Was verdankt die Welt Moses Mendelssohn heute?

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Moses MendelssohnDen folgenden Vortrag hielt die Herausgeberin der Werke Mendelssohns Eva J. Engel am 26. November 2003 in St. Trinitatis in Wolfenbüttel.

Bild: Moses Mendelssohn (1729-1786), Kupferstich nach einem Gemälde von Anton Graff


A

Wir sind in Wolfenbüttel, der Gemeinschaft, die sich Lessing- Stadt nennt. – Hier lebte Lessing von Mai 1770 bis zu seinem Tod im Februar 1781. Im Andenken an Gotthold Ephraim Lessing und seine Art, Gedanken in Schrift umzusetzen und zu entwickeln, habe ich eine Frage als Thema dieses ‚Blickwechsels‘ zwischen Juden und Christen, dem Programm der St. Trinitatiskirche in Wolfenbüttel genommen:

Was verdankt die Welt Moses Mendelssohn heute?

Von 1753 bis Februar 1781, also fast 30 Jahre lang, waren der gesetzestreue Jude Mendelssohn und der fünf Monate jüngere Pfarrerssohn Lessing engstens befreundet. Und, trotz ganz verschiedener Temperamente, als Denker wie als Schriftsteller einander äusserst wirkungsvoll befruchtend, beeinflussend.

So geht z.B. Lessings berühmte Studie zu Laokoon oder über die Grenzen der Malerey und Poesie von 1766 ursprünglich auf die ausführliche, briefliche Anregung Mendelssohns im Dezember 1756 zurück.1 Und, falls Sie je Lessings Buchbesprechungen vor mit denen nach 1753 vergleichen, ist es offensichtlich, wie unvergleichlich wesentlicher analysiert und gedankenvoller Lessings spätere Schriftstücke ausfielen.

Wo trafen die Beiden einander? Oft in Berlin, aber auch in Wolfenbüttel.

Zweimal besuchte Mendelssohn Lessing in dieser, damals seit 1754 vom Hof verlassenen Residenzstadt: Das 1. Mal 1770, kurz nach Lessings Ernennung zum Herzoglichen Bibliothekar; das 2. Mal im Dezember 1777, kurz vor der Tragödie, die Lessing Frau und Kind raubte. Zwischen 1770 und 1777 haben die Freunde sich im Juni 1773 in Braunschweig gesprochen. Vor Mai 1770 aber lebte Lessing wiederholte Male ausführlich in Berlin2. Dort trafen sie sich bei Friedrich Nicolai (*1733), im sogenannten Gelehrten Kaffehaus, bei Freunden wie dem Dichter Carl Wilhelm RamIer (*1725) oder dem Akademiemitglied Johann Georg Sulzer (*1720).

Und vor allem, gleich zu Anfang ihrer Bekanntschaft, gab es bei und mit dem Verlegersohn Nicolai dreimal wöchentliche, intensive Literaturkritische Besprechungen in Berlin (die als Briefwechsel über das Trauerspiel erhalten sind). Ausserdem haben wir, während Lessings Aufenthalten in Wittenberg, Hamburg, Leipzig und Breslau viele tiefsinnige Briefe der Reformbemühten drei Freunde. Es ging um Remedur des bedauernswerten Zustands der deutschsprachigen Literatur nach dem Dreißigjährigen Krieg, und zu Definitionen in dem neuen Gebiet der Ästhetik.

Mendelssohns Nekrolog für Lessing bezeugt die Tiefe des Verlusts – ebenso wie seine Dankesschuld.

B.

Wie steht es nun mit ähnlichen Nachweisen bei Mendelssohn? Obwohl alle Veröffentlichungen Mendelssohns vor 1763 anonym erschienen, gab es schon 1755 Anerkennung und Lobpreisungen in Briefen nach Zürich zu Bodmer, nach Göttingen an den Orientalisten Johann David Michaelis, nach Süddeutschland an den Dichter Johann Peter Uz. Sie alle staunten darüber, dass ein Jude so gut Deutsch schrieb und so tief dachte!

Als Zeichen, wie anhaltend sein Ruhm wuchs und geschätzt wurde, gibt es vierundvierzig Biographien, die nach Mendelssohns Tod, zwischen Januar 1786 und 1800, im Druck vorliegen (sie füllen den gesamten Bd. JubA 23).

Damit Sie nun nicht denken, dass ich, nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit diesem vom Schicksal nicht grade verwöhnten Manne, alles, was ihn betrifft, durch eine rosige Brille sehe, möchte ich Ihnen drei Aussagen seiner christlichen Zeitgenossen vorlesen, um dann, über 200 Jahre später, die anfangs gestellte Frage wenigstens in zwei Gebieten: dem der Religion und dem der Literaturwissenschaft zu beantworten suchen – und das Facit daraus ziehen.

Mein erster Zeitzeuge in chronologischer Reihenfolge ist der Schweizer Leibarzt zweier Könige3: Johann Georg Ritter v. Zimmermann (*1728). Bereits von 1764 stammt von ihm eine heute in Hannover aufgehobene Handschrift, die er „Von der Diät für die Seele“ nennt (= Lebensweise). Dort heisst es auf S 12v-13 r:

„Nach Bacons Ausspruche die Köpfe langer wolgewachsener Leüte sehr oft wie die obersten Zimmer hoher Häuser mit schlechtem Hausrath versehen, hingegen sieht man gebukelte Menschen mehrenteils vortreflich organisiert. Auch hebe ich oft bey dem Anblick der Bildnisse eines Esopus und eines Pope meine Augen mit Erstaunung [13r] und Anbetung zu dem grossen Urheber der Natur auf, der meines Erachtens in den elendesten, und unter uns Thoren verachtetesten Leib eine göttliche Seele gradezu seiner Schöpfung zur Zierde legt. Eine ganz Esopische Gestalt hat der Jude, Schriftsteller und Kaufmann Moses Mendelssohn in Berlin, der so tief als Leibniz sieht, so groß als Platon denkt, so wizig als Pope redt, so schön als Addison schreibt und so fromm als Boerhaave lebt.“

1778 schrieb derselbe Zimmermann in der Zeitschrift Deutsches Museum4: „Und hier meine gelehrten Herren, ist dieser Philosoph – der in der Absicht auf algemein (sic) eingestandenen Ruhm, Geisteskraft, und innere Würde niemand über sich hat.“

Mein dritter Zeuge ist der Kgl. Bibliothekar Joh. Erich Biester (*1749), der Mitbegründer der Berlinischen Monatsschrift, damals das Journal der Aufklärung. Sein Nachruf, den ich hier z. T. vorlesen möchte (z. Teil, denn er ist lang!)5 erschien im März 1786, also knappe zwei Monate nach Mendelssohns plötzlichem Tod. Biester nannte ihn: „Zum Andenken an Moses Mendelssohn“:

„Und dieser edle Mann, …dieser Mann, der in seinem vortreflichen Leben, nicht minder als in seinen vollendeten Schriften… die Kraft und Kunst besaß, den Eindruck der lebhaften Empfindungen durch die Vernunft zu beherrschen, und sich zugleich den richtig durchdachten Vernunftbegriffen die Lebhaftigkeit der Empfindungen mitzutheilen – dieser edle Mann ist nicht mehr. Im Anfang dieses Jahres … entriß ihn der Tod seinen Freunden, unserer Stadt, den Wissenschaften, der Menschheit. Der Verlust ist groß, und – fast unersetzlich. Niemand hat ihn gekannt, der ihn nicht geliebt und geehrt hätte. Dies thaten (zu ihrer Ehre und zu Mendelssohns Ehre sei es gesagt!) Personen von allen Ständen und Nationen, Fürsten, Staatsminister, Krieger, Geistliche, Männer und Frauen, Fremde und Einheimische, Christen und Naturalisten, Gelehrte und Geschäftsmänner. Ach, er war so gut, so bescheiden, so liebenswürdig! Sein Gespräch so lehrreich, seine Gefälligkeit so erquikkend, sein Leben und Wandel so erbaulich.

Und gegen wen er Freund war, gegen wen er sich ganz aufschloß, was genoß er nicht an ihm, was hat der nicht an ihm verloren! Er war der Stolz und die Zierde unserer Stadt. Jedem aufgeklärten und edlen Fremden ward sein Name genannt und seine Bekanntschaft zu suchen anempfohlen. Wer patriotisch dachte, freute sich, diesen wahren Weisen unsern Mitbürgern nennen zu können, ihn, der durch Lehre und Beispiel so viel zur Beförderung der Religion, der sanften Menschlichkeit, so viel zur Verbreitung wichtiger Kenntniße beitrug. – Wie viel der besten Köpfe gestehen nicht gern, ihre Ideen durch Unterhaltungen mit ihm bestimmt, ergänzt, bereichert zu haben. Die außerordentliche Gabe der Genauigkeit, womit er gleich den rechten Punkt einer ihm vorgetragenen Sache traf, und alles, was dabei zu erörtern war, vollständig und richtig auseinandersetzte, und dann seine Gabe der Deutlichkeit im Ausdruk, womit er die abstraktesten Begriffe seinen Lesern oder Zuhörern faßlich zu machen wußte, waren in der That bewundernswert. Seine Uebersicht des Ganzen, sein richtiger Blik auf Ursache und Wirkung, seine lebendige Einsicht in allen psychologischen Materien, sein außerordentlicher Scharfsinn und Tiefsinn setzten ihn in den Stand, die treffendsten Bemerkungen und lehrreichsten Winke über jeden Gegenstand des menschlichen Erkennens und Empfindens selbst denen zu geben, welche aus einem solchen Gegenstande immer ihre Hauptbeschäftigung gemacht hatten.

Daher ward er von allen befragt: Dichter, Aerzte, Aesthetiker, Maler, Tonkünstler, Staatsmänner, Geistliche, Kaufleute, alle hörten gern auf seinen Rath, und befanden sich wohl bei dessen Befolgung. Es war ganz ungemein, wie richtig und zwekmäßig er über jeden ihm vorgetragenen Gegenstand dachte.

Die Welt kennt seine Werke, und wird sie, so lange gründliches und feines Denken geachtet wird, verehren. Eines der edelsten Kleinode dieser vortreflichen Schriften ist, daß er imer mit der tiefsten

Gründlichkeit und dabei mit der höchsten Anmuth der Darstellung die großen Wahrheiten in helles Licht stellte, welche allein den Verstand des Menschen befriedigen und sein Herz beglükken können.

Den wichtigen Lehren vom Dasein Gottes, von der Unsterblichkeit der Seele, von der Evidenz tiefsinniger menschlicher Kenntnisse, von der Beschaffenheit unsrer Empfindungen, von der Rettung der Vernunft gegen den Aberglauben, des Menschenrechtes gegen Kirchengewalt, … diesen Lehren hat er eigne Schriften gewidmet, welche in allen noch nicht ganz verdorbnen Gemüthern tausendfältige Frucht tragen müssen.

Um Mendelssohns Biograph zu werden, muß man sein vieljähriger Freund gewesen sein. Um seinen Charakter zu zeichnen, muß man in ihn in vielen Situationen gesehen haben, und im Stande sein seine mannigfaltigen Verdienste in so verschiedenen Fächern zu übersehen und zu beurtheilen.

Uns sei nur erlaubt, hier kurz die Antworten auf eine Frage anzugeben, welch sein Ehrendenkmal ausmacht, auf die Frage: Was verdankt Deutschland ihm vorzüglich? Folgende wichtige Punkte drängen sich hier jedem sogleich auf:

Erstlich sein vortreflicher deutscher Stil in philosophischen Sachen.

Was Luther so meisterhaft gethan hatte, dem Volk in dessen Sprache die ihm wichtigen Gegenstände vorzutragen, geschah nach des großen Mannes Zeiten nur von den wenigsten Schriftstellern. …Es war einem Manne vorbehalten; der eigentlich ein Fremdling in unserm Lande6 und in unsrer Sprache, in keiner deutschen Schule unterrichtet, sich selbst eine mühsame Bahn brechen mußte, unserm Mendelssohn war es aufbehalten, ein Muster zu geben, wie man die abstraktesten Begriffe mit dem schönsten Ausdruk bekleiden, die tiefsinnigsten Lehren mit einer Lebhaftigkeit und einer Anmuth vortragen könne, die ihnen unendlich mehr Eingang ins Herz verschafft, ohne ihrer Würde und Wichtgkeit das geringste zu benehmen. Durch seine und seiner Nachfolger glükliche Bemühung ist das ernstere Wissen bei unserm Volke ungemein befördert worden. …

Zweitens: Nur ihm, in Verbindung mit Lessing und Nicolai, verdankt Deutschland den Anfang einer freimüthigen, unpartheiischen Kritik, die ohne Rüksicht auf die Person, nur die Sache, ohne Rüksicht auf Namen und Anhang, nur den Schriftsteller beurtheilte. – Wie kühn dieser Schritt damals war, bewies zur Genüge das freilich jetzt vergeßne Geschrei so vieler Menschen von allen Ständen dagegen.

Drittens: Ihm dankt Deutschland auch die theoretische Kritik, ihm vortrefliche Entwikkelungen in der Lehre von den Empfindungen und der schönen Wissenschaften.

Viertens: Ihm verdankt vorzügliche seine Nation7 und dadurch auch ganz Deutschland und die gesammte Menschheit, einen großen Theil ihrer moralischen und intellektuellen Bildung. Ein höchst wichtiger Punkt, … Seine Liebe zu seiner Nation und zu allem was ihr wichtig ist, hatte auch die unmittelbar nützliche Wirkung für uns, daß sie ihn zu der treflichen Uebersetzung zwei biblischer Bücher veranlaßte.

Endlich: stehe auch hier das Verdienst: daß er durch seinen untadelhaften Wandel, durch seine hohe Rechtschaffenheit, und durch sein eifriges Lehren wichtiger Wahrheiten, es dahin brachte, daß man erkannte, auch ein Jude, auch ein Unchrist, könne ein guter Mensch sein, könne Religion haben, könne auch unter uns Christen Religion und Tugend befördern. Wie lange ist es, daß viele selbst unsrer angesehenen Mitbürger dies für unmöglich hielten! – Leben nicht noch manche der Gelehrten8 und Geistlichen, die Anfangs, als Mendelssohn aufstand, diese Unmöglichkeit in öffentlichen Schriften behaupteten, und sogar bewiesen?

Aber er zwang durch sein unbescholtenes Leben bald allen die Ueberzeugung ab, daß jene Behauptungen unwahr, jene Beweise lächerlich seien. Der enge hartherzige Sektengeist der um seine Intoleranz zu beschönigen, selbst Sokrates und Antonine gelästert hat, mußte vor einem lebenden, so einleuchtenden Beispiele verstummen.

Wie viel aber ward dadurch nicht gewonnen, daß man so überzeugend belehrt ward: ein Mensch aus jedem Volk, könne Recht thun, und müsse Gott gefallen! Der Menschenfreund und der Wahrheitsforscher konnte seiner Liebe und Wißbegierde nun wieder ruhig nachgehn; konnte seinen Bruder und seinen Lehrer, wes Glauben sie auch seien, umarmen, und noch jenseits des Grabes zu umarmen hoffen; konnte sich an allen guten Menschen freuen, ohne den schreklichen Gedanken: Schade um die schöne Seele! konnte endlich Gottes Gaben, Verstand und Wohlwollen, verehren, wo er sie fand, und war nicht mehr verlegen die Wege der Vorsehung dabei zu rechtfertigen!“

C.I

Aus dieser prägnanten Aufzählung möchte ich im Folgenden versuchen, einen Überblick eben zu Mendelssohns Verdiensten in puncto Religion und Literaturwissenschaft (also Biesters Punkten 4. und 5.) zu geben.

Biesters 4. Punkt hiess: „Juden, Deutsche, die gesamte Menschheit verdanken Mendelssohn moralische und intellektuelle Bildung“, also nicht nur durch Mendelssohn Beiträge zur Philosophie, sondern durch Übertragung biblischer Bücher und deren Exegesis. Wichtig dabei ist, sich zu erinnern, dass seit dem 17. Jahrhunderts sich von christlicher Seite in England und in Deutschland viele Christen mit der Auslegung des Alten Testaments befasst hatten. Sei es in einer fundamentalistischen Form der Heiligen Schrift versus Vernunftreligion, wie in der Form der sogenannten „Wertheimer Bibel“ von 17359, oder der eine Diskussion bewusst herausfordernden, überspitzt formulierten anonymen „Fragmente eines Ungenannten“ des Hermann Samuel Reimarus, deren Veröffentlichung Lessing die Zensurfreiheit kostete und schliesslich im Nathan dem Weisen die Frage nach der vollkommensten Religion als vorläufig unbeantwortbar und daher auf tausend mal tausend Jahre in die Zukunft verschob.

Zum Thema Religionsphilosophie kann und will ich, als Nichttheologe, nur die Thematik Mendelssohns zusammenfassen, wie sie aus seinen Veröffentlichungen und seiner Korrespondenz hervorgeht. Mendelssohn verfasste, wie Sie dem Begleitmaterial entnehmen können: die vollständige Übertragung aller Fünf Bücher Mose, weitgehend den gesamten Kommentar dazu auf Hebräisch. Über viele Jahre übertrug er alle 150 Psalmen, verfasste 1769/1770 den Hebräischen Kommentar zum Prediger Salomo; erfüllte 1777/1778, auf Wunschbefehl der königlichen Regierung die Übertragung der Ritualgesetze (1778) und die Formulierung des sogenannten Judeneides. Und, während und nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges übertrug Mendelssohn Danklieder, Predigten, Gebete aus dem Hebräischen ins Deutsche.

Die Übertragungen biblischer Texte entstanden teilweise, um dem jüdischen Leser exaktere Fassungen zu bieten als bisher anhand sprachlicher Schwierigkeiten der christlichen Exegeten beim Erfassen des Urtextes Heiliger Schriften möglich gewesen war.

Mendelssohn seinerseits hatte umfassende Kenntnis der zeitgenössischen christlichen Exegese der Heiligen Schrift. Er kannte u.a. die Schriften von John ConybearelO, Jom Toland und William Warburton. Er kannte die ‚Wertheimer Bibel‘ 11 bereits 1756, fand sie „trefflich“ und empfahl deren Lektüre am 2. Juli 1756 an Lessings Jugendfreund Georg v. Breitenbauch (*1731).-

Denn von früh an scheinen sich Christen an Mendelssohn mit Fragen zur Interpretation gewandt haben. In beachtlich vielen Briefen wird um Hilfe wegen religiöser Belange gebeten. So gab es Briefe von dem Göttinger Orientalist J. D. Michaelis; ebenso von Joh. Dietrich Winkler (*1711) , [dem Hamburger Nachfolger von Lessings Bekämpfer Joh. Melchior Goeze (*1717)], mit der Bitte um Vermittlung zu jüdischen Bibelexegeten. Weitere Anfragen und Meinungsaustausch gab es bei Joh. Georg Hamann (*1730) in Königsberg, bei Jacob Hermann Obereit, dem Schweizer Theosoph (*1725), bei Pastor Otto Hesse im Harz (* ca 1720); bei dem schwäbischen Theologen und Mediziner Friedrich Christoph Oetinger (*1702). Ganz besonders wichtig ist der Briefwechsel mit Thomas Abbt (*1738) in dessen Glaubenszweifeln12 an der Güte Gottes, und dem Benediktiner Mönch Peter Adolph Winkopp (*1759). Hinzu kamen Rezensionen zu Psalmenübersetzungen Tellers, Kennicotts, Zachariaes.

Was nun 1778 Mendelssohns Wunsch motivierte, selber Bibelübertragungen, die ursprünglich für die eigenen Kinder gedacht waren, zu veröffentlichen, wäre ein eigenes, hier ausgespartes Kapitel.

Ein wichtiger Beweggrund, die jahrelange Arbeit auszuführen, war indes, nicht nur seinen Kindern, sondern den jungen Glaubensgenossen im deutschen Sprachraum anhand der Übertragung ihnen von Kindheit an wohlvertrauter Texte in gutem Deutsch vorzulegen. (Mendelssohn war emphatisch gegen Sprachmischung und somit gegen den weiteren Gebrauch des Westjiddischen, einer Mischung von Mittelhochdeutschen und Hebräischen Wörtern und Floskeln. Er betrachtete die Kenntnis der Landessprache als selbstverständliche Notwendigkeit der Anpassung).

Gleichzeitig aber führte Mendelssohn Übertragung zu einem ‚Blickwechsel‘ sehr bedeutsamer Art: Ich nenne Ihnen dazu ein besonders markantes Beispiel: aus der Schlussmetapher zum Kohelet (Der Prediger Salomo) Kapitel 12, Vers 1 und 6: wo Mendelssohns Kommentar die Brücke schlägt zwischen der Vergangenheit und – wenn man nur Augen und Ohren aufsperrt – der aufregenden Jetztzeit.

Zunächst die Bibel-Verse selber: (Vers 1) „Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen, … (Vers 6) ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht, und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt.“ (Text Luthers)

Hierzu erklärt Mendelssohn Kommentar: Salomon war ein weiser Mann. Er wusste, dass er mit der Brunnenmetapher den plötzlichen Tod des Menschen meinte: Wenn das Herz versagt, ist alles zu Ende. Und um diese Auslegung zu begründen, folgt hier, in Mendelssohns Übertragung ins Deutsche, eine volle Seite aus William Harveys Schrift von 1634 über die Zirkulation des Blutes durch Herz und Lunge. – Ich kenne nur ein einziges sonstiges Beispiel derartigen Bezugs auf das Herzversagen in einem niederländischen Text im 17. Jahrhundert. Nur fehlt dort Hinweis auf Harvey.

Als Mendelssohn diese Stelle aus Harvey zitiert, tat er es bewusst, als Hinweis für den jüdischen, meist jungen Leser: dass jenseits der anti-jüdischen Verbote und Gesetze, mit denen die Juden des deutsprachigen Raums heimgesucht wurden, diese Menschenkinder aber gleichzeitig sich nicht in ein geistiges Ghetto verkriechen und vor der Kenntnis der Gegenwart verstecken sollten. Denn nichts hinderte das Individuum, geistige, uneingeschränkte Freiheit auszunutzen und sich im geistigen Raum der eigenen Lebenszeit Kenntnisse zu verschaffen.

Damit bietet Mendelssohns Exegese Bereicherung der gängigen Diskussion zur Vernnftreligion wie zur Thematik der Begriffe wie: Dasein Gottes, Bestimmung des Menschen, Thematik der Theodizee, der Unsterblichkeit, Diskussion zu Themata „ewige Höllenstrafen“, Suizid, Rechte der Kirche (gegenüber denen des Staates), vor allem jedoch dem Problem der Unsterblichkeit der immaterielle Seele im sterblichen, materiellen Körper.

Auf der Ihnen vorgelegten Liste Mendelssohnscher Veröffentlichungen sehen Sie ausser den Übertragungen und Kommentaren zu biblischen Texten die sehr wichtigen religionsphilosophischen Schriften: Schreiben an den Herrn Diakon Lavater zu Zürich (1770); Die Morgenstunden: Vorlesung über das Daseyn Gottes (1785); Jerusalem, oder die religiöse Macht des Judentums (1783); An die Freunde Lessings (1786) und, ganz besonders, als Stütze und Trost: die Psalmen, die 1783 erschienen, aber Moses Mendelssohn sein ganzes Leben tagtäglich begleitet hatten.13

Nicht auf der Liste, weil 1770 in Briefen an den Erzherzog v. Braunschweig, oder unveröffentlicht zu Mendelssohns Lebzeiten wie die „Gegenbetrachtungen zu Bonnets Palingenesie“ (1770) füllen diese Auseinandersetzungen mit dem Christentum etwa 200 Seiten in Bd. 7 der Jubiläumsausgabe der Schriften Mendelssohns.

Dieser Band 7 enthält ausserdem über 570 Seiten zu dem von der Regierung Friedrichs II. vorgenommenen ‚Blickwechsels‘: An die jüdische Gemeinde Berlins erging 1777 ein Befehl, durch Vorlage von Übersetzungen von Gesetzen und rituellen Gebräuchen nachzuweisen, ob Juden bindende Bestimmungen hätten, die also auch im Codex Fridericianus aufgenommen werden müssten und somit ermöglichten, dass auch Juden als Bürger einzuordnen und anerkannt werden mussten. Die Ausführlichkeit des in betrachtkommenden Materials, sowie die zur Übersetzung benötigten Sprachkenntnisse, veranlassten die Übertragung dieses Befehls an Mendelssohn, als den Einzigen, dieser Aufgabe gerecht zu werden.

Über Jahre hinaus erfolgten nun nach 1778 Ansätze zur Emanzipation. Zunächst durch ausgiebigen Tatsachenaustausch für den Justizminister Johann Heinrich Kasimir v. Carmer zwischen Mendelssohn und dem Regierungsbeamten Ernst Ferdinand Klein, dem Mitarbeiter von Carl GottIieb Svarez am Allgemeinen Landrecht.

Während Friedrichs II. bitterböses Judenreglement von 1750, seinerzeit von Mirabeau als „digne d’un cannibale“ bezeichnet worden war, erfolgte nun erstaunlicherweise ein bisher historisch ungewürdigter Versuch der Regierung, die 1750 beschnittenen juristischen Rechte der Rabbiner und jüdischer Individuen zu revidieren.

Vorgelegt wurden in Mendelssohns Übersetzung die sogenannten „Ritualgesetze“, wie auch eine zwischen Mendelssohn und dem Staatsbeamten Klein formulierte Fassung des sogenannten Judeneides, damit Juden vor christlichem Gericht als Zeugen eingesetzt werden konnten. Der Rabbiner des etwaigen Zeugen sollte anwesend sein, und diesem eine Tafel mit dem hebräischen, unpunktierten Wort ‚Adonai‘14 und der hebräischen Aussage „Ich setze mir den Ewigen stets vor Augen“ vorhalten (JubA 7, S. 287). (Wie für Calvinisten war „Der Ewige“ Mendelssohns deutsche Bezeichnung für ‚Gott‘ .) Auch diese Regierungsmassnahme war ‚Aufklärung‘, und für diese ersten Schritte in der Emanzipation der Juden als Bürger in Preussen ist man auch heute Mendelssohn Dank schuldig.

C.II

Das Zeitalter der Aufklärung: wieviel Neues, Aufregendes boten Wissenschaften, Technik und Wissen aller Geistesgebiete in der Zeitspanne 1700 bis 1785!

Man denke hier nicht nur an Kant, sondern an Entdeckungen in Biologie, Astronomie, Flugmaschinen, in Calculus, Statistik, Demographie, an grundlegende Begriffe zur Atomtheorie, Psychologie; Erweiterungen des geographischen Horizonts zum Nordpol, nach Australien, nach Neuseeland.

Dies war das Zeitalter von Montesquieus L’esprit des Loix, (1748), dem grandiosen französischen Unternehmen der Encyclopedie (1751), dem ersten bewusst herausfordernden Discours von Rousseau (1755), von der Historiographie von Y. Goguet, die sowohl die Bibel wie auch China und Ägypten einbezog (1757), von Voltaires Candide (1759), von der Wattsschen Dampfmaschine (1765), von Cavendishs Entdeckung des Wasserstoffs (1766). Man denke an Moses Mendelssohns Zeitgenossen wie den Marquis Beccaria und seiner Infragestellung von Folter und Strafen, an Winkelmann, Wieland, Lichtenberg, den jungen Goethe, an die Physiognomischen Fragmente Lavaters, an Basdows Philantropin, an Männer, auf die Mendelssohns Artikel zuerst die Aufmerksamkeit der Gebildeten lenkte, nämlich Hamann in seinen Sokratischen Denkwürdigkeiten, Boscovich in den Anfängen der Atomtheorie, Kant 17 Jahre vor der Kritik der reinen Vernunft, und berühmte Männer vor 1710, die ihre deutschsprachige Rezeption Moses Mendelssohn verdanken: wie Platon, Shakespeare als Lyriker wie als Charaktermaler, Shaftesburys weise Schriften. die Mendelssohn und Abbt begannen, endlich auf Deutsch zu übersetzen.

Begriffe wie „Genie“, „Instinkt“, Wissen um Klimatologie, um Praxis der Physiokratie, juristische Reformen im Strafrecht: sie alle standen im Raum, forderten zur Stellungnahme heraus. Dasselbe betraf die wachsenden Anzeichen, dass sich nicht nur in Frankreich eine politische Revolution vorbereitete: Revolution, Reformen nicht nur für die christlichen, auch für die jüdischen Untertanen.

C.III

Wir kommen zu der enormen Erweiterung des deutschsprachigen geistigen Horizonts durch die Mendelssohnsche Bereicherung des Wissens, die durch Begründung objektiver Literaturwissenschaft die Bewohner des deutschen Sprachraums mit dem Rest des gebildeten Europas vor Unkenntnis der literarischen Um- und Mitwelt und daher aus geistiger Vereinsamung herausführte. Mendelssohns Arbeiten zu diesen Themen umfassen ein Viertel seines Gesamtwerks. Diese Verdienste um die Begründung deutscher Literaturkritik als Wissenschaft und Kunst, entstanden zwischen März und Oktober 1755 aus den wöchentlichen, erhitzten Beratungen mit Lessing und Nicolai.

Die Ursache für die bitter notwendige Begründung objektiver Kritik lag auf der Hand, eine Behebung dieses Missstandes befindet sich in dem Programm, dem Vorspann der ersten der drei literarischen Zeitschriften Nicolais: der Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste.

Unter Nicolais Herausgeberschaft gab es dazu von 1757 bis 1759 vier Halbbände, die bis auf vier Artikel völlig von Mendelssohn und Nicolai bestritten worden waren. Wobei man sich erinnern muss, dass für Mendelssohn neben seiner Tätigkeit als Verwalter einer Seidenmanufaktur nur die Morgenstunden von 5-8 zum Schreiben zur Verfügung standen.

Als dann Nicolai 1759 die väterliche Buchhandlung übernehmen musste, gründete er von 1759 bis 1765 im eigenen Verlag die aus 334 „Briefen“ bestehenden, enorm geschätzten Briefe, die neueste Literatur betreffend. Abgelöst wurde diese Wochenschrift von 1765 an durch ein noch viel ehrgeizigeres Vehikel, der Allgemeinen deutschen Bibliothek. Diese beabsichtigte, teils mit langen Artikeln, teils mit Kurzberichten, alle in deutscher Sprache veröffentlichten Werke zu besprechen!

Bis 1784 war Mendelssohn an allen drei Periodica beteiligt, und wie sich dort nachweisen lässt, sowohl Wegbereiter des Sturm und Drang, wie der deutschen Klassik. Die ersten Belege in dieser Richtung ergeben sich aus Herders bewundernden Besprechungen der Litteraturbriefe in seinen 1767 erschienenen Fragmenten zur neueren deutschen Litteratur.

Aber, wie kam es zu dem Eingreifen der drei jungen Berliner Literaten? Nach den Unruhen und Verwüstungen des Siebenjährigen Krieges entstanden in Leipzig die Acta Eruditorum, in denen die Fortschritte der Wissenschaft auf lateinisch berichtet wurden. Für die schöne Literatur waren erst nach 1740 derartige deutschsprachige Organe für den gebildeten Leser vorhanden. Diese Periodica betrieben jedoch alle Parteipolitik. Hinzu kam die politische Zersplitterung im deutschen Sprachraum. Dort gab es eben nicht, wie in England, Schottland, Frankreich eine anerkannte Metropole. Städtische Bibliotheken existierten nicht, wohl aber gab es, seit dem 16. Jahrhunderts in Leipzig wie in Frankfurt/Main zu Ostern und im Oktober jährlich einen Büchermarkt. Dort tauschten Verleger und Buchhändler gegenseitig ihre neuesten Veröffentlichungen aus, um sie nach der beschwerlichen Rückreise in einzelne, weit verstreute Fürstentümer, Interessenten zum Verkauf anzubieten. Individuelle Käufer gab es Wenige, wohl aber Lesezirkel, wo dann ein Buch mehreren Konsumenten vorübergehendes Genüge tat. Somit litten Verfasser und Leser an Mangel von Beurteilung, selbst die sogenannte kurzlebigen ‚Moralischen Wochenschriften‘, boten Unterhaltung, statt Analyse und Kritik.

So war der Leser keineswegs in der Lage Vergleiche anzustellen, sich ein Bild neuester Literatur zu machen, geschweige, sich mit ihr auseinander zu setzen.

Zwei Literaturpäpste übten diktatorische Gewalt aus: Bodmer in Zürich, Gottsched in Leipzig, die, wie man sich denken kann, die eigenen Anhänger priesen, die des Gegenlagers bespöttelten.

Diesen Missstand hatte der sehr junge Nicolai 1755 in 18 „Briefen“ Über den itzigen Zustand der schönen Wissenschaften in Deutschland“ in all seinen verderblichen Folgen angeprangert – aber verdienstvollerweise auch therapeutische Abhilfe geboten in Gestalt eines Programms der einzuhaltenden Criteria. So hoffte er, dem Leser Maßstäbe wahrer Kenntnis und beweisbarer Kritik empfehlen zu können und somit die Produktions-Qualität von Verfassern und Kritikern zu bessern und den deutschen Lesern ‘Geschmack‘ d.h. Beurteilungsgrundsätze, vor allem für Drama und Belletristik, zu vermitteln. Nicolais Heroen waren schon 1755, im Gegensatz zur herrschenden Francophilie, die Engländer William Shakespeare und Antony Asbley, 3rd Earl of Shaftesbury.

Beide Gestalten vermittelten Mendelssohn den Inbegriff der Schöpferkraft, die mit der Vorstellung des Begriffs ‚Genie‘ umschrieben ist. So entsprang aus Nicolais „Briefen“ – Anlass und Prämisse der Bibliothek – die Meinung: „Daß die schärfste Kritik zu der Aufnahme der Wissenschaften unumgänglich sei“ (Brief 17). – Das Ziel war also „Beförderung der schönen Wissenschaften (Dichtkunst, Rhetorik) und des guten Geschmacks (Beurteilungskunst) unter den Deutschen“.

Die Zeitschrift wurde zwei Jahre von Nicolai herausgegeben. Wie erwähnt, stammten bis auf vier Artikel alle Beiträge von Mendelssohn und Nicolai. Ein phänomenales Arbeitspensum. Allein die Liste der dazu von Mendelssohn erwähnten Literatur zu den fünfundzwanzig seiner Beiträge füllt 12 1/3 Seiten im Kleindruck in Bd. 4 der Mendelssohn-Ausgabe.

Die zwei jährlich erschienenen Halbbände begannen jeweils mit dem Abdruck eines modernen theoretischen Werks (Du Bos, Batteux, Lowth, Shaftesbury, Mendelssohn, Nicolai). Der Ausbruch des Krieges hatte die Drucklegung um ein Jahr verzögert – das Papier, das ja aus Leinen hergestellt war, wurde für verwundete Soldaten zu Verbänden gebraucht.

So erschien erst im Juli 1757 der erste von Mendelssohns zwei wichtigen Beiträgen: „Betrachtungen über die Quellen und Verbindungen der schönen Künste und Wissenschaften“, und im Januar 1758 seine Betrachtungen über das Erhabene und das Naive in den schönen Wissenschaften“. Aus letzterem Aufsatz ergeben sich unmissverständliche Hinweise auf die Wirksamkeit des Mendelssohnschen Denkens und seines Einflusses auf die „Grossen“ der deutschen Literatur im 18. Jahrhundert: zu Lessing, zu Herder, Goethe, Schiller, Carl Philipp Moritz.

So ermöglicht z.B. 1757/8 die Definition des Begriffs „naiv“ 1793 Schillers „Über naive und sentimentalische Dichtung“. Auch von Schiller übernommen, und gewöhnlich nur ihm zugeschrieben, ist die Unterteilung des Begriffs „erhaben“ in ‚Erhabenheit des Ausdrucks‘ und in ‚Erhabenheit der Handlung‘ .

Dringend empfehle ich Ihnen die Lektüre dieses Artikels15. Er ist das Glanzstück alles dessen, was das Programm des neuen Unternehmens in die Praxis umsetzen wollte: unpartheisch vorgehende Kritik, Verweis auf sachbezogenes Quellenmaterial, Belegung jedes Urteils, Sprachreinigkeit, Kenntnis ausländischer Literatur sowie zeitgenössischer, ausländischer Betrachtungen.

So beginnt dieser Aufsatz mit Bezug auf Longins (Pseudo-Longins) Arbeit über das Erhabene. Mendelssohns Beispiele setzen ein mit „Gott sprach, es werde Licht – und es ward Licht“: Erhabenheit des Ausdrucks, gefolgt von Erhabenheit der Handlung. Es folgen Zitate u.a. aus Horaz, aus Virgil, aus Cicero, aus Klopstock, aus Addisons Cato, um dann zu dem unübertroffenem ‚Meisterstück‘ des ‚Erhabenen im Ausdruck‘ zu gelangen: dem berühmten Monolog des Hamlet; und zwar „für diejenigen von unsern Lesern, die der englischen Sprache nicht kundig sind“: der Monolog, von dem es bis dahin nur eine deutsche Übersetzung, in Alexandrinern, gab. Aber 1757, hier zum allerersten Mal, in Mendelssohns eigener, reimfreier Übertragung von fast achtundzwanzig Zeilen aus dem Monolog „Seyn, oder nicht seyn, das ist die Frage“.

Im Untersuchen der verschiedenen Sprachebenen – Mendelssohns wichtiger Beitrag zum sogenannten „Sturm und Drang“- dringt er bis zu Sprachlosigkeit vor, dem Verstummen im höchsten Affekt des Leidens. Mendelssohns Beispiel ist das der unglücklichen Jocaste, der Mutter, und unwissentlich, der Gemahlin des Oedip. So kann sie Oedips Frage unmöglich beantworten: ‚wer denn sein Vater sei‘. Auch hier lässt sich Mendelssohns Einfluss bis zu Schiller verfolgen: Man denke an Luise Millerin in Kabale und Liebe.

Zurück zu den vier frühen Halbbänden. Die bemerkenswertesten Hinweise, die uns heute zu Dank verpflichten, sind u.a. der Hinweis auf „die Bibel als Dichtung“, die der damalige Oxforder Poesieprofessor, spätere Lord Bishop von London, Robert Lowth, in den siebzehn seiner Vorlesungen zu De Poesia Hebraeorum 1753 veröffentlichte und Mendelssohn 1757 ausführlich besprach. Um diese Anschauungsweise der Bibel als Dichtkunst zu belegen, übertrug Mendelssohn in seiner Besprechung zum ersten Mal Bibel-Zitate aus Jesaia und Jeremia auf Deutsch.

Herder exzerpierte Mendelssohns ausführliche Rezension und kam so sowohl auf die Thematik der „ältesten Urkunde der Menschheit“, wie die der „Ebräischen Poesie“, und somit zu seiner Gedichtsammlung „Stimme der Völker in Liedern“.

Eine weitere Anregung: nämlich die Symbolisierung eines Genies, verdankte Herder einer Schilderung aus Mendelssohn Besprechung der Rezension von Mark Akensides The Pleasures of Imagination.

Mendelssohn faszinierte Akensides Schilderung eines wahren Genies durch das grandiose Bild Shakespeares16: hoch über der meerumbrausten Klippe „während unten, mitten im mächtigen Aufruhr, Nationen zittern, am Streit der Elemente sich ergötzend.“ Ohne jeglichen Quellenverweis benutzte Herder 1771 dieses Zitat in Mendelssohns Übersetzung zu Beginn seines Aufsatzes „Rede zum Schäkspears Tag“ – in den Aufsätzen „Von deutscher Art und Kunst“ …

Die Ausnutzung fremden Eigentums ist hier weniger wichtig als die folgenreiche Entwicklung dieser Sturm-und-Wasser-Metapher bei Mendelssohn. Seit 1700 hatte man versucht, für den Begriff des schöpferischen Menschen eine Definition zu finden. Was unterschied hier Begabung, Talent und Schöpferkraft?

Als die packendste unter den einschlägigen Definitionsversuchen kannte Mendelssohn die von Shaftesbury angewendete Metonomie: „A Second Prometheus under Jove“, aber, im Anschluss an die Akenside Beschreibung der vom Meer umbrandeten Gestalt, verfolgte Mendelssohn das Symbol des Wassers als Manifestation des sowohl Unerklärlichen, wie der Naturbedingten Brandung solcher Schöpferkraft.

Für Mendelssohn wird daher das Genie zum lebendigen Quell, der seine Gabe weiter strömen lässt17. So sagt Mendelssohn im Herbst 1758: „Das Genie ist eine angebohrne Eigenschaft der Seele, die sich öfters fortpflanzet wie ein lebendiger Quell immer mehr ausbreitet“18

Vor vielen Jahren habe ich verfolgt, wie beeindruckt Goethe von diesem Gleichnis war, so dass er es, 14 Jahre nach 1758, also 1772, in der freudestrahlenden Hymne „Mahomets Gesang“, den Felsenquell in seiner „Macht und Herrlichkeit“ auf das Wunderbarste besingt.19

So liesse sich aus vielen der Mendelssohnschen Rezensionsartikeln die Anregung, die befruchtende Wirkung auf Mendelssohns Zeitgenossen, z.B. wie hier auf die Jugendlyrik Goethes, aufspüren. Dank schulden wir – immer wieder.

Denn es waren Mendelssohns geduldige Schritte, die die Emanzipation der Juden zu Mitbürgern ermöglichte. Sein Verdienst, dass es Deutschland – jedenfalls bis 1933 – ermöglichte, auch weiter Land der Dichter und Denker zu sein, und so die ganze Welt zu bereichern.

Bernt Engelmann hat in einem frühen Buch, das mir mir zuerst in Amerika auf Englisch in die Hände fiel20, gezeigt, wieviele deutsche, Juden nach 1800 ein wirksames Leben zu führen versuchen konnten. Ihre Verdienste sind aus der deutschen Geschichte nicht wegzudenken.

Nur Einige seien hier genannt: Hannah Arendt, Leo Baeck, Ernst Cassirer, Paul Celan, Hermann Cohen, Eduard Gans, Paul Ehrlich, Heinrich Heine, Max Liebermann, Karl Marx, Sir John Monash, und der Begründer der ‚Wissenschaft des Judentums‘: der Wolfenbüttler Leopold Zunz.

Leicht liesse sich dieses Kapitel von Anlass und Befruchtung ausbauen, aber lassen Sie mich hier mit der Gabe schliessen, die unsere Schuld bis heute in besonders würdiger Weise anerkennt und die ganz besondere Eigenschaft dieses Mannes uns nicht vergessen lässt – und ehrt: In dem alle zwei Jahr verliehenen Moses Mendelssohn Preis „für Toleranz zu Andersdenkenden“ des Senats der Stadt Berlin.

Das möge die Antwort sein auf: Was verdanken wir Moses Mendelssohn heute?

Anmerkungen:

1. Moses Mendelssohn, Gesammelte Schriften (Jubiläumsausgabe), Stuttgart: Frommann. 1972 – (zitiert als JubA) Hier JubA 11, S. 86.

2. Bis Oktober 1755; von Mai 1759 bis November 1760; ein Jahr 1765-1766; Januar 1767 bis April 1768.

3. Georg III. von England (1738-1820), Friedrich II. von Preussen (1712-1786).

4. Jg, 3.1, S. 194

5. ebenda S. 204-216

6. Als gebürtiger Dessauer galt Mendelssohn in der damaligen Zeit als „Fremder“ in Berlin.

7. ‚Nation‘ bedeutete nach damaligen Gebrauch: Glaubensgenossen.

8. Gemeint ist J. D. Michaelis, der nach der Veröffentlichung von Lessings Die Juden in den Göttingischen gelehrten Anzeigen behauptet hatte, es sei undenkbar, dass es auch nur einen einzigen edlen Menschen unter den Juden gäbe. Als Antwort berichtete ihm Lessing, er kenne einen, dem zu einem zweiten Spinoza nur dessen Irrtümer fehlten. Er nannte ihn nicht, wen er aber meinte, ist offensichtlich.

9. Johann Lorenz Schmidt hatte sie 1735 anonym in Wertheim/Main erscheinen lassen.

10. Vertheidigung der geoffenbahrten Religion, 1759 von Gabriel Resewitz übersetzt; Tolands Christianity not mysterious (1696) und Letters to Serena, 1704 and W. Warburtons The divine legation of Moses, demonstrated on the principles of a relgious deist, from the omission oft he doctrine of a future state of reward and punishment in the Jewish dispensation, (1738-1741).

11. Verfasst war sie von Johann Larenz Schmidt, der nach Flucht aus Wertheim, erst in den Niederlanden dann in Wolfenbüttel ein Refugium fand.

12. Dieser Briefwechsel wurde dann im Litteraturbrief 287 vom Juni 1764 (JubA 5.1, S. 612-637) als „Zweifel“ (Abbt) und „Orakel“ (Mendelssohn) dargestellt.

13. Für einen gesetzestreuen Juden machen die Psalmen eines festen Bestandteil des Tages-und Jahresrhythmus aus: Morgen- und Abendgebet, zu Beginn und Ausgang des Sabbats, am Vorabend zu Pesach, des Versöhnungstages und vor und nach jedem Mal, an dem das Gebet, der Kaddisch aufgesagt wird. Auch dieses Gebet verkündigt die Heiligkeit des Ewigen Gottes und die Hoffnung auf Erlösung.

14. Adonai (Pluralis majestatis von Adon ‚mein Herr‘) wird nach talmudischer Vorschrift an Stelle des Tetragramms (JHWH) im Gebet, im Gottesdienst und bei Segnungen ausgesprochen.

15. JubA I, S. 191-218 und S. 453-494

16. JubA 4, S. 110.

17. Siehe JubA 4, S. 344.

18. Der Fleiß und die Sorgfalt hingegen sind erworbene Fertigkeiten, die wie das Wasser in einen an dem Orte stehen bleiben, wo sie die Arbeit hervorgegraben hat.

19. S. Festschrift für Herman Mejier (1976) S. 141-156: Wissen und Erfahrungen…, ‚Gedanck und Empfindung‘ – Zur Entwicklung des Geniebegriffs.

20. Bernt Engelmann, Deutschland ohne Juden? 1970, dtv.

Bildnachweis:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:MosesMendelssohn-von-AntonGraff-Kupferstich.gif

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