Unerhörte Echos aus 2009 und ihr Nachhall für 2010

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Wellen um einen WassertropfenDas Jahr 2010 hat begonnen und die diversen Jahresrückblicke aus Zeitungen und Fernsehen haben das Jahr 2009 abgearbeitet. Ist das so? Oder gibt es Themen die nicht hinreichend beachtet wurden, die noch „nachhallen“? In diesem Beitrag nehmen wir diverse Peilungen zu diesen „Echos“ aus 2009 auf, die auch noch für 2010 wichtig sein werden. So rekapitulieren wir „die Krise“ und blicken auf die Studentenproteste. Ferner thematisieren wir den Zustand des kritischen Journalismus hier in Deutschland und diskutieren den Skandal um das Testendlager Asse mit seinen Implikationen auf die Klimadebatte. Es war also ein volles und ereignisreiches Jahr 2009. Wir wünschen allen unseren Lesern ein gutes neues Jahr 2010.

Von Patrick Grete und Frank Hahn


Einleitung

Das „Jahr eins“ der Krise – so könnte man einen Jahresrückblick für 2009 beginnen. In der Tat ist es nun ein Jahr her, als mit dem Crash von Lehmann Brothers die globale Weltwirtschaftskrise ausbrach. Alle starrten auf die Wirtschaftszahlen und versuchten, sich in der Düsternis der Zahlen und Prognosen jeweils zu überbieten. Wir haben schon im letzten Jahresrückblick (LINK) die psychologische Komponente der Krise aufgezeigt, wonach der Zusammenbruch eines Weltbildes Ängste auslöst, da nun die Welt eine ganz andere zu sein scheint. Im letzten Rückblick haben wir in Frage gestellt, ob sich die Aporie tatsächlich so einschneidend darstellte, wie allgemein behauptet wurde. Ist wirklich alles anders geworden? Genauer: Was ist anders geworden und was nicht? Wir wollen hier ein paar Schlaglichter auf eine mögliche Bilanz dieser Frage werfen.

Zunächst einmal gilt es festzustellen, dass „die Krise“ die unterschiedlichen Länder und Regionen der Welt auch ganz unterschiedlich stark getroffen hat. Ausgangspunkt und Zentrum der Krise – mit entsprechend tief einschneidenden sozialen Konsequenzen – sind die USA, die in erster Linie Europa und Russland mit in den Abwärtssog gerissen haben, während z.B. Indien, China und Brasilien die Krise als vorübergehende Delle erlebt haben und sich inzwischen bereits wieder auf stürmischem Wachstumskurs befinden. Rühren daher manche Ängste im Westen, dass sich die geographische Verteilung der Macht nach der Krise von 2009 dramatisch zugunsten Asiens verschoben hat? Man könnte jedoch die Erkenntnis auch als einen heilsamen Schock betrachten, dass unser „allumfassendes“ Weltbild nur einen beschränkten Teil der Welt umfasst. Die Fixierung auf den atlantischen Raum als Zentrum des Weltgeschehens war unsere Projektion der Welt, die nun ganz offenbar gescheitert ist, auch wenn dies im Moment nur die wenigsten eingestehen wollen.

Dann gab es den deutschen Teil der Krise zwischen Abwrackprämie, Schuldenbremse, Kreditklemme und was der schönen Wortneuschöpfungen noch so durch den Blätterwald geisterte. Gewiss, auf der einen Seite konnten die schlimmsten Auswirkungen der Krise durch handwerklich einigermaßen gelungenes Krisenmanagement abgefedert werden, so dass es weder zu sozialen Unruhen noch zu dramatischen Stimmengewinnen extremistischer Parteien kam. Andererseits demonstriert die politische Klasse eine bemerkenswerte Hilflosigkeit, wie denn nun jenseits der „erfolgreichen“ Feuerwehraktion des Staates zur Rettung der Banken ein solides Fundament zukünftiger ökonomischer und sozialer Entwicklung geschaffen werden könne. Das äußerst magere Konjunkturprogramm kommt nur tröpfchenweise in der Realwirtschaft an und erweist sich natürlich gegenüber der für den Mittelstand gefährlichen Kreditklemme als wirkungslos. Wie kann man die Banken dazu anhalten, den Kredithahn wieder zu öffnen? Was passiert nach Auslaufen der Kurzarbeiterregelung? Vor allem aber: Da sich inzwischen auf den Finanzmärkten das gleiche Karussell der Spekulation dreht wie vor der Krise, erhebt sich ganz dringend die Frage, was die Verantwortlichen eigentlich aus der Krise gelernt haben und wie eine wirkliche Umkehr im Gebaren der Banken und Konzerne erreicht werden könnte. Solange diese Frage unter den Teppich gekehrt wird, ist die nächste Krise so gewiss wie der nächste Winter – allerdings dann mit wohl wesentlich verheerenderen Konsequenzen.

In diesem Zusammenhang wäre die Rolle der Medien genauer zu analysieren. Hat sich jemand einmal ernsthaft auf die Suche nach der Diskrepanz zwischen der Krise in den Medien und der realen Krise begeben? Der sog. „Medienhype“ vom Herbst 2008 – nach der Lehmann-Pleite – beschwor allerlei düstere Weltuntergangsszenarien herauf. Die Regierungen konnten sich daraufhin entsprechend mit dem Mäntelchen des Weltenretters schmücken, wobei nicht die Welt, sondern die Banken gerettet wurden. Dies war zu dem Zeitpunkt alternativlos, aber wie gesagt nicht mehr als die nötige Feuerwehraktion, um den Brandherd einzudämmen. Da wir alle noch leben, rufen die Medien nun „Kehrt Marsch!“ und verbreiten ihren Hype in die entgegen gesetzte Richtung: Alles sei überstanden, der nächste Aufschwung lauere bereits hinter der Ecke und komme spätestens mit dem Frühlingserwachen. Dies alles hat mit seriösem Journalismus wenig zu tun – wir werden weiter unten uns diesem Thema noch widmen. Hier wird der Eindruck erweckt, als seien die Medien nicht unabhängig, sondern würden in der Akzentsetzung den Interessen der Finanzwelt dienen. Denn das Alarmgeschrei und das Abblasen desselben bezog sich immer und ausschließlich nur auf die „Finanzkrise“, während es jedoch höchste Zeit wäre, die moralischen, philosophischen, sozialen, menschlichen Aspekte der großen Krise von 2009 umfassender und tiefer zu analysieren. Stellen wir exemplarisch einige Fragen:

Was bedeutet es, wenn die Armut, vor allem die Kinderarmut in einem der reichsten Länder der Welt immer weiter anwächst? Wie wird diese Gesellschaft aussehen, wenn sich bald nur noch die „happy few“ eine vernünftige Ernährung, Bekleidung, von kulturellen „Gütern“ gar nicht zu reden, leisten können? Welche sozialen und politischen Verwerfungen drohen bei dem dramatischen Auseinanderklaffen der Schere von arm und reich? Wie weit sind wir bereits zurückgeworfen in einen brutalen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, in dem die Menschen unter dem Druck des „hire and fire“ bereit sind, sich zu unwürdigen Bedingungen zu verkaufen? Wie weit ist eine junge Generation gut ausgebildeter Fachleute noch zur Selbstausbeutung unter dem Begriff der „Generation Praktikum“ bereit? Wie lange werden Politik und Gesellschaft es noch tolerieren, dass unter dem Diktat der nackten Zahlen viele Konzernvorstände einen ökonomisch und gesellschaftlich ruinösen Kurs steuern, den letztlich die Menschen zu bezahlen haben? Bestes Beispiel dafür ist die Deutsche Bahn, die aus Gründen der Kostenersparnis die Berliner S-Bahn im Begriff war zu „opfern“! Die Schließung ganzer Werkstätten und die Entlassung des Wartungspersonals hätte beinah Menschenleben gekostet – so stiehlt die Bahn den auf den Bahnhöfen frierenden und wartenden Menschen „nur“ Lebenszeit, die sie natürlich nie ersetzt bekommen. Wer wird überhaupt in diesem Land noch zur Verantwortung gezogen für die kapitalen Fehlleistungen – um es milde auszudrücken – die auf den unterschiedlichsten Ebenen zu den unterschiedlichen Facetten DER KRISE geführt haben? Es gibt also nicht die eine, große Krise, sondern eine Vielzahl von Krisenerscheinungen, die jedoch eine gemeinsame Wurzel haben, die mit dem Wort Gier nur unzureichend beschrieben ist. Hat unsere Gesellschaft den inneren Kompass verloren? Wäre nicht die scheinbar so einfache Frage erneut aufzuwerfen, was wir unter dem Namen Mensch verstehen und wie wir uns die Beziehungen zwischen Menschen eigentlich vorstellen? Denn leidet nicht die Gesellschaft an einer pathologischen Form der Ich-Versessenheit? Wenn die Medien die Krise für beendet erklären, dann erübrigen sich scheinbar auch solche Fragen. Zum Glück aber verstummen die Fragen nie wirklich, wenngleich sie manchmal an anderen Stellen auftreten als erwartet. Die Selbstausbeutung der „Generation Praktikum“ wurde bereits erwähnt, und damit kommen wir zum Thema der Bildungspolitik, das in der Tat im Jahre 2009 ganz überraschend in den Fokus rückte, wobei hier manche Fragen aufgegriffen wurden, die aus der ökonomischen Debatte ausgeschlossen wurden.

Lautes Echo: Die Bildung

Beim Thema Bildung – Stichwort Bologna-Prozess – hat sich 2009 wirklich Erstaunliches ereignet. Im Letter from the Rhine von Michael Liebigwurden die Verwerfungen in diesem Bereich schon mit dem Hinweis behandelt, dass laut FAZ selbst die Wirtschaft den Bachelor-Studiengang mittlerweile für äußerst problematisch hält. Liebig führt die Anfänge des Bologna-Prozess auf die Jahre nach dem Zerfall der Sowjet-Union zurück, als die USA ihre unilaterale, hegemoniale Stellung auf der Prämisse des „siegreichen westlichen Systems“ aufbauten. Die Europäer überboten sich darin, die USA auf allen Ebenen zu kopieren, auch in der Bildungspolitik. Was genau aber wollte man kopieren?

In den USA gibt es im Gegensatz zu Deutschland kaum den sog. Mittelstand und die damit verbundenen Ausbildungsplätze. Es gibt dort keine Unternehmen, an denen man sich zum Chemielaboranten oder Biologisch-Technischen-Assistenten (BTA) ausbilden lassen könnte. Diese Qualifikation muss man an der Universität erwerben, wo man in einer dreijährigen Ausbildung den Titel eines Bachelor of Science in Chemistry oder Biology bekommen kann. Auch Krankenschwester ist dort ein Bachelorstudiengang. Was passiert nun, wenn man „die Akademikerquote“ in den USA mit der unsrigen vergleicht? Interessanterweise – keiner konnte dies angeblich voraussehen (!) – liegt sie deutlich über der unsrigen, denn hier werden schlicht Äpfel mit Birnen verglichen. Die Blindheit hatte offenbar Methode, denn Ziel war die Einführung eines zweistufigen Studiensystems wie in den USA. Nur gibt es hier besagte Ausbildungsplätze in den Betrieben, zu denen die entsprechenden Bachelors und Bacheloretten in relativ chancenlose Konkurrenz treten. Das angelsächsische Modell hat sicher den Vorteil größerer Durchlässigkeit. Wenn dort ein Bachelor der Chemie gern Wissenschaftler werden möchte, dann macht er/sie einfach den Master mit dem PhD (dem dortigen Doktor), was bei uns bisher nicht möglich war. Wenn hier jemand mit Realschulabschluss Chemielaborant gelernt hat, dann kann er/sie noch lange nicht studieren, sondern müsste zunächst das Abitur nachholen, um dann im Studium ganz von vorn anzufangen. Diese formalen Hürden für motivierte junge Menschen zu beseitigen, wäre in der Tat ein ehrbares Ziel gewesen, aber warum musste man dafür das Diplom abschaffen oder den Geisteswissenschaftlern den Bachelor aufdrängen? Hätte man nicht einfach zwischen Universität und Industrie Lehrziele vereinbaren und Aufbaukurse einrichten können? Nach diesen Aufbaukursen hätten die fertigen Azubis dann mit dem Studium weiter machen können.

Als eigentlich treibendes Motiv hinter der bildungspolitischen Kopie der USA stand jedoch von vornherein die Kostenersparnis bzw. die gierige Jagd nach der kurzfristigen Rendite. In Deutschland wird bekanntlich mit dem BaFöG nur das Erststudium finanziert, und so wäre mit dem Bachelor-Abschluss – als formale Berufsqualifikation – auch das Ende der Förderung gekommen. Diese Regelung wurde zum Glück schon zu Beginn gekippt, so dass nun ein konsekutives Masterstudium ebenfalls gefördert wird. Aber auch hier gibt es einen Pferdefuß: Wenn man im Laufe des 6. Semesters mit dem Bachelor fertig wird und erst zum 7. Semester einen Masterstudiengang beginnt, dann könnte sich dazwischen eine Lücke von mehreren Monaten auftun, in der die Studierenden mittellos sind. Das ist nur eines der vielen Nadeln, die in diesem Jahr die Studierendenproteste angestachelt haben – tatsächlich haben wir es hier mit einer Ungerechtigkeit zu tun, die noch nicht behoben ist. Wir haben die Gier getriebene Renditejagd genannt. Gier? Wer hat denn hier verdient? Das ist ein etwas leiserer Prozess gewesen, der auch durch den Bildungsstreik nicht immer transparent geworden ist. Es geht hier um die vielen „Akkreditierungsfirmen“, welche die neuen Studien- und Prüfungsordnungen der Fachbereiche aller Universitäten „untersuchen“ und entweder zustimmen oder Änderungen verlangen. Bei einer Zustimmung, also bei Akkreditierung, bekommt die Firma Geld für diese Leistung und zwar nicht wenig. Hinzu kommt, dass die Akkreditierung wie bei einer TÜV-Plakette nach einigen Jahren ausläuft und wiederholt werden muss. Diese Firmen wurden ihrerseits vom Akkreditierungsrat akkreditiert, der auf die Vorgaben der Politik hörte. Und diese ganzen Prüfer und Experten haben angeblich nicht „gemerkt“, dass viele Studiengänge gar nicht mehr studierbar sind und gar keine Zeit für andere Tätigkeiten wie Nebenjobs mehr zulassen. Andere Akkreditierungsfirmen – aus dem Finanzsektor – wurden ja bereits 2008 diskreditiert, etwa als noch wenige Tage vor dem Lehmann-Zusammenbruch die Zertifikate derselben mit „triple A“, also der Bestnote, bewertet wurden. Der Protest gegen diese Machenschaften findet etwas leiser statt, wird aber auf Dauer sich als nicht minder wirksam erweisen. Die Universitäten wehren sich schlicht gegen diese Kontrolle von außen und wollen die Hoheit über die Lehre zurückerobern.

Wird man denn den Bologna-Prozess selbst abschaffen können? Dafür müssten zu viele Leute ihr Gesicht (und damit ihren Posten) verlieren. Deswegen dürfte diese Maximalforderung unmittelbar nicht umzusetzen sein, aber der Bologna-Prozess wird sich vielen kurzfristigen Änderungen unterwerfen müssen, mit denen zunächst die drängendsten Probleme behoben werden könnten. Hierzulande könnte man sich die typisch deutsche Eigenschaft der „Wortverliebtheit“ zu nutze machen: Ausgehend vom Problem der sog. „Abbrecherquote“ wäre doch denkbar, einen allgemeinen fünfjährigen Masterstudiengang einzuführen, wobei für diejenigen, die voraussehbar die fünf Jahre nicht durchhalten, ein „Notausgang“ namens Bachelor geschaffen würde. Dies wäre dann kein eigener Studiengang, der künstlich zwischen Ausbildung und Wissenschaftlichkeit unterscheidet, sondern eine Chance für jene Studierenden, die andernfalls ihr Studium abbrechen müssten. Sie stünden nun nicht länger vor dem Nichts, sondern hätten zumindest einen Abschluss, um damit einen anderen Master-Studiengang aufzunehmen. Eine vergleichbare Regelung gibt es in NRW beim Abitur. Wer nicht bis zum Ende bleiben „möchte“, kann schon etwas früher abgehen, hat aber damit bereits den schulischen Teil der Fachhochschulreife erworben. Mit einer zusätzlichen Ausbildung können diese jungen Menschen dann ein Fachhochschulstudium aufnehmen. So bliebe man beim zweistufigen Abschlusssystem, man könnte sich auf die Schulter klopfen, weil man die Abbrecherquote gesenkt hat und könnte letztlich wieder zum Diplom/Magister-System zurückkehren, ohne dies so nennen zu müssen. Das ist eine von vielen Möglichkeiten, die derzeitig (wenn auch nicht offen) diskutiert werden.

Wir wollen dieses Thema nicht ohne eine spitze Bemerkung zur Inkonsequenz der Bildungspolitik verlassen: Hier in Deutschland wird sehr früh zwischen verschiedenen Schülern sortiert. Nach der vierten Klasse wird entschieden, ob man auf das Gymnasium geht oder nicht. Zur Not kann man noch eine Eignungsprüfung machen, wird die jedoch nicht bestanden, ist der Wechsel auf das Gymnasium erst wieder nach der 10. Klasse möglich, den allerdings nur eine überschaubare Anzahl junger Menschen wahrnehmen. Ganz im Gegensatz zu dieser großen Differenzierung am Beginn der Ausbildung, macht der Bologna-Prozess das andere Ende unübersichtlich gleichförmig. Alle Studierenden aller Naturwissenschaften (egal ob Uni oder Fachhochschule) machen einen „Bachelor of Science“. Man muss dann schon genauer hinschauen, um zu sehen, ob es sich um einen Biologen oder Physiker handelt und ob er/sie von der Uni oder der Fachhochschule kommt. Mit dem Bolognaprozess sind auch Unis und Fachhochschulen schwerer zu unterscheiden. Letztere nennen sich jetzt neudeutsch „University of Applied Sciences“ und verleihen den gleichen akademischen Grad, während man früher bereits vom Titel darauf schließen konnte, welchen Abschluss ein Student hat. Der Hintergrund ist hier ebenfalls schlichtes Geldeinsparen. In 2009 wurde nämlich auch versucht, einzelnen Fachhochschulen das Promotionsrecht zu erteilen, was sich aber verzögert hat. Fachhochschulen können wegen der Anwendungsbezogenheit ihrer Forschung viel leichter Drittmittel aus der Wirtschaft und Industrie akquirieren, und wegen der nicht vorhandenen Studiengänge der angeblich „überflüssigen“ Geisteswissenschaften werden sie von Seiten der Wirtschaft und Politik als „effizienter“ eingestuft als herkömmliche Universitäten. Ist es schon eine absurde Veranstaltung, Universitäten gegen Fachhochschulen antreten zu lassen, fällt nun mit dem Einräumen des Promotionsrechts gegenüber den Fachhochschulen auch noch der letzte formale Vorteil der Universitäten. Weniger Universitäten bedeutet schlicht weniger Ausgaben. Wenngleich sich in diesem Jahr krisen- und protestbedingt Vieles bewegte, bleibt abzuwarten, ob der sehr langatmige Prozess der Einsparung im Hochschulbereich tatsächlich aufgehalten werden kann. Wenn Deutschland gut aus der Krise wieder herauskommen möchte, dann brauchen wir viele und gute Universitäten und Fachhochschulen, die gute Wissenschaftler und Ingenieure ausbilden. Das wird seinen Preis haben, aber die Langzeitkosten für ein Einstampfen guter Strukturen werden sehr viel höher sein.

Leiseres (aber wichtiges) Echo: Der Journalismus in Deutschland

Kommen wir noch einmal auf die – bereits im Kontext der Finanzkrise erwähnte – unrühmliche Rolle der Medien zurück: Der Journalismus in Deutschland. Im dritten Viertel des letzten Jahres konnte man diverse Artikel lesen bzw. Radiosendungen hören, in denen die Gefahr für den Journalismus beschworen wurde. Dabei ging es einerseits darum, dass inzwischen fast genauso viele Menschen ihre Schreibdienste den PR-Abteilungen irgendwelcher Firmen anbieten wie es „traditionelle“ Journalisten gibt. Da aber insbesondere die freiberuflichen Journalisten so miserabel bezahlt werden, dass sie keine Zeit für eigene Recherche im Sinne von Arbeit in Archiven oder persönlichen Gespräche mehr aufwenden können, leidet die Qualität der Berichte. Schlimmer noch: gute Recherche scheint gar nicht mehr gewollt zu sein. Es werden Chefredakteure mit den Worten zitiert, dass die Artikel ohnehin nur noch als Fülltext um die Anzeigen herum zu verstehen sei. Hier ergibt sich eine Verbindung zur Wirtschaftskrise, in der die Firmen deutlich weniger Geld für Werbung ausgeben. Es geht jedoch über den pekuniären Aspekt hinaus: Aus guter Quelle weiß ich, dass Journalisten anders als früher nicht mehr so gut von ihrer Zeitung rechtlich unterstützt werden, wenn sie eine kritische Berichterstattung planen, bei der man ggf. mit Klagen der Gegenseite rechnen müsste. Auch dahinter steht letztlich die finanzielle Abhängigkeit der entsprechenden Zeitungen oder Magazine, die über Firma X keine kritischen Berichte zulassen, da sie andernfalls damit rechnen müssen, dass Firma X bereits gebuchte Anzeigen zurückziehen könnte.

Zu diesen Schwierigkeiten gab es im letzten Jahr einige – teilweise recht amüsante – Beispiele. Nehmen wir den Fall des damaligen Wirtschaftsministers zu Guttenberg und die Fülle seiner Namen. Da hatte ein Witzbold bei Wikipedia einfach noch einen Namen zur richtigen Zeit hinzugefügt. Das wurde natürlich schnell bemerkt und entfernt. Inzwischen erschienen aber diverse Artikel über den neuen Minister im „Spiegel“ und anderswo, die sich offenbar nur auf Wikipedia bezogen. Prompt wurde der falsche Name mit Hinweis auf diese Artikel von bekannten Medien wieder hinzugefügt. Kurz darauf bekannte sich der Witzbold auf einem Blog bei Bild. Man muss sich das einmal vorstellen: Da hat ein Politiker eine eigene Internetseite, aber die Journalisten schauen nur auf Wikipedia und überprüfen ihre Quellen nicht mehr, da sie hierfür scheinbar keine Zeit mehr haben oder eben nicht mehr bezahlt werden.

Das ist ein allgemeineres Problem, welches auch die akademische Welt erreicht hat. Der Medienwissenschaftler Stefan Weber nennt es das „Google-Copy-Paste-Syndrom“ (LINK) und bezeichnet damit die Eigenschaft, dass viele Studierende und Journalisten nicht mehr selbst lesen und schreiben wollen, sondern einfach alles „ergooglen“. Nicht dass es falsch wäre einen Blick in Wikipedia und Google zu werfen. Man kann sich dort auch Referenzen und Querverweise besorgen, aber es darf nicht das Ende der Recherche sein. Nur weil man im Internet interessante Hausarbeiten findet, darf man sie nicht einfach markieren, kopieren und in den eigenen Text einfügen und notfalls noch ein bißchen Fülltext drum herum schreiben. Weber sieht darin eine Gefahr für Journalismus und Wissenschaft nicht nur in Deutschland.

Ein verwandter Aspekt dieses Themas betrifft die Tiefe und Breite journalistischer Artikel. Denn wer wenig Zeit hat, wird natürlich nicht in großer Tiefe über ein Thema recherchieren oder schreiben können. Ich weiß von einigen freiberuflichen Journalisten (nicht nur aus dem Umfeld von Solon-line), die von ihren Chefredakteuren ob der zu komplizierten und differenzierten (!) Schreibweise gemaßregelt werden! Es heißt dann gewöhnlich, die „Menschen“ – in Wahrheit meint man den „Markt“ – würden nicht mehr so viel lesen, sondern eben kurz und knapp durch einfache Mitteilungen informiert sein. Wenn eine Zeitung nicht selbst recherchiert, dann gibt es häufig „Gastbeiträge“. Von einigen unserer Gastschreiber haben wir schon gehört, dass ihre Artikel in anderen Journalen abgelehnt wurden, weil sie zu differenziert und eben vielschichtig sind. Wir von Solon-line erachten differenzierte Beiträge als wichtige Bereicherung und wir können nur jeden frustrierten Experten animieren, abgelehnte Beiträge bei uns einzureichen. Als nicht-kommerzielles Online-Journal können wir zwar keine Honorare bezahlen, aber dafür werden die Beiträge einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Gibt es einen Ausweg aus dieser Sackgasse? In den letzten Jahren des Web 2.0 zeichneten sich verschiedene Wege ab. So haben sich verschiedene Blogs gebildet. Das sind Seiten, auf denen Beiträge einer Person oder Gruppe zu einem Thema erscheinen, die dann kommentiert und damit diskutiert werden können. Nicht alle haben hier den Anspruch, qualitativ hochwertige Informationen zu liefern. Hier in Deutschland gibt es etwa die NachDenkSeiten (LINK) von Albrecht Müller und Wilhelm Lieb oder zu einer kritischen Klimadebatte gibt es den Blog WATTSUP (LINK) von Anthony Watts. Als wirkliches Journal hat mit Ende 2009 die Netzzeitung (LINK) ihren Betrieb eingestellt und liefert nun nur noch Meldungen über Themen von anderen Medien. Dann gibt es da noch Telepolis (LINK), die vom Heise Verlag getragen werden, der mit den großen Computer-Zeitschriften cT und iX so große Gewinne einfährt, dass sie sich ein offen zugängliches Journal (mit bisweilen atemberaubend guten Artikeln) leisten können. Ansonsten kann man an vielen Stellen beobachten, wie Artikel aus immer ausgefeilteren Pressemitteilungen von PR-Abteilungen zusammengesetzt sind. Etwas kritisch zu hinterfragen, inhaltliche Spannungen auszuhalten und nicht in reinen schwarz-weiß Kategorien zu denken, ist wichtig für die Demokratie in Deutschland. Beim Blick auf die sehr lebhaften Debatten etwa zur Netzpolitik besteht für mich kein Zweifel, dass die Fähigkeiten dazu bestehen und auch das Bedürfnis dafür da ist; es muss sich nur noch auf andere Gebiete jenseits der Netzpolitik ausweiten.

Betrachten wir zur Untermauerung der bisher nur abstrakten Aussagen ein Beispiel mit einem wichtigeren Thema des letzten Jahres: Die Schweinegrippe. Verschiedenes haben wir 2009 gelernt. Die positive Nachricht: Wir haben ein funktionierendes Pandemiebekämpfungssystem und können auch für stark infektiöse Krankheiten wie die Schweinegrippe schnell und ausreichend Impfstoff bereit stellen. Die schlechte Nachricht: Unser journalistisches System in Deutschland ist in der Mehrheit nicht in der Lage gewesen, auf die recht geschickte PR-Kampagne der Pharmaindustrie zu reagieren und diese entsprechend zu filtern. Denn es handelt sich zwar bei der Schweinegrippe um eine hochinfektiöse, aber in der überwiegenden Mehrheit glimpflich verlaufende Grippe. Wir müssen noch die Zahlen dieser Grippesaison abwarten, aber gemessen an den acht bis zwölf tausend jährlichen Grippetoten in Deutschland, wird diese Grippepandemie um Größenordnungen geringere Todeszahlen (zum Glück!) haben. Das hat auch die Mehrzahl der Menschen hier schon vor der zweiten Welle verstanden und so lag nach Umfragen die Impfbereitschaft bei etwa 5%. Gleichwohl wurde für 50% Impfquote Impfstoff geordert (das sahen die nationalen Impfpläne im Falle einer Pandemie vor) und diese große Investition sollte natürlich nicht vergebens sein. So wurde über jede Infektion, auch über unbestätigte Fälle, breit berichtet und über jeden toten Infizierten gab es eine Titelseite in der Zeitung mit großen Buchstaben. Über die Wirkung dieser Meldung konnte man dann am nächsten Tag in den Zeitungen lesen und im Fernsehen hören und sehen: Die Menschen rennen panisch zu den Ärzten, es gibt erhebliche Wartezeiten, und einige Menschen müssen sogar abgewiesen werden. Hatte man zu wenig Impfstoff? Der neue Gesundheitsminister Rösler erklärte sofort, dass es nur für 50% Impfstoff gibt und sich die Leute, die Bedenken haben, impfen lassen sollten. Nach einigen Wochen der Meldungen über Tote und überfüllte Praxen zog man Bilanz: Letztlich sind wohl nur etwa 5% des Impfstoffes verimpft worden und man möchte, um die Verluste gering zu halten, den übrigen Impfstoff an das Ausland verkaufen. Eine Debatte über die offensichtlichen Mängel in der Berichterstattung und über zu ziehende Konsequenzen wurde nicht betrieben. Zeitungen mit solchen Artikeln würden sich ja auch nicht sonderlich gut verkaufen, und inzwischen gibt es schon wieder neue Themen, mit denen man die „Grippe von gestern“ rasch vergessen machen kann. Für 2010 und auch danach ist die Schlussfolgerung klar: Wenn mal wieder „mediale Säue durch die Stadt getrieben werden“ (wie der Kabarettist Hagen Rether dies nennt), dann sollte man diesen Hintergrund bedenken und nüchtern analysieren, auch und gerade wenn man medial zu anderem Verhalten gereizt wird.

Warnendes Echo: Asse, Kernenergie und die Klimadebatte

Zum Thema des „Medienhype“ gehört auch die Energie- und Klimadebatte. Hierzu nur ein paar Schlaglichter: Im vergangenen Jahr spielte sich mit dem Skandal um die Endlagerung von Kernenergieabfällen in der Asse ein Lehrstück ab, das für die Klimadebatte von größter Bedeutung ist. Wieso das? Erinnern wir uns: Im letzten Jahr kam heraus, dass das Testendlager Asse (LINK), ein früheres Salzbergwerk, seit Jahrzehnten mit Wasser voll läuft, obwohl in den offiziellen Gutachten genau dies ausgeschlossen wurde. Schlimmer noch: schon zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Gutachten kam es zu Wassereinbruch; vor allem aber kam es zur politischen Einflussnahme auf die Gutachter, die Gefahren nicht so prominent heraus zu stellen. Für den weiteren Betrieb der Atomkraftwerke war ein Endlager nötig, und so wurde es „herbei-ge-gutachtet“. Dieser Skandal konnte die Wahl einer schwarz-gelben Regierung, die den Atomausstieg rückgängig machen will (wenn auch dem Vernehmen nach nur zeitweise), nicht verhindern. Das Thema wird vielleicht noch die Gerichte, auf jeden Fall aber Untersuchungsausschüsse beschäftigen – wichtiger ist jedoch, was politisch und atmosphärisch passiert ist. Natürlich sind die Politiker von damals längst in Rente gegangen und/oder können sich „an nichts erinnern“. Auch die Wissenschaftler, die eine gute Karriere gemacht haben, konnten sich entweder ebenfalls nicht mehr erinnern oder sind auch schon in Rente gegangen. Was aber bleibt, ist der Vertrauensverlust in die Wissenschaft. Wie kann man nun, so die treffende Frage der Atomkraftgegner, noch irgendwelchen Wissenschaftlern vertrauen, die etwa über Gorleben oder über die Sicherheit von Atomkraftwerken forschen, wenn am Beispiel Asse eine dermaßen große Beeinflussung deutlich wurde, die zu gravierenden Fehlern geführt hat? Wie kann man sich sicher sein, dass etwaige Forschungsergebnisse nicht ebenfalls Ausdruck des politischen Willens statt nach überprüfbaren Maßstäben zustande gekommene Ergebnisse sind? Eine der Folgen dieses „Misstrauens“ lautet, dass es auf absehbare Zeit in Deutschland keine Atomkraft mehr geben wird, weil fortan alle Gutachter unter Generalverdacht stehen und keiner Studie über Endlager o.ä. mehr geglaubt wird. Ein solcher neuer Impuls kann höchstens noch aus dem Ausland, etwa der Schweiz kommen, die gerade Ton-Endlager in den Alpen erforscht. Diese Tonstrukturen dehnen sich auch nach Bayern aus, wo man aber keine Endlager haben will.

Abgesehen davon ist dieser Vorgang ein anschauliches Beispiel, was uns etwa in der Klimadebatte bevorstehen könnte. Die Politiker waschen ihre Hände in Unschuld und verweisen darauf, dass sie natürlich nicht die Experten seien, sondern vielmehr die fachliche Einschätzung der Lage von unbestechlichen Wissenschaftlern erwarten. Politiker, die seinerzeit das Thema „Klimawandel“ so deutlich auf die Tagesordnung setzten wie z.B. Margaret Thatcher, haben nichts mehr zu befürchten, sie können als „Polit-Rentner“ nicht einmal mehr zurücktreten. Der Hinweis, etwa aus der Wissenschaft, dass die Politik durch Vergabe von Forschungsgeldern und der Schaffung von Forschungsinstituten, Einfluss auf die Wissenschaft nimmt und so etwa kritische Stimmen aussortiert, ist zwar zutreffend, aber offenbar für die hiesige Debatte zu komplex. Der Eindruck, der sich hierzulande ohnehin verfestigt, erzählt von einer käuflichen Wissenschaft mit der Konsequenz des galoppierenden Vertrauensverlusts in die Wissenschaft schlechthin.

Viele Menschen mögen diese Ausführungen verwundern und sie doch eher für ein sehr hypothetisches Szenario halten. Gibt es denn noch irgendeinen berechtigten Zweifel an der CO2-These? Ständig gibt es doch neue Veröffentlichungen von Klimaforschern, die mit ausgeklügelten Computerprogrammen eine starke Erwärmung, die Abschmelzung des Grönland -Gletschers und den Untergang diverser Inseln vorher sagen. Als Physiker ist die Vorhersage für mich (P.G.) ein vertrautes Geschäft, aber als Physiker frage ich auch immer erst nach dem physikalischen Mechanismus und den Größenordnungen der beteiligten Parameter. Hier vermitteln die Wikipedia-Einträge und der IPCC-Bericht einen guten Einblick. Um eines ganz klar zu stellen: Niemand bezweifelt, dass CO2 aufgrund seines Aufbaus Wärmestrahlung absorbiert. Das ist aber nicht der ganze Mechanismus; er soll nur an wichtiger Stelle dafür verantwortlich sein, dass Wärme in Form von Wärmestrahlung auf der Erde verbleibt. Dieser Effekt des CO2 beläuft sich laut IPCC auf etwa 2-5 Watt pro Quadratmeter. Nun kann hier jetzt nicht die gesamte Klimatheorie repitiert werden, aber stellen wir zumindest einige kritische Fragen:

  • Aufgrund natürlicher Schwankungen der Erdumlaufbahn um die Sonne (die sog. Milankovic-Zyklen) verändert sich die Einstrahlung um etwa 30-50 W/m², was wahrscheinlich mit verantwortlich für Eiszeiten ist. Derzeitig sind wir noch nicht wieder in einem Maximum an Einstrahlung angekommen. Der Grönland-Gletscher hat also Einstrahlungsschwankungen überlebt, die zehn mal größer waren als durch das CO2. Wieso überlebte er bis zu 50 W/m² mehr Strahlung, soll aber durch 2-5 W/m² komplett abschmelzen?
  • Im Jahre 1996 fand Albert Arking (Science 273, S.779-782 (1996)) heraus, dass man vom Strahlungskreislauf durch Sonne, Wolken, Wärmetransport durch latente Wärme etc. etwa 30 W/m² unverstanden sind. Es scheint noch einen oder mehrere Prozesse zu geben, die 30 W/m² ausmachen. Dieses Rätsel ist bis heute ungelöst und wäre eine interessante Aufgabe für Klimaforscher und Meterologen. Wieso soll 2-5 W/m² vom CO2 relevant sein, wenn man einen quantitativ viel größeren Effekt noch nicht verstanden hat? Und wieso forscht keiner daran?
  • Oder betrachten wir die schöne Kurve aus AlGores „Unbequeme Wahrheit“, die den Temperatur- und den CO2-Verlauf zeigt (LINK). Beide Kurven sind nahezu gleich, was in besagtem Film als Beleg für die CO2-These behauptet wurde. Bliebe nur die Frage der Kausalität, denn der CO2-Verlauf folgt dem (offenbar anderweitig verursachten) Temperaturverlauf. Was jedoch später passiert, kann nicht Auslöser für früher Geschehenes sein. Was ist also wirklich aus dieser Kurve zu schließen? Eine simple These ist die, dass sich das Meer durch Lufttemperaturerhöhung erwärmt und dann CO2 ausgast (wie bei einer Sprudelwasserflasche im Sommer).

Derweil hat man sich 2009 in Kopenhagen nicht auf verbindliche Klimaziele geeinigt, so dass der CO2-Ausstoß weiter massiv ansteigen wird. Indes hätte auch eine Einigung dort nur wenig gebracht, da man viele Ausnahmen diskutierte, wie etwa den CO2-Ausstoß des weltweiten Verkehrs. Wissenschaftlich gesehen macht es keinen Unterschied, welches CO2 in der Luft ist; hier geht es um politische Ziele. Man kann eine einfache (aber sehr gefährliche Frage) stellen: wie verläuft eigentlich – abgesehen von Prognosen, die auf diskussionswürdigen Modellen basieren – die tatsächliche globale Temperaturentwicklung? Beim Blick auf die Satellitendaten, die von hier (LINK) entnommen sind, sieht man, dass die globale Temperatur seit Jahren stagniert, obwohl der CO2-Ausstoß massiv angestiegen ist. Satelitendaten der globalen DurchschnittstemperaturDieser Ausstoß wird auch weiter zunehmen, nachdem man sich in Kopenhagen nicht einigen konnte. Sollte die globale Temperatur jedoch weiterhin nicht steigen, wird es eine Götterdämmerung geben, bei der die gesamte Klimatheorie in Frage gestellt wird. Wenn man sehr aufmerksam ist, kann man den Anfang davon auch schon feststellen. Man berichtet ja anders als noch vor zehn Jahren nicht mehr von der wirklichen globalen Temperatur, sondern beschränkt sich auf eher lokale Phänomene, wie die Verminderung von gewissen Gletschern (obwohl einige auch wachsen), der Verringerung des Eises am Nordpol in 2007 (dort war die Verminderung in der Tat sehr drastisch, aber eben nur in diesem Jahr 2007, während 2008 und 2009 die Eisfläche wieder größer wurde), die heißen Sommer in Europa (wobei man gerne die strengeren Winter vergisst, die wir derzeitig erleben), etc. Viele fragen schon, wie denn CO2 sowohl für die Erwärmung als auch für die strengeren Winter gleichzeitig verantwortlich sein kann.

Wenn die beschriebene Götterdämmerung eintreten wird, wissen wir jetzt schon, was passieren wird: Die politischen Akteure werden alle Schuld auf die Wissenschaftler schieben, die sie beraten haben. Dass die Politik die Wissenschaftler mit viel Drittmitteln geködert haben, Zweifel abzulegen, wird man nicht diskutieren (oder nur am Rande). Aber man wird fragen, wieso denn die Kritiker nicht sachlich widerlegt wurden. Eine einfache (und sicherlich zu kurz greifende) Antwort auf diese Frage ist, dass abweichende Meinungen zu weniger Drittmitteln geführt hätten. Es wird sich ein Maß an politischer Einflussnahme und Korrumpierung zeigen, in dessen Folge das Vertrauen in die Wissenschaft massiv gestört werden wird, und zwar in einem Ausmaß, dem gegenüber der Fall Asse nur als kleine Nebensache erscheinen wird.

Dies sollte einen nicht mit Genugtuung oder Freude, sondern eher mit Sorge erfüllen, denn es ist ja nicht so, dass es keine Probleme gäbe, die man mit wissenschaftlicher Methode lösen könnte. Nehmen wir etwa die schwindenden fossilen Brennstoffe – oder noch viel wichtiger: Das Trinkwasser. Vielerorts wird Trinkwasser aus fossilen Quellen bezogen, die bald aufgebraucht sein werden. In China, den USA und im Nahen Osten wird es in den nächsten Jahren massiven Wassermangel geben. Wassermangel wird zu massiven Einwanderungsversuchen von der südlichen Hemisphäre nach Europa führen. Eine Tendenz, die nicht nur aus Wassermangel sondern auch wegen der Agrar-Subventionspraxis hier in der EU ausgelöst wird. Auch die Lösung dieser Probleme wird internationale Bemühungen aufgrund globaler Verantwortung bedingen. Wenn man wissenschaftlichen Analysen aufgrund fehlender Unabhängigkeit nicht mehr glauben kann, dann wird dies nicht sachdienlich sein. Es bleibt zu hoffen, dass vorher innerhalb der Wissenschaft der Mut aufgebracht wird, hier die offenen Fragen ergebnisoffen anzugehen, und zwar bevor die politische Seite die Chance hat, einseitige Schuldzuweisungen vorzunehmen.

Fazit

Wie wir gesehen haben, wurden nicht alle wichtigen Dinge zum Ende des Jahres 2009 von anderen diskutiert und auch unsere Auswahl bleibt (notwendig) unvollständig. Es ging hier aber nicht um Vollständigkeit, sondern um das Aufzeigen von wichtigen, aber ansonsten vergessenen Aspekten des letzten Jahres, die ihr Auswirkungen 2010 (oder später) zeigen werden. Wir von Solon-line werden auch 2010 solche Dinge aufgreifen und zur Sprache bringen; nicht zuletzt um daraus Debatten entstehen zu lassen.

Nachweis des Titelbildes: Bild von paxflickr (LINK).

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