Denken mit Glissant – Poesie und Philosophie der Vielfalt aus karibischer Sicht

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Ein Jahr vor seinem Tod wurde ein Film über den karibischen Dichter, Essayisten und Philosophen Edouard Glissant (1928 – 2011) gedreht, der nun in voller Länge im Berliner „Haus der Kulturen der Welt“ gezeigt wurde. Anschließend gab es ein Gespräch zwischen dem Regisseur Diawara Manthia und dem Schriftsteller Mukoma Wa Ngugi, das von Barbara Wahlster vom Deutschlandradio moderiert wurde. Der Autor hat seine Eindrücke zu diesem Abend im Folgenden zusammengetragen.

Das Rauschen einer Bugwelle klingt so gleichmäßig, doch tatsächlich umschwirren eine Vielzahl von Unter- und Obertönen das immer neu anhebende Rauschen – widerspiegelnd die vielfältigen Bewegungen und Strömungen, in denen das Wasser schäumt, gurgelt, sich überschlägt oder bricht. Solch einer Symphonie des bewegten und bewegenden Wassers lauschen die Passagiere eines Ozeandampfers gern, denn das beruhigend plätschernde Gleichmaß wird nie eintönig, auch wenn es so scheint. Auf einer solchen Schiffspassage wurde der Film „Denken mit Glissant“ gedreht, in dem der 2011 verstorbene Dichter und Philosoph Edouard Glissant Fragen nach seiner Poetik beantwortet.

 

Verflüssigung des Denkens

Poetik der Vielheit, Poetik der Beziehung – dies sind die Themen des karibischen Denkers von der Insel Martinique. Beziehungen, die auf vielfältige Weise jeden Moment sich verflüssigen, neu zueinander finden, um sogleich in Strudeln und Wirbeln die fließenden Elemente zu mischen….dies alles geschieht in Sekundenschnelle, wenn die Oberfläche des Wassers geteilt wird, gleich wieder zusammenfließt, dann zurückflutet, sich dadurch zu einer Welle hebt, die sich überschlägt oder sanft ausrollt, um in dieser Bewegung fast zärtlich den Sand des Inselstrands zu berühren und zugleich um Tausende von ebenso spielerisch vor- und zurückflutenden, wirbelnden und strudelnden Nebenwellen herumzutanzen. Brauchte der Inselbewohner Glissant nur dem Meer zu lauschen, um das Erhörte in die unerhörte Kraft seiner Poetik einzuschreiben? Vielleicht liegt das Geheimnis dieser Kraft in der Verflüssigung des Denkens, die Glissant mit seinen Texten bewirkt. In jedem Fall ist das Rauschen und Plätschern des Ozeans, das die Gespräche mit Glissant während der Filmaufnahmen stets begleitet, keine „Untermalung“, sondern spielt vielmehr eine „tragende Rolle“ in dem 2010 gedrehten Film, der in diesem Sommer im Berliner „Haus der Kulturen der Welt“ gezeigt wurde – sinnigerweise in der Reihe „Wassermusik“. Im Anschluss folgte ein Gespräch zwischen dem Regisseur Diawara Manthia und dem Schriftsteller Mukoma Wa Ngugi – beide stammen aus Afrika und leben in den USA.

Auch in diesem öffentlichen Zwiegespräch ging es um die Verflüssigung fester Denkmuster – ein Thema, das nicht nur für die Begegnung verschiedener Kulturen von Bedeutung ist, sondern auch im wissenschaftlichen Diskurs, zumal wenn dieser anstrebt, einen Beitrag zur Befreiung von Kolonialismus oder anderen Arten von Unterdrückung und Gewalt zu leisten. Auf die von Generation zu Generation unterschiedlichen Formen der Erstarrung dieses Diskurses gingen die beiden Gesprächspartner gleich zu Beginn ein: der 1953 geborene Diawara Manthia hatte sich seinerzeit den „Black Studies“ gewidmet und blieb damit – trotz aller Rhetorik von Unabhängigkeit und Befreiung – nach eigenen Worten in der Falle einfacher identitärer Zuschreibung gefangen. Die nächste Generation, zu der auch der 1971 geborene Wa Ngugi gehört, schien freier, unbekümmerter mit den Themen Rassismus und Kolonialismus umgehen zu können, denn die beiden Stichworte des seit den 70er Jahren anhebenden Diskurses hießen Post-Kolonialismus und Dekonstruktionismus. Aber auch sie konnten nicht vor Erstarrung bewahren, was schon in der Endsilbe –ismus begründet liegt. Der Post-kolonialismus kreist wie ein Trabant um seinen Planeten: den westlichen Kolonialismus, an dessen Koordinaten sich jedwedes „post“ und „anti“ orientiert. Und die Dekonstruktion? Ngugi brachte es auf den Punkt: „Unsere Generation hat alles und jedes dekonstruiert, am Ende war nichts mehr übrig geblieben…..“ Wenn bei der Auflösung starrer Begriffe sich „die Auflösung selbst auflöst“, kann jeder Diskurs irgendwann ins Leere laufen. Dann verliert sich die Beziehung zum Anderen, und der Diskurs mündet leicht in Beziehungsunfähigkeit – so wären Ngugis Worte in etwa zu deuten.

Vor diesem Erfahrungshintergrund bekundeten Diawara Manthia und Wa Ngugi, wie sehr Glissant ihnen geholfen habe, ihr Denken zu befreien – Verflüssigung statt Auflösung? Stichwort war dabei zunächst die von Glissant ins Spiel gebrachte Verwundbarkeit als ein weiterer Grundton seines poetischen Denkens. Einen Denker, in dessen ganze Herkunft und Tradition die Wunden der Verschleppung, Versklavung sowie physischer und seelischer Vernichtung vergangener Generationen eingeschrieben sind, begleitet dieser Grundton vom ersten Tag an. Nicht als Schwäche sei die Verwundbarkeit auszulegen, so die beiden Gesprächspartner, sondern als Aufforderung, sich außerhalb der „comfort zone“ des schon Gekannten, Gesagten und Gewussten zu bewegen. Verwundbarkeit als Name für ein Offenhalten, ein Sich-Aussetzen dem Unbekannten. Beziehung aufzubauen zur Vielheit, zur Andersheit, erscheint in Zeiten globalen Kulturaustauschs auf der rein begrifflichen Ebene eher unspektakulär, aber zu fragen ist, ob diese Beziehung nicht immer vom Eigenen ausgeht und dorthin zurückgeht, also einen identitären Zirkel beschreibt, der Verwundbarkeit vermeiden soll? Ist aber derjenige nicht beziehungsunfähig, der Verwundbarkeit nicht zulässt?

Glissant verflüssigt die Philosophie eben dort, wo sie sich der Sinnlichkeit verweigert sowie der Zerstreuung fester Identitäten. Für ihn laufen Philosophie und Poesie immer wieder neu in- und zueinander, ähnlich der Bewegung der Wellen oder dem „Gesang des ersten Gedichts, welches verloren ging und neu ertönt“. Die Wunde des Verlusts zu beweinen hieße „die Erde weinen und sprechen zu hören“ – erst die Verwundbarkeit öffnet dafür unser Gehör. Auf diese Weise hätten sie – Diawara Manthia – von Glissant gelernt, die Welt neu zu erfahren – nicht durch „Ideen“, die laut Glissant „nichts hinterlassen“, sondern durch einen sinnlichen und poetischen Umgang mit dem Verlust.

Wer bei diesem Wort nur an die Klage über das Verlorene denkt, der verkennt Glissants Freude am Erwecken des Zukünftigen, das nicht Rückkehr in den Hafen heißt, sondern Zerstreuung in die Vielheit des offenen Meeres. Im Film antwortet Glissant auf die Frage, ob er sich während der Schiffspassage über den Atlantik fühle wie ein später Heimkehrer auf den Spuren des Columbus: „Es geht nicht um Heimkehr oder Rückkehr, sondern um Veränderung im Sinne wachsender Multiplizität.“

Hier kommt einem Levinas’ Bild in den Sinn, wenn er das griechische Denken mit Odysseus verbindet, der nach langen Fahrten immer wieder in den Heimathafen zurückkehrt, während der Jude Abraham immer weiter in die Fremde zieht und nie wieder zu Hause ankommt. Das Offenhalten der Wunde zeitigt als Verwundbarkeit eine poetische Kraft, welche die Merkmale von Geschlossenheit in der europäischen Philosophie kompromittiert. Im Film nannte Glissant – mitten im Strudel der „Wassermusik“ – dafür Beispiele, die als „Kernthemen“ schon in seinen Hauptwerken1 immer wieder anklingen, in der mündlichen Rede aber noch unmittelbarer wirken. Wir lassen hier einige davon ganz kurz und summarisch zu Wort kommen:

 

Das Rhizom, das Imaginäre, das Opake

Das Rhizom. Glissant wendet sich gegen die Genealogie bzw. die Abstammungslehre, da sich in dieser ein Denken in vertikalen statt horizontalen Bezügen und somit in Hierarchien manifestiere. An einer wellenumtosten Bucht auf Martinique sitzend, erläutert er seine Sicht am Beispiel eines Baumes: das genealogische Projekt arbeite mit einfachen Zuordnungen, Kausalketten und geschlossenen Definitionen, indem nur die lineare Entwicklung von der Wurzel über den Stamm bis in die Baumkrone und ihre einzelnen Äste und Zweige (ohne Querverbindung zwischen ihnen) gesehen und zum allgemeinen Modell erklärt werde. Dies bedeute einen Verlust der Vielheit an Bezügen, wie sie z.B. im Rhizom sich zeigt. Dieses kommt in der Natur als unendlich verzweigtes, horizontal sich ausbreitendes Sprossengeflecht vor. In der Philosophie eines Gille Deleuze bezeichnet das Rhizom eine dem Monokausalen entgegen gesetzte Denkweise, die eine „multirelationale“ Vielheit an möglichen Ursachen, „Wahrheiten“ und Gleichzeitigkeiten des Ungleichzeitigen verknüpft. Während hier das Bild des Rhizoms also einen post-modernen Gegenentwurf zur formalen Logik, zur analytischen Philosophie oder zur klassischen Metaphysik umschreibt, bezieht Glissant es auf die Lebenswirklichkeit der Karibik und damit der Kolonialgeschichte. Die meisten der im karibischen Raum lebenden Menschen wurden ihrer Wurzeln beraubt, als sie auf Sklavenschiffen aus Afrika deportiert wurden. Ferner wurden die indianischen Kulturen Mittelamerikas durch die europäischen Kolonialmächte entwurzelt – so dass in der Karibik eine „Vermischung“ entwurzelter Menschen afrikanischer, europäischer, asiatischer und amerikanischer Herkunft einsetzte, was Glissant mit Kreolisierung oder Hybridisierung benennt. Statt der Wurzeln haben sich wurzellose Geflechte – Rhizome – der Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Herkünften gebildet, woraus sich ganz neue kulturelle, sprachliche oder wirtschaftliche Lebenswelten entwickelt haben. Glissant nennt im besagten Film die Jazz-Musik als Mischung afrikanischer und europäischer Klänge oder die „kreolischen Gärten“, die von den Sklaven für den „Eigenbedarf“ angelegt waren, um nicht zu verhungern und in denen – ganz im Gegensatz zur monokulturellen Plantagenwirtschaft – eine ausgewogene Vielzahl an Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten wuchsen. Im Geflecht des Rhizoms wächst auf diese Weise bei Glissant ein Übergang – heraus aus dem Trauma des Verlustes hin zu einer Zukunft der Vielheit an neuen Bezügen. Zugleich aber erhält sich im Rhizom die Wachsamkeit für die Spur des Verlorenen, das als Rinnsale, filigrane Flechten oder hauchdünne Äderchen in Körper und Seele der Menschen eingraviert ist. Diese Gravuren der Rhizome führen auf das Imaginäre in den Menschen der Karibik, und sicher nicht nur in ihnen….

Das Imaginäre. Selbst wenn sie verwischt, verstummt oder vernarbt sind wie zugewachsene Wunden, so haben die Einritzungen von Worten, Gesängen oder Lauten einen Hauch oder eine Spur hinterlassen – „L’imaginaire“ bedeutet mehr als Einbildungskraft oder Vorstellung, sondern ist vielmehr ein Name für den Reichtum einer jahrtausendealten poetischen oder auch religiösen Überlieferung, die – selbst nach dem Verlust von Texten oder Liedern – im Verborgenen weiterhin lebt und webt, so dass hieraus immer neue Worte, Töne und Bezüge an die „Oberfläche“ heraufquellen, ein Reservoir verlorener Schätze, die zwar nicht in ihrer alten Form wiederzufinden sind, aus denen aber neue hervorperlen können. Das französische L’Imaginaire bezeichnet diese verlorenen, aber verborgenen und spurenhaften Schätze in den Menschen, und indem diese aus dem Imaginären schöpfen, erahnen oder erlauschen sie auf geheimnisvolle Weise auch Verbindungen zwischen Mensch, Erde und Himmel. Glissant erläutert dies inmitten des Rauschens der Wellen und der Palmen auf Martinique: Das Imaginäre wird als Zittern oder Beben gehört, längst bevor der Vulkan ausbricht oder der Tropensturm losrast. Als eine Art „zweites Gehör“ wird das Imaginäre zum Sensorium, das die Menschen an der Peripherie der Welt oder in den kleinen Ländern haben und sie für das leiseste Zittern oder Grummeln unendlich empfänglich macht. Glissant zieht daraus eine politische Lehre: weil für die großen Länder oder gar die Imperien Politik schlicht Verfügungsgewalt und Machtspiel bedeutet, es ihnen aber an einem Sensorium für das Unverfügbare und Unvorhergesehne fehlt, ist immer neues Scheitern aus Hybris vorprogrammiert, während die kleineren Länder als erstes Gefahren für die Welt wittern und vielleicht ganz andere Wege zum Schutz und zur Abwehr gehen können. So werden, wenn das Imaginäre nicht übersehen wird, auch Poesie, Schamanismus oder Magie Felder der Weisheit, des Wissens und des Handelns, was für das westliche Denken, das selbst die Sinnlichkeit oder Leiblichkeit noch in Begriffe einzuholen versucht, meist fremd und unzugänglich bleibt – oder eben opak…..

Das Opake. In einer der stärksten Sequenzen des Films wendet sich Glissant – seine Worte werden vom Rauschen der Bugwellen des Passagierschiffs sanft überspült – gegen die westliche „Wut des Verstehens“. Vor 40 Jahren schon habe er auf einer Konferenz in Mexiko das Recht auf Opazität (Undurchdringlichkeit) gefordert – als Gegenpol zum bereits damals anschwellenden Wahn der Transparenz. Der Barbarei habe man ihn daraufhin gescholten. Inzwischen gebe es jedoch eine wachsende Besorgnis vor unbeschränkter Transparenz, und das Opake scheine sein Recht zu fordern. Zunächst sei auch hier an Glissants martinikanische Herkunft erinnert, in der die Brutalität und Gewalt der Kolonialmächte im Bewusstsein der Menschen höchst lebendig nachwirkt. Jeder Deportierte, jeder Sklave wurde nicht nur körperlich geschunden, sondern auch seiner Seele als seines innersten „Heiligtums“ beraubt. Die Kontrolle des „Denkens“ war für die Kolonialmächte genauso wichtig wie die Verfügung über den Körper. Hierfür mussten Geist und Seele „durchleuchtet“ werden, transparent, durchsichtig, durchscheinend werden – das Undurchdringliche galt als Quelle gefährlicher Subversion und drohenden Verrats oder Aufruhrs. Was aber wird aus dem Menschen, wenn er alles preisgeben muss, wenn die schützende Hülle zerrissen wird, die das Heiligtum des Unsagbaren umgibt, das in Hoffnungen, Erinnerungen oder Gebeten den Menschen am Leben erhält? Aber wie sieht es heute in den westlichen Gesellschaften aus, erleben wir nicht eine andere Art von Gewalt der Transparenz? Der zeitgenössische Philosoph und Kulturtheoretiker Byung-Chul Han bezeichnet die moderne Leistungsgesellschaft auch als „Transparenzgesellschaft“2 und zeigt, wie Menschen ihr inneres „Heiligtum“, ihre Opazität nun freiwillig, offenbar auch noch gern und mit ideologisch aufgeladener Rhetorik aufgeben. Dies betrifft nicht nur den gewöhnlichen Exhibitionismus in den sog. sozialen Medien wie Facebook etc., sondern den Wahn, mit Hilfe der digitalen Parallelwelt alles verstehbar, berechenbar, kalkulierbar zu machen. Die Entgrenzung von Information und Kommunikation, die gnadenlose Ausleuchtung intimer Zonen führt zur Obszönität einer Gesellschaft, in der alles mit allem vergleichbar und also austauschbar wird, d.h. die inkommensurable Andersheit verschwindet, denn sie widerspricht der geforderten Anpassung. Damit werden jedoch – laut Han –auch Glauben, Denken und Vertrauen in Frage gestellt, die ja erst ihre Bedeutung angesichts des „Undurchdringlichen“ finden – das als das Unvorhersehbare, Ungewisse, Unberechenbare eben nicht zu „bezwingen“ ist, weder mit reiner Logik noch anderen methodisch-begrifflichen „Bohrversuchen“.

Die Zurückdrängung dieser inkommensurablen Andersheit bedeutet für Glissant die Gefahr von Gleichschaltung, Diktatur und Rassismus. Schon die europäische Philosophie und Wissenschaft engen sich dadurch ein, alles verstehen zu wollen, indem Menschen mit logischen Verfahren, auf Kalkül und Rationalität beruhender Analyse und schließlich zersetzender Vivisektion „den Dingen auf den Grund gehen“. Diese Haltung intendiert eben die Beseitigung des Inkommensurablen bzw. die Vereinnahmung des „Sezierten“ in die eigene Begriffswelt. Das kulturelle oder gesellschaftliche Miteinander geraten rasch in eine Schieflage, wenn die Differenz oder das Inkommensurable – qua Mangel des Verstehens – nicht akzeptiert werden. Glissants wohl berühmtester Satz aus dem „Traktat über die Welt“ lautet: „Ich muss den Anderen nicht verstehen, um mit ihm zusammen leben und zusammen arbeiten zu können.“ In der besagten Filmsequenz ergänzt er diesen Satz: „Es ist der erste Schritt zum Rassismus, wenn ich den anderen nicht akzeptiere, weil ich seine Andersheit nicht verstehe.“ Ist die Andersheit doch gerade dadurch „anders“, weil wir sie nicht verstehen. Was könnten uns Poesie, Kunst, Religion, auch Philosophie sagen, wenn wir alles verstünden, saugen sie doch zuallererst ihre Kraft und Inspiration aus dem, was sich dem Verstehen entzieht? Heute droht eine digitale Gleichschaltung, eine erzwungene Transparenz, die im übrigen – trotz aller aufklärerisch-demokratischen Rhetorik – rasch zu einem Instrument der Machtpolitik zu verkommen droht. Angesichts dieser Gefahr erscheint es nur legitim, wenn Glissant ein Recht auf Opazität fordert.

 

Von Süd nach Süd, von Insel zu Insel

Verflüssigung des Denkens? Beim Rhizom, das sich auch als Flussbett oder unendlich verästeltes Flussdelta denken ließe, scheint dieser Bezug sinnfällig zu sein. Das Imaginäre wiederum macht starre Begriffsgrenzen oder die Abgrenzung zwischen rationalem Wissen und fühlendem Erahnen durchlässig, bringt sie ins Fließen – auch hier also Verflüssigung. Die Undurchlässigkeit (Opazität) aber scheint nun gerade den Fluss zu stauen, da es eben keinen „Durchlass“ mehr gibt. Oder müssen wir es gerade anders herum sehen? Beendet nicht jede logische Analyse, jede rationale Erklärung, jede feinschnittige Vivisektion gerade den Fluss? Wird unser „Denken“ nicht erst dadurch im Fluss gehalten, dass es sich immer wieder aufmachen muss, nach demjenigen zu forschen, was sich entzieht?

Etwas Anderes sollte uns noch bewegen: fahren wir das Rhizom soz. „flussaufwärts“, dann wäre es so, als schwömmen wir auf einem Geflecht mannigfach bewegter und gewellter Beziehungen zwischen Afrika, Mittel- und Südamerika, Ozeanien und Asien. Vielleicht war es diese „Imagination“, die Diawara Manthia und Wa Ngugi von Glissant gelernt haben. Emphatisch nämlich riefen sie zu verstärkten Beziehungen auf Süd-Süd-Ebene auf. Beziehungen welcher Art? Wohl doch menschliche und poetische, um das Allerweltswort „kulturell“ hier nicht zu strapazieren. Ein Geflecht neuer Anknüpfungen zwischen den „südlichen Inseln“ dieser Welt, um über den eingefahrenen post-kolonialen Diskurs hinwegzukommen. Denn tatsächlich vergiftet der Kolonialismus und der koloniale Geist in den Köpfen – auch und nicht zuletzt in den Ländern des Südens – die Beziehungen zwischen den (ehemals) Kolonisierten. Entgiftung und Verflüssigung also: wie würde sich die Wahrnehmung der Welt von innen her verändern, wenn mehr Menschen das „Zittern der Erde“ hören, das Rauschen jener Wellen, die alles in einem ewigen Vor- und Zurückfluten in Bewegung halten und so jedes einfache Entweder-Oder überspülen? Glissants Poetik der Vielheit öffnet Übergänge von Insel zu Insel – wie sie in der Karibik alltäglich und notwendig sind. Sind Süd-Süd-Beziehungen Inselbeziehungen? Für Ozeanien und die Karibik gilt dies unmittelbar, so wie auch für die Inselwelt des Indischen Ozeans und des Malaiischen Archipels – und ist nicht Afrika in Bezug auf Europa und Asien eine (Halb)-Insel? Sein letztes Werk hat Glissant über die „wirklichste“ aller Inseln geschrieben, die Osterinsel Rapa Nui, 4000 km von jedem Festland entfernt. Darin beschreibt er das Zittern der Insel, das Störungen und Unordnung auslöst, und er sagt: „Das Eiland hat unaufhörlich leben wollen, sterben wollen…“ Die Gefahr der Auslöschung (durch Eroberungen und Naturkatastrophen) habe in den Menschen einen „heftigen Wunsch nach dem Absoluten und nach dem aus den eigenen Abgründen erworbenen Wissen“ 3 ausgelöst. Diese Abgründe sind teilweise ganz lebensnah zu verstehen: „Die Insel gleite auf einem Süßwasserspiegel, zu dem aber niemand Zugang hat“4 – das Opake begegnet einem hier als Naturgewalt. Die Insel ist auch ein Schiff, das auf dem Wasser schwimmt, sie ist flüchtig und dauerhaft wie eine diachrone Zeit: „Der Zugvogel bringt dir die Fremde, er erneuert sich in dir, aber er fliegt auch bald wieder fort: Die Insel ist flüchtig und hat Dauer.“5 Dauernde Verflüssigung des Festen, Verfestigung des Flüssigen: die Insel wird für Glissant zur Metapher seiner Poetik, wenn er sagt, dass die Menschen auf ihr eine Sprache mit dem Universum unterhalten, „wenn der Regen durch die geritzten und tätowierten Zeichen an den Höhlenwänden rinnt“. Die Bewohner von Rapa Nui hätten also eine zweite Sprache, die nicht als System von Zeichen der Kommunikation und Information dient: „Die zweite Art der Verständigung ist verworren, aus lauter Eingerolltem und Abgründigem“.6 Dürfen wir sagen: sie ist opak und imaginär, sie folgt den Spuren des Rhizoms? Wie wird unsere Welt sprechen, wenn die Inselwelten des Südens eines Tages miteinander in rhizomatische Beziehungen kommen und dabei das aus den eigenen Abgründen erworbene Wissen unter sich – und vielleicht mit

Endnoten

1 Edoaurd Glissant: Traktat über die Welt, Verlag Das Wunderhorn (1999) sowie „Kultur und Identität: Ansätze zu einer Poetik der Vielheit“, Verlag Das Wunderhorn (2005)

2 Siehe Byung-Chul Han: Topologie der Gewalt, Matthes und Seitz, Berlin 2011 (siehe auch dazu die Rezension in www.solon-line.de von diesem Autor im Dezember 2011

3 Edouard Glissant: Das magnetische Land – Die Irrfahrt der Osterinsel Rapa Nui, Verlag Das Wunderhorn, Heidelbarg 2010, S.45

4 Ebda.

5 Ebda., S.35

6 Ebda., S.65

1 comment to Denken mit Glissant – Poesie und Philosophie der Vielfalt aus karibischer Sicht

  • avatar patrickgrete

    Lieber Frank,

    Dein Text reizt zu mehrfachen Kommentaren. Hier sind einige von meinen.

    Zum einen das Thema Dekonstruktionismus (heißt es nicht eher Dekonstruktivismus?). Wann immer ich davon höre, bemerke ich die Schwäche dieses Ismus (wie nahezu jeden anderen Ismus auch): Seine Blindheit für die eigenen Voraussetzungen. Denn: Wer oder was dekonstruiert? Das Subjekt alles um sich herum, nur eben nicht sich selbst. Daher kommt es dann auch zu dem Effekt, dass es die Verbindung zum Anderen verliert. Hier scheint mir Verflüssigung ein geeigneter Ausweg aus der Auflösung zu sein; denn vielleicht ist es ja sinnvoller, sich das Gewordensein des Jetzigen zu vergegenwärtigen und damit die Kategorien des eigenen Geistes (und seines Selbst) zu verflüssigen aber eben nicht zu zerstören.

    Zum nächsten das Thema Opazität. Hier könnte der Rationalist fragen, was denn schlecht am verstehen und verstehen wollen ist. Willst Du etwa eine neue Verzauberung der Welt, in der etwa das Wetter nicht durch komplexe, aber natürliche, Prozesse zustande kommt, sondern durch den Willen und Wohlwollen der Götter? Sollen wir nicht weiter nach den Grundbausteinen des Universums mit Wissenschaft forschen, sondern stattdessen uns mit der Unverstehbarkeit abfinden? Nun; das wohl nicht, aber man muss einen subtilen bis subkutanen Hintergrund von Wissenschaft verstehen: Die Erzeugung von Verfügungsgewalt. Nicht alles wissenschaftliche Forschen ist anwendungsbezogen, aber vieles (wenn nicht gar alles) lässt sich früher oder später anwenden. Wir können die Erkenntnis dann benutzen, um etwas zu beherrschen, was vorher verborgen war. In der Physik und Chemie mag diese Gewalt nur Massenpunkte und Moleküle betreffen, aber schon in Biologie und Medizin wird die methodeninhärente Gewalt in Form von Tierversuchen offenbar. Du brachtest das Beispiel, einen anderen Menschen verstehen zu wollen und ihn seines privaten Kernes, seiner Seele, zu berauben und verbandest das mit Kolonialismus und den Exhibitionismus in den sozialen Netzwerken. Das ist hinreichend schrill, damit sich Menschen aus meiner Generation zurücklehnen können und Kolonialismus als Phänomen der Geschichte abzutun und Dir vorzuwerfen, nicht zu verstehen, wie Facebook et al. funktioniert. Dabei ist die Gewalt doch viel weitverbreiteter. Schauen wir doch mal in die zeitgenössische Philosophie. Auf Fachtagungen habe ich es schon oft erlebt, dass die erste Reaktion auf einen Vortrag mit neuen und „anderen“ Ideen war, die Idee oder den Vortragenden in einen Ismus einzuordnen. Ist das nicht auch Gewalt, zeigt sich hier nicht auch die Unfähigkeit den Anderen anders sein zu lassen und offenbart sich hier nicht mithin der Wahn des Verstehenwollens im Sinne des vertikalen und hierachischem Denken?

    Man kann diesen Gedanken noch weiterführen. Denn hinter dem Verstehenwollen steckt ja der Wunsch, das Andere zu systematisieren und es sich damit einverleiben zu wollen. Es soll Teil des eigenen Systems werden; dann hat es seinen Platz und feste Korrelation zu allem Bekannten, ist unter Kontrolle (und im Zweifelsfalle tot). Dieses Spezifikum europäischer Geistesgeschichte zeitigte (und zeitigt immer noch) bisweilen seltsame Blüten. Denken wir etwa an Lyotards Kritik des Redens von „jüdisch-christlicher Identität“ oder die Titulierung Cohens als Neu-Kantianer (verbunden mit der Kritik an ihm, Kant nicht verstanden zu haben, wenn er über Kant hinaus geht oder ihm widerspricht).

    An dieser Stelle kann dann auch Deine Kritik an den modernen sozialen Netzwerken wieder aufflammen. Dort sind Andere schlicht ausgeblendet. Jeder, der sich mir nicht mit seinem systematisierten Profil zeigt, bei dem die Person auf bestimmte Merkmale und Eigenschaften reduziert wird, kann mir gar nicht begegnen. Während in der realen Welt der Andere mir verschiedentlich begegnen kann (es kann sich ein Gespräch in der Kantine ergeben, ein flüchtiger Blick in der Bahn auf dem Nachhauseweg, ein Vortrag auf einer Veranstaltung, oder der Andere kann mir unverhofft helfen, nachdem mir meine Tasche herunter gefallen ist), ist dies alles in sozialen Netzwerken standardisiert und damit auch verarmt. Die Begegnung kann mich aber auch nicht mehr unverhofft treffen, berühren oder gar verletzen. Ich bleibe in meinem einsamen Kokon. Damit tue ich jedem Anderen und letztlich auch mir selbst Gewalt an. Ich schneide die horizontalen Verknüpfungen alle weg und verschließe mich dem Imaginären.

    Ich weiß, dass Du ganz bewusst viele Aspekte des flüssigen Denkens ungesagt und unverstanden gelassen hast; es wäre ja auch blanke Ironie, wenn Du mit Deinem Artikel Glissant und sein Werk ganz zu verstehen und systematisch darzulegen versucht hättest. Vielleicht reizt es Dich aber trotzdem meinen Faden weiter aufzunehmen und weiter zu spinnen.