Der Leser darf nicht sterben – vom Hören, Schweigen und vom Widerstand der Literatur

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Wer wollte leugnen, dass die „Versuchung zur Tyrannei“ nirgends und niemals abwesend ist? Dass das „Monster totalitärer Herrschaft“ jeden Moment aufwachen kann? Wir zitieren hier zwei Schriftsteller, die außerhalb Europas ihre Wurzeln haben: Kossi Efuoi aus Togo und Elias Khoury aus dem Libanon. Beide haben kürzlich vor Berliner Publikum eine wissenschaftliche Tagung zum Thema „Rassismus in der Philologie des 19.Jahrhunderts“ (1) eingeleitet und begleitet. Dass unsere Abwehrkräfte gegen die erwähnte Versuchung und das entsprechende Monster nicht zuletzt durch das „Lebensmittel Literatur“ (Prof.Ottmar Ette) gestärkt würden, gelang Ihnen zweifellos trefflich zu zeigen.

Von Frank Hahn


Um das Widerständige literarischer Texte ging es Kossi Efoui und Elias Khoury auf je eigene Art. Zwei Themen von universeller Bedeutung durchzogen ihre Lesungen und öffentlichen Gespräche: das Drama der Taubheit von Lesern und Hörern sowie eine „Poesie am Rande des Schweigens“ oder anders gesagt das Schreiben als „Oszillieren zwischen Leben und Tod“. Beginnen wir mit dem Ersteren. Ohne einen Zuhörer kann niemals Gewalt, Terror und Menschenvernichtung der Diktaturen bezeugt werden. D.h. ohne den Zuhörer hat es Gewalt, Terror, Vernichtung, streng genommen, gar nicht gegeben. In diesem Fall bliebe das Monster der Diktatur höchst lebendig, ständig auf der Lauer zuzuschlagen. Diese Erfahrung haben alle Autoren gemacht, die versucht haben, die Shoah zu bezeugen. Man denke hier stellvertretend an Jean Amery. Die bundesdeutsche Gesellschaft der 50-er und 60-er Jahre vergrub sich in eine „Aufbaubetäubung“ (Prof.Stefan Braese) und schloss die Ohren. Bringt also der fehlende Hörer den potentiellen oder aktuellen Erzähler, der Zeuge ist, zum Verstummen? Oder ist der Zeuge bereits stumm aufgrund des Grauens, das er erlebt hat und das ihm die Worte geraubt hat? Fragen, die sich nicht nur nach der Shoah in Europa, sondern auch nach den Diktaturen Afrikas oder nach den Massakern an die Palästinenser stellen. Ganz abgesehen von jenen traumatisierenden Erlebnissen ist das Problem der Abwesenheit des Hörers ein in jedem Gespräch und jedem Verhältnis zwischen Schreiber und Leser allgegenwärtiges. Worte und Sprache sind eben nicht Zeichen, mit deren Hilfe wir Informationen austauschen. Damit die Worte des Sprechers oder Schreibers ihre Aura, einen das Buchstabenzeichen gewissermaßen übersteigenden zusätzlichen Hauch entfalten können, der auf ein Jenseits der Bedeutung zeigt, bedarf es eines besonders feinnervigen Hörers.

Korreliert also zur Taubheit des Hörers das Verstummen des Sprechers oder Schreibers? Gewiss verstummen Autor oder Erzähler irgendwann angesichts eines Gegenüber, dem es an offenen Ohren gebricht. Aber das Schweigen scheint ein mehrschichtiges Phänomen zu sein: denken wir an die Fälle, in denen Autor oder Erzähler sich selbst nicht mehr zuhören können, da sie sonst seelisch zu zerbrechen drohten – angesichts des in Worten wiederholten Erlebens des Grauens, das sich zu einem nicht endenden Albtraum steigern kann. Schweigen oder Verstummen kann aber auch bedeuten, dass einem die Worte fehlen und es einem die Sprache verschlägt. Aber warum „fehlen“ Worte? Vielleicht aus der Scheu heraus, Erlebtes zu verharmlosen oder zu banalisieren sowie der damit verbundenen Scham vor einer Entweihung der Worte, wenn man für das Ungeheuerliche, das nie für möglich Gehaltene Worte der Alltagssprache verwendet. Paul Celan hielt deswegen eine „Poesie am Rande des Schweigens“ seinerzeit für die einzig angemessene Weise, sich literarisch dem Thema der Judenvernichtung zu nähern. In seinen Gedichten zerbröseln oder verklingen häufig die Worte, Vieles bleibt bewusst fragmentarisch. Da aber in jedem Wort und Satz der unsagbare Rest einerseits verhüllt bleibt, andererseits im Sagen mitgesagt wird, stellt sich die Frage, wie die Aufmerksamkeit des Hörers (oder Lesers) gerade auf diesen „Rest“ in konzentrierter Weise gelenkt werden kann. Ob hier nicht ein Zuviel an Worten hinderlich sein kann? Ob nicht gerade „Gedichte, die zum Verstummen neigen“, in einer Weise auf das nicht Sagbare deuten, durch die es hörbar wird?

Schreiben gegen die Worte, Sprechen gegen die Sprache

Wie aktuell und universell diese Fragen sind, zeigten die erwähnten außereuropäischen Schriftsteller an verschiedenen Orten in Berlin. Der togolanische Schriftsteller Kossi Efoui las im Haus der Kulturen der Welt aus seinem Roman „Der Schatten der kommenden Dinge“, in dem der Leser nicht zuletzt eine „Explosion des Schweigens“ erlebt. Der Autor spürt in diesem Text dem „großen Schweigen“ eines Familienvaters nach, der aus jahrelanger Lagerhaft gefoltert und gebrochen zurückkehrt. Da der Vater aber nicht nur schweigt, sondern Spuren legt, indem er sich mit Trinkkumpanen trifft, vor allem aber zu den „Schlupfwinkeln der Vögel“ geht und mit ihnen gemeinsam mit Vokalen spielt, sammelt der ihm nachfolgende Sohn die Fragmente dieser „Explosion“ auf, um daraus etwas zu lesen. Der Vater bringt aus seinem Kehlkopf Laute hervor – „den Betonungen des Vogels folgend, aufsteigend, absteigend“ –, die den Vogel zum Lachen bringen. So führt der Autor den Leser auf die Spur unterschiedlichster Sprachen – menschlicher, mimischer, tierischer, sinnlicher und übersinnlicher -, um das Paradox von Sprechen und Sprache vor dem inneren Sinn und Ohr auszubreiten: Efoui nämlich strebt ein Schreiben gegen die Worte und ein Sprechen gegen die Sprache an. Genauer müsste es heißen: ein Sprechen mit der Sprache gegen sie, d.h. gegen ihre Erstarrung in festen Bedeutungen oder gegen ihre manipulativen, banalisierenden oder brutalisierenden Auswüchse. Wo das Wort verdeckt statt zu offenbaren, ist Widerstand in einer Sprache gegen die andere geboten. Sprachliche Verdeckung und Manipulation waren Erfahrungen Efouis in der Diktatur seiner Heimat – dass sich in der Demokratie die gleichen Probleme und Fragen stellten, habe Efoui erst in den letzten 20 Jahren gelernt, seitdem er in Frankreich lebt.

Das Individuelle – und damit das Leben – werde immer wieder zum Schweigen gebracht, so Efoui – unter Bezug auf den Auschwitz-Überlebenden Imre Kertesz forderte er einen Mut zum Widerstand, der nur aus dem Sprechen in einer anderen Sprache entstehen könne. Die Sprache der Vögel, der Poesie, des Schweigens, des Betens – die Sprache der Ironie, der Liebe, der Mythen und Märchen…oder des Sinnlosen angesichts von zuviel Sinn, all diese Sprachen können Widerstand leisten gegen das scheinbar Selbstverständliche. Efuoi zeigte das Widerständige seines Witzes – manchmal brüllend vor Lachen, dann wieder nur mit spitzbübischem Lächeln –, als er den Europäern ihre Ignoranz, wie nebenbei auf Bande gespielt, vor die eigenen Füße kullern ließ: Sie hätten das Bild eines primitiven Afrika konstruiert, um selbst als die Träger der Moderne und des Fortschritts auftreten zu können. Jedoch hätten sie vergessen, dass sich für die Afrikaner mit Begriffen wie Fortschritt und Entwicklung 500 Jahre Sklaverei verbinden. Man könnte diesen Gedanken fortführen und fragen: Sprechen die Europäer deswegen eine Sprache des Vergessens, die nicht wahrnehmen will, sondern nach vorn treibt und zieht, um die Angst vor der Flüchtigkeit des Augenblicks und die Verzweiflung über den Verlust der Vergangenheit zu verscheuchen?

Das Kainsmal Afrikas

Exemplarisch dafür erscheint der geschmack- und hirnlose Krisenjournalismus vom „schwarzen Kontinent“, der den Kolonialismus mit medialen Mitteln hemmungslos fortsetzt. Dazu führte der in Kapstadt ansässige Korrespondent der ZEIT, Bartholomäus Grill, ein Gespräch mit Efoui. Scharf ging Grill ins Gericht mit der „schreibenden und filmenden Luftlandetruppe“, welche die immer gleichen Stereotypen bediene:

„Es gibt nichts Neues in Afrika, nur Altbekanntes: Stammeskriege, biblische Flüchtlingsheere, Massaker mittels Macheten. Es zählt die Wahrnehmung Afrikas, nicht dessen Wirklichkeit….manche Medien gehen aus Kostengründen dazu über, den klassischen Korrespondenten durch den „fliegenden Redakteur“ zu ersetzen. Wo immer dieses Mehrzweckgeschoss aufschlägt: die Wirkung ist verheerend…der periodische Katastrophenjournalismus verfestigt den Grobblick: Afrika schreit, Afrika, weint, Afrika stirbt…Afrika ist in den Augen der Aussenwelt der K-Kontinent: Krisen, Konflikt, Kriege, Katastrophen, Korruption, Kleptokratie, Krankheit…..K ist ein Kainsmal“

Diese fliegenden Redakteure hätten keine Ahnung, wo sie sich kulturell befänden, sie arbeiteten ohne historisches Hintergrundwissen, zitierte Grill den Afrika-Kenner Ryszard Kapuczinski. Die medial verbreiteten Klischees über einen Kontinent, der immerhin aus 50 verschiedenen Nationen (!) bestünde, bauten die Kulisse für fortgesetzte Plünderung und Militärinterventionen von außen auf. Grill erinnerte dabei an das Wort von Franz Fanon, wonach Europa auf dem „Schweiß und den Leichen von Negern, Arabern, Indern und der gelben Rasse“ aufgebaut worden sei.

Kann jedoch die überaus erfrischende Polemik Grills angesichts der Monstrosität des Geschehens die Taubheit von Hörern und Lesern aufweichen? Bedarf selbst der scharf geschliffenste Journalismus nicht zusätzlich der widerständigen Literatur, um das Schweigen zugleich auszudrücken und aufzuheben?

Der wirkliche Autor ist der Leser

Der libanesische Schriftsteller Elias Khoury sprach einen Tag später im Berliner Literaturhaus und es klang, als wäre er Zeuge der Lesung Efouis gewesen, führte er doch das Thema an gleicher Stelle weiter: das Verstummen angesichts von Gewalt. In seinem Fall waren die Massaker gegen palästinensische Flüchtlingslager gemeint, deren persönlicher Zeuge Khoury geworden war. Auch hier kam es bei den Opfern zu einem Verlust der Sprache – aber nicht nur bei ihnen. Kann der Autor Khoury seinen Lesern die Sprache zurückgeben? Wer aber sind seine Leser? „Beim Schreiben spreche ich zu den Toten“, so umschrieb Khoury – für manche überraschend – die eigene poetische Arbeitsweise. Wäre der Leser demnach Zeuge eines Gesprächs mit den Toten? Wenn ja, wie könnte er über diese Zeugenschaft eine andere, neue, widerständige Sprache – ein Sprechen gegen die Sprache, wie Efoui es nannte – finden? Wie ereignet sich im übrigen das Gespräch mit den Toten?

Khoury hat dies nicht weiter ausgeführt. Wir meinen jedoch zu verstehen, dass ein Gespräch mit den Abwesenden intensiver das Kreisen um alles Abwesende erlaubt, um das unendlich Vergangene, das nicht Gesagte und nicht Erlebte, das Verlorene – man könnte auch sagen das „Utopische“, das keinen Ort hat. Wenn wir nur das bewusst Erlebte und logisch Gewusste in unseren Worten führen, bewegen wir uns lediglich an der Oberfläche des Lebens. Unsere Sprache verkümmert dann und wir verstummen – auch ohne das Erlebnis eines Traumas, schließlich kann sich das Verstummen auch in übermäßiger Geschwätzigkeit ausdrücken. Das Verborgene, das sich der Vernunft, der Analyse und der Empirie entzieht, freizulegen, bedarf immer neuer Anläufe des Sprechens in jeweils „anderer Sprache“. Dies beschreibt Khoury in seinem neuesten Roman „Yalo“, in dem der Protagonist wegen mehrfacher Vergewaltigungen ins Gefängnis kommt und dort gefoltert wird. Nach der körperlichen Folter erlebt er die „Folter des Schreibens“, als er gezwungen wird, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Eins ums andere Mal wird ihm das Geschriebene nicht abgenommen, er wird der Lüge bezichtigt oder überführt und muss von vorn beginnen mit seiner Geschichte. Schreiben als Folter? Ist dies der Weg, wieder hören und lesen zu lernen, weil man sich erst durch den Berg der fremden und der eigenen Lügen hindurch quälen muss? Khoury nannte sein eigenes Schreiben ein „Oszillieren zwischen Tod und Leben“. In Bezug auf den Schreiber ist dies nachvollziehbar, nicht nur weil er im Gespräch mit den Toten die Grenzen des Lebens erlebt. Er muss immer wieder in den Abgrund des Lebens hinabsteigen und sich im oszillierenden Auf- und Abstieg bewähren. Aber wie kann der Leser daran beteiligt werden? Genau dies markiert den Unterschied zwischen Geschichtsschreibung und archivarischer Erinnerung auf der einen sowie einer „abgründigen“ Poesie auf der anderen Seite. Khoury stellte lakonisch fest, dass wir aus der Geschichte nichts lernten – der Leser literarischer Texte jedoch müsse die Geschichte, wenn er sie weiter erzählt, jedes Mal selbst neu erfinden und damit erleben. Der Leser sei der eigentliche Schriftsteller, so Khoury. Der Leser müsse sich auf eine nicht endende Reise der Imagination begeben, wodurch sich der enge Raum begrenzter oder einseitiger Identität hin zu einer Vielzahl von „Identitäten“ öffnet. Pure Identitäten sowie eine eindeutige, pure Sprache führten immer in den Faschismus, warnte Khoury – denn in der wirklichen Welt lebten wir alle aus einer Unzahl sich überlappender Schichten von sog. Identitäten. Nur im Erlernen immer neuer Perspektiven und Imaginationen könnten die Menschen jene Fähigkeit der Gnade entfalten, die im Unterschied zur Erinnerung die einzige Kraft sei, um das Monster der Diktatur zu bändigen und zu besiegen.

Hören lernen, schweigen können und die Sprachen wechseln – all dies kann ein Autor anregen. Aber ohne den Leser bleibt er stumm, so wie ohne den Hörer der Zeuge nicht sprechen kann. Deshalb tönen Khourys mahnende Worte so schrill und scharf, als wollten sie nie verklingen: „Die Gefahr heute ist nicht, dass Autoren aussterben, sondern dass der Leser ausstirbt. Die größte Gefahr sind nicht neue Massaker, sondern dass der Leser stirbt.“

Endnoten

(1) Vom 26.-29.Mai fand in Potsdam und Berlin die transdisziplinäre Konferenz „Rassismus und Determinismus in der Philologie des 19.Jahrhunderts“ statt. Organisiert wurde diese Tagung vom Institut für Romanistik an der Universität Potsdam sowie der Emmy Noether-Nachwuchsgruppe. Mehr Informationen unter: http://www.uni-potsdam.de/philologie+rassismus/

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