Manes Sperber und Israel – eine kritische Annäherung

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sperber_thumb.jpg Manes Sperber, in jungen Jahren Gegner des Zionismus, änderte nach dem Holocaust vorsichtig und differenziert seine Einstellung gegenüber einem selbständigen jüdischen Staat. Seine Begegnung mit Israel hinterläßt uns weise Worte zum israelisch-palästinensichen Konflikt sowie zum kulturellen Selbstverständis des heutigen Israel, die aktueller denn je erscheinen. Der Autor des folgenden Beitrags ist Kurator am Jüdischen Museum Wien. Er trug den vorliegenden Text in einer leicht gekürzten Version anlässlich der Eröffnung der Manes Sperber-Ausstellung in Berlin vor.

von Dr. Marcus Patka


„Ich glaube nicht, dass Israel die jüdische Frage löst.“

Manès Sperbers kritische Annäherung an den Zionismus

„Über die Palästina-Sache ist wohl viel oder gar nichts zu sagen. Die Sache rührt mich viel mehr an, als ich gedacht hätte. Wenn ich jünger wäre, würde ich nicht zögern hinzugehen. Meine Stellung ist so grotesk tragisch wie die Marxens gegenüber der Kommune: es war wohl falsch, das Ganze anzufangen, aber nun es so steht, ist es unausweichlich notwendig, alles dafür einzusetzen, dass es bestehen bleibe, oder wenn es untergehen müsste, dass es unsterblich sterbe.“[1]

So kommentierte Manès Sperber am 27. Mai 1947 die Gründung Israels in einem Brief an seinen engen Freund Arthur Koestler, der unmittelbar darauf dorthin reiste und 1949 mit dem Buch „Promise and Fullfillment“ eine stringente Geschichte des Zionismus in der Zwischenkriegszeit vorlegte. Sperber und Koestler waren ab 1927 über etliche Jahrzehnte eng befreundet, sie traten 1937 gemeinsam aus der KPD aus und arbeiteten in den 50er Jahren politisch eng zusammen – doch in der Frage des Zionismus waren sie geteilter Meinung. Koestler war vom Zionismus überzeugt und bereits 1926 nach Palästina gegangen, wo er nach einer längeren Hungerphase nicht als Pionier, sondern bis 1929 als Journalist arbeitete. Sperber tat dies nicht, obwohl er dafür prädestiniert gewesen wäre. Ab 1916 war er Mitglied der sozialistisch-jüdischen Jugendbewegung Haschomer Hazair, die ihre Mitglieder mit Zeltlagern und Feldarbeit gezielt für eine Auswanderung nach Palästina ausbildete, doch da Sperber dies für sich persönlich als nicht zielführend erachtete und ihn auch die rigide Disziplin abschreckte, kam es 1923 zum Bruch. Seine hohen intellektuellen Fähigkeiten stellte Sperber als Schüler von Alfred Adler, des Begründers der Individualpsychologie, unter Beweis. 1927 trat er in Berlin der KPD bei, deren Parteilinie den Zionismus als national-religiöse Bewegung brandmarkte – die jüdische Frage würde ihre Lösung erst in einer befreiten sozialistischen Gesellschaft finden. Doch schon im Vorfeld seines Bruches mit der KPD 1937 lässt sich ein Abweichen verzeichnen, so äußerte er 1936 im Pariser Exil bei einer Podiumsdiskussion mit seinem väterlichen Freund Egon Erwin Kisch den Standpunkt, dass er im Gegensatz zu seinen Diskussionspartnern „gegen die Assimilation und für ein jüdisches Palästina“[2] eintrete.

Erst nach den Schrecken der Schoah und des Zweiten Weltkriegs war Sperber bereit, dem Judenstaat auch positive Seiten abzugewinnen. Das folgende Zitat entspricht seiner Position des Alters, formuliert 1970, drei Jahre nachdem Israel im Sechs-Tage-Krieg seinem sicher scheinenden Untergang knapp aber fulminant entgangen war: „Ich bin nie ein Antizionist gewesen und bin heute ein entschiedener Gegner der Antizionisten, ob diese sich nun sozusagen ideologisch auf Moskau, auf die pseudorevolutionären Terroristen Europas oder Arabiens berufen. Ich bin auch weiterhin kein Zionist, weil ich nach wie vor nicht glaube, dass der Bestand einer israelischen Nation die Judenfrage der Diaspora lösen kann. Indes schätze ich die zionistische Bewegung seit 1933 weit höher ein, weil sie so viele Menschenleben vor der Ausrottung in Europa zu einer Zeit gerettet hat, als es leichter war, tausend Juden sterben zu lassen, als auch nur einen einzigen den Mördern zu entreißen.“[3] Sperber begrüßt die Gründung Israels als rettenden Hafen für verfolgte Juden, wobei aber das Volk und nicht der Staat im Vordergrund steht, weshalb er auch davor warnt, ausschließlich im Staat die Lösung für die inneren Konflikte des Volkes zu suchen. Seine Haltung ist von tiefer Ambivalenz geprägt, denn hinter seiner Kritik des Zionismus befand sich große Bewunderung für die Aufbauleistung in Israel.

Jugendfreunde und Kibbuzim

Einen ersten Besuch stattete Sperber dem Land der Väter von Anfang Februar bis Anfang April 1958 ab. Als Mitinitiator des „Kongresses für kulturelle Freiheit“ von 1950 wollte er nicht auf der operativen Ebene in Erscheinung treten, doch er gehörte zu den Impulsgebern im Hintergrund und publizierte zahlreiche seiner Essays in der von Francois Bondy in Zürich herausgegeben Zeitschrift „Preuves“, die zusammen mit Melvin Laskys „Monat“ in Berlin und Friedrich Torbergs „FORVM“ in Wien die publizistische Speerspitze des „Kongresses“ bildete. Wie es aussieht, war es der Plan Sperbers respektive des Kongresses, in Israel ein ähnliches Publikationsorgan ins Leben zu rufen. So erhielt er kurz vor seiner Abreise ein Schreiben von Michael Josselson, einem der wichtigsten Kongress-Verantwortlichen. Darin geht es um die Höhe der Subvention für den „Monat“, und es heißt:

„Ich nehme an, dies wird Ihnen eine Vorstellung von den Summen geben, über die wir in Israel für das von Ihnen ins Auge gefasste Projekt verfügen könnten. Was den Fonds dieses Projekts betrifft, darüber habe ich seit unserem Gespräch viel nachgedacht, frage mich aber, ob eine drei-semestrige Zeitschrift in englischer Sprache nicht nützlicher wäre. Eine solche Zeitschrift könnte eine gewisse Bedeutung in den unterentwickelten Ländern Schwarzafrikas und Asiens haben. Ich denke nicht so sehr an eine Publikation, die Fragen der Ästhetik und der Literatur behandelt sondern mehr an soziologischen und wirtschaftlichen Problemen orientiert, wie sie jeder ganz neue Staat wie Israel eben hat. Vielleicht gibt es so eine Zeitung ja schon. Auf jeden Fall glaube ich, wäre es von Vorteil, wenn Sie diesen neuen Vorschlag mit den kompetenten Personen vor Ort besprächen.“[4] Ob dieses Projekt realisiert werden konnte, ist nicht bekannt. Höchstwahrscheinlich war der Fonds für die Gründung von Zeitschriften nicht mehr in der Lage, das Projekt zu tragen.

Der andere Grund für die Reise war auch eine zu den eigenen Wurzeln bzw. der Wunsch nach einem Wiedersehen mit Jugendfreunden. Hierzu gehörte der Mathematiker und Musiker Leiser Zerwanitzer im Kibbutz Beth Löwenstein bei Ramayatim, mit dem Sperber auch in den Folgejahren korrespondierte. Ein weiterer war David Lazar in Tel Aviv, den er in einem späteren Brief an Friedrich Torberg als den „bedeutendsten Literaturkritiker Israels“[5] bezeichnete. Lazar kündigte bereits im Jänner 1958 in einem großen Feuilleton für die linksliberale Tageszeitung „Ha’aretz“ Sperbers Kommen an: „Als [Sperber] noch Mitglied des Schomer Hazair war, erschien ihm die Entsendung der intellektuellen Jugend als Pioniere für Straßenbau und Feldarbeit nach Israel als widersinnig. Damals trennten sich seine Wege von der Gruppe seiner Freunde um Meir Yaari, die im Huletal Straßen bauten und die Sümpfe trocken legten. Nun wird Sperber kommen und sehen, ob er mit seiner Meinung im Recht war. Er wird sich der Konfrontation zwischen seinem Glauben und seiner Meinung stellen müssen, und der Wirklichkeit unseres Israel.“[6] Tatsächlich dürfte Sperber immer wieder auf sein früheres Zweifeln angesprochen worden sein, sodass er in seinem „Israelischen Tagebuch“, das er noch während seines Aufenthalts verfasste, darauf einging: „In meiner frühesten Jugend war ich aufs engste mit der Bewegung der Haschomer Hazair verbunden, deren Aktivisten später die hervorragende Rolle in der Schaffung der Kibbuzim und in deren Entwicklung spielen sollten. Ich habe mich seinerzeit von ihnen getrennt, als es mir nicht gelingen wollte, sie davon zu überzeugen, dass es vorerst galt, die soziale Revolution in Europa zu vollenden. Die Revolution würde natürlich in kurzer Zeit alle Fragen, auch die jüdische, lösen und in planetarischem Maßstabe den neuen Menschen heran bilden.“[7]

Sperber besuchte Freunde im der Mapai-Partei nahestendenen Kibbuz Usha, aber auch jene im der weiter links angesiedelten Mapam-Partei nahestehenden Kibbuz Mischmar HaEmek. Durch ihre Erwähnung in seinem Essay „Recontre (Motes de voyage en Israël)“ (Israelisches Tagebuch) im Juli 1958 in „Preuves“ geriet er ins Kreuzfeuer ihrer ideologischen Grabenkämpfe, denn nach der Publikation seiner Reiseeindrücke berichtete das interne „Usha-Echo“ darüber – weil das Experiment des Kibbuz große Anerkennung findet und vor allem weil Usha besser abschneidet: „Der begnadete Schriftsteller und wichtige Denker verfasste seinen Bericht über den Kibbutz vor allem auf Grund seines Aufenthalts im Kibbutz Mishmar HaEmek, wo sich seine ehemaligen Wiener Freunde der 30er Jahre aus der Jugendbewegung ‚Hashomer Hazair‘ befinden. Es ist interessant, wie er unseren Kibbutz im Vergleich zu seinen Erfahrungen dort findet. Und so lauten seine Worte: ‚Eine Woche später halten wir uns im Kibbutz Usha auf, dessen Ideologie am stärksten durch den sogenannten Volkssozialismus des Ch. V. Arlozorov und des Hapoël Hazair beeinflußt worden ist. Obgleich Usha somit als rechts von Mishmar HaEmek anzusehen wäre, findet man in ihm nichts, was ihn von den anderen Gemeinschaften unterscheiden könnte. Die beiden Kibbuzim sind kommunistisch im eigentlichen Sinne des Wortes, das heißt im Sinne der umfassendsten Lebensgemeinschaft. Was mir hier viel mehr noch als im Kibbuz des Mapam auffällt, ist das Fehlen einer festgefügten wohlbestallten Bürokratie.'“[8]

Die wichtigsten beiden Jugendfreunde waren Meir Yaari und Uri Zwi Grinberg, beide in Israel zu führenden Intellektuellen aufgestiegen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Meir Wald war etwa acht Jahre älter als Sperber. Schon vor dem Ersten Weltkrieg nach Wien gekommen, diente er in diesem als Offizier. Danach stieg er rasch zur führenden Persönlichkeit im Wiener Haschomer Hazair auf, bis er 1920 nach Palästina auswanderte und dort unter seinem neuen Namen Meir Yaari zu einem Mitbegründer der Kibbuzbewegung und der Mapam-Partei avancierte. Er war führender Vertreter eines „ideologischen Kollektivismus“, wonach der Kibbuz nicht nur auf ökonomischer und sozikultureller, sondern auch auf der ideologisch-politischen Ebene ein Kollektiv sein müsse. Zwar sympathisierte Yaari in der Zwischenkriegszeit mit dem sozialistischen Modell Moskaus, sein Bruch manifestierte sich 1942 in seinem Buch „Be-Fetah Tekufah“ (Abendröte eines Zeitalters), das die sowjetische Politik gegenüber ihren Juden und dem Zionismus verurteilte. Yaari fungierte als Generalsekretär der Mapam und Knesset-Abgeordneter, nach dem Sechs-Tage-Krieg setzte er sich vehement für eine Vereinigung seiner Partei mit der Mapai ein.

Uri Zwi Grinberg, Jahrgang 1894, stammte ebenfalls aus Galizien und war schon vor diesem als ausdrucksstarker Lyriker in jiddischer und hebräischer Sprache hervorgetreten. Auch er diente in der österreich-ungarischen Armee, desertierte jedoch 1917 und überlebte im Jahr darauf mit knapper Not die Pogrome gegen polnische Juden in Lwow. Mit Perez Markisch war er der Kopf einer Gruppe expressionistischer jiddischer Dichter. Sperber lernte er 1923 beim Zionistenkongress in Karlsbad kennen. 1924 ging Grinberg nach Palästina und schrieb nur noch auf Hebräisch. Im Zuge des arabischen Aufstandes 1929 brach er mit der Idee des Sozialismus und wandte sich der Zionist Revisionist Party zu, nach 1948 saß er für die Herut-Partei einige Jahre in der Knesset, bis er sich wieder seinem literarischen Werk zuwandte, für das er 1957 mit dem Israel Prize for Hebrew Literature geehrt wurde. Der in seinem Werk auftretende Zionismus ist jedoch nicht säkular-humanistisch, sondern mystisch-religiös geprägt. Ein seltenes Dokument ist ein Dankesbrief Sperbers an Grinberg vom 2. April 1958, denn es ist die bislang einzige ausfindig gemachte Handschrift in Jiddisch. Darin heißt es: „Die vier Wochn in Israel hobn a groiße Badaitung far mir. Ich hoff, as ich well kanen schraibn noch in Summer main Bichl iber di jiddische Frage in Israel. In dem Fall well ich di franzesische oisgabe noch fareffentlichn in Herbst. Ich well mir derloibn aich zuzuschickn an Exemplar derfun un ihr schickt mir bai Gelegenheit aire jiddische Gedichte, als an Erinnerung an unsere Bagegnung. Ich bin sicher, as mir welln sich sicher noch oft bagegnen un ich guck schon itzt daroif arois.“[9]

Doch so gewinnbringend die Gespräche und Beobachtungen in Israel für Sperber auch gewesen sein mögen, in seiner dort verfassten Skizze „Die späte Reise“ stehen nicht die Antworten im Vordergrund: „Ich gehe nicht nach Israel, um immer wieder voller Bewunderung darüber zu staunen, dass Juden Bauern und Pflanzer, Arbeiter und Soldaten sein könnten, sondern um die Antwort auf einige Fragen zu finden: Gemäß welcher Auffassung vom Judentum wird die neue Generation in Israel erzogen? Wird sie geneigt und fähig sein, sich das kulturelle Erbe der Diaspora anzueignen und es zu bewahren? Fühlt sich die israelische Jugend mit den Juden der Diaspora solidarisch? Was erwarten sie von ihnen und was wird sie ihrerseits ihnen bieten können? Und schließlich die Kardinalfrage: Verändert die Existenz Israels die wesentlichen Gegebenheiten der Judenfrage? […] Ich fahre nach Israel, um dort zu erfahren, ob und wie man an diesen Staat auch ohne drückende Bangnis denken kann.“[10]

Diese Sorgen drückte Sperber auch in einem Brief an einen Freund im Kibbuz Mishmar Haemek aus, wobei seine Haltung zur Religion und zur Rolle der jüdischen Orthodoxie in Israel deutlich wird: „Ich bin völlig ungläubig, so sehr, daß ich es nicht einmal nötig habe ein Anti-Theist zu sein. Desungeachtet, oder vielleicht eben deswegen, scheint es mir gewiß, daß Religion eine bedeutsame Schöpfung des menschlichen Geistes ist und hinter dem Grotesken, Fraglichen, Bedauerlichen der Mea-Shearim-Orthodoxie erkenne ich bestimmte Werte, auf die Ihr nationale Juden Euch häufig beruft, obschon Ihr ihnen einen anderen Namen gebt. (…) Wäre ich ein Israeli, so würde ich die orthodoxen Juden politisch bekämpfen, aber sicher nicht in der blöden Art. (…) Ich habe nicht das geringste Interesse an der Erhaltung des Privateigentums an Produktionsmitteln. Aber ich glaube nicht mehr, daß die Abschaffung des Privateigentums an sich auch nur die geringste Garantie für die Errichtung einer sozial-gerechten Gesellschaft darstellt.“[11]

Erst gegen Ende seines Aufenthaltes 1958 kam ein öffentlicher Auftritt zustande. Nach einleitenden Worten von J. Taborski referierte Sperber am 26. März 1958 auf Jiddisch in Tel Aviv im Haus der Schriftsteller zum Thema „Was ist Literatur heute?“ Ein Tonbandmitschnitt des Abends ist erhalten geblieben, wobei Sperbers harter deutscher Akzent im Jiddischen auffällt, dass er eigentlich nur die ersten zehn Jahre seines Leben regelmäßig gesprochen hatte.

Im Zuge des Abends wurde auch „Ha’aretz“ wieder auf ihn aufmerksam und es kam zu einem Interview, in dem Sperber sich sehr differenziert äußert: „’Israel ist ein Phänomen ohne Beispiel, (…) ein Beispiel ohne Vorbild in der Geschichte der Welt. Zehn Millionen Juden in der Welt sind davon abhängig, was zwei Millionen Juden in Israel tun – oder nicht tun – die in den Nationalismus gedrängt werden, was im Grunde ein tiefer Widerspruch zur Bedeutung des ‚Judentums‘ ist. Das ist ein ganz neues Problem der Herkunft und niemand weiß, wie das weitergehen wird. Klar ist, dass, wenn Israel nicht freiwillig und verständnisvoll die vielfältigen Kulturen – sowohl die alte hebräische, als auch die aus der langen Periode der Vertreibung – aufsaugen wird, so wird das Land in Provinzialismus und Bedeutungslosigkeit versinken.‘ (…) Auf die Frage, ob er die neue hebräische Literatur kenne: ‚Ahnung ja, Kenntnis nein. Für gewöhnlich ist junge Literatur an Folklore angelehnt und deshalb niemals große Literatur. Warum das so ist, weiß keiner.‘ „[12]

Jiddische Literatur

Da Sperber kein Hebräisch sprach und gute Übersetzungen in en 1970er Jahren kaum zu bekommen waren, stand hebräische Literatur nicht im Zentrum seines Interesse. Dieser Platz war an die jiddische Literatur vergeben, für die Sperber sich in vielfältiger Weise einsetzte, was bislang kaum dokumentiert wurde: Auf deutsch erschienen sind seine ursprünglich auf französisch verfassten Essays über Scholem Alejchem, Joseph Opatoshu, H. Leivick, Jacob Glatstein, Mendel Mann und Isaak Babel. Einige davon wurden Nachworte zu Übersetzungen aus dem Werk von Autoren, die Sperber in Paris in seiner Funktion als Leiter der ausländischen Abteilung im Verlag Calmann-Lévy herausgab. So verfasste er für den 1968 vom Centre de Dócumentation Juive Contemporaire edierten Band „D’Auschwitz à Israël“ das Vorwort und den Essay „Le problème reste entier“. Auf Jiddisch erschien sein Vorwort zu „Hadgadia“, einem Zyklus Zeichnungen von Zion Ben-Zion, der 1956 in einer bibliophilen Ausgabe von 200 Stück in Paris erschien. In Vorwort eines Gedenkbandes für H. Leiwik schreibt Sperber: „Einmal werde ich versuchen das außerordentliche Abenteuer der jiddischen Literatur zu erzählen, dieses Überlebenswunder bekannt zu machen und den vielfachen Glanz eines Lichtes, das selbst Orkanstürme niemals auszulöschen vermochten. Ich werde über die Dichter berichten, die vor dem Ende des letzten Jahrhunderts geboren wurden: Maniy Leib, Moshé Leib Halperin, Moshé Kulbak, Peretz Markish, David Hofstein, Uri Zwi Grinberg, Itzik Manger, Yakov Glatstein und viele andere.“[13] Doch wie so viele andere fand auch dieses Projekt keine Realisierung. Immer wieder erreichten Sperber Briefe jiddischer Autoren, die den Fall ihrer Literatur in die Bedeutungslosigkeit beklagten. So schrieb Jabob Glatstein: „Eine Arbeit über unsere Poesie in Hebräisch und Jiddisch muss beachten, dass die junge hebräische Dichtung uns nicht kennt. Deren Einflüsse kommen aus England und Frankreich. Es wäre gut, wenn dazu auch noch ein jiddischer Ton käme. Die jiddische Poesie von heute in jiddischer Sprache ist die jüdischste Poesie in der ganzen Welt. Sie singt sich ganz gut hinein in den Chor der heutigen Weltpoesie.“[14] Weit drastischer formulierte es Chaim Hasas: „Unsere beiden [hebräische und jiddische] Literaturen sind in der Welt kaum bekannt, so als ob wir ein unkultiviertes Zigeunervolk wären.“[15]

In jedem Fall nutzte Sperber seine medialen Möglichkeiten in den 1950er Jahren, um auf die Katastrophe des Judentums in der Sowjetunion einzugehen. So verfasste er regelmäßig Essays für Radio Free Europe, und andere Sender wie den Sender Freies Berlin und Voice of America, die ihr Programm auch in die Sowjetunion ausstrahlten. In etlichen Sendungen ging er auf das Schicksal der dortigen Juden ein: „Vor zwölf Jahren – am 12. August 1952 – wurden in Moskau 26 Männer erschossen. Sie waren ausnahmslos Schriftsteller, Romanciers, Poeten, Dramatiker und Essayisten. Und alle 26 waren Juden, die in Russland , in der Ukraine oder in Polen zur Welt gekommen waren; Jiddisch war ihre Muttersprache, so war die Sprache, in der sie schrieben. Die meisten von ihnen waren Kommunisten, Parteimitglieder seit langen Jahren.“[16]

Für Sperber war der Kalte Krieg immer wieder Bezugspunkt seiner essayistischen und belletristischen Texte. In dessen Propagandaschlachten war der Nahostkonflikt ein zentrales Thema, und die medialen Attacken auf Israel passten gut ins Bild der antisemitischen Kampagnen in der Sowjetunion unter Chruschtschow: „Bezüglich Israel belügt die sowjetische Presse ihre Leser fortgesetzt, in einer echt Stalinscher Manier verzerrt und entstellt sie Grundtatsachen, die den neuen Judenstaat kennzeichnen. (…) Israel ist ein demokratisches Land, das in Bezug auf soziale Maßnahmen an höchster Stelle steht. Die Freiheit der Meinung, des Glaubens und der Assoziation ist allen gewährt. (…) Man schickt Agenten jüdischer Abstammung nach Israel, die, heimgekehrt in russischen und ukrainischen Zeitungen die haarsträubendsten Lügen verbreiten. Warum das alles? Um die sowjetischen Juden abzuschrecken, um ihnen den Wunsch auszutreiben, in Israel eine neue Heimat zu finden? Gewiss ist dies die Absicht, aber vielleicht auch um in den nichtjüdischen Lesern eine gewisse Abscheu gegen Israel und somit gegen die Juden zu erwecken.“[17]

Von großer Bedeutung für Sperbers Engagement für die jiddische Literatur und die Juden im kommunistischen Ostblock waren seine Begegnungen mit Eli Wiesel. Dieser erhielt 1965 den von der World Federation of Bergen-Belsen Associations (WFBBA)[18] gestifteten „Remembrance Award“ und Sperber wurde die Ehre zuteil, die Laudatio zu halten. 1967 wurde er selbst nach New York geladen, um den Preis in Empfang zu nehmen. Begeistert berichtete Sperber darüber an Torberg: „ Ich komme soeben aus New York zurück, wo ich am 10. Dezember den ‚Remembrance Award‘, den ersten internationalen jüdischen Literaturpreis entgegen genommen habe. (Der auf Initiative des Weltverbandes der ‚Bergen-Belsener‘ gebildeten Jury gehören u.a. an: Saul Bellow, Gladstein, A. Heschel, Alfred Kazin, Primo Levi, Piotr Ravicz, André Neher, Joseph Kessel, Adolf Rudnicki, George Steiner, Eli Wiesel; zum Ehrenpräsidium gehört Nelly Sachs). Jenka und ich waren eingeladen, darüber hinaus bekam ich $ 2.500. Das ist ein bekoweder Preis. Die New York Times und andere Blätter, auch hier, haben von diesem kleinen, aber signifikanten Ereignisse Kenntnis genommen. Ich nehme an, dass die deutsche Presse nichts darüber berichtet hat. Das sollte sie nachholen.“[19] Eli Wiesel war es somit, der Sperber in New York mit bedeutenden Persönlichkeiten zusammenbrachte und ihn in der Erinnerung geradezu brüderlich umarmt: „Aber trotz seines Protestes und trotz seines Leugnens bleibt er in der religiösen Kultur ihres Volkes verwurzelt. Er liebt das Yiddisch und seine Liebe ist ansteckend. Er kann sich vom Reiz und Einfluss der chassidischen Geschichten nicht lösen. In den sechziger Jahren nehme ich ihn zu einem Fest beim Rabbi von Lubawitsch in New York mit. Er ist glücklich. Man stößt uns, die Masse drängt uns vorwärts, aber Manès beklagt sich nicht. Ich sagte es schon: Er ist glücklich, sich inmitten der Hassidim zu befinden. Glücklich, sich als Kind in Zablotow wiederzusehen. Ich stelle ihn dem Rabbi vor, der ihn nach seinem Ursprung und seiner Arbeit befragt. Manès arbeitet in jiddischer Sprache. Er ist in seinem Element.“[20]

Die WFBBA gab im selben Jahr in New York „…like a tear in the sea“ in der Übersetzung von Constantine Fitzgibbon heraus. Doch was noch viel wichtiger war – die WFBBA ebnete den Weg zu Sperbers zweitem und drittem Besuch in Israel. Doch bevor über diese berichtet wird, muss noch einmal auf die besondere Bedeutung des Jahres 1967 für Sperbers Auseinandersetzung mit dem Staat Israel verwiesen werden, der nur wenige Monate zuvor im Sechs-Tage-Krieg der Vernichtung entronnen war. Sperber drückte seine impulsive Anteilnahme in einem tagebuchartigen Essay aus: „Ich schreibe diese Zeilen heute, am 4. Juni 1967, im Schatten von Ausrottungsdrohungen, die jeden Tag lauter gegen die Israeli und ihren Staat ausgestoßen werden.“ Sperber verweist auf die große Aufbauleistung in einem davor zutiefst unterentwickelten Land und sieht das eigentliche Problem in den feudalen Strukturen der arabischen Gesellschaft, die nun durch einen von England im Ersten Weltkrieg in die Welt gesetzten panarabischen Nationalismus aufgeheizt werde: „Die ständigen inneren Konflikte sowie das ungeheure Elend der arabischen Massen – das alles hat die arabischen Führer stets dazu gedrängt, in der Existenz Israel eine negative Quelle ihrer Einmütigkeit, das Schibboleth eines Nationalismus zu suchen, der bisher nicht eine einzige schöpferische Kraft hervorgebracht hat und außerstande geblieben ist, der arabischen Zwietracht ein Ende zu setzen. […] Der delirierende Anti-Israelismus der Araber wird nicht so sehr durch das Wesen oder die Erfolge Israels bestimmt als durch die Schwierigkeit, ja Unfähigkeit der arabischen Völker, endlich eine positive nationale Politik zu praktizieren, dank der sich ihre Stämme und Völker zu einer modernen Staatsnation entwickeln könnten.“[21]

Von Interesse ist daher auch ein Statement Sperbers im Vorfeld des Sechs-Tage-Krieges. Am 28. November 1966 hielt er auf Einladung von Simon Wiesenthal im Wiener Porr-Haus den Vortrag „Nach der Katastrophe – Bürde und Hoffnung“, worin er einen Desidentifikationsprozess innerhalb des Judentums konstatiert: „Ich glaubte und glaube nicht, dass Israel die jüdische Frage löst. Ich glaube, dass die Existenz Israels von einer unüberbietbaren Bedeutung für Juden und nicht nur für Juden ist. Aber lassen sie es mich noch einmal wiederholen: Dessen braucht es nicht – das steht nicht im Widerspruch zu der Feststellung, die ich eben ausgesprochen habe: Die Judenfrage bleibt annähernd gleich.

Das mag für Zionisten enttäuschend klingen. Für Leute, die man seinerzeit „Palästinisten“ nannte, dazu gehörte ich selbst seit meiner frühen Kindheit – ist das nicht notwendig enttäuschend, es ist glaube ich so. Nun – somit ist Israel in einem gewissen Sinn neben allem anderen – ein ungeheuer wichtiger Beitrag zur Psychotherapie des geschändeten, erniedrigten Judentums. Und es ist ungeheuer wichtig, von solcher Schändung, solcher Demütigung geheilt zu werden. Aber wenn Israel die einzige Hoffnung des Judentums ist, dann glaube ich, muss man die Frage stellen: Ist es so sicher, dass Israel jüdisch ist, bleiben wird, dass Israel gleichsam das ganze Judentum – sprechen wir nicht von der Zahl, sprechen wir von der Essenz – asummiert, auf sich nimmt? (…) Deutschland und Österreich sind in meinen Augen Länder, die in der jüdischen Topografie kaum noch eine Bedeutung haben sollten und, denke ich, haben werden. Was aber mit dem kräftigsten Element des überlebenden jüdischen Volkes – und das sind die russischen Juden – was mit ihnen geschieht, mag für die Zukunft des ganzen jüdischen Volkes bestimmend sein. Wenn z.B. eine Million russische Juden sich in Israel ansiedeln könnten, so wäre Israel, seine Art zu sein, seine weitere Entwicklung und seine Sicherheit ganz anders! Und man muss in der Tat furchtbar blind sein, um diese Möglichkeit zu übersehen und nicht dafür zu kämpfen. Aber alles spielt sich ab, als ob das alles nicht wäre.“[22] Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde eine direkte und umfassende Einwanderung von Juden aus Russland und anderen osteuropäischen Staaten nach Israel möglich – und sie haben den Charakter und die Politik des Landes nachhaltig verändert.

1967 war aber auch das Jahr, in dem sich Sperber im Zuge des Nahostkonfliktes auch mit Antisemitismus in seinem neuen Heimatland Frankreich auseinander setzen musste. In auffälliger Schärfe kritisiert er Präsident Charles de Gaulle: „Sperber sagte, de Gaulles Haltung gegenüber den Juden gehe auf seinen Ärger darüber zurück, dass Israel den Krieg gegen Nasser wider seinen persönlichen Rat geführt habe; als das französische Volk sich dabei auf die Seite der Juden gestellt habe, sei ihm dies als eine unerträgliche persönliche Niederlage erschienen.“[23] Da Sperber seit 1945 in Paris lebte, sprach er hier als unmittelbar Betroffener. Generell misstraute er der Politik des französischen Präsidenten, obwohl sein enger Freund André Malraux von 1959 bis 1969 als Minister in dessen Regierung diente.

„Staatsbesuch“ in Israel 1970

Bei seinem nächsten Besuch in Israel reiste Sperber mit dem Flugzeug und war nur von 5. bis 10. Juli vor Ort. Der Grund für diese Reise findet sich in einer Notiz der israelischen Tageszeitung „Neuste Nachrichten“, dem Vorläufer der „Israel-Nachrichten“. So heißt es am 7. Juli 1970: „Der Jerusalemer Stadtverwaltung wurde im Rahmen einer feierlichen Gedenkstunde im Stadtratsaal seitens des Weltverbandes der Überlebenden von Bergen-Belsen der „Bergen-Belsen Gedenkpreis“ für 1970 verliehen. Bürgermeister Teddy Kollek dankte dem Vorsitzenden des Verbandes Josef Rosensaft und verkündete, dass die Stadt Jerusalem beschlossen habe, für die Mittel des Preises (5.000 Dollar) Bücher zum Thema der Weltkatastrophe des jüdischen Volkes zu erwerben und sie an Bibliotheken und Schulen zu verteilen. (…) Nach Teddy Kollek ergriff der in Paris lebende weltberühmte Schriftsteller Manès Sperber das Wort. Er sprach Jiddisch und erinnerte daran, dass der größte Feind des jüdischen Volkes zur Zeit der Naziverfolgung die Gleichgültigkeit gewesen sei, der später die Vergesslichkeit nachzufolgen drohte. Ohne Gleichgültigkeit und Vergesslichkeit wäre es niemals zu dieser furchtbaren Tragödie gekommen. (…) Am Abend gab der Weltverband der Überlebenden von Bergen-Belsen ein Dinner, dem Frau Ministerpräsident Golda Meir, der Schriftsteller Eli Wiesel, zahlreiche Mitglieder des Kabinetts und Knessetabgeordnete sowie ehemalige Insassen des Vernichtungslagers beiwohnten.“[24]

Der Kurzbesuch und die Bekanntschaft mit hochrangigen Politkern hatte einen längeren zur Folge. Auf Einladung des israelischen Staatspräsidenten Shazar reiste Sperber von Mitte August bis Mitte Oktober 1970, diesmal in Begleitung seiner Frau Jenka. Etliche Fotos im Nachlass zeigen ihn zusammen mit Josef Rosensaft bei Präsident Shazar. Sein Standort in Jerusalem war einmal mehr das King David Hotel und seine Begeisterung über die Fortschritte des Landes äußerte sich in etlichen Briefen, so schrieb er an Torberg: „Vom ersten bis zum letzten Tage haben wir in Israel weit mehr gefunden, als wir erwartet hatten. Je mehr ich zurückdenke, umso fraglicher wird es mir, ob ich imstande sein werde, Jerusalem, wie ich es sah zu beschreiben, das Erlebnis zu gestalten. Dies, obschon ich in einem Alter bin, wo man als Schriftsteller über alle seine Mittel verfügt. Doch genügt dies zuweilen nicht, weil es auf etwas anderes ankommt, als das Können. Es wäre zum Beispiel anders darum bestellt, wenn ich gläubig wäre. Aber ich bin, wie der Präsident Shazar in seiner Begrüßung freundlich betont hat, ‚ein Monument von Apikorsuth‘, d.h. ein impertinenter Zweifler.“[25] Wolfgang Kraus, Gründer der Österreichischen Gesellschaft für Literatur und einer seiner wichtigsten Freunde in Wien, erhielt folgende Zeilen: „Israel, das wir nach 12 Jahren wieder gesehen haben, übertrifft alle unsere Hoffnungen. Ich spreche hier nicht als Jude, sondern als kosmopolitischer Zeitgenosse und als Sozialist. Das Land gibt ein großes Beispiel nicht zuletzt den arabischen Nachbarn. Wenn sie es nur beachten wollten…“[26]

Wie sechs Jahre davor bedeutete auch der Yom-Kippur-Krieg für Sperber eine Zeit der tiefen Bangnis, die er einmal mehr Friedrich Torberg mitteilte: „Ohne auch nur einen Tag an die Niederlage Israels zu glauben, war und bin ich noch von diesen Ereignissen so beherrscht, dass ich es nicht ertragen hätte, diese Tage in Gesellschaft von Leuten zu verbringen, denen das alles doch recht ferne liegt.“ In einem weiteren Brief heißt es: „Die Lage in Israel empfinde ich genau wie Du; die Bangnis bleibt. Und sieht man sich in dieser Welt, vor allem in diesem Europa um, so merkt man, das man nicht nur in der Nazizeit mehr auskotzen musste als man essen konnte. Essentiell gibt es ununterbrochen das traumatisierende ‚dèja vu‘; es bleibt unentrinnbar, scheint es.“[27]

Die Brüder Sperber an der Habimah

Anfang 1974 blickte Sperber erneut voller Interesse nach Tel Aviv, doch dies aus einem vorerst erfreulichen Grund. Zusammen mit seinem Bruder Milo, der in Wien das Reinhardt-Seminar besucht hatte und 1939 mit den Eltern nach London geflüchtet war, hatte er die „Wolyna“-Episode unter dem Arbeitstitel „Lämmer mit stählernem Gebiss“ für die Bühne bearbeitet, letztendlich hieß das Stück aber doch „Wie eine Träne im Ozean“, das hebräische Bühnentyposkript mit handschriftlichen Korrekturen hat sich in den Beständen der Jewish National und University Library erhalten. Die handelnden Personen sind polnische Juden im Zweiten Weltkrieg, die über ihre inneren Konflikte reflektieren, ob sie bewaffneten Widerstand leisten sollen oder nicht. Milo Sperber inszenierte das erste und letzte Mal an der Habimah. Im Vorfeld schrieb Sperber noch begeistert an Torberg über den Fortgang der Arbeiten, doch bald schon heißt es einschränkend: „Mein Bruder Milo hat gewiss eine sehr gute Regierarbeit geleistet. Die hebräische Übersetzung ist ganz ausgezeichnet, die zumeist überalterten und bürokratisierten Schauspieler der Habimah sind wohl quelconque und das Datum der Aufführung höchst ungünstig. Die Kritik, die sich dieser Tage äußern soll, steht in Israel auf einem miserablen Niveau. Wir erwarten also nichts Gutes.“[28] Doch es sollte noch wesentlich schlimmer kommen. Das Stück wurde von der Kritik geradezu vernichtet und nach drei Wochen wieder vom Spielplan genommen. In der Kulturbeilage der „Jerusalem Post“ heißt es in einem Zweizeiler: „An old fashioned melodram about Jewish fighters against Nazis, filled with rather meaningless discussions.“[29] Die Intention der Sperber-Brüder wird es wohl gewesen sein, die Keimzelle des Willens zur Selbstverteidigung der Juden literarisch zu erfassen, doch das Publikum in Tel Aviv erkannte offensichtlich nur eine In-Frage-Stellung. Mehr als deutlich heißt es in „Ha’aretz“: „Manès Sperber könnte selbst die Hauptrolle der Tragödie spielen, die die herumirrenden politischen Intellektuellen nach der Revolution beschreibt, die vom Strom des Glaubens (an die Revolution) mitgerissen wurden und sich den Träumenden und Kämpfenden anschlossen. (…) Ich weiß nicht, warum das französische jüdische Publikum dieses Stück oder den Film über eine kleine zerstörte Stadt in der Zeit der Schoah in Polen akzeptiert hat. Eines ist klar: Uns im Israel des Jahres 1974, vier Monate nach dem Jom Kippur Krieg, diesen Stoff zu ‚servieren‘, hier, wo es keinen Moment gibt, in dem man sich nicht an die Schoah erinnert, ist eine Zugabe an Depression, eine Zugabe an Bitterkeit, die sich auf der Bühne ereignet. Das war ungefähr das Letzte, was man auf der Bühne der Habimah zeigen musste. Einerseits bemüht man sich, uns mit törichten Komödien zu füttern und das nicht nur, um unseren Lippen ein Lächeln zu entlocken und um unsere Herzen vom erlebten Trauma zu befreien, andererseits versetzen sie uns in die Atmosphäre der Schoah mit allen ihren zerstörerischen Folgen. Wir sind ohnehin in diese Atmosphäre versunken, die wie eine Krankheit an uns klebt.“[30] Es muss zur Ehrenrettung der Sperber-Brüder hinzugefügt werden, dass sie versuchten, ernsthaftes Theater in einer Saison unterzubringen, die ausschließlich von seichten Komödien geprägt war. Zum Dauerbrenner an der Habimah entwickelte sich „O ho Julia“ von Ephraim Kishon, eine Parodie auf Shakespeare, wobei Romeo und Julia jedoch nicht sterben, sondern heiraten und sich nach einem turbulenten Eheleben wieder scheiden lassen. Weitere Stücke der Saison hießen „So lieben die anderen“ und „Frieden, Frieden, und doch kein Frieden“, eine Komödie über das Eheleben zu Zeiten König Salomos.

„Ich kann keine Gewissheit entdecken…“

Doch der Verriss hielt Manès Sperber nicht ab, auch weiterhin nach Israel zu reisen, der letzte Besuch fand im April 1978 statt. Diesmal berichtete nur die deutschsprachige Presse über seine Ankunft: „Den Sederabend wird er, wie er uns erzählte, in einem Kibbuz im Emek Jezreel verbringen, in dem er noch einige alte Freunde antrifft …“ Doch weit interessanter ist es zu erfahren, dass in der Zwischenzeit einige wenige Schriften Sperbers in Israel erschienen waren: „In hebräischer Übersetzung erschien aus Sperbers Gesamtschaffen sein Buch über Alfred Adler, ferner eine ganze Reihe seiner Essays in ‚Hamload‘ und ‚Mosnayim‘ sowie in der Literaturbeilage des ‚Ma’ariw‘.“[31] Auch diesmal reisten Manès und Jenka Sperber gemeinsam und der Besuch dürfte eher privaten Charakter gehabt haben. Neben den Jugendfreunden traf Sperber den Individualpsychologen Paul Rom, wie durch ein Foto im Nachlass belegt ist. In den obligaten Reiseeindrücken an Friedrich Torberg heißt es: „Mio Caro, nein, ich bin nicht tot, aber die israelische Post war äußerst entmutigend, ja fast unzuverlässiger als die italienische. Andererseits ist es wahr, dass Jerusalem ein so besonderes, in jeder Hinsicht absorbierendes Erlebnis gewesen ist, dass ich niemandem geschrieben habe. (…) Über Israel ist vieles zu sagen, doch kaum etwas, was Du nicht schon wüsstest. Natürlich macht Begin viele Fehler, es wäre höchste Zeit, dass eine andere Regierung drankäme. Ob sie es viel besser machen würde, weiß ich nicht. Aber vielleicht wird sie imstande sein, den Realitäten besser Rechnung zu tragen. Dein Bedürfnis öffentlich Stellung zunehmen, verstehe ich durchaus, aber ich glaube, dass wir, die wir so völlig außerhalb des Gefahrengebietes leben, zwar ein Recht haben, uns zu äußern – aber nur mit größter Vorsicht. Ich selbst ziehe es vor, zu schweigen, weil ich die Situation als so schwierig und vorderhand beinahe auswegslos ansehe. Ich kann keine Gewissheit entdecken, von der aus ich mit einiger Gewissheit sprechen könnte. Ich bin immer Anti-Annektionist gewesen, und es scheint mir selbstverständlich, dass man Cisjordanien aufgeben muß, auch um nicht mit zwei Millionen Arabern mehr zu tun zu haben. Aber ich bleibe unter dem Druck der Ungewissheit: ich weiß nicht, ob diese Konzession nicht neue, größere Forderungen zur Folge haben wird. Es geschieht mir nicht oft, dass ich in einer politischen Frage unentschieden und mit dem Gefühl der Ohnmacht der Vernunft bleibe. Aber hic et nunc ist es der Fall. Darüber wie über vieles andere müssten wir ausführlich sprechen. Hoffentlich bald.

Mishkenot Sha’ananim ist in der Tat eine einzigartige Möglichkeit für unsereinen, in Jerusalem während längerer Zeit nicht nur zu sein, sondern als Ansässiger zu wohnen. Alles Gute und Schöne, was man darüber sagt, trifft zu. Natürlich haben wir energisch den Vorschlag unterbreitet, Dich baldigst einzuladen. Hoffentlich klappt es.“[32] Nur zwei Wochen später heißt es in einem weiteren Brief: „Du hast recht, es gibt keine unlösbaren Probleme, denn es sind keine Probleme sondern skandalöse Dauerkatastrophen, wie z.B. der stadtbekannte Tod. Aber das Problem Israel wird fortdauernd falsch gestellt: das liegt an der Zeit, an den Feinden, aber auch an den Begins, den Dayans, am Ende an uns allen.“[33]

Seinen wichtigsten Essay über das Schicksal des jüdischen Volkes nannte Sperber „Churban oder die unfassbare Gewissheit“.[34] Hierin befasst er sich mit historischen und tiefenpsychologischen Gründen des Antisemitismus und entlarvt ihn als einen ins Extrem getriebenen Verfolgungswahn bzw. „Allophobie“. Außerdem polemisiert er gegen Hannah Arendts Buch „Bericht über die Banalität des Bösen“ und wirft ihr eine „polizistische Geschichtsauffassung“ vor.

Freundschaft mit Amos Oz

Somit schob sich nach der „Euphorie der Gründerjahre“ doch eine kritische Perspektive ohne Lösungsvorschläge in Sperbers Sicht auf Israel, über den Libanon-Feldzug Anfang der 80er Jahre liegt kein Kommentar vor. Es bleibt die Frage, inwieweit Sperber als Schriftsteller und wissenschaftlicher Autor in Israel angekommen ist. Es muss konstatiert werden, dass weder die drei Bände der Autobiografie noch die Roman-Trilogie jemals ins Hebräische übersetzt wurden. Neben den erwähnten Essays in Zeitschriften bleibt das Buch über Alfred Adler 1972 beim Verlag Am Oved seine einzige Erscheinung auf dem israelischen Buchmarkt, dies allerdings unter dem Titel „Psychologie des Menschen, Alfred Adler verglichen mit Freud“. Möglicherweise hielt der Verlag den Namen Adler allein für nicht zugkräftig genug. Amos Oz schrieb ihm dazu von seinem Wohnsitz im Kibbuz Hulda: „Your book on Adler reads very fluently in Hebrew, the translation preserves style qualities – your irony, your elegance and your sadness are all there, but the title of the book in its Hebrew version strikes me peculiar. It’s not what you called the book.“[35]

Durch die Freundschaft mit Amos Oz gelang ihm letztendlich auch der Zugang zur zeitgenössischen hebräischen Literatur. 1968 gab er bei Calmann-Lévy dessen Romane „mon michael“ und 1973 „toucher l’eau toucher le vent“ heraus. Rasch wurde die geschäftliche Korrespondenz von einer persönlichen abgelöst, so schrieb Oz im Februar über Henri Glaesers Verfilmung der „Träne“: Unfortunately, my journey clashes with the world première of ‚A tear in the Ocean‘ in Jerusalem. But I am not going to miss the film and shall definitely see it as soon as I can. In the meantime – congratulations for what I believe must be a fine production.“[36] Einige Zeit danach verfasste Amos Oz seinen mit Abstand persönlichsten Brief an Sperber, der als Schlusswort gelten kann: „Just a few hasty lines. On my return from a Kafkaesque lecturing-tour across America, I found the Hebrew translation of your ‘Alfred Adler‘. Shortly before my journey I have read ‘A Tear in the Ocean‘. I wish I could speak Hebrew to you, or Yiddish. The fact that you and I are doomed to communicate in English, is a sad joke. I shalln’t ever try to tell you (in this foreign language) what I think of your writing. Instead, let me say this. Manès; I have known your – our – ocean, ever since. Now I think I also know the tear. I had it. One sentence is impossible in English, and I rely on your Hebrew – Haja baruch, achi hagadol – Beahavah, Amos [Sei gesegnet, mein Bruder – In Liebe, Amos].“[37]

Marcus G. Patka, Jahrgang 1966, Dr. Mag. phil., seit 1998 Kurator im Jüdischen Museum Wien, zahlreiche Ausstellungen und wissenschaftliche Publikationen im In- und Ausland zu Literatur, Musik, Theater und Geschichte im 20. Jahrhundert


[1] Manès Sperber an Arthur Koestler. Paris, 27. Mai 1948 (The Koestler Archive in Edinburgh University Library, MS 2375/2)

[2] Manès Sperber: Bis man mir Scherben auf die Augen legt. München 1982, 150. Siehe dazu auch: Yohanan Meroz: Manès Sperber – Ein später Zionist. In: Stéphane Moses, Joachim Schlör, Julius H. Schoeps (Hg.): Manès Sperber als Europäer. Eine Ethik des Widerstands. Berlin 1996, 163-176

[3] Manès Sperber: Mein Judesein. In: Churban oder Die unfassbare Gewissheit. München 1983, 42

[4] Michael Josselson an Manès Sperber, Paris 14. März 1958 (University of Chicago Library, Special Collection Reserch Center, Michael Josselson Papers, Box 295/II/8)

[5] Manès Sperber an Friedrich Torberg. Paris, o.J. [1972] (Wiener Stadt- und Landesbibliothek, NL Friedrich Torberg)

[6] David Lazar: Manés Sperber – der berühmte, aber nicht bekannte… In: Ha’aretz, 10. Jänner 1958 (übersetzt aus dem Hebräischen von Naomi Kalwil)

[7] Manés Sperber: Israelisches Tagebuch [April 1958]. In: Churban. Wie. Anm. 3, 94

[8] Jaques: Manès Sperber über den Kibbutz. In: Usha Echo, Nr. 99, 14. September 1958 (übersetzt aus dem Hebräischen von Mirjam Fried)

[9] Manés Sperber an Uri Zwi Grinberg. Paris, 2.4.1958 (Jewish National and University Library, Jerusalem, Manuscript Dept., ARC, 4°1553. Übersetzt aus dem Jiddischen von Gabriele Kohlbauer)

[10] MS: Die Späte Reise. In: Churban. Wie Anm. 3, 78

[11] Manés Sperber an einen Freund in Israel (M. S. Golan, Mishmar Haemek), 5. Jänner 1959, (Österreichisches Literaturarchiv an der Österreichischen Nationalbibliothek, Nachlass Manès Sperber)

[12] Ha’aretz, 28. März 1958

[13] Manés Sperber: In Memoriam. In: M. Waldman (Hg.): H. Leivick, poète yiddish. Hommages et textes choisis. Paris 1967, 12 (übersetzt aus dem Französischen von Hannah Landsmann)

[14] Jacob Glatstein an Manès Sperber, 22.11.1965 (ÖLA/ÖNB)

[15] Chaim Hasas an Manès Sperber, o.D. [1960er Jahre] (ÖLA/ÖNB)

[16] Manès Sperber: Judenfrage in der Sowjetunion I (Radiobeitrag, ÖLA/ÖNB, NL Sperber, Mappe 190)

[17] Manès Sperber: Judenfrage in der URSS III. (Radiobeitrag, ÖLA/ÖNB, NL Sperber, Mappe 226)

[18] Die WFBBA wurde 1960 von Joseph und Hadassah Rosensaft, Sam Bloch, Norbert Wollheim, Isidore Eisenberg, Max Silbernick und Paul Trepman gegründet. Sie vereinigte die Überlebenden aus dem KZ Bergen-Belsen in aller Welt und wurde durch die Pflege von Gedenkstätten sowie durch Publikationen aktiv.

[19] Manès Sperber an Friedrich Torberg. Paris, 26. Dezember1967 (WSLB, NL Torberg)

[20] Elie Wiesel: Préface. In: Manès Sperber: Entre Juif. Paris 1994, 9-12 (aus dem Französischen übersetzt von Jenka Sperber, Typoskript bei der Österr. Gesellschaft für Literatur)

[21] MS: In tiefer Bangnis…. In: Churban, Wie Anm. 3, 100, 104

[22] Tonbandmitschnitt der Österreichischen Mediathek (transkripiert von Frauke Binder)

[23] „Ein besiegter Sieger“. Manès Sperber über de Gaulle. In: Aufbau, 2. Dezember 1967

[24] Stadt Jerusalem erhält Bergen Belsen-Preis. In: Neuste Nachrichten, 8. Juli 1970, 1

[25] Manés Sperber an Friedrich Torberg. Paris, 9. Oktober 1970 (WSLB, NL Torberg)

[26] Manès Sperber an Wolfgang Kraus, 10. Oktober 1970 (ÖLA/ÖNB, Nachlass Wolfgang Kraus)

[27] Manès Sperber an Friedrich Torberg, Paris, 22. Oktober und 5. November 1973 (WSLB, NL Torberg)

[28] Manès Sperber an Friedrich Torberg. Paris, 9. Februar 1974 (WSLB, NL Torberg)

[29] Jerusalem Post Magazine, 22. Februar 1974

[30] Ein überflüssiger Zusatz von Depression und Bitterkeit. „Wie eine Träne im Ozean“ – im Theater Habimah, von Manès Sperber, für die Bühne bearbeitet von Manès und Milo Sperber. In: Ha’aretz, 10. Februar 1974 (übersetzt aus dem Hebräischen von Naomi Kalwil)

[31] Erich Gottgetreu: Von Zablotow über Wien, Berlin und Paris nach Jerusalem. In: Israel-Nachrichten, 14. April 1978, 8, 12

[32] Manés Sperber an Friedrich Torberg. Paris, 25. Mai 1978 (WSLB, NL Torberg)

[33] Manés Sperber an Friedrich Torberg. Paris, 8. Juni 1978 (WSLB, NL Torberg

[34] Unter diesem Sammeltitel erschienen 1979 auch seine andere Essays zu Judentum und Israel. Sperber verwendete nicht die gängigen Begriffe Shoah oder Holocaust. Churban bedeutet im Hebräischen Verwüstung, Vernichtung. Es bezieht sich insbesondere auf die Zerstörung des Ersten Tempels 587 v.u.Z. durch Nebukadnezar und die des Zweiten Tempels 70 n.u.Z. durch Titus.

[35] Amos Oz an Manés Sperber, Kibbuz Hulda [1972] (ÖLA/ÖNB, NL Sperber)

[36] Amos Oz an Manés Sperber, Kibbuz Hulda, 26. Februar 1972 (ÖLA/ÖNB, NL Sperber)

[37] Wie Fn. 35

Bildnachweis: Manès Sperber beim „Kongreß für kulturelle Freiheit“ in Mailand, 1955; Urheberrecht Jüdisches Museum Wien; Mit freundlicher Genehmigung durch das Literaturhaus Berlin

2 comments to Manes Sperber und Israel – eine kritische Annäherung

  • avatar Johann Prossliner

    Sehr intertessant und gut geschrieben.
    Ich habe Sperber noch persönlich gekannt …

    Wüsste gern, ob er seine Abrechnung mit dem Kommunismus/Sozialismus auch in essayistischer Form publiziert hat.

    • avatar Schiesser, Hans-Rudolf

      „Wüsste gern, ob er seine Abrechnung mit dem Kommunismus/Sozialismus auch in essayistischer Form publiziert hat.“

      Ja, im gesamten Werk.
      Am umfassendsten in seinem Roman „Wie eine Träne im Ozean“. Ebenso in zahllosen Essays – zu finden in „Essays zur täglichen Weltgeschichte“ (Wien, Europa Verlag!)Unter sozialpsychologischem Aspekt in „Zur Analyse der Tyrannis“.

      H.R. Schiesser
      (Manès-Sperber-Archiv)