Die Medien und 9/11 – eine medienwissenschaftliche Untersuchung

Share

Marcus B. Klöckner

„9/11 – Der Kampf um die Wahrheit“

Heise Verlag (Telepolis Buch)

ISBN: 3936931712

 

Eine Rezension von Patrick Grete

 

Die Anschläge vom 11. September 2001 auf das WTC und am Pentagon jähren sich dieser Tage zum elften Mal und dennoch gibt es ein Buch mit neuen Aspekten zu diesem Thema. Dabei ist Klöckners Buch gar kein Buch über die Ereignisse selbst, sondern ein medienwissenschaftliches Buch über die Darstellung und Behandlung des Themas in den Medien nach diesem Ereignis. Diese Herangehensweise mag überraschen, denn was, so könnte man fragen, ist denn relevant an der Fragestellung, wie dieses Ereignis in den Medien dargestellt wurde?

Und zugleich drängt sich die Frage auf, ob diese Herangehensweise nicht verdächtig ist, „Verschwörungstheorien“ Vorschub zu leisten? Alle Kritiker der offiziellen Darstellung der Ereignisse von 9/11 üben Medienkritik und bezichtigen die Mainstream-Medien der „unsauberen“ journalistischen Arbeit – um dann sogleich die eigenen Thesen über das, was ihrer Meinung nach 11. September 2001 geschehen sei, zu präsentieren. Das Verhalten der Medien wird also zu einem Argument aufgebaut, das den eigenen Ansichten über die Ereignisse selbst mehr Gewicht verleihen soll. Dieses Vorgehen ist unlauter, denn aus der Annahme, dass Mainstream-Journalisten „nicht sauber“ oder „emotional belastet“ gearbeitet haben, werden die eigenen Thesen nicht richtiger. Dennoch ist es relevant, von kompetenter, medienwissenschaftlicher Seite die Berichterstattung der Mainstream-Medien zu diesem Thema zu analysieren. Eine solche medienwissenschaftliche Untersuchung ist wichtig, um – unabhängig von der Frage, was tatsächlich hinter den Ereignissen am 11. September steckt – zumindest beurteilen zu können, inwieweit die Medien hier dem Anspruch auf sorgfältige Recherche und Objektivität der Darstellung gefolgt sind. Genau diese Analyse leistet Klöckner in seinem Buch.

Klöckner thematisiert das schnelle Einschwenken der Mainstream-Medien auf die offizielle Linie der Bush-Regierung nach den Anschlägen und macht darin grobe handwerkliche Fehler bei der journalistischen Arbeit aus. Immerhin besagt die regierungsoffizielle These, dass ein weltweit organisiertes Terrornetzwerk einen konzertierten Anschlag auf das Finanz-, Verteidigungs- und Regierungszentrum der USA geplant, vorbereitet und ausgeführt hat und dabei von den amerikanischen Geheimdiensten nicht entdeckt wurde. Nach dem Ereignis aber konnten diese Dienste dann in kürzester Zeit mit detaillierten Dossiers über Täter und Tatablauf aufwarten. Zudem war das Gelingen dieses Terroranschlags von vielen Randbedingungen abhängig: So arbeitete die amerikanische Flugabwehr am 11. September nicht zuverlässig und die Terroristen waren von engen Zeitfenstern zum Umsteigen in ihre Maschinen abhängig. Klöckner wirft hier zu Recht die Frage auf, wieso hier nicht mehr hinterfragt und recherchiert wurde. Er verweist darauf, dass in diesem Fall eigentlich selbstverständliche journalistische Arbeitsweisen – offene Fragen aufzuwerfen und sorgfältige Recherche zu betreiben – offenbar nicht beherzigt wurden. Dies stellt Klöckner zunächst einmal nüchtern fest, ohne sofort – wie die Kritiker der offiziellen Darstellung der Ereignisse – dieses Versagen bezüglich der Standards des Qualitätsjournalismus in das eigene Thesengebäude einzubauen.

Klöckner analysiert ferner die Reaktion der Mainstream-Medien auf die ersten Thesen von Kritikern, die eine wie auch immer geartete Beteiligung der US-Regierung an den Anschlägen zum Thema hatten. Die Vorstellung, die USA könnten Terroranschläge auf die eigene Bevölkerung geplant haben oder zugelassen haben, dass ein terroristisches Schläfernetzwerk die Anschläge vorbereitete, um damit Kriegsvorwände gegen Länder mit großen Ressourcen zu Öl o.ä. zu bekommen, wurde als krude und absurde Verschwörungstheorie abgetan. Solche Verschwörungstheorien verdienten folglich keinerlei inhaltliche Beachtung. Im Laufe der Zeit wurden Vertreter solcher Thesen sogar durchweg pathologisiert. Jemandem, der derartige Thesen vertrat wurden Wahnvorstellungen in einem klinischen Sinne zugeschrieben, die keinesfalls durch eine Auseinandersetzung mit seinen aufgeworfenen Inhalten bestärkt werden dürften. Stattdessen sei eine psychiatrische Behandlung angebracht.

Außerdem wurden die Kritiker der offiziellen Version der Ereignisse häufig pauschal in die rechtsextreme und antisemitische Ecke gestellt, weil rechtsextremistischen Kreise 9/11 benutzten, um ihr Konstrukt einer „jüdischen Weltverschwörung“ zu unterfüttern. Klöckner ist an dieser Stelle eine unglaubliche Akribie zu bescheinigen, um hier Kritiker von antisemitischen Ideologen zu unterscheiden und die überzogene Reaktion der Mainstream-Medien auf die Kritiker heraus zu arbeiten, die mit der pauschalen Gleichsetzung von Zweiflern an der offiziellen Darstellung von 9/11 und Antisemiten operierte.

Wenn Journalisten nur die Dinge aufgreifen, bearbeiten und in den Text einfließen lassen, die zu einer vorgefassten These passen, dann liegt eine unsaubere journalistische Arbeit vor, die die journalistische Sorgfaltspflicht und das Objektivitätsgebot verletzen. Wenn in der Politik bestimmte ideologische Positionen bezogen werden, dann kann man diese Ideologie ablehnen und dagegen polemisieren, aber deshalb darf man dem politisch-ideologischen Gegner nicht sein Mensch-Sein absprechen. Das aber taten die Mainstream-Medien bei ihrem Umgang mit den Kritikern der offiziellen Version von 9/11. Diese wurden systematisch als verrückte, wahnhafte Gestalten abseits des gesunden Menschenverstandes hingestellt, die man nicht mehr als Person achten muss, bei der sich der Rekurs auf Ursachen und Randbedingungen ihrer Auffassungen erübrigt.

Hier drängt sich die Frage nach den Ursachen für diese mediale Reaktion auf. Klöckner ist Wissenschaftler genug, diese Reaktion nicht auf eine Weltverschwörung aller westlichen Medien zurückzuführen. Er analysiert diese Frage von der empirischen Seite und fragt, ob es denn tatsächlich so völlig abwegig sei, dass die US-Regierung oder Teile von ihr Terroranschläge im eigenen Land geplant oder zugelassen haben könnte. Dies ist keine rhetorische Frage im Sinne eines Lackmustests für „krankhaften Anti-Amerikanismus“, Klöckner geht sie ganz faktenorientiert an und man sollte seine – nicht originären – Hinweise zur Kenntnis nehmen:

  1. „Operation Northwoods“ (LINK)
  2. Das „Stay Behind“-Netzwerk „Gladio“ (LINK)

Beides sind sehr komplexe Themen, die hier nicht näher beleuchtet werden können. Kurz gesagt war „Operation Northwoods“ aus dem Jahre 1962 ein Plan des US-Generalstabes, im eigenen Land Anschläge zu inszenieren, um sie dann Fidel Castro’s Kuba anzulasten, wodurch ein Vorwand für eine Invasion Kubas durch die USA erlangt werden sollte. Diese Pläne wurden allerdings letztlich von Präsident Kennedy abgelehnt. Bei „Gladio“ handelte es sich um ein geheimes Schläfernetzwerk im Rahmen der NATO, das im Falle einer Invasion durch den Warschauer Pakt in Europa Kleinkriegs-Operationen durchführen sollte. Es gibt glaubhafte Hinweise, vor allem aus der italienischen Justiz und von Parlamentariern, dass Gladio im Zusammenspiel mit Rechtsextremisten in Italien für Terroranschläge verantwortlich war – Stichwort „Strategie der Spannung“ – , als sich dort eine Regierungsbeteiligung der kommunistischen Partei abzeichnete. „Operation Northwoods“ wurde 1997/98 bekannt, die Existenz von „Gladio“ wurde 1990 von Italiens Ministerpräsident Andreotti offen gelegt.

Vor diesem Hintergrund, hält es Klöckner für voreilig, die These der 9/11-Kritiker über eine wie auch immer geartete staatliche Verwicklung als grundsätzlich abwegig zu bezeichnen – auch wenn umgekehrt weder „Operation Northwoods“ noch „Gladio“ Beweise oder auch nur Indizien dafür sind, dass die Anschläge vom 11. September 2001 durch die US-Regierung ausgeführt oder auch nur geduldet wurden. Es geht Klöckner vielmehr um die Qualitätsstandards journalistischer Arbeit. Journalisten mit Arbeitsschwerpunkt oder Kenntnis des Phänomens Terrorismus wissen von beiden Themen (oder sollten es zumindest), denn es gibt ausreichendes, sogar öffentlich zugängliches Quellenmaterial. Deshalb muss vom medienwissenschaftlichen Gesichtspunkt die Frage gestattet sein: Wieso wurden bezüglich 9/11 so viele journalistische Schlampereien und Unterlassungen gemacht? Woher kommt diese überzogene Reaktion auf die Kritiker?

Hierzu bietet Klöckner nur wenige Erklärungsthesen an. Eine medienwissenschaftliche These ist, dass die Mainstream-Medien von der Wucht der Kritiker überfordert waren und es auch weiterhin sind. Seit 2001 erleben wir mit dem Facebook, Twitter, Blogs und anderen sozialen Medien eine mediale Zeitenwende. Immer mehr Menschen verbreiten ihre Ansichten, Meinungen und Analysen selbst, vernetzen sich dabei und bilden soziale Gemeinschaften, deren öffentliche Wirksamkeit nicht mehr von den großen Medien gesteuert oder auch nur maßgeblich beeinflusst werden kann. Klöckner konstatiert beim Thema 9/11 die erste Erscheinung einer multinationalen, persistenten und schlagkräftigen Gegenöffentlichkeit, die die regierungsoffizielle Darstellung in Frage stellt – natürlich in ganz unterschiedlichen Argumentationsqualitäten. Die Reaktion der etablierten Medien darauf ist Frustration und Zorn, der sich in der Pathologisierung der Kritiker und ihrer Bekämpfung ohne Rücksicht auf Objektivitätsgebote niederschlägt.

Diese These ist interessant und innovativ und verdient genauere Analyse, die jedoch nicht mehr in Klöckners Buch zu finden ist. Aber ob so – monokausal – das mediale Verhalten erklärt werden kann, erscheint doch zweifelhaft. Zumindest aber sind zusätzliche Erklärungsansätze plausibel, wie z. B. dass innerhalb kürzester Zeit die offizielle These der US-Regierung zum politischen Grundkonsens aller westlichen Staaten gemacht wurde. Im Bereich der Politik wurde jeder Zweifel sofort stigmatisiert und tabuisiert. Die Medien folgten dieser Tabuisierungsstrategie auf der politischen Ebene konsequent. Könnte also bei diesem Verhalten der Medien nicht auch eine Art Anbiederung stecken, die aus der Angst gespeist wurde, von Quellen und Informationen aus der Politik abgeschnitten zu werden, wenn man durch kritische Fragen den „Korpsgeist“ des politischen Konsenses störte? Im kleinen Maßstab sieht man dieses Phänomen geradezu täglich: Man wird in keiner Zeitung, die große Anzeigen von Firma XY geschaltet hat, besonders kritische Artikel zur Firma XY lesen, da die Anzeigen sonst woanders geschaltet werden und die entsprechende Zeitung finanzielle Einbußen hat.

Indes: Was bedeutet dies alles für die umkämpfte Wahrheitsfindung über 9/11 selbst? Hier gibt Klöckner eine realistische, wenn auch für die Kritiker der offiziellen These niederschmetternde Einschätzung ab: Alle Arbeit der Kritiker ist im wesentlichen folgenlos. So lange nicht seitens der Regierung der USA oder der UN die Einwände der Kritiker angenommen und gründlich untersucht werden, so lange wird sich die offizielle These nicht ändern. Es mag, wie etwa bei der Ermordung John F. Kennedys, viele berechtigte und in der Mehrzahl der Bevölkerungen anerkannte Zweifel geben, vielleicht werden sie auch von Journalisten einer handwerklich sauberen Analyse unterzogen – aber eben nicht mehr. Allerdings sei hier auch die Frage gestattet, was eine geänderte offizielle Darstellung von 9/11 für eine praktische Relevanz hätte. Weder änderte sich dadurch die Landkarte des Nahen Ostens, noch werden die Kriege dadurch rückgängig gemacht, noch würde irgendein Regierungsvertreter dafür zur Verantwortung gezogen; nicht zuletzt weil alle Beweisführungen jenseits von „let it happen“ – also dem absichtsvollen Wegschauen bezüglich der Anschlagsvorbereitungen – aussichtslos schwierig, das heißt gerichtsfest durchzuführen sind.

Klöckner hat mit seiner medienwissenschaftlichen Analyse einen interessanten und klugen, da indirekten Zugang zum Themenfeld „9/11“ gefunden, der ein lesenswertes Buch ergibt und dessen Analysen jedem medienwissenschaftlichen Seminar an der Universität zur Ehre gereichen würde. Der Leser erlangt hier einen interessanten Überblick über die „Szene der Kritiker“ und kann hinterher besser zwischen sachgeleiteten Kritikern und den Gruppen, die das Ereignis für ihren Extremismus und Antisemitismus ausbeuten, unterscheiden. In der Folge mag der Leser auch kritischer und reflektierter mit den Medien umgehen, denn wenn, was Klöckner hier zweifelsfrei zeigt, die Medien so große „Schnitzer“ bei diesem wichtigen Ereignis des ersten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends machen, wie mag es dann bei anderen existenziell wichtigen Themen mit der Professionalität bestellt sein?

 

Marcus B. Klöckner

„9/11 – Der Kampf um die Wahrheit“

Heise Verlag (Telepolis Buch)

ISBN: 3936931712

16,90€

Bildnachweis: Coverdownload des dpunkt-Verlags für Rezensionen

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag wurde beendet.