Hugo Junkers und die Moses-Mendelssohn-Stiftung

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5 Cent Münze, die mit Moses Mendelssohn umgeprägt wurde Der Flugzeugbauer Hugo Junkers stand im Dessau der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts zusammen mit den Kulturschaffenden von Bauhaus und Theater für den Aufbruch in die Moderne, der nicht zuletzt auch aus den Ideen der Aufklärung eines Moses Mendelssohn genährt wurde. Aus Anlass der Neugründung der Moses-Mendelssohn-Stiftung Dessau im September 2009 porträtierte der Enkel Bernd Junkers in seiner Rede den berühmten Großvater, wobei er Spuren der faszinierenden Atmosphäre jener Jahre vor beinah einem Jahrhundert einfing.

Von Bernd Junkers


Ich möchte mich zu Beginn meiner kurzen Ausführungen an Sie, sehr verehrte Frau Dr. Engel wenden und mich in die Schar der Gratulanten einreihen, die Sie heute zu dem großen Ereignis beglückwünschen. Mit der Überreichung der Genehmigungsurkunde für die Moses-Mendelssohn-Stiftung haben Sie und Ihre Mitstreiter endlich das Ziel erreicht, das Sie sich vor langer Zeit gesteckt hatten und das manchem als unerreichbar galt. Ein schöneres Geburtstagsgeschenk kann es wohl nicht geben.

Der heutige Tag lässt uns erwartungsvoll in die Zukunft blicken und ich bin sehr gespannt darauf, welche Bedeutung die Stiftung erreichen wird. Der Tag erinnert uns aber auch an die Vergangenheit. Das Wort „Wiederbegründung“ macht ja deutlich, dass etwas zerstört wurde während der unsäglichen Periode, als auch in Dessau die Nationalsozialisten die Macht übernahmen. Ausgerechnet in Dessau, der Stadt, die zwei der exponiertesten Verfechter der Aufklärung zu ihren Söhnen zählt: Den 1740 geborenen Landesfürsten Leopold III von Anhalt-Dessau und den 1728 geborenen Gelehrten Moses Mendelssohn. Und in der zwei Jahrhunderte später Hugo Junkers einen Technologiekonzern aufgebaut hatte, der deshalb so erfolgreich war, weil, wie die russische Schriftstellerin Larissa Reissner nach einem Besuch sagte, „er mehr einer Universität, denn einer Fabrik glich…“ Denn Hugo Junkers war nicht nur Technikforscher und Unternehmer, sondern hat sich intensiv mit humanitären, sozialen, politischen kulturellen und pädagogischen Problemen seiner Zeit auseinander gesetzt. Die Stadt Dessau hatte Hugo Junkers dazu die passenden Rahmenbedingungen, die Toleranz und Freiheit geboten, technische Visionen zu entwickeln und zu realisieren und es war besonders diese Aufbruchstimmung, diese Offenheit gegenüber der Moderne, die auch das Bauhaus nach Dessau gelockt hatte.

Versetzen wir uns doch in die Zeit der Zwanziger Jahre zurück: Die Monarchie war zusammen gebrochen, die Schrecken des ersten Weltkrieges hatten sich tief in des Bewusstsein der Menschen eingeprägt und die Autorität der neuen Obrigkeit war nach wie vor brüchig.

Auch mit der Autorität von Hugo Junkers war es nicht zum Besten bestellt. Der Patriarch bemühte sich zwar redlich, seinen 12 Kindern jene Selbstzucht anzuerziehen, die einen wichtigen Kern seiner Anthropologie ausmachte. Jedoch ohne nachhaltigen Erfolg. Die bereits zitierte Schriftstellerin Larissa Reissner, die auch die Familie Junkers besucht hatte, beschrieb das so:

„Bei ihm zu Hause herrscht die wahre Hölle. Wenn irgendein Assistent mit einem Papier zur Unterschrift kommt, ist es ein Problem, einen Winkel zu finden, wohin die lebensfreudigen Stimmen der prachtvollen, sich selbst erziehenden Kinder nicht dringen, von Kindern, die so wachsen, wie es ihrer inneren Logik als Kindermodelle entspricht. Ein ernsthaftes Gespräch bei Tisch ist einfach undenkbar. Immer wird sich ein minderjähriges Individuum bei Tisch finden, dem die ganze Situation außerordentlich komisch vorkommt. Und es wird auf dem weises Haupt seines Erzeugers einen Wildentanz aufführen.“

Das Haus der Junkers in der Albrechtstrasse galt als offen, überaus lebendig und diskutierfreudig. Freunde der Kinder waren willkommen und ihrem Einfluss ist es im wesentlichen zuzuschreiben, dass sich drei der älteren Kinder von Hugo Junkers, und zwar Herta, Klaus und Anneliese, in ihrer Jugend zu linksintellektuellen, kommunistischen Ideen hingezogen fühlten und über einige Jahre auch bekannten. Drei ihrer Freunde mit eindeutig linksintellektueller kommunistischer Vergangenheit sollten in späteren Jahren in den Junkers-Werken eine wichtige Rolle spielen und die Entscheidungen von Hugo Junkers erheblich beeinflussen. Es handelte sich erstens um Peter Drömmer, einem expressionistischen Maler aus der Künstlerszene Kiels, den Hugo Junkers 1923 als späteren Leiter in der Junkers-Propaganda einstellte. Peter Drömmer entwarf das Junkers-Zeichen mit dem fliegenden Menschen, pflegte intensive Kontakte zum Bauhaus und heiratete 1933 die Junkers-Tochter Anneliese. Ihm folgte der Schriftsteller Richard Blunck als Mitarbeiter in seiner Propagandaabteilung. Richard Blunck verfasste später eine bedeutende Junkers-Biographie. Dr. Adolf Dethmann als Dritter wurde zunächst von Hugo Junkers als Privatsekretär berufen, übernahm dann leitenden Stellen im Konzern und wurde ein sehr enger Vertrauter von Hugo Junkers.

Aus den zahlreichen Tagebucheinträgen von Hugo Junkers lässt sich ablesen, dass er sich intensiv mit der Frage beschäftigte, wie die Welt friedlicher, humaner und gerechter gestaltet werden könne. Wir wissen, dass er einen Beitrag darin sah, mit dem Flugzeug die Menschen und Nationen einander näher zu bringen. Aber auch als Unternehmer ging er eigene, ungewöhnliche Wege, was er in seinen Tagebuchaufzeichnungen als „sein „industrielles Glaubensbekenntnis“ so festgehalten hat:

  1. „Das Kapital, die Fabrik, den ganzen geschäftlichen Organismus sehe ich nicht als mein Privateigentum an, sondern als das aller Beteiligten, vom Leiter bis zum letzten Lehrjungen und Tage­löhner
  2. „Da das Gedeihen des Ganzen in erster Linie von dem ethisch­moralischen Verhalten des betreffenden Mitarbeiters abhängt, seiner vorbildlichen Unterordnung unter das Ganze, seiner Auf­opferung für das Ganze, so sind dies die entscheidenden Merk­male für die Beurteilung der Befähigung zu leitenden Stellen (Direktor, Abteilungsvorstand, Meister, Vorarbeiter etc.).“ und
  3. „Daraus ergibt sich also von selbst, dass die Stellung des Leiters des Gesamtunternehmens (- damit meinte er sich selbst-) das größte Maß von Unterordnung unter die Aufgabe … in sich schließt. Nur wenn und solange der an leiten­der Stelle Stehende auch andere übertrifft durch die genannten Eigenschaften, hat er Anspruch auf die leitende Stelle – und darf sie innehaben.“

Dabei handelte es sich nicht um öffentlich proklamierte Standpunkte, etwa in verklärender Werbeabsicht, sondern um Notizen in einem sei­ner Tagebücher, die zu seinen Lebzeiten kein Außenstehender einsah. Junkers verstand sich nicht als herrschender Besitzer, sondern sah sich an der Spitze seiner Unternehmungen infolge unerlässlicher Arbeitsteilung und der ihm damit zugeordneten sozialen Verantwortung. In einer Rede vor Dessauer Arbei­tern im November 1924 hat er diese seine Auffassung dahingehend verdeutlicht, dass er sich als Arbeitgeber verstehe, der sich um die Arbeitsmöglichkeiten seiner Mitmenschen sorge, nicht aber als solch ein Kapitalist, der, so wörtlich, „auf Raubbau aus­geht, indem er rücksichtslos seinen Profit als allein entscheidend für sein Han­deln ansieht…“.

Man kann sich vorstellen, dass diese Einstellung in Unternehmerkreisen nicht sehr populär war. Auch als Hochschullehrer während der Jahre in Aachen hatte er sich als Professor für Thermodynamik er bei Kollegen unbeliebt gemacht, indem er die praktische Ausbildung der Studenten zulasten des damals üblichen Vorlesungsbetriebes erheblich ausweitete. Dabei hielt er seine Studenten an, kritisch zu sein, Althergebrachtes in Frage zu stellen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Dies entsprach seinem Leitmotiv: Wo Zweifel fehlt, kann auch kein wissenschaftliches Denken sein.

Neben seinem hohen Ansehen als Forscher und Unternehmer wird es wohl genau diese Offenheit gegenüber Neuem, gepaart mit der gesunden Skepsis gegenüber dem Geläufigen, gewesen sein, das die damalige Stadtverwaltung unter dem liberalen Oberbürgermeister Hesse veranlasste, Hugo Junkers als einen ihrer Vertreter in das Kuratorium der neu gegründeten Moses-Mendelssohn.Stiftung zu entsenden. Und Hugo Junkers war, wie die Unterlagen zeigen, engagiert bei der Sache, wenn es im Kreise der Nachfahren von Mendelssohn und Wissenschaftlern wie Albert Einstein, Max Planck und Eduard Spranger oder Künstlern, Architekten und Schriftstellern wie Max Liebermann, Walter Gropius und Arnold Zweig darum ging, die Geisteswissenschaften durch Vergabe von Forschungsmitteln zu fördern.

Es war eine nur kurze, aber fruchtbare Zeit, in der die Moses-Mendelssohn-Stiftung agieren konnte. Das Ende traf, wie wir wissen, sie selbst und ihre Akteure mit voller Härte. Um nur drei davon zu nennen:

Das Bauhaus musste 1932 von Dessau nach Berlin umziehen und wurde im darauffolgenden Jahr von den Nationalsozialisten, als die „Kirche des Kommunismus“ diffamiert, geschlossen. Walter Gropius emigrierte 1934 zunächst nach England und zog 1937 weiter in die USA.

Fritz Hesse, ebenso wie Hugo Junkers Mitglied der von den Nazis als Judenpartei diffamierten Deutschen Demokratischen Partei, wurde im März 1933, aus dem Amt getrieben.

Hugo Junkers wurde 1933 unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis in einem Geheimverfahren des Landesverrates bezichtigt, aus Dessau ausgewiesen und seine für die Aufrüstung wichtigen Flugzeug- und Flugmotorenwerke unter Zwang verstaatlicht. In den Augen von Göring und seinen Helfern musste er ausgeschaltet werden, denn er galt er als überzeugter Demokrat und Pazifist, starrköpfig und von kommunistischen und jüdischen Mitarbeitern beeinflusst. Als perfides Druckmittel im Kampf um seine Werke wurden dabei unter anderem die bereits erwähnten Mitarbeiter Dethmann und Drömmer in Schutzhaft genommen und erst wieder freigelassen, als Junkers seine Unterschrift unter den Enteigungsvertrag gesetzt hatte.

Über das Schicksal der Moses-Mendelssohn-Stiftung nach der Machtergreifung wird Herr Ziegler in der Festansprache berichten. Sie wurde ausgelöscht, wie alles Jüdische in den folgenden Jahren.

Wir haben es Ihnen, verehrte Frau Dr. Engel und Ihrer Mitstreitern zu danken, dass nach diesem Ende ein neuer Anfang steht und es ist mir eine Freude und Ehre, als Enkel von Hugo Junkers dazu einen Beitrag leisten zu können. Ich hoffe, und das ist mein persönliches Anliegen, damit auch einen Beitrag gegen das Erstarken rechter Tendenzen leisten zu können.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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