Geheimdienste auf dem indischen Subkontinent

Share

Hein G. Kiessling
ISI und R&AW – Die Geheimdienste Pakistans und Indiens
Konkurrierende Atommächte, ihre Politik und der internationale Terrorismus
Verlag Dr. Köster, Berlin, 2011

Eine Rezension von Michael Liebig


 

Dass wir heute in einer multipolaren Welt leben, in der die neuen Weltmächte China und Indien immer größeres Gewicht gewinnen, wissen wir inzwischen. Über die Wirtschaft und Politik dieser asiatischen Großmächte wissen wir ziemlich viel, über deren Kultur aber ziemlich wenig. Über die Nachrichtendienste dieser Mächte wissen auch gut Informierte und an diesem Thema Interessierte kaum etwas.

Deshalb ist Kiesslings Buch über die Geheimdienste Indiens und Pakistans evident wichtig. Allerdings liegt der Schwerpunkt der Arbeit eindeutig nicht bei den Nachrichtendiensten Indiens, sondern Pakistans. Über 282 Seiten wird der pakistanische Geheimdienst „Inter-Services Intelligence“ (ISI) behandelt, während der indische Auslandsnachrichtendienst „Research & Analysis Wing“ (meist RAW abgekürzt) mit 94 Seiten bedacht wird. Nun könnte man meinen, das sei so, weil der pakistanische ISI – mit deutlich negativer Konnotation – in der internationalen Öffentlichkeit weit mehr wahrgenommen wird als sein indisches Gegenstück RAW. Obgleich Indien dank seiner gewachsenen Wirtschaftskraft inzwischen in der ersten Liga der Weltpolitik spielt, ist sein Geheimdienst RAW praktisch unbekannt.

Der eigentliche Grund für Kiesslings unterschiedliche Gewichtung der beiden Geheimdienste auf dem indischen Subkontinent dürfte aber eher darin begründet ein, dass der Autor zunächst ein ausgewiesener Kenner Pakistans ist. Er war dort 13 Jahre als Vertreter der Hanns-Seidel-Stiftung tätig. Kiessling verfügt über umfassende Kenntnis des Landes, einschließlich hochrangiger Kontakte in der pakistanischen Eliten – eben auch im Militär- und Geheimdienstmilieu.

Kiessling ist promovierter Politikwissenschaftler, aber sein Buch gehört eher nicht zur Kategorie der akademischen „Intelligence Studies“. Theoretische Fragestellungen über Nachrichtendienste im Allgemeinen und die Indiens und Pakistans im Besonderen werden nicht erörtert. Stattdessen liefert Kiessling eine profunde und überaus materialreiche zeitgeschichtliche Darstellung des ISI. Dabei wird deutlich, dass er sich nicht auf die Auswertung von Sekundärquellen beschränken musste, sondern die Möglichkeit hatte, Hintergrundgespräche mit Schlüsselakteuren des pakistanischen Militär- und Geheimdienstmilieus zu führen. Dadurch erreicht die Arbeit eine analytische und Darstellungsintensität, für die es zumindest im deutschsprachigen Raum nichts Vergleichbares gibt.

Die Darstellung des RAW bleibt dagegen eher skizzenhaft, ist aber dahingehend wegweisend, dass auch in Hinblick auf die indischen Geheimdienste im deutschsprachigen Raum thematisches Neuland betreten wird.

Geheimdienste wurden nicht in Europa „erfunden“

Der indische Subkontinent – also Indien und Pakistan – hat eine alte und reiche Tradition in Theorie und Praxis der Geheimdienste, die Kiessling aber nur kurz und am Rande erwähnt. Ca. 300 v. Chr. verfasste Kautilya die „Arthashastra“ – ein Lehrbuch der Staatskunst. In eurozentrischer Sicht wird Kautilya vielfach als „indischer Machiavelli“ bezeichnet, obgleich er – ein Zeitgenosse des Aristoteles – sein Werk 1800 Jahre vor Machiavelli verfasste. Die Bedeutung dieses staatspolitischen Grundlagenwerkes wird außerhalb Indiens und des indologischen Diskurses erst in jüngster Zeit gewürdigt. Der deutsche Soziologe Max Weber ist eine rühmliche Ausnahme, denn er erkannte die Bedeutung Kautilyas bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Warum ist Kautilya hier relevant? Nun, Geheimdiensts spielen in Kautilyas Arthashastra eine herausragende Rolle.

Das gilt für den Inlandsgeheimdienst im Sinne einer Geheimpolizei, die die Staatsorgane und die Bevölkerung systematisch überwacht, um politische Verschwörungen und Unruhepotential in der Bevölkerung frühzeitig zu erkennen. Gegenüber (mutmaßlichen) politischen Verschwörungen, empfiehlt Kautilya, den Einsatz von „Sting“-Operationen und „agents provocateurs“. Bei bestätigtem Verdacht, empfiehlt er die „stille Liquidierung“ der Verschwörer durch den Geheimdienst statt politischer Justiz.

Genauso wichtig ist für Kautilya der Auslandsgeheimdienst. Auch hier geht es nicht nur um die umfassende Aufklärung fremder Staaten – also die Nachrichtengewinnung über ihre Fähigkeiten, Schwächen und Absichten. Das nachrichtendienstliche Interesse ist auch keineswegs auf militärische Belange beschränkt, sondern umfasst die politische Führung, potentielle Dissidenten und Aufrührer, die Stimmung in der Bevölkerung und die Wirtschaftslage. Es geht Kautilya auch nicht nur um die Nachrichtenbeschaffung, sondern eine wesentliche Aufgabe des Auslandsgeheimdienstes sind „covert operations“. Bei diesen verdeckten Operationen des Geheimdienstes geht es um Mordanschläge, das Schüren von Palastintrigen und Unruhe in Bevölkerung sowie Sabotage.

Armee und Geheimdienst „sind“ der pakistanische Staat

Was hier vor 2400 Jahren in Indien über Geheimdienste geschrieben wurde, ist heute keineswegs „veraltet“ – jedenfalls was die grundlegenden Methoden der Geheimdienste angeht. Und der pakistanische ISI hat sich des vollen Spektrums der von Kautilya beschriebenen – und ausdrücklich empfohlenen – Geheimdienstaktivitäten bedient. Der ISI ist Auslandsnachrichtendienst, ist für die Spionageabwehr zuständig, betreibt „internal Political Intelligence“ und hat im großem Stil covert operations durchgeführt. Die verdeckten Operationen des ISI sind keineswegs auf die Nachbarländer Indien und Afghanistan beschränkt, sondern wurden – wie Kiessling schreibt – auch in der ehemaligen Sowjetunion, Bosnien, Kosovo oder dem russischen Südkaukasus durchgeführt.

Der ISI ist also eine geradezu „idealtypische“ Verkörperung des Geheimdienstkomplexes á la Kautilya. Interessanterweise verneint aber der ISI jegliche eigene Traditionslinie zu Kautilya, sondern sieht seinen Erzrivalen – den indischen RAW – in der Tradition der von Kautilya vertretenen „amoralischen“ Geheimdienstpraktiken. Warum diese – zumindest deklaratorische – Distanzierung? Als Erklärung böte sich an, dass in Pakistan, für dessen Staatsgründung die islamische Religion konstitutiv war, Kautlilya als früher „Hinduist“ gesehen wird. Tatsächlich vertrat er eher eine areligiöse Weltanschauung. Aber auch sein Agnostizismus könnte erklären, warum für den ISI – als Geheimdienst des islamischen Pakistan – als Traditionsquelle nicht in Frage käme. Aber egal, der „Geist“ Kautilyas ist im tatsächlichen Handeln des ISI voll präsent.

Neben dem Islam war für Pakistan die Armee von Anfang an das entscheidende Bindemittel des staatlichen Zusammenhaltes in einem Land großer Divergenzen der Volksgruppen im Punjab, Sindh, Baluschistan und den paschtunischen Landesteilen entlang der Grenze zu Afghanistan. Hinzu kommt die „Volksgruppe“ der Flüchtlinge – Muhajirs – aus dem Territorium des heutigen Indien. Pakistan hat nicht nur eine Armee, sondern „die Armee ist Pakistan“.

Und mit der pakistanischen Armee ist der Geheimdienst ISI von Anfang an symbiotisch verbunden. Dies umso mehr als in Pakistan über mehr als drei Jahrzehnte Militärdiktaturen herrschten und auch während der demokratischen Zwischenspiele, die Militärführung faktisch die ultimative Machtinstanz blieb. Das pakistanische Militär führte vier Kriege gegen Indien – 1948, 1965, 1971 und zuletzt der „kleine“ Kargil-Krieg 1999. All diese Krieg verlor die pakistanische Armee, dennoch blieb ihre Machtstellung und die des ISI davon praktisch davon unberührt.

Kiessling führt aus, dass es in Pakistan bis heute nicht zur Herausbildung einer wirklich „staatstragenden“ politischen Elite und und dauerhaften parteipolitischen Strukturen gekommen ist. Er macht dafür nicht nur die innere Schwäche, Unfähigkeit und Korruption der politischen Elite verantwortlich, sondern die Tatsache, dass Armee und ISI zu keinem Zeitpunkt bereit waren, eine politische Führung zu akzeptieren, die in der Lage gewesen wäre, eine strukturelle und effektive politische Kontrolle über Armee und ISI auszuüben. Immer wenn dies versucht wurde, wussten Armee und Geheimdienst, dies mit allen Mitteln – von Wahlmanipulation bis zu Mordanschlägen – zu verhindern.

Aufstieg und Dilemma des ISI nach 1979

Die singuläre Machtstellung von Armee und Geheimdienst in Pakistan wurde auch durch äußere, geopolitische Faktoren ermöglicht. Für China war und ist Pakistan ein geopolitisches Gegengewicht zu Indien. Gleiches galt für die USA gegenüber der Sowjet-Union. Aber erst 1979 mit dem Sturz des Shah-Regimes im Iran und der sowjetischen Invasion Afghanistans, wurde Pakistan für die USA (und auch China) zum „unersetzlichen“ geopolitischen Partner. Das „Afghanistan Bureau“ des ISI bildete 80.000 afghanische Mujahideen und islamistische Freiwillige aus, steuerte deren militärische Operationen und kontrollierte deren Versorgung mit Waffen und Material.

Dazu schreibt Kiessling: „Unter General Zia Ul Haq erfuhr der ISI eine enorme Aufwertung. Zia konnte sich auf keine Partei stützen und bediente sich des Nachrichtendienstes, um die politische Lage und seine Gegner beobachten und kontrollieren zu können. Der Geheimdienst entwickelte so seine eigene politische Agenda. Macht, Prestige und Selbstbewusstsein seiner Angehörigen wuchsen. Mehr noch als die Machtübernahme durch die Militärs wurde dann der Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan Weihnachten 1979 zu Glücksfall für den ISI. Er wurde nun zum regional player mit Aktivitäten und Zielen, die er weder mit einem Parlament, noch Stellen wie Außen-, Innen-, Finanz- oder Verteidigungsministerium abstimmen musste“.

Daran hat sich auch nach dem mysteriösen Tod Zias bei einem Flugzeugabsturz 1988 und dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan nichts mehr grundsätzlich geändert. Bis 2001 kontrollierte der ISI die afghanischen Taliban. Danach brauchten die Vereinigten Staaten den ISI gegen die Taliban und den islamistischen Terror. Die außerordentliche Komplexität der Positionierungen des ISI gegenüber Afghanistan und den USA wird von Kiessling detailreich dargestellt. Die wichtigste Manifestation der nach 1979 erfolgten innen- und außenpolitischen „Aufwertung“ des pakistanischen Militär- und Geheimdienstkomplexes ist Pakistans Aufstieg zur Atommacht – und der ISI spielte dabei eine Schlüsselrolle.

Doch seit den 1980er Jahren vollzog sich noch eine weitere Transformation: Das pakistanische Militär und der ISI wurden zunehmend „islamisiert“. Die Unterstützung von islamistischen Kräften in Afghanistan und anderswo wandelte sich zunehmend in eine Kollaboration mit extremistischen Islamisten. Die Folgen waren zweifach: Bei Militär und beim ISI wurden ein „streng islamischer Geist“ und entsprechende Verhaltensnormen vorherrschend – und zwar auf allen Hierarchieebenen. Zugleich aber entstand für den ISI ein „Zauberlehrling“-Problem: die islamistischen Extremisten machten sich daran, in Pakistan ihre eigene Agenda durchzusetzen – auch gegen Militär und Geheimdienst. Und sie bedienten sich dabei auch der Mittel des Terrors. Dadurch wurde die politisch-militärische Unterstützung und finanzielle Alimentierung durch die USA (und tendenziell auch durch China) gefährdet. Nach dem amerikanischen Einmarsch in Afghanistan 2001 und dem darauf folgenden, bis heute andauernden Krieg, forderten die USA immer stärker vom pakistanischen Militär und dem ISI gegen die islamistischen Insurgenten vorzugehen. Soweit diesem äußeren Druck nachgegeben wurde, verschärfte sich der Konflikt zwischen Militär und ISI einerseits und seinen islamistischen „Adoptivkindern“ andererseits. Heute ist dieser Konflikt, den das Militär und der ISI stets vermeiden wollten, zur blutigen Routine geworden. Dies, zumal die USA heute in Pakistan eigenständig handeln. Das geschieht hauptsächlich durch Drohnenangriffe auf islamistische Führungskader – mit zum Teil erheblichen „Kollateralschäden“ in der Zivilbevölkerung.

Ein Ausweg aus diesem existenziellen Dilemma ist für das pakistanische Militär und den ISI nicht sichtbar. Das zeigte nicht zuletzt die von den Amerikanern eigenständig durchgeführte Liquidierung Osama Bin Ladens auf pakistanischem Boden. Kiesslings Buch wurde vor dieser Aktion geschrieben, aber es enthält den bemerkenswerten Satz: „Für den Autor gibt es, gestützt auf seine in 13 Pakistan-Jahren gesammelten Erfahrungen, keinen Zweifel, dass man im ISI den Aufenthaltsort oder das Grab von Osama Bin Laden kennt.“

Die Geschichte des ISI ist eine unendliche Geschichte von covert operations gegen Indien: im indischen Teil Kaschmirs wurde über Jahrzehnte hinweg Aufstandsbewegungen unterstützt und gesteuert. Auch die Revolte militanter Sikh-Separatisten Anfang der 1980er Jahre wurde verdeckt unterstützt. Das gilt auch für andere militante Separatisten, beispielsweise im ostindischen Nagaland, sowie „sozialrevolutionäre“ und insbesondere islamistischen Insurgenten. Diese covert operations umfassten auch die Unterstützung bzw. Steuerung islamistischer Terrorgruppen. Für Letzteres sind insbesondere die Terroranschläge in Mumbai 1993 (270 Tote) und 2008 (160 Tote) symptomatisch. Dazu schreibt Kiessling: „Eine Operation wie Mumbai [2008], die in der Vorbereitung in beträchtlichem Umfang Expertise, Finanzmittel und Zeit braucht, kann dem ISI weder verborgen geblieben, noch ohne Wissen der ISI-Leitung durchgeführt worden sein. Bei der politischen Brisanz des Geschehens muss auch der COAS [oberste Armeeführung] informiert gewesen sein“. Der Außenstehende kann sich nur darüber wundern, welchen „Netto-Mehrwert“ für Pakistan die direkte oder indirekte Unterstützung terroristischer Operationen in Indien durch den ISI erbracht haben sollen?

Der große Unbekannte: RAW

Der Aufstieg Indiens zur Weltmacht haben die covert operations des ISI jedenfalls nicht verhindert – nicht einmal behindert. Wie bereits erwähnt, Kiesslings Darlegungen über den indischen Geheimdienst RAW sind nicht vergleichbar mit der Materialfülle und dem analytischen Einblick, die er bezüglich dessen pakistanischem Gegenspieler liefert. Bezüglich RAW, scheinen hauptsächlich Sekundärquellen benutzt worden zu sein. Kiessling verweist darauf, dass in Indien bezüglich der Geheimdienste noch eine ziemlich exzessive „Geheimhaltungskultur“ besteht; bspw. gibt es keine offizielle Website des RAW. Bücher indischer Autoren über RAW gibt es nur ganz wenige und auch die „Memoiren“-Literatur ehemaliger RAW-Mitarbeiter ist praktisch nicht existent. Allerdings gibt es die ausgezeichnete Website der „South Asian Analysis Group“ (SAAG), in der auch ehemalige indische Nachrichtendienstler schreiben, und auf die Kiessling extensiv zurückgreift.

RAW ist eine geheimdienstlicher „Spätling“, denn er wurde erst 1968 – 21 Jahre nach der Staatsgründung – konstituiert. Große nachrichtendienstliche Defizite in den Kriegen mit China (1962) und Pakistan (1965) scheinen damals Indira Gandhi veranlasst zu haben, einen genuinen Auslandsnachrichtendienst zu schaffen, der direkt dem Premierminister – also nicht dem Außen- oder Verteidigungsministerium – zugeordnet ist. Die institutionelle Verortung und organisatorische Grundstruktur von RAW ähneln wohl am ehesten denen der CIA. Dazu gehört auch, dass RAW nicht nur Nachrichten beschafft und auswertet, sondern in größerem Umfang covert operations betreibt. Kiessling skizziert die Geschichte des RAW, seine Direktoren, insbesondere den RAW- „Gründungsvater“ R.N. Kao, die Beziehungen zu anderen Geheimdiensten, bekannt gewordene covert operations und einige der nicht wenigen Geheimdienst-Skandale Indiens. Das verschafft dem Leser einen Überblick, den er im deutschsprachigen Raum sonst nirgends findet.

Wenn man Kiesslings Ausführungen über die indischen Geheimdienste zusammen mit den flüssig geschriebenen Büchern des Politikwissenschaftlers Harald Müllers (Weltmacht Indien) oder des Historikers Dietmar Rothermunds (Indien – Aufstieg einer asiatischen Weltmacht) liest, dann ergibt sich echter Erkenntnisgewinn über die Außen- und Sicherheitspolitik Indiens – zu der die Geheimdienstdimension zwingend dazugehört. Dennoch wartet man auf ein monographisches Werk über RAW im deutschsprachigen Raum, für das Kiesslings Buch aber eine hilfreiche Ausgangsbasis bietet.

Bildnachweis: Buchcover mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag wurde beendet.