1915-20)

Schiffer (1921-32)

Solf (1933-34)

3 stellvertretende Vorsitzende

u. a. Gutmann, Jäckh, August Müller,

Schriftführer, 1. und 2. stellv. Schriftführer, Schatzmeister und weitere zehn Vorstandsmitglieder (insges. also 18 Vorst.-Mitgl.), u. a. Fehrenbach, Arndt v. Holtzendorff, Rechenberg, Max Reinhard, Sering

Präsidium:

Ballin, Bosch, Groener, Gerhard Hauptmann, Hummel, Lerchenfeld-Köfering, Moltke, Müller-Jabusch, Payer, Popitz, Rathenau, Schwerin-Löwitz, Siemens, Richard Strauß, Südekum, Thyssen, Wermuth, Wilamowitz-Moellendorff

Gesellschaftsrat:

Dehmel, Deutelmoser, Eugen Diederichs, Erzberger, Samuel Fischer, Gleichen Rußwurm, Gwinner, Hofmannsthal, Harry Graf Kessler, Mosse, Payer, Prittwitz, Rathenau, Schacht, James Simon, Sobernheim, Treskow, Louis Ullstein, Max M. Warburg, Wölfflin.

Wirtschaftsausschuß:

Südekum, Dollhardt, Gutmann, Roy, Simolin

Büchereiausschuß:

Samuel Fischer, Kiepenheuer, Kippenberg, Kröner, Vollmoeller

Außerordentlicher Ausschuß:

6 Mitgl.: Vors., Schatzmeister und vier Präsidiumsmitglieder

Generalsekretär:

Major a. D. H. G. von Hanckwitz.

II

Ein Blick auf die Vorgeschichte der Gründung und den beteiligten Personenkreis erlaubt es, der DG noch etwas mehr Profil zu geben. In dem Maße, in dem die militärische Entwicklung im Spätherbst und Winter 1914/15 ungünstiger als ursprünglich angenommen verlief, gehörte es zum primären Interesse der Reichsregierung, einer schnell wachsenden Skepsis der offiziell verbreiteten Siegeszuversicht gegenüber möglichst in den Kreisen entgegenzuwirken, denen ein nicht unerheblicher Einfluß auf einen Großteil der Bevölkerung zugeschrieben werden durfte. Zusätzlich mußte es dem Reichskanzler darum gehen, seiner Politik der Diagonalen eine breitere inhaltliche Abrundung und eine größere positive Resonanz zu verschaffen. Das spezifische Interesse Theobalds von Bethmann Hollweg zielte damit auf eine Stärkung seiner verfassungs-, sozial- und wirtschaftspolitischen Reformpositionen in den internen Auseinandersetzungen mit den Konservativen, den Militärs und den Vertretern alldeutscher Interessen und annexionistischer Pläne in Parteien, Verbänden und Gesellschaften.

Besondere Bedeutung kam der Diskussion über Kriegsziele zu. Bereits im Sommer 1915 hatten sich mindestens 45 der späteren DG-Mitlieder an der Delbrück-Wolff-Dernburg-Denkschrift gegen die annexionistisch argumentierenden, an den Reichskanzler gerichteten Denkschriften der sechs größten Wirtschaftsverbänden vom 20. Mai und der Intellektuellen-Eingabe vom 8. Juli beteiligt. Besonders in den vertraulichen Unterredungen oder in Zwiegesprächen am Rand der Plenumsdebatten über einen möglichst eindrucksvollen Gegenentwurf hatten sich Übereinstimmungen im Grundsätzlichen ergeben. Dazu gehörten eine weitgehende Ablehnung von Annexionen, die Unterstützung des Bethmann Hollwegschen Reformprogramms und die Bereitschaft zu einem schnellen Verständigungsfrieden. In dem kleinen Kreis entschiedener Reformer um die Journalisten August Stein, August und Hermann Müller, Paul Lensch und Ulrich Rauscher fand der Vorschlag Theodor Wolffs, eine Gruppe zu bilden, „die ein nützliches Instrument“ werden könne, um in Zeiten der Zensur, des öffentlichen Diskussionsverbots über Kriegs- und Friedensziele, in Regierungskreisen, im Parlament und in begrenzter Öffentlichkeit vertraulich Ideen zu lancieren und Vorschläge zu unterbreiten, ungeteilte Zusammenstimmung.

Im Sommer 1916 ließ Solf im übrigen, vermittelt über den Ministerialdirektor Hammann, dem Reichskanzler die Unterstützung der DG in der Kriegszieldebatte ausdrücklich anbieten. Die DG sei bereit, Vorträge zum Thema zu veranstalten: „Aus den über diese Diskussionsabende zu führenden stenographischen Protokollen verspreche ich mir zum mindesten“, hatte Solf am 13. Juli gemeint, „eine wertvolle Unterstützung der Politik des Kanzlers nach der Richtung, daß er über die in den wichtigsten Kreisen des deutschen Volkes herrschenden Ansichten auf das Genaueste unterrichtet und dadurch in die Lage gesetzt wird, etwaige schiefe Auffassungen zu berichtigen.“

Die ausschlaggebende Rolle aber dürften die verfassungs- und sozialpolitischen Überlegungen im weiteren Umkreis der Reichsregierung gespielt haben. Es überrascht deshalb nicht, wenn man liest, daß Wolff für die von ihm in den Gesprächen des Sommers 1915 vorgeschlagene Gruppe den Namen „politische Gesellschaft von 1915“ in Erwägung gezogen hat. An die Stelle des direkten moralischen und emotionalen Bezugs auf das August-Erlebnis wären mit dieser Kennzeichnung die vorausweisenden, reformorientierten, die Wilhelminische Gesellschaft zu Ausgleich und Integration führenden Anstöße und Ideen des Jahres 1915 getreten. Denn mit der Erkenntnis, daß der Weltkrieg nicht binnen kürzerer Zeit zu beenden sein werde, hatten sich seit dem Winter 1914/15, insbesondere während der vorbereitenden Besprechungen auf die zweite Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses im Februar 1915 und die dritte Kriegstagung des Reichstags im März 1915 Regierung und Parteien in ungleich intensiveren Formen als zuvor bemüht, die Neuorientierungspolitik inhaltlich zu präzisieren.

deutschegesellschaft2_400_solon.jpg

Bildtext: Stehend: Herbert Guttmann, Staatssekr. Solf, Unterstaatssekr. Wahnschaffe, Bankdir. Salomonsohn; Bulg. Gesandter Rizoff, Staatssekr. Helfferich, Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg, (halb verdeckt) ….. (Person zwischen Rizoff und Solf konnte noch nicht ermittelt werden). Dieses Bild stammt von R. Sennecke und wurde in der „Berliner Illustrierten Zeitung“ Nr. 16, vom 21. Mai 1916, veröffentlicht. – Auch abgedruckt in B. Sösemanns Artikel in „Die Extreme berühren sich.“ Der Originalbildtext in der Zeitung lautete: Eine Ecke im Rauchzimmer des Klubs der „Deutschen Gesellschaft [von] 1914″ in Berlin am Tag des Empfangs der bulgarischen Gäste)

Ende Bildtext

Im Zentrum der Überlegungen zur Neuorientierung, wie sie von zahlreichen Verantwortlichen in der Regierung, im Parlament und in weiten Kreisen der Öffentlichkeit angestellt wurden, standen entschieden integrationspolitische Ideen. Diese Überlegungen basierten nur teilweise auf der vom Kaiser und seiner Regierung propagierten Maxime des Burgfriedens, also auf der Prämisse, daß bei existenzieller Bedrohung innere Gegensätze zugunsten der gemeinsamen Abwehr zurückzutreten hätten. Diesen Personenkreis einte vielmehr die Überzeugung, daß die kaiserliche Parole „Ich kenne keine Parteien, ich kenne nur Deutsche“ lediglich dann zu der erstrebten starken nationalen Einheitsfront mit nachdrücklicher Zustimmung von Sozialdemokratie und Gewerkschaft würde führen können, wenn der moralische Appell nicht einen Status quo stabilisierte, sondern vielmehr dazu diente, die konstitutionelle Monarchie entschiedener zu parlamentarisieren und ihre sozialstaatliche Struktur zu kräftigen. Diese reformwilligen Persönlichkeiten gingen deshalb gleichzeitig davon aus, daß die in militärischer, aber auch in politischer und sozialer Hinsicht bestehende Ausnahmesituation des Reichsbelagerungszustands und eine sich zunehmend schärfer auswirkende Militärdiktatur nicht einmal mehr mittelfristig werde akzeptiert werden können, wenn nicht Themen, Fakten und konkrete Kostenberechnungen einer Neuorientierung mit dem ernsthaften Willen zur Realisierung diskutiert würden. Da die beiden Hauptreformpunkte, die Parlamentarisierung der Reichsleitung und die Wahlrechtsfrage in Preußen, wegen der zu erwartenden ablehnenden Koalition von Konservativen, Monarch und Bundesrat noch nicht öffentlich in der nötigen Intensität behandelt werden konnten, mußten Aufklärung und Erkundungen über Verhandlungs- und Kompromißpositionen dringend erwünscht sein.

Entscheidend war die Tatsache, daß diese Denk- und Diskussionsprozesse ohne Beteiligung der Sozialdemokraten weitgehend wirkungslos bleiben mußten. Der Immediatbericht des preußischen Ministers des Innern Friedrich Wilhelm vom Loebell vom 22. November 1915 ging deshalb ganz konsequent von der Tatsache aus, daß sich die Regierung jetzt erstmals dieser großen innenpolitischen Aufgabe mit ernsthaften Chancen für eine überzeugende Lösung stellen könne: „Unabhängig jedoch von einer Einschätzung der sozialdemokratischen Macht und sogar ohne Rücksicht auf die wohl- oder übelwollende Haltung der sozialdemokratischen Fraktionen ist der Versuch der Eingliederung der Sozialdemokratie eines der großen Probleme, die der Krieg zu lösen aufgegeben hat.“

Für die Sozialdemokratie bot deshalb die Debatte über die Bewilligung des Kriegskredits einen willkommenen Anlaß, die Ankündigung des Reichskanzlers zu kritisieren, „den inneren Ausbau des Reichs im Geist der Freiheit“ (Philipp Scheidemann) erst in der Zeit nach dem Krieg vornehmen zu wollen. Zum Programm einer ‚Deutschen Gesellschaft von 1915‘ mußten konstruktive Konzeptionen gehören, die auf Reformen in der Kriegszeit hinzielten und die sozialdemokratischen – gemeint sind hier die reform-sozialistischen – und die gewerkschaftlichen Vorstellungen ebenso berücksichtigten wie die der Konservativen, die bislang Distanz zu den Plänen des Reichskanzlers hielten.

III

In der DG vertrat anfangs allerdings lediglich eine unbedeutende Minderheit die Meinung, man habe den Sozialdemokraten pragmatisch und offen entgegenzutreten und eine Innen- und Außenpolitik zu verfolgen, die die Gemäßigten nicht in die Arme der radikalen Sozialisten treibe. Deshalb hatten Personen wie Theodor Wolff, der ja zu den Initiatoren gezählt werden muß, der DG in ihrer Vorbereitungs- und Gründungsphase ablehnend und in den Anfangswochen auffallend distanziert gegenübergestanden. Selbst die politische Bemühung Solfs, Wolff zum Eintritt zu bewegen, scheiterte zunächst. Mitglieder wie der Alldeutsche Dietrich Schäfer, der zu den profilierten Betreibern der Konstituierung des annexionistischen Unabhängigen Ausschusses für einen deutschen Frieden gehörte, und sein politischer Kampfgefährte, der Berliner Altphilologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, hatten Liberale wie Wolff sich vorerst abwartend verhalten lassen.

Welche politischen Positionen in der Gründungsphase von Solf bzw. von dem vorbereitenden Ausschuß akzeptiert wurden, belegt ein Vorfall aus den letzten Tagen vor dem offiziellen Gründungstermin. Der Konservative Hans Graf von Schwerin-Löwitz hatte am 22. Oktober 1914 das Parlament mit einem Schlußwort zur „Läuterungsglut“ des Weltkrieges entlassen, in dem es geheißen hatte: „Manch unreine Schlacke, welche sich bei dem wachsenden Wohlleben unseres Volkes während einer mehr als vierzigjährigen Friedenszeit in den harten, edlen Kern unseres Volkstums eingefressen hatte, wird ausgeschmolzen werden.“ Auf Solfs Anfrage, ob er sich einer Wahl in der Präsidium der DG stellen werde, antwortete Schwerin-Löwitz (9.11.1915): Es existierte das Gerücht, die Gesellschaft werde u. a. den Zweck verfolgen, „FRIEDENSSTIMMUNG zu verbreiten – falls diese Meinung begründet sein sollte, müßte ich mich als Präsidiumsmitglied der Gesellschaft für durchaus ungeeignet halten. – Denn (…) die von Sr. Majestät dem Kaiser ausgegebene Parole des UNBEDINGTEN DURCHHALTENS“ (sei) noch immer die allein maßgebende.“ Immerhin hielt Schwerin Schwerin-Löwitz eine Mitgliedschaft für so erstrebenswert, daß er sich im Konfliktfall zwar nicht durch einen Sitz im Präsidium zu exponieren, im übrigen aber die Mitgliedschaft zu bekommen wünschte, und schließlich wollte er „das alles vertraulich behandelt sehen“. Der vorbereitende Ausschuß schloß den Vorgang übrigens mit einem förmlichen Votum über die Präsidiumsmitgliedschaft des Schwerin-Löwitz ab.

Die Aufnahme von Sozialdemokraten war allerdings im Hinblick auf integrationspolitische Intentionen eine Selbstverständlichkeit, ja eine Notwendigkeit. Wurde sie auch in der Folgezeit nicht ernsthaft in Frage gestellt, so provozierte Wilhelm II. doch gerade dieses Prinzip zu negativen Kommentaren. Er sprach „abfällig von deutscher Vereinsmeierei“ und bemerkte gegenüber dem Chef des Marine-Kabinetts, dem Admiral Georg Alexander von Müller, ein Staatssekretär dürfe nicht Vorsitzender „einer solchen Gesellschaft sein, zu der auch Sozialdemokraten gehören“ (15.4.1918). Als der ehemalige Landesdirektor der Provinz Brandenburg und Vorsitzende des Reichsausschusses für Kriegsbeschädigtenfürsorge, der konservative Politiker Joachim Ulrich von Winterfeldt-Menkin, den Berliner Polizeipräsidenten Traugott von Jagow zum Eintritt aufforderte, äußerte dieser seinem Freund gegenüber „grundsätzliche Bedenken, mit Sozialdemokratischen zu verkehren, solange die sozialdemokratische Partei sich nicht auf den Boden der Reichs- und Staatsverfassung stelle und bedingungslos das Kaiser- und Königtum anerkenne“.

Theodor Wolff gab seine Distanz erst auf, als im Winter und Frühjahr 1916 wiederholte Einladungen und die Unterhaltungen mit Deutelmoser, Naumann, Hugo Elsas, Brentano, Rathenau (17.1, 28.2.1916), Solf, Friedrich Rosen, Wolfgang Heine und Conrad Haußmann ihn hatten erkennen lassen, daß er sich mit einem größeren Mitgliederkreis in weitgehender Übereinstimmung über wichtige innen- und außenpolitische Fragen befand. Rathenaus Vortrag über Deutschlands Rohstoffversorgung hatte Wolff zwar zum ersten Mal als Gast in den Klub gelockt, doch ohne in seinem Tagebuch vom Redner und von den Zuhörern einen besonders positiven Eindruck zu notieren (20.12.1915). „Walther Rathenau hält dort einen Vortrag über „Rohstoffe“ – in Wahrheit über seine Tätigkeit als Gründer u. Leiter der Rohstoffabteilung im Kriegsministerium. Verdirbt sich den Eindruck seiner sehr interessanten Rede durch den fortwährenden Hinweis darauf, daß ohne ihn der Krieg nicht hätte länger als 6 Monate geführt werden können.“

Doch gerade mit Rathenau hat Wolff, dem die „selbstbewußte Ueberlegenheit“ seines Gesprächspartners gefiel (9.10.1916), zumeist kontrovers diskutiert. Es fällt auf, daß er jeweils ausdrücklich festhielt, ob Rathenau der gleichen oder einer abweichenden Meinung (17.1.1916) gewesen war. Bei den Auseinandersetzungen über eine Friedensresolution, über einen Verständigungsfrieden und über entschiedene Reformen in der zweiten Hälfte des Jahres 1917 ergab sich zwischen den beiden selten Einvernehmen. Unter dem 15. Oktober notierte Wolff nach einer offensichtlich heftig abgelaufenen Diskussion in seinem Tagebuch: „Im Klub, mit Rathenau, Heine, August Müller u. a. Rathenau erklärt, die Vaterlandspartei sei eine große Gefahr. Er meint, man solle nicht mehr gegen Annexionen sprechen, es sei töricht, sich zu opfern. Die anderen widersprechen. Streite mich mit Müller, der für Demokratisierung, aber gegen Parlamentarisierung ist. Sage ihm, er wisse offenbar gar nicht, was Parlamentarismus sei.“

Die reformorientierte „Fraktion“ in der DG artikulierte sich in den folgenden Jahren zunehmend stärker, nahm dabei Verbindungen mit anderen Gruppierungen auf, engagierte sich in weiteren Gesellschaften oder bei verschiedenen Petitionen. Das Hauptthema war die Wahlrechtsfrage in Preußen, die zur Rechtsgleichheit im Sinne des Reichstagswahlrechts führen mußte und für die ein Kompromiß auf der Ebene eines gestuften Wahlrechts nicht möglich schien. Zu den bereits genannten reformwilligen Journalisten stießen Sozialdemokraten, Fortschrittler und Liberale, der ehemalige Staatssekretär im Reichskolonialamt, Bernhard Dernburg, Robert Bosch und Walther Rathenau, aber auch Professoren wie Hans Delbrück, Adolf von Harnack, Lujo Brentano, Ernst Troeltsch, Hugo Preuss, Ferdinand Tönnies, Friedrich Meinecke und Hermann Oncken. Personelle und inhaltlich-konzeptionelle Verbindungen bestanden somit zur Freien Vaterländischen Vereinigung, zum Bund Neues Vaterland, zum Interfraktionellen Ausschuß des Reichstags, zum Volksbund für Freiheit und Vaterland, zum Holtzendorff-Tisch des Direktors der HAPAG, zu Hans Delbrücks Mittwochabend, zur Mittwochgesellschaft (Bassermann und L. Stein) und zum Deutschen Nationalausschuß für einen ehrenvollen Frieden. Über Südekum bestand Kontakt zu der im Juni 1916 in Berlin gegründeten pazifistischen Organisation Vereinigung Gleichgesinnter; Bosch finanzierte nicht nur die Organisation Hobohm mit, sondern auch den Volksbund für Freiheit und Vaterland.

IV

Ein vollständiges Verzeichnis der Vorträge und sonstiger Veranstaltungen kann zwar noch nicht zusammengestellt werden, doch lassen sich aus dem Überblick – es liegen rund 360 Nachweise vor – einige grundsätzliche Einsichten gewinnen. Mehr als dreißig gedruckte Reden erhöhen die Informationsdichte. Denn mit ihren Sonderdrucken oder Zeitungs- und Zeitschriftenpublikationen wollten die Klubmitglieder in der breiten Öffentlichkeit wirken – selbst noch in den Sonderfällen, in denen die Zensurbehörden das „freie“ Wort und die offene Diskussion im Klub nicht nach außen dringen ließen. Hatte Rathenaus erster Vortrag 1916 noch unzensiert erscheinen dürfen, so duldeten die Behörden seinen zweiten über Probleme der Friedenswirtschaft vom 18. Dezember 1916 in der Form einer Einzelschrift (Berlin 1917) nur mit zahlreichen Auslassungen, doch konnte trotz dieser Einschränkung wenigstens der Hauptteil seiner 75minütigen Ausführungen seinen „Weg vom Denken aus in weitere Kreise aus eigener Kraft finden“ (Brief an Felix Meyer, 23.2.1916). Als Rathenau zum dritten Mal vor dem Klub sprach, ging es ihm am 13. Juni 1922, elf Tage vor seiner Ermordung, um das unmittelbar bevorstehende Erscheinen der ersten Bände der diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes. Auch dieser Text wurde anschließend als Separatdruck verbreitet.

Rathenaus Themen gehören zu den am häufigsten behandelten Fragenkreisen. Die meisten wöchentlichen Vorträge bezogen sich auf die Innenpolitik des Deutschen Reiches, auf Verfassungsprobleme, Wirtschaft, Währung, Finanzen, Justiz und Kultur. In den ersten Monaten der Weimarer Republik kamen als spezielle aktuelle Themen Räteverfassung und Sozialisierungskonzepte hinzu. Die großen Berliner Zeitungen berichteten über die meisten der Veranstaltungen. Sieht man vom Jahr 1924 ab, als sich die DG in einer konzeptionellen und personellen Krise befand und außerdem noch von der Wilhelmstraße in die Schadowstraße umziehen mußte, riefen die Vorträge insgesamt ein lebhaftes Echo hervor. In der Endphase der Weimarer Republik waren sie trotz sinkender Mitgliederzahlen sehr gut besucht. Auch in dieser Zeit fanden sie, wie es in einem Rundschreiben des Generalsekretärs heißt, „stärksten Beifall“.

Die von einer derartigen Vereinigung ausgehenden Einflüsse, die Wirkungen der Vorträge oder sogar die der zahllosen Einzel- oder Gruppengespräche lassen sich nicht präzise abschätzen. In einzelnen Fällen können direkte Beeinflussungen aufgrund von entsprechenden Protokollen, von persönlichen Aufzeichnungen oder Bekundungen der Beteiligten nachgewiesen werden. Eine Fülle von Angaben und Hinweisen auf die Atmosphäre im Klub finden sich in den unveröffentlichten Teilen des Tagebuchs von Harry Graf Kessler. Als im Juli 1916 in Deutschland die Sorge über die Haltung Rumäniens wuchs und Engländer und Russen militärisch erfolgreich waren, notierte Kessler z. B. unter dem 20. Juli: „Die Nervosität hält an. Theodor Wolff, der Obermiesmacher, flüstert mir im Klub zu, daß es mit Rumänien schlecht stehe, daß die Engländer fast unerschöpfliche Reserven hätten; und macht dabei ein Gesicht, als ob er ein schlechtes Ei geschluckt hätte.“

Die Haltung und die Atmosphäre, in der kontroverse Themen im Klub zumeist erst einmal unverbindlich oder abtastend ventiliert wurden, geben eine kleine Bleistiftzeichnung von Emil Orlik vom 7. August 1916 und die inhaltlich darauf bezogene Tagebucheintragung Kesslers wieder. Die beiden Protagonisten, der württembergische Gesandte Axel Freiherr von Varnbüler von und zu Hemmingen und Keßler, zeigt Orlik in einem nachdenklich-vertrauten Zwiegespräch. Das Diarium berichtet von dieser Unterhaltung: „Abends in der D.G. langweiliger Vortrag eines Lübecker Professors über Wohnungsfrage. Nachher mit Axel Varnbüler gesprochen und ihm gesagt, ich hätte neulich Westarp geneigt gefunden, eine Sachverständigenkommission (Bankiers, Industrielle, Kaufleute, genaue Kenner Englands) von etwa 6 bis 8 Leuten in der U-Boot Frage anzunehmen. Ich sagte, vielleicht ließe sich hierauf Etwas aufbauen, eine Brücke zwischen Reichskanzler u. Konservativen. Was er, Varnbüler, dazu meine? – V. verhielt sich weder ablehnend noch zustimmend, sondern sehr diplomatisch reserviert. (…) Varnbüler blieb bei einem höflichen Skeptizismus, tat aber so, als wolle er sich die Sache überlegen und mir später Antwort geben.“

Für Walter Rathenau kann festgehalten werden, daß er mit einem außerordentlich starken Interesse und in zwar nicht gleichbleibender Weise, aber doch in großer Häufigkeit in der DG die spezifischen Gesprächs-, Informations- und Diskussionsmöglichkeiten aus „erster Hand“ genutzt hat. Über engere Partei- und gesellschaftliche Grenzen hinaus hat er mit Persönlichkeiten auch „zwischen den Fronten“Kontakt gepflegt, mit denen er andernfalls wegen der kriegsbedingten Einschränkungen nicht in dem gleichen Umfang und in einer ähnlichen Intensität hätte kommunizieren können. Der Journalist Gustav Mayer stellte lapidar fest, in der DG sei es möglich, zuverlässig zu erfahren, „was hinter den Kulissen vorging“. Als Rathenau am 16.11.1918, dem Tag des Gründungsaufrufs für die Deutsche Demokratische Partei eine politische Sammlungsaktion begann, befanden sich unter den mehr als einhundert Unterzeichnern seines Aufrufs nahezu ausschließlich Mitglieder der DG. In der Mehrheit waren es Gelehrte und politische Publizisten, mit denen Rathenau seinen Demokratischen Volksbund errichten wollte, so „daß die Wurzeln des geistigen und wirtschaftlichen Lebens im großen Wandel der Dinge, den wir gutheißen, nicht Schaden leiden, sondern neue Kraft gewinnen“. Nach dem Scheitern dieses kurzlebigen Versuchs am 26. November fand Rathenau über liberale Politiker und Publizisten der DG den Weg in die DDP – nicht zuletzt mit der Hoffnung, schrieb er an Bosch am 27. November 1918, daß diese Partei es als ihre Aufgabe ansehen werde, den „sozialen Idealismus ins Bürgertum zu tragen und ihn in der Arbeiterschaft, soweit sie zugänglich ist, zu bekräftigen“.

zeichnung_solon.jpg

Bild links: Die im Text erwähnte Bleistiftzeichnung von Emil Orlik vom 7. August 1916.

Hinweise

Wegen der Vielzahl und breiten Streuung der Quellen wurde auf Anmerkungen im Text verzichtet. Die wichtigsten Archivalien, Nachlässe, Editionen, Zeitungen, Erinnerungen und Darstellungen sind hier aufgeführt. Für die weitere Literatur siehe die Bibliographie:

Amtsgericht Charlottenburg: Deutsche Gesellschaft 1914,

Landesarchiv Berlin

Nachlaß Konrad Adenauer, Stadtarchiv Köln

Nachlaß Carl Becker, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin

Nachlaß Herbert M. Gutmann, Bundesarchiv, Abt. Potsdam

Nachlaß Conrad Haußmann, Hauptstaatsarchiv Stuttgart

Nachlaß Harry Graf Kessler, Deutsches Literaturarchiv, Marbach

Nachlaß Friedrich Meinecke, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin

Nachlaß Helmuth Graf Moltke, Bundesarchiv/Militärarchiv, Freiburg im Breisgau

Nachlaß Wilhelm Solf, Bundesarchiv, Abt. Koblenz

Nachlaß Theodor Wolff, Bundesarchiv, Abt. Koblenz.

Berliner Tageblatt und Handelszeitung, Berlin 1914-1922

Brocke, Bernhard vom: „Wissenschaft und Militarismus“. Der Aufruf der 93 „An die Kulturwelt!“ und der Zusammenbruch der internationalen Gelehrtenrepublik im Ersten Weltkrieg. In: W. M. Calder u. a. (Hg.): Wilamowitz nach 50 Jahren, Darmstadt 1985, S. 649-719.

Döring, Herbert: Der Weimarer Kreis. Studien zum politischen Bewußtsein verfassungstreuer Hochschullehrer in der Weimarer Republik (=Mannheimer Sozialwissenschaftliche Studien, Bd. 10), Meisenheim am Glan 1975

Grotjahn, Alfred: Erlebtes und Erstrebtes. Erinnerungen eines sozialistischen Arztes. Berlin 1932 (enthält auch Tagebuch-Aufzeichnungen)

Mayer, Gustav: Erinnerungen. Vom Journalisten zum Historiker der deutschen Arbeiterbewegung. Zürich 1949

Mitglieder-Verzeichnis der Deutschen Gesellschaft 1914. Berlin 1916; dass., ebd. 1917; dass., ebd.: 1918; dass., ebd. 1921; dass., ebd. 1925., dass., ebd. 1927. – Außerdem noch diverse „Nachträge“ zu den einzelnen Verzeichnissen.

Moltke, Heinrich von: Erinnerungen, Briefe und Dokumente 1877-1916. Ein Bild vom Kriegsausbruch, erster Kriegsführung und von der Persönlichkeit des ersten militärischen Führers des Krieges. Herausgegeben von Eliza von Moltke. Stuttgart 1922.

Schäfer, Dietrich: Mein Leben. Berlin 1926

Schellenberg, Johanna: Deutsche Gesellschaft 1914 (1915-1934). In: Dieter Fricke u. a. (Hg.): Die bürgerlichen Parteien in Deutschland. Handbuch der Geschichte der bürgerlichen Parteien und anderer bürgerlichen Interessenorganisationen vom Vormärz bis zum Jahre 1945. 2 Bde., Leipzig 1968; hier: Bd. 1, S. 378-380 (Die 2. Auflage erschien in 4 Bänden, doch blieb der Artikel über die DG nahezu unverändert)

Schiffer, Eugen: Ein Leben für den Liberalismus. Berlin 1951.

Sösemann, Bernd: Politische Kommunikation im „Reichsbelagerungszustand“. Programm, Struktur und Wirkung des Klubs Deutsche Gesellschaft 1914, in: M. Brobowsky/W. R. Langenbucher (Hg.): Wege zur Kommunikationsgeschichte (=Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft, Bd. 13), München 1987, S. 630-649.

Solf, Wilhelm: Rede zur Gründung der Deutschen Gesellschaft 1914, Berlin 1915.

Weidmüller, Helmut: Die Berliner Gesellschaft während der Weimarer Republik. Diss. Phil. Freie Universität Berlin 1956 (ms.)

Winterfeld-Menkin, Joachim von: Jahreszeiten des Lebens. Das Buch meiner Erinnerungen. Berlin 1942

Wolff, Theodor: Tagebücher 1914-1919. Der Erste Weltkrieg und die Entstehung der Weimarer Republik in Tagebüchern, Leitartikeln und Briefen des Chefredakteurs am „Berliner Tageblatt“ und Mitbegründers der „Deutschen Demokratischen Partei“. Eingeleitet und herausgegeben von Bernd Sösemann (=Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd. 54) 2 Bde. Boppard am Rhein 1984.

Erstveröffentlichung in: Walther Rathenau 1867-1922 – Die Extreme berühren sich. Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Zusammenarbeit mit dem Leo Baeck Institute, New York. Zeughaus, Berlin, 11.11.1993 – 8.2.1994. Herausgegeben von Hans Wilderotter. Hier Seite 169 bis 178

Der Einband des Ausstellungskatalogs

Link zu Prof. Sösemann am Friedrich-Meinecke-Institut

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag wurde beendet.