Buchbesprechung: Gesucht: ein Mendelssohn heute

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mosesmendelson_thumb.jpg Buchbesprechung: Dominique Bourel: „Moses Mendelssohn, Begründer des modernen Judentums“. Eine Biographie (2004) aus dem Französischen von Horst Brühmann. Zürich: Ammann Verlag & Co. 2007 (800 S.)

Eva Engel ist Herausgeberin der 42-bändigen Jubiläumsausgabe von Mendelssohns Gesammelten Schriften (1972 – 2006) und arbeitet an der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel. Seit beinahe 40 Jahren hat sie ihr Leben als Wissenschaftlerin und Forscherin Moses Mendelssohn gewidmet.

von Prof. Dr. Eva J. Engel


Im Jahr 1973 erschien gleichzeitig in Alabama (USA) und in London Alexander Altmanns „Moses Mendelssohn. A biographical study“ (Text 759 Seiten, Anm. 115 Seiten, Personenregister 24 Seiten). Diese Studie, die erste seit einer achtbändigen Brockhaus-Werkausgabe (1843-1845), die sich mit dem „Sokrates der deutschen Aufklärung“ befasste, bewirkte eine wahre Renaissance an Arbeiten über Mendelssohn, kürzlich die 64seitige gute RoRoRo-Darstellung (rm 50671) des in der Schweiz ausgebildeten Stephan Tree.

Bourel kam im Verlauf der späten 1970er Jahre eigens nach Boston, um etwa drei Monate zu Füßen Altmanns zu sitzen. Schon damals muss der in Mainz als Sohn eines französischen Besatzungsbeamten aufgewachsene Bourel eine Studie über Moses Mendelssohn (als Thèse d’état) geplant haben. Seine Grundlage beruhte auf Altmanns vielfältigen Arbeiten zu Moses Mendelssohns Gesammelte Schriften (JubA: 1929-1938 und 1972 -2006). Doch ging es Bourel wohl kaum um ein Wetteifern mit Altmanns kaum zu übertreffenden Bild des Lebenswegs des Juden Mendelssohn, obwohl die in zwölf unterteilte Kapitel der Inhaltsliste es vermuten ließe, noch um Erfassen des vielen Neuen an Kenntnis, das seit 1973 vorliegt, sondern er bietet ein Füllhorn an Ab- und Umwegen über Judentum im deutschen Sprachraum und über Moses Mendelssohns meist christliche Zeitgenossen – doch ohne Bezug auf das „Wann“ oder „Wie“ im Lebenslauf Moses Mendelssohns. Aus den vorgelegten Ab- und Umwegen der Schrift Bourels verdienen die Tabellen (leider ohne Quellenangabe) seiner zwölf Kapitel am ehesten ein Lob – dank ihrem Reiz der Neuheit:

  • S.71: Juden zugelassen zur Immatrikulierung (1678-1786)
  • S.83f.: Anzahl zugelassener Juden in Berlin (1709-1900)
  • S.88: Verlage (10) in Berlin zur Zeit Moses Mendelssohns
  • S.91: Berliner Kirchen (1202-1739)
  • S.136: A.Popes: Eigenschaften Gottes
  • S.316: Akademievoten, ob Moses Mendelssohn zum zweiten Mal Friedrich II. für die vakante Stelle zu nennen sei (26.4.1771)
  • S.376f.: Toleranzpatente in acht Regionen
  • S.403: Tabelle von Pariset: die relativen Sphären von Staat und Kirche
  • S.457ff.: Vergleiche von Psalmenversionen (Luther, Michaelis, Knapp, Mendelssohn und Bubis)
  • S.471: Vergleiche von Genesis 1-5 bei Luther, Michaelis und Mendelssohn
  • S.484: Beteiligung von Subskribenten an der Pentateuch-Übertragung Mendelssohns (1791-1915)

 

Bourels Hauptanliegen kreist um die Darstellung der christlichen Zeitgenossen zur Zeit Moses Mendelssohns. Er schließt mit dem Begriff „Aufklärung“ – für den sich im Französischen, laut Bourel, kein eindeutiges wörtliches Äquivalent finden ließe.

Weniger als „gelungen“ anzusehen ist besonders das Fehlen von Kolumnentiteln, aber ebenso das eines Glossars und vor allem das einer Liste der Schriften Moses Mendelssohns. Auch hat das Verlagslektorat anscheinend nicht auf fehlende oder falsche Fakten verwiesen – wie z.B. die längst anerkannte Umdatierung des Geburtsdatums (in 18.August 1728) oder den Titel des Shaftesbury-Artikels Spaldings, um den es auf Seite 240 geht.

Auch zu kürzen gewesen wären ausführliche Lebensbeschreibungen von Randfiguren (wie Bengel, Oetinger, Bonnet, Spaldung, Maupertuis, Hamann, La Mettrie, Formey, Euler, selbst Lavater VOR 1769). Ebenso fehlt es an Übereinstimmung, was für deutsche Leser übersetzt werden müsse: so werden alle französischen Wörter übersetzt, dagegen Lateinische und Hebräische nie.

Manche Zeitgenossen, besonders Dohm, aber auch Fakten über Österreich sind überreichlich verbatim zitiert. Nicht vertretbar in Bourels Studie ist der Verweis (S.271) auf Hegel und vor allem jegliches Fehlen des Briefes des Erbprinzen von Braunschweig (Januar 1771), wo Mendelssohn aufgefordert wird, sein Glaubensbekenntnis abzulegen – also ein Thema, das zu dem ganzen Komplex der Morgenstunden und vor allem den Gegenbetrachtungen zu Bonnet und zu Mendelssohns Jerusalem leitet und zu Mendelssohns Unbehagen in puncto Glaubensartikel des Christentums; wohingegen das Thema „Taufepidemie“ zu Mendelssohns Lebzeiten noch nicht erfunden war.

Der Reichtum an Zwischenberichten bräuchte Untertitel – so ließen sich noch viele pia desideria anführen.

Aber Bourels Reichtum an Stoff und Mendelssohns Bereicherung unseres Wissens, seine wichtige Rolle, die Anerkennung seines Wirkens zu seiner Lebenszeit, lassen uns diesem Buch und seinem Verfasser eine weitere, sorgfältig überholte Auflage wünschen.

Bildnachweis: Umschlag vom Amman-Verlag (LINK)

 

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