„Zur Analyse der Tyrannis“ – eine Ausstellung zu Manes Sperber in Berlin

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sperber_thumb.jpgZum Namen Manes Sperber fällt den meisten spontan der Titel seiner Trilogie „Wie eine Träne im Ozean“ ein. Und wie geht es weiter, oder besser wie fing alles an? Wer war dieser Manes Sperber, der sich selbst „treuer Ketzer“ und „Wasserträger Gottes“ nannte? Im Literaturhaus Berlin läuft noch bis zum 19.Oktober eine Ausstellung über Sperber, die bereits im Jüdischen Museum Wien zu sehen war. Der Besuch dieser Ausstellung ist nur zu empfehlen, da Sperbers aufwühlender Lebens- und Ideenweg in den Wirren und Katastrophen des 20.Jahrhunderts dem Publikum in anschaulicher Weise nahegebracht wird. Manes Sperber verdient deutlich mehr Beachtung, sein Lebensweg und seine poetische Prosa erschüttern, rühren und ermuntern uns. Im galizischen Zablotow 1905 geboren, wächst Sperber in die Welt des chassidischen Judentums hinein. Vier Brüche kennzeichnen Jugend und frühes Erwachsenenleben: 1918 der Bruch mit dem jüdischen Glauben, 1923 der Bruch mit dem Zionismus, 1931 der Bruch mit der psychologischen Lehre Alfred Adlers und schließlich 1937 der Bruch mit der kommunistischen Partei. Wie schafft es ein Mensch mit diesen Erfahrungen, dass seine Seele nicht zerbricht? Sperber hat seine innerhalb weniger Jahre gemachten Erfahrungen mit dem Faschismus und dem Kommunismus bereits 1938 in seinem Buch „Zur Analyse der Tyrannis“ verarbeitet. Dieses Thema wird künstlerisch fortgeführt und variiert im Roman „Wie eine Träne im Ozean“, dessen Verfilmung an zwei Sonntagen im Oktober im Berliner Literaturhaus zu sehen ist.

Die Ausstellung wurde im Rahmen der jüdischen Kulturtage am 14.September mit zwei anregenden und einfühlsamen Reden eröffnet, die wir mit freundlicher Genehmigung der Autoren veröffentlichen. Anders als beim Eröffnungsakt beginnen wir mit dem Essay von Frau Dr. Mirjana Stancic von der Ruhr-Universität Bochum zum Thema „Zur Analyse der Tyrannis. Manes Sperber“.

von Dr. Mirjana Stancic


Die Analyse der Tyrannis. Manès Sperber (1905-1984)

Das dichterische Werk von Manès Sperber ist mit seiner Biographie enger verknüpft als bei anderen Dichtern seiner Generation, die einen ähnlichen Lebensweg hatten, weil er in seinem Schaffen neben der Literatur auch andere Schwerpunkte setzte und im Schreibprozess das individuell Erlebte oft der reinen Einbildungskraft vorzog. Ohne Kenntnis des Lebens bleibt das Werk sperrig, das Werk selbst verweist wiederum intensiv auf die Biographie, eins geht in das andere über, so dass Fiktion und Wirklichkeit im dichten Gewebe literarischer Texte oft nur schwer auseinanderzuhalten sind. Dies gilt in erster Linie für sein zentrales Werk, die Romantrilogie Wie eine Träne im Ozean, eine großangelegte literarische Analyse der Tyrannei durch Diktaturen und Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Als Warnung und ein Dokument der Zeit kann dieser Roman heute gelesen werden, eine wichtige, nützliche Lektüre über die verwickelten Wege, deren sich die Ideologie in ihrer unübertrefflichen Schläue bedient, um die frischen Quellen zu vergiften.

Vor hundertdrei Jahren im ostgalizischen Schtetl Zablotow geboren, wurde Sperber schon früh Zeuge des Ersten Weltkriegs, und das Bewusstsein von der Notwendigkeit des Kampfes gegen den Krieg und ihre Verursacher, die politische Tyrannei totalitärer Regime, bleibt die wichtigste Konstante in Sperbers Leben. Genauso prägend war aber seine Liebe zur Psychologie, die er ebenfalls schon früh, als Sechzehnjähriger in Wien entdeckt hat.

Obwohl er bereits mit neunzehn seinen ersten Roman über politische und psychologische Scharlatanerie geschrieben – schließlich ist auch sie eine Form sublimierter Tyrannei – und bereits als Jüngling seine ersten Erfolge im psychologischen Milieu Wiens sowie im Berlin der späten zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts gefeiert hat, bleibt uns nicht das junge hübsche Gesicht des biographisch gealterten, sehr ehrgeizigen Intellektuellen in Erinnerung, sondern das etwas ältere Gesicht des Mahners und Erinnerers, des preisgekrönten Autors von unzähligen politischen und literarischen Essays in großen deutschen Zeitungen. Am tiefsten hat sich jedoch seine Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Oktober 1983 in Frankfurt am Main ins Gedächtnis geprägt. Dieser letzte Protest Sperbers gegen Krieg und Tyrannei, in dem er noch einmal über sein Leben im Jahrhundert der Weltkriege Bilanz gezogen hat, war auch sein Abschied. Sperber starb am 5. Februar 1984 in Paris, wo er seit 1934, mit Unterbrechungen, lebte. Er plädierte in dieser Rede für ein starkes, selbstbewusstes Europa, das dem Druck der Weltmächte widerstehen muss, um sich selbst als eigenständiger politischer Faktor behaupten zu können. Längst ist Sperbers Forderung politische Wirklichkeit geworden, sehr zum Leidwesen eines Teils der neuen deutschen Linken, die ihm damals Rüstungslüsternheit und Antipazifismus vorwarfen.

Das eindeutige Ja Sperbers zu Europa verweist unmissverständlich auf die heutige Zeit und stellt zwischen gestern und heute eine Brücke her, die das aktuelle Zaudern um das gemeinsame Haus Europa nach der misslungenen Einführung der Europäischen Verfassung und dem sich ausbreitenden Misstrauen in ein starkes und großes Europa in einem anderen Licht aufleuchten lässt. Man mag dabei auch an seine einprägsame Metapher von der Brücke aus Zigarettenpapier denken, die der Brücke aus Eisen nicht standhalten kann, in der Realität der sich stets verändernden Welt sich jedoch als wesentlich beständiger erweist.

Sperber hat damals, im Frühjahr und Sommer 1983, im Vorfeld des Friedenspreises, eine Reihe von Vorträgen gehalten und Interviews gegeben, die alle diesem zentralen Thema Rechnung tragen, seinen Vorstellungen von einem freien und friedlichen Europa. Die Erweiterung der Europäischen Union, insbesondere die letzte Etappe, wäre bestimmt auf große Zustimmung Sperbers gestoßen, der ja die meisten der Neuzugänge in seiner Kindheit und Jugend als Teile eines Reiches gekannt hatte. Anders als für die meisten jüngeren Europäer hätte er gewiss wie die Leute seiner Generation der Osterweiterung auch diesen historisch-sentimentalen Aspekt abgewonnen. Dies wäre um so wichtiger, als die politische Karte Europas einige Jahre nach Sperbers Tod durch Kriege und den Fall des Eisernen Vorhangs tiefe Veränderungen erfahren hatte, deren Folgen Nachkriegs- und Transitionsgesellschaften sind. Allen voran brach das von Sperber geliebte Jugoslawien, wichtiger Schauplatz seiner Romantrilogie, zusammen. Enorme Erschütterungen der Übergangsgesellschaft, sich über mehrere Jahre hinweg ziehende Kriege, allgemeiner Kollaps der Wirtschaft und Verarmung breiter Bevölkerungsschichten seit 1990 erfassten auch politisch-intellektuelle Milieus in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und bedingten ihre radikale Neuordnung.

Auch die Frage nach dem Gleichgewicht zwischen der ausgerufenen Demokratie und der immer noch auf Schritt und Tritt spürbaren Repression als Relikt aus der Vergangenheit, die Frage nach der Umsetzbarkeit der Demokratie unter neuen Umständen und vorgegebener Mentalitäten überhaupt warten auf Antworten und Analysen. In erster Linie der Psychologe wäre Sperber hier herausgefordert, der sich mit ähnlichen Themenstellungen in seinen sozialpolitischen Essays zur täglichen Weltgeschichte in den sechziger Jahren auseinandergesetzt hat, als jemand, der sich einmischt und in seinem Selbstverständnis nicht neutral sein konnte.

Er sei niemals neutral gewesen, er war es nicht am 17. Juni 1953 und nicht als man Heinz Brandt kidnappte und auch nicht gegenüber den Missetaten des Franco-Regimes usw., schrieb er in einem Brief an den Dissidenten Heinz Brandt in einem der Gefängnisse der DDR am 7. Juli 1964. Im ähnlichen Ton sind Briefe gehalten, die Sperber als Mitglied des Kongresses für Freiheit der Kultur, eines der wichtigsten Instrumente der Kulturpolitik im Zeitalter des Kalten Krieges, die er an die jugoslawische Regierung richtete, um die Freilassung der Regimekritiker Milovan Djilas und Mihajlo Mihajlov zu erwirken. Auch dies waren geglückte Versuche, Brücken aus Zigarettenpapier zu bauen, die sich dann aus eigener Kraft in einen festeren Stoff verwandeln.

Die Analyse der Tyrannei setzt immer die Ausschaltung der Willkür voraus, um den Kampf um die Demokratie erst möglich zu machen. Die Demokratie sei eine Herausforderung an die Menschen, so zu leben, damit sie in ihrer Verantwortung gegenüber kommenden Generationen stets auf dem höchsten Niveau bleiben können, stellt Sperber in einem Vortrag fest, den er für das Frühjahr 1983 in Wien plante und dann aus Krankheitsgründen absagen musste. Sperber sieht diesen, in seinen Augen höchsten Wert der Demokratie unter aktuellen politischen Gegebenheiten bedroht und in seinem Kern erschüttert. Der Kritiker der Studentenrevolte von 1968, in der er zum einen eine gefährliche Aushöhlung der Demokratie erkannte und, zum anderen, Parallelen zu den Irrtümern seiner Jugend, setzte sich zum Ziel, in seinem Wiener Vortrag insbesondere auf diese Aushöhlungsgefahr aufmerksam zu machen.

In der Tat fehlen uns heute Sperbers scharfer Blick, sein klares Urteil und schöne Denkbilder. Er war ein Meister atmosphärischer Bilder. Zum Beispiel das Bild des Schnees, im ersten Teil seiner Autobiographie stets mit einschneidenden Kindheitserlebnissen verschmolzen, die wiederum in die Schrecken des Krieges eingetaucht sind. Die Familie verließ ihren ersten Zufluchtsort Tracz in zwei offenen Schlitten an einem besonders kalten Tag des Kriegswinters 1915; russische Soldaten versanken bis ans Knie im Schnee, als sich die österreichisch-ungarische Armee anschickte, die Russen zurückzudrängen. Als Sperber nach einem Artillerieangriff mit seinem Lehrer den Schutzkeller verließ, um Nahrungsmittel zu holen, nahmen sie den sichereren Umweg über den Friedhof, um hinter den Grabsteinen Deckung zu finden. Gerade als ihm der Lehrer erklären wollte, warum dieser Ort den hebräischen Namen Beth-Olam [d.h. Haus der zukünftigen Welt] trägt, setzte das Artilleriefeuer plötzlich wieder ein. Sie fielen in einen Trichter, den eine dünne, weiße Schneeschicht bedeckte. Der Junge streifte sich die Handschuhe ab und rieb sich das tränenfeuchte Gesicht mit weißem Schnee ab.

Es fehlt jemand, der die bedrückenden Generalthemen der Postmoderne mit vollem Ernst und mit der gelegentlich drohenden Gebärde des Patriarchen anspricht, gleichzeitig aber auch richtungweisende Angebote unterbreitet, Brücken aus Zigarettenpapier, als Inbegriff von optimistischen Visionen und lebenswerten Zukunftsperspektiven vor einem generell pessimistischen Hintergrund.

Auch der Pädagoge Sperber wäre heute gefordert, der 1930 als junger Marxist eine umfangreiche Studie über die modernen Erziehungsmethoden und die Tücken der damaligen Gesellschaft, Das moderne Kind, verfasst hat. Schließlich wurde ihm von seinem Gönner, Alfred Adler, 1926 das Diplom als Heilpädagoge für schwer erziehbare Kinder zuerkannt.

Immer noch ist Sperbers These interessant, dass die Erziehung nicht gelernt werden könnte. Also werden die Erzieher geboren und müssen ihr Leben lang an ihrer Begabung arbeiten. Als ein antipädagogisches Beispiel einer vollkommenen misslungenen Erziehung zeichnet er das Bild des antiken Brandstifters Herostratos, der durch die Zerstörung des Tempels der Diana zu Ephesus die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit auf sich lenken wollte. Herostratos und „herostratisch“ waren feste Bestandteile des kodifizierten Parteijargons: Lenin sprach schon um 1917 über das abschreckende Beispiel des antiken Antihelden. Dieses Bild ist im späteren essayistischen Wortschatz Sperbers fest verankert und kommt als „praktikable Metapher“ auch in seinen Essays aus den sechziger und siebziger Jahren vor. Auch heute wimmelt es von postmodernen Nachfolgern Herostratos`, die in die scheinbare Ruhe der Popgesellschaft mit der Kraft von Naturkatastrophen hereinplatzen. Um 1950, über seine eigene Jugend reflektierend, schrieb Sperber, dass er als Sechzehnjähriger an das Herannahen einer Zeit glaubte, die nur noch eines kennen wird: Erziehung. Die soziale Revolution sollte die gesellschaftlichen Bedingungen so grundlegend umgestalten, damit die Menschen frei würden und dessen würdig, was sie sein könnten.

An Fragen und Aufgaben fehlt es nicht, die als natürliche Folge von Sperbers politischen Essays und seinem literarischen Werk hätten entstehen können. Nicht zuletzt diejenigen nach dem Kollateralschaden, die durch die Hegemonie der Ersten Welt angerichtet worden sind, und im Verlust des Vertrauens in gesellschaftliche Institutionen, in die Wahrhaftigkeit im Allgemeinen, oder auch im rücksichtslosen Vormarsch der Globalisierung ihren Abdruck finden, schließlich auch die inzwischen vielerorts gestellte Frage, wie viel Globalisierung der Mensch überhaupt verträgt. Dann liegt auch die Frage nach der Heimat, als Kehrseite der Globalisierungsmedaille, auf der Hand, und die Gewissheit, dass die Verwurzelung im Heimatgefühl, im chassidischen Zablotow oder in Wolyna des jungen Rabbi Bynie, für Sperber das wesentliche ethische Fundament seines Lebens war.

Als Sperber 1965 in New York die Laudatio auf seinen Freund Elie Wiesel hielt, den ersten Laureaten des „Remembrance Award of The World Federation of the Bergen-Belsen Associations“, traf er mit dem chassidischen Rabbi von Lubawitsch zusammen und erneuerte mit ihm die jiddische Tradition seiner Kindheit. Zwei Jahre danach wurde er selbst Preisträger des „Remembrance Award“.

Sperber hat Zablotow nach der Flucht der Familie 1916 nach Wien nie wieder gesehen. Er wollte es nicht wiedersehen, weil das Städtchen bereits nach dem Ersten Weltkrieg sein altes Profil verloren und sich im Wandel der Jahrzehnte immer mehr verändert hat. Als er sich – fünfundsechzigjährig – entschlossen hat, seine Autobiographie niederzuschreiben, hat er gar nicht in Erwägung gezogen, die Erinnerung an seinen Geburtsort durch einen Augenschein aufzufrischen. Inzwischen hat er selbst zu viel erlebt, als dass er an die Erlebnisse aus seiner Kindheit hätte unmittelbar anknüpfen können. Darüber, ob sich ein Besuch hinter dem Eisernen Vorhang für den neugierigen Intellektuellen und Kulturpolitiker vielleicht doch gelohnt hätte, gibt Sperber keine Auskunft. Die heutigen Bewohner von Zablotow hatten in ihrer Stadt bis vor kurzem kaum eine Erinnerung an den Dichter. Erst als 1998 dank einer österreichischen Initiative in Zablotow ein Denkmal für Sperber errichtet wurde, eine Porträtbüste und Erinnerungstafel, bedeutete dies gewiss für Sperber und für die Zablotower eine symbolische Heimkehr. Die im klassizistischen Stil angefertigte Büste, die keineswegs auf allgemeine Zustimmung stieß und bei Sperber-Anhängern gelegentlich ästhetische Bedenken hervorrief, scheint inzwischen doch mit diesem Ort zu einem Bild mit Symbolwert zusammengewachsen zu sein. Hier lebte ein Dichter mit seiner Familie, und das heutige Zablotow ist das Ergebnis so vieler politischer Umwälzungen, Kriege, Gebietseinnahmen, Vertreibungen, dass es schließlich eines festeren Materials als des Zigarettenpapiers bedurfte, um diese komplizierte Geschichte auch nur anzudeuten.

Bildnachweis: Manès Sperber beim „Kongreß für kulturelle Freiheit“ in Mailand, 1955; Urheberrecht Jüdisches Museum Wien; Mit freundlicher Genehmigung durch das Literaturhaus Berlin

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