Rezension: Thomas Harlan, Veit.

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Thomas Harlan, Veit. Unter Mitarbeit von Jean-Pierre Stephan und Sieglinde Geisel, Rowohlt Verlag, Reinbek, 156 Seiten, 17,95 €

Von Bettina Klix


„Ich hatte mein Leben geändert. Du hattest Dein Leben nicht geändert, Du Unabänderlicher.“ heißt es in Thomas Harlans Buch „Veit“. Die erste Voraussetzung dafür, sein Leben zu ändern, ist: noch am Leben zu sein. Als Thomas Harlan sich an seinen Vater, den Regisseur Veit Harlan erinnerte und ihn so anrief, war dieser schon lange tot. Doch der Sohn muss es sich immer neu begreiflich machen. Der Vater hätte bis 1964 Zeit für eine Lebenswende gehabt. Und „Aufforderungen“ hätte es auch genug gegeben für Veit Harlan, den Regisseur von Jud Süß. Allein dieser Film, über den sich Joseph Goebbels 1940 in seinem Tagebuch freute: „Ein ganz großer genialer Wurf. Ein antisemitischer Film, wie wir ihn uns nur wünschen können.“, wäre nach 1945 Anlass gewesen, sein Leben zu ändern.

Scham- und Schuldgefühle, die nicht seine eigenen sind, aber auch die Liebe zur Wahrheit und die verquere Liebe zu einem Vater, der sich seiner Schuld nicht stellen wollte, bestimmen das letzte Buch des 2010 verstorbenen Thomas Harlan. Er diktierte diesen „Brief“ an seinen Vater, als er selbst schon schwer krank war. Er wusste also, dass es sein Vermächtnis sein würde und wollte noch von dem sprechen, was er mit seinen vielen Filmen, wie „Wundkanal“ (1984) und Büchern wie „Heldenfriedhof“ (2006) noch nicht gezeigt und gesagt zu haben glaubte. An diesen beiden Titeln allein zeigt sich der vorgeschriebene Bezirk seiner Arbeit: Thomas Harlan widmete sein ganzes Leben der Aufdeckung nationalsozialistischer Verbrechen und der Benennung von Kontinuität in der Bundesrepublik. Er fühlte drückend die Schuld des Vaters, die dieser nicht anerkennen wollte. Auch deutsche Nachkriegsgerichte wollten sie nicht erkennen und sprachen den Regisseur in zwei Prozessen frei. Selbst wenn der Sohn unterscheiden konnte: zwischen Mördern und denen, die ein „Mordinstrument“ – wie er den Film seines Vaters nannte – lieferten, zündete er doch als junger Mann, zusammen mit seinem Freund Klaus Kinski, ein Kino an, in dem Filme seines Vaters gespielt wurden. Niemand verdächtigte sie. Doch als der Sohn nach Polen ging, um dort in Archiven deutschen Kriegsverbrechern nachzuspüren, fühlte sich Veit Harlan sofort angegriffen.

„Polen war ein wunder Punkt für meinen Vater. Ich habe einen Sohn, so sagtest Du, Vater, der die Beschäftigung mit dem Abscheulichen der Beschäftigung mit dem Schönen vorzieht und mir darob großen Kummer bereitet. Über allen Kummer hatte sich ein unsichtbares Netzwerk von Verdacht und Misstrauen gelegt: Ich sei nach Polen aufgebrochen auf den Spuren von Kriegsverbrechern, um anstelle meines Vaters andere Väter umzubringen, so wie es dem Wunschdenken der mich umgebenden Gesellschaft der väterlichen Gesellschaft und einer ganzen Generation deutscher Kinder entsprach.“

In der Vorbemerkung zu „Veit“ macht Thomas Harlan die gewissenhafte Einschränkung: „Ich habe dieses Buch nicht geschrieben. Ich habe es diktiert. Insofern ist es mir fremd. Wer zehn Finger besitzt, die ihm gehorchen, wer das Glück hat, schreiben zu dürfen, der schreibt, wenn er schreibt, zumeist etwas anderes als das, was er sich zu schreiben vorgenommen hat. Hier wäre das andere die Gestalt meines Vaters: der Riese, die Eiche meiner Kindheit. Dies alles gibt es nicht mehr. Dennoch hat dieses Buch vielleicht einen Sinn, dennoch sage ich vielleicht so etwas Ähnliches wie die Wahrheit.“

Immer ging es um Wahrheit und um Schuld im Leben des Thomas Harlan und in seiner Kunst. Anmerkungen und Erläuterungen im Anhang, den der Verlag dankenswerterweise der literarischen Beschwörung des Vaters folgen lässt, machen erst ganz nachvollziehbar, was hier in eine ganz ungewöhnliche, dichterische Form gebracht wurde. 1964 eilte der verstoßene, enterbte Sohn, nun doch herbeigerufen, ans Sterbebett seines Vaters. Von diesen Tagen und dem qualvollen Ringen miteinander spricht „Veit“ auf atemberaubende Weise.

Der letzte Satz eines Rilke-Gedicht wird von der am Bett ausharrenden Freundin Ghenuta Huber verschenkt, so wie sie Veit auch mit anderen Dichtungen, mit Märchen barmherzig betreut, die Richtungsangabe lautet: „Sie sprach zu der Decke, zu dem mit Blutstropfen bedeckten Kissen. Sie sagte: Du mußt dein Leben ändern.“ Sie stellt also keine Forderung, sie rezitiert nur. Das Gedicht, das nur mit dieser einen Zeile wörtlich vorkommt, doch dessen Anruf das ganze Buch durchwirkt, fordert alles:

Rainer Maria Rilke: Archaischer Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,

darin die Augenäpfel reiften. Aber

sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,

in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug

der Brust dich blenden, und im leisen Drehen

der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen

zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz

Unter der Schultern durchsichtigem Sturz

Und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

Und bräche nicht aus allen seinen Rändern

Aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,

die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

„Du musst dein Leben ändern.“ Der Befehl geht von einem Kunstwerk aus. Noch dazu von einem, das nicht mehr vollständig erhalten ist und keinen Blick hat, weil der Kopf fehlt und mit ihm die Augen, die fordern könnten. Aber der Dichter weiß trotzdem „da ist keine Stelle, die dich nicht sieht.“

Wenn die Bereitschaft da ist, umzukehren, kann das Signal von allem ausgehen. Kunst, selbst als Fragment hat hier eine Macht, der gehorcht wird. So müssen wir annehmen – denn mit dem Befehl endet das Gedicht. Aber Veit Harlan mangelte es an einer solchen Bereitschaft, umzukehren und daran ist der Sohn verzweifelt.

Die Doppelgeschichte eines verstoßenen Sohnes und eines verlorenen Vaters endet in einer Anrufung: Damit, dass der Sohn wünscht, die Schuld des Vaters auf sich nehmen zu können, in Liebe. Hier ist die Verkehrung besonders drastisch. Denn nur ein Gottessohn war dieser Aufgabe gewachsen, die Sünde auf sich zu nehmen. Kann es eine andere Stellvertretung geben?

Aber Thomas Harlan hat diese Frage ja durch sein Leben zu beantworten versucht, durch sein Ringen um die Wahrheit seines Vaters. Darin blieb er sein Leben lang Sohn. Ein Sohn, in dem die Liebe zur Wahrheit, mit der Liebe zum schuldig gewordenen Vater kämpfte, bis zum Schluss.

Bildnachweis: Buchcover mit freundlicher Genehmigung des Verlags

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