Rezension: Bettina Stangneth: Eichmann vor Jerusalem

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Buchcover von Bettina Stangneth: Eichmann vor Jerusalem

Bettina Stangneth: Eichmann vor Jerusalem

von Bettina Klix

50 Jahre nach Beginn des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Jerusalem im April 1961 eröffnete im Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ in Berlin eine Sonderausstellung. Die klug konzipierte Schau zeigte mit ihren sorgsam ausgewählten Filmbildern und Originaltönen lieber zu wenig als zu viel von diesem Ausnahme-Prozess.


Per Knopfdruck konnte entschieden werden, welche Verhandlungsausschnitte über die Kopfhörer zu hören und auf den kleinen Bildschirmen zu sehen sein sollten. Die Stimme des Angeklagten, die sich in quälend geschraubter Weise äußert, ist eine Zumutung. Dabei sieht man auf dem Monitor das Bild eines Mannes, der seinen Kopf meist sehr schräg hält, als wäre er nicht richtig am Körper befestigt. Am unheimlichsten aber ist es, wenn Eichmann auf eine Frage zackig aufspringt und nur„Jawohl!“ antwortet, wie ferngesteuert, ein Eindruck, der durch den isolierenden Glaskasten noch verstärkt wird, in dem er während der Verhandlung (zwischen zwei Wächtern) seinen Platz hat. Die Marionettenhaftigkeit der Bewegung entspricht dabei seiner Behauptung, nur „ein Rädchen im Getriebe“ gewesen zu sein. Der Literaturwissenschaftler Peter-André Alt hat in einer Betrachtung des uneigentlichen Sprechens über Eichmanns „Vorstellung“ geschrieben: „Nichts dokumentiert das, was die Sprache der Täter mit ihren Euphemismen versteckt, besser und erschreckender als die gewundene Rechtfertigungsrhetorik des Bürokraten Eichmann vor seinen Jerusalemer Richtern.“

Wenn man sich vorstellt, dass Bettina Stangneth der Stimme dieses Verbrechers Stunden um Stunden zuhören musste, um all die Tonbandaufnahmen aus seiner Zeit im Versteck in Argentinien auszuwerten, die erst seit einigen Jahren zugänglich sind, dann macht das allein schon klar, dass die Autorin bei ihrem Unternehmen Unerschrockenheit beweisen musste.

„Wer ein Buch wie dieses geschrieben hat, dem bleibt am Ende nur, den Leser schon am Anfang zu warnen, am besten mit den Worten, die Hannah Arendt einer guten Freundin schrieb, bevor sie zum Eichmann-Prozess nach Jerusalem flog: ‚Es könnte interessant sein – abgesehen davon, dass es schrecklich wird.’“ Mit diesem Zitat in der Einleitung bereitet Stangneth die Leser vor: Auf ihr ungemein spannendes – und oft schwer erträgliches – Buch. Eichmann vor Jerusalem bezieht sich schon im Titel auf Arendts Buch Eichmann in Jerusalem, an dem niemand vorbei kommt, der sich seitdem mit Adolf Eichmann beschäftigt. Stangneth sieht ihr eigenes Werk als einen „Dialog mit Hannah Arendt“. Besonders bewundert sie ihren „Mut zum klaren Urteil, auch auf das volle Risiko, trotz intensiver Arbeit immer noch zu wenig zu wissen.“

In der 1964 auf Deutsch erschienenen Studie Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen hatte Arendt ihr Porträt des Angeklagten vorgelegt, das sich auf seine „Rolle“ im Jerusalemer Prozess und die damals zugänglichen schriftlichen Selbstäußerungen stützte. Sie konnte nicht wissen, wie sie sich täuschen ließ von der Selbstinszenierung des Angeklagten als Bürokraten, der nur von Befehlsgehorsam geleitet war. Und wie hätte sie ahnen können, dass die Formel von der „Banalität des Bösen“ so massenhaft benutzt werden würde, um Gedankenlosigkeit, Hilflosigkeit und Ratlosigkeit zu verbergen. Und um sich weder mit dem tatsächlich Dämonischen, noch dem politisch Erklärbaren beschäftigen zu müssen.

Arendt findet erst am Ende ihres Buches diese Formel, im letzten Kapitel, als sie davon berichtet, wie Eichmann, „ruhig und gefasst in den Tod“ ging. Sie bemerkt, dass er die Worte unter dem Galgen „offenbar lange vorbereitet hatte.“ Schließlich kommt sie zu dem Schluss:

„In diesen letzten Minuten war es, als zöge Eichmann selbst das Fazit der langen Lektion in Sachen menschlicher Verruchtheit, der wir beigewohnt hatten. – das Fazit von der furchtbaren Banalität des Bösen, vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert.“

Das muss immer mitgedacht werden, wenn die Formel geborgt wird, sie ist für Arendt die Bezeichnung der Grenze, bis zu der auch sie nur arbeiten konnte.

Dass die von Arendt konstatierte „Banalität“ damit auch einen bestimmten Effekt bezeichnete, darauf deutet ihr Eindruck, dass die letzten Worte eingeübt waren. Dass Eichmann sich seiner Wirkung sehr bewusst war und bis zu welchem Grad alles, was er in Jerusalem schrieb und sagte, schon in mehreren Versionen erprobt worden war, dass zeigt uns das Buch von Bettina Stangneth. Die Philosophin, die durch ihre Forschungen zum Antisemitismus und zur Lügentheorie besonders gut für diese Aufgabe gerüstet ist, zeigt Eichmann, bevor er die Rolle des Bürokraten an nahm und stellt das ursprüngliche Bild wieder her: Eichmann vor Jerusalem.

Stangneth zeichnet zunächst das Bild des Täters: Ein ehrgeiziger, grausam einfallsreicher Organisator des Massenmordes an den Juden, der aus voller Überzeugung handelte, die er auch nach 1945 nicht ablegte. Mithilfe alter Beziehungen konnte Eichmann nach Argentinien flüchten und dort unter falschem Namen leben und sogar seine Familie nachkommen lassen. Im nationalsozialistisch eingestellten Sassen-Kreis, wo er Anschluss an Gleichgesinnte fand, war die wahre Identität des „Ricardo Klement“ bekannt. Eichmanns bescheidene, aber gemessen an seiner verbrecherischen Vergangenheit recht komfortable Lage, wirft Fragen auf. Der Untertitel des Buches „Das unbehelligte Leben eines Massenmörders“ bezieht sich auf das auffallend geringe Interesse der jungen Bundesrepublik an einer Ergreifung Adolf Eichmanns, trotz früher Hinweise auf seinen Aufenthaltsort. Es muss angenommen werden, dass der Massenmörder unbehelligt geblieben wäre, hätte ihn der israelische Geheimdienst nicht aufgespürt und entführt.

Bettina Stangneth hat die erschütternde Studie eines Unbeirrten geschrieben. Auf einem der transkribierten Tonbänder aus Argentinien, 1957 in der Sicherheit des Verstecks und unter Gleichgesinnten aufgenommen, ist ein Eichmann zu hören, der gerade das stolz für sich beansprucht, was er während des Prozesses in der Rollenprosa des Befehlsempfängers sorgfältig von sich abtrennen wird. Er geht auf die Bezeichnung als „vorsichtiger Bürokrat“ ein, die damals schon kursierte, und stimmt dieser Einschätzung zunächst zu: “…der war ich, jawohl. Aber ich möchte die Sache ‚vorsichtiger Bürokrat’ etwas zu meinen Ungunsten erweitern. Zu diesem vorsichtigen Bürokraten gesellte sich ein …fanatischer Kämpfer für die Freiheit meines Blutes, dem ich anstamme.“ Nicht nur verkündet dieser Eichmann: „Mich reut gar nichts! Ich krieche in keinster Weise zu Kreuze!“ Und er bedauert, dass er vor den anwesenden Gesinnungsgenossen, die nicht so wie er an die Notwendigkeit der Judenvernichtung glauben, vorgespielt habe, „dass aus einem Saulus ein Paulus würde.“ Eichmann sieht sich als gescheitert an, weil er „seine Aufgabe für unser Blut und unser Volk“ nicht erfüllt habe. Stangneth schreibt zu dieser Ansprache abschließend: „Zwölf Jahre nach Kriegsende von niemandem gedrängt wiederholte der Massenmörder in einer Tischrunde mit einem Tonband im Raum, dass es die Judenvernichtung gegeben hatte, dass sie – auch von ihm – als millionenfacher Mord, ja als vollständiger Genozid gewollt und geplant worden war, dass er dieses Vorhaben noch immer für richtig hielt, dass ihm seine Beteiligung daran Befriedigung verschaffte; und seine einzige Kritik an diesem nationalsozialistischen Irrsinns-Projekt und sich selbst bestand darin, dass ‚wir mehr hätten machen können und müssen’ “

Lässt sich annehmen, dass Eichmann glaubte, der Todesstrafe zu entgehen? Jedenfalls beendete er in der angenommen Rolle des Bürokraten sein Leben und wurde so überliefert. Bettina Stangneth ist es zu verdanken, dass der Geschichte die wahre Identität Adolf Eichmanns wieder entrissen wurde.

Bettina Stangneth, Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders, Arche Verlag, Hamburg, 2011, 656 Seiten, 39,90 €

(In anderer Fassung zuerst erschienen in: Freiburger Rundbrief, Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung, 4/ 2011)

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