Buchbesprechung: Alexander Rahr, Der kalte Freund

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Buchcover zu Alexander Rahrs Warum wir Russland brauchen: Die Insider-Analyse

Von Dr. Reinhard Hildebrandt

 

Wenn ein Russland-Experte für sein Buch den Titel „Der kalte Freund“ wählt, stehen Besorgnisse sowohl über innerrussische Entwicklungen wie über gestörte Beziehungen mit Russland im Vordergrund. Aus Rahrs Botschaft, jetzt eine Partnerschaft mit Russland anzustreben und nicht so lange zu warten, bis in Russland eine Demokratie entstanden ist, lässt sich entnehmen, dass der Autor das Zuwarten der Europäischen Union für kurzsichtig und nur ideologisch begründet ansieht und als strategische Fehlentscheidung kritisiert. Die Verweigerung der Partnerschaft betrachtet er als gefährlich für Europas Anspruch, im Chor der globalen Mächte der eigenen Stimme Gewicht zu verleihen und langfristig ernst genommen zu werden. Die EU sollte Nutzen und Nachteile besserer Beziehungen zu Russland sorgfältig abwägen.

Rahr verurteilt sowohl den oftmals zu beobachtenden Rückfall in das im Kalten Krieg vorherrschende angstbesetzte Denken vieler Europäer wie auch die in der Amtszeit des russischen Präsidenten Jelzin dominierende Überheblichkeit gegenüber dem geschwächten Russland. Für die Wahrung europäischer Interessen seien weder Rücksichten auf strategische Befürchtungen der USA vor einem europäisch-russischen Schulterschluss noch übertriebene Rücksichtnahme auf verständliche Rachegefühle der ehemals unter sowjetischer Herrschaft stehenden Osteuropäer zielführend. Allein ausschlaggebend sollte die Antwort auf die Frage sein, auf welche Weise Europas Position in einer veränderten Weltordnung am besten gewahrt wird.

Vor dem Hintergrund eines in der Zukunft immer härter werdenden Wettbewerbs der Weltmächte, um den Zugang zu unentbehrlichen Rohstoffen und Energie zu erhalten, ist zu verstehen, dass Rahr größten Wert auf den engen Verbund zwischen dem an Rohstoffen armen Europa und dem an Rohstoffen und Energie reichen Land Russland legt. Zu bedenken gibt er, dass die Europäische Union ohne gute Beziehungen zu Russland weder in der Energieversorgung noch im Zugang zu seltenen Metallen (wie den in der IT-Branche so begehrten „seltenen Erden“) auf langfristig sichere Quellen in der übrigen Welt zurückgreifen kann. Will die europäische Industrie also weiterhin technologisch führend in der Welt bleiben, muss sie ihre Beziehungen zu Russland ausbauen. Seiner Ansicht nach haben die global aufgestellten europäischen Unternehmen diese Herausforderung bereits begriffen. Woran es mangelt ist die Unterstützung durch die Politik, die immer noch rückwärtsgewandt oder unverständlich zaudernd einen Schlingerkurs fährt zwischen einerseits realpolitisch begründeter Zuwendung zu Russland und andererseits einer auf Werte orientierten bzw. auf die Erfüllung von „Good Governance“ pochenden Aufforderung an Russland, sich dem Modell der demokratisch strukturierten Gesellschaften Europas anzupassen.

Am eigenen Gesellschaftsmodell festzuhalten, es in einem stetigen Prozess zu vervollkommnen und es anderen Gesellschaften als Möglichkeit des Zusammenlebens anzupreisen, ist eine auch von Rahr unterstützte Politik. Jedoch dieses Modell, das unter spezifischen Bedingungen entstanden ist, anderen Völkern oktroyieren zu wollen, bezeichnet man üblicherweise als Hybris. Rahr begeht diesen Fehler nicht, obwohl er sehr deutlich die Gefahren benennt, vor denen Russland als „das riesige Transformationsland steht“ (S.265).

Bevor Rahr im Schlusskapitel visionär eine neue Oktoberrevolution im Jahre 2017 prophezeit und skizzenhaft zu umreißen versucht, befasst er sich in den einzelnen Kapiteln unter anderem mit folgenden Fragen:

 

  • Welchen Platz nimmt Russland in der Welt von morgen ein?
  • Ist Russland ein Störenfried oder ein Stabilisator der Weltordnung?
  • Welche Chancen hat die Demokratie in Russland?
  • Von welchen gesellschaftlichen Kräften wird Russland regiert?
  • Wohin rollt künftig der Rubel?
  • Welche Ideen und Ideologien beherrschen das russische Denken?
  • Haben wir mit der Wiedererrichtung eines russischen Imperiums zu rechnen?

 

In einer Buchbesprechung in Einzelheiten vorzudringen, die Rahr in den verschiedenen Kapiteln mit viel Sachverstand und Hintergrundwissen vorträgt, würde bedeuten, dem Leser das Vergnügen des Lesens ersparen zu wollen. Rahr hat im vorwiegend erzählenden Charakter eine Form gefunden, dem Leser die vielfältigen Informationen anschaulich vorzutragen und zugleich stets auf die widersprüchlichen Entwicklungen zu verweisen. Den empirisch aufbereiteten Stoff zusätzlich in eine umfassende Theorie einzubinden, wäre ein sinnvolles Unterfangen, dem sich Rahr – in Zusammenarbeit mit anderen – nicht verschließen sollte. Insbesondere das Kapitel 9 mit der Überschrift, „Wird Russland ein moderner Staat?“ würde einen geeigneten Ansatzpunkt bieten, die Vorteile und Grenzen eines Ordnungsstaates herauszuarbeiten und anhand der fünf von Rahr angeführten Szenarien zu analysieren (S.220f):

 

  1. Ständiger Wechsel zwischen Demokratie und autoritärer Herrschaft
  2. Verharren Russlands als Rohstoff- und Energielieferant Europas und Asiens
  3. Bildung einer „slawischen Union“
  4. Durchbruch zur Demokratie und Anschluss an Europa
  5. Zerfall in 20 Ministaaten.

 

Im Schlusskapitel mit dem Titel „Oktoberrevolution 2017“ bekundet Rahr seine tiefe Skepsis über die künftige Entwicklung Russlands. Muss erst noch eine weitere Revolution stattfinden, fragt er auf indirekte Weise, um der russischen Gesellschaft und dem russischen Staat zu einer moderne Form zu verhelfen?

 

Alexander Rahr, Der kalte Freund

Carl Hanser Verlag GmbH & CO. KG, 352 Seiten

ISBN-10: 3446424385; 19,90 €

 

Bildnachweis: Buchcover vom Verlag, für Buchbesprechungen freigegeben

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