Glaubensbekenntnis eines ehemaligen Dissidenten

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bratislava_old_town_from_castle_hill.jpg Dr. Ján Čarnogurský war in den Jahren vor 1989 Dissident in der Tschechoslowakei. Aus dem Gefängnis wurde er durch die „Sanfte Revolution“ im November 1989 befreit. In den folgenden Jahren war er der Stellvertretende Ministerpräsident der Tschechoslowakei, danach der Regierungschef und der Justizminister der Slowakei. Im folgenden seine Gedanken zum Osterfest 2009.

Von Jan Čarnogurský


Vor zwanzig Jahren kollabierte der Kommunismus in Europa. Wir im Osten des Kontinents empfanden das Jahr 1989 als den Anfang der Geschichte, nicht als ihr Ende. Jetzt sollte alles gut und frei werden. Was dann folgte, war auch besser als Kommunismus. Aber ziemlich bald haben wir Osteuropäer Überraschungen erlebt, und die Überraschungen haben bis heute nicht aufgehört. Wir haben festgestellt, dass die Dialektik – der Kampf der Gegensätze – keineswegs aus der Geschichte verschwunden ist.

Ich erlebe beispielsweise eine Menge Überraschungen im Verhältnis der Gesellschaft zur Religion. Niemand wird mehr wegen einer Religion verfolgt, aber es scheint, dass die Religion nun für viele Menschen bedeutungslos geworden ist oder sie sogar als unangenehme und überflüssige Belastung betrachtet wird.

Amerikanische Freunde haben mich vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass der Gebrauch des Wortes „Weihnachten“ politisch unkorrekt sei, weil sich Nicht-Christen dadurch diskriminiert fühlen könnten. Sie empfahlen, statt von Weihnachten nur von „Holiday Season“ zu sprechen. Ich wurde auch auf eine neue, ziemlich geistreiche Metapher hingewiesen, um etwas äußerst Seltenes zu bezeichnen: „So oft wie das Wort ,Gott’ in der New York Times erscheint“. Im englischen Economist habe ich gelesen, dass das Universum wahrscheinlich ohne Sinn besteht.

Tschechische demokratische Gerichte und der westlich orientierte Staatspräsident Václav Havel haben der katholischen Kirche den St. Veits-Dom auf dem Prager Hradtschin einfach weggenommen. Der Bau des Veits-Dom begann unter der Kaiser Karl IV. im 14. Jahrhundert und die Kathedrale war über die Jahrhunderte hindurch ein Gotteshaus der katholischen Kirche. Nach einer Meinungsumfrage in Österreich, betrachtet die Mehrheit der Österreicher Weihnachten als eine „kulturelle Tradition“, aber nicht mehr als ein religiöses Fest. In England und Spanien läuft eine Reklamekampagne mit Plakaten in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf denen es heißt: „Es gibt wahrscheinlich keinen Gott, hören Sie auf, sich Sorgen zu machen und genießen Sie das Leben“.

Es gibt eine Menge von ähnlichen Äußerungen, die zwar aus einem nicht-kommunistischen oder sogar anti-kommunistischen Milieu kommen, aber bei mir Erinnerungen an den Kommunismus — und sein Schicksal — wachrufen.

Der Kommunismus bezeichnete sich selbst als das erste „wissenschaftliche“ Gesellschaftssystem der Geschichte. Als Schüler hatte ich in der Zeitung gelesen, dass die Religion unter der „Beweislast der Wissenschaft“ im Laufe von ein oder zwei Generationen verschwinden würde. Der Begriff Gott sollte im Kommunismus durch den Begriff der Materie ersetzt werden. Sowohl im Gymnasium, als auch an der Universität musste ich als Definition der Materie lernen: „Die Materie ist ewig und grenzenlos“. Die Definition stammt von Giordano Bruno im 16. Jahrhundert.

Von den Kommunisten wurden die Klöster in der Tschechoslowakei geschlossen. Die Mönche und Nonnen wurden entweder zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt oder in „Konzentrationsklöster“ gesperrt. Die Kommunisten schafften es nicht, Weihnachten abzuschaffen, dazu waren sie nicht stark genug. Aber in der Öffentlichkeit durfte Weihnachten nicht mehr so genannt werden. Weihnachten wurde in „Fest des Friedens“ umbenannt. Aus dem Heiligen Nikolaus wurde „Väterchen Frost.“ Die Romane von Fjodor Dostojevskij wurden im ganzen Ostblock über Jahrzehnte hinweg nicht mehr veröffentlicht. Ja, in einem seiner Bücher hatte Dostojevskij geschrieben: „Falls es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt“.

Bei den Manifestationen zum 1. Mai wurden Transparente mit der Losung herum getragen: „Es lebe der Sieg der sozialistischen Revolution in der ganzen Welt“. Aber irgendwie klappte das nicht.

Der „wissenschaftliche Sozialismus“, das „wissenschaftlichste“ System der Weltgeschichte war nicht in der Lage, ganze Wissenschaftsdisziplinen zu begreifen und anzunehmen. In der „Großen Sowjet-Enzyklopädie“ konnten wir über die Genetik lesen, sie sei gar keine Wissenschaft. Der Marxismus behauptete, der Mensch sei nur ein Schnittpunkt gesellschaftlicher Beziehungen. Wenn der Mensch nur ein Schnittpunkt sozialer Beziehungen wäre, dann wäre logischerweise sein genetisches Erbgut bedeutungslos. Die scheinbar problemlose Behauptung über die Ewigkeit und Grenzenlosigkeit der Materie erlaubte es dem Marxismus nicht, die Entdeckung über die Entstehung des Weltalls durch den „Big Bang“ anzunehmen. Denn wäre das Universum durch den „Big Bang“ entstanden, dann wäre die Materie nicht ewig. Falls einmal das Universum in seinen Anfangszustand zurück schrumpfen würde, dann wäre die Materie nicht grenzenlos.

Umweltbeschützer wurden im ganzen kommunistischen Herrschaftsbereich an dem Rand der Gesellschaft verdrängt. Der tschechoslowakische Dissident und Schriftsteller Milan Šimečka hatte Mitte der 1980er Jahre geschrieben, dass die Kommunisten die Umweltverschmutzung erst dann zur Kenntnis nehmen würden, wenn der letzte Fisch verendet sei.

Die Sowjetkommunisten hatten – außer den Gulags – in 1920er Jahren auch ihre besondere Art des „Lebensgenusses“ eingeführt: Zur Ehescheidung reichte die Mitteilung eines Ehepartners beim Standesamt, dass er sich scheiden lässt. Die Sowjetkommunisten hatten damals auch die Abtreibung nicht nur erlaubt, sondern gefördert. Heute befindet sich Russland in einer der schlimmsten demographischen Krisen weltweit. Nach der Erfindung des Satelliten-Fernsehers versuchte der ehemalige kommunistische Block bei internationalen Verhandlungen, die freie Ausstrahlung von TV-Sendungen zu blockieren. Von den Kommunisten wurde auch die Kybernetik zunächst nicht als Wissenschaft anerkannt; wahrscheinlich ahnten sie, dass später Computer und Internet ihren propagandistischen Hoheitsanspruch untergraben würden.

Dem gegenüber wollte die Religion irgendwie nicht untergehen. Religiöse Orden hatten Zulauf von Mönchen und Nonnen, die dies aber im Geheimen tun mussten. Krankenhausabteilungen mit schwer kranken Patienten verlangten die Genehmigung, Nonnen als Krankenschwestern einstellen zu dürfen, weil diese den stärksten persönlichen Einsatz bei der Krankenpflege ihrer Patienten zeigten. Im März 1998 begannen die Demonstrationen gegen das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei mit der sogenannten „Kerzen-Demonstration“ in Bratislava, bei der die – von den Kommunisten verbotene — Ernennung von katholischen Bischöfen durch den Vatikan und die Bürgerrechte eingefordert wurden. Freunde aus Deutschland haben mir damals gesagt, dass eine derartige Kombination von Forderungen im Westen Europas bei einer Demonstration undenkbar wäre.

Christliche Kirchen hatten kein Problem mit der Anerkennung von „Big Bang“ und neuen Wissenschaftszweigen, aber das „wissenschaftlichste“ Gesellschaftssystem der Geschichte hatte damit sehr wohl ein Problem.

Die kommunistische Ideologie, die in den 1950er Jahren noch so selbstbewusst auftrat, verkümmerte immer mehr. In den 1970er Jahren blieb von ihr nur noch das Postulat des „real existierenden Sozialismus“ — einfach nur das, was bestand, weil es von Panzern „beaufsichtigt“ wurde. Aber auch der „real existierende Sozialismus“ hielt sich nicht mehr lange und musste vor 20 Jahren seinen Platz räumen. Wofür?

Ich könnte jetzt schreiben, dass damals die Kommunisten christliche Feiertage nicht anerkannten und sie heute von den Kaufhäusern nicht anerkannt werden, die Tag und Nacht und auch an Feiertagen geöffnet sind. Für manche würde das wohl geradezu „fundamentalistisch“ klingen. Aber wir im Osten Europas haben unsere Erfahrungen gemacht.

Wir haben die Erfahrung der Zerfalls eines Gesellschaftssystems gemacht, das sich als perfekt befand, das auf der politischen Bühne mit absolutem Selbstbewusstsein auftrat und sich selbst schon im voraus als der weltweite Sieger anpries. Tatsächlich wurde sein Rückstand hinter der Realität der umliegenden Welt immer offensichtlicher — und schließlich zerfiel dieses System. Sein Zerfall und dann sein Fall 1989 war ein „Bild für die Götter“. Daher konnte ich nur still lachen, als ich – zufällig, während des Falles des Kommunismus – las, das „Ende der Geschichte“ sei nun gekommen und ein neues, „perfektes“ Gesellschaftssystem werde die ganze Welt beherrschen. Und wenn ich heute lese, dass Weihnachten nicht Weihnachten genannt werden solle, lache ich wieder im Stillen. Weihnachten bleibt für mich Weihachten. Und ich fange an, um mich blickend die Zeichen des Niedergang dieses „perfekten“ Systems zu zählen.

Bildnachweis: Altstadt von Bratislava; CC-Lizenz (LINK)

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