Rezension von Chaim Noll: Der Kitharaspieler

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Verbrecher Verlag, Berlin, 2008, 815 Seiten, 34 €

Von Bettina Klix

In Henryk Sinkiewiczs historischem Roman Quo Vadis (1896) lernen wir den römischen Kaiser Nero nicht nur als Herrscher, sondern auch als unverstandenen Künstler kennen: „Ich weiß es, man hält mich für grausam, und doch, niemand wird es glauben, wenn die Musik mein Ohr umschmeichelt, dann fühle ich mich weich und gut wie ein Kind in der Wiege; die Menschen haben keine Ahnung wie gut ich eigentlich bin.“. Das Buch hat aber vor allem die Christenverfolgungen zum Thema und die Glorifizierung der Märtyrer zum Ziel.

Der große historische Roman „Der Kitharaspieler“ von Chaim Noll erzählt nun auf eine völlig neue Weise von einem grausamen Herrscher, der lieber nur Künstler wäre, von den römischen Staatsbürgern jüdischer Herkunft und ihrem skeptischen Blick auf die frühen Christen, – die in diesem Buch nur aus der Ferne betrachtet werden. So entsteht ein neues Bild einer dem Untergang geweihten Welt, die wir schon zu kennen glaubten.

Der Icherzähler ist der Sohn einer jüdischen Sklavin, die aber noch vor seiner Geburt freigelassen wurde, so dass ihr Kind ein römischer Bürger mit allen Rechten ist. Durch das Schicksal dieses Namenlosen, der seinen Vater nicht gekannt hat, erfahren wir viel Überraschendes über das Leben römischer Juden in jener Zeit. Der Icherzähler macht sogar Karriere am Hofe Neros. Er wird Ghostwriter für den Kaiser. Neros Selbstbild als Künstler bringt ihn dazu, die Staatsgeschäfte zu vernachlässigen. Er begeistert sich für das Poem „Der Kitharaspieler“, das ihm der Schreiber vorlegt, vertont es selbst und identifiziert sich mit der Hauptfigur. Bei öffentlichen Auftritten feiert Nero damit große Triumphe. Der Icherzähler ist dadurch gefährdet, denn solange er lebt, gibt es das Wissen um seine Mit-Autorschaft, das Neros Künstlerillusion stört.

Das Leitthema des Buches ist: „Stets ist mein Leben in Gefahr, aber dein Gesetz vergesse ich nicht…“, eines der vielen Zitate aus der hebräischen Bibel, die jedem neuen Absatz vorangestellt sind. Der Roman erforscht auf 815 Seiten die Wahrheit jener Zeit, indem er sich auf das stützt, was man inzwischen wissen kann. Davon ausgehend bringt er Verborgenes, aber poetisch Wahrscheinliches zu Tage. Dabei schildert er das Leben am Kaiserhof, die vorherrschenden heidnischen Praktiken, aber auch jüdisches Leben im Reich, das Glaubensfreiheit einschließt. Es gilt allerdings, Rücksicht zu nehmen, wenn man als junger jüdischer Sekretär am Hof Kaiser Neros nicht Anstoß erregen will. Erscheint man wieder nach überstandener Krankheit, will die Antwort auf die harmlose Frage: „Wieder gesund?“ wohl überlegt sein: „Hier wäre die Antwort-Formel ‚Dank den Göttern’ angebracht gewesen, doch ich vermied den gegen unser Gebot verstoßenden Plural, sagte zwar nicht rundheraus ‚Dank dem alleinigen Gott’, was eine Provokation bedeutet hätte, sondern eine Kompromissformel, die wir uns für solche Fälle zurecht gelegt hatten: ‚mit göttlicher Hilfe’.“

Dass es sich bei den Frühchristen zunächst um eine jüdische Sekte handelte, spielt aus der rückblickenden Sicht von Mehrheitschristen (in Sicherheit) meist keine Rolle. Und dass die assimilierten Juden im römischen Staat durch die Anhänger des Jeshua (Jesus) in Gefahr gebracht wurden, ist wenig bekannt. Denn die „Christiani“ sind Aufrührer, können sich ein Glaubensleben im Bestehenden nicht vorstellen. „Die Juden der offiziellen Gemeinden hatten sich an die Bedingung gehalten, die an das Privileg der religio licita geknüpft war: unseren abweichenden Glauben niemals in offenen Widerspruch zum Wesen und Wandel des Imperiums zu stellen und unter den Völkern keine Unruhe zu stiften.“ Wenn die römischen Juden aufgefordert werden, ihre Brüder zur Räson zu bringen, verlangt man Unmögliches von ihnen.

Wer ist dieser Paulus und was lehrt er? So fragt der Icherzähler einen seiner wichtigsten Vertrauten, den gläubigen Juden Matitjahu. „Ein Unbeschnittener, der das Gesetz hält, sei höher zu schätzen als ein Beschnittener, der es nicht hält.“ So gibt dieser die neue Lehre wieder – und setzt hinzu: „Ein Unbeschnittener hält das Gesetz a priori nicht: er verletzt es bereits dadurch, dass er nicht beschnitten ist.“ „Was hat er gegen die Beschneidung?“ fragt der Icherzähler. „Sie ist nicht populär. Den Griechen gilt sie als Verunstaltung. Sie treiben viel Kult um dieses Organ, malen es auf Trinkschalen, besingen es in Poemen.“ Ein beschnittener Proselyt sei gezeichnet: „Er kann nicht mehr in die römischen Thermen gehen, in die Palästra oder wo immer sich römische Männer voreinander ausziehen.“

Die Gespräche unter den jüdischen Protagonisten der Geschichte bringen Erhellendes darüber zu Tage, warum sie gegenüber der aus ihren Reihen hervorgegangenen Sekte skeptisch sind. Man setzt sich mit der neuen Lehre auseinander und bezieht sie auf die eigenen Überlieferungen. Wie erklärt sich der Erfolg der „Christiani“ besonders bei den Heiden? Matitjahu meint: “Ihre Götter sind Abbilder ihrer selbst, menschenähnliche Wesen…Im Sinne solcher Bilder wurde, was der Galiläer verkündete, missverstanden und falsch ausgelegt.“ „Du meinst, sie hielten ihn für ein Mischwesen? Wie die Griechen den Epaphos und die Dioskuren?“… “Mir scheint, sie wissen es selbst nicht…“ Nachdem Matitjahu dem Icherzähler die offenen Fragen der Christiani dargelegt hat, die offenbar nur deshalb zu einer Vorstellung der göttlichen Dreiheit führen, um die ganzen Widersprüche lösen zu können, kommt er zu dem Schluss: „Ich halte ihren Glauben für eine verstohlene Rückkehr zur Vielgötterei. Daher ihr Erfolg bei den Völkern. Jeshua kann alles Mögliche sein, ein neuer Prophet, der Erlöser-König, der Sohn Gottes, sogar Gott selbst.“

Chaim Noll erzählt ungemein spannend in einer schönen und herben Sprache, die den geschichtlichen Abstand deutlich macht und die Fremdheit betont. Großes Wissen über die Epoche wird uns so als Geschenk übergeben, aber auch viele unbequeme Wahrheiten. Es gibt immer wieder auch Blitzlichter, die die Zukunft erhellen, oft bedrückend, Visionen von Verfolgung und Vernichtung, von Zerstörungskräften, die gerade durch die Herkunft des Christentums aus dem Judentum erwachsen könnten. Aber es gibt auch hoffnungsvolle Ahnungen von der Zukunft der Juden – nach der Zerstörung des Tempels: „Ihr werdet alles wiederbekommen, ihr werdet zurückkehren, Wunder werden sich ereignen…“ Es gehört zu den faszinierenden Seiten dieses Romans, dass man nicht etwa nur an das schon Eingetretene – die Gründung des Staates Israel – dabei denken muss, sondern sich der Blick wieder voraus richtet, in neuer Hoffnung auf Versöhnung.

Es erweist sich so, dass ausgerechnet ein historischer Roman einen wichtigen Beitrag zur christlich-jüdischen „(Selbst-)Aufklärung“ leisten kann, indem er aus jüdischer Sicht davon spricht, wie die Wege sich trennten. Als Christ kann man sich dabei sehr herausgefordert fühlen, aber die Perspektive bringt neue Erkenntnisse.

Einmal sagt der Icherzähler zu seinen Freunden über Jeshua aus Nazara: „Was immer er gelehrt hat, er ist und bleibt Jude.“ Doch Matitjahu ahnt: „Man wird es leugnen.“

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