Das Humboldt – Forum in Berlins Mitte als Ort des Zuhörens und der Katharsis?

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„Was erwartet die Welt vom Humboldt-Forum?“ – unter diesem Motto fanden in den letzten beiden Monaten in Berlin zwei Veranstaltungen der „Initiative Humboldt-Forum“ an symbolträchtigen Orten wie der Rotunde des Alten Museums sowie im Neubau der Akademie der Künste am Brandenburger Tor statt. Der japanische Philosoph Ohashi sowie der ehemalige UNO-Generalsekretär Boutros Boutros Ghali waren eingeladen, um die Frage nach der Erwartung an das Humboldt-Forum zu beantworten. Im November soll der Architekturwettbewerb um die innere Gestaltung des Berliner Schlosses entschieden sein, so dass die Debatte um das Konzept des Humboldt-Forums in die nächste Runde gehen kann. Damit richtet sich die Frage an die Welt gleichermaßen an uns alle – an die Menschen in Berlin, Deutschland und Europa.

Von Frank Hahn


Als der französische König Ludwig XVI. auf der Guillotine sein grausiges Ende fand, schrieb Wilhelm von Humboldt seine „Skizze: Studien über das Altertum“ und handelte damit zeitgemäß, indem er angesichts des unmenschlichen Gesichts der jakobinischen Revolution die Frage nach Würde und Ideal der Menschheit aufwarf. Als der Kolonisator Napoleon Europa in den großen Krieg stürzte, weilte Alexander von Humboldt in den Tropen und erlebte die Grausamkeit des europäischen Kolonialismus, die ihn zu einem leidenschaftlichen Vorkämpfer gegen die Sklaverei machte. Er war in der Zeit seinen Zeitgenossen voraus. Die Gebrüder Humboldt haben in „Zeiten des Umbruchs“ gelebt. Ihre je eigenen Antworten darauf könnte man als Stärkung des individuellen Charakters und als „kulturellen Ausbruchsversuch“ aus eurozentristischem Denken skizzieren. Dass wir uns heute wieder in einer epochalen Umbruchsituation befinden, wird als Bild so häufig bemüht, dass es schon fast banal klingt. Unbestreitbar ist jedoch zunächst, dass die amerikanische Hegemonie gebrochen scheint und wir uns stärker denn je den Völkern zuwenden werden, die bisher benachteiligt oder unterdrückt waren. Insofern kommt das Humboldt-Forum als Ort der Begegnung Europas mit außereuropäischen Kulturen gerade recht.

Aber wie begegnen wir der Welt angesichts der Schwierigkeiten des modernen Europäers, sich selbst und seinen Mitmenschen zu begegnen? Wir laufen und reden zumeist aneinander vorbei, wir verfehlen uns, weil wir zur wahren Begegnung keine Zeit haben. Wie aber können wir uns zeitgemäß verhalten, wenn uns die Zeit fehlt?

Kann das Humboldt-Forum ein nicht-museales Museum werden, das uns Zeit schenkt?

Die Aktualität des Humboldtschen Museums

Die Aktualität der Humboldts, das Konzept eines nicht-musealen Museums, die Aufgabe des Augenblicks, uns als Europäer durch die Begegnung mit den anderen Kulturen zu entdecken, fasste Christine von Heinz von der Initiative Humboldt-Forum in wenigen Worten anlässlich der ersten Veranstaltung im September im Berliner Alten Museum zusammen:

„Wilhelm von Humboldt hat an dieser Stelle in der Mitte Berlins das erste Museum errichten lassen, in dem das Bürgertum Zugang zu Wissenschaften und Künsten fand und auf diese Weise sich gegenüber dem feudalen Machtanspruch formieren konnte. Damals hat sich dieses Museum dem Fremden geöffnet wie danach nie wieder…. Zur Zeit der Berliner Klassik – inmitten einer Zeitenwende – war diese Stadt multikulturell geprägt, ein Drittel der Einwohner waren Juden und Franzosen. Heute erleben wir erneut eine Zeitenwende….es wird viel von einer globalen Welt gesprochen, aber Kommerz und Medien verhindern das gegenseitige Verstehen, die Sprache wird lediglich als Kommunikationsmittel gesehen, was zu gefährlicher Oberflächlichkeit führt. Wenn wir ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft verhindern wollen, dann brauchen wir dringend ein Forum, das durchlässig ist und bereite Schichten der Bevölkerung vertraut macht mit der eigenen Kultur und gleichzeitig dem Fremden öffnet. Das kann nicht ein Museum im althergebrachten Stil leisten.“ Frau von Heinz verdeutlichte, dass sie mit den breiten Schichten der Gesellschaft ausdrücklich auch und gerade die Migranten meint und wies darauf hin, dass in 20 Jahren in einer Stadt wir Berlin von 100 Kindern 65 einen Migrationshintergrund haben werden. Die große Chance dürfe nicht verspielt werden, dass Berlin ein „Zentrum für das Studium der Weltregionen“ werde. In diesem Sinne habe man „anerkannte Brückenbauer zwischen den Kulturen“ eingeladen, um mit ihnen gemeinsam der Frage nachzuspüren, was die Welt vom Humboldt-Forum erwarte. Die erste Brücke, über die er dann selbst spazierte, baute der japanische Philosoph Ryosuke Ohashi, der sich auf den japanischen „Kunstweg“ machte, um nach einem nicht-musealen Museum zu suchen. Ohashi hat in Deutschland studiert und gelehrt, deswegen wagt er manchen Tabubruch vor einem deutschen Publikum.

Humboldt auf dem japanischen Kunstweg – Zuhören ist gefragt

Statt eines konventionellen Museums mit festen Ausstellungen starrer Objekte hätte es Ohashi gern schwebend, durchlässig und provisorisch. Er traute sich, als Beispiel die Architektur des Shinto-Schreins dem staunenden Publikum anzubieten: immerhin ist dieses Heiligtum „transportierbar“, nach der religiösen Zeremonie wird der Schrein wieder abgebaut. Auch von leeren Räumen war die Rede, die in einem Museum Raum für Meditation bieten sollten.

Ohashi betonte die gänzlich andere Auffassung der Kunst in der japanischen Kultur: Kunstwerke werden nicht als fertige Gegenstände gesehen, sondern als „Zeugen des Alltagslebens, die immer einen Lebensweg gegangen sind“. Das Kunsterlebnis erfordere, dass sich die Betrachter selbst auf den Weg machen, um auf verschiedenen Wegen das Werden der Kunst mit zu erleben. Es rauschte und wehte und schwebte ganz erheblich bei diesen Gedanken, und man entsann sich der Worte Frau von Heinz‘, die gern breite gesellschaftliche Schichten sowie Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund erreichen möchte. Irgendetwas zerfiel hier in der Rotunde in höchst ungleiche Teile. Tatsächlich hätte Ohashi sich selbst und den Zuhörern das Verständnis des japanischen Kunstwegs durch mehr Anschaulichkeit erleichtern können statt ein mehr oder weniger metastabiles Abstraktum mit scheinbar „esoterischem Anstrich“ durch den Raum ziehen zu lassen. Der fernöstliche Philosoph hätte die Idee eines Museums der „durchlässigen Räume und Wege“ am Beispiel der Buddha-Ausstellung des Jahres 2001 vermitteln können, die just am Ort seiner Rede – im Alten Museum auf der Berliner Museumsinsel – stattfand. Die „Durchlässigkeit“ der Räume des ersten „bürgerlichen Museums“ erlaubte einen faszinierenden Blick von den chinesischen Buddha-Statuen des 6.Jahrhunderts auf die perspektivisch versetzt sichtbar werdenden Skulpturen aus dem antiken Griechenland. Die Besucher waren erstaunt und bewegt angesichts der augenfälligen „Verwandtschaft“ alter europäischer und asiatischer Kulturen. Ein anderes Beispiel wäre die ästhetische Nähe zwischen der Akropolis von Athen und dem klassischen japanischen Haus, die der Berliner Architekt Bruno Taut vor 75 Jahren entdeckt hatte. Durchlässige Räume könnten diese kontinuierliche Verbindung zwischen Antike und Moderne, Okzident und Orient sinnlich erleben lassen.

Vielleicht kollidierte hier auch der europäische und der asiatische Zeitbegriff. Denken wir an die Worte Alexander von Humboldts vom „Mühlradwesen der Europäer“, die „unruhige, von Dämonen geplagte Wesen“ seien. Einen Hinweis auf den anderen, östlichen Zeitbegriff gab Ohashi mit den Worten „Zuhören muss gelernt sein“, was vor allem auch der Zeit bedarf, die man sich nimmt. Damit führte er seine Brückenkonstruktion auch zu Wilhelm von Humboldt zurück. Das Provisorische und Transportable in der Architektur diente dem Philosophen nun als metaphorische Folie, um auf das Provisorium und das Fließende in der menschlichen Rede und Gegenrede hinzuweisen. „Europa hat in seiner Geschichte nicht gerade durch Zuhören geglänzt!“ ließ ein lächelnder Japaner mit leiser, doch fester Stimme vernehmen. Manch einer überhörte diese Worte, aber Ohashi fuhr fort, auf den Wegen Humboldtscher Sprachbetrachtung zu wandeln und erinnerte daran, dass man nicht sprechen könne, ohne die eigene Stimme zu hören: „Zuerst ist der HÖRENDE MENSCH.“ Wahres Zuhören ereigne sich immer eingedenk des Nicht-Verstehens im Verstehen, weswegen man im Gespräch mehrmals „hinhören“ müsse. Mit dieser Auffassung der Sprache ist man auf der Hut vor den Antworten und sucht die Gegend der Fragen und des Zweifels, was Ohashi als „größten Tabubruch“ für europäische Ohren bezeichnete. Dem ist nur bedingt zuzustimmen, führen doch Europas Wege in das Griechenland des Zweiflers Sokrates genauso wie in die jüdische und christliche Suche nach Gott, die immer neu und nie frei von Zweifeln aufgenommen werden muss. Aber immerhin bewirkt ein solcher Hinweis aus dem Mund eines japanischen Philosophen, dass wir unsere eigenen Wege des Hörens, Zweifelns und Fragens roden und begehbar machen. Nichts Geringeres hatte am Beginn Frau von Heinz gefordert: durch die Begegnung mit anderen Kulturen unserer eigenen mit geschärfter Neugier zu begegnen.

Ein Berliner Künstler kommentierte Ohashis „Tabubruch“ mit dem Hinweis, dass man mit dem Humboldt-Forum einen „exakten Gegenpol zur Event-Kultur“ und damit zur RASTLOSIGKEIT anstrebe, welche die politische Kultur im heutigen Berlin präge. Japanische Kunstwege als zeitgemäße Antwort auf den Verlust der Zeit? Ein nicht-museales durchlässiges Museum, damit sich breite Schichten mit Kunst und Kultur vertraut machen? Tabulose Zweifel sind angebracht, denn nicht wenige Zuhörer neigen unter Vermeidung des Zuhörens dazu, Ohashis Worte als exotische Zugabe bei Wein und Baguette zu genießen, als Event auf gehobenem Niveau statt das Gehörte in die Sprache der immer neu und unmittelbar gestellten ethischen, zwischenmenschlichen und bisweilen politischen Aufgaben zu ÜBERSETZEN.

Die Übersetzung in der Sprache des Diplomaten: Demokratie und Solidarität

Ein Versuch der ÜBERSETZUNG wurde drei Wochen später in der Akademie der Künste geboten. Der ehemalige UNO-Generalsekretär war geladen, aus seiner Sicht die Frage zu beantworten, was „die Welt“ vom Humboldt-Forum erwarte. Boutros Boutros Ghali hielt sich weder mit Überlegungen zur Form des Museums noch bei ästhetischen oder spirituellen Fragen auf, sondern sprach als Mann des Südens zu einem Publikum des Nordens. Ohne eine GLOBALE DEMOKRATIE, ohne die Überwindung von Hunger und Armut könne es keinen Frieden geben. Der Asymmetrie zwischen globaler Machtkonzentration und nationaler Ohnmacht gelte es entgegenzuwirken, damit die globale Ordnung nicht entgleite. Eine internationale Demokratie könne aber nur auf Basis von SOLIDARITÄT, die das Recht des Stärkeren mit der Stärke des Rechts beantworte, entstehen. Dazu gehöre die Überwindung des Grabens zwischen Nord und Süd, die Beendigung der Kriege in Somalia, Sudan, Kongo – summa summarum sei eine „Utopie der Wirklichkeit“ gefordert. Aus der jüngeren Geschichte kennen wir den „Realismus der Utopie“, so Ghali, da inmitten von Sklaverei und Krieg immer wieder „unsichtbare Kräfte die Wirklichkeit durchzogen haben, aus denen sich die Hoffnung auf eine bessere Zukunft speiste“. Ghali forderte eine neue Ordnung in der Welt, in der die Hoffnung über die Resignation, der Wille über die Bewegungslosigkeit triumphiere und die Völker sich erheben.

Es waren wohl gesetzte Worte eines nicht-diplomatischen Diplomaten, denen jeder zustimmen kann, aber vom Humboldt-Forum war die Rede nicht. Eine gewisse Irritation war auf manchem Gesicht zu lesen: sah man vor kurzem das alte Hohenzollernschloss sich bereits in einen Shinto-Schrein verwandeln, klang es nun so, als solle eine Unterorganisation der UNO ihren ständigen Sitz im Berliner Schloss einnehmen! Es kam noch „schlimmer“: einem der Kerngedanken des Humboldt-Forums, die Welt sich auf den Wegen der Kunst begegnen zu lassen, setzte der Afrikaner Boutros Boutros Ghali als Kontrapunkt das schroffe Wort entgegen, wonach es nutzlos sei, afrikanische Kunst zu zeigen, solange dort Krieg herrsche. Boutros Ghali lieferte das ultimative Kontrastprogramm zu Ryosuke Ohashi – insofern handelte es sich zunächst um eine eher holprige „Übersetzung“. So energisch wie hier das unmittelbare Handeln für Frieden, Solidarität und globale Demokratie eingeklagt wurde, so rastlos und jenseits aller Zweifel argumentierte Ghali. Aber eines verlangte er nicht nur von den anwesenden Zuhörern, sondern als Grundbedingung einer internationalen Friedensordnung, nämlich das ZUHÖREN.

Die ästhetische und philosophische Sicht aufs Humboldt-Forum wurde also unversehens ins Politische hinübergespielt, die „Wege der Kunst“ verlassen in Richtung der dramatischen Dimension politischer Ethik und sozialer Gerechtigkeit. Wie sind diese zwei weit auseinander laufenden Fäden, die sich in der Debatte um das Humboldt-Forum kreuzen, möglicherweise zu verknüpfen?

Wäre die Aufgabe des Humboldt-Forums nicht gerade die, Übersetzungsarbeit zwischen der Sprache der Kunst, der Religion, der Philosophie und der Sprache der Politik und Wissenschaft zu leisten? Die Übersetzung zwischen den verschiedenen Weltgegenden mit ihren jeweiligen Sprachen wäre dann womöglich ein vergleichsweise leichtes Spiel. Der Name Humboldt steht wie kein zweiter für die Möglichkeit des Gelingens einer solchen Aufgabe.

Die Übersetzung in der Sprache des politischen Redners: Vielfalt und Katharsis

Hieran erinnerte als zweiter Redner des Abends in der Akademie der Künste Klaus Töpfer, der bis 2006 Unter-Generalsekretär der UNO und Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms (UNEP) mit Sitz in Nairobi gewesen war. Die heutige Form der Globalisierung führe zu einem Verlust der Vielfalt, so Töpfer. Man könne dies an der einfallslosen, global nivellierten Architektur genauso sehen wie am Verlust der Artenvielfalt und der sprachlich-kulturellen Vielfalt – immerhin stirbt beinahe täglich irgendwo auf der Welt eine Sprache. Der Naturforscher Alexander von Humboldt habe die Vielfalt der natürlichen Arten studiert, und die Einheit der Natur nicht anders als in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit denken können. Sein Bruder Wilhelm habe als Sprachforscher in der Vielfalt der Sprachen die Mannigfaltigkeit von Weltsichten und nationalen Individualitäten aufgespürt. „Was würden die Humboldts heute sagen, nachdem von ehemals 8000 Sprachen sich nur 6500 erhalten haben und Zehntausende natürlicher Arten verschwunden sind?“, fragte Töpfer, um fortzufahren: „Nur eine Welt der Vielfalt ist eine Welt des Friedens und der Stabilität möglich“. Das Verhältnis Europas zur südlichen Halbkugel werde über Krieg und Frieden, individuelle Vielfalt oder kollektive Verarmung entscheiden. Töpfer berief sich in seinen Ausführungen auf zwei große Autoritäten des 20.Jahrhunderts: den jüdischen Philosophen Hans Jonas mit seinem „Prinzip Verantwortung“ sowie Papst Paul VI., der 1967 in seiner Enzyklika „Populorum Progressio“ gegen die schreiende Ungerechtigkeit von Armut, Hunger und Unterentwicklung in den Ländern des Südens das berühmte Wort „Frieden heißt Entwicklung“ geprägt hatte.

Angesichts der Krise eines internationalen Finanzsystems, deren Vertreter nicht zuletzt auch für Armut und Hunger in der Welt rechenschaftspflichtig gemacht werden sollten, trieb Töpfer seinen dramatischen Weckruf weiter: „Gerade in der Asymmetrie zwischen transnationalen Konzernen und nationaler Kontrolle zeigt sich der Mangel an Demokratie in unseren Volkswirtschaften. Und in den Bretton-Woods-Institutionen heißt es nicht „one man-one vote“, sondern „one dollar-one vote“! Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit für einen Paradigmenwechsel gekommen, ohne den die Welt sehr unfriedlich wird? Ich vergleiche die Lage mit der großen KATHARSIS nach dem zweiten Weltkrieg!“

Alles nur eine Frage der Zeit?

Dass die Thematik von Katharsis, Zuhören, Solidarität und Vielfalt individueller Charaktere in einer Welt, die scheinbar aus den Fugen gerät, zu Gehör gebracht wird, lohnte schon das Unternehmen des Humboldt-Forums. Umso ungestümer dringt die Frage auf uns ein, wie denn die Welt der Kunst, der Wissenschaft, der Philosophie zum Politischen, gar zu weltgeschichtlichen Prozessen korreliert. Das Ungestüme liegt dabei im eingangs eingeführten Thema Zeit. Haben wir angesichts weltpolitischer Krisen Zeit, um uns der schönen Kunst zu widmen? Zwei Wege der Weltbegegnung sind auf den je unterschiedlichen Diskussionsrunden des Humboldt-Forums aufgetreten, der ästhetische und der politische. Leicht wird dabei ästhetisch mit ästhetisierend verwechselt. In der Ästhetisierung der Wirklichkeit verliert man die Zeit, weil die Forderung des Augenblicks übersehen wird. Auf dem Weg der politischen Aktion wird der jeweilige Augenblick oft übersprungen, und so hat man – zur unmittelbaren Tat treibend und selbst getrieben – nie Zeit. Denken wir an Alexander von Humboldts Worte. Ist die Rede von Umbruch, Paradigmenwechsel, Zeitenwende nicht in diesem Sinne eine europäische Rede, gespeist von einer Geschichtsauffassung der rastlosen Suche nach Erlösung und Heil? Die große Umkehr und Wende, der Neuanfang, gar die Revolution haben für einen kurzen Moment den Rednern und Machern die Bühne zur großen Pose der VERÄNDERUNG gegeben, aber die Menschen haben sich dabei meist nicht verändert. Der geschichtliche Fortschritt war deswegen oft genug ein Rückschritt, in dem die Vielfalt der Charaktere zusammenschmolz, um den Einheitstypen des kollektiven historischen Gelingens Platz zu machen. Womöglich ist der Begriff der Ästhetik, wie ihn Schiller entwickelt hat, eine doppelte Antwort auf Ästhetisierung und Aktionismus: in der ästhetischen Stimmung die Forderung des Augenblicks anzunehmen.

Schillers Freund Wilhlem von Humboldt hat diese Konflikte im eigenen Leben erfahren. Der junge Wilhelm von Humboldt beklagte in seiner Staatsschrift („Ideen der Wirksamkeit der Grenzen des Staates“) im Jahre 1794 die „Einseitigkeit in der Ausbildung der Kräfte“ sowie die Absicht des Staates, Moral und Glückseligkeit dem Menschen „durch eine sehr künstliche Maschinerie zuzuführen“. Philosophen und Staatsmänner dieser Facon würden „den Menschen misskennen und aus Menschen Maschinen machen wollen“, so Humboldt.

Leicht kann sich nun der ästhetisierende „Schöngeist“ auf seine Veranda zurückziehen und am Glas nippen, die Welt auf Distanz halten, gute Ratschläge geben und den Macher verachten, der sich und andere im Handeln und Machen verschleißt. Auch Humboldt hatte sicher etwas von diesem Charakter, aber 15 Jahre nach seiner „Staatsschrift“ übernahm er dennoch – zunächst zögerlich und widerwillig – ein hohes Staatsamt. Bald empfand er in dieser Tätigkeit jedoch den Genuss, ein „Werk für andere“ zu vollbringen. Er suchte nun nach dem Punkt, an dem sich Gedanke und Wirklichkeit begegnen und „freiwillig ineinander übergehen“ und war sich bewusst, dass diesen Punkt nur derjenige erreichen und nicht überschreiten werde, der mit den Wissenschaften vertraut sei und gleichzeitig praktisches Talent besitze. Dieser Gedanke ist vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu Beginn des 19.Jahrhunderts zu verstehen, als – laut Humboldt – „in Deutschland sich Kopf, Charakter und Energie nur abstrakten Ideen zugewandt hatten, und der Geist gegenüber der politischen Wirklichkeit nur frondierend sei.“ Der wahre Staatsmann jedoch müsse sich nach Humboldt daran messen lassen, „welchen Begriff er von der Menschheit habe, …worin er ihre Würde….setze, …welche Ausdehnung er dem Begriff der Bildung gebe, welchen Grad der Achtung oder Nichtachtung er für die unteren Volksklassen hege und mit welcher Wärme er empfinde…“.

Das Empfindungsvermögen des Staatsmannes so auszubilden wie seine praktischen oder wissenschaftlichen Fähigkeiten und Talente, führt zu den Themen Katharsis und Zuhören zurück. Nach Aristoteles hatte die Tragödie die Aufgabe der Reinigung (Katharsis) von den Leidenschaften. Die Mäßigung der Furcht und der Laster war damit genauso gemeint wie die des Mitleids. Lessing und Mendelssohn widersprachen dem antiken Philosophen an diesem Punkt. In ihrem Verständnis sollte die Tragödie das Mitleid zum höchsten Grade steigern, denn der mitleidende Mensch sei der beste Mensch. Im Christentum wird die Katharsis teilweise als „Erneuerung des Herzens“ betrachtet, um Gewissen und Gesinnung zu reinigen. Mitleiden, Mitfühlen, Reinigung des Gewissens erfordern allemal intensives Zuhören, sei es dem anderen oder sich selbst. All dies bedarf der Zeit, aber weil der moderne Mensch gerade diese nicht besitzt, wird er zunehmend gewissenlos. In der zeitlosen Rastlosigkeit wird alles zur Belastung, was uns in der hastigen Jagd nach dem vermeintlichen Ziel aufhält. So reicht die Zeit vielleicht noch zur Empörung, da diese sich besser dem Rhythmus der Zeit anschmiegt. Sie verfliegt schnell wieder und wurzelt sich nicht in der Seele ein, was das Gewissen vermag. Die nagenden Fragen des Gewissens ertragen wir jedoch nur in der ästhetischen oder religiösen Stimmung, in der überhaupt sich die Stimme des Gewissens erst regt.

Kunst, Religion und eine praktische, zweifelnde Philosophie zeigen dabei immer neue Perspektiven der Welterfahrung, der Begegnung mit Gott und Menschen. Die Mannigfaltigkeit der Zugänge weckt Neugier, kann gegen Narzismus immunisieren und stärkt so die Fähigkeit des Zuhörens, die viel Zeit erfordert. Deswegen wird soviel geschwatzt, weil wir keine Zeit haben, uns mit dem Geschwätz der anderen zu belasten – da schwatzt man lieber selbst. Aber wer die Neugier verlernt, vergreist vor der Zeit.

Der Platz in der Mitte Berlins, an dem das Humboldt-Forum entstehen wird, war von Wilhelm von Humboldt als Freistätte der Kunst und Wissenschaft konzipiert. Die Politik, die Gesellschaft kann nur Neugier, Zuhören und Gewissenhaftigkeit ständig neu erlernen, wenn aus solchen Freistätten der Funke entspringt, der die Einbildungskraft entzündet und das Empfindungsvermögen ausbildet. In diesem Sinne könnte das Humboldt-Forum aus der produktiven Spannung zwischen Ästhetik und Politik, Schöngeist und Homo Politicus seine Energie schöpfen, diese Spannung gestalten und in ihr, nicht in ihrer Auflösung, die Weltbegegnung ansiedeln. Das Humboldt-Forum könnte Raum bieten, um Themen wie Gewissen, Katharsis, Kardinaltugenden, Ethik und Moral, Mitleid – um nur einige zu nennen – aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Zunächst könnte das zu Gehör und vor das Gesicht gebracht werden, was sich in Kunstwerken, Dichtungen, religiösen Texten aus Jahrtausenden der verschiedenen Kulturen der Welt dazu Anregendes finden lässt. Dann würden zeitgenössische Künstler und Denker aus allen Kontinenten Darstellung und Gespräch fortführen, immer eingedenk der Forderung, breite Schichten der Bevölkerung einzubeziehen.

Zu diesem Zweck wäre es auch hilfreich, die vielfältigen Vorschläge wieder in die Debatte zu bringen, die bereits vor sieben Jahren in Anlehnung an den geistigen Vorläufer beider Humboldts, Gottfried Wilhelm Leibniz, von Prof. Horst Bredekamp kamen, der im Humboldt-Forum ein „Theater der Natur und Kunst“ einrichten wollte. Dazu wird im Solon demnächst ein eigener Beitrag erscheinen.

Im Moment heißt es, sich die Zeit zu nehmen, damit ein zeitgemäßer Ort der Besinnung, der Entschleunigung und des Zuhörens statt des Schwatzens in der Mitte Berlins entsteht.

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