Was vorüber schien, beginnt: zur Neugründung der Moses-Mendelssohn -Stiftung

Share

5 Cent Münze, die mit Moses Mendelssohn umgeprägt wurde80 Jahre nach Gründung der ersten Moses-Mendelssohn-Stiftung zur Förderung der Geisteswissenschaften fand im Anhaltinischen Theater zu Dessau am 6. September 2009 die Feier zur Neugründung dieser Stiftung statt, die den Namen des großen jüdischen Aufklärers, Philosophen und Menschenfreundes trägt. Auch dies ist ein Erfolg, der auf das jahrelange geduldig-ungeduldige Bemühen von Eva Engel-Holland – der Herausgeberin der Mendelssohn Jubiläumsausgabe – zurückgeht.

Von Frank Hahn


Der 6. September 1729 wird als das offizielle Geburtsdatum Moses Mendelssohns angegeben, wenngleich die bedeutendste Mendelssohn-Forscherin unserer Tage, Eva Engel-Holland, bei ihren Recherchen auf den 17. August 1728 als den eigentlichen Geburtstag Mendelssohns gestoßen ist. Wie dem auch sei, am 6. September jedenfalls wurde Mendelssohns Geburtstag in seiner Heimatstadt Dessau mit einer Aufführung von Lessings „Nathan dem Weisen“ sowie der Eröffnung einer Ausstellung zur jüdischen Aufklärung begangen. Parallel dazu wurde die „Moses-Mendelssohn-Stiftung zur Förderung der Geisteswissenschaften“ ins Leben gerufen, in deren Kuratorium sich solch namhafte Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Max Liebermann, Walter Gropius, Hugo Junkers, Max Planck, Adolf von Harnack finden. Hier spätestens stolpert der Leser und kann unschwer erkennen, dass nicht vom 6.September 2009 die Rede sein kann, sondern tatsächlich der 6.September 1929 gemeint ist. In jenem Jahr, als die Weltwirtschaftskrise mit ihren verheerenden ökonomischen, sozialen und politischen Folgen über die Welt hereinbrach, pulsierte in Deutschland noch ein vielfältiges, modernes, weltoffenes und Brücken bauendes kulturelles und wissenschaftliches Leben, an dem in der ersten Reihe jüdische Denker beteiligt waren. Die erwähnte Ausstellung in Dessau wurde von der örtlichen jüdischen Gemeinde mitgetragen und zeigte jüdische Kultgegenstände und Tora-Rollen und führte in die Welt des osteuropäischen Judentums genauso ein wie in die der jüdischen Aufklärung. All dies war ein Geschenk zum 200. Geburtstag des berühmten Philosophen Moses Mendelssohn, der als gläubiger Jude die kulturelle und geistige Entwicklung Deutschlands am Ende des 18. Jahrhunderts stark geprägt hat. Er galt als Berliner Sokrates, der die philosophischen Ideen eines Leibniz mit der Ästhetik Shakespeares zu einem gesellschaftlichen Diskurs amalgamierte, aus dem viele große Köpfe jener Zeit dankbar schöpften – von Wieland und Goethe bis zu Kant, Schiller und Humboldt.

Es lag also nahe, zu seinem 200. Geburtstag – neben der erwähnten Ausstellung – das Projekt einer Neuauflage seines Gesamtwerks (es sollte eine Jubiläumsausgabe mit 16 Bänden werden) als erste Aufgabe der neuen Moses-Mendelssohn-Stiftung ins Leben zu rufen. Die Namen Einstein, Liebermann, Gropius, Junkers, Planck, Harnack als Kuratoren dieser Stiftung wurden bereits stellvertretend genannt; aber es waren die direkten Nachfahren Moses Mendelssohns, die das Projekt erst ermöglichten: Franz von Mendelssohn, sein Sohn Robert sowie Paul von Mendelssohn-Bartholdy als Inhaber und Teilhaber des Bankhauses Mendelssohn stellten den größten Teil des Stiftungskapitals zur Verfügung. Während sich Moses Mendelssohn seiner jüdischen Herkunft wegen noch demütigenden Pöbeleien auf den Straßen Berlins ausgesetzt sah und zeitlebens vergeblich um die Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften gekämpft hat, war sein Urenkel Franz nicht nur ein angesehener Bankier, sondern Präsident der Handelskammer Berlin sowie des Deutschen Industrie-und Handelstages. Es kamen also vor 80 Jahren die führenden (überwiegend jüdischen) Köpfe aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst im anhaltinischen Dessau zusammen, um mit der Gründung der Moses-Mendelssohn-Stiftung nicht zuletzt auch die wissenschaftliche Forschung von der enervierenden und erdrückenden Jagd nach – auch damals schon benötigten – Drittmitteln zu entlasten.

Diese knapp zusammengefassten Hintergründe mögen die Bedeutung der Wiedergründung der Moses-Mendelssohn-Stiftung im Jahre 2009 – nach NS-Diktatur, Krieg und deutscher Teilung sowie rechtzeitig zum 280. Geburtstag des jüdischen Aufklärers und Philosophen – unterstreichen. Wir mögen heute vergeblich nach den Einsteins in der Wissenschaft und den Mendelssohns im Bankenwesen suchen, wir mögen es auch beklagen, dass die ganz „großen Namen“ bei der Gründung der Stiftung und der hierzu anberaumten Feier fehlten – umso mehr aber sind sich die heutigen Gründer bewusst, dass der Umgang mit den vielfältigen Krisen unserer Zeit in nicht geringerem Maße nach neuen geistigen Impulsen verlangt als dies vor 80 Jahren der Fall gewesen ist. Dem wurde denn auch in mancher Rede anlässlich der Feier im Anhaltischen Theater Rechnung getragen. So zog die Vorsitzende der Dessauer Moses-Mendelssohn Gesellschaft, Angelika Storz, in ihrem kurzen Vortrag direkte Parallelen zwischen 2009 und 1929:

„1929 hatten wir eine Weltwirtschaftskrise, 2009 erleben wir wieder eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise. So wie damals wollen wir mit der Moses-Mendelssohn-Stiftung ein Zeichen gegen die Radikalisierung und Brutalisierung der Gesellschaft setzen. Gerade die deutsch-jüdische Zusammenarbeit kann uns wie vor 80 Jahren neue Antworten auf die drängenden Fragen geben, vor denen Europa und die Welt heute steht…..was können wir in der gegenwärtigen Krise also besseres tun als eine Stiftung zur Förderung der Geisteswissenschaften ins Leben zu rufen? Manager und Wirtschaftsleute müssen Geisteswissenschaften studieren – auch dies wird ein Weg sein, künftigen Krisen vorzubeugen.“

Diesen unbedingten Bezug zur Gegenwart hat die eigentliche Mentorin des ganzen Projekts, Eva Engel-Holland, von Anfang an in kristallener Reinheit formuliert. Im Gründungsaufruf der Stiftung erwähnt Engel-Holland Mendelssohns Beiträge auf den Gebieten der Ästhetik, der Mathematik, Metaphysik, Naturphilosophie, Jurisprudenz, Religionsphilosophie, vergleichenden Sprachwissenschaft – und nicht zuletzt der Staatsökonomie und des Handelsrechts. Und sie fordert:

„Die Breite und Tiefe des Mendelssohnschen Denkens ist wegweisend auch für unsere Zeit: Er hat die verschiedenen Wissenschaftsgebiete in ihrem inneren Zusammenhang gesehen. Eine Mendelssohn verpflichtete Stiftung zur Förderung der Geisteswissenschaften muss heute seinem Denkansatz gerecht werden. Die Stiftung möchte Menschen bei der Suche nach weiteren Denkanstößen für die Zukunft – ohne Ansehen der Religion – unterstützen. Eine Moses Mendelssohn-Stiftung zur Förderung der Geisteswissenschaften wäre heute als öffentliches Forum für die Debatte und zur Verständigung zwischen Geisteswissenschaften, Wirtschaft, Politik und Kultur dringend notwendig.“

Mendelssohns Geburtsstadt Dessau fühlte sich diesem Anspruch irgendwie schon immer verpflichtet. Sie wurde im 18. Jahrhundert von aufgeklärten Herzögen regiert, die den Juden besondere Rechte einräumten und die schönen Künste und Wissenschaften förderten. Sinnbild dieser Zeit und Gesinnung ist nach wie vor der berühmte Landschaftspark Wörlitz vor den Toren Dessaus, der den Landschafts- und Gartenbauern wie Peter Lenne usw. als Vorbild diente. Der Flugzeugbauer Hugo Junkers sah Anfang des 20. Jahrhunderts sich und seine Tätigkeit ganz in dieser geistigen Linie, er war ein Unternehmer, wie man ihn sich heutigen Tags wünschen würde, der sicher auch in Nischen hier und dort noch existieren mag, sich aber momentan wohl gegen „Corporate Managers“ und ähnliche undefinierbare Gestalten kaum durchsetzen kann. Junkers wollte das Projekt einer Moderne voranbringen, in der Kunst, Ethik, Wissenschaft, Technik und Wirtschaft in einem sich ständig erneuernden und vertiefenden geistigen Austausch miteinander die Gesellschaft bereichern, die Wunden des ersten Weltkriegs heilen und den Anspruch der Aufklärung im Sinne Mendelssohns einlösen sollten. So war es nicht zuletzt Junkers` Bemühen zu verdanken, dass Walter Gropius sich mit dem Bauhaus in Dessau niederließ, nachdem er in Weimar nicht mehr erwünscht war.

Zu den Gründern der neuen Moses-Mendelssohn-Stiftung gehört Bernd Junkers, Enkel des legendären Flugzeugbauers. In seiner Rede bei den Dessauer Feierlichkeiten ging Bernd Junkers auf die charakteristischen Prinzipien ein, die den Großvater in seiner Tätigkeit prägten und leiteten. So habe Hugo Junkers seinen Technologie-Konzern mehr als eine Universität denn als eine Fabrik betrieben, er habe sich sozialen und humanitären Problemen gewidmet und sich nicht gescheut, mehrere Kinder aus linksintellektuellem und kommunistischem Haus als Berater aufzunehmen. Seine unternehmerische Ethik ließe sich in zwei Prinzipien zusammenfassen: 1. Die Fabrik ist nicht das Eigentum des Kapitalgebers, sondern gehört allen. 2. Der Unternehmer hat ein Interesse am Gedeihen des Ganzen und ordnet sich deswegen selbst dem Ganzen, der allgemeinen Zielsetzung und den daraus resultierenden Aufgaben unter.

Junkers habe sich gegen die Auffassung eines Raubtier-Kapitalismus verwahrt, der sich in der rücksichtslosen Jagd nach Profit selbst zerstören müsse, vielmehr habe für ihn das Wohl seiner Arbeiter an erster Stelle gestanden – als Wissenschaftler war sein Credo berühmt: „Wo der Zweifel fällt, kann kein wissenschaftliches Denken mehr gedeihen“. Wen wundert es da, dass Junkers bereits 1934 von den Nazis enteignet wurde?

In jedem Fall knüpft Dessau mit der Wiedergründung der Moses-Mendelssohn-Stiftung an seine große Tradition der Aufklärung, der Symbiose von Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft an. Entsprechend regte Eva Engel-Holland in ihrem kurzen Vortrag bei der Feier in Dessau an, als erstes Projekt der wieder gegründeten Stiftung die Bedeutung der mathematischen Schriften Mendelssohns zu erforschen. Immerhin habe dieser zu den Themen Wahrscheinlichkeit und negative Größen bereits in den 50er Jahren des 18. Jahrhunderts interessante Beiträge geliefert. Neben seinem Freund, dem Mathematiker Thomas Abbt, stand Mendelssohn auch in Korrespondenz mit Euler und Boskovich. Dieser Vorschlag kam vielleicht überraschend, unterstreicht jedoch exemplarisch die Zusammenschau verschiedener Wissensgebiete, wie sie Mendelssohn angeregt und selbst gepflegt hat. Engel-Holland wies in diesem Zusammenhang auf den 11. Brief aus Mendelssohns philosophischem Erstlingswerk hin, den „Briefen über die Empfindungen“. Hier lässt Mendelssohn die scharfen Grenzen zwischen ästhetisch sinnlicher Wahrnehmung sowie wissenschaftlicher Forschung und Erkenntnis durchlässig werden. Schönheit, die in der Anschauung einer einheitlichen Mannigfaltigkeit sinnliche Lust gewährt, wird bei Mendelssohn mit der vernunftgemäßen Erkenntnis am Beispiel der (mathematischen) Größenordnungen in der Harmonienlehre auf eine Weise verknüpft, die uns körperlichen Genuss gewährt. Ist dies nicht ein schönes Beispiel für den gerade heute nötigen Diskurs über ein enges Beziehungsgeflecht zwischen Wissenschaft, Philosophie und Kunst? Alle drei hätten darin die Aufgabe, sich gegenseitig zu korrigieren, damit unter dem sinnlich wahrnehmenden Element der Kunst, dem analytisch erkennenden der Wissenschaft und dem immer neue Bezüge herstellenden der Philosophie nicht eines die Oberhand gewinnt, sondern durch das ineinander verwachsene Wirken aller drei das geistig-sinnliche sowie moralische Vermögen im Menschen gebildet werde.

Es ist gewiss kein Zufall, dass große Philosophen wie Mendelssohn immer auch von mathematischen Fragestellungen fasziniert waren. Ob wir mit negativen Größen, dem Infinitesimalen oder der Idee der Wahrscheinlichkeit arbeiten, es wird in jedem Fall das cartesische Koordinatensystem in Frage gestellt, in dem sich Denkstrukturen eingenistet haben, die unhinterfragbare, eindimensional nur in eine Richtung zu verfolgende Ziele postulierten. Eine menschliche Gemeinschaft aber kann sich innerhalb eines solchen Systems nicht entwickeln, sondern nur in einer Umgebung des erwünschten und erlaubten ständigen Perspektivenwechsels, der sich erst in der gegenseitigen Durchdringung mathematischer, philosophischer, sprachlicher und ästhetischer Sichtweisen einstellt.

Dass immer weniger Menschen diesen Zusammenhang zwischen Mathematik. Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Moral als exotisch empfinden mögen, sei eine der ersten Aufgaben der neugegründeten Moses-Mendelssohn-Stiftung zu Dessau. Ihre Gründer, von denen wir die wichtigsten vorgestellt haben, würden hier sicher rückhaltlos zustimmen.

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag wurde beendet.