„Aktive Konjunkturpolitik“ in der Weltwirtschaftskrise

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woytinsky_monfarbe.jpgWer hätte das gedacht? In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung konnte man im Februar 2009 in täglichen Fortsetzungen John Maynard M. Keynes’ Rundfunkansprachen aus dem Jahre 1932 – dem Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise – lesen. In seinen BBC-Ansprachen wollte Keynes die Engländer und ihre Regierung von den Vorzügen einer aktiven Konjunkturpolitik zur Überwindung der Depression überzeugen. Zur gleichen Zeit wurde auch in Deutschland eine ähnliche wirtschaftspolitische Debatte geführt. Vor allem der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) unter Federführung seines „Chefökonomen“ Woytinsky setzte sich für ein wohldurchdachtes Arbeitsbeschaffungsprogramm ein. Ein Rückblick auf die wirtschaftspolitische Debatte im Deutschland der Jahre 1930-33 kann in der aktuellen Krise wichtige Einsichten gewähren.

Von Gabriele Liebig


„Aktive Konjunkturpolitik“ in der Weltwirtschaftskrise

Die Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre und die damit einhergehende Massenarbeitslosigkeit waren die treibenden Faktoren, die zur Zerstörung der Weimarer Republik und zur Machtübernahme der Nationalsozialisten führten. Bis heute ist es wenig bekannt, dass in Deutschland eine Minderheit weitsichtiger Ökonomen unter den drei aufeinanderfolgenden Regierungen Brüning, von Papen und von Schleicher sehr vernünftige und umsetzbare Konzepte zur Überwindung der Depression vorgelegt hatten: Ein umfassendes öffentliches Arbeitsbeschaffungsprogramm sollte als Initialzündung wirken, um den Wirtschaftsmotor wieder in Gang zu bringen.

Zu den wirtschaftspolitischen „Reformern“ gehörten Wirtschaftswissenschaftler, Gewerkschafter und Industrielle, hohe Regierungsbeamte und auch Bankiers. Eine herausragende Rolle spielte der Gewerkschaftsdachverband ADGB, der mit 8 Mio. Mitgliedern die größte Massenorganisation in Deutschland war und 80% der organisierten Arbeiterschaft vertrat. Aber die Bedeutung des ADGB beschränkte sich nicht auf die Unterstützung der Arbeitsbeschaffungspolitik der „Reformer“ – der ADGB hatte das Programm auch inhaltlich wesentlich bestimmt. Der führende Kopf dabei war Wladimir Woytinsky.

Woytinsky war 1922 als Emigrant aus Russland nach Deutschland gekommen. Der Sohn eines jüdischen Mathematikprofessors aus St. Petersburg hatte an der „Revolution von 1905“ aktiv teilgenommen, 1917 aber Widerstand gegen Lenins Machtergreifung geleistet. 1929 übernahm er die Leitung der „Statistischen Abteilung“ des ADGB (s. dazu „Wladimir Woytinsky: Der Ökonom, der aus der Kälte kam“ unter diesem Artikel).

Kampf gegen den „Abbauwahn“

Am Anfang des Anti-Krisen-Konzepts von Woytinsky und der anderen „Reformer“ stand die Erkenntnis, dass die Deflationspolitik der Regierung Brüning die Depression nur weiter verschlimmern musste. 1930, als sich die deflationäre Schrumpfung der Weltwirtschaft bereits deutlich abzeichnete, wurde Woytinsky vom ADGB-Chef Theodor Leipart beauftragt, sich schwerpunktmäßig mit dem Arbeitslosenproblem zu befassen. Bald danach veröffentlichten mehrere Gewerkschaftszeitschriften einen Artikel Woytinskys mit dem Titel „Die Flut des wirtschaftlichen Wahnsinns“. Darin zog er gegen die von Reichskanzler Brüning und der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft betriebene Politik des Preis- und Lohndumpings zu Felde.[1]

In einer ganzen Reihe von Schriften und einem 1931 erschienenen Buch[2] erläuterte Woytinsky, dass sich die Weltwirtschaftskrise von früheren Konjunkturkrisen wesentlich unterscheide. Bei dieser Krise versage der „kapitalistische Automatismus“, sie lasse sich durch Kosten- und Preissenkungen nicht wieder umkehren. Auch protektionistische Abschottungsmaßnahmen verschlimmerten den Schrumpfungsprozess noch. Der deflationären Abwärtsspirale sei nur durch antideflationistische Maßnahmen zur zusätzlichen Kaufkraftschöpfung beizukommen, die international koordiniert werden müssten. Die zusätzliche Kaufkraft müsse produktiv eingesetzt, d. h. zur Schaffung neuer Arbeitsplätze in öffentlichen Investitionsprojekten.

Genau dies, so riet Woytinsky, müssten die Gewerkschaften in den Mittelpunkt ihrer Forderungen stellen, deren Eckpunkte das Ende des „Abbauwahns“ bei Löhnen und Sozialleistungen und ein durch zusätzliche Geldschöpfung finanziertes Arbeitsbeschaffungsprogramm sein müssten.

Am 9. März 1931 fand dazu eine Vorstandssitzung des ADGB statt, bei der sich sowohl der Vorsitzende der Holzarbeitergewerkschaft, Fritz Tarnow, wie der ADGB-Beauftragte für Arbeitsbeschaffung, Wilhelm Eggert, für ein internationales Programm gegen die Weltwirtschaftskrise aussprachen. Woytinsky erhielt grünes Licht für seinen richtungweisenden Artikel in der theoretischen Zeitschrift des ADGB Die Arbeit, der im Juni 1931 die öffentliche Debatte über die „aktive Weltwirtschaftspolitik“ des ADGB eröffnete. Woytinsky lieferte hiermit die Grundlage zu einer neuen Politik der Gewerkschaften – und der SPD, was letztere leider übel aufnahm. Wir wollen aus diesem 27 Seiten langen Artikel einige Passagen zitieren:

„Die Arbeiterorganisationen, die sich auf die selbstheilenden Kräfte der kapitalistischen Wirtschaftsordnung verlassen, sind der Gefahr ausgesetzt, dass sie langsam verbluten. Seit Jahr und Tag steht die Arbeiterschaft Deutschlands im schwierigen Abwehrkampf, je tiefer die Krise, um so ungünstiger werden die Bedingungen dieses Kampfes. Die Arbeiterorganisationen haben die Freiheit des Manövrierens verloren, sie können weder die Zeit noch den Gegenstand der Auseinandersetzung mit den Gegnern wählen. Sie sind gezwungen, jedesmal den Kampf aufzunehmen, wann und wo es der anderen Seite am besten passt.

Schließlich bleibt den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie keine andere Taktik übrig, als die des kleineren Übels… Die Taktik des kleineren Übels verwandelt sich allmählich in die Taktik der Galgenfrist.

Bis jetzt ist es der Partei und den Gewerkschaften gelungen, ihren Apparat aufrechtzuerhalten. Was erwartet sie aber und mit ihr die gesamte deutsche Arbeiterklasse, das gesamte deutsche Volk, wenn sie sich noch jahrelang in der gleichen Richtung wie in den letzten 12 Monaten bewegen müssten, wenn sie keine Besserung der Wirtschaftslage in nahe Aussicht stellen können?

Zielbewußte, tiefgreifende Maßnahmen zur Belebung der Wirtschaft waren nie notwendiger als in der heutigen Situation. Die Arbeiterbewegung braucht ein wirtschaftspolitisches Aktionsprogramm, das den Arbeitern wie auch anderen Volksschichten zeigt, dass die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften einen Ausweg aus der wirtschaftlichen Not sehen. Gegenwärtig haben wir kein wirtschaftspolitisches Aktionsprogramm. Wir haben eine Liste sozialer Forderungen, die wir nach bestem Wissen und Können durchzusetzen versuchen. Wir haben eine bestimmte Stellungnahme zu einzelnen Fragen der Wirtschaftspolitik. Ein Programm haben wir nicht!“

Ein solches Programm erfordere zuallererst eine „aktive Einstellung zu Problemen der Wirtschaftskonjunktur“. Woytinsky unterscheidet zwischen dem passiven, „meteorologischen“ und dem aktiven, „medizinischen“ Gesichtspunkt:

„In der modernen Konjunkturforschung, besonders in Deutschland, herrscht die passive, meteorologische Einstellung vor. Die Konjunkturvorgänge werden etwa so beobachtet, wie der Wetterdienst die meteorologischen Prozesse zu beobachten pflegt. Es werden Bulletins veröffentlicht, die es den Menschen ermöglichen, sich an den zu erwartenden Umschwung – des Wetters oder Konjunktur – anzupassen …

Es ist aber auch eine andere Einstellung den Konjunkturproblemen gegenüber denkbar – etwa dieselbe wie die der Medizin gegenüber dem menschlichen Organismus. Die Medizin stellt sich die Aufgabe, Krankheiten zu heilen, die aus ihnen entstehenden Leiden zu mildern, ihrer Verbreitung vorzubeugen. Warum könnte nicht die Konjunkturforschung sich von ähnlichen Zielen leiten lassen?…

Die aktive Einstellung gegenüber den Krisenerscheinungen entspricht unserer Auffassung, dass wir in einer Übergangszeit leben, die durch die Verwandlung der anarchistischen kapitalistischen Wirtschaft in eine höhere organisierte Wirtschaftsform gekennzeichnet wird.“

Wie könne man also der „verheerenden Wirkung der Krise“, insbesondere dem dramatischen Rückgang der industriellen Produktion, entgegenwirken:

„Zunächst muss man prüfen, ob die Kräfte, die gegenwärtig die wirtschaftliche Tätigkeit paralysieren, nicht aufgehoben werden können, ob es nicht möglich ist, Faktoren ins Leben zu rufen, die jeden Unternehmer zur Erweiterung der wirtschaftlichen Tätigkeit anreizen würden. Demnach muss man die Möglichkeit erforschen, die nicht ausreichende wirtschaftliche Initiative der Privatunternehmer durch die öffentliche Arbeitsbeschaffung zu ergänzen.“

Woytinsky beschreibt die ruinösen Wirkungen der Preisdeflation und entwickelt ein Konzept, das er auch in seinem Buch mit dem programmatischen Titel Internationale Hebung der Preise als Ausweg aus der Krise darlegte. Grundidee dabei ist eine zwischen den Nationen zu vereinbarende Kaufkraftsteigerung durch eine international koordinierte Herabsetzung der Golddeckungsvorschriften für die Währungen. Woytinsky zeigt, wie in der Vergangenheit der Auffindung neuer Goldvorkommen regelmäßig ein Konjunkturaufschwung folgte, und argumentiert, eine Herabsetzung der Mindestgolddeckung werde den gleichen Effekt haben. Zu dieser Auffassung sei auch der Goldausschuss des Völkerbundes in Genf bei seinem Sachverständigen-Gutachten gelangt. Eine Herabsetzung der Mindestdeckung bedeute praktisch eine entsprechende Geldneuschöpfung und hätte die gleiche Konjunktur belebende Wirkung wie etwa „eine zinslose ausländische Devisenanleihe …, die die Amerikaner der Reichsbank als Liebesgabe überweisen würden, vorausgesetzt allerdings, dass an diese Liebesgabe die Bedingung geknüpft wäre, das Geld für produktive Zwecke und nicht zur Defizitdeckung des Haushalts zu verwerten!“

Energisch wendet sich Woytinski gegen das Argument, die Herabsetzung der Golddeckung sei inflationär, was neben den „orthodoxen“ Ökonomen auch die SPD-Wirtschaftspolitiker Rudolf Hilferding und Fritz Naphtali behaupteten. Woytinsky schreibt:

„Im gewissem Sinne ist jede Kreditschöpfung, jede Aufnahme von Auslandsanleihen eine Inflation… Im üblichen Sprachgebrauch versteht man aber unter ,Inflation‘ einen bestimmten Zustand (oder Missstand) des Währungssystems, bei dem das Papiergeld sich von seinem Goldwert loslöst, die heimische Währungseinheit jedes feste Verhältnis zu den Währungseinheiten des Auslandes verliert und die Notenpresse die ordentliche Finanzverwaltung ersetzt. Was dies alles bedeutet, ist unserer Generation aus Erfahrung bekannt: ein Land, das eine Inflation großen Stils einmal durchgemacht hat, wird sich vor einer Währungspolitik hüten, die in einer neuen Inflation gipfelt.

Man braucht aber nicht viele Worte zu verlieren, um zu zeigen, dass die von den Genfer Sachverständigen empfohlene Währungs- und Kreditpolitik mit dem inflationistischen Wahnsinn der ersten Nachkriegsjahre nicht das geringste zu tun hat. Es handelt sich hier nämlich um eine reif durchdachte international vereinbarte und von vornherein scharf beschränkte Manipulierung mit einer zusätzlichen Geldmenge… Nun will man ihrer Auffassung die unheilvolle Erfahrung der Inflationszeit entgegenhalten. Mit ähnlichem Grund würde man bei der Behandlung einer schwierigen, lebensgefährlichen Krankheit ein Heilmittel nur deshalb von vornherein verwerfen, weil dieses ein Gift ist. Die Medizin zögert aber nicht, sich an die Gifte als Heilmittel zu wenden… Die Medizin, falls sie auf die Anwendung von giftigen Stoffen als Heilmittel verzichten müsste, würde zu derselben Hilflosigkeit verurteilt, wie eine Wirtschaftspolitik, die grundsätzlich alle antideflationistischen Maßnahmen ablehnt, weil sie vor der Inflation Furcht hat.“

Der Artikel in der Ausgabe der Arbeit vom Juni 1931 endet mit der Skizzierung eines „Aktionsprogramms für die Belebung der Wirtschaft“:

„Die währungspolitischen Maßnahmen müssen den Eckstein der Aktion bilden, und zwar nicht nur für die Arbeiterorganisationen allein, sondern für jede Partei und Regierung, die ernst an die Ankurbelung der Wirtschaft denken. Darin darf sich aber das wirtschaftspolitische Aktionsprogramm der Arbeiterbewegung nicht erschöpfen…

1. Die Arbeiterbewegung muss sich zu einer aktiven Konjunkturpolitik bekennen und ihren gesamten Einfluss in die Waagschale werfen, um den Staat und sämtliche öffentlichen Körperschaften zu Maßnahmen für die Belebung der Wirtschaft zu zwingen…

2. Die Politik einer Belebung der Wirtschaft muss sich in erster Linie mit der Weltwirtschaftskrise befassen, sie muss eine Weltwirtschaftspolitik sein. Sämtliche Völker leiden darunter, dass die Weltwirtschaft krank ist, sie müssen also ihre Kräfte auf eine gemeinsame Aktion für die Überwindung der Weltkrise konzentrieren.

3. Kein anderes Land ist … härter als Deutschland von der Weltkrise betroffen, und in Deutschland ist die Arbeiterschaft die Klasse, die am meisten unter der Wirtschaftsdepression leidet. Dementsprechend muss Deutschland die Initiative der tatkräftigen internationalen Politik zur Bekämpfung der Weltkrise ergreifen und die deutsche Arbeiterklasse (Gewerkschaften und Sozialdemokratie) muss für sich die Rolle des Trägers des Gedankens der aktiven Weltwirtschaftspolitik beanspruchen.

4. Die erste, die dringendste Aufgabe der Weltwirtschaftspolitik ist die Stabilisierung der Preise auf dem Weltmarkt, die nur von der Währungsseite her mittels planmäßiger Geldmittelschöpfung und Einschaltung zusätzlicher Kaufkraft erreicht werden kann…

5. Das internationale Übereinkommen über die Währungspolitik darf nicht isoliert von den übrigen Maßnahmen der internationalen Wirtschaftspolitik bleiben. Vielmehr muss es den alten Forderungen nach Zollabbau und wirtschaftlicher Vereinigung Europas sowie den Gedanken der Internationalisierung der Lohn- und Sozialpolitik neue Kraft verleihen.

6. Die durch die internationale Geldschöpfungspolitik freiwerdenden Mittel müssen für die Arbeitsbeschaffung, und zwar für die Verwirklichung eines großzügigen Planes des Wiederaufbaues Europas verwendet werden…

7. Die internationale Wirtschaftspolitik wird die Arbeiterschaft in ihrem Kampf um den Reallohn und die Arbeitszeitverkürzung (40-Stunden-Woche, Anm. d. Red.), die sozialen Rechte des Arbeitnehmertums, Kontrolle über die Kartelle, Ausbau der Staatsmonopole u.a.m. unterstützen. Zugleich muss auch die Agrarpolitik der Gewerkschaften und der Partei der Aufgabe der Entlastung des Arbeitsmarktes, Überwindung der heutigen Depression und Vorbeugung neuer Krisen angepasst werden. Es muss stärker als bisher die Notwendigkeit der Umstellung der Landwirtschaft auf die intensive Veredlungswirtschaft betont und ein diesem Zweck entsprechendes Programm der öffentlichen Arbeiten geschaffen werden…

Als Trägerin dieser Politik wird die Arbeiterklasse von den ihr aufgezwungenen Abwehrgefechten zu einer allgemeinen schöpferischen Offensive auf den geschichtlichen Weg der Überwindung der Fehler und Sünden der kapitalistischen Wirtschaftsführung übergehen.

Das ist es, was in ihrem Streben zur Wiederherstellung der Einheit der Arbeiterschaft die Gewerkschaften und die Partei dem Nationalsozialismus einerseits und dem Kommunismus andererseits entgegenstellen können.“[3]

Die „Reformer“-Debatte 1931

Die eigentlich wegweisende Debatte unter den verschiedenen Reformern über die Lösung der Wirtschaftskrise fand 1931 statt; 1932 hingegen, nachdem die Arbeitslosenzahl auf offiziell über 6 Millionen gestiegen war, gab es unzählige Arbeitsbeschaffungsprogramme von rechts bis links. Die Forderungen reichten vom Arbeitsverbot für ausländische Arbeitskräfte bis zum Vorschlag der KPD, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durch Streichung sämtlicher Ausgaben für Reichswehr und Polizei zu finanzieren.

Im Juni 1931 hatte Woytinsky mit dem zitierten Artikel in Die Arbeit die Debatte eröffnet. Im September 1931 veranstaltete die Friedrich-List-Gesellschaft eine nicht-öffentliche Konferenz zum Thema Konjunkturbelebung, an der 30 hochrangige Wirtschaftsexperten unterschiedlicher Ausrichtung (darunter Reichsbankpräsident Hans Luther und der SPD-Ökonom Rudolf Hilferding) teilnahmen. Vor diesem Kreis trug Wilhelm Lautenbach, Regierungsdirektor im Reichswirtschaftsministerium unter Kanzler Brüning, seine Denkschrift „Möglichkeiten einer Konjunkturbelebung durch Investition und Kreditausweitung“ vor.[4] Doch die Regierung Brüning und die Reichsbank weigerten sich, den „Lautenbach-Plan“ aufzugreifen.

Lautenbach beschrieb zunächst die negativen Auswirkungen der Deflationspolitik der Regierung, für die er selbst arbeitete:

„Die Kreditverknappung erzeugt große neue Kapitalverluste der einzelnen Unternehmungen in Handel und Industrie, macht sie leistungs- und kreditunfähig, zwingt zu Betriebseinschränkungen und Arbeiterentlassungen in allergrößtem Ausmaß und hat gleichzeitig eine Verschlechterung des Status der Banken zur Folge.“

Der natürliche Weg zur Überwindung von Krisen in der kapitalistischen Wirtschaft sei außerdem „nicht Einschränkung, sondern Leistungssteigerung“. Im Unterschied zu anderen Notständen nach Zerstörungen durch Kriege oder Erdbeben, bei denen sich durch den Wiederaufbau „konkrete Produktionsaufgaben“ stellten, gebe in der heutigen Krise der „Markt… keinerlei positive Direktiven, und so weiß kein Unternehmer, was er produzieren soll.“

„Denn wir haben ja gerade zur Zeit den paradoxen Zustand, dass trotz außerordentlich gedrosselter Produktion laufend die Nachfrage hinter dem Angebot zurückbleibt, und daher die Tendenz zu immer weitergehender Produktionsdrosselung. Wir haben also laufend Produktionsüberschüsse, mit denen wir nichts anzufangen wissen. Eine Verwertung für diese Produktionsüberschüsse zu finden, ist die eigentliche und dringendste Aufgabe der Wirtschaftspolitik, und sie ist im Prinzip verhältnismäßig einfach zu lösen: Warenüberschüsse, brachliegende Produktionsanlagen und brachliegende Arbeitskräfte können zur Deckung eines neuen volkswirtschaftlichen Bedarfs verwendet werden, und zwar eines Bedarfs, der volkswirtschaftlich eine Kapitalanlage darstellt. Hierbei ist an solche Aufgaben zu denken, wie… öffentliche oder mit öffentlicher Unterstützung durchgeführte Arbeiten, die für die Volkswirtschaft einen Wertzuwachs im Vermögen bedeuten und bei Wiederkehr normaler Verhältnisse ohnehin ausgeführt werden müssen (Straßenbau, erwünschte Verbesserungen und Ausbau bei der Reichsbahn u.ä.).“

Da „uns langfristiges Kapital weder auf dem ausländischen noch auf dem inländischen Kapitalmarkt zur Verfügung steht“, bleibe nur die Möglichkeit, solche Arbeiten durch bei der Reichsbank diskontierbare Wechsel zu finanzieren. Lautenbach schlägt ein Arbeitsbeschaffungsprogramm im Umfang von 1,5 Mrd. Reichsmark (RM) vor: 1,2 Mrd. für Eisenbahnbau und 300 Mio. für Straßenbau. Es sei „rationell und wirtschaftlich vollkommen unbedenklich“, bisher ungenützte „Produktionsüberschüsse dadurch zu verwerten, dass man sie im Wege des Kredits für die Ausführung von volkswirtschaftlich vernünftigen und notwendigen Aufgaben bereitstellt“:

„Durch eine solche Investitions- und Kreditpolitik wird gerade das Missverhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Inlandsmarkt beseitigt und damit der Gesamtproduktion wieder Richtung und Ziel gegeben. Unterlassen wir eine solche positive Politik, so steuern wir unvermeidlich in einen weiteren wirtschaftlichen Verfall und vollkommene Zerrüttung unserer Staatswirtschaft hinein, in einen Zustand, der dann, um eine innenpolitische Katastrophe zu vermeiden, eine starke neue kurzfristige öffentliche Verschuldung zu rein konsumtiven Zwecken erzwingt, während wir es heute noch in der Hand haben, durch Inanspruchnahme dieses Kredits für produktive Aufgaben zugleich unsere Wirtschaft und unsere öffentlichen Finanzen wieder ins Gleichgewicht zu bringen.“

Der eigentliche Ankurbelungseffekt setze dann ein, „wenn die Industrien, die durch die Lieferung der Materialien für die öffentlichen Arbeiten besonders begünstigt waren, ihre Lager stark räumen könnten und sich hierdurch veranlasst sähen, wieder mehr zu produzieren als bisher,“ so Lautenbach in seinem Beitrag zur Konferenz der Friedrich-List-Gesellschaft.

Zu den „Reformern“, die sich an der wirtschaftspolitischen Debatte des Jahres 1931 maßgeblich beteiligten, gehörte auch Ernst Wagemann, Chef des Statistischen Reichsamtes und Leiter des vom ADGB mitfinanzierten Instituts für Konjunkturforschung in Berlin. Im Herbst 1931 legte er seinen „Wagemann-Plan“ vor, der einen ähnlichen Ansatz wie Woytinsky und Lautenbach verfolgte.

Ebenfalls im Herbst 1931 gründete sich die „Studiengesellschaft für Geld- und Kreditwirtschaft“ um den Kieler Industriellen Heinrich Dräger und Wilhelm Grotkopp, der durch sein 1954 erschienenes Buch Die große Krise die Arbeit der deutschen „Reformer“ der Vergessenheit entriss.

Die wirtschaftspolitischen Konzepte der „Studiengesellschaft“ für eine aktive Konjunkturpolitik wurden in Robert Friedländer-Prechtls Zeitschrift Wirtschaftswende erörtert, die hauptsächlich von Dräger finanziert wurde. Friedländer-Prechtl stand für einen strikt realwirtschaftlichen Denkansatz: „Eine Volkswirtschaft produziert nämlich niemals Geld, sondern immer nur Güter.“[5] 1932 wurden in der Wirtschaftswende zahlreiche Varianten der von Woytinsky und Lautenbach vorgebrachten Vorschläge diskutiert.

Woytinsky war Mitglied der Friedrich-List-Gesellschaft und nahm als Referent auch an Tagungen von Drägers „Studiengesellschaft“ teil.

Der Woytinsky-Tarnow-Baade-Plan

Dem Gewerkschaftsflügel der ökonomischen „Reformer“ gehörten außer Woytinsky, Fritz Tarnow und der SPD-Reichstagsabgeordnete Dr. Fritz Baade an.

Baade war landwirtschaftlicher Sprecher der SPD-Fraktion im Reichstag. Seine realwirtschaftliche Einstellung kam darin zum Ausdruck, dass er es für völlig widersinnig hielt, dass „die Menschen vor gefüllten Kornspeichern hungern“.[6] Daraus ergab sich für ihn die Notwendigkeit einer „aktiven Wirtschaftspolitik“.

Fritz Tarnow, der Vorsitzende der Holzarbeitergewerkschaft, hatte 1928 sein Buch Warum arm sein? veröffentlicht. Darin führte er in Übereinstimmung mit Friedrich List aus, dass das Herunterdrücken der Löhne der Gesamtwirtschaft schaden, während angemessene Reallöhne für Kaufkraft und Absatzchancen auf dem Binnenmarkt sorgen. Bei der „Roten Gewerkschaftsopposition“ mokierte man sich darüber, dass Tarnow den Glauben an den gutwilligen Unternehmer, der freiwillig angemessene Löhne zahlt, von seiner Amerikareise im Jahre 1925 mitgebracht habe. In der Tat vertrat Tarnow das „Henry-Ford-Prinzip“, der seine Arbeiter schon deswegen anständig bezahlte, damit sie sich seine Autos leisten konnten.

Woytinsky war zwar nicht persönlich bei der Konferenz der Friedrich-List-Gesellschaft anwesend, griff jedoch bald darauf den Vorschlag eines deutschen Arbeitsbeschaffungsprogramms auf, das durch die Reichsbank finanziert werden sollte. Dies geschah in engster Abstimmung mit Tarnow und Baade.

Während in einem internen Memorandum von Woytinsky vom 9. Dezember 1931 noch ausschließlich von einem internationalen Arbeitsbeschaffungsprogramm durch Goldbonds der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) die Rede ist, legten Baade, Tarnow und Woytinsky am 23. Dezember 1931 dem ADGB-Vorstand ihre „Thesen zum Kampf gegen die Wirtschaftskrise“ vor. Hier wird nun die internationale Arbeitsbeschaffung durch „Inangriffnahme öffentlicher Arbeiten größten Stils“ ergänzt durch einen Abschnitt über „Krisenbekämpfung im Rahmen der deutschen Volkswirtschaft“:

„Es muss befürchtet werden, dass die Unvernunft in der Weltwirtschaft und in der Weltpolitik bereits einen derartigen Umfang angenommen hat, dass eine wirksame Krisenbekämpfung auf internationalem Wege nicht in dem für Deutschland lebensnotwendigen Tempo zustande kommt. Aus diesem Grunde muss die Sozialdemokratie neben der Forderung nach internationaler Verständigung zwecks internationaler Arbeitsbeschaffung ein ganz konkretes Programm der Krisenbekämpfung im Rahmen der deutschen Volkswirtschaft entwickeln. Dieses Rettungsprogramm darf sich nicht in allgemeinen Forderungen erschöpfen, sondern muss ganz konkret angeben, welche Maßnahmen die öffentliche Wirtschaft zu treffen hat und wie diese Maßnahmen finanziert werden sollen.

Im Mittelpunkt der planwirtschaftlichen Krisenbekämpfung soll die Beschäftigung von 1 Million Arbeitslosen mit öffentlichen Arbeiten stehen… Die Arbeitsbeschaffung wird eine Belebung der Konsumgüterindustrie hervorrufen und damit einen weiteren erheblichen Teil der Arbeitslosen wieder in die Beschäftigung hineinsaugen.

Für die Finanzierung dieser öffentlichen Arbeiten wäre ein Betrag von etwa 2 Mrd. RM notwendig. Der Teil dieses Betrages, der auf anderem Wege nicht aufgebracht werden kann, muss dem Reich durch eine Währungsanleihe der Reichsbank zur Verfügung gestellt werden.

Von einer solchen einmaligen, auf einen bestimmten Betrag begrenzten und für Arbeitszwecke bestimmten Währungsanleihe ist eine uferlose Inflation nach dem Muster der deutschen Inflation von 1922-23 nicht zu befürchten. Die Garantie gegen derartige inflationistische Wirkungen liegt nicht nur in der Begrenzung der Summe und in dem Verwendungszweck, sondern vor allem in der Tatsache, dass heute im größten Umfange brachliegende Kapazität im Produktionsapparat vorhanden ist. Infolgedessen kann die Produktionssteigerung der Kaufkraftsteigerung in dem geplanten Umfange ohne Schwierigkeiten folgen.“[7]

Aus diesen Thesen entstand nun der eigentliche „Woytinsky-Tarnow-Baade-Plan“ oder kurz WTB-Plan, der am 26. Januar 1932 mit der Unterschrift Fritz Tarnows vorgestellt wurde:

„Der Plan soll die Gewähr bieten, dass zunächst etwa 1 Million Arbeitslose wieder in den Produktionsprozess eingegliedert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, sollen von Reichsbahn, Reichspost, kommunalen Verbänden und anderen Körperschaften des öffentlichen Rechts Aufträge in solchem Ausmaße vergeben werden, dass hierdurch teils unmittelbar, teils mittelbar eine Million bisher Arbeitsloser Beschäftigung findet… Die auftragvergebenden Stellen erhalten einen entsprechenden langfristigen mit niedrigen Zinsen und Amortisationsraten ausgestatteten Kredit gegen Schuldverschreibungen, die von der Reichskredit A.G. (oder von anderen geeigneten Instituten) ausgezahlt werden und bei der Reichsbank rediskontierbar sind.“[8]

Das Inflationsargument

Im Januar 1932 war das Arbeitslosenheer in Deutschland auf 6 Millionen angeschwollen. Nazis und Kommunisten frohlocken, schrieb Julius Leber in sein Tagebuch:[9] „Denn ihre Mutter ist die Not, ist die Verzweiflung eines Volkes, das keinen Ausweg mehr sieht aus den Wirrnissen einer sinnlos gewordenen Gegenwart.“

Doch die SPD-Führung – der Parteichef Otto Wels, der Fraktionsvorsitzende Rudolf Breitscheid und die Wirtschaftsexperten Hilferding, Naphtali und Bauer – wiesen den WTB-Plan zurück.

Das Hauptargument der SPD-Führung war, der ADGB-Plan sei „inflationistisch“. Hilferdings Haltung mag sich dadurch erklären, dass er während der Hyperinflation von 1923 Reichswirtschaftsminister gewesen war. Doch 1932 argumentierte Hilferding, wer mit staatlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen dem kapitalistischen System aus der Klemme helfen wolle, der sei kein Marxist. SPD-Chef Otto Wels nahm es seinerseits dem ADGB übel, dass dieser plötzlich in der Partei den Ton angeben wolle. Der Hauptwiderstand der SPD-Oberen richtete sich jedoch gegen die Finanzierung durch zusätzliche Kaufkraftschöpfung seitens der Reichsbank, und damit standen sie in einer Front mit dem Reichsbankpräsidenten Luther und dessen Vorgänger Hjalmar Schacht, der zu dieser Zeit bereits mit Hochdruck das „Projekt Hitler“ vorantrieb.

Am 15. und 16. Februar 1932 fand eine gemeinsame Tagung von SPD- und Gewerkschaftsführung zur Frage der Arbeitsbeschaffung statt. Die SPD widersetzte sich zwar nicht mehr grundsätzlich einem Arbeitsbeschaffungsprogramm, verlangte jedoch, dass es durch eine sogenannte „volkstümliche Anleihe“ finanziert werden sollte. Es war jedoch völlig unrealistisch, dass unter Depressionsbedingungen und bei Massenarbeitslosigkeit „das Volk“ eine solche Anleihe gezeichnet hätte. Und das deutsche Bankensystem lag nach der schweren Bankenkrise vom Sommer 1931 noch am Boden. Die Sitzung endete mit einem Kompromiss: Der ADGB übernahm die Forderung der „volkstümlichen Arbeitsbeschaffungsanleihe“, aber mit dem Zusatz, dass nicht untergebrachte Anleihen einstweilen „den Banken als bei der Reichsbank diskontierbare Unterlage zur Zwischenfinanzierung“ der Arbeitsbeschaffung dienen sollten. Im Gegenzug stimmte die SPD einem außerordentlichen Krisenkongress des ADGB zu, bei dem es ausschließlich um Arbeitsbeschaffung gehen sollte.

Der Krisenkongress fand am 13. April 1932 statt und war ein Erfolg. Reichskanzler Brüning kam selbst nicht, schickte aber Arbeitsminister Stegerwald. Der ADGB-Vorsitzende Leipart griff die Deflationspolitik der Reichsregierung direkt an: Indem man die Kaufkraft der Massen vernichte, treibe man Industrie, Handel und Gewerbe in immer größere Not, und „der Umfang der Arbeitslosigkeit ist mit jedem Angriff auf die Löhne gewachsen“. Nach jeder Notverordnung habe die Zahl der Arbeitslosen zugenommen, und die politische Radikalisierung entsprechend auch, sagte Leipart. Brüning hatte argumentiert, eine Arbeitsbeschaffung größeren Stils sei mit Rücksicht auf die außenpolitischen Interessen Deutschlands nicht möglich. Dabei ging es um die deutschen Reparationszahlungen, die im Juli 1931 mit dem „Hoover-Moratorium“ für ein Jahr gestundet worden waren. Dazu meinte Leipart: „Ich bin der Meinung, dass diese übertriebene Rücksicht auf die außenpolitischen Interessen, die man uns dauernd predigt, zu weit geht.“[10]

Der ADGB-Beauftragte für Arbeitsbeschaffung Wilhelm Eggert trug das Arbeitsbeschaffungsprogramm vor, das in Übereinstimmung mit dem WTB-Plan einen Finanzierungsrahmen von 2 Mrd. RM vorsah. Mit dieser Initialzündung sollten eine Million Arbeitslose wieder in den Produktionsprozess eingegliedert werden. Als Projekte nannte er Erhaltung und Verbesserung des Straßennetzes, Hochwasserschutz, Kleinwohnungsbau, Hausreparaturen, Siedlungsarbeiten und landwirtschaftliche Meliorationen sowie Aufträge von Reichspost und Reichsbahn. Finanziert werden sollte das Programm durch die eingesparte Arbeitslosenunterstützung, die Steuern und Arbeitslosenversicherungsbeiträge der Wiederbeschäftigten, Mehreinnahmen durch Verbrauchssteuern und durch die von der SPD verlangte „volkstümliche Anleihe“.

Nach Eggerts Rede wurde eine Resolution verabschiedet, die den WTB-Plan zum offiziellen Programm des ADGB erhob. Ein Schönheitsfehler war nur ihre Verschwommenheit hinsichtlich der Finanzierung.

Woytinsky hatte in Die Arbeit (Heft 3, 1932) erläutert, in welcher Weise die nicht untergebrachten Anleihestücke „den Banken als Unterlage für eine Zwischenfinanzierung der Arbeitsbeschaffung dienen“ sollten: „Von den mit den Arbeiten betrauten Unternehmern werden Wechsel auf die als Träger der Arbeiten in Betracht kommenden öffentlich-rechtlichen Körperschaften gezogen.“ Die Banken könnten diese Wechsel einlösen und ihrerseits „bei der Reichsbank diskontieren“. In der Resolution vom 13. April 1932 fehlte jedoch der entscheidend wichtige Verweis auf die Diskontierbarkeit bei der Reichsbank. Es hieß nur: „Soweit die Anleihestücke noch nicht in vollem Umfange auf dem Kapitalmarkt untergebracht sind, sollen sie den Banken als Unterlage für eine Zwischenfinanzierung der Arbeitsbeschaffung dienen.“[11]

Insbesondere Tarnow war entschieden gegen den Kompromiss mit der Anleihe gewesen. Und Woytinsky hatte immer wieder betont: „Krisenbekämpfung heißt aber Arbeitsbeschaffung. Und wer Arbeitsbeschaffung sagt, der hat von der Kreditschöpfung gesprochen.“[12]

Brünings Dilemma

Woytinsky hielt es für einen schweren Fehler, dass die SPD sich geweigert hatte, gemeinsam mit den Gewerkschaften Brüning zur Aufgabe der Deflationspolitik zu bewegen. In seiner Autobiographie Stormy Passage, die nach seiner zweiten Emigration in die USA dort erschien, schreibt Woytinsky:

„Es kam mir so vor, als sähe ich förmlich vor Augen, wie Brüning Deutschland in eine Tragödie führte. In einer Zeit, als Kaufkraftschwund und Preisverfall die Hauptübel waren, verabreichte er dem Land ständig mehr Deflation, und mit jedem Schritt, den er unternahm, wuchs die Arbeitslosigkeit, stieg die nazi-kommunistische Flut höher und näherte sich das Land weiter dem Abgrund. Aber Brüning war ein Mann von hoher Intelligenz und tadelloser Integrität. Seine Selbstmordpolitik entsprang seiner allgemeinen Weltanschauung. Er fürchtete das Phantom einer galoppierenden Inflation; er hatte nichts übrig für die Idee, die Arbeitslosen durch die Schaffung von Arbeitsplätzen zu verhätscheln; und er hielt ein öffentliches Arbeitsbeschaffungsprogramm für einen Luxus, den Deutschland sich nicht leisten könne.

Man darf über Brüning und seine Irrtümer aber nicht allzu streng den Stab brechen. Er teilte seine falschen Ideen mit vielen seiner Berater in der eigenen und in der Sozialdemokratischen Partei. Hätte letztere seine Politik nicht unterstützt, hätte er sie womöglich aufgegeben.“[13]

Woytinsky begriff den Tragödiencharakter der Situation, er wusste um den springenden Punkt (wie der Tragödiendichter Schiller sagen würde), an dem gehandelt werden muss, um die Katastrophe zu verhindern. In diesem historischen Drama gibt es im Wesentlichen zwei solcher springenden Punkte: Der erste und wichtigste fällt in die Regierungszeit Heinrich Brünings. Der zweite betrifft, wie wir noch sehen werden, den Versuch des Generals von Schleicher, die Nazi-Katastrophe abzuwenden.

Brüning stand im Frühsommer 1932 tatsächlich kurz davor, die Deflation durch eine Arbeitsbeschaffungspolitik, wie Regierungsdirektor Lautenbach sie ihm nahe legte, zu ersetzen. Allerdings war seine oberste Priorität stets, erst das Problem der Reparationen auf dem Verhandlungswege loszuwerden. Im Juni 1931 waren die deutschen Reparationszahlungen durch das „Hoover-Moratorium“ für ein Jahr gestundet worden. Anfang 1932 sollte eine internationale Konferenz über die endgültige Streichung entscheiden. Sobald das bewältigt wäre, wollte Brüning sich der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zuwenden. Die Konferenz wurde aber verschleppt, und kurz bevor sie dann im Juni in Lausanne zusammentrat, wurde Brüning – „hundert Meter vor dem Ziel“, wie er bitter anmerkte – am 30. Mai 1932 gestürzt. Im Umfeld des greisenhaften Reichspräsidenten von Hindenburg waren politische Intrigen gegen Brüning gesponnen worden. Wegen einer milden Landreform wurde Brüning „Agrarbolschewismus“ vorgeworfen, was bei Hindenburg auf offene Ohren stieß, der Franz von Papen zum Reichskanzler ernannte.

Warum wurde Brüning wirklich gestürzt? Die Deflationspolitik war es nicht, denn von Papen verhängte sofort weitere sozial- und lohnpolitisch einschneidende Notverordnungen. Nein, Brüning wurde gekippt, kurz bevor die Reparationen vom Tisch und der Weg für die längst vorbereitete wirtschaftspolitische Wende frei gewesen wäre.

Schon Anfang 1932 verwies Woytinsky in Die Arbeit auf die Möglichkeit einer solchen Wende:

„Nach der Veröffentlichung der Notverordnung vom 8. Dezember 1931 ließ die Reichsregierung die Vertreter der Presse zu sich kommen, um ihnen den inneren Sinn der gefassten folgenschweren Entschlüsse klarzumachen. Dabei erklärte der Reichsfinanzminister, dass die Notverordnung einen Schlussstrich unter die Periode der Deflationspolitik in Deutschland ziehe. ,Was jetzt dem deutschen Volke zugemutet werde, führte er aus, gehe an die Grenze der Opfer- und Tragfähigkeit. Löhne und Gehälter könnten nicht weiter gesenkt werden als durch die neue Notverordnung, weil man sonst schwere Gefahren für Staat und Kultur heraufbeschwören würde.‘

In demselben Sinne äußerte sich der Reichskanzler: Die Notverordnung sei ein absolut zusammenhängendes Ganzes, aus dem kein Teil herausgenommen werden könne. In diesem Augenblick … werde der Schlussstrich in der uns aufgezwungenen Deflationspolitik gezogen.'“[14]

Woytinsky rief die SPD dazu auf, den deflationistischen Inhalt dieser Notverordnung energischer zu bekämpfen. Zugleich zeige sie aber auch, welche Möglichkeiten der Staat habe, in die Wirtschaft einzugreifen:

„Die 4. Notverordnung war in dieser Hinsicht eine eindrucksvolle Probe auf das Exempel: Nachdem es bewiesen ist, dass die Regierung die Macht besitzt, nicht nur Lohnsätze, sondern auch Zinsen nach den laufenden Verträgen, stoßartig gemäß einem bestimmten Plan, zu ändern, scheint die Forderung nach einer tatkräftigen ,Ankurbelungsaktion‘ nicht mehr gewagt und utopisch zu sein.“

Bevor Brüning jedoch die Wende hin zu einer aktiven Konjunkturpolitik vollziehen konnte, wurde er mitten in den Vorbereitungen dazu samt seinem Kabinett entlassen.[15] Sein Nachfolger von Papen dekretierte per Notverordnung neue Einschnitte bei Löhnen und Sozialleistungen, wollte Hitler als Vizekanzler ins Kabinett holen (was dieser aber ablehnte), ließ die unter Brüning verbotenen NS-Kampforganisationen SA und SS wieder zu, setzte die SPD-geführte preußische Regierung ab und regierte mit der Tolerierung durch die NSDAP.

Der WTB-Plan zeigt politische Wirkung

Unterdessen bestimmten das Arbeitsbeschaffungsprogramm des ADGB und die verwandten Konzepte für aktive, staatliche Konjunkturpolitik der anderen Reformer mehr und mehr die öffentliche Diskussion. Die Schaffung von Arbeitsplätzen durch staatliche Kreditschöpfung wurde zum Dreh- und Angelpunkt einer breiten Interessengemeinschaft, die sich aus einer Vielzahl privater Gruppen und gesellschaftlicher Organisationen zusammensetzte, die jeweils eine der vielen Varianten des WTB-Plans unterstützten. Dazu gehörten neben der Massenorganisation ADGB, den Freien Gewerkschaften (Adolf Reichwein) und den christlichen Gewerkschaften (Adam Stegerwald) die erwähnte „Studiengesellschaft für Geld- und Kreditwirtschaft“ (Heinrich Dräger, Wilhelm Grotkopp), das Institut für Konjunkturforschung (Ernst Wagemann), der Landgemeindetag (Günther Gereke), der Deutsche Städtetag (Oskar Mulert), das zur SPD gehörende Reichsbanner und viele mehr.

Einige Beispiele sollen die lebhafte wirtschaftspolitische Debatte seit dem ADGB-Krisenkongress im Frühjahr 1932 illustrieren.

Wladimir Woytinsky kommentierte in der Gewerkschaftszeitung Pressestimmen zum WTB-Plan und nahm sich u.a. die Frankfurter Zeitung (Vorläufer der heutigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung) vor, die „den traurigen Ruhm beansprucht, den Chor der Gegner der Arbeitsbeschaffung anzuführen.“ Diese Zeitung hatte vor der „psychologischen Gefahr eines Runs und einer allgemeinen Flucht in die Sachwerte“ als Reaktion auf die Arbeitsbeschaffung gewarnt. Woytinsky entgegnete:

„Das Blatt verkennt offensichtlich die ,psychologische Gefahr‘ der dauernden Massenarbeitslosigkeit, die die Menschen zur Verzweiflung treibt und die Grundlagen selbst des sozialen und politischen Lebens untergräbt. Es bemerkt nicht, dass es solche ,psychologischen Gefahren‘ gibt wie das Unsicherheitsgefühl, das sich immer mehr der Bevölkerung bemächtigt, das Aufblühen des politischen Radikalismus, das Gespenst des Bürgerkrieges, das über dem Lande schwebt. Es weiß anscheinend nichts über den Zusammenhang dieser Gefahren und der Massenarbeitslosigkeit.“[16]

Auf der Unternehmerseite der „Reformer“ forderte Heinrich Dräger im zweiten Sonderheft der Wirtschaftswende „produktive Kreditschöpfung“ zum Zwecke der Arbeitsbeschaffung in Höhe von zunächst 2 Mrd. RM. Sollte sich das Programm bewähren, könnte es später auf 5 Mrd. RM aufgestockt werden. Dabei verweist Dräger auf die Tatsache, dass nicht einmal die gänzlich unproduktive Kreditschöpfung von 1 Mrd. RM im Sommer 1931 „zugunsten der Banken und Sparkassen“ in Deutschland zu Preissteigerungen und Inflation geführt habe. Daher sei es „nicht zu verantworten, diesen Weg [der Kreditschöpfung] nur dann für gangbar zu erklären, wenn es sich um Stützungsaktionen für die Großbanken handelt und ihn als gefährliches Verbrechen zu brandmarken, wenn es sich darum handelt, die zweifellos reichlich vorhandenen Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland nutzbar zu machen für einen Teil all derjenigen, die nach Arbeit hungern.“[17]

Die Arbeitsbeschaffungsdebatte und das Sichtbarwerden einer breiten Koalition in dieser Frage führte in der zweiten Hälfte 1932 zu einem markanten Stimmungsumschwung: Bei den Reichstagswahlen im November erhielten die Nationalsozialisten 2 Mio. Stimmen weniger als noch im Juli. Julius Leber beschreibt die Stimmung während des Wahlkampfes im Oktober: „Die gleichen, die noch vor sechs Wochen voller Enthusiasmus und Begeisterung ,Heil Hitler‘ brüllten – sie legen heute sorgfältigst Wert darauf, dass niemand mehr an diesen wunden Punkt in ihrer Vergangenheit rührt, denn Hitler ist heute nicht mehr fein, er ist nicht mehr vornehm, er ist – über Nacht – aus der Mode gekommen.“[18]

Der WTB-Plan hatte den Nazis das Thema Arbeitslosigkeit aus der Hand genommen, dafür sorgte schon die Tatsache, dass die Forderung nach Schaffung von einer Million gesellschaftlich nützlicher Arbeitsplätze von den Gewerkschaften erhoben wurde. Zwar hatte Adolf Hitlers innerparteilicher Rivale Gregor Strasser noch im Wahlkampf vor der Juli-Wahl 1932 in der NSDAP ein „Sofortprogramm“ durchsetzen und massiv verbreiten können, das dem WTB-Plan in manchen Punkten ähnlich sah. Doch Hitler ließ es, vermutlich auf Betreiben Schachts und dessen mächtiger Wirtschaftsfreunde, schon im September buchstäblich einstampfen und am 22. Oktober 1932 von der NSDAP-Reichspropagandaleitung ausdrücklich zurückziehen.[19] Ende 1932 war die Nazi-Partei zerstritten und nach den Stimmenverlusten am 6. November 1932 demoralisiert.

Die „Reformer“ hatten also erfolgreich die politische Lage verändert. Der in vieler Hinsicht am klarsten denkende Kopf in dieser Gruppe war Woytinsky, darin kann man Fritz Baade gewiss zustimmen.[20] So kann man wohl sagen: Ohne Woytinsky kein WTB-Plan, ohne WTB-Plan kein aktives Gewerkschaftsprogramm, ohne dieses keine „Gewerkschaftsachse“, welche die Grundlage einer neuen politischen Option lieferte, um mit den Nazis fertig zu werden. Diese Option ergriff der ehemalige Reichswehrminister Kurt von Schleicher, der am 2. Dezember 1932 zum Reichskanzler ernannt worden war.

Letzte Chance unter von Schleicher

Mit den meisten Vertretern der „Gewerkschaftsachse“ führte General von Schleicher in der zweiten Jahreshälfte 1932 Sondierungsgespräche, ob sie eine von ihm geleitete Regierung, welche die Arbeitsbeschaffung in den Mittelpunkt stellen und die Nazis spalten und ausschalten wolle, unterstützen würden. Alle Gespräche verliefen positiv, nur der SPD-Fraktionsvorsitzende Rudolf Breitscheid lehnte ab. Dazu schreibt der damalige SPD-Reichstagsabgeordnete Wilhelm Hoegner: „Allein der Versuch, die nationalsozialistische Partei in einen Hitlerflügel und einen Strasserflügel zu spalten und der Sozialdemokratie oder doch den Gewerkschaften Einfluß auf die geistige Haltung der Reichswehr zu verschaffen, durfte nicht von vornherein abgelehnt werden.“[21]

Warum? Die Person von Schleichers bot keine Ausrede für diese Verweigerung. Schließlich hatte er die Weimarer Republik 1918 gegen den Ansturm der Kommunisten und 1923 beim Hitler-Putsch in München gegen die Nazis verteidigt. Zudem stand von Schleicher im Rufe eines „sozialen Generals“, manche titulierten ihn weniger wohlwollend als „roten General“. Am 26. Juli 1932 hatte von Schleicher – er war noch Reichswehrminister – eine Aufsehen erregende Rede gehalten: Die Reichswehr sei weder eine „Parteitruppe“ noch die „Schutzmacht irgendwelcher Klassen oder Interessenten“, noch wolle sie „überlebte Wirtschaftsformen oder unhaltbare Besitzverhältnisse decken“. Und er betrachte es als besondere Aufgabe, „die Not gerade in den ärmsten Bevölkerungsschichten zu lindern“.

Schleicher hatte auch Verbindungen in die Elektro- und Chemieindustrie und zu dem Industriellen Otto Wolff. Diese Industriefraktion stand in starkem Interessengegensatz zu Schacht und dessen Gönnern in der angloamerikanischen Finanzwelt und auch zu den Teilen der Schwer- und Rüstungsindustrie, die Hitler unterstützten und sich u.a. im Keppler-Kreis zusammenfanden.[22]

Schleichers Plan war durchaus realistisch: Erstens wollte er Arbeit schaffen; zweitens wollte er, gestützt auf die Reichswehr und Gewerkschaften, eine breite politische „Querfront“, um die Nazi-Bewegung durch Spaltung der Partei und Zerschlagung ihrer paramilitärischen Organisationen unschädlich zu machen. Dazu hätte er vorübergehend den Staatsnotstand erklären müssen. Die SPD-Spitze lehnte dies jedoch ab und verlangte vom ADGB dieselbe Haltung. ADGB-Chef Leipart verhandelte zwar mit Schleicher, konnte sich aber zu einem Alleingang ohne die SPD nicht durchringen.

Der Sozialdemokrat Gustav Noske erhebt in seinen Memoiren deswegen schwere Vorwürfe gegen die damalige SPD-Spitze: „In einer Verranntheit, wie sie in der Geschichte aller Parteien mir sonst nicht bekannt geworden ist, widersetzten sich Leute, die sich einbildeten, Führer zu sein, der letzten Möglichkeit, sich und ihre Einrichtungen vor der drohenden Vernichtung zu bewahren.“[23]

Dabei hielt Schleicher als Reichskanzler alle seine Zusagen gegenüber den Gewerkschaften ein. Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wurde zur vorrangigen Aufgabe erklärt. Günther Gereke wurde Reichskommissar für Arbeitsbeschaffung und griff auf die Pläne der „Reformer“ zurück. Der sozial- und lohnpolitische Teil der von Papenschen Notverordnungen wurde außer Kraft gesetzt, wie Leipart es gefordert hatte.

Am 15. Dezember 1932 hielt von Schleicher im Rundfunk eine programmatische Rede über die ergriffenen Maßnahmen. „Die Arbeitseinkommen sind tief herabgedrückt. Eine weitere Senkung ist weder sozial erträglich noch wirtschaftlich zweckmäßig.“ Der markanteste Satz war jedoch dieser: „Ich bin ketzerisch genug einzugestehen, dass ich weder ein Anhänger des Kapitalismus noch des Sozialismus bin. Wegen eines Dogmas soll man sich nicht die Köpfe einschlagen.“[24]

Der Versuch der Spaltung der NSDAP misslang. Hitler entschied den innerparteilichen Machtkampf für sich und am 8. Dezember 1932 musste Gregor Strasser sämtliche Parteiämter niederlegen.

Schacht und die Feinde der Republik im Finanzsektor und in der Industrie setzten nun alles daran, Hitler an die Macht zu bringen. Dennoch hätte Schleicher sich mit Unterstützung der Gewerkschaften, die immerhin über die Waffe des Generalstreiks verfügten, und der Reichswehr wahrscheinlich lange genug halten können, bis das Arbeitsbeschaffungsprogramm Wirkung gezeigt hätte. Nach langem Hin und Her hatte Reichsbankpräsident Luther schließlich einen Reichsbankkredit von 500 Mio. RM für die erste Tranche des Arbeitsbeschaffungsprogramms bewilligt. (Der WTB-Plan hatte 2 Mrd. RM gefordert). Das Programm wurde mit Verordnung vom 28. Januar 1933 beschlossen.

An genau diesem Tag wurde die Regierung von Schleicher gestürzt. Wenige Tage zuvor waren Schacht, von Papen und der Bankier von Schroeder in Köln zusammengekommen. Wie zuvor beim Sturz Brünings im Mai 1932 gelang es, durch politische Intrigen den Reichspräsidenten von Hindenburg zur Entlassung von Schleichers zu bewegen. Am 31. Januar 1933 ernannte Hindenburg Hitler zum Reichskanzler und von Papen zum Vizekanzler.

Robert Friedlaender-Prechtl, der Herausgeber der Wirtschaftswende, kommentierte bitter, die Regierung Schleicher sei „durch die vereinigten Bemühungen der Großgrundbesitzer, Großindustriellen und Großbankherren gestürzt worden, die Sorge hatten, diese Regierung würde nicht genügend Respekt vor den heiligsten Einrichtungen der Nation haben, sondern die von den Besten des Landes schon lange als notwendig erkannten sozialen und wirtschaftlichen Reformen durchführen.“

Der springende Punkt in dieser Tragödie lag jedoch in der Frage der Arbeitsbeschaffung und der produktiven Kreditschöpfung, ohne die eine Überwindung der Depression nicht möglich war. Keiner hatte dies früher und klarer erkannt als die Gruppe um Wladimir Woytinsky. Fritz Baade schrieb 1960:

„Die ,Reformer‘ erkannten viele Jahre, bevor Hitler die Macht im Lande übernahm, welche latente Gewalt sechs Millionen Arbeitslose darstellten: Kapital in einem dynamischen Sinn und die wichtigste Reserve, um sich aus der Depression herauszumanövrieren. Indem die Weimarer Republik auf die Macht, dieses Kapital zu nutzen, verzichtete, lieferte sie es den Nationalsozialisten aus, die es zum Einsatz brachten – erst beim Bau von Autobahnen und Fabriken zur Herstellung synthetischer Rohstoffe, später im steigenden Maße in der Rüstungsindustrie und zur Kriegsvorbereitung.“[25]

Diese Lektion der Geschichte darf von den demokratisch regierten Industriestaaten in der heutigen Wirtschafts- und Finanzkrise nicht vergessen werden.

Der Aufsatz wurde 1996 geschrieben und für die Veröffentlichung in www.solon-line.de 2009 von der Verfasserin überarbeitet.

Endnoten

[1] „Die Flut des wirtschaftlichen Wahnsinns“ erschien in Volkswirtschaftliche Beilage des Betriebsrates, Hannover, Nr. 12, 1930, und in Betriebsräte-Zeitschrift, Stuttgart, Nr. 1, 1931

[2] 6. W. Woytinsky, Internationale Hebung der Preise als Ausweg aus der Krise, Veröffentlichungen der Frankfurter Gesellschaft für Konjunkturforschung, Hans Buske Verlag, Leipzig 1931.

[3] Die Arbeit, Nr. 6, 1931, S. 413-440.

[4] Die Denkschrift von Wilhelm Lautenbach, „Möglichkeiten einer Konjunkturbelebung durch Investition und Kreditausweitung“ in: Knut Borchert, Otto Schötz (Hrsg.), Wirtschaftspolitik in der Krise, Die Geheimkonferenz der Friedrich-List-Gesellschaft vom September 1931, Baden-Baden 1991, S. 307-325.

[5] Robert Friedlaender-Prechtl, „Gereke-Plan“, in: Wirtschaftswende, Sonderheft Februar 1933 (als es in Druck ging, war von Schleicher noch an der Regierung), S. 12.

[6] Fritz Baade, Fighting Depression in Germany, in: Emma S. Woytinsky (Hrsg.), So Much Alive. The Life and Work of W.S. Woytinsky, Vanguard Press, New York 1961, S. 64.

[7] „Thesen zum Kampf gegen die Wirtschaftskrise. Vorgelegt von Dr. Baade – Tarnow – Woytinsky“, Berlin, 23.12.31, Msk. im DGB-Archiv bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, veröffentlicht in: Michael Schneider, Das Arbeitsbeschaffungsprogramm des ADGB, Verlag Neue Gesellschaft, Bonn-Bad Godesberg 1975, S. 225ff.

[8] „Der Arbeitsbeschaffungsplan (Baade – Tarnow – Woytinsky)“, Berlin, 26.1.32, Msk. im DGB-Archiv bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, veröff. in: Michael Schneider, Das Arbeitsbeschaffungsprogramm des ADGB, S. 231ff.

[9] Julius Leber (Gustav Dahrendorf Hrsg.), Ein Mann geht seinen Weg, Mosaik Verlag, Berlin-Frankfurt 1952.

[10] Zit. nach Schneider, S. 93.

[11] „Wiederaufbau durch Arbeitsbeschaffung. Beschluss des Außerordentlichen Gewerkschaftskongresses vom 13. April zu Berlin“, in: Gewerkschaftszeitung Nr. 17, 23.4.32, zit. nach Schneider, S. 235f.

[12] W. Woytinsky, „Wann kommt die aktive Wirtschaftspolitik?“, Die Arbeit, Nr. 1, 1932, S. 24.

[13] W. Woytinsky, Stormy Passage. A Personal History Through Two Russian Revolutions to Democracy and Freedom: 1905-1960, The Vanguard Press, New York 1961, S. 466f.

[14] Woytinsky zitiert in Die Arbeit Nr. 1, 1932, das Berliner Tageblatt vom 9.12.31.

[15] Vgl. Gustav Stolper, Deutsche Wirtschaft seit 1870, Mohr (Siebeck), Tübingen 1964, S. 138.

[16] W. Woytinsky, „Für und wider Arbeitsbeschaffung“, in: Gewerkschaftszeitung Nr. 18, 1932, S. 277.

[17] Heinrich Dräger, „Produktive Kreditschöpfung“, in: Wirtschaftswende, Sonderheft Februar 1933,
S. 34.

[18] Julius Leber, a.a.O., S. 89.

[19] Vgl. Avraham Barkai, Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus, Fischer, Frankfurt 1988,
S. 44f.

[20] Vgl. F. Baade, Fighting Depression, a.a.O., S. 65 und 68.

[21] Wilhelm Högner, Der schwierige Außenseiter, Isar-Verlag, München 1959, S.74

[22] Zu dem Kreis um Hitlers Wirtschaftsberater Keppler zählten neben Schacht, Thyssen und dem Bankier von Schroeder auch Vögler (Rheinisch-Westfälisches Kohlensyndikat), Rosterg (Wintershall AG), Reinhart (Commerzbank), Helfferich (HAPAG) und Steinbrinck (Friedrich Flick KG). Vgl. Hannes Heer, Burgfrieden oder Klassenkampf, Luchterhand, Neuwied-Berlin 1971, S. 54.

[23] Gustav Noske, Erlebtes…, Bollwerk Verlag, Offenbach 1947, S. 311.

[24] Zitiert nach Friedrich Stampfer, Die ersten 14 Jahre der deutschen Republik, Bollwerk Verlag, Offenbach 1947, S. 659.

[25] F. Baade, a.a.O., S. 65.

Wladimir Woytinsky: Der Ökonom, der aus der Kälte kam

Das bewegte Leben des Wladimir Saweljewitsch Woytinsky (12. Nov. 1885 – 11. Juni 1960) ist nicht leicht in wenigen Worten zu umreißen. Sein Vater war Mathematikprofessor in St. Petersburg, die Familie jüdischer Herkunft. Als 17jähriger Gymnasiast verfasste er sein erstes Buch über Ökonomie, das gar nicht marxistisch ausgerichtet war, sondern vielmehr von der Entstehung der Marktpreise handelte. Ohne sein Alter anzugeben, schickte der junge Verfasser es einem angesehenen Wirtschaftsprofessor. Dieser fand es gut, versah es mit einem Vorwort und ließ es drucken.[26]

Als Student trat Woytinsky 1905 der sozialistischen Bewegung bei und nahm aktiv an der ersten russischen Revolution gegen das zaristische Regime teil. Er war Vorsitzender des Studentenrates und später Präsident des Rates der Arbeitslosen in St. Petersburg. 1908 wurde Woytinsky verhaftet und wegen Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) zu vier Jahren Haft und lebenslanger Verbannung nach Sibirien verurteilt. 1912 wurde er aus der Haft entlassen und begab sich mit einem Freund erst einmal auf eine Entdeckungsreise durch das kaum besiedelte Sibirien. In der Verbannung lernte er auch seine Frau Emma kennen, die er 1917 heiratete. Die Oktoberrevolution beendete die Verbannung, und das junge Ehepaar kehrte nach St. Petersburg zurück.

Woytinsky unterstützte den Umsturz gegen das zaristische Regime, wollte es aber durch eine demokratische parlamentarische Ordnung ersetzt sehen. Deshalb kam es 1917 zum Bruch mit Lenin. Von den Bolschewiki verhaftet, konnte er nach einigen Monaten fliehen und nach Georgien entkommen, wo er die kurzlebige demokratische Regierung als Redakteur der Zeitung Borba und Wirtschaftsberater der georgischen Gesandtschaft in Italien (1919-20) und Mitglied der georgischen Gesandtschaft in Paris (1920-21) unterstützte.

1922 kamen die Woytinskys nach Berlin. Wladimir schrieb Artikel für mehrere Zeitungen über wirtschaftliche Themen. 1923 begann die Arbeit an dem großen statistischen Almanach Die Welt der Zahlen, die Woytinskys Ruf als ernst zu nehmender Wirtschaftswissenschaftler festigte. 1926 erschien sein Buch Die Vereinigten Staaten von Europa[27], in dem er anhand einer Analyse der wirtschaftlichen Ursachen des Ersten Weltkriegs darlegte, dass eine „wahre Friedensgarantie nur in einer ökonomischen Vereinigung der Völker [Europas] liegen“ könne. Russland wünschte er sich übrigens als Teil einer solchen wirtschaftlichen Vereinigung und erhoffte sich davon eine Mäßigung planwirtschaftlicher Exzesse, während die westeuropäischen Länder so die Vorzüge staatlicher Wirtschaftslenkung schätzen lernen könnten.

1929 wurde er Leiter der Statistischen Abteilung des ADGB und gehörte dann auch dem Vorstand des ADGB an. „Woytinsky blieb buchstäblich bis zum allerletzten Lebenstag der Deutschen Gewerkschaftsbewegung auf seinem Posten“, schrieb Alfred Braunthal von der Federation of Free Trade Unions 1960. „Als der ADGB-Vorstand beschloss, sich der Forderung der Nazis nach Beteiligung der Gewerkschaften an der Kundgebung zum 1. Mai 1933 zu beugen, stimmte Woytinsky als einziger gegen diese Entscheidung. Der Freiheitskämpfer, der vom zaristischen Regime und vom bolschewistischen Regime aus den gleichen Gründen eingesperrt worden war und das Land seiner Geburt verlassen hatte, weil er in der Knechtschaft nicht leben konnte, war ebenso wenig zu Kompromissen mit dem Faschismus bereit. An dem Tag, als er gegen den Kompromiss mit den Nazis stimmte, legte er sein Amt nieder und bemühte sich um Asyl in der demokratischen Schweiz.“[28]

Nach Zwischenstationen in Zürich, Paris und Genf, wo er für das International Labor Office arbeitete (1933-35), wanderte er dann mit seiner Frau 1935 in die Vereinigten Staaten aus, deren Staatsbürgerschaft er 1941 erhielt.

Er kam in das Amerika unter Präsident Franklin Delano Roosevelt und war begeistert von dessen Persönlichkeit und der entschlossenen, wenn auch pragmatischen Art, wie dieser die Probleme der Weltwirtschaftskrise anging.

In den USA war Woytinsky zunächst für den Central Statistical Board (1935), für verschiedene sozialpolitische Ausschüsse und mehrere Jahre (1942-47) für den Social Security Board tätig. Anschließend arbeitete er an verschiedenen wissenschaftlichen Projekten der Rockefeller Foundation, der Johns Hopkins University und des Twentieth Century Fund. Zwei lange Vortragsreisen führten ihn durch den Fernen Osten und Iberoamerika, bevor er am 11. Juni 1960 in Washington starb.

Woytinsky wird häufig als „Keynesianer“ bezeichnet; er entwickelte sein Konzept einer aktiven Konjunkturpolitik 1930-31(davon handelt der Hauptartikel „Aktive Konjunkturpolitik“ in der Weltwirtschaftskrise ) allerdings, ohne Keynes’ frühe Schriften zu kennen und mehrere Jahre, bevor Keynes‘ Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes 1936 erschien.[29]

Er war ein Ökonom und Gewerkschafter der besonderen Art, der die Ansicht vertrat: „Eine Gesellschaft, die es nicht schafft, normale Arbeitsmöglichkeiten für einen großen Anteil ihrer Mitglieder bereitzustellen, hat ihre Existenzberechtigung verwirkt, und selbst wenn sie diese Berechtigung behielte, sie hätte nicht die Kraft, sich gegen die Zerreißkräfte von innen und von außen zu wehren.“[30]

Gabriele Liebig

Endnoten

[26] Das Buch, entstanden zwischen 1903 und 1904, erschien auf Russisch unter dem Titel Markt und Preise. Theorie der Konsumption, des Marktes und der Marktpreise, mit einem Vorwort von Prof. M.I. Tugan-Baranovsky, Verlag M.V. Pirozhkov, St. Peterburg 1906.

[27] Wladimir Woytinsky, Die Vereinigten Staaten von Europa, J.H.W. Dietz Nachf., Berlin 1926.

[28] Alfred Braunthal, Adviser of the European Labor Unions, in: Emma S. Woytinsky, So Much Alive, New York 1961, S. 85f.

[29] “Damals [1930] waren mir Keynes’ frühe Schriften nicht bekannt, sie wären mir bei der Darlegung meiner Argumente [für Arbeitsbeschaffung im großen Stil] sicherlich hilfreich gewesen“, schreibt Woytinsky in seiner Autobiografie Stormy Passage, The Vanguard Press, New York 1961, S. 464.

[30]W. Woytinsky, Three Sources of Unemployment, International Labour Office, Genf 1935, 166 S., 41 grafische Darstellungen.

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