Es geht um Moses Mendelssohn! Die Bedeutung der Jubiläumsausgabe für gestern und morgen!

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Eva Engel mit ihrem Verleger Moses Mendelssohn, der „Sokrates“ der europäischen Aufklärung, wäre in diesem Jahr 280 Jahre alt geworden, wenn man sein wahres Geburtsdatum zur Grundlage nähme, das die Mendelssohn-Forscherin und Herausgeberin seiner Werke, Prof. Eva Engel-Holland (im Bild links zusammen mit dem Verleger Günther Holzboog im September 1999 im Vorgarten des Lessing-Hauses in Wolfenbüttel), anhand ihrer Studien rekonstruieren konnte. Und im nächsten Jahr ist es 80 Jahre her, dass die Editierung der Jubiläumsausgabe der gesammelten Werke Mendelssohns zu seinem 200. Geburtstag begonnen wurde, da man seinerzeit noch von 1729 als Geburtsjahr ausging. Durch die Nazi-Diktatur, den Krieg und seine Folgen lag dieses umfassende Projekt der Editionsgeschichte 33 Jahre auf Eis, bevor im Jahre 1971 das in den 30er Jahren unterbrochene Vorhaben wieder aufgegriffen wurde. Nun droht allerdings – quasi auf den letzten Metern – dieses Projekt an der Uneinsichtigkeit des Verleger-Erben zu scheitern. Solon sieht sich dem Erbe der jüdischen Aufklärung und ihrer Rolle in der deutschen Kulturentwicklung besonders verpflichtet und möchte hiermit an den Verlag sowie die breitere Öffentlichkeit appellieren. Um das Lebenswerk der Herausgeberin der Mendelssohn-Werke, Prof. Eva Engel-Holland, vor dem Hintergrund der tragischen Geschichte des 20.Jahrhunderts besser zu verstehen, führte Solon ein Hintergrundgespräch mit Frau Prof. Engel-Holland (auf dem Bild mit dem Verleger Günter Holzboog).

von Frank Hahn

 


Im Jahre 1929 (!) wurde der 200jährige Geburtstag des Sokrates des 18. Jahrhunderts und großen jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn ehrenvoll begangen. In seinem Geburtsort Dessau wurde die „Moses Mendelssohn-Stiftung zur Förderung der Geisteswissenschaften“ gegründet. Ziel dieser Stiftung war die Förderung von Forschungsprojekten, die im Lichte des Wissens und Wirkens Moses Mendelssohns neue Gebiete in Geistes- und Naturwissenschaften erschließen würden. Im Kuratorium der Mendelssohn-Stiftung waren berühmte Namen der jüdisch-deutschen Intelligenz versammelt, u.a. Albert Einstein, Max Planck, die Bankiers Mendelssohn, Walter Gropius, Hugo Junkers, Max Liebermann und andere. Das erste Projekt der Stiftung war die Jubiläumsausgabe der gesammelten Werke Moses Mendelssohns, denn seit 1845 war keine sorgfältig editierte Werkgesamtausgabe erschienen. Schon bald geriet dieses Projekt in den Strudel der kulturellen Barbarei unter den Nazis. Bis 1938 konnten lediglich sieben Bände erscheinen, bis die Arbeit der Herausgeber jäh gestoppt wurde.

Erst 33 Jahre später wurde unter der Leitung des Bostoner Wissenschaftlers Alexander Altmann die Arbeit an der Jubiläumsausgabe wieder aufgenommen, seine engste Mitarbeiterin war die Germanistik-Professorin Eva Engel-Holland, die nach dem Tode Altmanns im Jahre 1987 Generalherausgeberin wurde.

Frau Prof. Engel-Holland setzt sich gegenwärtig u.a. auch für die Neugründung der Moses Mendelssohn-Stiftung zur Förderung der Geisteswissenschaften ein. Sie schreibt dazu: „Die Breite und Tiefe des Mendelssohnschen Denkens ist wegweisend auch für unsere Zeit. Er hat die verschiedenen Wissensgebiete in ihrem inneren Zusammenhang gesehen …eine Mendelssohn-Stiftung zur Förderung der Geisteswissenschaften wäre heute als öffentliches Forum für die Debatte und zur Verständigung zwischen Geisteswissenschaft und Wirtschaft, Politik und Kultur dringend notwendig.“

Die kulturpolitische Bedeutung Moses Mendelssohns

Eva Engel-Holland hat in den letzten 37 Jahren für Moses Mendelssohn gelebt, dessen Werke sie mit leidenschaftlicher Intensität und wissenschaftlicher Akribie wie niemand zuvor gesichtet, eingeleitet, kommentiert und zusammengestellt hat. Im Laufe der Jahre ist die Jubiläumsausgabe auf 38 Bände plus 4 Registerbände angewachsen. Zu Lebzeiten des Verlegers Günter Holzboog sind 34 Bände veröffentlicht worden, seit seinem Ableben im Jahre 2003 stockt die weitere Edition, da sein Sohn Eckhart Holzboog bisher keinerlei Interesse an der Herausgabe der noch unveröffentlichten restlichen 8 Bände gezeigt hat. In diesen Bänden sind neben dem Register, das für die wissenschaftliche Arbeit mit dem Werk unerlässlich ist, die selten erwähnten mathematischen Schriften Mendelssohns enthalten sowie Briefe und unveröffentlichte philosophische Schriften. Nach vier Jahren des Schweigens und Mauerns auf Seiten des Ekhard Holzboog hat sich die Generalherausgeberin Prof. Engel an Bundespräsident Köhler mit der Bitte gewandt, sich im übergeordneten kulturellen Interesse Deutschlands zu dem Vorgang zu äußern. Zum besseren Verständnis sei nur erwähnt, dass die blockierende Haltung Holzboogs keine finanziellen Gründe hat.

Der Solon-line-Redaktion liegt der Brief der zuständigen Referatsleiterin aus dem Bundespräsidialamt in dieser Sache vor. Unter dem 6. November 2007 schreibt Frau Antje Siebenmorgen an Herrn Holzboog: „Der Herr Bundespräsident hält die vollständige Publikation der vor bald 80 Jahren begonnenen Jubiläumsausgabe des bedeutenden Philosophen und Aufklärers Moses Mendelssohn kulturpolitisch von großer Bedeutung und würde es sehr begrüßen, wenn er von den Gründen erfahren könnte, die einer abschließenden Herausgabe entgegenstehen. Könnten Sie eine dementsprechende Stellungnahme veranlassen ?“

In der Tat ist das Thema – wie die Herausgeberein Prof.Engel immer wieder betont – nicht eine private Auseinandersetzung zwischen Verleger und Herausgeberin, sondern es geht um Moses Mendelssohn, und es geht mit ihm um uns als Kulturvolk. Wenn manchem dieser Begriff antiquiert erscheinen mag, so sei darauf hingewiesen, dass es ohne Mendelssohn keine deutsche Klassik gegeben hätte und wohl kaum den ungeheuren Aufschwung in den verschiedensten Bereichen der Wissenschaften, der in den jüdischen Gelehrten des 19. und 20. Jahrhunderts seinen Anfang und sein Ende fand. Die Blüte in Philosophie, Literatur und Wissenschaft zu Beginn des 20.Jahrhunderts kann als zweite jüdisch-deutsche klassische Periode gesehen werden, denn es lässt sich kaum ein Intellektueller, Künstler oder Wissenschaftler von Rang und Niveau aus dieser Zeit nennen, der nicht jüdische Wurzeln gehabt hätte. 1933 fand diese Blüte dann ihr abruptes und brutales Ende. Auch vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass der Verlegersohn Ekhard Holzboog bisher dieser Bitte des Bundespräsidenten nicht nachgekommen ist.

Zum Verständnis der kulturpolitischen Bedeutung Moses Mendelssohns zitieren wir Leo Baeck, der den Vater der jüdischen Aufklärung trefflich charakterisiert hat:

„Mendelssohn hat es vollbracht, dass er in wenigen Jahren es vermochte, deutsch zu sprechen und einen edlen deutschen Stil zu schreiben, so dass der Mann, der der Beste und Reinste des Jahrhunderts war, Lessing, auf ihn aufmerksam wurde. Und ohne dass Mendelssohn es wusste, veröffentlichte er das, was Mendelssohn für sich und seine Freunde geschrieben hatte, und der Name Mendelssohn wurde so in der neuen Welt der Bildung bekannt. Und nun wurde es Mendelssohns Bestreben, selbst in diese Welt einzutreten, um seine Menschen, zu denen er gehörte, die Juden in Deutschland, in diese Welt hineinzuführen. …er selbst war nun in diese Welt eingetreten, in die Republik der Gebildeten, res publica eruditorum, wie man damals sagte, wo kein besonderes Verlangen gestellt wurde, damit einer eintrete; deren Bürgerrecht jeder sich selbst durch seine Leistung erwarb. Er selbst war in diese Welt eingetreten. Und in dieser großen Selbstlosigkeit, welche Moses Mendelssohn besonders kennzeichnet, wurde es nun sein Verlangen, die Menschen der jüdischen Gemeinden denselben Weg zu führen, wie er ihn gegangen war. Er hat zu diesem Zweck die Bibel zum großen Teil ins Deutsche übersetzt. …schon eine Generation nach Mendelssohn haben fast alle Juden in Deutschland deutsch gesprochen so wie die anderen und deutsch geschrieben so wie die Besten der anderen. …Eine Wandlung hatte sich vollzogen, eine Wandlung in der Welt draußen und eine Wandlung in den jüdischen Gemeinden Deutschlands. …Mendelssohn hat in verschiedenen Schriften über Unsterblichkeit, über Grundfragen der Philosophie, auch über ästhetische Fragen geschrieben. Er war in der Republik der Gebildeten anerkannt… Zum Verständnis seiner selbst war Mendelssohn gelangt. Und zum Verständnis ihrer selbst wollte er die Juden seiner Zeit führen. Das ist die Aufgabe, die er vollbracht hat. Ohne ihn ist das Judentum auch unserer Tage und von Tagen, die kommen werden, nicht zu denken. Von Moses Mendelssohn kommt eine neue Zeit her.“

Diese Worte Leo Baecks sind einem Vortrag entnommen, den er 1956 an der Universität Münster im Rahmen der Franz Delitzsch-Vorlesungen gehalten hat. Es war sein letzter Besuch in Deutschland, bevor der 83jährige wenige Monate später in London starb, wohin er nach Verfolgung und Inhaftierung durch die Nazis noch gerade rechtzeitig entkommen konnte.

„Von Mendelssohn kommt eine neue Zeit her“ – hierin sprach Baeck mitten in einer Zeit der Sprachlosigkeit angesichts des gerade geschehenen Massenmords an Juden Hoffnung und Zuversicht auf die neue Zeit aus, die von den Ideen der jüdischen Aufklärung und Emanzipation getragen sei. Die Jubiläumsausgabe der Werke Mendelssohns ist ein unverzichtbarer Baustein dieser neuen Zeit, damals und heute. Die endgültige Fertigstellung der Ausgabe ist dringend geboten, um auch in unserer Zeit das begonnene Werk Mendelssohns fortzuführen, damit immer mehr Menschen, ob Juden oder Nicht-Juden, den Eintritt in die Republik der Gebildeten finden. Nichts weniger war und ist der Wunsch der Herausgeberin Eva Engel-Holland.

Eva Engel, die jüdische Tradition und die Emigration

Eva Engel-Holland wurde selbst im Jahre 1919 in das Milieu einer deutsch- jüdischen Schicht von Wissenschaftlern, Philosophen und Künstlern hineingeboren, die damals in Deutschland das geistige Leben nachhaltig prägte. Mendelssohns „Vorarbeit“ hatte reife Früchte getragen, so dass schließlich in der „Republik der Gebildeten“ diejenigen mit jüdischen Wurzeln in der Mehrzahl waren. Es ist hier nicht der Ort, dies weiter auszuführen, es sei allerdings daran erinnert, dass nach den Erlassen gegen die „Nicht-Arier“ im Jahre 1933 sowie nach Emigration oder Inhaftierung jüdischer Bürger das akademische Leben in Deutschland teilweise zum Erliegen kam, wie dies Bernt Engelmann in seinem Buch „Deutschland ohne Juden“ eindrucksvoll nachweist. Auch die Familie Eva Engels, deren Vater ein berühmter Kinderarzt und Sozialpädiater war, emigrierte 1936 nach England.

Unter den Medizinern war mit 8000 Wissenschaftlern und Ärzten jüdischer Herkunft deren Anteil besonders hoch. Dazu gehörten viele Nobelreisträger wie z.B. Paul Ehrlich, der Entdecker der Chemotherapie. Die Gründe für die starke Repräsentanz jüdischer Mediziner reichen bis ins europäische Mittelalter zurück. Die Juden waren nicht dem Aber- oder Wunderglauben der Zeit verfallen, sondern studierten und übersetzten die wissenschaftlichen Werke der arabischen Medizin und brachten dieses Wissen aus Portugal und Spanien nach Mitteleuropa.

Im Gespräch mit Solon-line zeichnet Eva Engel-Holland einige Stationen im Leben ihres Vaters nach: Stefan Engel wurde 1878 in Breslau geboren, studierte Medizin und erhielt 1905 einen Ruf an ein Säuglingsheim in Dresden, um wissenschaftlich auf dem Gebiet der Pflege und Ernährung des Säuglings zu arbeiten. Zu dieser Zeit gab es in Deutschland noch keine Kinderkliniken, und als Stefan Engel, der 1912 zum a.o. Professor ernannt worden war, kurz nach dem Krieg als Chefarzt in Dortmund tätig wurde, existierten damals in der 250.000 Einwohner zählenden Stadt gerade einmal 12 (!) Kinderbetten im Städtischen Krankenhaus. Prof. Engel übernahm bald die gesamte Koordination für die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Dortmund. Als ein Ergebnis des Einsatzes, den Engel auf dem Gebiet der Kinderheilkunde und der Sozialpädiatrie leistete, wurde dann im Jahre 1928 schließlich in Dortmund das erste Kinderkrankenhaus in Deutschland eröffnet, das nach allermodernsten Maßstäben gebaut worden war und wegen seiner sozialen, technischen und baulichen Neuerungen bald über Dortmund hinaus berühmt wurde. 1933 wurde Prof. Engel unter dem frei erfundenen Vorwurf der Korruption mehrfach verhaftet und schließlich entlassen. Der zuständige Stadtdezernent ließ sich dabei zu der Bemerkung hinreißen: „Wenn wir gewusst hätten, dass Sie Jude sind, hätten wir Sie gar nicht genommen.“

Engel konnte danach noch für kurze Zeit als Arzt an der Jüdischen Poliklinik in Berlin arbeiten, bevor sich die Umstände rasch verdüsterten. Doch Prof. Engel war ein eher unpolitischer Mensch, der seiner wissenschaftlichen und medizinischen Arbeit nachging und sich zunächst nicht beirren lassen wollte, da er wie viele damals in Deutschland sich einfach nicht vorzustellen wagte, wozu die Nazis in ihrem Wahn fähig wären. Es war die Mutter Eva Engels, die voller Unruhe die Ereignisse der Jahre 1933 und 1934 verfolgte. Ihre Cousine war Marta Liebermann, die Frau des berühmten Berliner Malers Max Liebermann. Die Mutter Eva Engels war mit weiteren prominenten Persönlichkeiten befreundet, die sich von Anfang an keine Illusionen machten und auf ihre Weise gegen die Nazis Widerstand leisteten, und die schließlich der Familie Engel zur Emigration rieten. Darunter waren der Medizin-Verleger Springer sowie August Weber, der als letzter Abgeordneter der Liberalen im Reichstag Goebbels „über den Mund fuhr“, und schließlich 1939 nach London auswanderte. Sie konnten schließlich auch den Vater Eva Engels von der Aussichtslosigkeit und der Gefahr überzeugen, die mit einem Verbleiben in Deutschland unweigerlich verbunden gewesen wären, und so erfolgte Anfang 1936 die Übersiedlung der Familie Engel nach England. Dort konnte Stefan Engel zunächst an einem Kinderkrankenhaus – gegen den Widerstand der Neider — als Arzt arbeiten. Nach Kriegsbeginn verlor er als „enemy alien“ auch diese Stellung. Dem Vater Eva Engels wurde sowohl die Forschung wie auch die Arbeit als Arzt verwehrt – er zog sich zurück und schrieb ein wissenschaftliches Buch über „Die Lunge des Kindes“, das später in viele Sprachen übersetzt wurde.

Man muß sich hierbei vergegenwärtigen, dass die Familie als staatenlos galt, denn die deutsche Staatsbürgerschaft hatten die Emigranten automatisch verwirkt, und die englische Staatsbürgerschaft wurde dann aufgrund des Kriegsausbruchs den deutschen Immigranten nicht mehr ausgestellt. Die Folge war ein Leben in der „Illegalität“, abseits von Beruf und Wissenschaft, den Vater schmerzte vor allem, dass seine 20-jährige Tochter entwurzelt war und quasi in England festsaß, ohne die Möglichkeiten, zu reisen und die Welt kennenzulernen. Und so holte er dies gleich nach dem Krieg nach, als er mit Eva Engel Irland besuchte. In Dublin kam sie auf diese Weise in Kontakt mit einigen berühmten deutschen Emigranten wie Schrödinger und Heisenberg, die im Haus Oscar Wildes einen Windkanal für ihre Forschungen aufgebaut hatten.

Rückkehr nach Deutschland über Amerika – alles für Moses Mendelssohn

Eva Engels persönliche Entwicklung ist vor diesem Hintergrund zu sehen. Zufällig oder auch nicht war eine Banknachbarin Eva Engels in der Schule eine Urururenkelin Moses Mendelssohns, eine Enkelin des Handelskammer-Präsidenten von Berlin, Ernst Mendelssohn, und Tochter des letzten Geschäftsführers der Mendelssohn-Bank in Berlin, Kempner. Noch heute korrespondiert Eva Engel-Holland mit Marta Kemper, die inzwischen den Namen Camfield trägt und eine berühmte Botanikerin in Kanada geworden ist. Auch wenn Eva Engel-Holland damals noch nichts von der Bedeutung des großen Vorfahren ihrer Mitschülerin ahnte, so erscheint es nachgerade als eine Fügung der Geschichte, dass sie ihr Leben dem Urahnen der jüdischen Emanzipation, Moses Mendelssohn, gewidmet hat. Über alle unmenschlichen Exzesse hinweg wird auf diese Weise das Gestern mit dem Morgen, der „neuen Zeit“, verbunden. Wer hätte sich mit einer so vollständigen Stärke des Gemüts und leidenschaftlichen Akribie des Verstandes in den großen Weisheitsdenker, den Menschenfreund und Berliner Sokrates so hineinleben können wie es Eva Engel-Holland in fast 40-jähriger Arbeit getan hat? Wer hätte die ironische Gelassenheit des Emigranten Moses Mendelssohn, die philosophisch-gedankliche Schärfe des verfolgten und meist nur geduldeten Mendelssohn, die Bedeutung des gläubigen und gebildeten Juden Mendelssohn für die Emanzipation seiner Glaubensbrüder so im Inneren erspüren und lebendig nachempfinden können wie Eva Engel-Holland, eine der vielen Verstoßenen, die früh lernen mussten, für ihre Würde zu kämpfen?

Verfolgen wir ihren Weg noch ein kurzes Stück weiter: Von 1955 bis 1960 war Eva Engel als Dozent in Cambridge tätig, was durchaus keine Selbstverständlichkeit war, da sie zunächst eine sperrige Mauer aus Vorurteilen gegen sich als Frau und Jüdin überwinden mußte. In Cambridge lernte sie eine weitere Emigrantin und große Wissenschaftlerin kennen: Lise Meitner, die von Schweden herübergekommen war, hätte so gern ihre Forschungsarbeiten fortgesetzt, aber durch die Jahre im Exil hatte sie den Anschluß an die internationale Forschung verloren. Aus gemeinsamen Picknick-Ausflügen und Gesprächen beim Tee entspann sich zwischen Eva Engel-Holland und Lise Meitner eine enge freundschaftliche Beziehung. Eine Rückkehr nach Deutschland stand damals in den 50er Jahren für Eva Engel nicht zur Debatte – wie hätte man es dort zu einem Zeitpunkt ertragen sollen, wo die deutsche Bevölkerung noch gar nicht begriffen hatte, was geschehen war? Man war noch nicht fähig und psychologisch vorbereitet, den Holocaust „einzugestehen“ – wie hätte man also den ebenso unfassbaren Vorgang der Vertreibung und Vernichtung jüdischer Intellektueller und Wissenschaftler „fassen“ sollen? Ich habe Eva Engel-Holland gefragt, warum sich niemand überlegt habe, einige dieser jüdischen Denker zurückzuholen. Ihre ungeschnörkelte Antwort nannte drei Worte: Schuld, Scham und Haß. Ja, auch der Haß existierte gegen die Emigranten, die als Verräter oder Nestbeschmutzer galten, weil sie sich einfach „davon gemacht“ hätten.

Umso mehr ist Eva Engels Mut zu bewundern, dass sie im Jahre 1986 nach Deutschland zurückgekehrt ist – natürlich für Moses Mendelssohn. In den 60er Jahren hatte sie an den Universitäten in Boston eine Professur für Germanistik angenommen. Mit dem Vizedirektor einer Universität, Albert Holland, schloß sie den Ehebund, und im übrigen arbeitete sie in Boston eng mit dem berühmten Historiker und Religionswissenschaftler Alexander Altmann zusammen, der die seinerzeit einzige Mendelssohn-Biographie verfasst hatte. Altmann griff dann Anfang der 70er Jahre – nach über 30 Jahren der „Unterbrechung“ – die Arbeit an der Jubiläumsausgabe der Werke Mendelssohns wieder auf, nachdem sich in Günter Holzboog ein Verleger gefunden hatte. Eva Engel-Holland war als Mitarbeiterin an diesem Projekt von Anfang an beteiligt. Irgendwann wurde es jedoch unerlässlich, zum Quellenstudium nach Deutschland zu fahren. Für Eva Engel-Holland war das Quellenstudium an der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel schließlich der Beginn einer Rückkehr nach Deutschland – für den Weisheitsliebhaber und Menschenfreund Moses Mendelssohn. Seit dem Tode Alexander Altmanns im Jahre 1987 ist sie die Generalherausgeberin der Jubiläumsausgabe der Werke Moses Mendelssohns — auf Wunsch Altmanns und des Verlegers.

1999 erhielt sie für diese Arbeit das Bundesverdienstkreuz, das sie per Post vom Buckingham Palace aus London bestätigt bekam, da Eva Engel-Holland britische Staatsbürgerin ist. Die Fertigstellung der Jubiläumsausgabe ist überfällig, wir appellieren deshalb an die Einsicht des Verlegers Eckart Holzboog, dieses Werk nicht als Torso stehen zu lassen. Mögen abschließend die persönlichen Worte Eva Engel-Hollands aus ihrer Vita helfen, diese Einsicht bei ihm und in der breiteren Öffentlichkeit zu befördern:

„Seit 1942 habe ich eine Lesekarte für die British Library, seit 1970 in Harvards Widener Bibliothek ein Pult im Magazin und in einem Bostoner Vorort als gebürtige Deutsche, als englische Staatsbürgerin, trotz allen Europäertums ein kleines Haus im Grünen, voller Bücher, Bilder und Erinnerungen an 14 erfüllte Ehejahre mit dem welterfahrenen Albert Holland, Historiker und Philanthrop´. Ich betrachte es aber als Hauptaufgabe der ’nächsten 100 Jahre‘, den Verdiensten und der Wirkung von Moses Mendelssohn, vor allem in Deutschland, den ihnen gebührenden Platz zu ermöglichen: ein Leben also in vier Welten, in denen das der Ideen das zusagendste bleiben soll.“

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