Das Humboldt – Forum in der Mitte Berlins: Öffnung zur Welt

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wvhumboldt.jpg In 7 Jahren soll die Mitte Berlins ein neues Gesicht haben: Die Museumsinsel wird mit dem Schlossneubau zum Zentrum für Ausstellungen außereuropäische Kulturen und zur Begegnung Deutschlands und Europas mit der Welt – und sich selbst. Der Name für diese visionäre Aufgabe heißt „Humboldt-Forum“, und ganz im Sinne der Brüder Humboldt soll die Mitte der Hauptstadt der Kultur und nicht der politischen Macht gehören. Das Hinhören auf den Anderen und das Erkunden der Welt als Begegnung eigenen Verstehens könnte auch ein neues Verständnis von Staat und Gesellschaft in der Welt von morgen bedingen. Die Debatte um das Humboldt-Forum hat längst begonnen und sollte die Menschen hierzulande aufhorchen lassen und zur Teilnahme ermuntern.

von Frank Hahn


Ist Deutschland reif für die Insel? Dann könnte mman sich doch in Berlin gemütlich entspannen – wo anders als auf der Museumsinsel in der Mitte Berlins lässt sich Inselurlaub so unkompliziert mit einer Bildungs- und Kulturreise verbinden? Zur Zeit stellen vier, demnächst wieder fünf Museen Kunstschätze von der Antike bis zur Moderne aus diversen Kulturkreisen aus, ein Besuch des Doms mit der berühmten Orgel lässt sich auch noch einplanen, Rasenflächen und Wasserfontänen laden zur Erholung, und in einigen Jahren wird sogar der Neubau des Berliner Schlosses – mit historischer Fassade – fertiggestellt sein. Gerade dadurch bekommt aber die Frage „Ist Deutschland reif für die Insel?“ noch eine ganz andere Konnotation.

Denn im Vorfeld der Wiederherstellung der Schloss-Fassade regte sich der Vorwurf, hier würden restaurativ-nationale Tendenzen in Architektur und Kultur beschworen, und flugs ertönt der Vorwurf der „Unreife“ im Umgang mit Geschichte, da heutzutage höchstens noch die Rede von europäischen Kulturen, nicht aber von einer deutschen Nationalkultur sein könne. Wie haltlos die Befürchtung restaurativer Tendenzen im Kontext des Schlossneubaus sind, zeigt der Plan, genau dort das Humboldt-Forum anzusiedeln – eine in der Welt einmalige Sammlung außereuropäischer Kunst! Der Vollständigkeit halber muss man allerdings sagen, dass sich das Humboldt-Forum keinesfalls auf das Schloss beschränken wird, sonderndas Gesamtensemble der auf der Spree-Insel gelegenen Museen umfassen wird. Gern werden bereits im Zusammenhang mit dem Humboldt-Forum Begriffe wie „Schaufenster“ oder „Visitenkarte Deutschlands“ genannt,was erneut die Frage nach unsererReife aufflackern lässt. Visitenkarten und Schaufenster sind Elemente der Selbstdarstellung, bei der per Definition immer etwas leicht Neurotisches mitschwingt. In der Tat soll Deutschland weder sich noch seine „Nationalkultur“ darstellen. Die Frage ist viel einfacher und gleichzeitig unendlich schwieriger: was wollen wir der Welt sagen, und was wollen wir von der Welt hören? Diese Öffnung zur Welt knüpft direkt an das Erbe der Gebrüder Humboldt an, wie es auch die Initiatoren des Humboldt-Forums verstehen:Wilhelm von Humboldt suchte den Weg in die Welt über die Sprache, Alexander durch die Betrachtung der Natur als Gemälde. Wir werden sehen, wie die Dialektik von Sprache und Bild die Überlegungen zum Humboldt-Forum trägt.

Aus dieser Perspektive ist das Projekt Humboldt-Forum „etwas ganz Großes“, wie der neue Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Prof. Hermann Parzinger, es ausdrückte. Die Mitte der Hauptstadt Berlin gehöre nicht der politischen Macht, sondern der „Kultur“. Und mit dem Anknüpfen an die Humboldts gelingt es eben auch, den Begriff der nationalen Kultur selbst zu dynamisieren und die Verkrampfungen zu lösen, die hiesige Debatten häufig immer noch prägen. Nicht nationale Identitäten, Wertedebatten, Leit- oder Erinnerungskultur, auch nicht „Ahnenverehrung“ können Antwort auf die Fragen der Zeit geben, sondern am besten die verblüffende Klarstellung, dass Philosophie, Geistesgeschichte und Kunst in Deutschland in der jüdischen, arabischen und griechischen Denkweise von der Antike zum Mittelalter wurzeln, dass auch und gerade in unserer Klassik und Aufklärung die beste sokratische Tradition des philosophischen Nicht-Wissens durchschimmert. Wäre nicht ein Kulturbegriff befreiend, der den weisen Menschen als den Suchenden und so auch die Kunst, die Dichtung, die Naturbetrachtung als immer unfertig und unerschöpflich in Gegensätzen schwebend verstünde? Welche Überraschung, wenn wir dieses sokratische Schweben als die ultima ratio der besten Werke „deutscher Kultur“ entdeckten!

Diese Entdeckungsreise gelingt über das sokratische und Humboldtsche Gespräch mit den Anderen, und so gesehen kann das Humboldt- Forum den Grundsatz Wilhelm von Humboldts ständig aufs Neue verwirklichen, dass wir uns erst im Anderen erkennen lernen. Dann wäre der Ort in der Mitte Berlins ein zum Kunstwerk geronnenes „Gespräch mit der Welt“ – und hierin liegt das Neue, das die Initiatoren letztlich anstreben.

 

Nationale Kultur als Entprovinzialisierung und Entnationalisierung

Wer sind die ursprünglichen Initiatoren? Es handelt sich zum einen um die direkten Nachfahren der Familie Humboldt, Christine und Ulrich von Heinz, die im Humboldt-Schloss zu Berlin-Tegel wohnen, Führungen vor Ort der Öffentlichkeit anbieten und das Erbe der Humboldt-Brüder wissenschaftlich aufarbeiten. Zum anderen hat sich von Anbeginn der Philosoph Rudolf zur Lippe für das Humboldt-Forum engagiert. In ihrer „Programm-Schrift“ zum Humboldt-Forum formulieren sie:

 

„Es geht um eine Begegnung mit dem Anderen, dem uns Fremden, dessen wir bedürfen, um uns weiter zu entwickeln, und die Welt, die immer näher zusammenrückt, besser verstehen zu lernen und friedlicher gestalten zu können in einem Dialog der vielen Modernen. Dafür [den Dialog der vielen Modernen, F.H.] ist der Name Humboldt paradigmatisch. Das Berlin des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, das die Gebrüder Humboldt hervorgebracht und geprägt hat, stand in seinem neuen, in kurzer Zeit gewandelten Lebensstil wie keine andere Stadt für eine Entprovinzialisierung des Denkens in einem modernen, nicht zentralistischen Geist.

Um 1800 war der Beginn der Industrialisierung bereits so weit durchgesetzt, dass alle bis heute mit ihr verbundenen Hoffnungen im Ansatz schon greifbar und ebenso alle Gefährdungen schon erkennbar waren. Heute stehen wir wieder in einer Wendezeit im Prozess der Globalisierung und haben die Chance, mit dem Geist der Brüder Humboldt eine Linie der beginnenden Moderne wieder aufzunehmen, die durch nationale und nationalsozialistische Entwicklungen unterbrochen war:

Einerseits um uns unserer abendländischen Kultur wieder bewusst zu werden und sie durch die Veränderungen der Gegenwart neu zu begreifen und um uns andererseits anderen kulturellen Entwürfen und Wirklichkeiten gegenüber zu öffnen. Das bedeutet gemeinsam und jeweils neu zu lernen, neue Wege für die Zukunft zu finden. Ein Ort dafür soll das Humboldt-Forum in der Mitte Berlins werden.“ (1)

Der Hinweis auf das Berlin um 1800 und die Entprovinzialisierung unterstreicht das anfangs Gesagte. Die Kultur dieser Zeit, die wir gern und zu Recht als „deutsche Klassik“ bezeichnen, war einerseits jüdisch geprägt, denn nach Moses Mendelssohns großartigem Wirken in Literaturkritik, Ästhetik, Philosophie, Religion und Sprache pulsierte das intellektuelle Leben in den jüdischen Salons!

Dort suchte man Vorbilder der Ästhetik in der griechischen Antike, deren Ideen schließlich auch Maßstab eines selbstbestimmten Menschen wurden, der in sich eine Einheit aus Sinnlichkeit, Genuss, Vernunft und poetischer Stimmung bilden sollte. Goethe wandte sich der persischen Dichtung zu, Wilhelm von Humboldt entdeckte die indische Dichtung, der er vor der griechischen den Vorzug gegeben hätte, wenn er früher darauf gestoßen wäreEs war das Zeitalter der Weltreisen, das Interesse für den Orient, für Asien und Lateinamerika wuchs fieberhaft, und Alexander von Humboldt wurde bald die zentrale Figur des Berliner Geisteslebens, nachdem er alle diese Länder zu Forschungszwecken bereist hatte.

Schließlich wurde durch Wilhelm von Humboldt in dieser Zeit der Grundstein für ein neuartiges Museums-Konzept gelegt, das Prof. Horst Bredekamp als „Wunder von Berlin“ bezeichnet: Skulpturen aller europäischen und außereuropäischen Kunst kamen in dem von Schinkel erbauten Museum im Lustgarten zusammen, wo diese Werke zum ersten Malgleichberechtigt und nicht hierarchisch geordnet für ein breites Publikum ausgestellt wurden. Das heutige „Alte Museum“ wurde 1823 eröffnet, vier Jahre später begann Alexander von Humboldt seine Kosmos-Vorlesungenin Berlin, in deren Verlauf Zehntausende Berliner Bürger über wissenschaftliche Fragen aufgeklärt wurden, von Astronomie bis zur Mineralogie, wobei diese naturwissenschaftlichen Themen von Humboldt in enger Verbindungzum „menschlichen Kosmos“, zu Poesie, Philosophie und den seelischen Empfindungen behandelt wurden.

In der Tat sind es diese zwei hervorstechenden Merkmale jener Epoche, die das Projekt eines Humboldt-Forums modern und aufregend erscheinen lassen: Volksbildung und Entprovinzialisierung. Und wir können ruhig sagen, dass dies das Merkmal einer deutschen Kultur war, zumindest der preußischen, bevor sie im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts in nationale Pathologien umgebogen wurde und schließlich abstarb.

 

Kultur als Säule der Außenpolitik –
Steinmeiers Rede auf der Museumsinsel

Es liegt in deutscher Gemütsart, sich mit Begriffen herumzuquälen – und so widmete das Goethe-Institut Ende April dem Thema „Nationalkultur“ ein dreitägiges Symposium auf der Museumsinsel in Berlin. Uns interessiert dabei nicht die Tatsache, dass die angereisten Soziologen verschiedenster Couleur keine Antwort finden konnten auf die Frage, ob und inwieweit wir von Nationalkultur sprechen dürfen, ob wir den Begriff umbenennen müssen, um welttauglich zu werden oder schlicht das ganze Theater um eine nationale Kultur vergessen sollten?Viel interessanter für unser Thema ist die allgegenwärtige Präsenz des Humboldt-Forums in den Redebeiträgen der Nicht-Soziologen, die auf dem Symposium vertreten waren, sowie die außenpolitische Rückendeckung für das Humboldt-Forum. Zur Eröffnung des Symposiums sprach Außenminister Steinmeier vor der Kulisse der Basilika im Bode-Museum, die mit den Reliefs von Luca della Robbia an die Motive der italienischen Renaissance anknüpft. Italienische deutsche „Nationalkultur“? Vor Steinmeier erinnerte der Generalsekretär der Stiftung Preußischer Kulturgüter, Prof. Peter Schuster, daran,dass Schinkel und Humboldt die Rotunde im Alten Museum mit den berühmten antiken Skulpturen als „Tempel“ gebaut hätten, in dem Schillers Idee der ästhetischen Erziehung in architektonischer Form erscheinen sollte. Antike deutsche „Nationalkultur“? Danach sprach die junge türkisch-stämmige Journalistin Mely Kiyak, die das Publikum leidenschaftlich anfeuerte, sich zur deutschen Nationalkultur zu bekennen; denn wo und wie sollten sich die Einwanderer integrieren, wenn nicht in eine nationale Kultur? Kiyak, die ihre Liebe zu Heine, Schiller und Goethe „bekannte“, sah einen Zusammenhang zwischen dem verschämtem Wegwischen des Begriffs Nationalkultur und der Tatsache, dass in der deutschen zeitgenössischen Literatur die Einwanderer praktisch nicht vorkommen. Türkische deutsche „Nationalkultur“?

Es war der Außenminister, der elegant die Spannung löste, wobei er am Ende die Bedeutung des Humboldt-Forums für die Wahrnehmung Deutschlands in der Welt darlegte. Zunächst äußerte er sich zum Thema Nationalkultur:

„Es gibt keinen besseren Ort als die Museumsinsel, um sich für einen Moment die kulturellen Leistungen unseres Landes zu vergegenwärtigen. Und bescheiden zu werden gegenüber den hier, in dieser nationalen Galerie kulturellen Reichtum, versammelten Säulenheiligen der Kunst, gegenüber den Leistungen unserer wunderbaren Schauspieler und Filmemacher nebenan in den Theatern und Kinos, unserer Literaten und bildenden Künstler in den Bücherschränken und Museen überall auf dieser Welt.

Und wir sollten es für bescheiden in dem Sinne halten, dass jede begriffliche Annäherung nie die Aussagekraft eines Buches von Goethe oder Grass, einer Skulptur von Riemenschneider oder eines Gemäldes von Richter haben kann. Was auch immer wir sagen werden, es sollte keinen Anspruch auf ewige Gültigkeit erheben – das kommt allein der Kunst zu!

Auch deshalb erwarte man von mir also keine leitkulturellen oder dogmatische Feststellungen zur Nationalkultur. Kulturelle Identität ist eine Identität im Wandel, und ein Ja zu einer modernen Nationalkultur schließt schon begrifflich den Glauben an eine statische Leitkultur aus. Um so mehr sollten wir uns redlich darüber klar werden, welche Bedeutung der Gegenstand „Nationalkultur“ für uns hat, heute und für eine absehbare Zukunft.

Und da kann der außenpolitische Blick nichts schaden. Manchmal sieht man ja die Dinge mit etwas mehr Abstand auch etwas klarer.“

Wie gerade in schwierigen außenpolitischen, diplomatischen Missionen die Einfühlsamkeit von Künstlern und Kulturschaffenden gefragt seien, hörte sich bei Steinmeier so an:

„Man muss sich um Verstehen bemühen, um zu entscheiden, ob man einverstanden sein kann oder wo die tieferen Gründe für Differenz liegen. Und um zu erkennen, wo und wieweit gemeinsames Handeln möglich ist. Diese Arbeit fängt mit dem Zuhören an und damit, Dinge so zu sagen, dass beim anderen nicht gleich die Rollläden herunter gehen. Das setzt das Gespräch voraus, direkt und unmittelbar, nicht mediatisiert durch Überschriften, Zitate und Verkürzungen.

Differenziert, tastend, manchmal auch vertraulich, um Grenzbelastungen zu erproben, gemeinsame Wege zu sondieren. Zur Bescheidenheit der Außenpolitik gehört auch die Gewissheit, dass selbst bei idealen Bedingungen der Instrumentenkasten klassischer Diplomatie als Quelle der Erkenntnis kaum genügt.

Wer in die tieferen Schichten gesamtgesellschaftlicher Befindlichkeiten vordringen will, muss darüber hinaus! Aber das ist ja auch nicht verboten, auch dem Außenminister nicht.“

 

(Der vollständige Text der Rede Steinmeiers ist nachzulesen unter:

http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Infoservice/Presse/Reden/2008/080424-BM-Nationalkultur.html)
In diesem Kontext betonte Steinmeier die Kultur als „dritte Säule der Außenpolitik“ und erwähnte, dass er auf jede wichtige Auslandsreise neben einer Wirtschaftsdelegation auch eine Kulturdelegation mitnähme. Dass Steinmeier diese Worte fand, reflektiert neben seinem persönlichen Engagement in diesen Fragen auch die Erwartungen aus fernen und nahen Ländern, dass man Deutschland längst nicht mehr nur als Wirtschafts- und Technologiefaktor wahrnimmt, sondern Deutschlands Kultur kennen lernen möchte. Am Schluss seiner Rede berief sich Steinmeier auf Humboldt: „In einem Zeitalter, in dem alte Gewissheiten ins Wanken geraten, brauchen Kultur und Politik wieder etwas vom Humboldtschen Geist“, um sich an dieser Stelle mit Verve für die Idee des Humboldt-Forums als „weltoffenen, weltzugewandten kulturellen“ Raum auszusprechen.

Die Politik soll und darf nicht die Richtung und Maßstäbe für kulturelle Einrichtungen vorgeben, darüber besteht auch im Auswärtigen Amt ein unmissverständlicher Konsens. Wir brauchen jedoch nicht traurig zu sein, wenn zukünftige Außenminister ihre ausländischen Staatsgäste ans Fenster ihres Büros führen und auf das Humboldt-Forum als erste Adresse Berlins zeigen, die es sich lohnt zu besuchen. Man kann eben auch die Wechselbeziehung andersherum werten: Der gegenwärtige Außenminister lässt die „Kultur“ frei sprechen, weil er die Grenzen des Politischen kennt. Hören wir Steinmeier als engagierten Menschen, dann hat er in seiner zitierten Rede in erstaunlicher Präzision die Grundgedanken des Humboldt-Forums dargelegt. Freuenwir uns vorbehaltlos über diese Gemütslage und Bildung des Ministers.

Dennoch ist damit weder das erste noch das letzte Wort gesprochen. Weil die anhaltende Debatte über das Humboldt-Forum glücklicherweise noch Spielraum für Interpretationen und Ideen offen hält, sollte auch das breitere Publikum an dieser Debatte teilnehmen. Ein Beitrag dazu sind die folgenden Zeilen. Sie sind ausdrücklich nur als Ergänzung zu den beiden Broschüren der Initiatoren gedacht, die unter dem Titel „Mit Wilhelm und Alexander von Humboldt zum Humboldt-Forum in der Mitte von Berlin“ 2007 mit vielen lesenswerten Beiträgen namhafter Wissenschaftler erschienen sind.

Hier sollen zunächst Stimmen zu Wort kommen, die in der erwähnten Broschüre nicht aufgeführt sind, um dann noch zwei eigene Vorschläge in die Diskussion zu bringen.

In zwei Fällen – dem Präsidenten der Humboldt-Universität Prof. Christoph Markschies und dem Kunsthistoriker Prof. Horst Bredekamp – wird das Humboldt – Forum als Fortsetzung der „Berliner Linie“, die von Leibniz zu Humboldt führte, charakterisiert. Beginnen möchte ich jedoch mit dem neuen Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Prof. Parzinger.

 

Das Humboldt – Forum und der Austausch mit Eurasien

Parzinger ist Archäologe und war selbst in den letzten Jahren an Ausgrabungen in Zentralasien und Sibirien beteiligt. Daraus resultierte nicht zuletzt die großartige Skythen-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau im letzten Sommer, die gewissermaßen Parzingers „Einstandsgeschenk“ für Berlin war. Anfang des Jahres erläuterte Parzinger im Gespräch mit Welt-online.deseine Vorstellungen zum Humboldt-Forum: Es solle sich dem Besucher als „Agora, als Portal zur Welt“ öffnen. In der unteren Etage sollte durch verschiedene Ausstellungen, Gaststätten, Läden, durch Theater, Musik und Tagungen zunächst die Neugierde auf die außereuropäischen Kulturen geweckt werden. In den oberen Stockwerken würden sich dann Forschungsbibliotheken, Wissenschaftssammlungen und die nachgebaute „Kunstkammer als Keimzelle von Museen und Bibliotheken“ ansiedeln. Als nächste Abteilung folge die Ausstellung der Kunstwerkealler Kontinente, die jedoch in textlicher und bildlicher Korrelation zu Alltag und Religion der jeweiligen Kulturen deutliche Konturen bekommen sollten. Das oberste Stockwerk schließlich solle sich „Ausstellungen zu den großen Menschheitsthemen“ widmen. Parzinger unterstreicht einen ganz wesentlichen Unterschied zu den Museen in London oder Paris, die ihre Entstehung der Kolonialgeschichte verdanken (sprich: durch Beutezüge in den Kolonien aufgebaut wurden). „In Berlin dagegen“, so Parzinger, „gründen sich die Sammlungen auf Forschungsreisen, wie etwa die Turfan-Expeditionen nach Zentralasien“ (die heute im Indischen Museum in Berlin-Dahlem ihren Platz haben, dann aber 2015 ebenfalls ins Berliner Schloss einziehen werden). Parzinger betont: „Die Turfan-Sammlung zählt zu den bedeutendsten der Welt. Das müssen wir deutlich machen. Gerade am Beispiel Zentralasiens lassen sich Kulturentwicklungen zeigen, die bis nach Europa gewirkt haben“.Da dies am bisherigen Museumsstandort in Berlin-Dahlem jedoch nicht erfahrbar sei, müsse für das Humboldt-Forum ein neues Konzept erarbeitet werden, durch das ein Besuch zu einem „einzigartigen Bildungserlebnis“ werden kann. (Das Gespräch mit Parzinger kann man nachlesen unter: http://www.welt.de/welt_print/article1738313/Das_Humboldt-Forum_wird_eine_Visitenkarte_Deutschlands.html)

Ich halte den Hinweis auf die kulturelle Bedeutung Zentralasiens in zweierlei Hinsicht für bemerkenswert: in Hinblick auf das kulturelle Selbstverständnis aller Nationen auf dem eurasischen Kontinent und auch in aktueller politischer Hinsicht. Die Form des Ineinanderwirkens griechischen, persischen, chinesischen und indischen kulturellen Schaffens, wie sie in Zentralasien sich über Jahrhunderte entwickelt hat, stellt eine markantehistorische Singularität dar. Hier eröffnet sich für den philosophischen und ästhetischen Diskurs ein weites Feld, um die Kulturen Asiens und Europas in ihrer wechselweisen Beziehung aufeinander ins Bewusstsein zu bringen. Wie überaus bedeutsam dies für die politische Zukunftsgestaltung des 21. Jahrhunderts sein wird, lehrt uns der Blick auf die geopolitische Landkarte: Irgendwann in den nächsten Jahrzehnten wird die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) der mächtigste Staatenbund werden, sowohl nach der Anzahl der Bevölkerung als auch in Bezug auf militärische, rohstoffpolitische und generell wirtschaftliche Potentiale. Neben China und Russland gehören heute die fünf Republiken Zentralasiens zur SOZ – Beitrittskandidaten sind neben Indien auch der Iran. Zentralasien wird eine Art Scharnierfunktion in der heraufziehenden neuen Weltordnung – auch als Brücke zwischen China, Russland und Indien und Europa darstellen. Dies in der Tiefe zu verstehen und das friedensschaffende Potential dieser Verbindung zu nutzen, dazu bedarf es vor allem einer Herzens- und Seelenbildung zum Einfühlen in die Kultur Zentralasiens, so wie es seinerzeit gegenüber dem antiken Griechenland vorhanden war. Das Humboldt-Forum kann hier in der Tat „Großes leisten“.

Humboldt- Forum und die „Berliner Linie von Leibniz zu Humboldt“

Die von Parzinger erwähnte Kunstkammer liefert das Stichwort, um Prof. Bredekamps Intentionen zu beleuchten, die er mit dem Humboldt-Forum verbindet. Bredekamp hat in den letzten Jahren in Büchern, Vorlesungen und Ausstellungen das Modell der Kunstkammern, wie sie in Europa während und nach der Renaissance entstanden sind, der breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. In seinem Buch „Antikensehnsucht und Maschinenglauben“ (2) schildert Bredekamp diese Sammlungen als Vorform der Museen, in denen auf erstaunliche Weise eine direkte künstlerische, technische und geistige Kontinuität von der antiken Skulptur zur modernen Maschine gezeigt wurde. Natur, Kunst und Technik waren für die Denker, Künstler und Wissenschaftler der Renaissance nur verschiedene Ebenen göttlicher und menschlicher Schöpferkraft, so dass unter einem Dach antike Büsten, Produkte des Kunstgewerbes und Gemälde, dann Modelle aus den drei Reichen der Natur (Mineralien, Pflanzen und Tiere), und schließlich Maschinen aller Art (von Messgeräten über Fahrzeuge bis zu Hebevorrichtungen und Waffen) als selbstverständliche Entwicklungslinie des „Spiels mit der Natur“ ausgestellt wurden.

Es war der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz, der dieses Konzept der Kunstkammern zu einem seiner lebenslang verfolgten Lieblingsprojekte erweitern wollte: dem „Theater der Natur und Kunst“. Auch dazu hat Bredekamp ein Buch geschrieben, das den „provokanten“ Titel trägt: „Die Fenster der Monade“.(Bekanntlich waren Leibnizens Monaden fensterlos). In der Einleitung erwähnt Bredekamp die Kunstkammer des Berliner Schlosses, „die Leibniz für sein Modell eines Theaters der Natur und Kunst vor Augen stand. Diese Tradition ist in die Überlegungen zur Nutzung des zukünftigen Berliner Schlosses eingegangen. Das als Herz der öffentlichen Nutzung avisierte Humboldt-Forum zielt auf eine Annäherung an das von Leibniz erhoffte Unternehmen“. (3)

Die philosophisch-erkenntnistheoretische Absicht Leibnizens lag darin, die Gleichrangigkeit und gegenseitige Ergänzung von logisch-symbolischer und anschaulich-intuitiver Erkenntnis zu demonstrieren. Er wollte in dem „Theater der Natur und Kunst“ „lebendige Eindrücke und Kenntnisse von allen Dingen“ – im Gegensatz zu Bibliotheken und Ausstellungen toter Gegenstände – hervorrufen. Hier sollten „Kunstkammern, Raritätensammlungen, anatomische Theater, Heilgärten, Tiergehege“, schließlich „Observatorien, Laboratorien … sowie Modelle von allerhand nützlichen Inventionen wie Mühlen, Hebewerkzeugen, Wasserwerken sowie auch vielen Arten der bei den Bergwerken gebräuchlichen Maschinen“(4)der Öffentlichkeit nicht nur gezeigt, sondern auch vorgeführt werden. Naturwissenschaft sollte als Vergnügen und „Performance“ erlebt werden, so Bredekamp. Guerickes Versuch, zwei Halbkugeln von Pferden auseinander ziehen zu lassen, sollten zum „Vergnügen“ genauso beitragen wie die Möglichkeit der Besucher, Transfusionen und Infusionen durchzuführen oder eigenständig mit den entsprechenden Geräten Wettervorhersagen zu machen.

Die Maschinen als die Kunstwerke des Menschen begründeten nach Leibniz zwar seine Stellung als „kleinen Gott“, dennoch bewunderte er die „Kunstwerke“ der Natur aufgrund ihrer unendlichen Teilbarkeit noch mehr und beschrieb es einmal so: „Natur und Kunst spielen so wunderbar durcheinander, dass man nicht weiß, welche von beiden den höchsten Preis davonträgt“.(5) Menschliche Kunst und Technik als Ausdruck des spielerischen Umgangs mit der Natur zu begreifen, zu fördern und zu vertiefen, war das Anliegen des großen Gelehrten Leibniz bei seinem Modell des „Theaters der Natur und Kunst“, das Bredekamp als Vorbild für das Humboldt-Forum versteht.

Der Theologe Prof.Christoph Markschies, seines Zeichens Präsident der Humboldt-Universität, hatte bereits in einer Rede vom September 2006 an „seiner“ Universität ausgeführt, wie er das Leibnizsche Spiel mit Natur und Kunst in der „Berliner Linie von Leibniz zu Humboldt“ fortgesetzt sieht, um die Konzeption des Humboldt-Forums aus seiner Sicht schärfer zu konturieren. Er wies darauf hin, dass Humboldt die Gründung von Universität sowie altem und neuem Museum in seiner Bildungskonzeption nicht als getrennte Projekte verstand, denn „Wissensproduktion und Wissensvermittlung […] Sammlung und Lehrhaus, Museum und Universität bilden eine ebenso organische wie organisierte Einheit, weil sie auch in der Forschung wie in der Lehre zusammengehören“. Humboldts Maxime der „harmonischen Ausbildung aller Fähigkeiten“, wobei die „Einbildungskraft“ in seiner Konzeption der Bildung des Menschen eine wesentliche Rolle spielte, reflektiere – wie auch bei Schinkel – die Kerngedanken aus Schillers ästhetischer Theorie des Spiels. Für die Aufgabe des Museums habe Schinkel ganz in diesem Sinne die Forderung erhoben: „Erst erfreuen, dann belehren“. Markschies geht ausführlich darauf ein, wie Humboldt in seinen Überlegungen von Leibniz geprägt wurde und erwähnt das Thema des „Theaters der Natur und Kunst“.

In einem weiteren Punkt weist der Präsident der Humboldt-Universität auf Parallelen zwischen Leibniz und Humboldt hin, nämlich ihr Interesse an den außereuropäischen Kulturen. Die von Leibniz 1700 gegründete Akademie der Wissenschaften sollte Forscher und Denker (unter dem Deckmantel der Christenmission)nach China, Indien und Persien entsenden, damit „ein Commercium nicht nur von Waren und Manufakturen, sondern auch von Licht und Weisheit mit dieser gleichsam anderen civilisierten Welt und Anti-Europa einen Eingang finden dürfte.“ Leibniz wollte Europas „Licht und Weisheit durch Anti-Europas (Chinas) Licht und Weisheit befördern.“ Markschies skizzierte dann in seinem Vortrag die Fortsetzung der Leibnizschen Idee in Wilhelm von Humboldts vergleichendem Sprachstudium, in dem er sich intensiv nicht zuletzt der chinesischen sowie anderen asiatischen Sprachen gewidmet hat. Natürlich versäumt es Markschies nicht, in diesem Zusammenhang auf Alexander von Humboldt hinzuweisen, der seinen Kosmos unter das Motto der „Geschichte der Erkenntnis des Weltganzen“ gestellt hatte. (Die Rede von Markschies ist nachzulesen unter:

http://www.hu-berlin.de/ueberblick/leitung/praesident/rede/rede_humboldtforum)

Was könnte im Sinne beider Humboldts besser die Herausforderung des noch neuen Jahrhunderts unterstreichen als das Bestreben, aus der Begegnung mit anderen Kulturen „Licht und Weisheit“ zu gewinnen?

Halten wir also fest: Von der Kunstkammer des 15. Jahrhunderts über das Theater der Natur und Kunst bei Leibniz führt eine Linie zu Humboldts Museum mit angeschlossener Universität – und dieser im 19. Jahrhundert abgebrochene Weg kann und soll im Humboldt-Forum neu begangen werden.

Rudolf zur Lippe hat als einer der Initiatoren gerade im Leibnizschen Sinne Anschaulichkeit, Lebendigkeit, Durchlässigkeit der Ausstellungen gefordert, die von den vielfältigen Möglichkeiten der Inszenierung, Bespielung und anderen audio-visuellen Techniken Gebrauch machen sollten. Seinem Anliegen, dass die Kunstwerke“ aus Strukturen musealer Bewahrung gelöst und über Fragen unserer Gegenwart in neuen Beziehungen lebendig werden“(6), ist ausdrücklich zuzustimmen. Seine kritische Sicht auf die „Informations- und Spaßgesellschaft“, in der die „Erzählung“ zu kurz kommt, und von daher „die Zusammenhänge in Natur und Kunst und Geschichte als wesentlich für die Bestimmung des Einzelphänomens“ (7) verkannt bzw. nicht erkannt werden, lässt aufhorchen und Hoffnung schöpfen auf experimentierfreudige Umsetzungen der Ideen.

Ich möchte gerade unter diesen Gesichtspunkten nun noch zwei Vorschläge als eigenen Beitrag zur Gestaltung des Humboldt-Forums in die Diskussion einbringen.

 

Natur, Kunst und Industrie zur Zeit Alexander von Humboldts

Die Linie von den Kunstkammern zu Leibnizens „Theater der Natur und Kunst“ findet ihren vorläufigen Abschluss in der frühen Phase der Industrialisierung Preußens. „Aus Kunst wird Industrie“ hieß es damals stolz und zukunftsfroh. Tatsächlich lässt sich eine Entwicklungslinie von Leibnizens Bergbauprojekten über die Gründung der Bergakademie Freiberg durch Friedrich Anton von Heynitz sowie der Berliner Bauakademie, in der künstlerisches Zeichnen, Architektur, klassische Ästhetik sowie Natur- und Ingenieurwissenschaften zum Pflichtkanon gehörten, bis zum Gewerbeinstitut Peter Christian Beuths (des Vaters der Industrialisierung in Preußen) aufzeigen. Auch hier haben wir es mit einer „Berliner Linie“ zu tun, die von der Nachahmung antiker Formen im Kunsthandwerk, Design und Architektur zur Bildung von Unternehmen in staatlicher und privater Hand führte, welche die neuen Technologien der Dampfmaschine, Eisenerzeugung und Metallverarbeitung zur Herstellung künstlerischer Werke einsetzte. Beuth hat dieses Modell dann nach 1817 systematisiert, um nach den preußischen Reformen einen Stand selbstständiger Unternehmer heranzubilden, die nicht nur wirtschaftliche Ziele verfolgten, sondern auch durch ästhetisches Vorbild zur „Veredlung der Gesinnungen“ beitragen sollten. Bestes Beispiel ist August Borsig, der spätere Lokomotivenkönig, der als besonders begabter technischer Zeichner begann und in die künstlerische Gestaltung der Potsdamer Gärten involviert war, schließlich in diesem Zusammenhang die Dampfmaschine für das (als orientalische Moschee künstlerisch verkleidete) Maschinenhaus in Potsdam konstruierte, bevor er „Dampfmaschinen auf Rädern“ herzustellen begann. In dieser Sichtweise der Erfindung von Maschinen als „Spiel mit der Natur“ spüren wir in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts den Nachhall von Leibnizens „Theater der Natur und Kunst“.

Alexander von Humboldt war der Freund Borsigs, Beuths und Schinkels. Seine Kosmos-Vorlesungen waren im Sinne Leibnizens so „vergnüglich“, aufregend und anregend, dass zum ersten Mal ein breiteres Publikum für naturwissenschaftliche Themen begeistert wurde. Auch Humboldt verstand industrielle Technik als Resultat des Zusammenspiels von Natur und Kunst, wobei er wie Leibniz dadurch die „Wohlfahrt der Nationen“ gedeihen und steigen sah:

„Wie in jenen höheren Kreisen der Ideen (der Philosophie und der Künste), so ist auch in allen Teilen des Naturwissens der erste und erhabenste Zweck geistiger Tätigkeit ein innerer, nämlich das Auffinden von Naturgesetzen […] was von diesem in das industrielle Leben der Völker überströmt und den Gewerbefleiß erhöht, entspringt aus der glücklichen Verkettung menschlicher Dinge, nach der das Wahre, Erhabene und Schöne mit dem Nützlichen wie absichtslos in ewige Wechselwirkung treten. Vervollkommnung des Landbaus, Aufblühen der Manufakturen, Vervielfältigung von Handelsverhältnissen und ungehindertes Fortschreiten in der geistigen Kultur der Menschheit stehen in gegenseitigem, dauernd wirksamen Verkehr miteinander.“ (8)

Der Zusammenhang also zwischen künstlerischem Spiel und Technik, Ästhetik undwissenschaftlichen Erfindungen, zwischen Industrie und bewusstem Anheben des Bildungs- und Empfindungsvermögens ist eine besondere Berliner Entwicklung, die an ihren „äußeren Enden“ mit den Namen Leibniz und Humboldt verbunden ist. Dieser Gesamtzusammenhang ist der Öffentlichkeit bisher nie in anschaulicher Form zur Kenntnis gebracht worden. Gerade das Humboldt- Forum wäre der geeignete Ort für eine permanente Ausstellung, die sich dieser Thematik widmet.

Im Mittelpunkt einer solchen Präsentation könnte die Frage stehen, ob und inwieweit ein Verständnis der Technik als „Spiel mit der Natur“ die Gesellschaft des 21.Jahrhunderts noch oder wieder prägen könnte.Die Skepsis gegenüber einer durchgehend technisierten Zivilisation hat sich seit der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts nicht zuletzt aus den konkreten Erfahrungen im Umgang mit der industriellen Technik entwickelt. Aus dem Spiel wurde „blutiger Ernst“, als die Massenproduktion ökonomische und technikinhärente Zwänge hervorbrachte, die Humboldts Ideen höchstens noch als schöngeistige Utopie erschienen ließen. Eine eigene Philosophie der Technik hat Skeptiker, Gegner, Befürworter und auch abwägende Denker einer technischen Zivilisation hervorgebracht, deren Überlegungen allerdings selten zur Grundlage eines Dialogs mit Technikern, Unternehmern oder Wissenschaftlern und Ökonomen geworden sind.

Gerade dies wird aber angesichts neuer Perspektiven unserer technischen Zivilisation virulenter denn je. Es hebt gerade ganz sachte, aber doch vernehmlicher werdend eine Debatte über die kulturellen Wirkungen der Raumfahrt an. Wird nicht der Blick auf die Erde von oben bzw. von aussen unser Selbstverständnis noch grundlegender verändern als die Weltreisen Humboldts? Werden wir bei Experimenten im Raum oder dem Einsatz von Schaufeln auf dem Mars nicht Zeuge eines neuen „Spiels mit der Natur“?

Wenn wir die Beschreibung der Weltreisen Alexander von Humboldts lesen und feststellen, wie er dabei nicht nur zu wissenschaftlichen, sondern literarischen, historischen, sprachphilosophischen und ästhetischen Gedanken inspiriert wurde, so wird sich die Neuvermessung der Welt im Zeitalter der Raumfahrt noch weitreichender auf das ästhetische Empfinden, die Philosophie und Theologie auswirken. Die Raumfahrt darf daher nicht zu einem rein kommerziellen, technisch-ökonomischen Unternehmen reduziert werden, sondern sie sollte den Anstoß geben, den versäumten Dialog zwischen Philosophie und Technik nachzuholen. Dies wäre ein moderner Beitrag zur erweiterten Fassung des Leibnizschen Theaters der Natur und Kunst, den das Humboldt-Forum durchaus leisten könnte.

Die Sprache und das Verstehen des Anderen
bei Wilhelm von Humboldt

Bilder von der Welt – also Weltbilder – sind für die Begegnung mit anderen Kulturen sowie das gegenseitige Verstehen unerlässlich, doch auch das Bild bedarf der Sprache, damit es vor unseren Augen die feste Gestalt erhält, die es von diffusen Vorstellungen, phantasiereichen Ahnungen oder vor unserem Geist vorüberziehenden, flackernden Kaleidoskopen abhebt. Text und Bild stehen in Wechselrede und Blickkontakt, nur so wird das Bild redend und die Sprache anschaulich. Ein Forum im Namen Humboldts wäre ein Torso, wenn es dem ThemaSprache nicht breiten Raum widmete. Die Möglichkeit der „Entprovinzialisierung unddes Weltbewusstseins“ wurzelt nachgerade in der Sprache. Wilhelm von Humboldts Sprachphilosophie markiert einen Meilenstein in philologischer, philosophischer, historischer und anthropologischer Hinsicht. In seiner Schrift über dieVerschiedenheit des menschlichen Sprachbaus finden wir reichen, lebensvollen Stoff, dessen wir im Bemühen um Verstehen anderer Kulturen gar nicht entbehren können. Humboldt sagt darin: „Erst durch das vergleichende Sprachstudium verstehen wir überhaupt die Eigentümlichkeit anderer Nationen!“ (9) Und an anderer Stelle fährt er fort:

Die Sprachen trennen allerdings die Nationen, aber nur um sie auf eine tiefere und schönere Weise wieder inniger zu verbinden; sie gleichen darin den Meeren, die, anfangs furchtsam an den Küsten umschifft, die länderverbindendsten Straßen geworden sind.

Und weiter:

An dieser Form [der Bezeichnung der Gegenstände, Ausdruck der Empfindungen, F.H.] leitet die Sprache die Nation, …mit dieser eröffnet sie ihr die Welt, mischt aber der Farbe der Gegenstände auch die ihrige bei. […] Sie vermittelt die Verschiedenheit der Individualitäten, heftet durch Überlieferung und Schrift das sonst unwiederbringlich Verhallende, und hält der Nation, ohne dass diese sich dessen selbst einzeln bewusst wird, in jedem Augenblick ihre ganze Denk- und Empfindungsweise, die ganze Masse des geistig von ihr Errungenen, wie einen Boden gegenwärtig. […] Durch diesen heftenden, leitenden und bildenden Einfluss der Sprache wird auch erst der höhere, und oft wohl nicht deutlich genug erkannte Begriff des Wortes NATION sichtbar, so wie die Stelle, welche die Verteilung der Nationen in dem großen Gange einnimmt, auf dem sich der geistige Bildungstrieb des Menschengeschlechts seine Bahn bricht. Eine Nation in diesem Sinne ist eine durch eine bestimmte Sprache charakterisierte geistige Form der Menschheit. (Hervorhebung von mir, F.H.) […] In Allem, was die menschliche Brust bewegt, namentlich aber in der Sprache, liegt nicht nur ein Streben nach Einheit und Allheit, sondern auch eine Ahndung, ja eine innere Überzeugung, dass das Menschengeschlecht, trotz aller Trennung, aller Verschiedenheit, dennoch in seinem Urwesen und seiner letzten Bestimmung unzertrennlich und eins ist.“ (10)

In der Sprache also hebt sich laut Humboldt der scheinbare Widerspruch zwischen Nation und Menschheit auf. In ihr finden wir „das Streben nach Einheit und Allheit“ bei gleichzeitiger Hervorhebung der „Verschiedenheit der Individualitäten“ sowie eine bestimmte geistige Form der Menschheit und nur durch die Sprache können wir uns mit der Kette der „geschichtlich gewachsenen Denk- und Empfindungsweisen“ verbinden. Diese Gedanken sind angesichts der fortschreitenden Abschleifung unserer Sprachen so brisant wie nötig. Die Möglichkeiten zur Differenzierung, die Anwendung von sprachlichen Ironien sowie die sinnliche und begriffliche Farbigkeit des Ausdrucks in unserer Sprache wird täglich geglättet, abgetötet und weggefräst,was im wesentlichen auf drei Dinge zurückzuführen ist: die Dominanz des Bildes in der Alltagswelt, das dem ideologischen Konstrukt „Informationsgesellschaft“ innewohnende Missverständnis, Sprache auf Informationsübermittlung – und damit auf die berühmten „Plastikwörter“ – zu reduzieren sowie schließlich dem weiteren Missverständnis, die Globalisierung erzwinge eine neue „Lingua Franca“ in der Gestalt des Englischen. Es ist sicher ein völlig anderer Prozess, wenn ein Deutscher und ein Chinese sich um das Verständnis der jeweils anderen Sprache bemühen als im leicht erlernbaren schlechten Englisch einander ständig misszuverstehen, dabei aber zu meinen, eine Übersetzung sei nicht nötig. Man sagt, dass vor dem 20.Lebensjahr die Erlernung einer anderen Sprache – den entsprechenden Willen vorausgesetzt – binnen kurzer Zeit von Erfolg gekrönt ist. Warum werden dann unsere jungen Leute, die schließlich als erste Generation die „Entprovinzialisierung“ wie selbstverständlich als Lebensinhalt einatmen sollen, sprachlich so eindimensional orientiert ?

Das Humboldt-Forum hat nicht die Aufgabe einer Sprachschule, aber es könnte im Sinne Humboldts dazu beitragen, das Wagnis der Entdeckung anderer Sprachen einzugehen! Es könnte damit beginnen, in einer Art „transkulturellem Sprachlabor“ den Bedeutungen und Wurzeln von Worten, Redewendungen etc. nachzuspüren. Wie beeinflusst es den Gang der Ideen und die Bewegung des Denkens, dass im Hebräischen Erkennen Lieben bedeutet? Wie gehen wir mit der schon von Humboldt gemachten Beobachtung um, dass im Chinesischen ein Wort sowohl Substantiv, Adjektiv als auch Verbum sein kann? Und was bedeutet es für das Gespräch, dass es u.a. im Chinesischen kein Wort für Seele gibt? Welches „Weltverständnis“ resultiert daraus bei den Chinesen? Die Sprache entspringt dem Willen zum Erkennen und Handeln, mit ihr erschließt der Mensch sich Raum und Zeit. Und gerade hier begegnen wir sehr unterschiedlichen Auffassungen in den jeweiligen Sprachen. Das geläufigste Beispiel ist sicher das russische Mir, das zugleich Dorf, Welt und Frieden bedeutet. Der Zeitbegriff ist in den europäischen Sprachen ein ganz anderer als in den semitischen oder afrikanischen Sprachen.

Bei der Frage nach der Bedeutung politischer Begriffe wie Menschenrecht, Fortschritt, Freiheit usw., die in vielen Sprachen ganz anders im Ohr klingen als bei uns, stoßen wir augenblicklich auf das Problem der sog. Plastikwörter, die uns täglich und allgegenwärtig anwehen, aber meist jeglicher Bedeutung entbehren. Dass sie trotzdem den politischen Diskurs inzwischen beherrschen, macht die Sprache zum Instrument der politischen Manipulation und birgt die Gefahr eines neuen Totalitarismus. So hat es bereits Uwe Poerksen vor 20 Jahren beschrieben; seine Plastikwörter damals lauteten „Problemlösungsstrategie“, Migrationshintergund“, „Konfliktmanagement“, „Identitätsstiftung“, Kommunikation und Information, die schließlich zur „Ressource“ werden. Die Plastikwörter sind über die Dominanz der „Lingua Franca“ des Englischen längst zu einer globalen Plage geworden, deren schonender, dennoch nachhaltiger (um ein weiteres Plastikwort zum Klingen zu bringen) Entsorgung das Humboldt-Forum sich widmen sollte.

Um das gegenseitige Verstehen innerhalb einer enger zusammenrückenden Welt überhaupt zu ermöglichen, sollte das Humboldt-Forum ein Ort der Begegnung von Dichtern, Literaten, Sprachwissenschaftlern verschiedener Nationen mit Medienvertretern, Politikern sowie der Bevölkerung werden, in dem verschiedene Sprachen auf experimentelle und spielerische Weise miteinander im Entstehen, Vergehen und Bedeuten ausgewählter Begriffe im Gespräch so verglichen werden, dass tiefere Einsichten in die Gefühls- und Gedankenwelt der Anderen ermöglicht werden – und dadurch auch in unsere eigene!

Dies bringt uns auf die anderen Aspekte in Humboldts Sprachtheorie. Schon Ende des 18. Jahrhunderts gab es unzählige Preisschriften in ganz Europa über die Frage des Ursprungs der Sprache, wobei es immer auch darum ging, die Ansicht zu begründen oder zu verwerfen, wonach die Sprache als fertiges „Produkt“ oder Konglomerat bereits gegeben sei. Humboldt hat gerade dies dezidiert abgelehnt, indem er die Sprache als ständigen Prozess des Werdens und Neuschaffens ansah. In jedem Akt des Sprechens werde die Sprache neu erfunden, erhielten Wörter neue Bedeutungen und die Sprache selbst andere Form und Gestalt. Folglich sind die Begriffe, Satzstellungen, Deutungen und Orientierungen, die sich in der jeweiligen Sprache hervorrufen oder schaffen lassen, nie festgelegt, was Humboldt in seinem berühmten Satz prägnant ausdrückt: „Alles Verstehen ist daher immer zugleich ein Nicht-Verstehen.“ (11) Denn „Keiner denkt bei dem Wort gerade das, was der andere, und die noch so kleine Verschiedenheit zittert, wenn man die Sprache mit dem beweglichsten aller Elemente vergleichen will, durch die ganze Sprache fort.“ (12) Wenn Sprache im Sprechen ständig wird, dann kommt dem Gespräch beinahe größere Bedeutung zu als dem geschriebenen Wort. Und tatsächlich vollzieht sich nach Humboldts die Entwicklung der Sprache immer als Dialog und niemals als Monolog: „Im Menschen aber ist das Denken wesentlich an gesellschaftliches Dasein gebunden, und der Mensch bedarf […] zum bloßen Denken eines dem Ich entsprechenden Du. […] Der Begriff erreicht seine Bestimmtheit und Klarheit seine Bestimmtheit und Klarheit erst durch das Zurückstrahlen aus einer fremden Denkkraft […] Zwischen Denkkraft und Denkkraft aber ist die einzige Vermittlerin die Sprache, […] es liegt aber in der Sprache selbst ein unabänderlicher Dualismus, und alles Sprechen ist auf Anrede und Erwiderung gestellt“. (13) Diesetiefsinnigen Gedanken Humboldts hier auszuführen, würde den gesetzten Rahmen sprengen, deswegen verweise ich auf den Artikel der Initiatorin des Humboldt- Forums, Christine von Heinz zum Thema: „Wilhelm von Humboldt und Friedrich Schiller – Von der Ästhetik über ein Kunstwerk zur Sprachphilosophie – Zu Humboldts Brief an Schiller vom September 1800“

Die drei kurz angerissenen Pointen Humboldtscher Sprachforschung – ständige Neuschöpfung der Sprache im Sprechen, Dialektik des Verstehens und Nicht-Verstehens, Priorität des Du vor dem Ich in Erkenntnis und Klärung von Welt und Begriff – markieren unhintergehbare Horizonte für die Aufgabe des Humboldt-Forums.

Der Mensch lernt sich nur selbst kennen durch das Hören auf den Anderen und das Antworten auf das Gehörte. Diese Erkenntnis gilt es bei den vielfältigen Aufgaben von Integration undÜberwindung sozialer, sprachlicher und politischer Gräben im Innern wie auch im Gespräch unter Nationen anzuwenden. Nun ist es heutzutage geradezu eine Pflichtübung in Kirchen, Schulen, Akademien, Restaurants, politischen Clubs, Ministerien, Theatern usw., den „Dialog der Kulturen“ zu pflegen. In den meisten Fällen handelt es sich aber lediglich um die Fortsetzung des Monologs mit anderen Mitteln, bei dem man zusammen spricht, aber dennoch allein bleibt und es auch so möchte. Man will sich „informieren“ über die exotischen Eigenheiten des Anderen und demgegenüber „tolerant“, verständig oder amüsiert in Lauerstellung verharren.

Wenn aber der entscheidende Schritt unterbleibt, der sich aus Humboldts Sprachbegriff ergeben müsste, nämlich das Gespräch als jeweilige Neuschöpfung der Sprache zu verstehen, können wir nicht bei äußerlichen Attributen der „kulturellen Begegnung“ stehen bleiben. Humboldts Einsichten anzuwenden, verlangt die Bereitschaft, die eigene – und die andere -Begriffswelt alsvorläufig und vorübergehend, als notwendig im Gespräch sich ändernde zu begreifen. Wenn wir offenen Ohres hinhören und uns nicht verschanzen hinter dem schon Bekannten, dann vernehmen wir eine Menge vor dem Hintergrund unserer Sprache nicht oder noch nicht zu deutender Begriffe. Auf diese Weise beginnen wir, unsere eigene Sprache, ihre Begriffe, Wendungen, Stile, Formen usw. aus einem neuen Hörwinkel zu befragen; was wir für sicher, stabil und fest verankert hielten, kommt in Bewegung. Und nur auf diesem Wege erweitern sich Einsichten und Weltsichten. Diese Gedanken führen uns an den Anfang der Überlegungen zur nationalen Kultur zurück. Höhepunkte unserer eigenen Kultur – wenn wir darunter das Zusammenwirken von Philosophie, Theologie, Dichtung, Kunst und Wissenschaft verstehen – waren immer durch das beredte Nicht-Benennen-Können von „Gott und der Welt“ gekennzeichnet. Die „belehrte Unwissenheit“ des Nikolaus Cusanus im 15.Jahrhundert fand beredt-unberedten Ausdruck in seiner „negativen Theologie“, und Cusanus erfand schließlich als höchste Annäherung des sprachlichen Ausdrucks an die Erkenntnis Gottes den Begriff des „Nicht-Anderen“.

Der jüdische Philosoph Franz Rosenzweig stellte Anfang des 20.Jahrhunderts die nur zu berechtigte Frage, warum es eigentlich neben der negativen Theologie niemals eine negative Kosmologie oder Anthropologie gegeben habe. Auch wenn der Begriff einer negativen Anthropologie nirgends explizit formuliert wird, so finden wir sie in den Werken aller bedeutenden Dichter, Philosophen und Sprachforscher. In Humboldts Sprachtheorie erscheint der schwebende Balanceakt zwischen Verstehen und Nicht-Verstehen als der prägnante Augenblick neuer Schöpfungen und ihres Rückwirkens auf uns. Jede Kultur ist sichtbarer oder unterschwelliger – zumindest in der Dichtung – von diesem schöpferischen Nicht-Wissen getragen. Nur in der gegenseitigen Entdeckung dieser bestimmten Unbestimmtheit in den jeweiligen Kulturen liegt die Möglichkeit des Verstehens. Im Humboldt-Forum kann diese Aufgabe eines Humboldtschen Hinhörens und Antwortens in Form von Spiel und Experiment, von Lesungen, Gesprächen und Theater experimentelle Erforschung und Erprobung finden.

Einem letztem Einwand will ich mithilfe Humboldts begegnen, da schon im inneren Ohr vernehmbar von der Gefahr eines elitären Unterfangens zu hören ist. Nichts könnte die hier vorgetragene Absicht mehr verfehlen als die Unterstellung von elitärer Abgehobenheit und Abgeschiedenheit. Der ausführliche Hinweis auf die Bedeutung der Sprache entspringt gerade dem wachsenden Unbehagen angesichts der zunehmenden Sprachlosigkeit in unserer Gesellschaft, die sich nirgends stärker manifestiert als zwischen gebildeten und bildungsfernen Schichten, wie es heute in sprachgereinigter Form heißt. Noch drastischer befällt uns das Verstummen in der Begegnung mit Migranten. Hier geht es nicht nur um das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Gruppen von Menschen, sondern um die vergeudeten und verpassten Potentiale künstlerischer, politischer und sprachlicher Bereicherung, wenn eine verstummende Gesellschaft nicht neu und anders sprechen lernt. Als Kronzeugen rufe ich Herrn von Humboldt persönlich auf: Er sah gerade in der Volkssprache – im Unterschied zur Sprache der Gebildeten – die ursprüngliche Kraft sprachlicher Erneuerung stärker pulsieren, und beurteilte die Höhe einer Kultur danach, wie stark die Sprache des Volks und der Gebildeten ineinandergreifen, sich gegenseitig befruchten und sich zunehmend einander nähern – auf diese Weise also auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. Ähnliche Hochschätzung äußert Humboldt- und das ist im Zeitalter der Globalisierungsdebatten, wo es immer auch um den Verlust kultureller Traditionen geht, bedeutsam–über die Abstraktionsfähigkeit sowie die Kraft zur Wort- und Ausdrucksbildung in den Sprachen sog. „nicht-zivilisierter“ Völker. Die sprachliche Fähigkeit einer Nation hänge in keiner Weise vom Grad der äußeren technischen Zivilisation ab, so Humboldt, sondern ganz im Gegenteil bedienten sich diese Völker häufig einer viel kraftvolleren und anschaulicheren Sprache, die dennoch über ein immer wieder erstaunliches Niveau der Abstraktion verfügten.

So kann das Fazit nur lauten: Das Humboldt-Forum soll Menschen aller Schichten und Kulturen anziehen. Um noch einmal Rudolf zur Lippe zu zitieren: „Das Humboldt-Forum will nicht, wie viele der großen historischen und Kunst-Ausstellungen, das Publikum in Bewunderung fixieren. Vielmehr sollen den Menschen und der Öffentlichkeit insgesamt zwischen Staunen, Hinsehen und Nachfragen Möglichkeitsräume und -horizonte und -ausblicke eröffnet werden, ganz im Sinne von Aby Warburgs Aufklärung durch das Auge und die Sinne für eine Mnemosyne an Eindrücken, die in die Ermöglichung von Zukunft fortwirken.“ (14) Um neben dem Auge dem Ohr sein Recht zu geben, ergänzen wir: Das Humboldt-Forum soll seine Tore weit öffnen für ein gegenseitiges Verstehen im Nicht-Verstehen, auf dass neben Bild und Skulptur auch die Sprache neue Weltsichten eröffnen kann und das ungeahnte Potential der Weltbegegnung in unserem Jahrhundert nicht aus Angst, Beharrung oder Sprachlosigkeit verspielt wird, sondern zu gegenseitiger Veredlung der Gesinnungen genutzt wird. Genau hierin liegt die Grenzscheide zwischen Krieg und Frieden, Totalitarismus und Pluralität in der Welt von morgen.

Bildquelle: Zephyrinus auf Flickr.com (LINK )

Anmerkungen:

 

(1)„Mit Wilhelm und Alexander von Humboldt zum Humboldt-Forum in der Mitte von Berlin“, herausgegeben im Forum der Kulturen, Berlin 2007 – Heft I – Einführung

(2)Horst Bredekamp, Antikensehnsucht und Maschinenglauben, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2007

(3)Horst Bredekamp: Die Fenster der Monade, Akademie-Verlag, Berlin 2004, S.7

(4)ebda., S.38

(5)ebda., S. 33 f.

(6)„Mit Wilhelm und Alexander von Humboldt zum Humboldt-Forum“ – Heft I : Rudolf zur Lippe: Das Humboldt-Forum in der Mitte von Berlin

(7)ebda.

(8)Alexander von Humboldt: Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung, Verlag der Cotta’schen Buchhandlung, Stuttgart 1874, Band 1, S.23

(9)Wilhlem von Humboldt – Werke, Cotta’sche Buchhandlung Stuttgart, Darmstadt 1979, Band 3, S.382

(10)ebda., S.158/159

(11)ebda., S.222

(12)ebda., S.222

(13)ebda., S.201

(14)„Mit Wilhelm und Alexander von Humboldt zum Humboldt-Forum“, Heft I – Beitrag von Rudolf zur Lippe

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