Expedition in die Grauzone

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Buchcover von Stephan Blanckes DissertationStephan Blancke
Private Intelligence
Geheimdienstliche Aktivitäten nicht-staatlicher Akteure
VS Verlag, Wiesbaden, 2011

Eine Rezension von Michael Liebig


Dass es „private Geheimdienste“ gibt, ist kein Geheimnis – aber nichts Genaues weiß man nicht. Für Private Intelligence-Strukturen gilt, dass sie ähnlich wie staatliche Geheimdienste nicht nur die Öffentlichkeit scheuen, sondern eine konsequente Abwehrhaltung gegen die Öffentlichkeit einnehmen. Diese gewollte Intransparenz geht weit über eine legitime und sachlich gebotene Geheimhaltung bestimmter Praktiken und Methoden in ihrem Tätigkeitsfeld hinaus.

Zu dieser basalen und ernüchternden Erkenntnis kommt der Politikwissenschaftler Stephan Blancke in seiner Studie „Private Intelligence“. Sie bildet die Ausgangslage seiner Untersuchung Privater Intelligence-Strukturen (PIS), die eher noch intransparenter sind als staatliche Geheimdienste. Blancke hat 70 PIS mit einem Fragebogen angeschrieben; nur sieben reagierten überhaupt und nur eine PIS beantwortete seine Fragen. Blanckes Anfragen an deutsche Behörden, die mit nachrichtendienstlichen Fragen befasst sind, blieben – trotz Rückantworten – ähnlich ergebnislos. Sämtliche ausländische Geheimdienste, die er anschrieb, reagierten überhaupt nicht.

Politikwissenschaft und Intelligence

In Bezug auf PIS (und ähnlich auch staatliche Geheimdienste) steht die Politikwissenschaft vor einer singulären Herausforderung: Ein politisch und gesellschaftlich relevantes Phänomen versucht, sich gezielt der wissenschaftlichen Untersuchung zu entziehen. Zumindest in Deutschland hat die Politikwissenschaft bislang vor dieser Obstruktionshaltung weitgehend kapituliert. Vor Blanckes Arbeit ist dem Rezensenten nur eine politikwissenschaftliche Veröffentlichung über Private Intelligence bekannt: Peter Harbich, Staatlicher Geheimdienst und Privatwirtschaft – Private Akteure als Quellen, Abnehmer, Konkurrenten und Kooperationspartner staatlicher Nachrichtendienste, Saarbrücken, 2007.

Nun aber schlägt Blanckes Arbeit – eine politikwissenschaftliche Dissertation an der FU Berlin – eine Bresche in ein undurchdringlich erscheinendes Forschungsfeld. Die wissenschaftliche Güte seiner Arbeit liegt auch darin, dass der Autor immer wieder auf das Fragmentarische seines Untersuchungsmaterials hinweist und flotte Generalisierungen aus dem sehr begrenzten Material unterlässt.

Im anglo-amerikanischen Raum hat sich „Intelligence Studies“ als politikwissenschaftliches Forschungsfeld etabliert. Jedoch wird, wie Blancke betont, im Kontext der „Intelligence Studies“ vorwiegend für die (staatlichen) Geheimdienste geforscht und weit weniger über sie. Es geht hier ganz vorwiegend um das Erfassen und die Optimierung von kognitiven, informationstechnischen und organisatorischen Prozessen in den staatlichen Geheimdiensten. Über Geheimdienste wird vornehmlich mit einem historiographischen Ansatz und im Kontext des politikwissenschaftlichen Arbeitsfeldes Internationale Beziehungen geforscht. Hier gilt: Je weiter der Untersuchungsgegenstand in der Vergangenheit liegt, desto größer ist die Aussicht auf ausreichendes Datenmaterial. Mit diesem Caveat sei hier auf die Webseite der CIA hingewiesen, die eine Materialfülle aufweist, für die es in Deutschland nichts auch nur annähernd Vergleichbares gibt.

Für die wissenschaftliche Befassung mit staatlicher oder privater Intelligence gibt es – wie Blancke ausführlich darlegt – keine politikwissenschaftliche Leit-Theorie. Auch die anglo-amerikanischen Intelligence-Studies entbehren einer solchen, sondern sind ein Konglomerat sehr unterschiedlicher Theorieansätze. Dass ein Theorie-Rahmen fehlt, ist nun kein Unglück; was noch nicht ist, kann ja noch kommen. Indem Blancke einen breiten Überblick über relevant erscheinende Theorieansätze gibt, leistet er bereits einen wichtigen Beitrag in Richtung auf eine künftige Theorieabstützung der politikwissenschaftlichen Forschung über den Bereich Intelligence.

Entscheidend aber ist, dass sich Blancke nicht von den enorm hohen Hürden der politikwissenschaftlichen Befassung mit Intelligence im Allgemeinen und Private Intelligence im Besonderen abschrecken lässt. Er legt die „Geschäftsgrundlage“ seiner Forschung über PIS klar auf den Tisch:

  • Arbeitsprodukte des investigativen Journalismus
  • historische Forschung
  • Insider-Veröffentlichungen
  • (anonyme) personale Quellen aus dem Intelligence-Milieu

Diese Datenlage mag in Hinblick auf politikwissenschaftlich Reliabilitäts- und Validitätskriterien unbefriedigend sein, aber eine tragfähigere Datenbasis gibt es zur Zeit in diesem Forschungsfeld nicht. Und trotz der „objektiv“ beschränkten Datenbasis, zeigt Blanckes Arbeit, dass der Autor systematisch und umfassend recherchiert hat. Er legt im Text eine Fülle sauber belegter und nachvollziehbarer Indizien vor, was zudem verhindert, dass die Arbeit übermäßig ins Abstrakte abgleitet. Blanckes Arbeit enthält auch eine Vielzahl graphischer Darstellungen, um Interaktionen und Strukturzusammehänge im Intelligence-Bereich zu verdeutlichen, womit oft – nicht immer – ein Abklärungsgewinn verbunden ist.

„Erst eine Gegenüberstellung zahlreicher schriftlicher und mündlicher Aussagen sowie eine gewisse Erfahrung im Umgang mit Informationen und Informanten aus dem Bereich der Geheimdienste ermöglichen eine realistische Einschätzung der unterschiedlichen Strukturen privater Akteure,“ schreibt Blancke. Offensichtlich verfügt der Autor über informelle Vorkenntnisse und Erfahrungen bezüglich des Intelligence-Milieus – ohne diese hätte er die Arbeit wohl nicht schreiben können. Wer nicht immer wieder auf diversen Tagungen oder bei anderen sich bietenden Gelegenheiten mit aktiven oder ehemaligen Nachrichtendienst-Akteuren gesprochen hat, der findet kaum einen Zugang zu diesem Forschungsgegenstand. Der Rezensent möchte hier aber auch darauf verweisen, dass es in seltenen Ausnahmefällen auch in Deutschland ehemalige hochrangige Nachrichtendienst-Akteure gibt, die zu (politikwissenschaftlichen) Experteninterviews bereit sind – ohne auf Anonymität zu bestehen.

Die Katalysatoren des Aufblühens von Private Intelligence

Blanckes Abriss der historischen Entwicklung von Private Intelligence ist ziemlich schwach; mehr wäre wahrscheinlich von einem Politikwissenschaftler zuviel verlangt. Er konzentriert auf die letzten beiden Jahrzehnte, die man zutreffend als eine Zeit des Aufblühens von PIS bezeichnen kann. Blancke sieht vier Entwicklungen als Ursachen des Bedeutungszuwachses der Private Intelligence-„Industrie“:

  • Kollaps des Sowjetblocks
  • neoliberaler Paradigmenwechsel
  • Informations- und Kommunikationsrevolution
  • Informationsbedarf der „globalisierten“ Wirtschaft

Mit dem Kollaps der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten zerfielen auch deren großangelegte Geheimdienststrukturen. Zehntausende Geheimdienstmitarbeiter wurden freigesetzt und mussten einen private Existenzsicherung suchen. Neben privaten Sicherheitsfirmen eröffneten sich im Bereich Private Intelligence neue Erwerbsmöglichkeiten, wobei es zu Symbiosen mit Oligarchen-Strukturen, der Organisierten Kriminalität und den staatlichen Geheimdiensten kam. Als Fallbeispiel führt der Autor Alexander Litvinenko an, der 2006 in London unter ungeklärten Umständen ermordet wurde.

Der zweite Entwicklungsstrang zum Aufblühen der PIS scheint dem Rezensenten wichtiger zu sein. Der neoliberale Paradigmenwechsel seit den 1980er Jahren, der den Staat zum Problem und den Markt zur Lösung erklärte. Vorgeblich zur Kostenreduzierung und Effizienzsteigerung wurden staatliche Funktionen privatisiert. Staatliche Regulierungen wurden auf breiter Front abgeschwächt oder beseitigt, was vor allem im Finanzsektor weitreichende und – wie sich 2008 zeigen sollte –fatale Folgen hatte. Das Outsourcing erfasste zunehmend auch die staatlichen Geheimdienste – vor allem in den USA. Die Tätigkeit privater Intelligence-Dienstleister für die US-Geheimdienste erreichte in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts enorme Ausmaße. Die Artikelserie „Top Secret America“ in der Washington Post vom Juli 2010 bietet dazu umfängliches, gut recherchiertes Material. Jedoch deutet diese Artikelserie darauf hin, dass der Höhepunkt der Private Contractors im Intelligence-Bereich bereits überschritten sein könnte. Es zeigt sich nämlich, dass es mit der Kosteneffizienz nicht weit her sein kann, wenn der Staat Intelligence-Mitarbeiter erst teuer ausbildet, um sie nach ihrem Wechsel zu PIS dann als Private Contractors für eine sehr hohe Vergütung erneut zu beschäftigen.

Der dritte, von Blancke angeführte Entwicklungsstrang ist die Informations- und Kommunikationsrevolution der vergangenen drei Jahrzehnte. Ohne jeden Zweifel hat insbesondere das Internet den Zugriff auf offene Informationen (OSINT) nicht nur quantitativ um Größenordnungen erhöht, sondern auch qualitativ verändert. Der Informationsvorsprung staatlicher Geheimdienste, die ja auch hauptsächlich OSINT nutzen, reduzierte sich drastisch.

Für Blancke ist die IuK-Technologie der wichtigste Katalysator des Aufblühens von Private Intelligence. Das Informationsmanagement – Sammeln, Verarbeiten, Speichern, Abrufen – der PIS sei dem der staatlichen Geheimdienste überlegen, die zu „’Inseln‘ traditioneller, unzeitgemäßer Wissensverwaltung“ geworden seien. Diese These scheint dem Rezensenten fragwürdig. Eine „reliable automated all-source [intelligence] fusion“ dank IuK-Technologie, digitaler Mentalität der Mitarbeiter und flacher Hierarchien bei PIS erscheint doch als eine ehr unrealistische Konstruktion.

Bei Blancke kommt die Auswertung – intelligence analysis – schlicht zu kurz. Auswertung ist eben mehr als Informationsmanagement und -verarbeitung. Und das gilt gleichermaßen für staatliche Geheimdienste wie für Private Intelligence. Die Ansammlung, Kodierung und schnelle Verfügbarmachung von Informationen – Texten, Zahlen, Statistiken, visuellen Ressourcen – bedeutet eben noch nicht ihre Auswertung. Hierfür ist ein komplexer kognitiver Prozess notwendig, der Erfahrung, Hintergrunds- und Kontextwissen sowie ein gewisses Maß an Intuition erfordert. Auswertung ist ein sehr persönlicher, quasi-wissenschaftlicher – i.e. Hypothesen-bildender – Prozess der Beurteilung, aus dem tragfähige Prognosen erwachsen sollten. Eine „digitale Mentalität“ per se ist bei der Intelligence-Auswertung wenig zielführend. Die Lagebeurteilung – das Ergebnis der Auswertung – ist und bleibt das Kernstück aller Intelligence-Arbeit im staatlichen wie im privaten Rahmen. Man möchte dem Autor empfehlen, Sherman Kents Grundlagenwerk „Strategic Intelligence“ noch einmal zu lesen.

Der vierte katalysierende Entwicklungsstrang für Private Intelligence ist der enorm angewachsene Bedarf privatwirtschaftlicher Akteure im Rahmen der „Globalisierung“. Hier ist Blancke voll zuzustimmen. Business Intelligence und Risikoanalysen werden nicht mehr nur von Großunternehmen und -banken, die oft eigene Firmenabteilungen dafür besitzen, verlangt, sondern auch von exportorientierten Mittelstandsunternehmen, die dafür über keine eigenen Kapazitäten verfügen. PIS sind, wie Blancke betont, auch bei der „Abwehr“ tatsächlich oder vermeintlich geschäftsschädigender Aktivitäten von Konkurrenten oder NGOs (Umweltschutz, Korruption, soziale Mißstände) involviert – nicht selten mit illegalen Methoden. Der Autor verweist auch auf die informellen Interaktionen von PIS mit staatlichen Geheimdiensten im Bereich von Wirtschafts-Intelligence.

Weniger ist Mehr

Der Abschnitt „Typologie“ enthält wesentliche Erkenntnisgewinne, gerade weil es Blancke vermeidet, der Versuchung zu erliegen, eine „Globaldefinition“ von Private Intelligence zu konstruieren und daraus eine Typologie abzuleiten. Der Autor fokussiert vielmehr auf die außerordentliche Komplexität des Private Intelligence-Feldes. Zurecht verwirft er den Begriff „Private Intelligence Company“ (PIC), der PIS einseitig auf kommerzielle Intelligence-Firmen reduziert. Neben diesen gibt es nämlich eine Vielzahl von PIS, die, selbst wenn sie kommerziell strukturiert sind, primär politische, ideologische, (tatsächlich oder vermeintlich) religiöse oder kriminell-mafiöse Zielsetzungen verfolgen.

Blancke führt aus, dass es Private Intelligence-Strukturen bei politischen Parteien und Klein-Gruppierungen, militanten, extremistischen und terroristischen Gruppierungen, Kirchen und Sekten oder Mafia-Organisationen und Geheimlogen, beispielsweise die „P2-Loge“ in Italien, gibt. Es gibt sie auch bei Think Tanks, Stiftungen, Instituten und NGOs. Auch im Bereich scheinbar rein kommerziellen Informations- und Datenhandel spielen polit-ideologische Zielsetzungen oft die entscheidende Rolle. Blancke gibt dafür eine Vielzahl von Fallbeispielen, zu denen auch die Intelligence-Aktivitäten der Scientology-, Moon- und LaRouche-Organisation gehören. Ausführlicher geht Blancke auch auf die Gladio-Organisation ein, über die wir dank der ausgezeichneten Arbeit des Schweizer Sozialwissenschaftlers Daniele Ganser recht gut informiert sind. Bei Gladio ist ein Merkmal vieler PIS besonders auffällig: das symbiotische Verhältnis zu staatlichen Geheimdiensten oder zumindest zu „Fraktionen“ in diesen.

Blancke beschränkt seine begriffliche Eingrenzung von Private Intelligence auf die Feststellung: PIS sind „nichtstaatliche Akteure, die intelligence betreiben. Die Motivation dazu kann materieller und ideeller Natur sein, wobei beide Motivationsformen miteinander verknüpft austreten können“, ansonsten „verweigern sich [PIS] einer Typologisierung“. Stattdessen konstruiert er eine – eher heuristische – Intelligence-Hierarchie, die von „high intelligence“ (die global führenden staatlichen Geheimdienste) bis zu „sub intelligence“ reicht, wo er PIS verortet. Ob diese Hierarchie echten Erkenntnisgewinn bringt, ist zu bezweifeln. Für Blancke verbietet sich auch deshalb eine trennscharfe Begriffsabklärung von PIS, weil eines ihrer wesentlichen Merkmale relational ist – eine wie immer geartete symbiotische Beziehung zu staatlichen Geheimdiensten. Seine Schlußfolgerung lautet: PIS existieren – objektiv und begrifflich – in einer „Grauzone“.

Blanckes Arbeit ist eine gute Grundlage für die künftige politikwissenschaftliche Befassung mit Private Intelligence. Wer sich – und das gilt nicht nur für den deutschsprachigen Raum – mit Intelligence Studies befasst, wird an dieser Arbeit nicht vorbeikommen. Es ist zu hoffen, dass Blanckes Arbeit andere Politikwissenschaftler inspiriert und motiviert, sich mit dem politisch und gesellschaftlich höchst relevanten Thema Intelligence zu beschäftigen.

Bildnachweis: Buchcover mit freundlicher Genehmigung des VS-Verlags

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