Erbschaft unserer Zeit und Bericht an die Welt: Zu Ernst Bloch und Jan Karski

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Die Berliner Schriftstellerin Bettina Klix ist u.a. durch ihre treffenden und kurzen Rezensionen von Filmen und auch Büchern bekannt. Aus letzteren veröffentlichen wir zwei, die thematisch verflochten sind, da sie anhand der Autoren Ernst Bloch und Jan Karski die Entstehung der Nazi-Diktatur sowie ihre Folgen behandeln.

Von Bettina Klix


Jan Karski : Mein Bericht an die Welt

Dieser erschütternde Bericht vom polnischen Widerstand gegen die nationalsozialistische Okkupation erschien schon 1944 in den USA. Aber erst jetzt liegt die deutsche Übersetzung vor. Wer das Umschlagfoto des Autors Jan Karski betrachtet, das ihn auch auf der Erstausgabe zeigte, fragt sich, warum es eine so beunruhigende Autorität hat. Die Erklärung: Es sind die unretuschierten Narben der Gestapo-Folter. Nach dem Überfall Hitlers auf Polen 1939 war der Soldat Karski zunächst in russische und deutsche Gefangenschaft geraten und wurde nach seiner Flucht zum leidenschaftlichen Untergrundkämpfer. Den geheimen Staat im Untertitel des Buches, gab es wirklich als komplette Struktur. Ein Beispiel: Die Deutschen hatten auch das Schulwesen zerschlagen und in einer rührenden Szene sind wir Zeugen bei einer heimlichen Abiturprüfung. Das Verstörende und Beschämende für deutsche Leser sind gerade auch die Alltagsschilderungen aus dem besetzten Polen.

Der Patriot Karski, der selbst schon Zeuge und Opfer von so viel Grausamkeit gewesen war, hatte aber noch eine besondere Mission vor sich, die ihm die Leiden Polens in einem andern Licht erscheinen ließen, ein Volk das unterdrückt, ausgeplündert, ausgehungert und entrechtet war, aber nicht vernichtet. Von jüdischen Partisanen ließ er sich in das Warschauer Getto und in ein Vernichtungslager einschleusen. Diese beiden Kapitel sind so meisterhaft geschrieben, dass sie uns, die wir inzwischen doch wissen, so daran teilhaben lassen, als hätten wir wie Karski gesehen, was jede Vorstellung übersteigt.

Karski kann nach England entkommen und von dort in die USA, um den Alliierten schon 1942/43 von der bevorstehenden Auslöschung der europäischen Juden zu berichten. Leider ohne Erfolg. – Der (2000 verstorbene) Karski, der bis zur Ausstrahlung von Claude Lanzmanns Film „Shoah“ fast vergessen war, war durch die Kürzung seines Interview-Beitrags darin betroffen, denn es fehlte ausgerechnet, „was ich allein berichten konnte“. Hier haben wir nun – ungekürzt, mit einem Vorwort, das unbedingt zur Orientierung notwendig ist, ebenso wie die vielen Fußnoten – seinen Bericht aus erster Hand.

Jan Karski, Mein Bericht an die Welt. Geschichte eines Staates im Untergrund, Kunstmann, München, 2011, aus dem englischen Originaltext und der französischen Neuausgabe übersetzt von Franka Reinhart und Ursel Schäfer, 619 Seiten, 28 €

(zuerst erschienen in Ver.di Publik, 04/2011)

Ernst Bloch: Erbschaft dieser Zeit

Als eine Zeitkritik, die „Geschichtsschreibung von innen her “geworden sei, hatte Hans Magnus Enzensberger „Erbschaft dieser Zeit“ gerühmt, als es in zweiter Ausgabe 1962 erschien. Darum habe Blochs Werk nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Dasselbe für die Gegenwart festzustellen, ist allzu nahe liegend.

Dabei wollte Bloch nicht nur eine Analyse vorlegen, sein Buch sollte dazu beitragen, “Länge und Breite der bürgerlichen Endfahrt zu bestimmen, damit sie wirklich eine Endfahrt sei.“ Diesen Anspruch erhebt er im Vorwort. Bloch hatte „Erbschaft dieser Zeit“ 1932 abgeschlossen, aber es konnte im nationalsozialistischen Deutschland nicht erscheinen, über das es doch so viel Erhellendes sagte, schon bevor sich das Dritte Reich formierte.

In der Schweiz 1935 publiziert, ist das Werk viel weniger bekannt als einer seiner wichtigsten Gedanken. Bloch hatte in der Moderne die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ erkannt, das heißt ein Nebeneinander von Altem und Neuem, das Deutschland am Anfang der 30er-Jahre zum Verhängnis wurde. Er stellte das ungeklärte Verhältnis von Rationalität, technischem Fortschritt und den älteren Schichten der Verweigerung dar. „Das objektiv Ungleichzeitige ist das zur Gegenwart Ferne und Fremde.“ Die Nazis machten sich die Rückständigkeit, aber auch die Sehnsüchte enttäuschter Menschen zunutze und bedienten sie. „Nicht zu leugnen, neben der Rohheit laufen auch sehr alte Träume mit unter.“ Doch arbeitet ihnen noch etwas anderes zu: „Das subjektiv Ungleichzeitige, nachdem es lange bloß verbittert war, erscheint heute als gestaute Wut. In ruhiger Zeit war sie das Verdrossene oder Besinnliche des deutschen Kleinbürgers, der sich vom Leben, worin er nicht mitkam, schimpfend oder innig zurückzog.“

Besonders im großartigen, weit ausholenden zweiten Teil des Buches, „Ungleichzeitigkeit und Berauschung“ trägt Bloch alles zusammen, was helfen kann, die Widersprüche zu begreifen. Am Anfang des Kapitels „Zur Originalgeschichte des Dritten Reiches“ ermahnt er sich selbst: „Nichts darf diesen Blick verlegen oder selber blind machen.“ Auch wenn nun „von mancherlei Altem und Sonderbarem die Rede“ sein müsse, Und dann zeigt sich, dass alles geborgt oder gestohlen ist: „Gerade der Terminus Drittes Reich hat eine lange Geschichte, eine revolutionäre. Schöpferisch war der Nazi nur im Unterschleif jeder Preislage, womit er revolutionäre Losungen für ihr Gegenteil verwendete.“

In seiner Nachschrift von 1962 hatte Bloch geschrieben: „Seitdem sind fast dreißig Jahre vorbei. Aber die Zeit, aus der das vorliegende Buch kam, steht noch immer lebhaft in der Luft. Sogar wachsend lebhaft und das gerade bei jungen Menschen, die sie doch nicht erlebt haben, die sie dafür fast sentimentalisch vermissen. Gemäß dem Ausdruck „golden twenties“ und der anderen übrigens älteren Übertreibung, dass Berlin bis zur Nacht von 1933 die geistige Hauptstadt der Welt gewesen sei. Zweifellos aber ist die Zeit des Übergangs, durch die zwanziger Jahre illustriert, weiter eine geblieben, wenigstens der Anlage, bestimmt dem Anruf nach.“

Ernst Bloch, Erbschaft dieser Zeit, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 415 Seiten, 13,50 €

Bildnachweis: Buchcover mit freundlicher Genehmigung des Verlags

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