Indien – Ein Schlüsselakteur in der multipolaren Welt – Probleme und Perspektiven

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Foto von Dr. Hans-Georg Wieck

Ein Gespräch mit Dr. Hans-Georg Wieck

Nach seiner Tätigkeit als Botschafter in Teheran, Moskau und bei der NATO in Brüssel sowie als Präsident des Bundesnachrichtendienstes war Wieck von 1990 bis 1993 deutscher Botschafter in Indien. Von 1996 bis 2008 war er Vorsitzender der Deutsch-Indischen Gesellschaft. In einer Vielzahl von Aufsätzen und Reden hat sich Wieck mit der inneren Entwicklung und den Außenbeziehungen Indiens beschäftigt. Das folgende Interview mit Solon-line fand am 1. Juli 2010 in Berlin statt; die Fragen stellte

Michael Liebig.


Herr Dr. Wieck, was waren die innere Lage und internationale Position Indiens zu der Zeit, als Sie dort Botschafter waren?

Als ich nach New Delhi kam, war der Kalte Krieg gerade beendet. Die Wiederherstellung der politischen Einheit Deutschlands, die sicherheitspolitischen Verständigung zwischen Ost und West und die demokratische Transformation im Osten Europas berührten Indien zutiefst.

Während des Kalten Krieges war Indien ein Hauptakteur der Bewegung der Blockfreien Länder. Mit seinem Ende brach diese blockfreie Struktur zusammen, denn es gab keine Konfrontation der beiden Blöcke mehr. Ein anderer Hauptakteur der Blockfreien Bewegung – Jugoslawien – zerfiel und auch die „Frontstaaten“ in Afrika mussten sich neu ausrichten, da Südafrika die Apartheid aufgab. Anstelle ideologischer Zielsetzungen und Auseinandersetzungen wurden die internationalen Beziehungen nun von nüchterner Interessenpolitik bestimmt. Darauf musste sich Indien einstellen und das fiel der indischen Führung zunächst nicht leicht.

Indien hat dann sehr rasch Konsequenzen ziehen müssen, denn bereits unter Gorbatschow wurde der Außenhandel der Sowjetunion von zwischenstaatlichen Verrechnungssystemen auf Devisen umgestellt. Plötzlich musste Indien für Waffenlieferungen und andere Importe aus der Sowjetunion/Russland mit „harter Währung“ statt mit Lieferungen von beispielsweise Tee oder Textilien bezahlen. Indiens Währungs- und Goldreserven schrumpften.

Indien musste also eine wirtschaftspolitische Wende einleiten und tat dies auch nach der Wahl von Narasimha Rao als Ministerpräsident im Sommer 1991. Im Mai 1991 war Rajiv Gandhibei einem Attentat ermordet worden und die Congress Party sah in dem altgedienten Politiker Rao zunächst nur eine Übergangsfigur. Aber Rao erwies sich, gestützt auf den Rat seines Finanzministers Manmohan Singh, der zuvor Chef der indischen Zentralbank war, als energischer Wirtschaftsreformer. Rao leitete den Abschied von der wirtschaftlichen Planungsvollmacht des Staates und den engen Rahmenbedingungen für die Privatwirtschaft ein. Zur allgemeinen Überraschung – auch vieler meiner Botschafterkollegen – setzte die Liberalisierung enorme Kräfte frei und führte die indische Wirtschaftin die Weltwirtschaftzurück. Die Wirtschaftsreformen von 1991 bewiesen, dass das Jahrtausende alte Indien mit einer großen Händlertradition über eine große Zahl tatkräftiger Unternehmer verfügte, die sich in den Jahrzehnten zuvor infolge der quasi-sozialistischen Wirtschaftssteuerung nicht entfalten konnte.

Bereits Rajiv Ghandi hatte die Notwendigkeit wirtschaftspolitischer Reformen erkannt, aber in seiner Regierungszeit (1984-89) waren die Liberalisierungsschritte eher taktischer Natur gewesen, während unter Rao die Wirtschaftsreform als strategische Antwort auf eine neue strategische Lage anzusehen war. Und nun zeigte sich das Indien ein großes Potential von Menschen hat, die auf rationales wirtschaftliches Handeln ausgerichtet sind.

Wie beurteilen Sie die wirtschaftlichen Entwicklung Indiens der vergangenen zwei Jahrzehnte? Der enorme wirtschaftliche Fortschritt Indiens wird ja erst in den letzten Jahren von der Weltmeinung angemessen wahrgenommen?

Hier ist zunächst festzuhalten, dass Indien die politische Struktur einer offenen Gesellschaft hat, obgleich eine elitäre Brahmanen-Haltung immer noch wahrzunehmen ist. Durch Indira Gandhis quasi-sozialistische Politik und die Nähe zur Sowjetunion wurde das Potential an Eigeninitiative in der indischen Gesellschaft überlagert. Mit den Wirtschaftsreformen von 1991wurde der Entfaltungs- und Gestaltungswille der Inder freigesetzt – nicht nur in den Metropolen, sondern auf dem ganzen Subkontinent. Das war wie ein Monsunregen, der das ausgetrocknete, aber fruchtbare Land zum Erblühen bringt.

Doch auch nach der Liberalisierung blieb der wirtschaftliche Entwicklungsprozess kompliziert, denn Indien musste seine Produktionsstruktur verändern: Weg von Erzeugung einfacher Güter in großen Mengen zu solchen von hoher Qualität. Dieser Prozess hat sich in vielen Industriezweigen vollzogen – wir haben das insbesondere im Bereich der Informationstechnologie gesehen und aktuell sehen wir das in der Autoindustrie. Die indische Wirtschaft hat das nicht (nur) mit den eigenen Ressourcen bewerkstelligt, sondern Technologien aus der ganzen Welt eingeführt und in die eigene Produktion integriert, um auch international wettbewerbsfähige Produkte erzeugen zu können.

Bei meinen Gesprächen in Indien habe ich festgestellt, dass auch diejenigen, die mehr einer etatistischen oder sozialistischen Wirtschaftspolitik zuneigen, die Wirtschaftsliberalisierung nicht grundsätzlich in Frage stellen. Sie verwiesen aber insbesondere auf die Rolle des Staates bei der Bildungsförderung in den Jahrzehnten vor den Wirtschaftsreformen.

Ja, neben der Bildungspolitik sollte man auch die Gesundheitspolitik – Stichwort: Eindämmung von Epidemien – und die Landwirtschaft – Stichwort: Bekämpfung des Hungers und Ernährungssicherheit – nennen. In diese Bereiche hat der indische Staat enorm investiert. Aber gerade in der Bildungspolitik bleibt festzuhalten, dass – trotz unbestreitbarer Erfolge – immer noch rund 40% der Gesamtbevölkerung Analphabeten sind. In der Bildungspolitik wurden nur Teilerfolge erzielt, denn die Bildungsoffensive hat die sozialen Strukturen kaum aufbrechen können. Das betrifft hauptsächlich die Dalits – die „Unberührbaren“ – und die Adivasis – die Ureinwohner des Subkontinents.

Der Analphabetismus bedeutet zugleich Armut. Die Ausgrenzung großer Bevölkerungsschichten durch Analphabetismus und Armut bleibt die Achillesferse Indiens. Sie ist eine schwere Belastung der indischen Gesellschaft, denn sie bedeutet fortgesetzte Wanderungsbewegungen vom Land in die Slums der großen Städte. Unter der verarmten Landbevölkerung – Stichwort: die sozialrevolutionäre Naxaliten-Bewegung – und in den Slums der Mega-Städte bildet sich sozialer und politischer Sprengstoff. Die Armut war und bleibt die Hauptbedrohung der indischen Gesellschaft und der demokratischen Ordnung.

Das bis heute ungelöste soziale Kernproblem Indiens – die massenhafte, strukturelle Armut – erfordert meines Erachtens die Schaffung einer „Nationalstiftung“, in die alle vermögenden Inder einen Teil ihres Vermögens einbringen müssten, um Beschäftigungsmöglichkeiten, beispielsweise durch den zwingend notwendigen Ausbau der Infrastruktur (Transport, Energie, Umweltschutz), zu schaffen und Bildung, Gesundheit und regionale Wirtschaftsentwicklung auf dem Lande zu befördern. Das ist eine gigantische Aufgabe, aber meines Erachtens kommt der indische Staat an einer solchen nationalen Anstrengung nicht vorbei, denn die strukturelle Armut – geschätzte 400 Millionen Menschen mit weniger als 1 Dollar am Tag – bedroht die Lebensgrundlagen der indischen Gesellschaft. Eine solche „Nationalstiftung“ wäre eine Art „Lastenausgleich“, der die verarmten und ausgegrenzten Bevölkerungsschichten nicht alimentiert, sondern ihnen die Existenzsicherung oder -gründung als Bauer, Handwerker oder Facharbeiter ermöglicht. Entscheidend dabei ist, in rückständigen, verarmten Regionen wirtschaftlich tragfähige Strukturen entstehen zu lassen.

Das demokratische System in Indien macht einen solchen Ansatz schwerer als dies in einem autoritären Regime der Fall wäre. Das demokratische System hat aber die Herausbildung einer großen Mittelschicht befördert und damit die Voraussetzung dafür geschaffen, das Armutsproblem wirksam angehen zu können. Demokratie und Wirtschaftsreformen haben das Wirtschaftsleben – Industrie, Gewerbe und auch Landwirtschaft – professionalisiert und wettbewerbsfähig gemacht. Heute wird Basmati-Reis in alle Welt exportiert – aus einem Land das vor wenigen Jahrzehnten noch von Hungersnöten heimgesucht wurde. Aber die offene Gesellschaft Indiens darf sich nicht mit dem Erreichten begnügen. Steuerehrlichkeit, Steigerung des Steueraufkommens und eine „Nationalstiftung“ zur Überwindung der strukturellen Armut sind für Indien unverzichtbar.

Gerade in Hinblick auf Indiens unterentwickelte und oft marode Infrastruktur wird die indische Bürokratie oft kritisiert.

Ein so großes Land wie Indien braucht einfach eine verlässliche Staatsbürokratie. Dass die indische Bürokratie langsam arbeitet unterscheidet sie nicht von anderen Ländern. Dass sie korrupt ist, bedeutet ein potentiell tödliches Virus für Gesellschaft und Wirtschaft. Wenn die Bürokratie korrupt ist, führt dies zu einem unzuverlässigen, unsicheren Rechtssystem. Das kapitalistische Wirtschaftssystem basiert auf rechtlich verbindlichen Verträgen. Rechtsunsicherheit verhindert oder behindert zumindest die Wirtschaftstätigkeit, insbesondere Investitionen.

Bezüglich der indischen Bürokratie sehe ich die „gelbe Warnleuchte“ aufblinken. Das Korruptionsproblem ist nicht irreparabel, aber das Ethos des indischen Civil Service ist tatsächlich durch Korruption bedroht. Dabei war der indische Civil Service einmal erstklassig. Hier ist zu berücksichtigen, dass das Korruptionsproblem im Beamtenapparat eng mit der Korruption in der politischen Klasse verknüpft ist.

In der indischen Öffentlichkeit genießt die in der Verfassung verankerte Wahlkommission das höchste Ansehen.Dieses Verfassungsorgan (mit allen seinen Untergliederungen) ist deshalb so angesehen, weil es nicht zögert, Korruption und damit einhergehende Manipulationen bei Wahlen offen zu legen und dabei auch vor Regierungsmitgliedern nicht Halt macht. In der indischen Öffentlichkeit gibt es ein gutes Gespür für Korrektkeit in der Politik, was sich positiv in der hohen Anerkennung der Wahlkommission und negativ in dem niedrigen Ansehen der Politiker, insbesondere der Parlamentarier (auf allen Ebenen) ausdrückt. In einer Demokratie sind Parlamentarier nun mal nicht die Personifizierung von moralischer Korrektheit, sondern sie werden gewählt (oder abgewählt) gemäß dem, was sie für ihren Wahlkreis erreichen oder vorgeben zu erreichen. Dass die Ethik der Parlamentarier meist ziemlich durchwachsen ist, macht eine Schwäche der Demokratie aus, aber autoritäre Systeme – wie nicht zuletzt in China deutlich wird – sind meist weit korrupter als offene Gesellschaften.

Hinzu kommt, dass Indien eine freie Presse hat. Die indischen Medien zögern nicht, Korruption durch investigativen Journalismus offen zu legen. Das ist ein wirksames Korrektiv gegen Korruption und Machtmissbrauch in der Politik, dem Beamtenapparat und auch der Justiz. Ich bin also keineswegs pessimistisch, dass das Korruptionsproblem in Indien eingedämmt werden kann.

Was ist die Rolle und das Ansehen der indischen Streitkräfte?

Die ethische Korrektheit in den indischen Streitkräften ist hoch ausgebildet. Ihr Ansehen ist auch international sehr hoch. Die indischen Streitkräfte spielen für die Vereinten Nationen eine sehr wichtige Rolle und sind an den meisten UN-FriedensEinsätzen beteiligt. Die Inder haben große Erfahrung mit solchen Einsätzen, auch in Führungspositionen, und sie werden ob ihrer Professionalität geschätzt.

Wie hat man sich die Mentalität der außenpolitischen Elite Indiens vorzustellen?

Ich denke, es gibt da ein Gefühl, dass Indien auf der internationalen Bühnenoch nicht gemäß seinem tatsächlichen Gewicht präsent und beteiligt ist. Das Nachbarland China mit ähnlicher Bevölkerungsgröße ist anerkannte Nuklearmacht und Vetomacht im UN-Sicherheitsrat. Indien hat diesen weltpolitischen Status (noch) nicht und ist der Auffassung, dass seinen Interessen in den internationalen Gremien nicht angemessen Rechnung getragen wird.

Bis zum Ende des Kalten Krieges sah Indien seine vitalen Sicherheitsinteressen – insbesondere in Hinblick auf China – durch das de-facto Bündnis mit der Sowjetunion gewährleistet. Heute ist diese sicherheitspolitische Konstellation durch eine strategische Annäherung an die Vereinigten Staaten ersetzt worden. Das ist kein formales Bündnis, aber im asiatisch-pazifischen Großraum haben Indien und die USA eine Vielzahl gemeinsamer Sicherheitsinteressen. Das gilt für die Sicherheit im Indischen Ozean, im Vorder- und Zentralasiatischen Raum, in Afrika und bezüglich des internationalen, insbesondere des islamistischen Terrorismus. Wie zuverlässige Umfragen zeigen, besitzen die USA in der indischen Öffentlichkeit das höchste Ansehen im Staaten-Ranking und das war selbst in der Amtszeit von Bush Jr. so. Dazu beigetragen hat sicherlich, dass die USA ihr einst enges Verhältnis zu Pakistan zugunsten Indiens herab gestuft haben.

Dennoch hat sich die regionale Sicherheitslage für Indien verschlechtert, weil im Gefolge der Kriege im Irak und in Afghanistan die innere Instabilität Pakistans zugenommen hat. Zwar hat die Bedeutung des indisch-pakistanischen Konfliktes über Kaschmir abgenommen, aber die geopolitische Rivalität in Afghanistan – wo Indien heute ein wichtiger Akteur ist – und in Zentralasien insgesamt hat zwischen beiden Nachbarstaaten zugenommen. Bezüglich der terroristischen Bedrohung haben Indien und Pakistan zwar objektiv ähnliche Interessen, aber tatsächlich ist das Gegenteil der Fall, wie das die Terrorattacke in Mumbai im November 2008 erneut zeigte. Und natürlich ist Indien über die Kontrolle der pakistanischen Nuklearwaffen zu Recht tief besorgt.

Wie beurteilen Sie den Status Indiens als de-facto Nuklearmacht? Indien baut ja inzwischen auch strategische Atom-Unterseeboote.

Für Indien ist es zweifelsohne ein großer außen- und sicherheitspolitischer Erfolg, dass der Aufbau eines Arsenals von Nuklearwaffen seit 1998 keine dauerhaften negativen Folgen hatte. Indien und Pakistan haben mit ihrer Nuklearisierung völkerrechtlich keine Vertragsverletzung begangen, da sie den VN-Nichtverbreitungsvertrag nicht unterzeichnet und ratifiziert hatten. Vielmehr ist Indien heute als de-facto Nuklearmacht international anerkannt, die mit ihrer nuklearen Fähigkeit verantwortungsvoll und zurückhaltend umgeht. Im Gegensatz zu Indien wird Pakistan nicht als verantwortungsvolle Nuklearmacht angesehen und das bedeutet für Pakistan eine Degradierung seines internationalen Status im Vergleich zu Indien.

Ich würde Indien nicht als globalstrategische Nuklearmacht betrachten, sondern als regionale Nuklearmacht – selbst wenn seine nuklearbestückten Raketen demnächst einmal in der Lage sein werden, jeden Punkt auf dem Globus zu erreichen. Das indische Nuklearpotential deckt ein im weiteren Sinne regionales Sicherheitsvakuum ab und macht Indien von einer nuklearen Schutzmacht unabhängig. Mit seiner „minimum nuclear deterrence“ [minimalen nuklearen Abschreckung] hat Indien sowohl eine eigenständige Handlungsfähigkeit wie eine strategische Bündnisfähigkeit – mit den USA – erworben. Indien wird nie ein Vasall der USA werden, wohl aber ein Sicherheitspartner – ohne formelles Bündnis – Amerikas für bestimmte, seine Sicherheit betreffende Konstellationen.

Wie schätzen Sie die indisch-russischen Beziehungen ein?

Das Verhältnis zu Russland hat für Indien an Bedeutung verloren, denn eine potentielle Gefährdung seiner Sicherheit durch China wird durch die „sicherheitspolitische Nähe“ zu den USA ausbalanciert. Die USA und Indien haben ein gemeinsames Interesse, dass die Fähigkeiten Chinas zur Machtprojektion in geordneten Bahnen verlaufen. Indien braucht eine sicherheitspolitische Rückversicherung gegenüber China, obgleich sich das bilaterale Verhältnis zu Beijing deutlich verbessert hat. Heute ist China Indiens größter Handelspartner (aber nicht umgekehrt). Zwar gibt es noch ein Machtgefälle, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht, aber tendenziell stehen beide asiatische Mächte auf gleicher Augenhöhe. Es gibt zwischen Indien und China noch ungelöste Grenzfragen im Himalaja und potentiell kann es auch im see-strategischen Bereich zu divergierenden Sicherheitsinteressen kommen. Eine offene Rivalität zwischen China und Indien gibt es heute nicht, aber ich denke, von einer latenten Rivalität kann man schon sprechen.

In der gegenwärtigen geopolitischen Konstellation hat Russland seine Rolle als strategische Rückversicherung für Indien verloren. Nichtsdestoweniger gibt es weiterhin eine emotionale und mentale Nähe Indiens zu Russland. Hier wirken die sehr engen Beziehungen Indiens zu Russland während des Kalten Krieges fort. Auch bleibt die rüstungstechnische Zusammenarbeit mit Russland für Indien wichtig, wenngleich auch hier ein Bedeutungsverlust eingetreten ist. Russland kann nicht mehr Spitzenprodukte der Rüstungstechnik liefern, jedenfalls nicht fristgerecht, zu Festpreisen und mit zuverlässigen Wartungsdienstleistungen. Russland ist inzwischen selbst auf die rüstungstechnische Kooperation mit anderen Ländern – u.a. Frankreich, Israel, Deutschland – angewiesen. Übrigens gilt das auch für die kerntechnische Industrie in Russland, die Kernkraftwerke nach Indien liefert; hier arbeitet man inzwischen mit Siemens zusammen.

Wie beurteilen Sie das Verhältnis Indiens zu Europäischen Union in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht?

Indien und die EU haben dahingehend eine Gemeinsamkeit, dass beide sehr diversifizierte Gebilde sind. Die EU ist ein Verbund von Nationalstaaten und Indien besitzt eine große sprachliche und ethnische Vielfalt. Gemeinsam ist Indien und der EU auch der außenpolitische Grundansatz: multilaterales Vorgehen und das Streben nach Verrechtlichung der internationalen Beziehungen. Das unterscheidet beide vom unilateralen Impuls in der amerikanischen Außenpolitik. Und bei China weiß man noch nicht so recht, wie sich seine Vorstellungen über die Weltordnung operativ artikulieren werden. Russland ist gegenwärtig keine Gestaltungsmacht in den internationalen Beziehungen, es reagiert eher. Nochmals, Indien und die EU stehen für multilaterales Vorgehen und die Verrechtlichung der internationalen Beziehungen.

Auf der anderen Seite wirkt in Indien noch das Erbe des Britischen Empire fort. Das heißt, Indien ist auch von den klassischen Vorstellungen von Macht geprägt. Die indische Perzeption anderer Staaten orientiert sich stark an deren Machtattribute im klassischen Sinne. Deshalb hat Indien seine Schwierigkeiten im Umgang mit einem Konglomerat wie der EU, die eigene Interessen und Lösungsansätze für internationale Fragen hat, aber kein geschlossener Machtblock ist. Indien hat also gewisse Vorbehalte gegenüber den zeitraubenden Kompromissverfahren und dem Krisenmanagement der EU. Wenn zwischen Indien und der EU eine Frage zu klären ist, dann kommt in der Regel ein Staatssekretär nach Brüssel. Für Beratungen mit einer der Vetomächte im Sicherheitsrat geht in der Regel der Außenminister nach Washington, Beijing, Moskau, London oder Paris.

Insgesamt sehen wir also widersprüchliche Tendenzen in Verhältnis zu Europa. Aber ich bin im Blick auf die Zukunft optimistisch. Die europäisch-indischen Beziehungen werden sowohl umfassender und enger. Und was die wirtschaftliche Beziehung angeht, so ist die EU – als Ganzes – der größte Handelspartner Indiens und steht auch bei den Auslandsinvestitionen an erster Stelle.

Kommen wir zu den deutsch-indischen Beziehungen. Wie haben sie sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt und was ist der aktuelle Stand?

Zunächst muss festgehalten werden, dass in der indischen Wahrnehmung das wissenschaftliche Deutschland einen überragenden Beitrag zur kulturellen Renaissance Indiens geleistet hat. Im 19. Jahrhundert haben vor allem deutsche Sprach-, Religions- und Kulturwissenschaftler orale Überlieferungen und Sanskrit-Texte gesammelt, dokumentiert, erforscht und übersetzt. Die Indologie wurde wesentlich von deutschen Wissenschaftlern geschaffen. Denken Sie an Max Müller aus Dessau, der später in Oxford wirkte und dort die höheren Beamten der britischen Kolonialverwaltung in Indologie ausbildete. Müller sammelte und übersetzte die großen Werke der Sanskrit-Literatur und macht sie nicht nur der Wissenschaft, sondern einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Die Inder sehen in ihm den Wiederentdecker der Sanskrit-Kultur – also der Grundlage der indischen Kultur.

Hinzu kommt die Qualität der industriell-technischen Produkte aus Deutschland seit Ende des 19. Jahrhunderts. Die Qualität dieser Produkte war so hochwertig, dass sie auch mit dem System der „preferential tariffs“ im Britischen Empire nicht vom indischen Markt ferngehalten werden konnten. Trotz der sehr hohen Einfuhrzölle wurden diese Produkte „Made in Germany“ von indischen Unternehmern und Konsumenten gekauft.

Die kulturelle wie die wirtschaftlich-technische Dimension spielten beim Wiederbeginn der deutsch-indischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg eine zentrale Rolle – nunmehr zwischen dem unabhängigen Indien und der Bundesrepublik Deutschland. Die deutsche Außenpolitik gab den Beziehungen zu Indien einen hohen Stellenwert: Indien war eine Demokratie und entschlossen, sich industriell und sozial zu entwickeln. Es gab also ein großes Kooperationspotential – und zwar unabhängig davon, dass Indien keine pro-westliche, sondern eine neutrale Position zwischen den Blöcken einnahm. In den 1950er Jahren zogen Großbritannien und die USA ihr Kapital aus Indien ab, während Deutschland investierte und Entwicklungshilfe leistete. Deshalb wird Deutschlands Beitrag zum Aufbau der indischen Industrie von den Indern sehr hoch geschätzt. Nicht nur die wirtschaftlichen, auch die politischen Beziehungen zur Bundesrepublik waren eng. So hat Indien – trotz seiner außen- und sicherheitspolitischen Nähe zur Sowjetunion – die DDR erst 1972 diplomatisch anerkannt, nachdem beide deutsche Staaten in die Vereinten Nationen aufgenommen worden waren.

In den 1950er Jahren entstand die deutsch-indische Handelskammer, die heute 7000 Mitglieder hat – es ist dies die größte bilaterale Handelskammer. Das reicht aber nicht. Die wirtschaftliche Dynamik in Indien – wie in China, Brasilien oder anderen Schwellenländern – ist so stark, dass wir neue und noch größere Anstrengungen unternehmen müssen, um den deutschen mittelständischen Unternehmen, die das Rückgrat der Innovation sind, eine optimale Präsenz in diesen Ländern zu ermöglichen.

Wir haben in Deutschland ein in der Welt wohl einmaliges System der Industrie- und Handelskammern, die nicht nur eine zentrale Rolle bei der Qualitätssicherung von Fachkräften und Produkten spielen, sondern gerade mittelständischen Unternehmen, die oft technologische Weltmarktführer sind, die Chance bieten, auf den Märkten der aufstrebenden Schwellenländer Fuß zu fassen. Und zwar nicht nur in den dortigen Metropolen, sondern auf dem breiten Land. Die Handelskammern bieten die Möglichkeit, die potentiellen Abnehmer in den Schwellenländern über die Qualitätsmerkmale und -standards der Produkte deutscher Mittelstandsfirmen zu informieren, was einzelne Mittelständler ja kaum können.

Die deutsch-indische Handelskammer etabliert zur Zeit ein Netz von regionalen Verbindungsbüros auf dem ganzen Subkontinent. Statt einem halben Dutzend von Verbindungsbüros wird es bald mehrere Dutzend solcher Büros geben, über die sich lokale indische Unternehmer informieren und Kontakte nach Deutschland knüpfen können. Die Industrie- und Handelskammern sind Leitstellen oder Relaisstationen der internationalen wirtschaftlichen Vernetzung. So werden die Verbindungen zu Abnehmern und Kooperationspartnern deutscher Spitzentechnik hergestellt. In den kommenden zwei Jahrzehnten wird die stärkste Wirtschaftsdynamik in den Schwellenländern zu finden sein und deshalb muss Deutschland als der weltführende Exporteur von Spitzentechnik in diesen Ländern – und zwar in der Breite des Raums noch präsenter sein müssen, als das heute der Fall ist.

Umgekehrt bin ich sehr froh, dass es wieder mehr indische Studenten in Deutschland gibt. Ich sehe auch ein großes Interesse an der deutschen Unternehmenskultur in Indien. In China ist dieses Interesse aber noch weit größer – wie auch die Zahl der hier studierenden Chinesen.

Zumindest bis vor kurzer Zeit hörte man aus Indien eine gewisse Enttäuschung und Frustration über das mangelnde Engagement Deutschlands – wirtschaftlich und politisch – in Indien. Es hieß, Deutschland habe ein Jahrzehnt verschlafen. Sehen Sie hier eine Veränderung?

Ich denke, dass man in Indien stark auf die deutsche Großindustrie fixiert war, von der man Großprojekte und -investitionen erwartete. Man hat nicht angemessen wahrgenommen, dass die Wirtschaftskraft Deutschlands eben nicht nur auf international bekannten Großunternehmen beruht, sondern auf Tausenden von mittelständischen Unternehmen, die technische Spitzenprodukte erzeugen. Eine solche Wirtschaftsstruktur brauchen auch die Schwellenländer. Ich denke, dass die indischen Unternehmer das auch so sehen, denn Indien entwickelt sich zu einer Mittelstandsgesellschaft. Anders als die Unternehmerschaft ist die politische Klasse Indiens noch in einem Denken befangen, das um Großprojekte kreist.

Ein zweiter Faktor ist die Rolle Großbritanniens in den Beziehungen der EU zu Indien. Wenn die EU eine Delegation nach Indien schickt, dann ist mit Sicherheit ein Brite dabei, aber oft kein Deutscher. Man wundert sich darüber in Indien. Wirtschaftlich gesehen ist Deutschland der Hauptakteur im Osten Europas. Auch in China spielt Deutschland – nach den USA – die führende Rolle als Kooperationspartner, übrigens weil China das so will. Bei uns herrscht dem gegenüber eine Tendenz, den Briten in Indien den Vortritt zu lassen. Das verstehen die Inder – trotz der leichteren sprachlichen Verständigung und der großen indischen Diaspora in England – nicht.

Bildnachweis: Urheberrechtsgeschützt durch Dr. Hans-Georg Wieck. Mit freundlicher Genehmigung.

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