Jahresrückblick 2008 – Denkanstöße für 2009

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Wie bei jedem Jahresrückblick ist es naturgemäß schwierig, alles zu überblicken und Revue passieren zu lassen. Aber darum geht es auch nicht, schließlich sind wir kein historisches Institut. Der Fokus dieses Rückblicks ist aber auch nicht die Unterhaltung, wie wir sie derzeitig häufiger im Fernsehen sehen, sondern es geht darum, die Aufmerksamkeit auf einige, in den Augen des Autors wichtige Aspekte des Jahres 2008 zu lenken und so zum Nach- und Weiterdenken und zur Diskussion einzuladen.

Von Patrick Grete


Wie in jedem Jahr kann man beim Rückblick eine gehörige Portion Ironie des Lebens entdecken. Sie wissen zum Beispiel, dass 2008 das „Jahr der Mathematik“ war. Dazu gab es viele interessante Veranstaltungen, Artikel und Bücher, die zeigten, was Mathematik nicht alles umfasst. Aber wenn man auch nur beim Profansten der Mathematik bleibt, nämlich dem Rechnen, erkennt man, dass in diesem Jahr doch einiges schief lief. So wurde der so genannte „Gesundheitsfond“ auf den Weg gebracht; offenbar ein Lieblingsprojekt der Gesundheitsministerin, und es gab nicht Wenige, die nachrechneten und sagten, dass er nichts verbessern, aber alles teurer machen werde. Natürlich wurden mathematischen Rechnungen von der Politik der übliche Argwohn entgegengebracht. Einfache Aussagen wie diese scheinen nicht sehr beliebt zu sein, kann man sie doch nicht in politisches Kapital umsetzen, da man damit höchstens kundtun kann, dass man Rechnen kann. Entsprechend wurden diese Rechnungen von verantwortlicher Seite als unzutreffend abgetan – und was ist nun? Ab 2009 wird es einen einheitlichen Kassensatz geben, der für knapp 90% der Beitragszahler eine Erhöhung sein wird. So ein Rechenfehler im Jahr der Mathematik ist schon nicht ganz frei von Ironie, aber komisch ist er nicht, und lachen möchte man darüber auch nicht.

Aber die Krankenkassenbeiträge sind ja nicht das Einzige, wo man sich verrechnet hat. Schauen wir auf das scheinbar größte Thema, die „Finanzmarktkrise“. In den Jahren zuvor wurde häufiger über die PISA-Studien gesprochen, bei denen unsere Schüler vor allem in Mathematik und Naturwissenschaften schlecht abschnitten. Das war sehr schlimm und löste Bedauern und Unverständnis aus. Wie kann man nur bei einem simplen Dreisatz oder der Prozentrechnung scheitern? Ja, unsere Schüler sahen da nicht sehr gut aus. Man müsste mal genauer hinein schauen, aber ich würde wetten, dass sich unsere Schüler nicht um einige Milliarden verrechnet haben. Aber unsere Bankmanager, vor allem die in den Landesbanken, wobei die bayrische Landesbank sich besonders hervor tat; Menschen, die auf kompetenten Nachwuchs angewiesen sind und die sich vorher gewiss über die fehlenden mathematischen Fähigkeiten des Nachwuchses beschwert haben, übersahen Schulden in Milliardenhöhe. Quasi über Nacht tauchten neue schwarze Löcher in den Bilanzen auf. Damit hat ja keiner rechnen können…. Was hätte man eigentlich mit den Schülern gemacht, die in den PISA-Aufgaben plötzlich um Milliarden daneben gelegen hätten? Sicherlich hätte man sie zum Schulpsychologen geschickt, da man dahinter irgendein schwereres Trauma vermutet hätte. Nicht so bei den Bankenchefs; diese entlässt man nur mit Pensionszahlungen von 10000 Euro pro Monat. Naja, einige Globalisierungskritiker vermuteten, dass diese Manager ein Trauma durch marktradikale Ideologien davongetragen haben; Gier und fehlende Vernunft sind dafür zumindest ein eindeutiges Indiz; die Frage ist nur: Wo ist der entsprechende Schulpsychologe? Im Jahr der Mathematik, wo überall die Wichtigkeit der Mathematik betont wurde und mit diversen Aktionen versucht wurde, den Nachwuchs für Mathematik zu begeistern, im Jahr 2008, wo die neuen PISA-Studien zeigten, dass unsere Schüler wieder besser in Mathematik und Naturwissenschaften abschneiden, in diesem Jahr „verrechnen“ sich so viele hochrangige Menschen aus Bankenwirtschaft und Politik: wenn das keine Pointe ist.

Dem mathematisch begabteren Leser wird sicherlich die Bürgschaft der Bundesregierung für alle Sparguthaben von 2008 in Erinnerung bleiben, was ein weiteres Beispiel dafür ist, dass es in der Wirtschaft viel mehr um Psychologie als um Vernunft geht: Da „sichert“ eine Bundesregierung alle Sparguthaben ab, falls die Banken bankrott gehen. Eine Bürgschaft, die einen Umfang von einigen Bundeshaushalten hat. Anders ausgedrückt: Es ist eine leere Bürgschaft, da der Staat gar nicht über die entsprechenden Mittel verfügt. Ziel der Aktion war, die Bürger daran zu hindern, zur Bank zu gehen und ihr Erspartes abzuholen. Offensichtlich waren die Bürger beruhigt, dass ihr Geld nicht durch einen Bankrott der Banken verloren gehen konnte, sondern nur noch durch erhöhte Abgaben und Steuern in Folge der Bürgschaft des Staates für die Sparguthaben. Es ist nicht so, dass dieses Geld wirklich in Form von Abgaben sofort verfügbar gewesen wäre, ist die Bürgschaft doch größer als mehrere Bundeshaushalte; dieses Geld hätte sich der Staat von den Banken geliehen, die vorher die Spareinlagen verzockt hätten, obwohl diese Banken es vorher nicht hatten, denn sonst hätte ja die Bundesregierung nicht einspringen müssen… Die Pointe hier ist nun, dass es trotz dieser seltsamen Konstruktion funktionierte.

Aber wir sind in diesem Jahr tiefer in die Mathematik eingestiegen und wissen, dass sie Axiome besitzt, also Aussagen, die man an den Anfang und für wahr setzt und daraus das gesamte Gebäude der Mathematik aufbaut. Diese Axiome sind wichtig, und es ist gut, auch über die Axiome zu reflektieren, da sich alles ändert, wenn man die Axiome ändert. Außerhalb der Mathematik nennt man Axiome anders; man nennt sie eher „Prämissen“. Das klingt weniger „hochtrabend“ und meistens sind sie auch weniger durchdacht. Axiome hingegen sind sorgfältig durchdacht, es wird auf Widerspruchsfreiheit geachtet. Prämissen hingegen wirken häufig weniger gut ausgearbeitet und bedürfen daher eigentlich noch viel mehr der Reflexion. In der Mathematik nutzt man axiomatische Systeme als Werkzeug, um die Menge des mathematischen Wissens zu strukturieren. Außerhalb der Mathematik vergisst man häufig die Eigenschaft der Prämissen, nur „Mittel zum Zweck“ zu sein. So verkommen diese Werkzeuge, die eigentlich das Denken „strukturieren“ sollen, zu Ideologien (und hindern einen nun am Weiterdenken), die plötzlich einen „Wert an sich“ besitzen zu scheinen und verteidigt werden, bis zur großen Aporie.

Genau eine solche Aporie scheint durch die Krise an den Finanzmärkten passiert zu sein. Wenn man ein Jahr nicht da gewesen wäre, könnte man sich nur verdutzt die Augen reiben. Alle reden plötzlich von „Konjunkturprogrammen“, und selbst „Verstaatlichung“ ist kein Unwort mehr. Wer hätte denn vor einem Jahr darauf gewettet, dass der „Rat der Wirtschaftsweisen“ selbst ein Konjunkturprogramm fordert und die Bundesregierung für ihres deshalb kritisiert, weil es zu klein ist? Auf einmal darf man auch in der Öffentlichkeit von „Systemkrise“ sprechen, ohne ausgelacht zu werden, ja es scheint so, als wenn nur noch von „Rezession“, „Depression“, „Kollaps“ und „Krise“ gesprochen wird, und sich die bisherigen Protagonisten des Standpunktes „Globalisierung und freie Marktkräfte regeln alles zum Besten für Alle“ in ihren Horrorszenarien überbieten wollen, wie die Teilnehmer bei einem Casting. Auch darüber kann man sich eigentlich nur wundern, sind es doch die gleichen Personen, die vorher den Marktradikalismus verteidigt haben, der diese Krise doch erst hervorgebracht hat.

Haben diese Leute, die jahrelang einen Marktradikalismus vertreten haben, es die ganze Zeit gewusst, dass sie lügen und das System vor die Wand fährt, und haben sie es nur nicht gesagt, weil sie Gewinne machen wollten? Oder sind sie in den letzten Monaten zur Einsicht gekommen, vom „Saulus zum Paulus“ wie Deutsche Bankchef J. Ackermann es vor kurzem selbst sagte und blicken deshalb alle so düster in die Zukunft? Haben Sie recht mit ihren düsteren Prognosen? Das ist eine sehr schwierige Frage, und ich maße mir nicht an, sie zu beantworten. Ich möchte nur auf einen psychologischen Aspekt hinweisen: was passiert, wenn man jahrelang einer Ideologie nachgelaufen ist und mit ihr die Welt gedeutet und Prognosen gemacht hat und man plötzlich merkt, dass diese Ideologie grundlegend falsch ist? Es lohnt dafür auf die Arbeit von Psychologen zu schauen, die Sektenaussteiger betreuen. Diese Aussteiger fühlen sich völlig ohne Halt, so als hätte man ihnen den Boden unter den Füßen weggezogen. Alles ist nun bedrohlich, weil unbekannt, und sie können nicht mal mehr überblicken, wie der nächste Tag sein wird. Aus dieser Angst, nicht weiter zu wissen, weil alles unbekannt ist und so vieles falsch war, woran man so lange glaubte, folgen dann düstere Aussichten für die Zukunft. Es ist, psychologisch gesprochen, eine Projektion der inneren Angst nach Außen. Ohne Betreuung haben viele dieser Aussteiger suizidale Gedanken. Wäre es, gemessen an dem radikalen Bruch mit alten Denkschemata, der durch die Krise ausgelöst worden ist, nicht denkbar, dass hier ähnliche Mechanismen am Werk sind? Sollten wir nicht mindestens einen Teil der Schwarzmalerei als Ausdruck einer Katharsis von der alten Ideologie verstehen?

Wenn wir dies tun, so stellt sich die Frage, wer unser Psychologe ist, der uns betreut? Keinen zu haben wäre sehr schlimm, denn auch solche Sektenaussteiger brauchen Betreuung, um den Ausstieg zu schaffen. Ich sehe bei dieser Frage die Armada der Apokalyptologen „HIER“ schreien, die uns doch schon seit Jahren vom Ende dieses Systems verkünden und nun Oberwasser wittern. Schließlich haben Sie uns die Krise lange vorhergesagt und hatten Recht damit… Entsprechend sollen wir nun Marx oder sonstwen lesen und uns vertrauensvoll diesen Führern hingeben. Eine normale Reaktion auf dieses Szenario wäre ein Unwohlsein in der Magengegend oder Schmerzen im Kopf, denn hatten diese Apokalyptologen wirklich recht? Oder haben sie nicht eher seit Jahrzehnten zwar das Ende vorhergesagt (ohne dass es eingetreten ist) und haben nun in dem Sinne „recht“ wie ein Wahrsager, der mir meinen Tod vorhersagt? Irgendwann wird er recht haben, aber das deutet nicht auf seine große prognostische Fähigkeit hin. Denn wir haben zwar eine große Krise, viele Banken, Fonds und Firmen sind bankrott gegangen oder müssen massiv gestützt werden, aber es ist nicht alles zusammengebrochen, sondern die Regierungen finden zusammen, bilden neue Einheiten und gehen die Krise an. So gibt es nun z.B. die „G-20“, in der auch Staaten wie Russland, Brasilien, Indien und China Mitglied sind, und die in den vergangenen Jahrzehnten nicht unsere Ideologisierung erlitten haben. Denen ist z.B. Kondratieff noch ein Begriff, und sie haben ein weit größeres Repertoire an Werkzeugen, um sich in der Wirtschaft zurecht zu finden als wir, die wir in den letzten Jahrzehnten im Wesentlichen eine Zurückdrängung der sozialen Marktwirtschaft und ein Aufleben von lassez-faire Marktradikalismus erlebt haben. Mit diesen Ländern zusammen können wir es schaffen, aus der Krise heraus zu kommen. Dies ist nicht zuletzt deshalb wahrscheinlich, weil diese Länder es nicht einsehen werden, ihren Aufstieg nur deswegen wieder zerfallen zu sehen, weil „der Westen“ so viele Fehler angestellt hat.

Es lohnt sich aber auch noch einmal genauer zu fragen, wie tief die angedeutete Aporie wirklich geht, wenn man einmal von der Schwarzmalerei und dem Ausmalen von Horrorszenarien abstrahiert, was wohl nur vortäuschen soll, dass diese Aporie so umfassend ist. Dass zumindest in der Ausbildung von Wirtschaftsfachleuten etwas Grundlegendes fehlt, führte uns Dietrich Sperling in seinem Aufsatz vor Augen. Aber gehen wir weiter und fragen wir zum Beispiel danach, welche Ethik in der Wirtschaft herrscht. Noch immer ist es nämlich so, dass sich die Wirtschaft als „wertfrei“ betrachtet und über Ethik nicht zu reden braucht. Ach wirklich? Noch immer sehen wir hier also beharrliche Überreste des alten Systems. Man kann sich fragen, wieso die Wirtschaftswissenschaft eigentlich eine wertfreie Wissenschaft sein sollte. „Wirtschaften“ tun doch Menschen und nicht irgendwelche anderen Entitäten. Diese Freiheit von Werten und Ethik war nicht immer die Grundlage der Wirtschaftswissenschaften. Noch zu Zeiten von Adam Smith mussten interessierte Studenten „Moral Sciences“ (Moralwissenschaften) studieren, um etwas über Wirtschaft zu lernen.

Welchen Zweck erfüllt also dieses System, in dem Dinge wie der „Markt“ mit seiner „unsichtbaren Hand“ so behandelt werden, wie wir Physiker vielleicht Elektronen und Atome behandeln (oder erfüllen wir einen Zweck für das System)? In erster Näherung an die Antwort könnte man sagen, dass man dadurch diese Dinge als gegeben hin nimmt und nur noch in ihren Eigenschaften erforscht, aber nicht gänzlich in Frage stellt. Dann braucht man auch keine Ethik mehr zu beachten, oder sollten wir auch über die Ethik von Atomen nachdenken? So oder so ähnlich verlaufen typische Argumentationsketten, aber (und das ist der springende Punkt) wenn es keine Menschen gäbe, dann gäbe es immer noch Atome, aber es gäbe keinen Markt. Auf dem Markt agieren Menschen, deren Handeln direkt die Ethik betrifft; das wird auch nicht dadurch aufgelöst, dass man den Markt als ein emergentes Phänomen, qualitativ über dem Handeln des Einzelnen, ansiedelt.

Hier sind neue Ideen von Nöten. Zu diesem Thema habe ich in diesem Jahr das interessante Buch von Karl Heinz Brodbeck „Buddhistische Wirtschaftsethik“ (LINK) gelesen. Buddhisten wehren sich dagegen, irgendetwas absolut zu setzen und weisen darauf hin, dass es immer Bedingungen zum Entstehen dieses scheinbar Absoluten gegeben hat, sowie es immer auch ein Werden gibt. Dieses Prinzip der gegenseitigen Bedingtheit nennen sie „das Prinzip der Leerheit“ (häufig genug als Nihilismus missverstanden). In diesem Buch wird das an Dingen wie „Markt“ oder „Geld“ durchdekliniert und gezeigt, welche Ethik und welches Menschenbild sich in unserem wirtschaftlichen Handeln zeigt. Aber nicht nur das: Wie immer, wenn es Tabuzonen gibt, über die man nicht nachdenken darf, um das System nicht zu gefährden; wann immer es (buddhistisch gesprochen) Illusionen gibt, an denen man haftet, entsteht Leid. Das sehen wir an vielen Stellen. Geht es Aktiengesellschaften doch vornehmlich darum, am Markt zu überleben und den Shareholdern eine ordentliche Dividende auszuschütten. Geht es doch den Managern vornehmlich darum, für steigende Aktienpreise zu sorgen, um für sich eine ordentliche Bonuszahlung heraus zu holen. Dass dies alles kurzfristig gedacht ist und langfristig nicht trägt, wird zwar gesehen, ebenso wie man sieht, dass Menschen sich in diesem System kaputt arbeiten bzw. ganze Volkswirtschaften (s. Afrika) daran zu Grunde gehen, aber es werden keine weitergehenden Schlüsse daraus gezogen. Im Rahmen der buddhistischen Wirtschaftsethik wird dieses entstehende Leid auf die Illusionen, nämlich die Absolutsetzung von Markt u.ä. Entitäten zurückgeführt. Ein faszinierender Gedanke, führt er doch dazu, sich die eigenen blinden Flecken unseres wirtschaftlichen Systems vor Augen zu führen und zu durchdenken. Dafür muss man natürlich kein Buddhist sein. Den Mut, sich der eigenen Vernunft zu bedienen, hat uns schon die Aufklärung gebracht, ebenso der – durchaus mit Schwächen behaftete — Neokantianismus, der interessanterweise von vielen jüdischen Denkern getragen wurde. In diesem Jahr forderte uns Frau Prof. Goodman-Thau dazu auf, uns der jüdischen Wurzeln in unserer europäischen Geistesgeschichte „nach vorne gewandt zu erinnern“. Wirtschaftsethik und das Hinterfragen von absolut gesetzten Dingen in der Wirtschaft sind ein durchaus fruchtbares Feld für diese Form von Erinnerung.

Gemessen an diesen Andeutungen; geht die all über all bezeugte Aporie wirklich so weit, dass wir diese oder ähnliche Fragen stellen? Ist sie wirklich so tief oder bleiben blinde Flecken, die wir nur nicht entdecken? Oder halten wir ethische Fragen weiterhin für nicht so relevant, da Wirtschaft im Kern eine wertfreie Wissenschaft ist?

Offensichtlich geht der Bruch nicht so tief, denn wir entdecken dieses Marktdenken noch an vielen anderen Stellen. Zum Beispiel in unserer Hochschulbildung, wo man einen weltweit anerkannten Diplom-Abschluss durch das Bachelor/Master-System ersetzt hat. Dabei wurde erreicht, dass es nun immer mehr Schein- bzw. Punktestudenten gibt; lesen sich doch viele dieser Studienordnungen wie die Komplettlösung von Adventure-Computer-Spielen: An dem und dem Ort können diese Creditpoints erreicht werden, die einem erlauben, die Veranstaltung XY zu besuchen, wo man genügend Punkte sammeln kann, um dann gegen den „Endgegner“ zu bestehen, der eine Prüfung des Wissens verlangt…. Das Studium wird (im neuen „Marketing-Sprech“) mehr „Outcome-Oriented“; Studenten entscheiden nach Marktlage, welchen Highscore sie in welcher Rekordzeit knacken wollen, welche Spezialisierung sie dabei machen wollen, welche „Soft-Skills“ sie sich aneignen wollen und wie sie diese „Stand-Alone-Features“ meistbietend verkaufen können. Das Ideal, dass es beim Studium um den Menschen geht, den es in all seinen Fähigkeiten und guten Charakterzügen zu fördern gilt, und dass man dafür die Universität (die Verschiedenheiten (versitas) unter einem (Uni) Dach) braucht, wird damit weiter ausgehöhlt.

Wir scheinen noch nicht soweit zu sein, die Absolutheit von Entitäten außerhalb des Menschen (wie der Markt) aufgeben zu wollen und einzusehen, dass diese unsere Schöpfung sind. Damit geben wir ein Werturteil ab und zeigen unser Menschenbild; es ist das eines Menschen, der sich verkaufen soll, für den Mildtätigkeit eine soziale Prothese ist, will er doch alles für sich alleine haben und denkt an andere höchstens in dem Sinne, was sie für ihn für einen Nutzen bringen. Damit nicht auffällt, dass diese Werturteile von einem Menschen kommen, hat man sich die „unsichtbare Hand des Marktes“ ausgedacht, die natürlich nicht von Menschen geschaffen wurde und deshalb auch nicht durch den Menschen reflektiert oder gar beeinflusst werden soll, da dies alles schlimmer macht und in etwa so sinnvoll ist, wie gegen das Gravitationsgesetz zu sein.

Wie gesagt: Alles was existiert, existiert durch Bedingungen, die es hervorbrachten. Es ist damit dem Wandel unterworfen, was man auch nicht dadurch verhindert, dass man es absolut setzt. Man zeigt damit nur, wie wichtig man es selbst findet; es ist damit nicht zuletzt ein Werturteil. Geht die Krise 2008 wirklich so tief, dass wir solche Fragen stellen und uns von den Illusionen, die diese Krise hervorgebracht hat, verabschiedet haben?

Nicht nur in der Bildung findet man dieses Marktdenken, sondern z.B. auch in der Religion. So erschien in diesem Jahr im ansonsten lesenswerten GEOkompakt „Glaube und Religion“ (LINK) ein Beitrag des Theologen an der LMU München, Friedrich Wilhelm Graf, in Form von mehreren Thesen. Eine These lautete:

„Im globalen Kapitalismus müssen Gott, die Götter und der Glaube vermarktet werden.“ Er führt das auch weiter aus: „Man spricht nun von Religionsmärkten, auf denen konkurrierende Akteure ihre Heilsprodukte und Erlösungsideen den Sinn suchenden Konsumenten anpreisen. […] Alle Glaubensanbieter müssen fortwährend darauf achten, besonders kundennahe, die Menschen überzeugende, begeisternde religiöse Dienstleistungen zu erbringen. Angebot erzeugt Nachfrage, Konkurrenz belebt das Geschäft – auch das Glaubensgeschäft.“

Wenn schon ein offizieller Theologe eine solche spirituelle Bankrotterklärung abgibt und sich ganz dem Marktdenken unterordnet, wie kann man da auch nur zu hoffen wagen, dass es tatsächlich ein umfassendes Umdenken und eine Loslösung von den alten Denkschemata des Marktradikalismus durch diese Krise schon gegeben habe? Es ist vielmehr so, dass wir sie einfordern müssen und bei uns selbst mit der Veränderung zu beginnen haben. Bedarf es nicht dringend des Umdenkens, z.B bei solchen Theologen, aber auch den ersten Datenskandalen und Call-Centern, die ihre entnervten Kunden fragen, bei welchem „Religionsanbieter“ sie sich befinden, und ob man nicht für eine leicht erhöhte Abgabe auch noch die Sündenflatrate für eine Lüge am Tag buchen möchte? Im Bereich des Datenschutzes haben solche Skandale bei Lidl, Telekom und Co in diesem Jahr zumindest gesetzgeberische Früchte getragen.

Vielleicht ist das alles zu viel verlangt; immerhin ist es doch unglaublich schwer, sich von alten Denkschemata zu lösen. Zu groß ist die Gefahr, doch wieder zurück zu fallen. Auch dazu gab es in diesem Jahr genügend Anschauungsmaterial, z.B. beim Georgienkrieg. Mittlerweile ist klar, dass Georgien der Aggressor war und Russland reagiert hat. Danach folgte eine russische Überreaktion, die in die hektische Anerkennung der beiden Provinzen Abchasien und Süd-Ossetien mündete. Während des Krieges konnte man dies öffentlich nicht so sagen. Dort sprach man plötzlich von „sowjetischen“ Aggressionen, vom „neuen Kalten Krieg“, dass Georgien in die NATO müsse, um es zu schützen usw. Dass es schon lange keine Sowjet-Union mehr gibt, sondern nur noch Russland, ist der Hinweis auf den Rückfall in die alten Denkschemata des kalten Krieges. Leute aus meiner Generation, die wir den kalten Krieg nur aus den Geschichtsbüchern kennen, konnten mit diesen Begrifflichkeiten nichts anfangen. Wir wunderten uns nur, warum man nach der Annäherung und Kooperation an Russland (Petersburger Dialog, etc.) scheinbar einen neuen Krieg in Kauf nähme, wenn nämlich im Falle der NATO-Mitgliedschaft Georgiens der „Bündnisfall“ einträte. Überwunden haben wir die Angst vor Russland scheinbar nicht und provozieren auch gezielt, etwa durch das Raketenabwehrprogramm, das sich ja eigentlich nur gegen den Iran richten soll. Mittlerweile wird von europäischen Abgeordneten ganz offen gesagt, dass man für dieses Programm ist, weil man ja nicht wisse, was man von Russland halten solle; Abwehr gegen den Iran spielt nur noch eine untergeordnete Rolle, und war wohl nie wirklich das Ziel. Wir berichteten verschiedentlich darüber; nicht nur in diesem Jahr. Wir sehen hier, wie schwer es uns fällt, uns von Denkschemata zu lösen, die in feste Begrifflichkeiten gegossen sind.

Wie sehr wir an Worten kleben, konnten wir in diesem Jahr beim Thema Afghanistan-Einsatz sehen. Gemeint ist die unsägliche Debatte, ob es sich bei dem Einsatz dort um einen „Kampfeinsatz“ oder einen „Krieg“ handelt oder eben nicht. Jeder, der dort Dienst versieht oder entsprechende Leute kennt, wird diese Frage, ob dort Krieg herrscht, absurd finden, und man könnte sie vielleicht auch einfach als typisch deutsch abtun oder kurz über dieses Theater lachen. Aber wie so oft haben solche Debatten um des Kaisers neue Kleider konkrete Auswirkungen. So scheuen wir uns davor, für unseren Einsatz in Afghanistan den entsprechenden Respekt im Verteidigungsbündnis zu verlangen und lassen es uns gefallen, wenn man uns vorwirft, dass wir Deutschen ja nur im „friedlicheren Norden“ ein „bewaffnetes Technisches Hilfswerk“ sind und Angst vor dem „echten Krieg“ im Süden haben. Die Erkenntnis, dass überall in Afghanistan Krieg ist und überall die Taliban auf dem Vormarsch ist, würde diese verbale Attacken als das politische Machtspiel entlarven, das es eigentlich ist. Es geht darum, wer wie viel in diesem Krieg bezahlt, und andere Länder wollen unsere Weigerung, den Krieg in Afghanistan als solchen anzuerkennen, ausnutzen, um daraus Vorteile zu ziehen. Dies ändert sich auf der politische Ebene nur langsam. Die Benennung von getöteten Soldaten als „Gefallene“ durch den Verteidigungsminister Jung auf einer Trauerfeier dieses Jahr zeigt, dass dort diese neue Erkenntnis wächst, aber man möchte sie aus der öffentlichen Diskussion heraus halten, indem man z.B. das Mandat für Afghanistan um 14 statt um 12 Monate und damit über die nächste Bundestagswahl hinaus verlängerte. Ob dieser Schachzug, der auch in den Medien einfach so hingenommen wurde, wirklich so funktionieren wird, werden wir 2009 noch sehen.

Das, was man sieht und wahrnimmt, hat immer auch mit der eigenen Perspektive zu tun. Auch dazu konnten wir in diesem Jahr einiges lernen, z.B. anhand der olympischen Spiele in China. China ist ein weiteres Land, vor dem viele Ängste geschürt werden; wir sind es scheinbar noch nicht gewohnt, eine multipolare Welt zu deuten oder in solchen Systemen zu denken. Da wäre zum Beispiel das Thema Menschenrechte und Pressefreiheit, die wir in China nur all zu oft vermissen. Da ist noch einiges zu tun. Wir regen uns zum Beispiel darüber auf, dass es in China keine Life-Berichterstattung zu diesem Sportereignis gab. Alles war ca. 4 Sekunden verzögert, damit die Zensoren der Regierung bei spontanen Aktionen irgendwelcher Aktivisten sofort wegschalten können, bevor jemand am Fernseher etwas davon mitbekommt. Soweit, so wenig Pressefreiheit. Wissen Sie, in welchem Land es aber auch keine Life-Sendungen mehr z.B. von Sportveranstaltungen gibt? In den USA, genauer gesagt, zur Halbzeitshow beim Superbowl, weil nämlich dort 2004 in einer Show der Musikerin Janet Jackson eine nackte Brust enthüllt wurde, und diese 0,9 Sekunden zu sehen war. Es gab ein riesiges Aufheben um diese kurze Szene; es wurden sogar Klagen eingereicht, weil dies angeblich absichtlich passiert sei. Ein ungeheuerlicher Vorwurf in der Welt des Showbusiness, der wirklich länger diskutiert wurde…Diese Verfahren wurden in diesem Jahr eingestellt, aber der amerikanische Kongress votierte vorher für erhöhte Strafzahlungen für „unsittliches TV“ (LINK). Es scheint sich wohl um einen Fall von nationalem Interesse zu handeln, wenn der Kongress der USA mitten in der größten Rezession und Wirtschaftskrise Zeit für diese eminent wichtige Sekunde im Fernsehen hat, in der eine nackte Brust zu sehen war. Soviel zum Thema Zensur und unseren verschiedenen Wahrnehmungen von ein und derselben Maßnahme, nämlich keine Lifesendungen mehr zu senden.

Vielleicht ist es aber angebracht, größere (wirkliche) Veränderungen auch auf größeren Zeitskalen zu suchen und dort wirklich zu entdecken. „Change“, das war der Wahlslogan des ersten gewählten US-Präsidentschaftskandidaten mit afro-amerikanischen Wurzeln. Vor vierzig Jahren wurde der große Bürgerrechtler Dr. Martin Luther King getötet, der „einen Traum hatte“, dass nämlich seine Enkel nicht nach ihrer Hautfarbe (das Wort „Rasse“ ist aus rein biologischen Gründen übrigens Unsinn!), sondern nach ihren Taten beurteilt werden. Genau für diesen Traum wurde er getötet. Seine Enkel erlebten 2008, wie Barack Obama gewann, und dass obwohl von republikanischer Seite alles versucht wurde, Obama zu diskreditieren: Es wurde auf seinen zweiten Vornamen „Hussein“ hingewiesen, der ihn zum Moslem und Terroristen machen sollte (letzteres wurde auch völlig schlüssig aus der phonetischen Ähnlichkeit von „Obama“ und „Osama“ hergeleitet…), es wurde auf seine Hautfarbe hingewiesen, ja es wurde sogar eine republikanische Vizepräsidentschaftskanditatin aufgestellt, die tief aus dem „Bibelgürtel“ der USA stammt. Sie demonstrierte ihren „festen Glauben“ öffentlich durch die Behauptung, vor 6000 Jahren hätten Menschen und Dinosaurier deswegen gemeinsam auf der Erde gelebt, weil sie kurz vorher von Gott in sieben Tagen geschaffen worden seien. All das nützte aber nichts. Obama wurde mit großer Mehrheit gewählt und markiert damit einen weiteren Schritt hin zu einer echten Gleichbehandlung von Menschen verschiedener Hautfarben in den USA. In der Tat, ein wichtiger Wandel, der aber (da sollte man ehrlich sein) nicht so plötzlich kam, sondern viele Vorstufen in den letzten 40 Jahren hatte. Nicht zuletzt gab es in der Bush-Administration die bisher meisten Minister mit schwarzer Hautfarbe.

Ein weiteres wichtiges rundes Jubiläum war in diesem Jahr die Einführung des Frauenwahlrechtes vor 90 Jahren in Deutschland (LINK). Wie sehr hier der Wandel uns schon in Fleisch und Blut übergegangen ist, kann man an den „Erklärungsnöten“ heutiger junger Erwachsener sehen, wenn sie von diesem Jubiläum erfahren, geraten sie doch wirklich in Schwierigkeiten Gründe aufzuzählen, warum Frauen nicht an der Politik teilhaben sollten. Gewiss, bis zur ersten Bundeskanzlerin hat es noch 87 Jahre gedauert, aber der wirkliche Wandel in diesem Punkt ist mehr als deutlich.

Zum Thema Wandel und Veränderung passt auch ein runder Geburtstag eines großen Wissenschaftlers. Vor 150 Jahren wurde der Physiker Max Planck geboren. Er ist einer der Mitbegründer der Quantentheorie. Was damals mit einem theoretischen Konstrukt begann, nämlich der Vorstellung, dass Strahlung nur in einzelnen Paketen abgegeben werden kann, hat inzwischen ein ganzes Weltbild umgestoßen, müssen wir doch eingestehen, dass die Welt auf atomarer Ebene nicht klassisch-deterministisch ist, sondern Wahrscheinlichkeitsgesetzen unterliegt und damit nur im Mittel, nicht aber im Einzelfall festgelegt ist. Wie sehr dies unser physikalisches Weltbild durcheinander bringt (oder besser zertrümmert), ist vielen noch gar nicht so klar. Gleichzeitig freuen wir uns aber über die technischen Folgen aus dieser Theorie. Sei es der Computer, mit dem sie diesen Text lesen, der CD-Spieler für ihre Musik oder die Energiesparlampe, die nach jetzigem politischen Willen die Glühbirne ablösen soll. Nun muss man die Quantentheorie nicht verstehen, um diese Dinge zu benutzen, und so wird es noch eine Weile dauern, bis wir die Implikationen dieser Theorie in unser Weltbild eingebaut haben werden.

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