Die Gewalt der Positivität – zu Byung-Chul Hans Buch „Topologie der Gewalt“

Share

Der vor allem durch seine Bücher „Was ist Macht“ und „Müdigkeitsgesellschaft“ bekannt gewordene Professor für Philosophie und Medientheorie Byung-Chul Han hat nun mit der „Topologie der Gewalt“ eine ungewöhnlich mutige Kritik der spätmodernen Leistungsgesellschaft verfasst. Der aus Korea stammende und heute in Karlsruhe lehrende Han traut sich u.a., der Gewalt der Transparenz nachzuspüren, wie sie sich in der zunehmend vernetzten und digitalisierten Welt manifestiert.

Von Frank Hahn


Angefangen beim Klappentext begegnet der Leser des neuen Buches von Byung-Chul Han, „Topologie der Gewalt“, mehrfach der verblüffend griffigen Formulierung, dass sich die Manifestation von Gewalt von der Feudalgesellschaft zur spätmodernen Leistungsgesellschaft in ihren Erscheinungsformen geändert habe, und zwar von der Dekapitation über die Deformation zur Depression. Mit Dekapitation ist das Recht des absolutistischen Souveräns zu töten gemeint, während die Gewalt der Deformation in Hans Modell in der Disziplinargesellschaft des industriellen Kapitalismus angesiedelt ist. In der spätmodernen Leistungsgesellschaft jedoch manifestiere sich Gewalt als Depression, die weniger auf die Fremdeinwirkung durch äußere Mächte oder Herrscher, sondern auf die Selbstausbeutung der Leistungssubjekte zurückzuführen sei. Wie immer bei solcherart apodiktischen Modellaussagen „klemmt“ es hier: Kann nicht auch eine erzwungene Deformation zur Depression führen? Wenn Han die Disziplinargesellschaft durch Verbote und Gebote definiert sieht, die angeblich in der modernen Leistungsgesellschaft der Freiheit und Initiative des Einzelnen gewichen seien, dann erscheint dies doch zu stark als eine Entweder-Oder- Aussage, die durch ihre Polarisierung manch einen zögern lassen könnte, sich in das Buch zu vertiefen. Dabei ist Han trefflich eine selten kompromisslose Diagnose eben dieser unserer Leistungsgesellschaft sowie eine längst überfällige Kritik der Welt des „Netzes“ gelungen.

Gewalt der Positivität

Natürlich möchte Han mit seiner zugespitzten Gegenüberstellung von Depression, Deformation und Dekapitation hervorheben, dass Gewalt sich nicht notwendig als brutaler Angriff auf Leib und Leben, offene Unterdrückung oder Kerker- und Lagerhaft zeigen muss, um als Gewalt wahrgenommen zu werden. Dieser „Gewalt der Negativität“ stellt Han die sog. „Gewalt der Positivität“ gegenüber. Nun erinnern wir uns alle, wie irgendwann in den 80er Jahren die Phrase vom „Positiv denken“ aufkam – eine der wohl zudringlichsten und abstoßendsten Aufforderungen, sich des kritischen Denkens zu entschlagen. Sollten wir hier nicht schon mit Gewalt dazu gezwungen werden, alle dieselbe Melodie ablenkenden und aufgesetzten Frohsinns zu pfeifen, damit wir nicht merken, wohin „die Reise geht“? Hans Diagnose einer Gewalt der Positivität hat von daher etwas Befreiendes. Han setzt sich kritisch mit den Theorien der Gewalt von Galtung, Bourdieu bis Foucault auseinander, die sich alle lediglich einer Gewalt der Negativität gewidmet hätten. Diese beruhe auf Exklusion, Negation, Verhinderung, Verweigerung und Segregation. Insbesondere Foucault habe in seiner Analyse der Gewalt lediglich die „Disziplinargesellschaft“ industrieller Produktion und somit ausschließlich die Mechanismen von Geboten und Verboten, Normierung und Vermessung im Blick gehabt. Seine „Gesellschaft aus Gefängnissen, Spitälern, Zuchthäusern, Kasernen und Fabriken“ sei jedoch längst zu einer der „gläsernen Bürotürme, Shopping Malls, Fitness- und Yogacenter sowie Schönheitskliniken“ mutiert.

Mit diesen zugegeben etwas klischeehaften Bildern illustriert zielt Han sein Gegenmodell zu antagonistischen Gewalt- und Gesellschaftstheorien, das um den Begriff der Selbstausbeutung kreist sowie auf eine Kongruenz von Herr und Knecht sowie Täter und Opfer von Gewalt abzielt. Dieser Theorieansatz wird unter dem Namen „Gewalt der Positivität“ in folgenden Worten zusammengefasst:

„Der systemischen Gewalt der Positivität fehlt ganz die Negativität der Verhinderung, des Verbots, des Ausschlusses, des Entzugs. Sie manifestiert sich als Übermaß und Vermassung, als Exzess, Exurbanz und Exhaustion, als Überproduktion, Überakkumulation, Überkommunikation und Überinformation. Aufgrund ihrer Positivität wird sie auch nicht als Gewalt wahrgenommen. Zur Gewalt führt nicht nur ein Zuwenig, sondern auch ein Zuviel, nicht nur die Negativität des Nichtdürfens, sondern auch die Positivität des Alleskönnens“.

Ergänzend möchte man anmerken, dass jenes Alleskönnen häufig genug zwanghafte Züge des Alleskönnen-Müssens annimmt. Daraus ergeben sich dann die von Han diagnostizierten Folgen der Gewalt der Postivität: Depression und Burnout. Richtig ist, dass diese Symptome auch das Führungspersonal der Leistungsgesellschaft befallen, und insofern kann Han durchaus davon sprechen, dass von burnout alle Mitglieder der Gesellschaft betroffen seien, sowohl die Topdogs wie die Underdogs – er verschweigt jedoch elegant, dass bis zum Ausbruch des Burnout die Topdogs auf etwas anderem Niveau leben als die Underdogs – dies betrifft sowohl ihre materielle wie immaterielle gesellschaftliche Gratifikation.

Richtig ist, dass die – sowohl von der Ökonomie wie von der „öffentlichen Moral“ – angetriebene Kultur der Entgrenzung sich in der modernen Leistungsgesellschaft als Gewalt der Positivität äußert, deren Merkmale Han als „Übermaß an Kommunikation, Konsumtion, Mobilität und Information“ definiert. Und damit leitet Han zu dem stärksten Teil seines Buches über, das vor allem einer Generation zu denken geben sollte, die bereits mit digitaler Technik, mit permanenter Erreichbarkeit und Verfügbarkeit der Welt über das Netz oder das Smartphone aufgewachsen ist, die also jene Entgrenzung in allen Lebensbereichen von Geburt an erlebt hat.

Gewalt der Transparenz

Offene Gesellschaft, Aufklärung und demokratische Kontrolle sind quasi zu Synonymen geworden, denen der Schrei nach Transparenz innezuwohnen scheint. Im Zeitalter entgrenzter Information und Kommunikation lässt sich das Bedürfnis nach Transparenz zum ersten Mal offenbar vollständig erfüllen. Doch was verlieren und zerstören wir mit dieser gar nicht mehr nach seinen Risiken und Nebenwirkungen hinterfragten Durchschaubarkeit eigentlich? Überraschenderweise beginnt Han seinen Diskurs zu dem durch Transparenz Verlorenen mit der religiösen Erfahrung. Diese sei eine „Schwellenerfahrung“, eine „Erfahrung des ganz Anderen“, das jenseits der Schwelle in heiligen Räumen nach außen abgegrenzt und abgeschlossen sei. Doch schon diesseits des Glaubens zerstöre die durchleuchtende Gewalt der Transparenz alles Heilige, Geheimnisvolle und Unzugängliche. Damit würden nicht nur die religiöse Erfahrung, sondern auch Vertrauen und Denken obsolet – denn jenes könne nur aus den Schatten der Ungewissheit, dieses im Vorhof des Unberechenbaren seine jeweilige Kraft schöpfen. Ein Denken unter dem Diktat der Transparenz müsste zum reinen Rechnen mutieren, jene „ursprüngliche Erregung und Ergriffenheit“ des Geistes, die wir als Begleitumstände und Folgen des Denkens erleben, würden angesichts des grellen Lichts der Transparenz verdorren.

Wenn aber alle heiligen Räume, alle intimen Zonen gnadenlos ausgeleuchtet werden, dann schmilzt jede „inkommensurable Andersheit“ vor dem Diktat der Gleichheit dahin. In der Tat hat der tägliche Exhibitionismus der Handy -Fetischisten bestürzende Formen angenommen. Die Menge an Wortmüll, mit dem sich Menschen auf Straßen, Plätzen, in Bus und Bahn preisgeben, steht in reziprokem Verhältnis zum Verlust an Andersheit oder schlicht Individualität. Die als Offenheit ausgegebene Schamlosigkeit vermeidet jedwede Öffnung auf den Anderen hin – schließlich ist ja schon alles gesagt und gezeigt, d.h. mehr gibt es offenbar nicht zu sehen und zu hören. Dass die Wahrnehmungsfähigkeit der digital Geschädigten verkümmert, wenn man über Google Streetview den Urlaubsort vorher bereits virtuell erkundet oder statt aus dem Fenster des Zuges zu blicken, auf das Smartphone stiert, sind weitere Elemente, die uns zum Thema einer zunehmenden „Spamisierung“, also geistigen Vermüllung einfallen, wie Han sie nennt. Die Gewalt der Transparenz verhindere jedes Innehalten, Verweilen oder Zögern, so Han, während die „Kommunikation ihre maximale Geschwindigkeit dort erreicht, wo das Gleiche auf das Gleiche antwortet“. Transparenz durchleuchtet und leuchtet aus: die Obszönität der mehr oder minder nackten Selbstinszenierung, die manche im Netz betreiben, gehört genauso dazu wie die Tatsache, dass „Google und Facebook zum Panoptikum der Geheimdienste geworden sind“. Hier unterscheidet Han wiederum die moderne Leistungsgesellschaft von der frühkapitalistischen Disziplinargesellschaft: In dieser habe es das Panoptikum hinter Mauern und in geschlossenen Räumen gegeben, während heute der ganze Globus zum Panoptikum geworden sei: „Das Netz vergisst und verdrängt nichts, die Kontrolle erfolgt nicht durch Isolierung und Einsperrung, sondern durch Vernetzung.“ Diese Diagnose knüpft endlich – lang ersehnt – den Faden weiter, den Günter Anders vor 60 Jahren mit seiner Kritik an der Fernsehgesellschaft in seinem berühmten Wort von der „Verbiederung“ meisterlich ausgeworfen hatte – aber gerade in diesem Licht bleibt Hans Kritik noch zu sehr an der Oberfläche.

Als wohltuend erweist es sich jedoch, dass Han bei seiner scharfen, aber in der Sache treffenden Kritik nie den ökonomischen Hintergrund vergisst. So betont er, dass die Gewalt der Transparenz sich auch in der „Nacktheit und Obszönität des Geldes“ zeige, indem durch den Preis Alles mit Allem vergleichbar werde und so jedwede „Inkommensurabilität und Undurchdringlichkeit“ der Dinge abgeschafft werde. Ganz offenbar knüpft Han an Adornos Wort vom Warenfetischismus an, indem er abschließend sagt:

„Obszön ist eine Welt, in der sich alles im Preis ausdrücken lässt und in der alles einen Gewinn abzuwerfen hat. Die Gesellschaft der Transparenz ist ferner eine Gesellschaft, in der alles ausgestellt ist. In dieser ausgestellten Gesellschaft ist jedes Subjekt sein eigenes Werbeobjekt. Alles bemisst sich an seinem Ausstellungswert…..die ausgestellte Gesellschaft ist eine pornografische Gesellschaft. Alles ist nach außen gekehrt, enthüllt, entblößt, entkleidet und exponiert. Das ausgestellte Gesicht ohne jede Aura des Blicks verflacht zum face…..Der Exzess der Ausstellung macht aus allem eine Ware….obszön ist die totale Ausgestelltheit, die enthemmte Zur-Schau-Stellung…“

Selbst- oder Fremdausbeutung ?

Gerade im Lichte solcher Textpassagen mutet es seltsam gezwungen an, wenn Han seine „Topologie der Gewalt“ hermetisch von anderen Theorien, insbesondere denen der Gewalt in Disziplinargesellschaften, abgrenzen will – obwohl in diesen doch häufig der Zusammenhang von Gewalt und ökonomischem System untersucht wurde. Dass er im Übrigen ausschließlich die Selbstausbeutung der in ihrer Initiative scheinbar „freien Leistungssubjekte“ in den Fokus seiner Gewalt-Analyse rückt, wirkt in der Durchgängigkeit des Arguments auch als zu kurz gegriffen. Übersieht er, dass auch in der spätmodernen Leistungsgesellschaft die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung immer noch als abhängig Beschäftigte unter den Demütigungen, seelischen Verletzungen und diversen anderen Mechanismen der Fremdausbeutung zu leiden haben? Wenn, wie Han behauptet, alle Mitglieder der Gesellschaft vom burnout betroffen sind, dann mag das statistisch vielleicht bewiesen sein, verwischt aber doch die Wirkungsweisen jener Herrschaftstechniken, die auch in flachen Hierarchien und immer noch existenten hegemonialen Strukturen angewandt werden. Hans Insistieren darauf, dass „keine äußere Herrschaftsinstanz“ das moderne Leistungssubjekt zur Arbeit zwinge und ausbeute, lässt den Leser irritiert fragen, in welchen Kreisen sich Han bewegt. Was bedeutet hier „Zwang“? Natürlich werden Menschen nicht wie im KZ mit roher Gewalt zur Arbeit gezwungen – aber welches hübschere Wort fällt einem ein, um den Zwang zu benennen, unter dem sich Menschen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen müssen, um überleben zu können? Wie viele Talente unter den Bedingungen der Marktkonformität verkümmern, wie viel Deformation (vor der Depression) die Lohnabhängigen erleiden, bis sie in die Strukturen hineinpassen, all dies fällt noch unter das altmodische Kapitel der Fremdausbeutung. Dass die Deformation subjektiv – eben unter dem betäubenden Ansturm der Überinformation und Überkommunikation – häufig nicht als solche wahrgenommen wird, unterstützt diese Sicht eher als sie zu entkräften.

Dass Han andererseits diese Zusammenhänge immer mitdenkt, enthüllt sich dem perplexen Leser auf den letzten Seiten des Buches. Dort greift der Autor noch einmal unverblümt zu Analogien, die den unschuldigen Leser von heute schockieren werden: die Muselmänner waren in den KZs die „total entkräfteten, ausgemergelten und apathisch gewordenen Lagerhäftlinge“, die „am äußersten Ende einer Ordnung“ standen. Das spätmoderne Leistungssubjekt stehe dagegen „mitten in Zentrum einer Ordnung“, und „auch die Arbeitslager sind nicht mehr am Rande eines Ortes angesiedelt. Vielmehr führt jedes Leistungssubjekt ein Lager mit sich.“ Bevor sich der fröhlich überinformierte Bürger ob solcher Vergleiche empört, wäre vielleicht die Empörung an andere Adressaten als an Byung-Chul Han zu richten, wie uns jüngst Stephane Hessel („Empört Euch!“) belehrte. Natürlich erleiden die Leistungssubjekte von heute keinen Hungertod und auch nicht die Qualen körperlicher Gewalt, aber burnout ist kein harmloses Wort und noch weniger ein harmloses Leiden – übersetzt heißt es Ausbrennen. Die Warnung Hans lautet eindringlich: „Das Burnout des Leistungssubjekts ist ein pathologisches Vorzeichen der drohenden Implosion des Systems.“ Dies sollten wir Alle ernst nehmen – gleich in welche Richtung wir uns empören mögen. Und dieser „Ernst der Lage“ gebietet es, Hans neuem Buch möglichst große Verbreitung zu wünschen.

Bildnachweis: Buchcover mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag wurde beendet.