Buchbesprechung: Russland gibt Gas

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russland-gibt-gas-100px-m.jpg Das Buch Russland gibt Gas von Alexander Rahr ist ein Plädoyer für den unvoreingenommenen Dialog mit Russland, der nur unter der Voraussetzung historischer Kenntnisse und kulturellen Einfühlungsvermögens gelingen kann. Der Autor Alexander Rahr ist Programmdirektor für Eurasien in der DGAP (Deutsche Gesellschaft für auswärtige Politik) in Berlin. Ferner sitzt er im Lenkungsausschuss des „Petersburger Dialogs“. Rahr ist kein „Russland-Romantiker“, er überzeichnet weder in die eine noch die andere Richtung, sondern präsentiert nüchtern Unmengen an Fakten, Bezügen und Hintergründen, um die deutsche Öffentlichkeit von ihren Russland – Klischees zu befreien und gleichzeitig zu mahnen, dass wir beim Festhalten an diesen Klischees mehr verlieren könnten als nur einen politischen Partner, nämlich Wohlstand und Frieden. (Alexander Rahr, Russland gibt Gas: Die Rückkehr einer Weltmacht, Hanser Wirtschaft, 288 Seiten; Februar 2008, ISBN-10: 3446413952, 19,90 Euro)

von Frank Hahn


Ausführlich beschreibt Rahr im ersten Teil des Buches den Niedergang der Sowjetunion mit allen verheerenden sozialen, ökonomischen und politischen Folgen, um sich dann jedoch vordringlich der „Rückkehr der Weltmacht Russland“ zu widmen, wie denn auch der Untertitel des Buches lautet. Die Titelzeile „Russland gibt Gas“ weist auf eine der zentralen Thesen Rahrs über das „reparierte Russland“ hin: Russland steht im Zentrum der Bemühungen zum Aufbau einer Gas-OPEC; hier formiert sich ein Kartell von Staaten in Eurasien, Nordafrika und Lateinamerika – ähnlich wie in den 70er Jahren auf dem Erdölsektor -, das die Kontrolle über 90% der globalen Gasreserven anstrebt. Europa täte gut daran, diese Veränderung der Machtverhältnisse auf dem Globus zu erkennen und kluge Schlüsse daraus zu ziehen. Während manch einfältigem Gemüt bei dieser These die Knie erweichen, will Alexander Rahr mit dieser Betrachtung eigentlich den Blick auf das Wesentliche lenken, nämlich auf das Potential zu echter Partnerschaft und kulturellem Verstehen zwischen Europa und Russland. Nutzen wir dieses Potential, weicht die Furcht vor Erpressung und Dominanz einem arbeitsamen, permanenten Dialog. Leider ist in den letzten Jahren dieser Dialog stockender, rauer, missverständlicher geworden.

Rahr geht deshalb der Frage nach, was eigentlich schief gelaufen ist in den deutsch-russischen Beziehungen, die vor 10 oder 15 Jahren deutlich besser waren als heute, wo zwischen Russland und Europa das kulturelle Missverstehen überwiegt! Im Westen hatten manche geglaubt, nach dem Ende der Sowjetunion und des Kommunismus könne man dadurch zur Tagesordnung übergehen, indem Russland Demokratie und Marktwirtschaft einführt, wodurch automatisch „Normalität“ einkehren werde. Auf der wissenschaftlichen Ebene führte das paradoxerweise dazu, dass die Zentren für Russland-Studien in Deutschland entweder geschlossen oder drastisch reduziert wurden:

„Nach der Pensionierung vieler ehemaliger Sowjetologen und der Schließung des Bundesinstitut für ostwissenschaftliche Studien entstand eine Lücke in der Russlandforschung… An deutschen Hochschulen sinkt das Interesse an russischen Sprachkursen. Es werden immer weniger Dissertationen in russischer Sprache verfasst. Die den kalten Krieg überlebt habenden osteuropäischen Fakultäten an den Universitäten verzeichnen ein rückgängiges Interesse an Fächern wie Slawistik und Osteuropakunde… wichtig wäre beispielweise eine russische Akademie in Berlin, analog zur American Academy in der Hauptstadt.“

Dieses Paradox, dass mit der Öffnung der Grenzen und der Möglichkeit viel intensiveren Austauschs das wissenschaftliche Interesse an Russland gesunken ist, erklärt zumindest teilweise die große Wirkung der überwiegend einseitig negativen Russland-Berichte in den westlichen Medien. Da die akademische Welt immer seltener wirkliche Russland-Kenner aufzuweisen hat, und die Russland-Experten aus den Kreisen der Wirtschaft schnell als befangen gelten, bedient das in Medien kolportierte Russland-Bild zusehends Klischees statt wirklich aufzuklären.

Also wird es zunehmend schwieriger, das Missverstehen abzubauen, das Rahr folgendermaßen skizziert: „Das eigentlich Trennende zwischen Russland und der EU ist die Wertedebatte. Von westlicher Seite werden Russland Verstöße gegen die Menschenrechte und die Demokratie vorgeworfen… Wenn man aber mit Vertretern der russischen Eliten eine intensivere Diskussion über Werte führt, stellt man fest, dass Russland und die EU mit gleicher Beständigkeit und Überzeugung an den universalen Werten, wie sie sich in der abendländischen Kultur herausgebildet haben, festhalten. Nur verläuft die gesellschaftliche Entwicklung in Ost- und Westeuropa in unterschiedlichen Zeitfenstern.“

Was dies bedeutet, beschreibt Rahr am Auftritt des russischen Patriarchen Alexej II. vor dem Europarat im Oktober 2007. Dieser sprach aus, was viele Menschen in der russischen Gesellschaft denken: „Der westliche Postmodernismus sei dekadent, homosexuelle Paraden müssten verboten werden, im Westen würden Minderheitenrechte zur Mehrheitsmeinung erklärt. Europa solle sich auf seine christlichen Werte besinnen und sein zivilisatorisches Überleben sichern.“

Russland als Hüter „christlicher Werte“ begegnet einem weitgehend säkularisierten Westen – ist dieser Konflikt vielleicht tiefer als die Auseinandersetzung um Demokratie und Menschenrechte? Westliche Intellektuelle unterstellen dabei der russisch-orthodoxen Kirche, sie sei obrigkeitsdenkend und konservativ. Doch der Chefredakteur der Deutschen Welle in Moskau, Miodrag Soric, bezeichnet diese Auffassung als Unfug und rät dazu, sich das Gemeindeleben in der russischen Provinz genauer anzusehen: Priester, die Kranke besuchen oder Religionsunterricht erteilen, Priesterfrauen, die den Kirchenchor leiten oder Gemeindefeste organisieren, zeugen von einer Art lebendiger Volkskirche, die sich staatlichen Zugriffen oder politischer Instrumentalisierung entzieht.

Wenn dem so ist, dann muss man umso ernsthafter und gleichzeitig behutsamer das Gespräch suchen. Man sollte sich an das 18.Jahrhundert erinnern – und daran, dass Aufklärung und Religion sich nicht notwendig ausschließen müssen, und dass eine Aufklärung, die Aberglauben und Mythen durch Vernunfteinsichten ersetzen will, immer darauf achten muss, was sie den Menschen jeweils zumuten kann. Heute aber weigere sich der Westen zumeist, die russische Kultur als eigenständig und doch komplementär zur gesamteuropäischen Kultur zu begreifen. Und umgekehrt sieht Russland die vom Westen geführte „Wertedebatte“ nur als Hebel verdeckter politischer Interessen. In der Tat erschwert diese mit erhobenem Zeigefinger geführte Debatte das Verstehen ungemein, wie Rahr konstatiert.

Wie so häufig liegt der erste Schritt zur Verbesserung schon in der öffentlich vorgetragenen Analyse des Tatbestands. Zu dieser Analyse gehört auch die Frage, was wir eigentlich in Bezug auf Russland wirklich wollen: die Fortsetzung der strategischen Partnerschaft, die irgendwann zur Integration Russlands mit Europa führen würde, oder die Rückkehr zu einer Eindämmungspolitik gegenüber Russland mit der Folge, dass es Jahre dauern würde, das Verhältnis zu reparieren. Rahr behandelt nüchtern, aber umfassend die ökonomischen, strategischen und politischen Dimensionen, die sich hinter der so gestellten Frage öffnen.

Wirtschaftswunder in Russland

Die rasanteste Veränderung hat sich in Russland auf wirtschaftlichem Gebiet ereignet. Rahr beschreibt das beeindruckende Erlebnis, in diesen Zeiten nach Moskau hineinzufahren. Er zählt mehr als 100 (!) neue Wolkenkratzer vor der Moskauer „skyline“, spürt den jungen, relativ gut verdienenden Leuten mit hoher Qualifikation und schneller Auffassungsgabe nach, die sich in Einkommen und Habitus von ihren westlichen Altersgenossen nicht unterscheiden, zählt die Menge an Millionären und Milliardären in der russischen Hauptstadt auf und den fast vollständigen Mangel an Autos aus sowjetischen Zeiten – und erwähnt nicht zuletzt auch den italienischen Koch Putins. Es habe sich in wenigen Jahren eine Mittelschicht herausgebildet, die sich bescheidenen Konsum leisten könne, und während in den 90er Jahren nur etwa 3% der Bevölkerung mit ihrer Situation zufrieden waren, sind es heute über 30%!

Ein atemberaubender ökonomischer Umschwung hat also stattgefunden, und nicht zuletzt verantwortlich dafür ist Putins liberale Wirtschaftspolitik, konstatiert Rahr. Liberale Wirtschaftspolitik? In der Tat, man hat vergessen, dass Putin in seiner ersten Amtszeit eine gigantische Steuersenkung sowie große Privatisierungsprogramme durchgeführt hat – und in dieser Zeit gab es vom Westen keine Kritik an der Menschenrechtspolitik Russlands.

Die Stärkung des Privateigentums war unabdingbar zur Kapitalbeschaffung, allerdings wurde dann die zweite Amtszeit Putins von ihm genutzt, um Russland seine weltpolitische Rolle zurückzugeben und den Grundstock für eine Modernisierung der Industrie zu legen – so zumindest sieht es Rahr. Um dieses Ziel zu erreichen, konnte Putin es unmöglich hinnehmen, dass sich westliche Finanzinvestoren oder Rohstoffkonzerne den russischen Markt unter sich aufteilten. Die Zügel wurden straff gezogen und in strategischen Schüsselbereichen übernahm der Staat wieder mehr Verantwortung – dies betrifft vor allem die Bereiche Energie, Luft- und Raumfahrt sowie Transport. Aber auch hier wäre es verfehlt, von einer simplen „Verstaatlichung“ zu sprechen. Ganz im Gegenteil: im Bahnsektor z.B. wird die Privatisierung vorangetrieben und man sucht Partner im Westen, wie z.B. Siemens.

Rahrs These lautet denn auch, dass die Kritik an Russland vor allem deswegen erneut so scharf aufgebrochen sei, weil Russland sich anschickt, auf die Bühne der Weltpolitik zurückzukehren und in wenigen Jahren schon das größte BIP in Europa haben wird.

Der Westen sollte jedoch Putin aus zwei Gründen eigentlich dankbar sein: Zum einen weil er das Land stabilisiert und vor Anarchie und Zerfall bewahrt habe und zweitens, weil das wirtschaftliche Wiederaufbauprogramm Russlands enorme Möglichkeiten für die deutsche Industrie bietet.

Betrachten wir das nur an zwei Beispielen: Energie und Transport.

  • Russland will in den nächsten 20 – 30 Jahren seine Öl- und Gasreserven auf dem internationalen Markt anbieten und sie nicht horten. Dies erscheint äußerst plausibel, da in diesem Zeitraum der weltweite Bedarf an Öl und Gas um etwa 50% steigen werde und alternative Energie noch nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Folglich muss Russland zu allererst in sein Pipelinenetz und die Förderanlagen investieren. Und dies geschieht bereits mit Nachdruck.
  • Wenn Russland seine territoriale Einheit behalten will und gleichzeitig nach Westen wie nach Osten Handel treiben will, dann ist ein leistungsfähiges Transportsystem die wichtigste Voraussetzung. Russland hat in den letzten Jahren seine Identität als Brücke zwischen Asien und Europa gefunden. Folglich werden in den Ausbau der transsibirischen Eisenbahnen 15 Mrd. Dollar investiert, Ziel ist es, die Strecke Berlin – Pazifik in 12 Tagen mit dem Zug zu bewältigen und jährlich 100 Millionen Tonnen an Gütern auf dieser Strecke zu bewegen. Die transkoreanische Magistrale wird ausgebaut, so dass nach einer Wiedervereinigung Koreas die Transportzeit zwischen Berlin und Seoul von 40 auf 15 Tage reduziert werden kann. Schon jetzt wurde der Güterverkehr auf russischen Schienen um 20% gesteigert und die Kosten um 30% gesenkt – aber wenn diese Entwicklung weitergehen soll, dann sind 150 Mrd. Dollar an Investitionen in den Bau von 7000 km Schienen und fast 400.000 km Strasse nötig. Nur zwei Drittel davon sollen aus dem Staatshaushalt kommen, der Rest ist über privates Kapital aufzubringen. Der Siemens-Konzern ist an erster Stelle an diesen gigantischen Infrastrukturprojekten beteiligt, er liefert Russland Hochgeschwindigkeitszüge im Wert von 1,7 Mrd. Euro.

Und eines wird Rahr nicht müde, immer wieder zu betonen: wenn Deutschland diese Chance nicht ergreift, dann werden erstens andere die Lücke füllen, und zweitens wären wir mit Blindheit geschlagen, was die strategischen Realitäten auf dieser Welt im 21.Jahrundert angeht. Rahr widmet sich unter dem Kapitel „Tankstellen an der Seidenstrasse“ diesem Thema.

Great Game im 21. Jahrhundert: Gas-OPEC und SOZ

Im Zeitraffer beschreibt der Autor die gigantischen Veränderungen auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion seit 1990. Er lässt noch einmal die Versuche der verschiedenen russischen Regierungen Revue passieren, nach der Auflösung der Sowjetunion zunächst über die GUS, und später über andere Formen die einzelnen Republiken zu reintegrieren, ohne notwendigerweise ein neues Imperium zu schaffen. Und so wie Moskau die Ukraine und Kasachstan als die Schlüsselländer betrachtet – Ukraine als Schlüssel zum Westen, Kasachstan als Schlüssel zum Osten – hatte schon US-Präsident Clinton dieselbe Sicht von amerikanischer Seite präsentiert. Die letzten 15 Jahren sind dann auch ein Kampf um Einflußzonen zwischen Russland und dem Westen im Kaukasus, in Zentralasien und der Schwarzmeerregion gewesen. Rahr geht noch einmal – teils knapp, teils ausführlicher — auf die verschiedenen „bunten Revolutionen“ von Kiew und Tiflis bis Kirgisien ein. Aber in der Summe stellt sich am Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts eine relativ eindeutige Lage dar: Russland hat jahrelang darum gekämpft, die gewaltigen Energie- und Rohstoffressourcen auf seinem Territorium sowie auf dem der Nahfolgestaaten der UdSSR zu einer Macht zusammenzufassen, und in gewisser Weise ist dies – auch mit Hilfe Chinas und Lateinamerikas – gelungen. Die Schlüsselbegriffe lauten dabei Gas-OPEC und SOZ (Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit).

Russland hat folgende Länder für die Idee einer Gas-OPEC gewonnen: Turkmenistan, Usbekistan, Iran, Bahrain, Katar, Algerien sowie Venezuela und Bolivien. Inzwischen werden bereits 90% der weltweiten Gasreserven durch Staatskonzerne gehalten, 17% allein durch Gasprom. Die NATO hatte einst versucht, mit der Idee einer Energie-NATO den Russen Paroli zu bieten, aber die Realitäten auf der Welt hatten sich deutlich verschoben.

Rahr lenkt den Blick des Lesers in die Hauptstadt Kasachstans, Astana. Mitten in der kasachischen Steppe ist vor wenigen Jahren eine moderne Hauptstadt gebaut worden. Im Winter fegen bei minus 40 Grad Schneestürme durch die Strassen, und im Sommer herrscht bei 40 Grad plus oft eine Gluthitze. Beiden Extremen begegnet man durch den Aufenthalt in vollklimatisierten hochmodernen Hotels. Kasachstan blüht, wächst und gedeiht mit jährlichen 10% Wachstum, die weltweit größten Ölfunde sind dort gemacht worden und man möchte in 20 Jahren täglich 3 Millionen Barrel Öl fördern. Wohin wird sich dieses reiche und stolze Land in der Mitte des eurasischen Kontinents wenden? Wird man in Zentralasien im 21. Jahrhundertenglisch, russisch, chinesisch, türkisch oder arabisch sprechen? Die chinesischen Konzerne haben bereits eine privilegierte Situation in Kasachstan, von dort soll eine 1000 km lange Pipeline nach China gebaut werden, und gemeinsam will man Indien erschließen.

Und damit kommen wir zur SOZ (Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit). Wir zitieren Alexander Rahr: „Die seit gut einem Jahrzehnt bestehende Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) kann zu einem Vehikel für die neue Gas-OPEC werden. Innerhalb dieser Institution treffen sich die Interessen der Atommächte Russland, China und Indien mit denen von Regionalmächten wie Kasachstan, Pakistan, Usbekistan oder Iran. In der SOZ sind drei der vier sogenannten BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) versammelt, die 15% des BIP der Weltwirtschaft, 15% des Weltenergieverbrauchs und 20% der globalen Auslandsinvestitionen ausmachen. Die SOZ kann zum wichtigsten regionalen Staatenbund der Welt aufsteigen. Ihre Vollmitglieder China, Russland und die zentralasiatischen Staaten repräsentieren schon jetzt mehr als ein Viertel der sechseinhalb Milliarden Menschen auf dieser Welt. Indien, Pakistan und der Iran sind derzeit nur Beobachter der SOZ. Nach einer Vollmitgliedschaft würde die SOZ eine Organisation sein, die mehr als 40% der Weltbevölkerung repräsentiert. Die SOZ bündelt die Interessen von zwei regionalen Wirtschaftsbündnissen: die Eurasische Wirtschaftsgemeinschaft (EURASEC) und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (ECO) – eine von Pakistan, Iran und der Türkei mit den zentralasiatischen Ländern gegründete Interessengemeinschaft. Die SOZ scheint das einzige zukunftsträchtige Integrationsmodell für die vereinigungswilligen früheren Sowjetrepubliken zu sein.“

Damit ist „alles“ gesagt: Europa tut gut daran, sich diesen Realitäten zu stellen. Die auf deutsche Initiative entstandene Zentralasien-Strategie der EU trägt schon dieser neuen multipolaren Welt mit dem Schwerpunkt auf Eurasien Rechnung. Klug ist dabei der immer wieder vom Auswärtigen Amt in Berlin versicherte Grundsatz, man wolle niemals Zentralasien gegen Russland ausspielen. Und in der Tat kann Europa nur im eigenen Interesse bei der Neuverteilung der Gewichte in der Welt dabei sein, wenn es dieses Eurasien der SOZ als Ganzes zum Partner auswählt. Russland ist neben China geistiges und politisches Herzstück – und auch dies unterstreicht die Notwendigkeit, Russland besser zu verstehen, um die Partnerschaft nicht nur nicht leichtfertig zu verspielen, sondern von beiden Seiten kulturell, intellektuell zu vertiefen.

Russlands Industrialisierung

Ein grundlegender Fehler in der Analyse des Westens liegt häufig darin, Russland auf Dauer nur als Rohstoffexporteur zu sehen. Schon unter Putin war das erklärte Ziel, nicht Exportweltmeister für Energie zu werden, sondern die Rohstoffe im eigenen Land zu verarbeiten: „Russland möchte seine eigene chemische Industrie aufbauen und das geförderte Öl im Land selbst verarbeiten. Russland wird in den nächsten Jahren seine Exportstruktur völlig ändern. Um als Industrienation anerkannt zu werden, muss es Fertigprodukte verkaufen und nicht nur als Rohstoffanhängsel des Westens fungieren. Russland legt seine neuen Pipelines an den Pazifik nicht, um sein gesamtes Öl nach Japan oder China zu exportieren, sondern um im Fernen Osten Raffinerien aufzubauen, die das Öl veredeln sollen. Russland wird demnächst 40 Atomreaktoren bauen, denn der Atomstrom soll den Gasverbrauch im Inland ersetzen“.

Unter dem neuen Präsidenten Medwedjew ist die Modernisierung der Industrie sogar eines der vorrangigen politischen Ziele. Rahr beschäftigt sich mit drei Bereichen fortgeschrittener Technologien, in denen Russland einen Führungsanspruch anmeldet: Atomkraft, Flugzeugbau und Nanotechnologie. Von dem geplanten Bau der 40 Atomreaktoren war bereits die Rede, ab 2010 sollen pro Jahr zwei Reaktoren mit modernster Sicherheitstechnik produziert werden, um bis 2030 den Anteil der Kernenergie an der Stromproduktion von heute 16% auf 33% zu verdoppeln.Früher zählte Russland zu den führenden Nationen in der Luft- und Raumfahrt. Noch heute sind 225.000 Menschen in diesem Sektor beschäftigt. Aber die russische zivile Flugzeugflotte ist hoffnungslos veraltet, und um das Vordringen von Boeing und Airbus auf den russischen Markt zu verhindern, gibt es nur einen Weg: die massive Ankurbelung der eigenen zivilen Luftfahrtproduktion! Genau dies ist geplant, und die Zahlen klingen atemberaubend: Bis 2024 soll die zivile Luftfahrtflotte komplett modernisiert werden, dazu wird die Produktion ziviler Flugzeuge um das 27-fache steigen (die der Militärmaschinen um das Viereinhalbfache); insgesamt sollen dafür 250 Milliarden Dollar an Investitionen in den Luftfahrtsektor fließen! Russlands Luftfahrtkonzern OAK soll weltweit die Nummer drei nach Boeing und EADS werden.

Nach OAK ist Rosnanotech die zweitgrößte russische Holding. Auch in der Nanotechnologieinvestiert Russland z.Zt. mehr als die USA, der Nachholbedarf ist natürlich auch gewaltig. Aber Russland verfolgt das ehrgeizige Ziel, die Modernisierung der eigenen Elektroindustrie, Biomechanik und Hightech-Konsumgüterproduktion aus aus eigener Kraft und mit eigenen technischen Mitteln zu bewältigen. Eine intensive technologische Kooperation mit dem Westen wird dennoch unabdingbar sein und ist selbstverständlich gewollt.

Hier stellt sich dann noch einmal die Frage nach der politischen Verlässlichkeit Russlands.

Politik in Moskau: ein Shakespeare-Drama

Rahr beschreibt in mehreren Etappen ausführlich Putins taktische Manöver und“Strippenzieherei“ im Vorfeld der Auswahl seines eigenen Nachfolgers. Die internen Kämpfe, präsidialen Winkelzüge, Zeitgewinnstrategien und Täuschungsmanöver, die bei dieser „Operation Machtübergabe“ stattgefunden haben, vergleicht Rahr mit einem Shakespeare-Drama, das noch nicht zu Ende gespielt ist. Der sogenannte Westen ist entweder nicht gewohnt, Politik als klassisches Drama zu analysieren oder nimmt dies höchstens zum Anlass herber Kritik, da bekanntlich bei Shakespeare nicht die „Demokratie“ beschrieben wird, sondern Putsch, Verrat, Mord und Totschlag, um es etwas populär auszudrücken. Aber bei Shakespeare haben wir es immer mit realen Personen zu tun und nicht mit Seifenoper-Romantik. Wir lernen bei ihm mehr über menschliche Psychologie als in einem Intensiv-Kurs über Siegmund Freud. Und genauso will uns Rahr helfen, die Kenntnis der Motive und psychologischen Dispositionen der realen Personen im russischen Macht-Poker zu verstehen. Es ist nachgerade nicht nur oberflächlich, sondern führt zu politisch-strategischer Erblindung, wenn man an diesen Machtpoker die Axiomatik „westlicher Demokratien“ anlegt.

In Russland herrschen andere historische, kulturpsychologische Dispositionen sowie ganz andere politische Erfahrungen als bei uns. Rahr zitiert den ersten Vizepremier Sergej Iwanow mit den Worten: „Russland wäre zweimal in seiner Geschichte fast zum Parlamentarismus übergegangen, Anfang des 20. Jahrhunderts und zwischen 1990 und 1993. Der erste Versuch endete mit der Absetzung des Zaren und der Machtübernahme der Bolschewisten, der zweite – fast mit der Absetzung des Präsidenten Jelzin und dem Absturz Russlands ins Chaos.“

Wer erinnert sich heute noch an den sog. „Oktoberputsch“ von 1993, als vor dem Weißen Haus geschossen wurde und mehrere Hundert Tote und Verletzte als Opfer dieses „kleinen Bürgerkriegs“ gezählt wurden? Damals wurde das Experiment Demokratie in Russland beendet – und nicht erst sieben Jahre später unter Putin.

Das Shakespearesche Drama der Machtübergabe zwischen 2006 und 2008 muss vor diesem Hintergrund verstanden werden. Putin war mit schweren Fraktionskämpfen innerhalb des russischen Geheimdienstes konfrontiert, die Gefahr eines Putsches bei möglichen unklaren Verhältnissen im Umfeld der Präsidentenwahlen war real und ihr musste begegnet werden. Das hieß für Putin einerseits, die Zügel bis zuletzt fest in der Hand zu halten. Andererseits konnte nur ein „neutraler Kandidat“ ohne Geheimdiensthintergrund und möglichst sogar ohne alten, sowjetischen Stallgeruch, die Streithähne im Geheimdienstapparat vorerst ruhig stellen. Vor diesem Hintergrund fiel Putins Wahl auf Dimitri Medwedew.

Der „nette Junge“ aus St.Petersburg, wie er genannt wird, kann die liberalen Kräfte des Landes wieder in die Politik integrieren, er findet in der Ukraine und im Westen Vertrauen und Wertschätzung, Medwedjew steht für Marktwirtschaft und Modernisierung der Wirtschaft – und was vielleicht das Wichtigste ist: Medwedjew will die notwendigen sozialen Reformen einleiten, um die tiefe Diskrepanz zwischen arm und reich im Land abzubauen und damit das größte Destabilisierungspotential zu entschärfen.

Rahr weist abschließend darauf hin, dass die Übernahme des Präsidentenamtes durch Medwedjew zu einem außenpolitisch äußerst günstigen Moment stattfindet. Ein geschwächter US-Präsident Bush scheint von seinen Plänen einer Raketenabwehr in Mittelosteuropa Abstand nehmen zu wollen, die Gefahr eines Kriegs gegen den Iran scheint vorläufig gebannt, genauso wie eine Nato-Mitgliedschaft Georgiens und der Ukraine zunächst nicht mehr auf der Agenda steht. Von daher appelliert Rahr an den Westen, die günstige Gelegenheit wahrzunehmen und die Idee einer intensiven strategischen Partnerschaft mit Russland wiederaufzunehmen.

Und was wird mit Putin und mit der russischen Demokratie? Für jeden westlichen Politiker ist das vorletzte Kapitel in Rahrs Buch „Strategiegespräch auf der Datscha“ Pflichtlektüre, um Russland besser zu verstehen. Hier kommen einige Vertreter der russischen Elite am Kamin bei Kaviar, Reh und Wildschwein, Tee, Bier und Wodka zusammen, um über Russlands Zukunft zu debattieren. Nach wenigen Dialogen wird deutlich, wie tief die tausendjährigen historischen Erfahrungen Russlands in jede einzelne Entscheidung und strategische Weichenstellung heute eingreifen. Die Frage, ob man sich gen Westen oder gen Osten orientiert oder einen strammen nationalistischen Kurs fährt, rührt in der russischen Seele an fast archaische Erlebnisse und Traumata, die mit Krieg, Hunger, Gewalt und Revolution verknüpft sind. Russland hat ganz offensichtlich noch nicht den Weg gefunden, diese Erfahrungen psychologisch undkulturell so zu „verarbeiten“, dass man aus der nötigen Distanz heraus unbelastet die Zukunft gestalten könnte. Deswegen wird Putin im Land wie ein Zar verehrt, als Mythos gefeiert, denn er scheint dem Land das zu garantieren, wonach sich die Menschen am meisten sehen: Stabilität. Man muss Putin nicht mögen, aber wenn man mit Russland zu tun hat, sollte man dies zumindest verstehen. Beim Kamingespräch wird aber auch von den russischen Gesprächspartnern unterstrichen, worauf es Rahr persönlich ankommt: die Kompatibilität russischer und westlicher Wertvorstellungen in Politik und Gesellschaft!

Und so verstehe ich Rahrs Anliegen: aus einem tieferen kulturellen und historischen Verständnis heraus den Prozess zu begleiten, der eines Tages eine Form der russischen Demokratie hervorbringen wird – ein Prozess, in dem das Land zunehmend mit sich selbst ins Reine kommen sollte, um Heroisierung und Mythenbildung hinter sich zu lassen.

Rahr ist in Hinsicht auf dieses Ziel leidenschaftlich, sein Buch ist nüchtern, faktisch, fast enzyklopädisch, und gerade deshalb bestens geeignet, der deutschen Öffentlichkeit den medialen Schaum vom Mund zu wischen, der sich beim Thema Russland in den letzten Jahren viel zu oft gebildet hatte.

 

 

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