Was ist Leben? – Volker Gerhardt und die Philosophie in der Mitte Berlins

Share

buchcover der Festschrift zu Ehren des 65. Geburtstages von Volker Gerhardt mit dem Titel Volker Gerhardt feierte im Juli seinen 65. Geburtstag, ihm zu Ehren erschien bei Duncker und Humblot eine Festschrift seiner Schüler mit dem Titel „Was ist Leben?“. Nicht nur wird hier einer der herausragenden Philosophen unserer Zeit (LINK) gewürdigt, sondern wir erfahren auch etwas über das Leben der Philosophie im heutigen Berlin, wo Gerhardt seit 1993 Philosophie an der Humboldt-Universität lehrt. Wer sich ein Urteil über Denkwege in der zeitgenössischen Philosophie erlauben möchte, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Von Frank Hahn


Der verheißungsvolle Titel des Buches „Was ist Leben?“ steht in sichtbarem Kontrast zur äußerlich nüchternen, wenig einladenden Gestalt, die den Verdacht weckt, man wolle alle diejenigen abschrecken, die nicht zum engeren Fachpublikum gehören. Schlägt man das Inhaltsverzeichnis auf, werden 55 Essays aufgelistet, die in loser Unordnung scheinbar willkürlich aufeinander folgen. So mühevoll also gestaltet sich die Aufgabe, dem Leben auf die Spur zu kommen! Man steht quasi vor 55 Türen mit jeweils einem Namensschild, soll den Raum dahinter betreten, den vielleicht gerade beschäftigten Autor an seinem Schreibtisch aufschrecken und aus der Position des ungebetenen Eindringlings ihm etwas zum Thema Leben entlocken. Geht es nicht weniger sperrig und hürdevoll? Nun, bekanntlich sind die höher hängenden Früchte die süßesten, und der sperrige Einstieg über allerlei Balken und steile Treppen führt häufig in lichte, weite Zimmerfluchten. Auf unseren „Fall“ bezogen heißt dies, man muss sich nur trauen, in eines der essayistischen „Zimmer“ einzutreten, dann wird man erleben, wie sich nach Betreten der ersten Tür alle anderen wie von selbst öffnen. Man braucht nicht mehr anzuklopfen, denn man wird schon erwartet, und die über 50 zunächst isolierten Räume weiten sich plötzlich zu einer großzügig angelegten Agora, auf der junge, überaus kluge Menschen leidenschaftlich mit der Frage ringen: „Was ist Leben?“

Erstaunt uns diese Leidenschaft? Wohl kaum, wenn wir uns erinnern, dass vor über 200 Jahren Immanuel Kant die Köpfe der Klügsten im Lande mit seiner Frage erhitzt hat: „Was es heißt: sich im Denken orientieren?“. Nun hat Volker Gerhardt das Thema zeitgemäß leicht abgewandelt und fragt: „Was es heißt, sich im Leben orientieren?“. Jeder Weisheitssuchende liebt und sucht die Weisheit ja um dieser Frage willen! Aber wäre er schon in dem Raum angekommen, wo man die Frage nach der Orientierung stellen kann, dann atmete er bereits frei die klare Luft reiner Ethik oder Philosophie. Um jedoch dorthin zu gelangen, bedarf es eines längeren Aufenthalts in den bescheideneren Vorzimmern, wo nicht die Orientierung im Leben, sondern zunächst einmal das Leben als solches gesucht wird. Man ahnt etwas vom Reiz und der ansteckenden Kraft des lebendigen Philosophen, der die Frage nach dem scheinbar Selbstverständlichen stellt. „Die Frage nach dem Leben erscheint natürlich, erweist sich aber als eine der schwierigsten“, so wird Gerhardt selbst zitiert. Deshalb sind 55 Essays, die um diese „natürliche Frage“ kreisen, keine Vielfalt üppiger Verschwendung, sondern sogar eher karg bemessen.

Dass die scheinbar natürliche Frage nach dem Leben zu den schwierigsten gehört, ergibt sich schon aus der quasi befangenen Lage des fragenden Menschen, denn er hat es dabei immer gleichzeitig mit der Binnen- und der Außenperspektive zu tun. Er ist immer gleichzeitig lebendes und fragendes SUBJEKT, das sich selbst als lebendes OBJEKT zum Gegenstand der Erkenntnis wird. Er ist also, sobald er die Frage nach dem Leben stellt, immer schon selbst LEBENDES Subjekt und Objekt, das im Streben und Wollen, in Geist und Leib, Vernunft und Sinnlichkeit seinen lebendigen Ausdruck findet. Es ist eines der großen Verdienste des Philosophen Gerhardt, dass er die Zusammenschau von Erkenntnis und Wille, Geist und Sinnlichkeit, Vernunft und Gefühl unter der Perspektive des Lebens nicht nur in seinen eigenen Schriften expliziert hat, sondern ihm von hier aus eine Neuinterpretation der Werke Kants und Nietzsches gelungen ist, die seinen Ruf als gleichermaßen originären wie klassischen Philosophen begründet. Gerhardt hat sich erfolgreich modischen Trends widersetzt. Sowohl gegenüber der post-modernen als auch der analytischen und angelsächsischen Philosophie hat er die Kontinuität philosophischen Denkens von der Antike über die Neuzeit bis zur Moderne nachgewiesen und in seinem eigenen Werk sicher gestellt. Deshalb treffen wir an seinem Institut in Berlin auf eine ungewöhnlich große Zahl an Studenten aus Italien, Griechenland, China, Korea, Lateinamerika, die sich der klassischen und der deutschen Philosophie widmen wollen.

In der Festschrift begegnen sie uns in verschiedenen Tonlagen: Die einen schreiben in unaufdringlicher Bewunderung und angemessen verhaltener Verehrung, dabei sich bemühend, Gerhardts Werk explizit zu interpretieren und manchmal selbstständig um neue Gedanken zu erweitern. Die anderen möchten ihr Geburtstagsgeschenk gern in die glanzlose Folie unabhängiger, eigener Überlegungen einhüllen, ohne Gerhardt als Person in den Vordergrund zu stellen. Allen gemeinsam ist jedoch, dass sie vornehmlich anhand von Kant und Nietzsche, Platon und Aristoteles sich der Frage nach dem Leben nähern – allerdings werden auch Philosophen wie Cassirer und Montaigne, Wittgenstein und Whitehead, Hannah Arendt oder Jochen Ritter zur weiteren Klärung der Frage nach dem Leben herangezogen. Um das lebendige Fluidum der anfänglich entdeckten Agora für Geist und Sinne belebend zu erleben, könnte man sich eine Bewegung der Gedanken zwischen den lebenssuchenden Autoren, die Schüler Gerhardts waren oder sind, in einer Abfolge vorstellen, die quer zu der des Buches verläuft und diese mehrfach kreuzt, gerade dadurch aber eine Möglichkeit für das Abrollen eines roten Fadens böte.Natürlich ist dieser Faden exemplarisch ausgelegt, es wären auch andere Fäden zwischen anderen Autoren des Buches denkbar.

Auf der Agora: der Philosophie und dem Leben auf der Spur

a. Im Vorzimmer: was ist Leben?

Ein vielleicht nicht ungeschickter Zugang zur Agora könnte über das „Zimmer Nr. 2“ gut gelingen, auf dem der Name Asmus Trautsch steht. Er stellt die Frage „Wie es ist, lebendig zu sein?“, wodurch der Leser (oder Besucher) etwas über die Lebendigkeit im Denken Gerhardts erfährt, der nämlich von der lebendigen Lust am Denken als „Funktionslust des Geistes“ spricht: „Der Geist ist das Organ, dass die biologische Offenheit so erfahren lässt, dass sie sich weiter öffnet“. Dies wird von Franziska Martinsen aufgegriffen, von der wir erfahren, wie diese Lust sich vom Lehrer auf die Schüler überträgt und zur weiteren Öffnung im Fragen, Denken und Leben führt. Sie bekennt, dass Volker Gerhardt sie ihre Skepsis gegenüber der antiken Philosophie überwinden, ja sie sogar erkennen ließ, dass „Platon, Aristoteles und Konsorten auch noch aktuell interessant sind und nicht nur geschichtlich“. Sarah Hegenbart wiederum ist davon beeindruckt, dass und wie Volker Gerhardt das „Risiko des Denkens“ eingehe, wobei „sein Denken ein Denken ist, das sich nicht begrenzen lässt“. Darin sieht sie die vollendete Form eines autonomen Urteilens als Individuum, das sich nicht unreflektiert auf tradierte Normen und Werte, sondern auf das eigene Urteil verlässt. Hierzu bedürfe es (das Individuum) der Ideen als „Maßstab für…. das gute und selbstbestimmte Leben.“ Der Begriff Selbstbestimmung scheint auf alle Mitwirkenden die größte Faszination auszuüben, und Gerhardts gleichnamiges Buch aus dem Jahr 1999 wird am häufigsten zitiert. Auch bei Richard Fonseca geht es darum, wenn er von der Krise der Ethik spricht, die jedoch gerade jene Kräfte wachrufe, die nach Gerhardt den Menschen erfahren lassen, dass er ein bestimmtes Problem nur auf sich gestellt lösen könne, ganz allein müsse er damit fertig werden. Diese Erfahrung führe uns wiederum an die „Selbstbestimmung als Selbstbesinnung“ heran, wobei zur Beantwortung der moralischen Frage „Was soll ICH tun?“ zunächst die entscheidende Frage nach dem Leben selbst geklärt werden müsse. Deswegen liege hierin der Ausgangspunkt der Philosophie Gerhardts, den Fonseca so zitiert: „Leben ist der umfänglichste und gleichwohl in sich reichhaltigste Begriff für den Zusammenhang, in dem wir sind“. Was aber besagt dieser Satz außer einer sehr weit gefassten, allgemeinen Tatsachenwahrheit? Eine Schülerin Gerhardts versucht sich an einer eigenen Antwort, mit der sie selbstbewusst Gerhardts Begrifflichkeit zu erweitern trachtet: Janina Sombetzki fasst die Begriffe Zweck, Mittel und Wille – als Ausdruck des Lebens, das aus sich selbst heraus Leistung erbringt – im Begriff des Strebens zusammen. Originell ist ihr Versuch, menschliches von nicht-menschlichem Leben dadurch zu unterscheiden, dass Ersteres nicht nur einfaches Streben, sondern vielmehr ein ERSTREBEN darstellt. Für Nuria Sara Miras Boronat reichen diese „Erklärungen“ nicht aus. Sie sprach vor einigen Jahren mit Volker Gerhardt über den Begriff des Lebens und erfuhr dabei auf sehr spezifische Weise, was unter der immer weiteren Öffnung des Denkens als Lebensprozess zu verstehen sein mag. Sie zitiert Gerhardt dazu mit folgenden Worten: „Der Begriff des Lebewesens hat die gleiche Unbestimmtheit wie der der Sprache“. Damit nicht genug, der nächste Satz Gerhardts machte sie sprachlos: „Um zu bestimmen, was das Leben eigentlich ist, braucht man ein ganzes Leben“. In den letzten Jahren hat Boronat über diesen Satz und seine Verankerung im „Perspektivismus“ Gerhardts viel nachgedacht und entwickelt daraus ein leidenschaftliches Plädoyer für fließendes Denken und philosophischen Methodenpluralismus im Gegensatz zu einer Philosophie ewig fester Begriffe:

„Denn die Philosophie strebt ständig nach Begriffen, welche die Realität ohne Perspektive und unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit vor Augen erscheinen lassen. Andererseits ist das Perspektivische die Grundbedingung des Lebens: das menschliche Erkennen ist an Perspektiven gebunden und jeder von uns erfährt nur seinen spezifischen Ausschnitt des Ganzen….die Perspektive wird Kraftzentrum, der Raum, in dem man sich selbst bestimmt. In diesem Raum muss das Tätige ein Verhältnis zu sich selbst gewinnen…..das metaphysische Subjekt schrumpft in einen ausdehnungslosen Punkt zusammen und lässt den Platz frei für das wollende Subjekt. Für diesen Raum des Experimentierens, der Selbstbestimmung und Selbstgesetzgebung, der keine äußeren Schranken mehr kennt, ist der Mensch allein zuständig.“

b. Im unbegrenzten Raum: Orientierung suchen mit und bei Kant, Nietzsche und Platon

In diesen Sätzen erleben wir in Echtzeit das Verlassen des Vorzimmers, in dem zunächst die Frage nach dem Leben gestellt wurde, und das langsame Eintreten in den offenen, endlichen, aber unbegrenzten Raum der Suche nach Orientierung im Leben. Dieser Raum des Experimentierens mit und in mannigfaltigen Perspektiven wird von Gerhardts Schülern lebendig genutzt, um sich in der Orientierung an und zwischen ihrem Lehrer und seinen Lehrern Kant, Nietzsche et al. selbst zu bestimmen und im Leben zu orientieren. Nikos Loukidelis und Nicola Nicodemo z.B. beschäftigen sich mit Nietzsche und weisen auf Besonderheiten in der Nietzsche-Interpretation Gerhardts hin. Während Loukidelis betont, dass laut Gerhardt Nietzsche nicht nur künstlerisch, sondern auch in der „Perspektive begrifflichen Denkens“ interpretiert werden solle, überschreibt Nicodemo seinen Essay mit „Kunst als Leben und Leben als Kunst“ und hebt Nietzsches Diktum hervor, wonach der Sinn des Lebens nicht länger in der Vernunft, sondern in der Kunst zu suchen sei. Perspektivenwechsel wird hier lebendig expliziert: Loukidelis’ Denkbewegung führt vom Begriff einer „Einheit von Denken, Fühlen und Wollen“ als einer psychophysichen Einheit bei Nietzsche auf das leibliche Wohlbefinden als Folge der „richtigen Auswahl“ unserer Reflexion. Nicodemo lässt den Leser an Gerhardts Nietzsche-Interpretation teilhaben, die er (Nicodemo) als eine Bewegung von der Kunst „zurück“ zur Vernunft präsentiert: Nietzsche übersetze die Wertfrage in eine Sinnfrage, nun sei aber in Gerhardts Worten nur das Leben sinnvoll, in dessen höchsten Zielen sich Lust und Leid fänden. Hier ist nicht die Rede von Vernunft, sehr wohl aber von Leib, Lust und Lebenskunst – gleichwohl führt gerade die Sinnfrage als eine, die den Einzelnen in seiner GANZEN körperlichen und seelischen Verfassung angeht und betrifft, wieder auf die Begriffe der Vernunft. Und so werde Nietzsche von Gerhardt in die abendländische Philosophie eingebettet, die „von der Selbstbeherrschung in der Antike über die Selbstgesetzgebung bei Kant zur Selbstbestimmung bei Nietzsche führt.“ In diesem „individuellen Denker der Individualität“ fänden wir „einen Spiegel unseres eigenen Lebens“, lässt Nicodemo Gerhardt am Schluss seines Essays zu Wort kommen.

Eine der wohl wichtigsten Entdeckungen Gerhardts ist die Lebendigkeit und Sinnlichkeit bei Immanuel Kant. Der Königsberger Philosoph wird gemeinhin als das Muster der Pedanterie, Leibfeindlichkeit und einer höchstrichterlich gnadenlosen Vernunftherrschaft missverstanden. Gerhardt hat nicht erst in dem gleichnamigen Buch von 2002 aufgezeigt, dass „Vernunft und Leben“ ohnehin und bei Kant schon gar nicht im Widerspruch stehen, sondern überhaupt nur zusammen zu denken sind, wenn Vernunft sich in einem lebendigen Geist kundtun soll. Fiorella Battaglia widmet in diesem Kontext ihren Beitrag der Kantschchen „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ und führt aus, dass laut Kant der Körper mit seinen Organen für alle geistigen Funktionen unabdingbar sei. Nun scheint dies eine Binsenweisheit zu sein, aber es geht weiter: Kant folge Epikur darin, dass auch alle intellektuellen Vorstellungen immer subjektiv von Schmerz oder Vergnügen begleitet würden, die eben Ausfluss körperlicher Regungen seien. Auch dieser Gedankengang verlangt keine revolutionäre Umwälzung unseres Menschenbildes – dass allerdings Kant den „Geist als das belebende Prinzip im Menschen“ ansieht, sollte aufhorchen lassen, rüttelt dieser Satz doch erheblich am beschaulichen Bild der gängigen Kant-Rezeption. „Der Geist ist die Instanz, die sich selbst in Bewegung versetzen kann“ – und zwar durch Ideen, die GEFÜHLE hervorbringen und gleichzeitig der VOLLENDUNG DES VERNUNFTGEBRAUCHS dienen. Kant bezeichne dies als das „selbstgewirkte Gefühl“ im Gegensatz zur Affizierung von außen. Leben bedeute für Kant, jederzeit mit sich selbst einstimmig zu denken – und Battaglia zieht daraus den Schluss, dass wir deshalb die Frage nach dem Leben nicht der Biologie überlassen dürfen, sondern gerade in Kants Anthropologie wesentlich den Anspruch der Philosophie als Lebenswissenschaft begründen können.

In diesem Sinn betitelt dann auch Bettina Fröhlich ihren Essay: Philosophie als Leben! Ihr Kronzeuge gegen die behauptete Lebensferne der Philosophie ist Sokrates, der seine Gespräche immer mitten in der Lebenswirklichkeit geführt habe. Die Pointe ihres Essays besteht allerdings in der Begegnung Sokrates-Nietzsche und ihrer These, dass „keiner der modernen Denker diesen Aspekt des sokratischen Denkens (die Lebenswirklichkeit seiner Gesprächsform, F.H.) so klar gesehen hat wie Nietzsche“. Nun kennen wir gemeinhin die wenig schmeichelhaften Tiraden Nietzsches gegen Sokrates; an diesem offenen Widerspruch lassen sich jedoch wichtige Einsichten in die Denkweise beider Philosophen gewinnen – nicht zuletzt aber in Gerhardts Methodik, die immer aus der pointierten Gegenüberstellung von Denkmustern und ihrer kreuzweisen Neuverknüpfung Funken schlägt und schöpferische Impulse gewinnt. So bleibt Philosophie am Leben, und Fröhlich zitiert Gerhardt an dieser Stelle: „Wir wissen nun besser (nach Nietzsches Kritik an Sokrates, F.H.), wofür wir mit Sokrates zu kämpfen haben. Sokrates ist uns nun noch näher, eben durch die Kritik Nietzsches.“ Verknüpfung ist das Stichwort, und diese leistet Ursula Ziegler in wenigen, aber prägnanten Passagen durch den Vergleich Platons mit Humboldt anhand der Bildungsidee. Wen überrascht es noch, dass auch sie damit die Philosophie ganz im Leben verankert? Denn was ist denn zu bilden, wenn nicht die Kräfte und Vermögen des Menschen? „Nicht fehlen darf dabei das freundschaftliche Gespräch“, resümiert Ziegler und schließt den Kreis Sokrates-Platon-Humboldt.

c. Orientierung über das Ich hinaus : Der Raum der Gesellschaft

Das Wort von der Selbstbestimmung scheint gut geeignet, die Philosophie im 21. Jahrhundert am Leben zu halten, aber die Orientierung im Leben bedeutet ja gerade, das bestimmte Selbst in Beziehung zu setzen zu anderen selbstbestimmten Selbsten sowie schließlich der Gesellschaft insgesamt. Als beinah Einzige zitiert Roberta Pasquare Gerhardts zuletzt – im Jahre 2007 – erschienenes Buch „Partizipation“, in dem dieser die bisher umfassendste Version seiner eigenen politischen Philosophie darlegt. Pasquare führt uns nicht auf die Spuren Kants oder Nietzsches, sondern in die Welt der „politischen Metapher“: Ob Staatsverfassungen ein Resultat der lebendigen Natur oder ein künstliches Werk seien, darum habe die politische Theorie seit der Antike – spätestens seit Platons Politeia und den Nomoi – gerungen. Wie wichtig eine eingehende Beschäftigung mit diesem Thema in der Tat ist, zeigt schon das Jahrtausende währende Missverständnis, auf das Pasquare hinweist, wonach die Vertreter der Natur-Metapher angeblich eine die Natur, also das Bestehende bewahrende, somit konservative Haltung ausdrückten, während die Theoretiker der Kunst-Metapher, indem sie den Staat ausschließlich als Werk des Menschen begriffen, für das jeweils Neue als Ausdruck von Fortschritts- oder Veränderungswillen stünden. Weit gefehlt! Man blicke nur auf einen exponierten Vertreter der Kunst-Metapher, nämlich Thomas Hobbes, der den Grundstein für den europäischen Absolutismus gelegt habe – umgekehrt zeige Gerhardt in der „Partizipation“, wie Platon die Gründung einer Stadt als natürlichen Akt interpretiere, der aber zu höher entwickelten Formen des Zusammen-Lebens führe. Pasquare zeigt in wenigen markanten Worten, dass und wie Gerhardt die antagonistische Gegenüberstellung von Natur und Kunst überwunden habe:

„Die vernünftige Natur veranlasst den Menschen dazu, den Naturzustand zu verlassen und das politische Leben als Rechtsstaat zu konzipieren“. Damit ergänzen sich auch die Begriffe Selbstbestimmung und Partizipation, denn für den Menschen als „Urheber und Akteur von Ethik und Politik“ eröffne sich schließlich der „Raum des Urteilens und der Entscheidung, was für das Individuum Autonomie als Selbstbestimmung und für die Gesellschaft Autonomie als gemeinsame Zielsetzung, als politische Partizipation, bedeutet.“

Aber diese Partizipation scheint aktuell in der digitalen Welt gefährdet zu sein. Ursula Pia Jauch warnt sogar vor der „Vertreibung des Lebens“ und wird dabei unterstützt von Mathias Iven, der „Fragen an das Leben in der digitalen Welt“ stellt, die in ihrem Überfluss an Informationen und mithilfe eines sich steigernden „Seelen-Striptease im Netz“ nicht eben zu einer gesprächsbereiten, sich dem anderen zuwendenden Einstellung führe, sondern eher in ohnmächtige Sprachlosigkeit münde. Die Generation Twitter habe sich kurz zu fassen und im Rahmen von 140 Zeichen zu kommunizieren. Dies alles aber widerspreche der Selbstbestimmung, die nur im öffentlich-realen Raum und in der Konfrontation mit einem lebendigen Gegenüber stattfinden könne. Ursula Pia Jauchs Essay steht zwar in der Mitte des Buches, erfüllt aber beinah die Rolle des abschließenden Resümees, indem sie herzhaft polemisch und leidenschaftlich bekennend auszieht, die Geisteswissenschaften und die Philosophie im Besonderen zu verteidigen bzw. zu retten. Gegen wen, möchte man fragen? Es werden z.B. all diejenigen, welche vielleicht einmal die Biologie zur modernen Leitwissenschaft ausgerufen hatten, saftig abgewatscht und von ihrem drittmittelgestützten, snobistisch-wahnhaften Höhenflug auf den Boden der Lebens zurückgeholt:

„Wer genauer hinschaut, weiß, dass auch die neuen life sciences – zieht man einmal das Pathos ab, mit dem die Frontsoldaten der spätmodernen Erkenntniskriege ihren demnächst zu erwartenden Endsieg über das Geheimnis der „Bausteine des Lebens“ in ihrer fulminant formulierten Forschungsgeld-Antragsprosa schon vorzelebrieren; – zieht man also die hochpathetische Erkenntnis-Versprechens-Prosa aus den neuen life sciences ab, so bleibt oft nicht mehr sehr viel. ….Geblieben sind dagegen die alten Fragen. Wir erinnern uns: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“

Aber gegenüber den Forschungs-Geld-Gebern und den Experten- und Evaluationskommissionen könne man sich solche Fragen nicht mehr leisten. Wenn die Philosophie als sog. „analytische Philosophie“ sich den Neurowissenschaften als Magd andiene, so könnte man Jauch interpretieren, dann hätte Lichtenberg wohl Recht gehabt, als er schrieb: „Könnte man nicht sagen: die Philosophie ist auf den Begriff gekommen wie: die Philosophie ist auf den Hund gekommen?“

Die Philosophie am Leben erhalten, um das Leben zu verstehen, zu meistern und zu erleben, damit es nicht durch lebensferne Lebenswissenschaften verengt und schließlich durch einen Druck auf die Taste „delete“ aus der Wirklichkeit vertrieben werde – so verstehen wir den Weckruf der letztgenannten Autoren. Volker Gerhardt hat Anfang der 90er Jahre an der Humboldt-Universität die Philosophie wieder zum Leben erweckt. Aus den „Ruinen“ des Marxismus-Leninismus als „Philosophie-Ersatz“ und den Wirren der Nachwende-Zeit „erwuchs der Philosophie in Berlins Mitte neues Leben“, wie Ulrich Miksch schreibt. Ist dies nicht eine sprechende Metapher dafür, dass die „Gerhardt-Schule“ sich trefflich eignet, mit Verve der Vertreibung der Philosophie aus der Wirklichkeit Einhalt zu gebieten? Volker Gerhardt hat seine Schüler stetig ermuntert und angespornt, auf undogmatischen, nicht immer schon befestigten Wegen die scheinbar natürlichen, aber desto schwierigeren Fragen nach dem Leben zu stellen. Selbstbestimmung, Autonomie des Urteils als Mensch, Philosoph und künftiger Lehrer zu erwerben, wird vielleicht einst als Merkmal der heutigen Berliner Philosophenschule gelten – genauso wie die Fähigkeit, sich dem Leben aus einer Vielfalt der Perspektiven zu nähern und schließlich nach einem ganzen Leben die Frage nach dem Leben besser zu verstehen. Dies jedenfalls schimmert aus den 55 Essays der Festschrift heraus. Und so ist die Hoffnung berechtigt, dass Philosophie auch künftig am Leben bleibt und den mannigfachen Vertreibungsversuchen digitaler, virtueller und post-moderner Welten zum Trotz mehr noch als bisher zum Leben führt, durch das Leben spricht, vom Leben erzählt und sich im Leben verankert weiß.

„Was ist Leben? – Festgabe für Volker Gerhardt zum 65.Geburtstag“ (LINK)
Herausgegeben von Simon Springmann und Asmus Trautsch
Erschienen im Verlag Duncker & Humblot, Berlin als Band 98 der Reihe „Erfahrung und Denken“ ISBN 978-3-428-13155-6

Bildnachweis: Buchcover mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag wurde beendet.