„Europäischer Universalismus“ – Gibt es da ein Problem?

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Immanuel Wallerstein 2008 von Alexei KouprianovAuch gebildete Menschen, die andere Kulturen kennen, bleiben oft in einer „Weltanschauung“ gefangen, die ihnen so selbstverständlich erscheint, dass sie als „alternativlos“ empfunden wird. Aber alle Weltanschauungen – egal ob volkstümlich oder elitär – sind durch besondere historische Umstände bestimmt. Wenn nun solche partikulären Epistemologien als „universal“ deklariert werden, dann sind Probleme vorprogrammiert. Und deshalb ist der europäische Universalismus in der multipolaren Welt ein ernstes Problem. Auf der Suche nach neuen kulturell-zivilisatorischen Synthesen – einer multiplen, global verwobenen Moderne – sind die Beiträge des amerikanischen Sozialwissenschaftlers Immanuel Wallerstein hilfreich.

Von Michael Liebig


Als jemand, der seit mehr als 30 Jahren beruflich mit dem journalistischen Milieu tun hat, empfinde ich die Lektüre der meisten journalistischen Produkte, die – gedruckt oder online – den Anspruch auf news analysis erheben, als ziemlich unbefriedigend. Aber es gibt erfreuliche Ausnahmen. Die Kommentare von Immanuel Wallerstein, die zweimal im Monat zu lesen sind, gehören definitiv dazu. (http://fbc.binghamton.edu/cmpg.htm)

Nun ist hier die Latte wirklich sehr hoch gelegt, denn Wallerstein ist kein Journalist, sondern ein international renommierter Sozialwissenschaftler. Der jetzt 79-jährige Amerikaner ist Begründer der „World Systems Theory“. Zwischen 1974 und 1989 hat Wallerstein sein dreibändiges Werk „The Modern World System“ veröffentlicht. Wallerstein ist stark beeinflusst von der Annales-Schule des französischen Historikers Fernand Braudel, bei welcher der longue duree-Ansatz eine zentrale Rolle spielt. Wirtschaftswissenschaftlich ist Wallerstein stark von der Marxschen Wirtschaftstheorie, Joseph Schumpeter und der Zyklentheorie Nikolai Kondratieffs beeinflusst. Seine wissenschaftliche Arbeit begann Wallerstein mit Forschungen über das koloniale und postkoloniale Afrika.

Ich denke, dass Wallerstein ein sehr wichtigen Beitrag geleistet hat und leistet, um die gegenwärtigen Veränderungen in der Weltpolitik und der Weltwirtschaft zu verstehen. Dabei ist zu beachten, dass er nicht nur Veränderungen im des Weltsystem, sondern die Veränderung des Weltsystems insgesamt thematisiert.

Als Einstieg in das Denken Wallersteins eignen sich seine profunden, aber unaufgeregten und gut lesbaren Kommentare. Darüber hinaus möchte ich sein knapp 100-seitiges Buch European Universalism – The Rhetoric of Power empfehlen, das 2006 veröffentlicht wurde. 2007 erschien die deutsche Übersetzung mit dem Titel Die Barbarei der anderen –Europäischer Universalismus.[i]

Um mögliche Missverständnisse zu vermeiden, sei hier gleich auf folgendes hingewiesen:

  • Der von Wallerstein kritisierte europäische Universalismus hat nichts mit dem im anglo-amerikanischen Raum beliebten „euro bashing“ zu tun. Der europäische Universalismus hat zwar im geographischen Europa seinen Ursprung, aber selbstverständlich gehört seine US-amerikanische Variante – „American exceptionalism“ – nicht nur mit dazu, sondern sie ist in der Gegenwart immer noch seine wirkmächtigste Ausprägung.
  • Wallersteins Kritik des europäischen Universalismus bedeutet keine generalisierende Negation der großen Leistungen in Kultur, Wissenschaft und Technik, die Europa und die USA hervorgebracht haben.

Wallerstein möchte vielmehr aufzeigen, dass das Problem des europäischen Universalismus nicht in seinem europäischen Ideengehalt liegt, sondern in seinem epistemologischen Alleinvertretungsanspruch auf Universalität. Und daraus folgt der entsprechende politische und ökonomische Machtanspruch und dessen Durchsetzung.

Europäischer Universalismus und Kolonialismus

Wie gesagt, Wallerstein hat sich frühzeitig mit der Welt außerhalb des euro-atlantischen Macht- und Kulturraums beschäftigt. Deshalb erkannte er früh, dass der „europäischen Universalismus” und der Kolonialismus eine Symbiose gebildet haben. 1914 herrschten die europäischen Mächte und die USA über rund 80% der Erdoberfläche als Kolonialherren. Aber der Kolonialismus ist doch jetzt Geschichte, mag man jetzt einwenden. Dabei wird aber übersehen, dass rund 500 Jahre Weltgeschichte nicht einfach spurlos verschwinden. Koloniale Denk- und Handlungsstrukturen bestehen auch nach dem formellen Ende Kolonialismus fort – in den Gesellschaften der ehemaligen „Kolonialherren“ genauso wie bei den bei den ehemaligen „Kolonialvölkern“.

Wallersteins Kritik am europäischen Universalismus beschränkt sich nicht darauf, die menschlichen, geistigen und materiellen „Kollateralschäden“ des Kolonialismus, einschließlich seiner postkolonialen Varianten, moralisch anzuprangern. Wallerstein analysiert vielmehr die inneren Widersprüche der europäischen Kultur, aus denen der europäische Universalismus hervorgegangen ist. Er tut dies, indem er die geistigen Auseinandersetzungen – unter Europäern – über die ans Schizophrene grenzende Ambivalenz des europäischen Paradigmas miteinbezieht. Daraus folgt übrigens, dass ein Bewusstsein über die dunkle Seite der eigenen Kultur ein konstitutives Element des europäischen Denkens bildet.

Wallersteins Analyse des europäischen Universalismus beginnt mit der Debatte zweier spanischer Theologen am Hofe Kaiser Karl des Fünften im Jahre 1550 – also in der Frühphase des Kolonialismus. Die Kontrahenten der Debatte waren Bartolome de Las Casas und Juan Gines de Sepulveda. Letzterer behauptete, die indianischen Bewohner des „neu entdeckten“ Amerikas seien in jeder Hinsicht minderwertige „Barbaren“, die keinen Anspruch auf die (zumindest nominellen) Rechte der „zivilisierten“ christlichen Europäer hätten. Daraus folgerte Sepulveda, dass Spanien das Recht, ja die Pflicht habe, gegen die Eingeborenen Krieg zu führen, sie zu unterjochen und wirtschaftlich auszubeuten. Las Casas, der als Priester in Lateinamerika gelebt hatte, bestritt eloquent wie kategorisch, dass die Indios minderwertig und die Europäer berechtigt wären, sie zu bekriegen und zu unterdrücken. Wir können hier nicht ausführlicher auf die Argumente von Las Casas und Sepulveda eingehen, dafür sollte man Wallersteins Buch lesen.

Aber es bleibt festzustellen, dass es bereits in der Anfangsphase des Kolonialismus eine Debatte darüber gab, ob die europäische Zivilisation axiomatisch überlegen und andere Kulturen grundsätzlich minderwertig seien oder nicht? Sepulvedas Position behielt am Spanischen Hof die Oberhand, obgleich Karl V eine Zeit lang Las Casas zuneigte. Die Las Casas-Sepulveda-Debatte markierte eine historische Weggabelung. Für die nächsten 500 Jahre blieb die „Sepulveda-Doktrin“ ein Kernstück der „eurozentrischen“ Anschauung der nicht-europäischen Welt.

Die Prädikate der „Sepulveda-Doktrin“ haben sich im Laufe der Zeit geändert, aber nicht ihre Substanz. Der zeitgenössische europäische Universalismus argumentiert nicht mehr mit religiösen Dogmen oder rassistischen Postulaten, sondern mit den „Werten“ der Freiheit, Demokratie und des Kapitalismus. Indem diese Werteordnung als „universell“ und „alternativlos“ proklamiert wird, begründet sie das angebliche Recht, ja die Pflicht, gegen diejenigen – auch gewaltsam – vorzugehen, die sich diesen Werten widersetzen.

Gerade die vergangenen beiden Jahrzehnte haben gezeigt, wie schnell der westliche „Werte“-Paternalismus in eine ideologisch aufgeladene Rhetorik des „Clash of Civilizations“ und ganz reale Kriegsführung umschlagen kann. Wer meint, dass mit dem Abgang eines George W. Bush oder Tony Blair die Probleme gelöst seien, unterliegt einem Irrtum. Die Las Casas-Sepulveda-Debatte bleibt aktuell. .

Nun sind Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft Errungenschaften der Aufklärung. So wie die Idee der Menschenrechte, die jedoch bereits vor der Aufklärung von der christlichen Naturrechtslehre geprägt wurde. Diese Werte bilden zusammen mit den Großleistungen in Kultur, Wissenschaft und Technik die Grundlage der europäischen „Moderne“. Um es noch einmal zu betonen: Weder diese Werte an sich noch die vielfältigen Großleistungen in der europäischen Moderne sind das Problem.

Das wirkliche Problem liegt darin, dass diese europäischen Werte und Leistungen binär instrumentalisiert werden. Indem sie als „universell“ und „alternativlos“ deklariert werden, werden sie zwangsläufig zu Instrumenten der Ausgrenzung und Herabsetzung der „Anderen“. Die eigene Leistungsfähigkeit genügt sich nicht, sondern wird axiomatisch mit der Unfähigkeit und Minderwertigkeit der „Anderen“ verkoppelt. Zum eigenen Fortschritt gehört dann zwingend die Rückständigkeit der „Anderen“, die genetisch-rassistisch bzw. „kulturell-zivilisatorisch“ begründet wird. Der europäischen Universalismus ist folglich eine Weltanschauung des „uns“ gegen die „Anderen“. Eine Epistemologie, die binär programmiert ist: Es gibt nur 1 und O.

Edward Saids Analyse des „Orientalismus“

Wallerstein hebt zurecht die überragende Bedeutung von Edward Saids Studie „Orientalism“ aus dem Jahre 1979 hervor. Darin analysiert Said die Wahrnehmung der Kulturen Indiens, Chinas, des Iran, der Türkei und muslimischen Welt generell im europäischen Denken. All diese vielfältigen Kulturen wurden als „Orient“ zusammengepackt – „essentialisiert“. Als wäre das nicht schon reduktionistisch genug, wurde diesen Kulturen auch noch zugeschrieben, dass sie prinzipiell unfähig seien, sich aus ihren eigenen geistigen Ressourcen heraus weiterzuentwickeln.

Said hat den Nachweis geführt, dass sich die Wahrnehmung des „Orients“ durch die europäischen „Orientalisten“ keineswegs auf die geistige Durchdringung und Erfassung der Vielfalt dieser „anderen“ Kulturen konzentrierte, sondern in einer intellektuellen Projektion bestand. Der Mit anderen Worten, die nicht-europäische Welt wurde zu etwas gemacht, sie wurde ein mentales Konstrukt des europäischen Geistes, aus dem sich der zivilisatorische Überlegenheitsanspruch Europas geradezu zwingend ergab. Und das entsprach ökonomischen und Machtinteressen der Mächte des euro-atlantischen Raumes.

Angeblich unfähig, mit eigenen Mitteln den Westen auch nur zur kopieren, musste der „Orient“ von außen mit harter Hand gezwungen werden, den „Ballast“ der eigenen Kulturen abzuwerfen, um so allmählich den Westen kopieren zu können. Hierin liegt der Wesenskern des paternalistischen Kolonialismus. Aber zugleich musste der kulturell entkernte „Orient“ immer Kopie bleiben. Der Orient sollte dem westlichen „Original“ wohl graduell ähnlicher, aber nie ihm kulturell und materiell gleich werden. Und hierin liegt der Wesenskern des postkolonialen Weltsystems.

Said hat stets betont, dass die Essentialisierung und Stereotypisierung der außereuropäischen Welt nicht mit einer umgekehrten Essentialisierung und Stereotypisierung der europäischen Moderne beantwortet werden kann. Das ist bei Wallerstein genauso, und deshalb propagiert Wallerstein bei seiner Kritik am europäischen Universalismus auch keinen „Anti-Eurozentrismus“, der ja nur die Negation einer partikulären Weltanschauung durch eine andere wäre.

Die „Anderen“ außerhalb des euro-atlantischen Raumes haben das verstanden. Sie haben sich zunehmend – wenn auch oft selektiv – die Errungenschaften der europäischen Moderne zu eigen gemacht und gerade in jüngster Zeit gezeigt, dass sie nicht nur wirtschaftlich mit dem Westen „gleichziehen“ können. Aber sie taten dies ohne die eigene kulturell-zivilisatorische Substanz und Identität aufzugeben. Das ist am sichtbarsten in China und Indien, aber auch in Brasilien. Russland nimmt eine Sonderstellung ein.

Neue kulturell-zivilisatorische Synthesen

Das postkoloniale Weltsystem befindet sich gegenwärtig im einer krisenhaften Übergangsphase. Nicht nur der Kolonialismus und seine postkolonialen Abarten – siehe Irakkrieg – sind historisch gescheitert, sondern der ihnen zugrunde liegende europäische Universalismus ist gescheitert. Der europäische Universalismus ist mit der weltpolitischen Realität kollidiert. Anspruch und Wirklichkeit liegen zu weit auseinander.

Im euro-atlantischen Raum muss man lernen, dass die „Anderen“ keine Kopien der europäischen Kultur sind. Man muss lernen, dass es von den Anderen außerhalb euro-atlantischen Raum etwas zu lernen gibt.

Wallerstein sagt dazu, dass Europäer und Amerikaner lernen müssen, „ein ständige Spannung zu akzeptieren, nämlich zwischen dem Bedürfnis, unsere Wahrnehmung, Analysen und Wertsetzungen zu verallgemeinern, und dem Bedürfnis, deren partikularistische Wurzeln gegen das Eindringen partikularistischer Wahrnehmungen, Analysen und Wertsetzungen anderer zu verteidigen, welche ihrerseits behaupten, Universalien vorzuschlagen. Wir müssen unser Partikularismen verallgemeinern und gleichzeitig unsere Universalien partikularisieren.“

„Das ist keine einfache Angelegenheit,“ schreibt Wallerstein, aber die Konsequenz kann nur sein, „in einem ständigem dialektischen Austausch“ einzutreten, der es erlaubt, „neue Synthesen zu finden,“ die dann natürlich wieder hinterfragt werden müssen.

Ein dialektischen Austausch, um neue Synthesen zu finden,bedeutet eine neue Art des Gebens und Nehmens zwischen dem euro-atlantischen Raum und den anderen Kulturräumen – und zwischen diesen ja ihrerseits sehr unterschiedlichen Kulturräumen. Alle kulturell-zivilisatorischen Konfigurationen sind partikulär, keine ist eo ipso universal. Aber bei dieser Feststellung darf man nicht stehen bleiben. Wallerstein ist zuversichtlich, dass aus dem dialektischen Austausch, um neue Synthesen zu finden, ein neuer „universaler Universalismus“ hervorgehen kann, der „essentialistische Charakterisierungen der Realität ablehnt, der sowohl das Allgemeine wie das Besondere historisiert, der die sogenannten naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Epistemologien zu einer Einzigen vereint und der uns erlaubt, mit einem höchst klinischen und skeptischen Blick all jene Rechtfertigungen zu betrachten, die für den Interventionismus der Mächtigen gegen die Schwachen vorgebracht werden.“

Der Weg zu einem „universalen Universalismus“ ist offensichtlich äußerst schwierig, aber diese Zielsetzung muss kein irrealer Wunschtraum bleiben. Die Chance für eine multiple, global verwobene Moderne besteht.

i Immanuel Wallerstein, Die Barbarei der anderen – Europäischer Universalismus, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2007, 109 Seiten, 10.90 Euro

Bildnachweis: Bild von Immanuel Wallerstein 2008 von Alexei Kouprianov (LINK)

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