Dialog oder Monolog? Universalität und Individualität bei Wilhelm von Humboldt

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Wilhelm von Humboldt Statue vor der Humboldt Uni BerlinAus Anlass des 175. Todestages Wilhelm von Humboldts veranstaltete die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften Anfang April eine internationale Tagung unter dem Titel „Wilhelm von Humboldt: Universalität und Individualität“, die gleichzeitig einen von mehreren Beiträgen der Akademie zum Berliner Wissenschaftsjahr 2010 ausmachte. Dabei traten ganz unterschiedliche Zugänge zu Humboldts Werk und Ideen zu Tage – ein Hinweis auf die Vielschichtigkeit unserer eigenen Geistestradition zwischen dialogischem und monologischem Denken, der nachzuspüren es ermöglichte, auch manche aktuelle Fragen aus neuem Blickwinkel zu beleuchten.

Von Frank Hahn


Berlin feiert sich in diesem Jahr als historisch gewachsene und in die Zukunft weisende Wissenschaftsstadt. Eine solche Feier darf sich nun keinesfalls in den gängigen Appellen zu mehr Forschung, Innovation, Bildung usw. erschöpfen, sondern sollte nach den markanten Einschnitten der Wissenschaftsgeschichte fragen, die durch außergewöhnliche Ideen und Entdeckungen die Zeiten überspannen. Kein solcher Einschnitt ließe sich jedoch markieren ohne Namensnennung markanter Persönlichkeiten, die das Einschneidende beigetragen haben. Zu den Berlin prägenden Persönlichkeiten der Ideengeschichte zählen die Gebrüder Humboldt mit an erster Stelle. Alexander eröffnete neue Ansichten der Natur und Wilhelm neue Einsichten in das Wesen der Sprache – oder müsste man hier eher von neuem „Einhören“ sprechen? Beide Humboldts sind vielleicht in der Offenheit und Unabgeschlossenheit ihrer Denkformen der ewige Stachel, den wir gegen Verknöcherung und erlahmende Routine im Wissenschaftsbetrieb benötigen. Nicht zuletzt das dialogische Denken Wilhelm von Humboldts ermöglicht es, das einmal Gesagte jeweils zu korrigieren, denn er hat uns zu verstehen gegeben, dass Sprache und Sprechen nie einen Abschluss finden, sich vielmehr im Umkreisen, Umschweben des zu Bedeutenden bewegen. Obwohl sich in Sprache immer der denkbar individuellste Ausdruck offenbart, verbindet in dieser trennenden Subjektivität die Sprache dennoch den Einzelnen mit seines gleichen und der Welt – in ihr ist also schon der universelle Anspruch des Individuums sowie das jeweilig Individuelle im „großen Ganzen des Weltprozesses“ ausgedrückt. Insofern war das Thema „Wilhelm von Humboldt – Individualität und Universalität“ für die internationale Humboldt-Tagung in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften trefflich gewählt.

Wilhelm von Humboldt schillert in verschiedenen „Denkfarben“, aber gerade die Widersprüche in seinem Werk reizen zur Beschäftigung, erinnern sie uns doch an die mehrfache Gebrochenheit der Ideengeschichte. Erkennen wir diese als Schatz statt als Bedrohung, scheint die Vielfalt der hermeneutischen, philologischen, philosophischen, kulturellen Zugänge zur eigenen Tradition fast unendlich. Unter diesem Aspekt lag der besondere Reiz der Humboldt-Tagung in den jeweils unterschiedlichen Mustern der Humboldt-Interpretation, die zumeist durch die Originaltexte gedeckt zu sein schienen. So wurde Humboldt mal monologisch und dann wieder dialogisch interpretiert, einerseits als „orthodoxer Kantianer“, andererseits als Wegbereiter solcher nicht-kantianischer Denker wie Rosenzweig und Benjamin. Schießen hier nur wilde Interpretationen experimentell ins Kraut oder hat uns Humboldt selbst vielleicht vor einem Entweder-oder-Denken bewahren wollen? Hat er die Widersprüche im eigenen Werk bewusst ausgehalten oder für marginal erachtet? Wir Heutigen jedenfalls könnten Gelassenheit aus dem gelassenen Nebeneinander der Denkformen bei Humboldt gewinnen. Ob dies bei besagter Akademie-Tagung immer gelang oder nicht – wir möchten im Folgenden jedenfalls durch eine zugegeben äußerst knappe Rückschau auf einige exemplarisch ausgewählte Beiträge nicht zuletzt Wege zur Gelassenheit im Umgang mit Ideen aufzeigen.

Humboldt, der Sprachdenker – aber auch der Kantianer?

Der bekannte Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant hat auf wohltuende Weise Humboldt selbst zur Sprache gebracht, indem er ausführlich aus der Einleitung in die Schrift „Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus“ – auch als „Kawi-Werk“ bekannt – zitierte und die vorgetragenen Passagen kommentierte. Dabei gelang es ihm, die prägnanten Bruchstellen zu markieren, an denen Humboldt sich von seinen Zeitgenossen und auch heutigen Denkern abhebt und neue Bahnen in Wissenschaft und Philosophie erschlossen hat. Allem voran gilt dies für die seit Aristoteles scheinbar „unausrottbare Denkfigur“, wonach Sprache nur das Mittel sei, die bereits erkannte Wahrheit darzustellen. Humboldt habe leidenschaftlich gegen diese reduktionistische Sichtweise auf die Sprache, in der Worte nur dem „Transport der Gedanken“ dienten statt der schöpferischen Entstehung derselben, gekämpft. Nach Humboldt ist Sprach- und Gedankenbildung ein untrennbarer Prozess, weshalb kein einzelner Denkakt unabhängig von Sprache und Sprechen sich zutragen könne. Trabant zitierte Humboldts berühmtes Wort von der Sprache als dem „bildenden Organ des Gedanken[s]“, mit dem er deutlich der Idee widerspreche, Sprache würde den bereits vorsprachlich existenten Gedanken nur ausdrücken.

Daraus erhellt bereits das andere charakteristische Humboldtsche Diktum, wonach Sprache weniger ein vorliegendes Werk (Ergon) sei als vielmehr sich ständig erneuernde Tätigkeit (Energeia):

„Die Sprache in ihrem wirklichen Wesen aufgefasst, ist etwas beständig und in jedem Augenblick Vorübergehendes … sie selbst ist kein WERK (ERGON), sondern eine Tätigkeit (Energeia)…. sie ist nämlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedankens fähig zu machen. Unmittelbar und streng genommen ist dies die Definition des jedes maligen Sprechens; aber im wahren und wesentlichen Sinn kann man nur die Totalität des Sprechens als die Sprache ansehen.“

Auch hiermit deckte Trabant eine „unausrottbare Denkfigur“ auf, nämlich Sprache als Ergon und somit als „totes Machwerk der wissenschaftlichen Zergliederung“ miss zu deuten. Dies aber müsse notwendig zu einer Verdinglichung der Begriffe und einer geistig-gedanklichen Stockung oder Stauung der doch in Wahrheit beweglichen, fließenden und sich ständig verändernden Wirklichkeit führen. Gegen diese Verdinglichung habe Humboldt mit dem genannten Diktum „Sprache ist Sprechen“ das Desiderat einer „Verflüssigung“ der Begriffe und Worte ins Bewusstsein bringen wollen. Dieses Verständnis von Sprache als etwas Fließendem drücke sich auch in Humboldts berühmtem Satz aus, wonach jedes Verstehen zugleich auch immer ein Nicht-Verstehen sei: „Keiner denkt bei dem Wort gerade und genau das, was der andere, und die noch so kleine Verschiedenheit zittert, wie ein Kreis im Wasser, durch die ganze Sprache fort. Alles Verstehen ist daher immer zugleich ein Nicht-Verstehen …“ Hier widerspricht Humboldt also der – vor allem in den Wissenschaften und der Logik verbreiteten – Fiktion eindeutiger präziser Begriffe, die eine Sache „objektiv“ und unmissverständlich bezeichneten. Das fortgesetzte Nicht-Verstehen, welches das vermeintliche Verstehen begleitet, bedarf also der fortgesetzten Anstrengung umkreisender und einkreisender Wortfindung in der Wechselrede zwischen Menschen, die nach den Bedeutungen hinter der Bedeutung nicht müde werden zu suchen.

Trabant griff das Thema Individualität und Universalität auf, indem er daran erinnerte, dass laut Humboldt der höchst individuelle Akt des jedesmaligen Sprechens der einzige Weg zum Verstehen des Anderen darstelle. Indem die „in Sprache verwandelte Vorstellung nicht mehr ausschließend einem Subjekte angehört“, greife der individuelle, subjektive Sprechakt in das Gebiet des Objektiven und potenziell Universellen hinüber. Die Sprache verkörpere höchsten individuellen Ausdruck, aber nur sie ermögliche dem Individuum, aus der abgeschlossenen inneren Welt des Subjekts heraus zu treten und sich fremden Weltsichten zu öffnen. Erst durch das Zurückstrahlen aus fremder Denkkraft erreiche der einmal ausgesprochene Begriff seine Bestimmtheit und Klarheit, sodass alles Sprechen auf Anrede und Erwiderung gestellt sei – so wurde Humboldt von Trabant zitiert. Im so angesprochenen Du verknüpften sich Individualität und Universalität. Da alle Menschen irgendeine Sprache sprächen, drücke sich in dem Prozess der Mitteilung vom einem Ich zu einem Du die Universalität einer sprechenden und hörenden Menschheit aus.

Der aufmerksame Leser müsste über ein Zitat des letzten Absatzes gestolpert sein, in dem von der „in Sprache verwandelten Vorstellung“ die Rede war. Widerspricht dies nicht dem anfangs von Trabant herausgehobenen Humboldtschen Diktum, wonach kein Denken, also „Bildung einer Vorstellung im Geiste“ sich im vorsprachlichen Raum zutragen könne? Der Widerspruch in Humboldts eigenen Worten ist in vielen Passagen der Einleitung in das „Kawi-Werk“ nicht zu überhören, nicht zu überdecken. Besonders augenfällig – oder müsste man vom Sprachdenken ausgehend besser ohrenfällig sagen (?) – wird dies in folgender Formulierung: „Die subjektive Tätigkeit bildet im Denken ein Objekt …“ Hatte nicht Humboldt selbst uns gerade klug und beredt darüber belehrt, dass eben diese merkwürdige subjektive geistige Tätigkeit als ein vorsprachlicher Akt undenkbar sei? Humboldt hatte jedoch die Begriffe der kantischen Philosophie verinnerlicht, bevor er seine Sprachstudien begann. Wäre die Erwartung nicht zu viel verlangt, wonach mit der neuen Entdeckung auf dem Feld der Sprache auch sogleich die prägenden und angemessenen Worte zu finden wären, die über den bekannten philosophischen Wortschatz hinaus weisen? Müssten aber nach Humboldt die neuen Worte nicht der neuen Entdeckung vorausgehen? Wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen? Humboldt zumindest will ihn gar nicht verdecken – und so changiert Sprache für ihn zwischen Energeia und Ergon, wobei Letzteres die Sprache als vorgegebene, äußere Macht meint, gegen die das Individuum in seinem Streben nach individuellem Ausdruck sich nicht nur behaupten, sondern kämpfen müsse, so Trabant. Es wäre wohl eine falsch verstandene Idee der „Reinheit“, die vollkommene Unabhängigkeit des Sprachdenkers von dieser Macht der Sprache anzunehmen. Dieser Vorstellung einer „Reinheit“ würde Humboldt widersprechen, denn das jedesmalige Sprechen, in dem sich die Artikulation des bisher nicht Gedachten ereignet, ist seiner Eigenart nach flüchtig wie der sie tragende Hauch. Das gesprochene Wort ist nicht – sozusagen automatisch – mit dem einmaligen Akt des Ausgesprochen-Werdens als Ergon im Sprachschatz des Sprechers verankert. Um dem einmal Gesagten Dauer zu verleihen, muss es in wiederholten Anläufen immer wieder neu gesprochen werden. Wer das mühevolle Ringen um die Aneignung mehrerer Denkformen oder Denkstile kennt, die jeweils eine eigene Sprache ausdrücken, wird das Schwanken der Sprache zwischen Ergon und Energeia als Ausdruck dieser Mühen besser verstehen. Nur Ideologen und Dogmatiker müssten hieran verzweifeln, während der Sprachdenker auf das Ertragen der Widersprüche bestens vorbereitet ist. Lassen wir Humboldt also zwischen den Denkformen und Sprachweisen schwanken – er war auch Kantianer, aber nicht nur; er war Logiker, aber nicht nur; er war Sprachdenker, Dialogiker, Dialektiker, aber nicht nur.

Individualität und Universalität: Humboldt und Leibniz

Nicht Humboldts Kantianismus, sondern dessen Nähe zu Leibniz und Goethe hob Tilman Borsche – Philosophie-Professor aus Hildesheim – hervor. Humboldts Begriff des Individuums unterscheide sich von der atomistischen Ontologie, dem Nominalismus oder der Sprachanalytik des 20. Jahrhunderts, die jeweils das lateinische „Individuum“ vom griechischen „Atomos“ her als Abgeschlossenheit und Isoliertheit des je Einzelnen aufgefasst hätten. Borsche erinnerte an die gedankliche Nähe Humboldts zu Leibniz, der bekanntlich in seiner Monadologie „das Individuum als den kontinuierlichen Prozess seiner besonderen Spiegelung des Universums“ verstanden habe. Dieser „kontinuierliche Prozess“, den Leibniz unter dem Begriff des Selbstbewusstseins fasste, werde von Humboldt als Sprachfähigkeit bezeichnet. Auch Borsche wies darauf hin, dass in der Sprache sich die Wechselrede zwischen einem individuellen Ich und einem Du als Repräsentanten der Welt abspiele. Diese Wechselwirkung zwischen Ich, Du und Welt spiegele sich in der einzelnen Sprache, die wie ein lebendiger Organismus eine „geistige Individualität“ darstelle, die gleichzeitig die Welt umfasse, wenngleich „immer nur im Moment und kontingenterweise eine begrenzte denk- und wahrnehmbare Welt“. Hier also erscheint die Analogie zur Leibnizschen Monade, die zwar in ihrer Totalität das Universum als Ganzes repräsentiere, aber doch jeweils nur auf ihre spezifische, individuelle und damit begrenzte, also auch das Ganze begrenzende Art. Dies wurde von Borsche im Folgenden weiter zugespitzt: „Der Gedanke von der notwendigen Individualität der Sprachen hat weit reichende Folgen: Obwohl jede von ihnen die gesamte Welt umfasst und damit die Aufgabe der Sprache auf ihre Weise an ihrem Ort hinreichend erfüllt, kann keine Sprache, auch nicht die denkbar reichste, die Möglichkeit der Sprache insgesamt darstellen, mithin die menschliche Sprachfähigkeit ausschöpfen“.

Könnte man also sagen, dass Humboldt mit seinem Sprachdenken die Leibnizsche Grundidee einer dynamischen Wechselwirkung zwischen Individualität und Universalität erweitert habe? Was bei Leibniz – unter Anleihe bei antiken Kosmologien – als schönes Bild einer harmonischen Ordnung zwischen menschlichem Geist und der Natur als Ganzer das barocke Empfinden seiner Zeit zu entzücken vermochte, erhält bei Humboldt durch sein Sprachverständnis eine über Leibniz hinaus weisende Wendung. Bei Leibniz spiegele sich „das bereits Vorhandene als von Gott Gedachtes im menschlichen Geist“, so Borsche. Bei Humboldt präge der Mensch in der Sprache und durch das Sprechen bisher ungedachte Gedanken und Begriffe. (Das muss nicht Leibnizens genialer Erfassung des Schöpferischen im Individuum widersprechen – vielleicht war er in mancher Hinsicht sprachlich in den Gefilden der Scholastik so befangen wie Humboldt in denen des Kantianismus.) Für diese kurze Betrachtung halten wir Borsches Kerngedanken fest: Jede Sprache ist eine geistige Individualität, die den Bezug auf das Ganze der Welt – also auf Universalität – schafft, jedoch auf individuell eingeschränkte Weise. Nur in der Sprache ereignet sich der individuelle Zugang zum Universellen. Die Erweiterung der Sprachfähigkeit wäre demnach der einzige Weg zu einer Intensivierung des dynamischen Wechselbezugs zwischen Universalität und Individualität.

Der politische Bezug: von Humboldt zu Rosenzweig und Buber

Die angedeutete Korrelation zwischen Individualität und Universalität ruft unvermittelt die Frage nach dem politischen Bezug hervor. Der junge französische Wissenschaftler Denis Thouard sah in Humboldts Sprachstudien eine Fortsetzung seines politischen Engagements mit anderen Mitteln. Zwar habe Humboldt sich 1819 in Reaktion auf die Karlsbader Beschlüsse aus der Politik zurückgezogen, jedoch nur um einen „Strategiewechsel“ einzuleiten. Schon 1820 habe er anlässlich einer Rede vor der Akademie der Wissenschaften eine neue politische Botschaft ausgegeben, wonach jede Sprache als geistige Individualität eine je eigene Sicht der Welt zum Ausdruck bringe. Da alle diese verschiedenen Zugänge zur Welt als gleichberechtigt anzusehen seien, schaffe dieses Verständnis der Sprache und Sprachen statt eines Konfliktes der Kulturen die Möglichkeit der dialogischen Verknüpfung, indem jede Sprache dieselbe Aufmerksamkeit der Forschung, aber auch der neugierigen Erfassung einer neuen Weltsicht verdiente. Humboldt habe in diesem Sinne einen „Arbeitsplan“ vorgelegt, der die Sprachforschung zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus der„Rolle einer imperialer Erfüllungsgehilfin“ befreit habe. Insofern sei Humboldts Sprachprojekt ein liberales Gegenstück zur Reaktion gewesen.

Dieser Gedanke wurde von der italienischen Wissenschaftlerin Donatella di Cesare vertieft und erweitert. Sie ist Professorin für Sprachphilosophie an der Universität La Sapienza in Rom sowie für Jüdische Studien an der Hebräischen Universität Jerusalem. Di Cesare stellte ohne Umschweife den aktuellen Bezug in Humboldts sprachlichem und politischem Denken her: Nach der Vernichtung der Individualität durch den totalen Staat des 20. Jahrhunderts erlebten wir am Beginn des 21. Jahrhunderts die neuerliche Bedrohung eben jener Individualität durch die „raffinierten Kommunikationsmethoden des demokratischen Staates“, womit sie offenkundig auf das Italien Berlusconis anspielen wollte. Als Teil dieser raffinierten Kommunikation sei auch der zunehmend abstrakte Begriff der „Freiheit des Individuums“ anzusehen, wenn zum einen die Bürger einer globalisierten Staatenwelt zunehmend von der Teilhabe ausgeschlossen würden und zum anderen die konkretere Vorstellung einer „menschlichen Gemeinschaft“ im Unterschied zur Gesellschaft und als Gegenhalt zum Staat fehle. Humboldt habe schon in jungen Jahren dieser abstrakten Freiheit des Individuums die sehr konkrete der Entfaltung mannigfaltiger Anlagen des Individuums zu einem Ganzen gegenüber gestellt. In seiner 1792 erschienenen frühen Schrift „Ideen über die Grenzen der Wirksamkeit des Staates“ habe Humboldt vor diesem Hintergrund den Staat als notwendiges Übel charakterisiert, der statt Mannigfaltigkeit Einförmigkeit befördere. Staat sei von „status“ abgeleitet, in dem das Feste, Erstarrte, einmal Gesetzte als statische Uniformität die Energeia, die ständig sich erneuernde dynamische Tätigkeit, zu ersticken drohe. Vollkommen missverständlich jedoch wäre es, Humboldt als „Liberalen“ zu etikettieren, denn nicht auf den Individualismus, sondern auf die Gemeinschaft von freien Individuen ziele sein Ansinnen.

Damit bereitete di Cesare das Publikum jedoch nur auf ihre eigentliche Überraschung vor, deren Brisanz nur wenige sofort aufspürten: Humboldt wurde als dialogischer Denker interpretiert, dessen Sprachdenken über Chajim Steinthal schließlich auf Franz Rosenzweig, Martin Buber und Walter Benjamin gewirkt habe. Die Überraschung, die teilweise Irritation oder auch Verunsicherung auslöste, strahlt in zwei Richtungen aus: Zum einen finden sich bei Rosenzweig und Buber kaum je Hinweise auf eine Lektüre Humboldts, sie zitieren ihn nie. Zum anderen könnte nun der Boden für all jene sehr brüchig werden, die Humboldt stur und harthörig ausschließlich in die Kategorie des Idealisten oder Kantianers verfrachten, um sich damit aller weiteren Fragen vorzeitig zu entledigen. Der jüdische Philosoph Franz Rosenzweig hat sein dialogisches Sprachdenken explizit als Gegenentwurf zum deutschen Idealismus – als einer vom Ich ausgehenden Denkform – verstanden. Rosenzweigs Verständnis von Sprache ist im übrigen nicht von der Offenbarung zu trennen, während Humboldt (scheinbar) jegliche religiösen Bezüge in seinen Sprachstudien meidet – oder hat er etwas vor uns versteckt? Erneut gibt Humboldt uns manches Rätsel auf, solange wir nervös suchend die Ackerkrume der Philosophie nach bekannten Kategorien durchpflügen. Liberalismus, Humanismus, Idealismus, Kantianismus, Empirismus – von all diesen begrifflichen Konstrukten finden wir Spuren in Humboldts Denken, aber was ist mit der gelungenen philosophischen „Zuordnung“ eines freien Denkers wie Humboldt gewonnen? Die Schrift, in der Humboldt sich quasi über alle bekannten Kategorien erhebt, wird merkwürdigerweise nur selten rezipiert – es ist der 1827 herausgegebene Text „Über den Dualis“. Die Schrift ist kurz und die wenigen Sätze, auf die es ankommt, sind auf den ersten Blick fast unmerklich eingestreut. Hier wurde und wird offenbar häufig und gern etwas überlesen. Deswegen brach di Cesares Beitrag als diskrete Provokation und fast subversive Überraschung in den Tagungsablauf hinein. Energeia statt Status, Gemeinschaft statt individueller Isolierung – das war Humboldts politische These seit der „Ideen-Schrift“ von 1792. 35 Jahre später findet er in dem Text „Über den Dualis“ eine Antwort auf die politisch-philosophische Fragestellung: Sprechen sei ein „Übereinkommen für und mit dem Anderen“, erläuterte di Cesare Humboldts neuen Ansatz. Indem der Einzelne seine Stimme zur Stimme des Anderen anstimme, entstehe Gemeinschaft, in der die Sprecher am gemeinsamen Wort teil hätten. Sprache sei so im Gegensatz zum Privateigentum immer gemeinsames Eigentum. Während in dieser Formulierung jedoch scheinbar nur das Ich durch ein kollektives Wir ausgetauscht wird, ging es Humboldt in Wahrheit um die Zweiheit von Ich und Du, so di Cesare. Sie hob Humboldts grammatisches Denken an diesem entscheidenden Bruchpunkt der Philosophie heraus, indem sie seine Unterscheidung zwischen „echtem Dualis“ und Plural unterstrich. Der Dualis zeige seinen paradoxen Charakter als quasi „kollektiver Singularis“, in dem sowohl die Form des Singulars wie des Plurals eingingen. Die Form des Dualis schaffe damit einen Zwischenraum der Begegnung zwischen Ich und Du – jenseits der statischen Subjekt-Objekt-Beziehung zwischen einem Ich und einem Nicht-Ich. Während die Logik sich in einem Raum zwischen erster und dritter Person eingerichtet habe, um über Mensch und Sache verfügen zu können, beruhe Sprache auf der wechselweisen Beziehung der ersten und zweiten Person zu- und aufeinander. Sprache als sprechende Wechselrede – in diesem Gedanken offenbare sich die „befreiende Gesetzmäßigkeit dialogischer Offenheit“, so di Cesare. Der staatlichen Macht könne nur ein Miteinander entgegenwirken, das in der grammatischen Form eines kollektiven Singularis das Individuum vorkollektivem Zwang genauso wie vor „monadischer Egoität“ bewahren möge. „Der Sprecher ersetzt den Bürger und Untertan“, lautete di Cesares Humboldt-Interpretation und ihr politisches Credo.

Auch das Sprachdenken Franz Rosenzweigs verweist uns vordringlich auf das Sprechen und weniger auf die Sprache. Jedes neu gesprochene Wort gilt ihm als neuer Anfang, als neue Offenbarung. Um uns ihr gegenüber offen zu halten, bedürfen wir der Zeit, denn die Wechselrede beruht darauf, die Antwort des Anderen zu er-warten, auf sie warten zu können und ihr nicht vor zugreifen. Andernfalls verharrte das Sprechen im Monolog, in dem allenfalls vorgefertigte Begriffe wie vor geprägte Münzen zwischen einem Ich und einem Nicht-Ich sich tauschen ließen. Demgegenüber bezeichnete di Cesare das „Sprechen als Teilhabe am gemeinsamen Wort“ als subversives Element, mit dem man sich dem institutionellen Zwang der Gesellschaft entziehen, jedoch gleichzeitig Gemeinschaften außerhalb bestehender Institutionen schaffen könne. Indem di Cesare eine Begegnung zwischen Rosenzweig, Buber und Humboldt anbahnte, beschritt sie einen neuen Weg, auch Rosenzweigs Sprachdenken für aktuelle gesellschaftliche Fragen fruchtbar werden zu lassen. (Die ausführlichere Darlegung des Dualis bei Humboldt und Rosenzweig kann man in dem nachfolgenden Artikel von Donatella Di Cesare nachlesen.)

Dialog oder Monolog?

Gegen Ende der Tagung wurde noch ein „Kontrastprogramm“ zum dialogischen Humboldt gegeben. Prof. Christian Stetten aus Aachen bezeichnete Humboldt als ersten post-metaphysischen Denker – womöglich um die sonst von ihm gebräuchliche Formulierung, Humboldt sei ein orthodoxer Kantianer, vor dem honorigen Fachpublikum zu vermeiden. Wenngleich der Grundthese Stettens zuzustimmen ist, dass Kants transzendentaler Ansatz „gegen die Sprache“ gerichtet sei – besser sollte es heißen: Kant hat Sprache nicht gedacht -, so verfehlte er die Chance, aus dieser Erkenntnis fruchtbringende Funken zu schlagen. Dass Kant in seinen Kategorien nicht die GANZE Wirklichkeit der Weltbegegnung erfasst habe, leitete Stetten nicht völlig zu Unrecht daraus ab, dass er die Vielfalt der Sprachen (neben den natürlichen Sprachen meinte Stetten hier auch die Sprache der Logik, der Mathematik, der Hermeneutik etc.) aus seinen Untersuchungen ausgeblendet habe. Humboldt jedoch eigenwillig als Kronzeugen für eine logisch-präzise Bestimmbarkeit der Begriffe und der durch sie bezeichneten Sachen aufzurufen, lässt sich – vorsichtig formuliert – durch Humboldts eigene Worte kaum decken. Stetten unterschob Humboldt erneut einen Begriff der Sprache als Medium, der bereits zu Anfang der Tagung von Jürgen Trabant widerlegt worden war.

So wird es uns weiter aufgegeben sein, Humboldt zu entziffern. Da sich offenbar in seiner Person und seinem Werk Mono-Logiker, Kantianer und Linguistiker genauso wiederfinden wie Sprachdenker und Dialogiker, wäre die Vertiefung des Streitgesprächs um Humboldt mehr als nur ein Desiderat. In der Offenheit solchen Gesprächs blitzt die unvergängliche Hoffnung auf, unsere eigene Denktradition neu zu erschließen. Neben Leibniz und Kant sei noch Moses Mendelssohn zu erwähnen, bei dem der jugendliche Humboldt seine ersten philosophischen Lehrstunden erhielt. Neben dem Griechischen war immer schon das Jüdische in der deutschen Geistesgeschichte präsent. Auch Humboldts Neugier erschöpfte sich nicht im Studium der Griechen, sondern drängte zu den indischen Dichtungen genauso wie zur hebräischen, litauischen und indonesischen Sprache. Um also den raffinierten Kommunikationsmethoden einer globalen Uniformität zu widerstehen, bedürfen wir der Erfahrung des Anderen, aus dem unsere Denkkraft in größerer Klarheit zurückstrahlt.

Bildnachweis: Wilhelm von Humboldt Statue von sebat85 (LINK).

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