Westliche Angst versus östliche Hoffnung?

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Buchcover von D. Moisi Kampf der Emotionen

Dominique Moïsis Neuverteilung der Emotionen im globalen Spiel der Mächte

Rezension seines Buchs: Kampf der Emotionen – Wie Kulturen der Angst, Demütigung und Hoffnung die Weltpolitik bestimmen, (Originaltitel: The Geopolitics of Emotion), Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009, 240 Seiten.

Von Reinhard Hildebrandt


Abstrakte Theorien und quantitative Analysen versus Emotionen – dieser Gegensatz bildet den Ausgangspunkt von Moïsis Experiment

Moïsi gibt zu bedenken, Emotionen hätten nicht zu unterschätzende Auswirkungen für die Einstellung von Menschen auf die zwischenstaatlichen Beziehungen und auf das Verhalten von Völkern untereinander. Emotionen spiegelten den Grad des Selbstvertrauens einer Gesellschaft wider. Im kollektiven Bewusstsein der Völker hänge von ihnen ab, wie gut ein Volk eine Herausforderung bewältigen und sich veränderten Rahmenbedingungen anpassen könnte. Weder Politiker noch Historiker und auch nicht interessierte gewöhnliche Bürger könnten sie ignorieren. Sie in einem emotionalen Muster der Welt zu erfassen, sei zwar ein gefährliches Unterfangen, aber zu behaupten, solche Muster existierten nicht, sei noch gefährlicher (S. 53).

In seinem Modell verknüpft er drei geopolitische Großräume mit jeweils einer vorherrschenden Emotion: Hoffnung bei den Asiaten, die Kultur der Demütigung in der arabischen Welt und Angst im traditionellen Westen (USA/Europa). Darüber hinaus nennt er noch einige andere kleine geopolitische Räume, in denen eine Vermischung der Emotionen vorliegen soll (z.B. Israel). Moïsi fasst die drei Emotionen in den folgenden griffigen Formeln zusammen: Hoffnung („Ich will es tun, ich kann es tun, und ich werde es tun.“), Demütigung („Ich werde es nie schaffen.“) und Angst („Lieber Himmel ,die Welt ist zu einem gefährlichen Ort geworden; wie kann ich mich vor ihr schützen“) (S. 21).

Moïsi gesteht selbst ein, dass sein Vorhaben, die Auswirkungen menschlicher Emotionen auf die großen Ereignisse in vielschichtigen Großräumen lediglich „im Allgemeinen“ (S.24) unter den Begriffen Hoffnung, Demütigung und Angst zu erfassen, „etwas provokativ und vielleicht zu vereinfachend“ sei (S. 61). Mit seinem Experiment folge er aber seiner Einsicht, dass „im Zeitalter der Globalisierung (…) die Beziehung zum ‚Anderen‘ (dem Fremden) mehr denn je von grundlegender Bedeutung“ ist (S. 40).

Der in früheren Zeiten lediglich als Kuriosum bestaunte „Andere“ hätte „die westliche Welt“ zu keinem Zeitpunkt zur Hinterfragung ihrer „eigenen Identität“, ihrer „sozialen und politischen Modelle“, herausgefordert. Selbst in seiner Gestalt als „absolut Anderer“ des kommunistischen Systems sei er nur als die „andere Seite des Westens“ begriffen (R.H.: und – wie man hinzufügen muss – ausgeschlossen) worden. Im Zeitalter der Globalisierung jedoch käme das „absolut Andere“ „nicht nur aus einer anderen, nicht-westlichen Kultur, sondern auch, in gewisser Weise, aus einem anderen Jahrhundert“ (S.40/41).

Sowohl der Aufstieg Asiens wie der aufkeimende Fundamentalismus stellten für den Westen eine große Herausforderung dar, der er sich „mit tiefgreifenden Fragen nach seiner Identität“ zu stellen habe: „Wer sind wir? Was macht uns besonders und andersartig? Die Beantwortung dieser Fragen ist für den Westler, der es gewohnt ist, die Welt in den Kategorien von ‚wir‘ und ‚sie‘ zu deuten, viel schwieriger als für einen Chinesen oder Inder, der es gewohnt ist, in parallelen Welten zu leben, nämlich seiner eigenen und einer Welt, die vom Westen beherrscht wird“ (S.41).

Obwohl sich dieser Ansatz auf den ersten Blick ganz selbstkritisch gibt, verdeckt er doch ein hohes Maß an Unbewusstheit: Offenbar war Moïsi für lange Zeit nicht bewusst, wie verletzend die Selbstbezogenheit des „Westens“ auf Menschen wirken musste, die beispielsweise während des Ost-West-Konflikts im geteilten Berlin unmittelbar vor oder gar hinter der Mauer lebten. Er erwähnt nur ganz nebenbei, dass die Mauer aus Ignoranz im Denken und Handeln in Berlin als Mauer aus Beton auch ganz real existierte. Über die gravierenden Folgen westlicher Selbstbezogenheit in nichtwestlichen Regionen musste er sich, der sich vollkommen im Kokon eines anglo-amerikanisch bestimmten Weltbildes und Wissenschaftsbetriebes aufgehoben fühlte, in der Tat lange Zeit keine Rechenschaft ablegen. Dieser Kokon begrenzte seinem Blick bis über das Ende des Kalten Krieges hinaus.

Moïsis „Weltkarte der Emotionen“

Im asiatischen Raum bezieht Moïsi die Hoffnung als vorherrschende Emotion auf die dort lang ersehnte und jetzt realistisch gewordene ökonomische und gesellschaftliche Teilhabe am materiellen Fortschritt (S.55). Das vorherrschende Gefühl der Demütigung im arabisch-islamischen Raum leitet er aus dem im Lauf der Geschichte fortschreitenden Bedeutungsverlusts ab (S.94). Die Kultur der Angst entspringt für Moïsi aus der Identitätskrise des Westens, im globalen Konzert nicht mehr den Ton angeben zu können (S.134).

Die Kultur der Hoffnung in China und Indien

Moïsi stützt sich – entgegen seines Vorbehalts gegenüber quantitativen Methoden – dennoch gleich zu Beginn auf eine aktuelle Umfrage des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts PEW, nach der die Chinesen das zuversichtlichste Volk der Welt sind (S.60). An mehreren Beispielen aus der Architektur, der Musik, dem Theater und der Mode erläutert er außerdem, dass es die Chinesen in kultureller Hinsicht nicht mehr nötig hätten, „sich besonders defensiv (oder besonders offensiv) zu geben; sie können einfach sie selbst sein: das einzigartige Resultat einer Durchmischung von westlichen und östlichen Einflüssen“ (S.58). China sei stolz auf die eigene vergangene Größe und glaube fest daran, dass es zu dieser alten Größe zurückkehren werde. China sei schon immer das bevölkerungsreichste Land der Erde gewesen, in dem die Angst der jeweiligen Herrscher vor gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Chaos dazu geführt habe, das Individuum der „kollektiven Logik“ zu unterwerfen (S.65). Entsprechend dieser zwingenden „Logik“ wünschten sich Chinesen materiellen Fortschritt, bessere Wohnverhältnisse und das Recht auf Reisefreiheit und hielten Meinungs- und Pressefreiheit für sehr viel weniger erstrebenswert (S.71).

Anders als China, meint Moïsi, betrete Indien die Weltbühne zum ersten Male (S.73). Trotz fehlender großer imperialer Vergangenheit besitze es „eine reichhaltige und wirkmächtige Tradition“. In Indien sei die Formel von der „größten Demokratie der Welt“ zum etablierten Ritual geworden (S.75) und die „komplexe Vielfalt“ garantiere das Überleben und die Stabilität Indiens. Vermutlich gäbe es in Indien vergleichsweise mehr Hoffnung und weniger Verzweiflung als in China (S.77). Sehr reiche Inder seien erstaunt darüber, was sie in so kurzer Zeit erreicht haben. Eine wichtige Rolle spielten auch die zwanzig Millionen Auslandsinder, die im zunehmenden Maße erfolgreich und selbstbewusst aufträten (S.78).

In welcher Weise „die beiden großen Imperien der Hoffnung“ (S.84) ihre Plätze als globale Mächte dauerhaft behaupten könnten, wird laut Moïsi von ihrer Fähigkeit abhängen, sich zu reformieren. „Moïsi fragt: „Kann China ein Wachstumsmotor für die Weltwirtschaft bleiben und zur größten Handelsnation der Welt werden, ohne die innenpolitische Entwicklung zu beschleunigen? Wird China der aussichtsreichste Markt für multinationale Konzerne bleiben, wenn Beijing weiterhin eine Politik gängelnder Bevormundung betreibt? Kann Indien einen arbeitsintensiven Fertigungssektor im großen Stil aufbauen, ohne Millionen von Landbewohnern, die heute in tiefster Armut leben, wenigstens eine elementare Schulbildung zukommen zu lassen? Und wie lang wird Indien für westliche Firmen ein attraktiver Lieferant von Gütern und Dienstleistungen bleiben, ohne die grassierende Korruption in Wirtschaft und Verwaltung energisch zu bekämpfen?“ (S.86). Am Ende des gesamten Kapitels rückt Moïsi von hochfliegenden Visionen der Hoffnung für den asiatischen Großraum ab. Es handele sich letztlich nicht um eine Hoffnung, die auf Träumen vom weltweiten Frieden und globaler Freiheit basiere, „sondern einfach auf der Vision ständig steigenden materiellen Wohlstands“ (S.87). Diese bescheidene Hoffnung erfülle sich jedoch nur, wenn es beiden Ländern schließlich gelinge, multinationalen Konzernen günstige Bedingungen für ein dauerhaftes Engagement in beiden Volkswirtschaften zu bieten.

Unzulänglichkeiten in der Analyse – Dehnbarkeit des Begriffs Hoffnung

Dehnbarer als bei Moïsi kann man den Begriff Hoffnung kaum auslegen. Hoffnung und Nichthoffnung verschwimmen sogar ineinander und der jeweilige Grad an Hoffnung bleibt gänzlich im Ungewissen. Der Bedeutungsunterschied zwischen Hoffnung, Mut, Vertrauen, Erwartung usw. wird kaum diskutiert. Die Erfüllung des Rests von Hoffnung wird außerdem einseitig vom Wohlwollen der transnationalen Konzerne vorwiegend westlicher Prägung abhängig gemacht. Um ihre Gunst sollten sich die Führungen Chinas und Indiens bemühen, meint Moïsi. Dass die schillernde Hoffnung der chinesischen und indischen Bevölkerung auch auf andere Weise erhalten und gestärkt werden könnte, zieht er nicht in Erwägung. Die chinesischen und indischen Machteliten werden sich darüber ihre eigenen Gedanken machen und nicht einseitig auf das Wohlwollen transnationaler Konzerne setzen, wie es ihnen Moïsi empfehlt.

Unzulängliche Fundierung der Hoffnung

Moïsis Verweis auf eine aktuelle amerikanische Meinungsumfrage und den Zwangscharakter der „kollektiven Logik“ enthebt nicht der Einsicht Immanuel Kants, dass alle Formen des Bewusstseins seiner selbst (Selbstbewusstsein, Selbstbezogenheit, Selbstbehauptung, Fürsichsein, Identität usw.) stets an das einzelne Individuum gebunden bleiben. Es gibt kein allgemeines Selbstbewusstsein, keine allgemeine Identität und schon gar keine „kollektive Logik“. Die logischen Schlüsse des Individuums beruhen auf seiner ganz individuellen Wahrnehmung des sinnlich Wahrnehmbaren sowie einem einzigartigen Reflexionshintergrund, der nur in ihm und in keinem anderen Individuum in der gleichen Weise existiert. Eine der Systematik verpflichtete Logik verhilft zwar dem Individuum zur Klärung seiner anfangs konfusen Wahrnehmungen und Reflexionen. Sie kann die Differenz von Individuum zu Individuum jedoch nicht auslöschen, bestenfalls den Versuch unternehmen, in Lernprozessen Differenzen intersubjektiv erfahrbar zu machen.

Auf Fragen in Umfrageaktionen reagiert das Individuum meistens eher mit spontanen geäußerten Antworten, die nicht das gesamte Spektrum seines Beurteilungshintergrunds offenbaren. Eine Nuance der Veränderung in der Fragestellung kann aus diesem Grunde bereits eine völlig andere Antwort hervorrufen. Für mehr Valididät von Meinungsumfragen wäre es deshalb nötig, wenigstens die Begründung einer geäußerten Meinung mitzuliefern. Ohne Beurteilungshintergrund und Begründung befinden sich Meinungsumfragen auf unsicheren Untergrund. Angesichts dieser manifesten Unsicherheiten den Begriff Hoffnung zur dominanten Emotion für eines ganzen Großraums zu erklären, ist ein mehr als kühnes Unterfangen. Außerdem beruft sich Moïsi nur auf eine einzige Umfrage.

Ergänzend benennt Moïsi Symbole als weitere untrügliche Zeichen der Hoffnung. Seiner Ansicht nach signalisieren sie den Grad an Hoffnung auf Fortschritt und Machtzuwachs. Die Bedeutung von Symbolen unterliegt jedoch kulturellen Unterschieden. Was ein „Westler“ als Symbol gewachsenen Selbstvertrauen und Hoffnung auf mehr Anerkennung interpretiert, kann im asiatischen Kontext Angst vor Gesichtsverlust signalisieren. Moïsi überprüft nicht seinen eigenen westlichen Maßstab, sondern setzt ihn einfach als allgemeingültig voraus.

Für Moïsi ist auch die Art, wie sich Bevölkerung an vergangene Geschichtsepochen erinnert, ein Quell der Hoffnung. Zweifelsohne existiert in der Bevölkerung der meisten Gesellschaften ein kollektives Gedächtnis bzw. eine Erinnerungskultur, die auf ein Sammelsurium von Ereignissen und den mit ihnen eng verknüpften sinnstiftenden Werten, Prinzipien, Verhaltensweisen, Zu- und Abneigungen aufsetzt. Ihr wohnt keine Logik inne. In jedem Individuum, das sich zu einer Gesellschaft zugehörig fühlt, erhält die Erinnerung an bedeutsame Ereignisse aus der Vergangenheit eine etwas andere Ausprägung. Es unterscheidet auch nicht sorgfältig in Erinnerungen, die es ohne Aufforderung spontan wachrufen kann und Erinnerungen, die es erinnern soll.

Der politische Wille, ein kollektives Gedächtnis im Rahmen einer von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlichen Erinnerungskultur zu produzieren, ist jedoch nicht zu verwechseln mit dem Ragout an Erinnerungen einer Vielzahl von Individuen, welches von diesem kollektiven Gedächtnis eine spezifische Ausrichtung erfahren soll. Die Umsetzung des Willens unterliegt folgenden Kriterien:

Die Produzenten sind als erstes gehalten, die der Erinnerungskultur immanenten Prinzipien zu erkennen und zu beachten, wenn sie das bereits vorhandene kollektive Gedächtnis weiter entwickeln wollen. Ohne Beachtung der spezifischen Formen ist ihre Arbeit nutzlos oder sogar kontraproduktiv.

Als zweites Kriterium unterliegt die Produktion eines kollektiven Gedächtnisses der Logik der Herrschaftsausübung, denn Erinnerungskultur und kollektives Gedächtnis sind zu einem nicht unbeträchtlichen Teil Instrumente der Herrschaft. Ausgangspunkt ist das herrschaftliche Bewusstsein und Adressat das beherrschte bzw. abhängige Bewusstsein. Das erstere ist jedoch nicht das spezifische Bewusstsein von Individuen, in deren Händen die Herrschaft liegt, sondern ein von ihnen als allgemein gesetztes „Individuum“, dem sie eine bestimmte sinnliche Wahrnehmung und eine bestimmte Reflexion des Wahrgenommenen zuschreiben. Alle Anstrengungen zielen darauf ab, das Bewusstsein dieses künstlich geschaffenen „allgemeinen Individuums“ in der Bevölkerung zu verankern. Was von diesem umfangreichen Bemühen in den konkreten Individuen ankommt, hängt auf der Ebene der Diskursivität von der Qualität der Diskurse in der Historikerzunft, sowie der anderen öffentlichkeitsrelevanten Wissenschaften, sowie der Weiterverbreitung durch zahlreiche Meinungsführer des öffentlichen Bereichs ab. Auf der Ebene der Adressaten ist die Erreichbarkeit derjenigen entscheidend, deren abhängiges Bewusstsein in eine bestimmte Richtung gelenkt werden soll. Moïsi bezieht den von ihm beschworenen Zwang der „kollektiven Logik“ unterschiedslos auf beides: auf die Kriterien zur Produktion eines kollektiven Gedächtnisses wie auch auf die vom kollektiven Gedächtnis in ihrer Verhaltensweise gelenkte Bevölkerung. Seine Ausdrucksweise weist ihn aber klar als aktiven Teilnehmer an der Produktion von kollektiven Gedächtnissen aus, was im übrigen auch das spezielle Ziel seines Buches zu sein scheint. Diese Absicht tritt insbesondere im Abschnitt über die angstbesetzte Identitätskrise des Westens („Amerika und Europa“) hervor, die seiner Meinung nach daraus entspringt, dass man im globalen Konzert nicht mehr den Ton angeben könne (S.134).

Die Kultur der Angst im traditionellen Westen

Gleich zu Beginn dieses Abschnittes warnt Moïsi: „Könnte es sein, dass die Vereinigten Staaten und Europa just zu dem Zeitpunkt, da sie politisch wieder näher zusammenrücken, sich in emotionaler Hinsicht so weit auseinanderleben, dass sie in zwei gegensätzliche emotionale Kulturen zerfallen: Hoffnung für Amerika, Angst für Europa?“ (135/136). In den letzten Jahren habe sich in Europa und Amerika „ein neuer Zyklus der Angst“ des kollektiven Bewusstseins bemächtigt. Die Angst richte sich auf die „Angst vor dem Anderen, dem Fremden, der in die Heimat eindringt, die eigene Identität bedroht und Arbeitsplätze wegnimmt. Man fürchtet sich vor dem Terrorismus und vor Massenvernichtungswaffen, die beide leicht miteinander in einen Topf geworfen werden. Man hat Angst vor wirtschaftlicher Unsicherheit beziehungsweise einem Zusammenbruch der Wirtschaft. Man befürchtet Natur-, Umwelt- und sonstige biologische Katastrophen, von der globalen Erwärmung bis hin zu Pandemien. Kurz und gut, man hat Angst vor einer ungewissen und bedrohlichen Zukunft, die der Mensch nicht oder nicht in nennenswertem Maße beeinflussen kann. Alle diese Ängste sind heute unter den Europäern und Amerikanern weit verbreitet.“ (S.140).

Sonderbar:

Moïsi präsentiert sich dem Leser seines Buches in diesen beiden Zitaten einerseits als distanzierter Analytiker der unterschiedlichen Entwicklung des amerikanisch-europäischen kollektiven Gedächtnisses und andererseits als besorgter Betroffener von überwältigenden, Angst erzeugenden Erscheinungen, deren Herkunft der Bevölkerung unerklärbar ist.

Aber:

  • Die mit der Globalisierung verbundene Verlagerung von Arbeitsplätzen in Lohnniedriggebiete ist doch nicht unvorhersehbar über die Menschen gekommen, wie Moïsi nahe zu legen scheint, sondern eine Auswirkung des Shareholderprinzips, von Menschen gemacht und eng verknüpft mit dem Ziel, die Hegemonie der USA weltweit auszudehnen.
  • Die Angst vor Massenvernichtungswaffen hat ihren klaren Ursprung im fehlgeschlagenen Versuch der Bush-Administration, dem Irak Saddam Husseins die Existenz von Massenvernichtungswaffen zu unterstellen, die Angst vor irakischen Angriffsabsichten ins Unermessliche zu steigern und damit den militärischen Angriff auf den Irak zu rechtfertigen.
  • Das angstbesetzte Wort Terrorismus wird doch wohl nicht ohne Absicht für viele unterschiedliche Formen von berechtigten wie unberechtigten Widerstand benutzt, deren spezifische Ursachen sehr wohl erklärbar wären, aber nicht spezifiziert werden. Vergleichbar mit der heutzutage inflationären Verwendung des Worts Terrorismus ist der in vergangenen Geschichtsperioden für jeglichen Widerstand verwendete Begriff „Guerillataktik“.
  • Die Finanzkrise hat – wie heutzutage selbst große Teile der von Arbeitslosigkeit betroffenen Bevölkerungen sehr genau wissen – eindeutig benennbare Ursachen im maßlosen Profitstreben von Finanzkapitaljongleuren.
  • Die Natur-, Umwelt- und sonstigen biologischen Katastrophen sind hausgemacht. Sie fallen weder einfach vom Himmel, noch sind sie eine Strafe Gottes.

Moïsi konstatiert statt dessen: „Kurz und gut, man hat Angst vor einer ungewissen und bedrohlichen Zukunft, die der Mensch nicht oder nicht in nennenswertem Maße beeinflussen kann“ (ebd.). Ehrlicherweise müsste er feststellen, dass die Angst erzeugenden Erscheinungen nichts anderes sind als Fehlleistungen von Machteliten. Sie dem kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung, wie Moïsi unterschiebt, als von Menschenhand nicht beeinflussbar darzustellen, ist falsch und macht sein gesamtes Buch unglaubwürdig.

Ganz besonders trifft diese Kritik für die nächste den Europäern von Moïsi zugeschriebene Angst zu, nämlich die, „von einer fremden Macht regiert zu werden“. (S. 153). Solche Ängste werden zweifelsohne in den Bevölkerungen Europas geäußert. Daran ist zunächst einmal nichts zu kritisieren. Jedoch ruft Moïsis Qualifizierung der fremden Mächte massive Kritik hervor. Er bezeichnet die USA, Russland und die EU als die drei Angst hervorrufenden fremden Mächte und unterstellt, dass die USA von den Bevölkerungen als „wohlmeinend“, Russland als „nicht so ganz wohlmeinend“ und die Europäische Kommission in Brüssel als „anonyme, ungewählte Bürokratie“ angesehen werden. Seine Behauptung belegt er nicht. Weder erklärt er, ob das Attribut, mehr oder weniger wohlmeinend zu sein, für die USA und Russland zutreffen, noch sucht er nach einer Erklärung für die negative Bezeichnung der Brüsseler Bürokratie. In Bezug auf die USA hindert ihn seine „ganz persönliche Beziehung zu diesem Land“ an einer abgewogenen Beurteilung. Amerika habe ihm „das Leben“ geschenkt, aber auch „Hoffnung und Träume“. Sein Vater ist im Mai 1945 von den amerikanischen Truppen aus einem deutschen Konzentrationslager in Bayern befreit worden (159/160). Leider habe das Amerika, das er zwischen 2001 und 2008 erlebte, nicht viel Ähnlichkeit mit dem Amerika, das sein Leben in den siebziger Jahren geprägt habe. „Daher bin ich“, meint Moïsi, „im Fall Amerikas kein neutraler Beobachter, sondern eher ein enttäuschter Liebhaber“ (S.160). Aber dies hindert ihn keineswegs daran, die USA weiterhin als „wohlmeinend“ zu bezeichnen, trotz Folter und geheimer Gefängnisse. „Wenn der Westen seine Kultur der Hoffnung wiedererlangen sollte, so deshalb“, glaubt er, „weil die Vereinigten Staaten endlich die charismatische Führungspersönlichkeit gefunden haben, die als Brücke zwischen Amerika beziehungsweise den Verheißungen, für die es einst stand, und der Welt des 21. Jahrhunderts dienen kann“ (S.178).

In seinem positiven Szenario für das Jahr 2025 prophezeit er sogar: „Nachdem die Vereinigten Staaten die doppelte Gefahr von imperialer Hybris und Neo-Isolationismus umschifft haben, engagieren sie sich weiterhin in internationalen Angelegenheiten, nunmehr jedoch in der Rolle eines wichtigen Partners und nicht mehr als alleiniger Schiedsrichter oder Weltpolizist.“ (S.212). Seine ganz persönliche Hoffnung transformiert er ohne weitere Begründung in die „Kultur der Hoffnung“ für den ganzen Westen.

Die Kultur der Demütigung im arabischen Raum

Moïsi verknüpft das Gefühl der Demütigung mit Ohnmacht (S. 88). Sie sei heutzutage in großen Teilen der arabisch-islamischen Welt verbreitet und hätte im 18. Jahrhundert bereits begonnen. Deren Suche nach Sündenböcken verkläre die Vergangenheit, leugne die Wirklichkeit und ersetze die kritische Selbstprüfung (S. 97/98). Gerechterweise müsse man aber sagen, dass Israel dem Gefühl der Demütigung in der arabisch-islamischen Welt Vorschub leiste (S.100). Eigenartigerweise vermeidet Moïsi jedoch jeglichen Hinweis auf die US-Invasion des Iraks, in deren Gefolge den Arabern die größte Demütigung zugefügt wurde. Statt dessen zerbricht er sich den Kopf über die Frage, woher das allgegenwärtige Gefühl von Versagen und Ohnmacht komme und verweist auf die unklare Trennlinie zwischen religiöser und weltlicher Sphäre und die Nichtintegration der Frauen als gleichberechtigte Akteure (S.106/108)). Außerdem stimmt er Samir Kassir zu, der die „Kultur des Todes“ als Entlastungsinstrument vom Opferstatus ansehe: „Der Tod ist das unbedingte Mittel zu einem gewünschten Zweck geworden, wenn nicht gar zu einem Zweck an sich“, zitiert er Samir Kassir (S.126/127).

Auch in diesem Kapitel über die Kultur der Demütigung zerreißt Moïsi wieder den engen Zusammenhang zwischen Herrschaft und Abhängigkeit, hier den zwischen der demütigenden und der gedemütigten Seite. Er vermittelt dem Leser in seinem Buch den Eindruck, dass die Wirkungen von herrschaftlichem und abhängigem Bewusstsein auf zwei völlig unterschiedlichen Welten anzutreffen seien. Diesen Hauptvorwurf kann man seinem Buch nicht ersparen.

Moïsi vermutet bereits selbst, dass sein Experiment, „die Welt und das kollektive Verhalten der Nationen unter dem Aspekt gewisser Emotionen zu verstehen“ und zu diesem Zweck eine „emotionale Kartographie“ der Welt zu entwerfen, bei Politikwissenschaftlern und Experten für internationale Beziehungen auf größte Ablehnung stoßen wird (S. 198). Entgegen seiner Vermutung findet er jedoch bei finanzstarken und weltweit engagierten Verlagen Zustimmung. Setzen sie auf einen bevorstehenden Paradigmenwechsel im Diskurs über internationale Beziehungen?

Bildnachweis: Buchcover mit freundlicher Genehmigung des Verlags (LINK)

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