Die Krise des Finanzsystems ist auch eine nicht eingestandene Krise der Volkswirtschaftslehre

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0809-sperling-dietrich-sm.jpg Krisenmanagement ist angesichts der schlimmsten Finanzkrise seit 80 Jahren unvermeidlich und kann kurzfristig die Kernschmelze des Systems verhindern. Aber was folgt danach? Der ehemalige Bundestagsabgeordnte und Staatssekretär Dietrich Sperling fordert nicht nur bessere Regeln für die Märkte, sondern eine bessere Wirtschaftswissenschaft. Denn sie hat mindestens genauso versagt wie Märkte und Banker.

von Dietrich Sperling


Wann hat der Sachverständigenrat der Bundesregierung mit welcher Argumentation vor dem Platzen der Kreditblase auf den Vermögenswertemärkten gewarnt – wenigstens hinter verschlossenen Türen und geheim? Jetzt müsste man das doch mitteilen können! Wann haben die volkswirtschaftlichen Abteilungen der Banken mit ihren Kenntnissen über das historisch einmalige Privatschuldenwachstum in der globalisierten Wirtschaft die Wirtschaftsjournalisten über die damit entstandene Gefahr für das Finanzsystem informiert? Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, teilt das nicht mit.

Wann haben die Bankchefs – wie jetzt Hilmar Kopper, ehemals Deutsche Bank – ihren Kunden mitgeteilt, dass sie die Lehman-Bank-Papiere als Privatmenschen nicht kaufen würden – obwohl ihre Banken mit just solchen Geschäften die Millionenbeträge reinholten, die sich die Bankchefs als „Verdienste“ auszahlen ließen, sei es als Gehalt oder sei es als Bonus.

Das Versagen der offiziellen Lehre – so wird die Inflation vertuscht

Unser zumindest in erheblichem Umfang globalisiertes Finanzsystem lebt mit einer Volkswirtschaftslehre, die ihm selber eher verschleiert als aufdeckt, welche Risiken es mit seiner Entwicklung für die sonstige Wirtschaft in sich trägt.

Wie David Warsh in der „ZEIT“ vom 9.Oktober aufzeigt, sind die Lehrbücher der Wirtschaftswissenschaften fast leer, wenn es um Krisenerklärung geht. Das ist aber nicht das einzige Manko. Es gibt in ihnen auch keine Darstellung der Veränderung der angewandten Begriffe, und somit keine Methode, welche die Wandlung der wirtschaftlichen Wirklichkeit erfassen würde.

Nehmen wir uns die zweite Auflage des Lehrbuchs von Paul A. Samuelson von 1951 (in englisch) vor und schauen nach, wie er die Begriffe Inflation und Investition benutzte und auf welche Wirklichkeit er sie bezog:

Investitionen sind danach „Sachanlagen“, nicht Finanzanlagen. Investitionsbanken sammeln Sparbeträge der potentiellen Konsumenten ein und führen sie in derselben Periode neuen Sachinvestitionen zu, um die Produktion zu erweitern und die Einkommen zu erhöhen.

Eine Verselbständigung der Finanzmärkte auf Basis des Handels mit Wertpapieren, die besser als Wettpapiere bezeichnet werden sollten und inzwischen mehr als das 40-fache (!) des Weltsozialprodukts ausmachen, fiel Samuelson nicht einmal im Traum ein. Folglich stimmte seine Gleichung: Konsumtion plus Investition gleich Sozialprodukt. Und was die Inflation betrifft, so wäre Samuelson ebenfalls nicht auf die Idee gekommen, den Ausdruck „asset inflation“ der Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zu verwenden. Ein preistreibender Markt war nur für Konsumgüter vorstellbar. Bei dieser Grundhaltung ist die ökonomische Theorie bis heute geblieben, denn andernfalls wären ja die Betreiber der Finanzmärkte als Inflationsverursacher zu betrachten. Gleichwohl hat sich der Begriff der „asset inflation“ bei einigen Zentralbankern eingebürgert, ohne dass daraus Konsequenzen gezogen worden wären.

Unser Finanzsystem erzielte die Masse seiner Gewinne aus dem Handel mit Vermögenswerten. Man könnte auch sagen: mit Spekulation. Da die Schulden des einen das Vermögen eines anderen sind, ist auch der Handel mit Schulden Handel mit Vermögenswerten.

Bei aller Kritik an der Staatsverschuldung sollte man nicht übersehen, dass die Privatverschuldung erheblich größer war und ist als die Staatsverschuldung. Und dass die Privatverschuldung von Haushalten und Unternehmen erheblich schneller wuchs als die Staatsverschuldung.

Zugleich konnte man feststellen, dass die Schuldenmenge (oder Kreditmenge) nicht wuchs, weil so viel mehr Sachanlagen hergestellt wurden, die der Produktion von Gütern und Dienstleistungen dienten und damit Arbeitsplätze vermehrten. Die Kreditsummen oder Schuldenmengen wuchsen, weil schon vorhandene und inzwischen gesteigerte Vermögenswerte als Sicherheiten dienten, um Kredite „abzusichern“.

Mit den Krediten waren natürlich auch Zinsen verbunden – die bildeten das wachsende Vermögenseinkommen. Sie mussten aber von den Nutzern der Sachanlagen als Kosten getragen werden, zu denen sie die Kredite „absicherten“.

Bekanntes Beispiel solcher Vermögensbildung und Finanzierung war der Kauf der Armaturenfirma Grohe durch einen Hedgefund. Die Firma wurde zerschlagen, mit Krediten belastet und in ihren Teilen hoch verschuldet weiterverkauft. Und die Nutzer der Firmenteile mussten nun die Schulden bedienen und diese Kosten nach Möglichkeit an den Löhnen einsparen.

So wuchsen Vermögenseinkommen zu Lasten von Erwerbseinkommen in unserem Wirtschaftssystem schneller an und mehrten die Umsätze im Teilbereich der Finanzanlagen, woran Banken, Fonds, Versicherungen, Rating-Agenturen gut verdienten.

Dieser Vorgang sorgte für das gebremste Wachstum der Binnenmärkte, es sei denn, das Schuldenmachen der abhängig Erwerbstätigen sorgte für eine „Immobilienblase“, in der die Vermögenswertsteigerung dazu dienen muss, einen „Häuslekauf“ durch den späteren Verkauf zu gestiegenem Preis zu finanzieren.

Da – wie bereits erwähnt – unsere wissenschaftliche Volkswirtschaftslehre diesen Vorgang der Preissteigerung nur dann als Inflation bezeichnet, wenn Konsumgüterpreise steigen – also nicht, wenn Vermögenswertepreise steigen – waren die Zentralbanken nicht zur Bekämpfung solchen Preisauftriebs verpflichtet.

Fragte man Zentralbanker, ob solche „Blasenbildung“ auf den Vermögenswertemärkten nicht gefährlich fürs System sei, wehrten sie ab. Nur die BIZ beging die Sünde, den Vorgang als „asset-inflation“ zu bezeichnen. Sie ist jedoch lediglich eine Art Verrechnungsbank für internationale Zahlungsverpflichtungen. Sie betreibt also keineswegs die „alltäglichen üblichen Bankgeschäfte“, noch hat sie Rechtspflichten einer Zentralbank. Das macht sie unbefangener auszusprechen was ist: Vermögenswerte-Inflation. Der Ausdruck machte in Fachkreisen ein bisschen die Runde. Aber als „wirkliche Inflation“ wurde das nicht behandelt, was heute als Blasenbildung auf den Grundstücks- und anderen Vermögensmärkten bezeichnet wird.

Übrigens war in Japan 1990 eine ähnlich gigantische Blase auch schon einmal geplatzt – und die japanische Wirtschaft leidet noch heute darunter. Aus dem Beispiel hätte man lernen können: 1990 waren alle Grundstücke auf Japans Inseln finanziell so viel wert wie alle Grundstücke der USA damals. Aber Japan hat nur die Größe des US-Staates Montana, eine Art Kleinstaat im fernen Nordwesten der USA.

US Zentralbankchef Greenspan wollte von Gefahrenvorkehr nichts wissen. Man könne eine Blase nur als solche erkennen, wenn sie geplatzt sei, sprach er „weise“. Und damit befand er sich im Einklang mit der herrschende Lehre der Wirtschaftswissenschaften.

Psychologie für VWL-Studenten im Hauptfach ?

Also: Die herrschende Lehre an den Universitäten – auch den deutschen – ist Teil der Finanzmarktkrise. Sie folgte den Interessen der Vermögenswertehändler, nicht denen der abhängig erwerbstätigen Bevölkerung und hatte so eine „selektive Wahrnehmung“. Hätte sie diesen „erkenntnisleitenden Charakter“ ihrer eigenen Interessenorientierung erkannt, hätte sie allerdings an „kognitiven Dissonanzen“ gelitten.

Das sind die schönen Ausdrücke, die in der Psychologie für die Irrtumsbereitschaft entwickelt wurden, die sich in Menschen finden und aufdecken lässt. Zu den Sprüchen unserer Wirtschaftswissenschaftler gehört auch dieser: Wirtschaft ist zur Hälfte Psychologie. Vielleicht sollte dann die Wissenschaft von der Wirtschaft die Aufdeckung von interessengeleiteter Irrtumsbereitschaft durch die Psychologie auch einmal ernst nehmen und die in der Geschichte vorfindbare Fähigkeit zur Fehldiagnose vor Krisen näher beleuchten.

Warum sind Außenseiter wie Krugman und Stiglitz so heftig von der herrschenden Lehre abgelehnt worden? Warum war das wirtschaftswissenschaftliche Institut der Gewerkschaften immer ein „Außenseiter“ unter den wirtschaftswissenschaftlichen Instituten? Warum haben die anderen Institute keine „Gefahrenwarnungen“ abgegeben – haben sie nichts gesehen?

Also: Wessen Brillen hatten sie auf – die der Finanzwirtschaft? Ist es da nicht alarmierend, wenn die Frankfurter Universität gerade Herrn Ackermann eine Professur an der Schule für Finanzwissenschaft verschafft hat? Wir ahnen schon, wer diesen Lehrstuhl finanziert! Man sollte ernsthaft darüber debattieren, ob man ihm den Titel wieder wegnehmen sollte, weil Ackermann immer nur die Hälfte dessen sieht und sagt, was sein Arbeitsplatz (Deutsche Bank) unter seiner Führung anrichtet. Er ist empört darüber, dass Anlageberater Lehmann-Brothers -Papiere Kunden als „Ei im Korb“ aufschwatzten. Aber hat denn nicht die gesamte Bankenwelt – also auch die Deutsche Bank – das Vertreiben solcher Papiere dadurch gefördert, dass sie mit hohen Boni für noch höhere Umsätze lockte? Und wie hätte man Gewinne von 25% vor Steuern erzielen können, wenn man solche „Eier“ nicht anzubieten hatte, selbst wenn das Vermögen für den Kauf derselben gar nicht vorhanden war? Machen wir uns nichts vor: Auch wenn die Eierkörbe zwischen Finanzmarktinstitutionen gefüllt und geleert wurden, „faule“ Kreditsicherheiten wurden in „neuen Produkten“ verborgen, ohne dass es dazu interne Untersuchungen gab. Die Interessenverflechtung von Rating-Agenturen als gleichzeitige Berater und Prüfer wurde eher betrieben als aufgedeckt und abgelehnt. Die Gewinnziele waren alle mal wichtiger.

Nun, da das Kind in den Brunnen gefallen ist, kommen die Worte Herrn Ackermann leicht über die Lippen, wenn er sagt, der Staat müsse den Selbstheilungskräften des Marktes helfen.

Aber nie forderte er, der Staat müsse die Selbstzerstörungskräfte des Marktes bekämpfen!

Und so misstrauen die Banken heute einander, weil sie sich selber kennen und vermuten, die anderen seien genauso, während sie früher aus demselben Grund darauf vertrauten, dass keiner die fragwürdigen Methoden des anderen aufdecken würde – denn alle saßen ja in einem Boot.

Intelligente Regulierung

Es ist also die Heiligsprechung des Vermögenswertehandels zu Lasten der Erwerbseinkommen, die zur herrschenden Lehre wurde, ohne sich selber zu erkennen.

Marktmacht in Oligopolen oder gar Monopolen organisiert, macht gierig und betreibt Irreführung. Das wusste schon Adam Smith, als er über den „Wohlstand der Nationen“ nachdachte. Deshalb forderte Smith einen regulierenden Staat, weil er der Selbstregulierung durch gierige Marktmacht nicht traute.

Der Geldkreislauf sollte der Versorgung einer darbenden Menschheit mit Gütern und Dienstleistungen dienen – und damit Erwerbstätigkeit mit Lohn versorgen. Der Geldkreislauf sollte nicht der Steigerung der Vermögenswerte der Reichen unter Vernachlässigung der Produktion von Gütern und Dienstleistungen dienen.

Also: Wir brauchen ein „steuerndes Steuerrecht“: Geldverwendung für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen muss sich lohnen, Geldverwendung für Vermögenswertehandel mit Blasenbildung nicht! Die Vermögenswertehändler dürfen das Steuerrecht nicht bestimmen – auch nicht als Lobbyisten. Darum gehören Bankangestellte nicht als Mitverfasser von Gesetzestexten ins Finanzministerium, und es muss Ministern, Staatssekretären und Abteilungsleitern das Anheuern in Banken und Konzernen nach Verlust des öffentlichen Amtes für mindestens fünf Jahre verboten werden. Für öffentliche Dienste darf es nicht das „Gschmäckle“ geben, dass man nach Ausscheiden für den „privatisierten Nebendienst“ hoch entschädigt wird.

Regulierung muss auch das Politikerverhalten einbeziehen, zu viele der ministeriellen Amtsinhaber machen nach Ausscheiden aus Regierungsdiensten Karrieren, in denen sie entweder für vergangenes Verhalten belohnt, oder für künftige Einflussnahme als „Türöffner, die Regierungsohren erreichen“, bereichert werden.

Ohne solche Veränderungen ist uns die Wiederkehr der Finanzkrisen gewiss. Allerdings gilt es noch mehr Abläufe zu steuern, um künftige Wirtschaftskrisen zu vermeiden. Und dafür müssen sowohl der Staat als auch der Markt ihre Funktionen erfüllen. Die entsprechende Steuerung ist nur möglich, wenn die Massenmedien nicht von den Marktmächtigen zur Verschleierung benutzt werden, sondern dem Auftrag der öffentlichen Information dienen. Auch das muss „herbeireguliert“ werden, so wie wissenschaftliche Forschung und Lehre nicht „privaten Marktmachtinteressen“ unterworfen werden darf.

Darum wird man sich kümmern müssen, wenn die derzeitig akute Krise in ihrer Verschlimmerung gestoppt sein wird. Aber dann werden die Prediger der „Deregulierung“ wieder auf ihren wissenschaftlichen Lehrstühlen in den Universitäten auftreten. Denn das Überdenken der modelltheoretischen Ersatzreligionen in den Wirtschaftswissenschaften mit der notwendigen Selbstkritik findet noch nicht statt. Modelltheorien bedürfen aber immer der empirischen Überprüfung.

Eigentlich brauchen wir eine neue Studentenbewegung, die solche Selbstkritik abfordert!

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