Nach vorn gewandt erinnern: 70 Jahre Reichskristallnacht – 60 Jahre Israel

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programmnovembertagung2.10.08.jpg70 Jahre Reichskristallnacht und 60 Jahre Israel markieren den Beginn der Vernichtung des europäischen Judentums und die Gründung eines eigenen jüdischen Staates. Beider Daten wurde im Jahre 2008 gedacht. Die Hermann-Cohen-Akademie für Religion und Wissenschaft und die Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin hatten unter dem Titel „1938 – 1948 – 2008: Memory and History after the Holocaust“ Anfang November eine Tagung organisiert. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, wie man sich „nach vorn gewandt“ erinnern könne. Die Hermann-Cohen-Akademie strebt auf Grundlage intensiven Quellenstudiums und in der Begegnung zwischen Religion und Moderne, Morgenland und Abendland eine wissenschaftliche Renaissance an. Gründerin und Direktorin ist Eveline Goodman-Thau, Professorin in Jerusalem und Rabbinerin in Wien. Sie möchte in dem Wort von „Erbe und Erneuerung“ die jüdische Kulturphilosophie im Denken und Handeln des heutigen Europa wieder fest verankern. Nur so lassen sich die Erinnerung an das Vergangene und der Aufbau der Zukunft verknüpfen.

von Frank Hahn


„Nach Auschwitz gehen heißt den Tod überwinden! Das heißt trotz der nackten Tatsache des Todes dem Leben einen Sinn zu geben. Das Leben zu bejahen, ist die Voraussetzung, um das Wort Auschwitz überhaupt in den Mund zu nehmen.

Die Toten sind nicht zurückgekommen, aber den Lebendigen ist ein neuer Tag geschenkt worden. Die Kraft der Erneuerung ist geboren aus dieser Schau. In vieler Hinsicht ist es eine Befreiung: aus der Besessenheit, aus dem Zwang zur Herrschaft. Sobald der Mensch auf die Macht verzichtet, die Erde zu beherrschen, ist der Himmel keine Bedrohung mehr: öffnet sich der Himmel für die menschliche Schau der Möglichkeiten, die Erde zu gestalten, wie sie – vielleicht in Gottes freiem Akt der Schöpfung – gemeint war.

Wenn es Leben nach Auschwitz gibt, wenn es eine Arche gegeben hat und noch gibt, wo es Überlebende gibt, dann muss dies auch einen Sinn haben. In die Sinnlosigkeit zu verfallen hieße auch den Anspruch auf die Erinnerung verlieren. Die Toten kann man nicht wieder lebendig machen, und vielleicht sind sie auch viel besser dran als wir. Aber man sollte sie oder die Erinnerung an sie besser lassen, wenn ÜBERLEBEN keine Kategorie des Lebens ist….“

Diese Sätze sind dem Buch „Arche der Unschuld – Vernunftkritik nach Auschwitz“ der Rabbinerin Eveline Goodman-Thau entnommen. Am Vorabend des Gedenkens an die „Reichskristallnacht“ vor 70 Jahren wurde der anspruchsvolle und bewegende Text als szenische Lesung von vier sehr engagierten jungen Laienschauspielern in der Berliner Konrad-Adenauer-Stiftung aufgeführt, begleitet am Klavier von der berühmten Pianistin Veronika Jochum von Moltke, die Werke von Bach, Hindemith, Busoni und anderen spielte.

Die „Arche der Unschuld“ trägt hinüber an das andere Ufer, ein Anfang wird möglich. Dabei bleibt die Erinnerung ständige Begleiterin, die Arche kann nur dann eine der Unschuld werden, wenn jeder, der in ihr seinen Platz finden will, persönlich Zeugnis ablegt. Dies ist nicht im „deutschen Sinn“ zu verstehen, in dem das Zeugnis meist als eines der „Betroffenheit“ verstanden wird, wobei trotz guter Absichten oft der bequeme Weg eingeschlagen wird, ins Leere statt ins Innere zu schauen. Ein Zeugnis im jüdischen Sinn heißt, das Leid nacherleben, um daraus die übermenschlichen Kräfte zur Überwindung des Todes zu schöpfen. Es geht darum, sich nach vorn gewandt zu erinnern, indem wir das verinnerlichen, was sich zunächst der sprachlichen Mitteilung zu entziehen droht. Aus dieser Verinnerlichung kann der Einzelne Zeugnis ablegen.

Im Text heißt es dazu:

„Jedes Angebot der wirklichen Erneuerung, der Präsenz eines lebendigen Juden tut hier weh, klagt an, schreit zum Himmel. Besser mit den Ruinen leben als mit der Erneuerung, Erneuerung ohne Ende, den Überlebenskräften, die das Judentum vor dem Untergang bewahrt haben. Die Trauer ist leichter: Man ist still mit den Toten, bewahrt den Anschein, das gute Benehmen. Sogar ein bestimmter Zynismus oder ein Gefühl von Mitleid – all dies ist „anständig“. Nur nicht zu viel Lärm machen, einfach weitermachen, die Welt entsorgen von überflüssigem Müll. Damals hat man auch sortiert, wie heute den Müll….brave Bürger!“

Zeugnis ablegen bedeutet, Erbe UND Erneuerung des lebendigen Judentums in die heutige europäische Kultur zu tragen. Neben der griechischen Antike, dem Christentum und dem Islam war das Judentum eine der Traditionen, die Europa geprägt hat. Fehlt die lebendige Rückbesinnung auf diese Tradition, ist das europäische Haus ohne Dach, Zwischendecken und Keller. So sind z.B. im Judentum Religion und Ethik, Tradition und Moderne, Partikularismus und Universalismus keine Gegensätze. In diesem Sinne geht es der Autorin der „Arche“ darum, „aus der Shoa die Kraft der Erneuerung zu schöpfen und nicht in einem ewigen Gefühl von Schuld und Ohnmacht, das durch eine Erinnerungskultur nicht beseitigt werden kann, stecken zu bleiben. Es geht darum, die Brücke zu schlagen zwischen Theorie und Praxis, eine Übung, die es dem Judentum erlaubt hat, von einer religiösen Tradition in eine moderne Denkweise überzugehen.“

Memory and History after the Holocaust: Wie erinnern wir uns?

Dem Versuch, sich in diesem Sinn „nach vorn gewandt zu erinnern“, war die viertägige Tagung gewidmet, welche die Hermann Cohen-Akademie zusammen mit der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin am Vorabend des 70-jährigen Gedenkens an die Reichskristallnacht organisiert hatte. Das Thema der Tagung lautete: „1938 – 1948 – 2008 : Erinnerung und Geschichte nach dem Holocaust“.

Es waren Wissenschaftler u.a. aus Deutschland, Israel, USA, Frankreich, Italien, Ungarn, Polen zusammen gekommen, um die unterschiedlichen Zeichen der drei Jahreszahlen ineinander aufleuchten zu lassen und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in lebendige Rede und Gegenrede zu bringen. 1938 markiert den Anfang vom Ende des deutschen und europäischen Judentums im Zeichen der Reichskristallnacht, 1948 den Neubeginn durch die Gründung des Staates Israel. Im Jahre 2008 soll die Erinnerung an Ende und Anfang einen weiteren Stein auf dem Weg des Neubeginns setzen, indem in Deutschland und Berlin eine lebendige jüdische Kulturphilosophie wieder ihren Platz findet. Zu diesem Zweck soll in Berlin die „Hebraic Graduate University of Europe“ (HUE) gegründet werden. Auch darüber wurde auf dieser ungewöhnlichen Tagung Anfang November in Berlin gesprochen.

Der Frankfurter Pädagogikprofessor Micha Brumlik, stellvertretender Vorsitzender der Hermann-Cohen-Akademie, betonte zu Beginn den kulturell-literarischen und weniger historischen Charakter der Tagung, auf der Dichter und Denker viel zu sagen hätten. „Vergangenheit und Zukunft zusammen zu denken, ist eigentlich unmöglich“, so Brumlik, „zumal die Zukunft nicht wissbar ist.“ Die Vergangenheit leuchte jedoch in der Zukunft auf, wenn diese in „jedem Augenblick von der Entscheidung abhängt, wie sich Humanismus und Prophetentum begegnen.“

Leider ließen so manche Beiträge diese lebendige Spannung vermissen, indem sie eher das akademische Fachpublikum bedienten oder eben einer zunehmend fade wirkenden „Erinnerungskultur“ das Wort redeten. Unabhängig davon ist die Erinnerung an die Shoa eine Frage der praktischen Dringlichkeit, denn letzte Zeitzeugen wird in den nächsten Jahren das Zeitliche segnen. Umso mehr muss allen Beteiligten daran gelegen sein, den Ermüdungserscheinungen im Lichte von Erinnerungsritualen und der Instrumentalisierung der Vergangenheit für unterschiedlichste Zwecke – von der Heroisierung bis zur Kontrolle des öffentlichen Diskurses – entgegen zu wirken, ohne die Vergangenheit zu verdrängen. Was heißt es also, nach vorn gewandt zu erinnern?

Da es ohnehin ein beinahe groteskes Unterfangen wäre, eine viertägige Tagung in allen oder auch nur den meisten Aspekten wiederzugeben, sollen hier lediglich drei Ebenen aufgezeigt werden, auf denen die aufgeworfene Frage beantwortet wurde:

  1. Erinnerung als ganz persönliche, innere Erfahrung
  2. Die Erinnerung an den Holocaust als globale Herausforderung
  3. Die Wiederauferstehung des Geistes der Ermordeten in der heutigen Kultur

Mnemosyne oder sich Erinnern als Verinnerlichung

Die „Erinnerung als politisches Mandat“ – so der Titel des Vortrags von Hajo Funke (Lehrstuhl für Politik und Kultur an der Freien Universität Berlin) – habe wesentlich die Umkehr der Bundesrepublik Deutschland hin zu einem demokratischen Rechtsstaat ermöglicht. Funke erinnerte daran, wie steinig der Weg des offiziellen Erinnerns von den Auschwitz – Prozessen in den 60er Jahren über die Holocaust-Serie 1979 bis zur Rede Weizsäckers 1985 auf dem Soldatenfriedhof Bitburg gewesen sei, welche Widerstände und Versuche des Leugnens zu überwinden waren. Angesichts immer wieder aufflackernder rechtsextremer und fremdenfeindlicher Aktionen sei die Erinnerung weiter als öffentlicher Akt zu pflegen, gleichwohl warnte auch Funke vor der Gefahr der Instrumentalisierung des Gedenkens an den Holocaust. Insofern sei jenseits aller öffentlichen Gelöbnisse und Gedenktage das Erinnern als ganz persönliche – eben verinnerlichte – Erfahrung zu thematisieren. Damit beschäftigte sich der in London lehrende Germanist Prof. Rüdiger Görmer anhand des Hölderlin-Gedichts „Mnemosyne“. Er wählte dieses Poem nicht zufällig und nicht nur wegen seiner sprachlichen Schönheit oder griechischen Form, sondern weil es durch Heidegger in Bezug gesetzt worden ist zur Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus. Heidegger, der bekanntlich niemals ein Wort der Reue angesichts seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus gefunden hat, diente die Interpretation von Hölderlins „Mnemosyne“ zur Verdrängung des Vergangenen. Hölderlin jedoch spricht von der Last des Scheiterns, die auf unseren Schultern liegt, und die wir „behalten“ werden. Von der Vergangenheit können wir uns nicht lösen. Weiter begegnen uns in dem Gedicht Worte wie „prophetisch“, „Sehnsucht ins Ungebundene“, „Träume“ und „Trauer“, womit das INNERLICHE des SICH-ERINNERNS umschrieben wird. Görmer „erinnerte“ denn auch mehrfach daran, dass es nicht „Erinnern“, sondern „Sich-Erinnern“ heißt, womit der selbst-reflexive Aspekt der „Ver-innerlichung“ in der Verbform bezeichnet ist. In dieser höchsten Einsamkeit des individuellen Erinnerns „wird die Grenze der Sprache und der Welt erfahren, denn an alles Erlebte reicht die Sprache nicht heran“. Und gleichwohl können wir bei der Erinnerung nur durch Sprache die verwobenen Schichten von Schmerz und Leid, tiefer Einsicht, Verlangen und Sehnsucht, Überwindung des Todes, Prophetentum, Traum und Wirklichkeit, Vergangenem und Gegenwärtigem, uns und anderen öffnen.

Der Historiker, der Redner des Erinnerungsrituals oder der Bildhauer des Mahnmals – sie alle halten die Erinnerung wach, aber wie werden wir im „Wachzustand“ mit dem Erinnerten „fertig“? Mit dem Ungeheuerlichen wird man nicht „fertig“, es wäre auch fatal. Davon kündet uns eben Hölderlins „Stadt der Erinnerung“, Elevtherä, in der trotz oder wegen des ausschließlich öffentlichen Erinnerns „die Trauer versagt und die Erinnerung neutralisiert wird“, wie Görmer sagte. Also bedürfen wir des Dichters, der uns auf den schmalen Grat sprachlicher Grenzerfahrung leitet, die nach Görmer die Erinnerung an das europäische Totenhaus immer ist. Er stellte die Frage, wie in einer Zeit der fließenden Moralbegriffe das radikal Böse dargestellt werden könne.

Dieses „Kunststück“ ist der Poesie, der ganzen Literatur weiter aufgegeben. Denn ein Verstehen im üblichen Sinne rationaler Erklärung ist uns im Falle der Shoa verwehrt. Auf die Grenzerfahrung der Bilder der Erinnerung, die ruhelos und unbezwingbar in Menschen auftauchen, kann nur die dichterische Sprache antworten, selbst immer neu herausgefordert, „poetisch zu schreiben am Rande des Schweigens“, so Görmer. „Denken wir an die traumatisierten Menschen der zweiten und dritten Generation der Opfer der Shoa“, fuhr Görmer fort, „die unserer Hilfe bedürfen. Schon ihretwegen dürfen wir nach dem Genozid keinen Memorizid zulassen.“

Die Arche steht bereit, und sie wird uns an das neue Ufer bringen, wenn ihre Insassen Worte finden, so könnte man Görmers Vortrag verstehen.

Zu Dichtern, die für das Grauen Worte suchten, zählten auch polnische Literaten. Darüber sprach der polnische Germanist Karol Sauerland, der sich in seinem Werk intensiv mit dem polnischen Anti-Semitismus beschäftigt hat, u.a. in seinem Buch „Polen und Juden zwischen 1939 und 1968″ oder auch in seinem Werk über „Jedwabne und die Folgen“. In Gedichten des bekannten polnischen Dichters Czeslaw Milosz dreht sich im Frühjahr 1943 ein Karussell mit jauchzenden Kindern direkt vor den Mauern des Warschauer Ghettos. Hier tönt laut die Volksbelustigung, nur wenige Schritte weiter hört man die Schreie der Verzweifelten und die Schüsse der Besatzer gegen die Juden, die in jenem April den verzweifelten und hoffnungslosen Ghetto-Aufstand begannen. Das Gedicht „Der einsame Christ schaut auf das Ghetto“ hat in Polen immer wieder zu Kontroversen geführt, bringt es doch die polnische Verstrickung in die dunklen Ereignisse der Zeit zur Sprache. Bereits Ende September 1939 wurde die polnisch-jüdische Waffenbrüderschaft gegen die Nazi-Okkupanten aufgegeben. Die lange Geschichte des katholischen Anti-Semitismus ist bekannt und hat Ereignisse wie Jedwabne oder die anti-semitischen Ausschreitungen des Jahres 1968 ermöglicht. Umso bewegender waren die Beispiele polnischer bzw. polnisch-jüdischer Dichter, die Sauerland vortrug. Jemand wie Wladyslaw Schlengel, der selbst im Ghetto eingesperrt war und schließlich nach Treblinka deportiert wurde, schrieb bis 1943 manch prophetisches Gedicht, in dem er den Holocaust vorausahnte. Schlengel verdichtete seine Beobachtungen über das Leben der Warschauer Juden, so z.B. in dem Gedicht „Sachen“, das die ständigen, erzwungenen Umzüge der Juden – erst ins Ghetto und dann innerhalb desselben – schildert. Wir hören von den Umzugskarren, auf denen jedes Mal weniger „Sachen“ verpackt sind.

Globales Erinnern an den Holocaust?

Das polnische Beispiel weist darauf hin, dass Erinnerung an den Holocaust nicht nur eine deutsche Aufgabe ist. Mehrere Redner beschäftigten sich mit der „globalen Dimension des Holocaust“, die eben auch ein „globales Erinnern“ erfordere. So unglücklich dieser Begriff gewählt ist, bleibt es doch wahr, dass über die Beteiligung an Judenverfolgung und Ermordung in anderen europäischen und außereuropäischen Ländern gesprochen werden muss. Zum einen wird dies auf lange Sicht helfen, eine ähnliche Umkehr, von der Funke in Bezug auf Deutschland sprach, in anderen Ländern herbeizuführen und die Verständigung über Menschenrechte und Menschenwürde im internationalen politischen Diskurs zu erleichtern und selbstverständlich werden zu lassen. Zum anderen könnte die offen geführte Diskussion über Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung z.B. in den arabischen Ländern neue Perspektiven des Verstehens öffnen, die bei der Suche nach Frieden im Nahen Osten unabdingbar sind.

Dazu gab es einen anschaulichen Vortrag von Carole Basri aus den USA. Sie ist u.a. Professorin für Corporate Law an der University of Pennsylvania Law. Ihr Thema waren die anti-jüdischen Pogrome während des zweiten Weltkriegs im Irak. Bereits in den 30er Jahren sympathisierte die irakische Regierung mit den Nazis, Radio Berlin wurde in arabischer Sprache in Bagdad ausgestrahlt, und seit 1939 verlief der Unterricht in den irakischen Schulen nach dem deutschen Lehrplan. Die Vertreibung und Verfolgung der Juden in Deutschland wurde schamlos und offiziell gelobt. In diesem länger vorbereiteten Hassklima kam es schließlich am 1. und 2.Juni 1941 zur irakischen „Kristallnacht“, zu anti-jüdischen Pogromen, wobei 200 Juden ermordet und Tausende verletzt wurden. Es brannten Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnhäuser, die Hauptstraßen Bagdads waren mit zerborstenem Glas übersät. Immerhin waren 40% der Einwohner Bagdads Juden. Diese Ereignisse werden bis heute im Irak tabuisiert, was nicht zuletzt damit zusammenhinge, dass der Onkel Saddam Husseins ein Anhänger der Nazis war und dass die Regierungspartei Baath eine sozialistische Partei mit nationalistischem Charakter, also eine im wahrsten Sinne national-sozialistische Partei gewesen sei. Es sei für die Bemühungen um Frieden im Nahen Osten unumgänglich, so Basri, diese Themen zur Sprache zu bringen. Wenn die palästinensischen Flüchtlinge begriffen und zugäben, dass die jüdischen Bewohner Israels zu 50% Flüchtlinge aus arabischen Ländern seien, wäre eine andere Ebene der Verständigung möglich, so Basri.

Sie klingt dabei optimistisch, weil es einstmals eine Synthese jüdischer und arabischer Kultur nicht nur in den Maghreb-Staaten, sondern gerade auch im Irak gegeben habe.

Die Beteiligung der besetzten Länder Europas am Holocaust ist bekannt, hier wurden insbesondere die Beispiel Frankreich und Ungarn behandelt. In dem kleinen mitteleuropäischen Land gab es in den letzten Jahren einen Historikerstreit um die Beteiligung der ungarischen Regierung an Judendeportationen von 1944 an, der vor dem Hintergrund der Transformationsphase nach 1990 zu verstehen ist. In den labilen post-kommunistischen Gesellschaften des Ostens griffen politische und intellektuelle Eliten gern auf die tradierten Vorbilder einer verklärten nationalen Vergangenheit zurück, aus der die Zukunft entstehen sollte. In diesem Umfeld stören die dunklen Kapitel, und so wird es vermutlich noch eine Weile dauern, bis auch die ost- und mitteleuropäischen Gesellschaften sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen – so lautete das Fazit von Prof. Andras Kovacs von der Central European University in Budapest.

Im Falle Frankreichs gab es wenig zu leugnen: das Regime von Marschall Petain hatte sich in Artikel 19 des „Waffenstillstandsabkommens“ mit Nazi-Deutschland verpflichtet, „Ausländer“ – also deutsche und österreichische Emigranten, Flüchtlinge aus dem spanischen Bürgerkrieg sowie Juden – auszuliefern. Christlichen Organisation beider Konfessionen ist es zu verdanken, dass Juden versteckt, aus Lagern befreit wurden oder man ihnen zur Flucht verhalf, so dass zwei Drittel aller Juden in Frankreich überlebt haben. Es waren diese „Gerechten“, deren Michel Cullin in seinem Beitrag gedachte. Cullin hatte sich nach dem Krieg maßgeblich für die deutsch-französische Verständigung eingesetzt, die nach seinen Worten auch deswegen gelang, weil es eine Schicksalsgemeinschaft des Verbrechens und des Widerstands dagegen gegeben habe.

Nach vorn gewandt erinnern

Wie sieht nun der nach vorn gewandte Blick aus? Micha Brumlik vertiefte zunächst das Thema Bruch und Kontinuität, indem er auf Einzelheiten des neu beginnenden jüdischen Lebens in Deutschland nach 1945 einging. Schon am 11.April 1945 fand in Köln unter dem Schutz britischer Behörden ein jüdischer Gottesdienst statt, allerdings wurden aus den anfänglich 15.000 Mitgliedern einer versprengten und traumatisierten jüdischen Gemeinde bis 1989 nie mehr als 30.000. Brumlik unterschied die Neugründung der Gemeinden von der des Judentums im Allgemeinen. Und hier zitierte er die gewagte These von Clemens Albrecht, wonach die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik im Wesentlichen auf jüdische Denker zurückzuführen sei. Es wird also ein ähnlicher Vorgang wie für die Zeit nach dem ersten Weltkrieg angenommen, als mit der Gründung der Weimarer Republik eine intellektuelle Blüte einher ging, die fast ausschließlich auf jüdische Denker gegründet war. Für die Zeit nach 1945 erscheint diese Behauptung jedoch zumindest kühn, auch wenn ein gutes Dutzend an prominenten Namen aus Wissenschaft und Kunst als „Beweis“ angeführt wurden – so z.B. Literaten wie Hilde Domin, Peter Lilienthal, Wolfgang Hildesheimer, George Tabori, Politologen wie Ossip Flechtheim und Richard Löwenthal, Philosophen wie Jakob Taubes, Theodor Adorno oder Max Horkheimer, aber auch berühmte Größen des Theaters wie Fritz Kortner, Ida Ehre, Ernst Deutsch und Therese Giese. Interessant – weil nicht allgegenwärtig – ist in diesem Zusammenhang der Name von Fritz Bauer, der als hessischer Generalstaatsanwalt den ersten Auschwitz-Prozess initiierte. Dennoch ließe sich manche Gegenthese formulieren. So mag man zunächst fragen, wie bewusst jüdisch die meisten der oben erwähnten Denker wirklich waren. Abgesehen von den nicht zu übersehenden restaurativen Tendenzen in der Kultur der Nachkriegszeit kamen pluralistisch-demokratische Ideen auch aus christlichem und humanistischem Gedankengut. Außerdem fehlte eine Dimension, die gerade das Bestechende der Weimarer jüdisch-deutschen Kultur gewesen war, dass man nämlich seinerzeit die geistigen Muster von Antike, Klassik und mittelalterlicher Mystik mit der Moderne ins Gespräch gebracht hat. Dazu fehlte nach dem Zivilisationsbruch des Holocaust verständlicherweise Bereitschaft oder Mut.

Dies sei nur am Rande angemerkt, um die besondere Bedeutung des Projekts hervorzuheben, das 70 Jahre nach Reichskristallnacht und 60 Jahre nach der Gründung Israels realisiert werden soll: die Gründung der „Hebraic Graduate University of Europe“ (HUE) in Berlin. Die Initiative geht wiederum auf die rührige und beeindruckende Streiterin für die kulturelle Erneuerung des Judentums in Europa zurück, Frau Prof. Goodman-Thau. Sie spricht unaufdringlich, aber stets leidenschaftlich, sie vermittelt ansteckende Freude über das Potential des Neubeginns. Sie redet nie nur über die Sache, sondern ist immer auch als Person gegenwärtig, wodurch gerade junge Menschen hierzulande berührt und bewegt werden. Goodman-Thau, die 1938 als Vierjährige mit ihrer Familie nach Holland floh und dort den Holocaust überlebte, siedelte 1956 nach Jerusalem über. Typisch für viele ähnliche Schicksale ihrer Generation, hat sie sich in den 80er Jahren aufgemacht, um ihre persönlichen geistigen und kulturellen Wurzeln zu suchen und hat seitdem in Deutschland und Österreich zahllose Initiativen begonnen, um jüdisches Denken nach Europa zurückzubringen. So hat sie u.a. das jüdische Kulturinstitut an der Universität Halle sowie die Hermann-Cohen-Akademie gegründet, und seit 2001 ist sie Rabbinerin in Wien. Ihre Muttersprache ist das Deutsche, das jedoch für Juden nach der Shoa unaussprechbar blieb. In der Begegnung mit der deutschen Sprache seit den 80er Jahren wurde Goodman-Thau der tiefere Grund ihrer Übersiedlung nach Israel bewusst: „Ich wollte, dass meine Kinder niemals ihre Muttersprache verlieren würden. Das Hebräische ist ja unsere Ursprache, die uns niemand nehmen kann.“

Goodman-Thau möchte in der HUE die junge Generation in Deutschland und Europa an das reiche Erbe jüdischen Denkens von Maimonides bis Mendelssohn, von Salomon Maimon bis Hermann Cohen, vom Raschi von Worms bis Rosenzweig, vom Talmud bis Paul Celan heranführen. Sie wird nicht müde zu betonen, dass ohne Kenntnis dieser jüdischen Tradition Europa um eine Hälfte seines Wesens betrogen sei – denn europäisches Denken stamme mindestens aus zwei Hauptquellen, aus Athen und aus Jerusalem.

Auf der Berliner Tagung konnte Goodman-Thau von einem Meilenstein auf dem Weg zur Gründung der HUE berichten: der Bundestag hat in seiner Antisemitismus-Resolution vom 4.November 2008 ausdrücklich die Gründung der HUE als politisches Ziel verankert. Es heißt darin:

„Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, das jüdische Leben in Deutschland in all seinen Ausprägungen weiterhin intensiv politisch zu unterstützen und zu schützen, indem ……der Aufbau und die Pflege jüdischer akademischer….Institutionen mit Haushaltsmitteln des Bundes gefördert werden, z.B. der Aufbau der Hebraic Graduate School of Europe in Berlin.“

Zu dieser Thematik passte einer der letzten Vorträge auf der Tagung in der Konrad-Adenauer-Stiftung. Fania Oz-Salzberger von der Universität Haifa referierte über „Israelis in Berlin“. Von den meisten Berlinern eher unbemerkt, findet seit einigen Jahren ein reger Zuzug junger Israelis nach Berlin statt. Oz-Salzberger bezeichnete Berlin als „THE place“ oder auf hebräisch „Makom“, was sowohl Ort, Platz als auch Ort der Gottheit oder Gottes Wohnort bedeutet. Schlicht und salopp also heißt es für junge Israelis: „Berlin ist in“. Diese Wendung der Dinge hinge mit der „Wende“ von 1989 zusammen, als der Stadtplan des wiedervereinten Berlins die Folie für die Erinnerung bot: vom Gleis 17 am Bahnhof Grunewald (der Gedenkstätte an die Judendeportation Richtung Osten) bis zum jüdischen Viertel um die Synagoge an der Oranienburger Strasse. Israelische Studenten kommen eingedenk dessen, dass Berlin vor 100 Jahren ein jüdisches Zentrum war, in dem hebräisch gesprochen wurde. Viele der jungen Bürger aus Tel Aviv, Jerusalem oder Haifa hätten zudem den Berliner Stadtplan im Kopf gespeichert – und zwar durch die Lektüre von Erich Kästners „Emil und die Detektive“.

Sehen sich diese jungen Leute als Erben der jüdischen Aufklärung eines Moses Mendelssohn und als Nachfahren jüdischer Denker von Simmel, Rosenzweig, Cohen bis Cracauer und Jonas? Oz-Salzberger bejahte diese Frage emphatisch – es könnte also 70 Jahre, nachdem die dunkelste Stunde für die Juden in Deutschland anbrach, ein ganz anderer Neubeginn jüdischen Denkens von Berlin und Deutschland ausgehen.

Dass dieser Neubeginn die Erinnerung an die Shoa immer in sich tragen wird, entspricht dem Merkmal jüdischen Denkens, in dem Tradition und Moderne keine Gegensätze darstellen. Überhaupt begegnen wir im Judentum einem anderen Zeitbegriff: Denken, Sprechen, Handeln vollzieht sich nicht im linearen Fortschreiten der Zeit, das auf ein Ziel in der „Ewigkeit“ – ob unendlich oder endlich gefasst – gerichtet ist, sondern in dem jeweiligen besonderen Augenblick, in den die Ewigkeit hinein bricht, oder der sich zur Ewigkeit hin öffnet. Das unmittelbare sprachliche Eingehen auf den besonderen Augenblick und den besonderen Menschen, wie es talmudische Tradition ist, spiegelt sich in solchen Sätzen wie „Im Begriff stirbt das Wort“ – denn das Wort bleibt lebendig, während der Begriff erstarrt.

In der „Arche der Unschuld“ steht auch dieser Satz. Die Arche birgt in sich die Erinnerung, die nach vorn gewandt ist – wir lauschen am Ende noch einmal in den Text hinein:

„Der Ur-Kanon des Abendlands fängt also an mit der jüdischen Frage nach der Bedeutung des Menschseins: die Frage der Beziehung zu Gott wie auch der Beziehung zur Welt wird aus der MENSCHLICHEN Perspektive gefragt…..Der Mensch als autonom frei wählendes Wesen, als Person, begegnet einem allmächtigen Gott, Alleinherrscher und Alleinschöpfer von Himmel und Erde, und muss sich nolens volens mit dieser Frage der menschlichen Existenz auseinandersetzen. ….Die Autonomie Gottes hat die Autonomie des Menschen zum Gegenpart. Im Positiven wie im Negativen ist dies die Konfrontation. Nicht die Naturmächte sind die große Bedrohung, sondern die SPANNUNG DER BEZIEHUNG. Und mit wem sollte es eine wirkliche Beziehung überhaupt geben? Mit dem Meer, mit den Bergen, mit den Sternen? Nein, erst im Radikalsten, mit einem Allmächtigen, der aber unsichtbar ist und unsichtbar bleiben muss, ohne Form und ohne Bildnis ist, mit diesem unsichtbaren Gegenüber will sich der Mensch messen…

…wirkliche Freiheit zu leben, heißt am Rande des Abgrunds zu stehen und zu springen, nicht nur ohne zu wissen, ob ich das andere Ufer erreiche, sondern ohne zu wissen, ob es überhaupt ein anderes Ufer gibt. Jedes Gesetz zu befragen auf seine Menschlichkeit hin, ist das Wesen dieser Freiheit…..

Der erste Schritt ist die Bereitschaft, unter den „Verlierern“ zu sein. Der Sieg über den Wahn der Welt fängt an beim Durchbruch ins Lager der Verlierer. Dies ist das große Risiko, welches aber auch die größte Chance in sich birgt. Zu handeln, ohne sich den Sieg bereits gesichert zu haben durch Geld, durch Prestige, Leistungsscheine eines äußerlichen Erfolgs, der sich nur unendlich wiederholen kann. Das Risiko einzugehen, gegen den Strom der Menge zu schwimmen. Dem anderen als Gegenpart zu begegnen, mit dem ich mich ständig in einem Prozess der Selbstkritik und Selbstprüfung meiner eigenen Motive und Beweggründe auseinander zu setzen habe. Keine Demokratie kann auf diesen Prozess verzichten. Die kritische Masse, klein oder groß, muss gehört werden, weil es eine „Ein-same Masse“ ist, eine Masse von Menschen, in der jeder in seiner oder ihrer „Einsamkeit“ ein Teil des Ganzen ist. Totalitäre Systeme entstehen, wenn das menschliche Ziel zum Streben nach Totalität geworden ist. Das Leben ist jedoch Bruchstück, es wird zusammengehalten durch den Ein-bruch des Einzelnen in Zeit und Raum….da, an dem Ort zu stehen heißt, über den Abgrund zu springen und nicht zu wissen, OB es ein anderes Ufer gibt. Der Sprung selber ist nämlich das Ufer. Erst durch den Sprung entsteht das Ufer, als Anderes, als Neues.“

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