Das Unbegründete nicht vergessen

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Gedanken zum Anti-Semitismus heute und gestern

Wie anti-semitisch ist unsere Gesellschaft noch oder schon wieder? Die Frage wird gerade in diesen Wochen verstärkt aufgeworfen – Antworten aber, die sich als offen zu haltende Fragen läsen, gehen im Getöse des Meinungsstreits unter oder werden erst gar nicht ausgesprochen. Wir wagen an dieser Stelle zumindest einen Zwischenruf zum Thema – unter Bezugnahme auf Überlegungen des Philosophen Jean-Francois Lyotard.

Von Frank Hahn

 



Eine „lächerliche Geschichtsepoche“, die zuweilen nicht wisse, dass sie anti-semitisch sei und sogar vorgebe, es nicht zu sein, nannte Jorge Semprun unsere Zeit in seinem vor mehr als 30 Jahren erschienenen Roman „Was für ein schöner Sonntag“. Diese „Epoche“ dulde nur „unterdrückte Juden, Opfer, um sie bejammern und anlässlich ihrer Ausrottung beklagen zu können“, so schrieb der einstige Häftling von Buchenwald. In der aktuellen Debatte äußert sich nun wieder einmal lautstark der Journalist Henryk Broder, der sicher nicht den Anspruch erheben darf, sich Literat zu nennen. Obwohl sein jüngstes Buch[1] zu großen Teilen holzschnittartig und politisch grob vereinfachend geschrieben, lässt darin doch der Satz aufhorchen, in dem der Verfasser die „toten Juden die Lieblingsjuden der Deutschen“ nennt. Sie seien dies „allein schon deswegen, weil sie bei Gedenkritualen nicht stören….“. Es seien „knitterfreie und pflegeleichte Juden, immer und überall willkommen, im Gegensatz zu den lauten und störrischen Juden…“, so Broder.

Wenngleich die Zitate der so unterschiedlichen Autoren sich in erster Linie auf das Verhältnis zu Israel beziehen, so lesen sie sich auch als beunruhigende Frage nach der inneren Befindlichkeit unserer Gesellschaft: Wirkt die Vergangenheit auf unheimliche Weise in der Gegenwart fort? Wäre das Vergangene also gar nicht vergangen? Anders gefragt: wie stünde es um unsere Haltung zum Judentum, wenn unsere Gegenwart sich von einer deutlich hör- und sichtbaren Gruppe „störrischer und lauter Juden“ gestört fühlte? Noch unheimlicher gefragt: Käme unter solchen Umständen nicht so mancher darauf, das von Broder zitierte Goebbels-Wort, wonach „die Juden die Stimmung verderben“, auch heute wieder ungeniert auszusprechen? Die Juden als „Störer und Spielverderber“ – liegen hier womöglich abgründige „Motive“ des Judenhasses verborgen, die wegen ihrer „Banalität“ erschauern lassen und die man deswegen gern zugedeckt ließe?

Fragen, die inmitten des Getöses um „neuen“ und „alten Anti-Semitismus“, Israel, Islam, Last der Schuld und des Krieges scheinbar überhört oder wohl erst gar nicht gestellt werden. Fragen, die an das „Unbewusste“, an älteste Mythen, Texte und Scheidelinien jener Zivilisationen aus dem Zweistromland rühren, ohne deren Traditionen Europa kaum zu denken ist.

Anti-Semitismus als unbewusster Affekt gegen den ursprünglichen Schrecken

Einer der wenigen europäischen Denker, der diesen Fragen seit den 80er Jahren nachspürte – exemplarisch u.a. in seinem Text „Heidegger und die Juden“ –, war Jean-Francois Lyotard. Kurz gesagt lautet Lyotards These: In der jüdischen Tradition wird seit tausenden von Jahren die Erinnerung daran wach gehalten, dass wir seit jeher den letzten „Sinn der Worte“ verfehlt haben und also unser Denken immer von Leerstellen durchsetzt ist, die als das Nicht-Mitteilbare und Nicht-Hörbare sich dem rationalen Wissen, der Vernunft oder der Vollendung entziehen. Dieser Nicht-Ort des Nicht-Hörbaren, dieser Un-Sinn hinter dem vermeintlichen Sinn verstört das abendländische Denken seit je – und es stört die Möglichkeiten voreiliger Selbstversicherung in der Abgeschlossenheit logischer Systeme.

Würden diese Leerstellen womöglich die Gewissheit des Wissens „verderben“, das uns Fortschritt, Zugewinn an Erkenntnis und Reichtum verspricht? Fühlten wir uns in unserem Wunsch nach Letztbegründbarkeit, nach Sicherheit und Dazugehörigkeit, die als Umhegung, als Abgrenzung identitätsstiftend wirken sollen, von einem „Gast“ (Lyotard über die seinerzeitige jüdische Tradition im Abendland) gestört, der – immer auf Wanderschaft und im Exil – in der Nicht-Sesshaftigkeit und Nicht-Identität dennoch nie ein bestimmtes Urvertrauen verloren hat?

Zumindest droht jene vektorale Intentionalität aus dem Tritt zu geraten, die uns in ihrer Fixierung auf Ergebnisse den Positivismus der Beherrschbarkeit der Welt sowie die Hingabe an den unendlichen Fortschritt verinnerlichen ließ. Ratio, Intentio, Progressio, erscheinen geradezu als unhintergehbare Begleiter des Taktschlags ökonomischer Effizienz, wissenschaftlicher Exzellenz und gesellschaftlich anerkannter Existenz. Laut Lyotard stören „die Juden“ nicht nur diesen Taktschlag, sondern vor allem dessen scheinbare Begründung: „Die Juden sind in dem mit seiner Selbstbegründung beschäftigten „Geist“ des Abendlands dasjenige, das sich diesem Geist widersetzt, in seinem Willen, dem Willen zu wollen, dasjenige, das diesen Willen durchkreuzt, und in seiner Vollendung, seinem Projekt und Fortschritt, dasjenige, das stets die Wunde des Unvollendeten schlägt.“

Zu fragen wäre, warum ausgerechnet die Juden. Hätten denn nicht auch die Post-Moderne, die Existenzphilosophie, die kritische Theorie oder sogar schon Sokrates ebenfalls diesen Fixierungen und ihren vermeintlichen Sicherheiten ihre Gefolgschaft verweigert? Weiter gefragt: Selbst wenn die jüdische Tradition durch eine besonders prägnante Variante der Verstörung die abendländische Gesellschaft und Kultur fortwährend gestört haben sollte – reichte dies als Erklärung für den „Judenhass“, der über Jahrhunderte sich in Verfolgung, Vertreibung, gewaltsamer Konversion, etwas weniger gewaltsamer Assimilation und schließlich in der Vernichtung des europäischen Judentums manifestiert hat?

Zum einen gilt es, sich gegenüber diesen Fragen jeglicher „Erklärung“ zu enthalten. Zum anderen: vor dem Hintergrund der Lektüre von Lyotards Buch „Heidegger und die Juden“ schweben solche Fragen auf eine Weise über der Oberfläche, als wollten sie die „eigentliche Problematik“ gezielt verfehlen. Lyotard unternimmt demgegenüber einen der rar gesäten Versuche, sich dieser „eigentlichen Problematik“ zu nähern. So schreibt er:

„Man darf den Anti-Semitismus des Abendlands nicht mit dessen Xenophobie verwechseln. Er ist vielmehr eines der Mittel seines kulturellen Apparats, den ursprünglichen Schrecken, so gut es geht, zu bannen, ihn ….abzuwehren, ihn aktiv zu vergessen.“

Was versteht Lyotard unter dem „ursprünglichen Schrecken“? In erster Annäherung besteht der „ursprüngliche Schrecken“ im Nicht-Hören-Können des göttlichen Wortes. Lyotard spricht sogar von der Geiselnahme des jüdischen Volks durch eine Stimme, der Gehorsam zu leisten sei. Aber diese Stimme (Gottes) spricht nicht eigentlich zum Volk, sondern sagt nur, „dass sie ist und dass es untersagt ist, sie zu nennen und darzustellen.“ Es geschieht also eine „dunkle, ungewisse Enthüllung einer namenlosen Sache“, die als Offenbarung bezeichnet wird. Noch radikaler formuliert Lyotard – unter Bezugnahme auf Rabbi Mendel von Rybanow – in dem berühmten Gespräch mit Elisabeth Weber, wo er vom „unhörbaren Aleph“ spricht: „Etwas wurde nicht etwa gesagt, sondern angekündigt, und mir scheint, dass das Aleph ankündigend ist, nämlich Atem des Anfangs, den man nicht hört. In gewisser Weise hat das Volk nichts gehört, außer dass etwas angekündigt worden ist.“ Die jüdische Tradition hat nie den Zweifel darüber ablegen können, ob jemand gesprochen hat – und wenn wer. Deswegen wurde auch nichts aufgeschrieben. Denn der „Atem des Anfangs“ oder besser das stimmlose Aleph könnte schließlich „alles oder nichts“ bedeuten, er könnte sowohl als geordnete Folge von Buchstaben geschrieben werden als auch als Zusammenfall aller Vokale oder sogar als Vokal(e), den (oder die) die Menschen gar nicht kennen. Lyotard erwähnt in diesem Zusammenhang das 2000 Jahre währende Zögern der jüdischen Texttradition, Vokale in die Schrift einzuführen – aus dem Bedenken, die Vokalisierung könne die Worte auf eine Bedeutung festlegen. Dennoch kündigte sich im nicht hörbaren, stimmlosen Aleph ein Gebot an (Lyotard spricht sogar von einem „gebieterischen Timbre“) – aber es wurde „nie klar gesagt, was zu tun ist“. Vielmehr ist es die Aufgabe des Kommentars und der Textauslegung, immer neu herauszufinden, was zu tun sei und nach einer jeweils für den Augenblick plausiblen Bedeutung zu schürfen.

Damit aber ist der Schrecken nicht gebannt – der Schrecken über den Mangel des Nicht-Hörens, den Mangel an Begründung oder Legitimität. Dieser Mangel wird von Lyotard als einer des gleichzeitigen „Zu früh“ und „zu spät“ charakterisiert: das Aleph wurde zu früh „gesprochen“, bevor die Menschen bereit oder fähig waren zu hören. Als schließlich „etwas“ verstanden wurde, war es „zu spät“, noch einmal nachzufragen, und so wurde der ursprüngliche Schrecken „verdoppelt“: der Schock des Nicht-Hören-Könnens wurde nun ergänzt durch den Schrecken einer „unerträglichen“ Aufforderung, die alten Bräuche und Götter für eine Ungewissheit aufzugeben – denn der einzige Gott zeigt sich nicht, er darf nicht genannt werden, er entzieht sich immer wieder ins Nichts, er bürdet dem Menschen Gebote auf, die dieser nicht versteht, allen voran dasjenige, heimatlos zu sein, den Ort zu verlassen, den man bewohnt und nie zurückzukehren. Zu spät also – hätte man früher „etwas“ gehört, hätte man den Sinn dieser Gebote vielleicht verstanden. Dass sich durch so viel „Unklarheit“ das „christliche Abendland“ weit mehr verstört fühlt als durch noch so viele post-moderne Diskurse, liegt schlicht daran, dass diese Verstörung aus den Quellen der ersten göttlichen Worte selbst entspringt.

Lyotard behauptet, dass dieser Mangel stets nahe dran sei, vergessen zu werden, „weil er unerträglich ist“ – eben wegen des Fehlens von Legitimität und Begründung für das dem Menschen Auferlegte. Die jüdische Tradition in Europa aber könne das Unbegründete nicht vergessen.

Aus diesem einen Satz Lyotards ragt unvermittelt ein strebenartiges Gewirr an Fragen – das zugleich wie zu einem Strauß gebündelt erscheint – heraus. Sollte dieses Nicht-Vergessen-Können durch die Vernichtung des europäischen Judentums zum Schweigen gebracht werden, sollte also durch die Shoah das Nicht-Vergessen vergessen werden? (Dies ist die These Lyotards, indem er im ursprünglichen Schrecken einen „unbewussten Affekt“ der europäischen Zivilisation gegen das Judentum ausmacht – Adorno spricht von einem 2000 Jahre alten „Gerücht über die Juden“). Werden wir hier aber nicht auf existenzielle Weise mit verschiedenen Formen des Vergessens konfrontiert? (Lyotard bezeichnet das ursprüngliche Vergessen – das sich auch als ursprünglicher Schrecken ereignet – nicht als Schwäche des Gedächtnisses, sondern als ein immerfort gegenwärtiges „Unvordenkliches“. Im Sinne der Tradition des jüdischen Sprachdenkens könnte man hier ergänzen: das Unvordenkliche als ein Etwas, das vor dem Denken sich als Mangel, Leerstelle, nicht Mitteilbares, nicht Hörbares in der immer gegenwärtigen Sprache ereignet. Es wäre also ein stets gegenwärtiges Vergessen, das uns an das Defizitäre des „reinen Denkens“ oder der „reinen Vernunft“ erinnerte). Bedürften wir also nicht des immer neuen Zugangs zu dem „ursprünglichen“ Vergessen, um jenes nicht Begründete oder auch nicht Begründbare zu er-innern? Wäre damit aber unsere „Erinnerungskultur“ nicht auch zu hinterfragen? Fördert nicht gerade das allgegenwärtige Gedenken an Auschwitz das Vergessen jenes Unbegründeten, um dessen Nicht-Vergessen willen die jüdische Tradition seit je immer neu den kargen und mühseligen Weg durch die Wüste des Exils, der Sprache und der Schrift gegangen ist? Wird durch ein zeremonielles Gedenken gerade die Unruhe gebannt, die jenes „Unvordenkliche“ der jüdischen Tradition immer wieder ausgelöst hat? Schließlich ließe sich fragen, wie die Juden selbst über Jahrtausende das Unerträgliche eines Mangels an Begründung dennoch ertragen haben.

Dem Endlosen ein Ende setzen?

Diese Fragen sind kaum voneinander zu trennen, jenseits einer „sinnaufspaltenden“ – Raum und Zeiten grammatisch und logisch immer fort zerteilenden – Sprache könnten sie vielmehr als eine einzige Frage erscheinen. In einem weiteren Zitat aus „Heidegger und die Juden“ schimmert diese Verwebung ungefragt durch. Es schließt an die obige Passage über den Anti-Semitismus an, indem dieser als „Ergänzung“ zur griechischen Wissenschaft, zum römischen Recht, zur christlichen Geistigkeit und zur Aufklärung bezeichnet wird. Weiter heißt es dann:

„Jene Ergänzung, die der Kehrseite des Wissens, des Habens, des Wollens und des Hoffens zugewandt ist. Im Mittelalter werden die Juden genötigt sein, sich zu bekehren, und sie widersetzen sich der Konversion kraft einer reservatio mentalis. Im Zeitalter der Klassik werden sie vertrieben, und sie kommen zurück. In der Moderne werden sie integriert, doch sie beharren auf ihrer Verschiedenheit. Im 20.Jahrundert werden sie vernichtet. Von dieser Schlächterei sollte keine Spur zurückbleiben, in keinem Gedächtnis ihrer gedacht werden. Eben darin aber legt sie (die Schlächterei, F.H.) Zeugnis von dem ab, was sie niedermetzelt: dass es ein Undenkbares gibt, eine verlorene Zeit, die untilgbar bleibt, eine Offenbarung, die sich nie offenbart, sondern nur da ist.“

Darf man davon sprechen, die Schlächterei habe „Zeugnis abgelegt“? Doch Lyotard beeilt sich selbst, in diesem Zusammenhang vor den Fallstricken des Sophismus und der Dialektik zu warnen, die sich z.B. in den Worten „wenn Shoah, dann gerade darum Erwähltheit“ zeigten. (Dass es jenseits kluger oder eitler „Wortgefechte“ auch ernste Überlegungen zur Frage der „Prüfung“ des jüdischen Volkes durch Auschwitz gab, zeigt das 1947 geschriebene eindrucksvolle Hiob-Buch von Margerate Susman). Andererseits kann die Art und Weise, wie die Spuren des Massenmords verwischt wurden und werden sollten, durchaus als Zeugnis, als Beleg für etwas gelesen werden. Immerhin sagt das Wort „Endlösung“ nichts anderes aus als die Endgültigkeit, mit der die „Judenfrage“ ein für allemal beantwortet werden sollte. Lyotard fährt daher fort:

„ Man durfte nicht auf halbem Wege stehen bleiben, denn es galt, dem Endlosen, dem Nicht-enden-Wollenden ein Ende zu setzen. Das Verbrechen sollte vollkommen sein, und das Urteil auf Freispruch wegen Mangels an Beweisen lauten. Es handelt sich um eine Politik des vergessenen, des absoluten Vergessens. Sie ist sinnlos, und die Verbissenheit, mit der sie betrieben wird, deutet darauf hin, dass es in ihr um etwas Außerpolitisches geht. Denn die „Politik“ der Vernichtung übersteigt das Politische. Sie wird nicht ausgehandelt und ist ohne Schauplatz. Der Eigensinn, mit dem bis zuletzt gemordet wird, ist. Da politische nicht einsehbar, ein Zeichen, dass es um etwas anderes, dass es um das Andere geht. Diese apolitische Politik dauert auch nach „Auschwitz“ fort, und ihre Mittel wären zu eruieren.“

Wieder blitzt der Strauss der vielen Fragen auf, die zu einer verwoben sind: impliziert Lyotard hier doch, dass alle politischen, wissenschaftlich-historischen, soziologischen oder gar ökonomischen Versuche, Auschwitz zu „erklären“, in Wahrheit gar nichts erklären, da sie das „Außerpolitische“ der Shoah leugneten. Wir werden an das Unbegründete, das Unvordenkliche erinnert. Wie die „apolitische Politik“ nach Auschwitz fortdauere, führt Lyotard in einer Kritik an der Gedenk- und Erinnerungskultur weiter aus: die Darstellung des millionenfachen Mordes an den Juden sei eine Form, zu vergessen. Damit ist zunächst die unhintergehbare Tatsache benannt, dass nur dasjenige vergessen werden kann, was aufgezeichnet wurde, „denn nur was aufgezeichnet wurde, kann auch wieder gelöscht werden“. Lyotard sagt dazu:

„Was dagegen mangels einer Aufzeichnungsoberfläche, mangels eines Ortes oder einer Dauer, in der die Aufzeichnung situiert werden könnte, nicht aufgezeichnet wurde….kann mithin auch nicht vergessen werden. Es bietet dem Vergessen keinen Angriffspunkt und bliebt „nur“ als eine Affizierung präsent, von der man nicht weiß, wie sie qualifiziert werden könnte……“

Was nicht vergessen, wie erinnern?

Dem Vergessen keinen Angriffspunkt bieten: das übersteigt noch jenes in Bezug auf die Shoah inzwischen inflationierte Wort vom „Sagen des Unsagbaren“. Aufgabe der Kunst sei es vielmehr – so Lyotard – zu sagen, dass nichts gesagt werden kann, darzustellen, dass nichts dargestellt werden kann. Würden wir auf diese Weise also das „Unbegründete und Unvordenkliche“ vor dem Vergessen bewahren? Anders gefragt: wäre es nicht an der Zeit, statt vornehmlich die Vernichtung des Judentums „aufzuarbeiten“ (welch bedrohliches Wort!), das Vernichtete (die jüdische Tradition) nicht zu vergessen? Öffentliche Gedenkfeiern, Kranzniederlegungen und andere Erinnerungs-„rituale“ seien, so Lyotard, inzwischen zu einer Form der offiziellen „Schadensabwicklung“ instrumentalisiert. Anders gesagt: statt sich auf eine Erinnerungs-„kultur“ der Stolpersteine, Gedenktafeln sowie dem einen oder andren Buch über jüdisches Leben vor 1933 zu beschränken, sollten wir den Mangel an Begründung, den das erste Aleph in alles menschliche Sprechen und Handeln in seiner Unhörbarkeit eingebrannt hat, nicht vergessen. Doppeltes Nicht-Vergessen: indem wir das Vernichtete nicht vergessen, öffnen wir neue Wege, den ursprünglichen Schrecken über den Mangel an Begründung nicht zu vergessen. Dies aber könnte sich als eine Frage „unseres“ Überlebens erweisen. Mit „unser“ wäre dabei sowohl „alle Menschen“ gemeint wie auch „wir als Deutsche“. In der Betriebsamkeit „unserer“ offiziellen Gedenk- und Erinnerungskulturindustrie geht nur allzu leicht die Frage unter, welch unbegreiflichen und nie „ersetzbaren“ Verlust wir uns selbst durch die Vernichtung des Judentums zugefügt haben. Es könnte sich – so behaupten wir – als Überlebensfrage erweisen, diesen Verlust auf eine bisher nur unzureichend geschehene Weise zum Thema zu machen: den Verlust des Anderen, der und das als Leerstelle, als Nicht-Mitteilbares und Nicht-Hörbares die notwendige Kehrseite von Aufklärung, Vernunft und Wissenschaft präsent ist – auch ohne dass wir es hören. Wenn wir zumindest hörten, dass wir nichts hören, wie es Luigi Nono in seiner Musik experimentell versucht hat, dann würde uns Zeit geschenkt – Zeit zum Innehalten, In-Frage-Stellen, Aufschieben und sich Öffnen für Offenbarungen, die vielleicht mehr verhüllen als offenbaren. Genau dieses aber könnte zur Frage des Überlebens werden. Hier begegnen wir schließlich der letzten der oben aufgeworfenen Fragen noch einmal: wie die Juden selbst das Unerträgliche ertragen haben? Wir hatten es schon angedeutet: durch das Leben in der Sprache, im Text – der Tora, dem Talmud, dem Midrasch bis hin zur unerschöpflichen, auch säkularen Literatur. Das Leben in dieser Textur – Gewebe – bedeutet harte Arbeit am Text, indem dieser immer von neuem ausgelegt, in Frage gestellt, neu geschrieben und kommentiert wird. Diese nie abgeschlossene Arbeit, die nie den einen Sinn erschließt, kein endgültiges Ergebnis, keinen reinen Gewinn abwirft, ist unerschöpflich. Erleben wie demgegenüber nicht gerade eine um sich greifende Erschöpfung der Gesellschaft durch das rastlose Jagen nach „belastbaren“ Ergebnissen, die uns weiteren Fortschritt, besseres Wissen und höheren Gewinn garantieren sollen?

Diese Frage mag schon genug Unruhe auslösen. Doch die andere, schon oben kurz erhobene dürfte uns noch weiter verunsichern, wenn wir uns an Broders Wort von den „toten Juden als den Lieblingsjuden“ erinnern: wie stabil wäre die staatstragende, Konsens demonstrierende Schranke gegen den Anti-Semitismus in der deutschen Gesellschaft eigentlich, wenn sich mitten unter uns eine zahlenmäßig veritable Gruppe „lauter und störrischer Juden“ zu Wort meldete? „Störrische Juden“, die vielleicht als geistige „Nachfahren“ jener lebendigen „jüdischen Kultur“ wahrgenommen würden, die Kunst, Literatur und Philosophie der Weimarer Republik ziemlich durcheinander gewirbelt hat. Wie „tolerant und aufgeklärt“ wäre die Mitte der Gesellschaft eigentlich noch, wenn ein kritisches „post-modernes“, aber mit Talmud- und Midrasch-Lektüren angereichertes Denken selbstverständlicher Teil des „Diskurses“ würde? Wie würde gar die Mehrheitsgesellschaft reagieren, wenn jüdische und islamische Gelehrte gemeinsam aus einem beiden Traditionen ähnlichen Umgang mit alten Texten das gegenwärtige Europa durch ungewohnte „Kulturkritik“ in Unruhe versetzte? Bestürzende Fragen, denen eine Gesellschaft, die „Schadensabwicklung“ mithilfe zunehmend erstarrter Erinnerungs- und Gedenkrituale betreibt und dann „vorgibt, nicht anti-semitisch zu sein“, meist erfolgreich ausweicht.

1 Henryk Broder: „Vergesst Auschwitz!“, Knaus Verlag 2012

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