Das Finanzsystem als organisierte Verantwortungslosigkeit Amerikanische – Hintergründe der internationalen Finanzkrise

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Auf Jekyll Island, vor der Küste des Bundesstaates Georgia, wurde im November 1910 bei einem geheimen Treffen führender Politiker und Bankiers das Zentralbank-System der USA entworfen: Die Bankiers suchten nach der Panik von 1907 bei der Regierung Schutz gegen Bankenzusammenbrüche und einen „lender of last resort“, der staatliches Geld bereitstellt, um einen Zusammenbruch des privaten Bankensystems zu verhindern. Zugleich sollte die politische Regulierung auf ein Minimum beschränkt bleiben. Im 19. Jahrhundert hatte das Finanzsystem der USA die industrielle Entwicklung sehr erfolgreich unterstützt; und das Land war schon wenige Jahre nach Staatsgründung auch für internationale Anleger attraktiv geworden. Nun sollte der Gefahr destabilisierender Panik und Bankzusammenbrüche für das Finanz- und Wirtschaftssystem begegnet werden.

Die 1913 gegründete Federal Reserve Bank befindet sich bis heute in Trägerschaft privater Banken. Aus den darin angelegten Interessenkonflikten und aus der regulierungsfeindlichen Amtsführung in den vergangenen Jahrzehnten, besonders von Alan Greenspan seit 1987, entstand unter anderem die aktuelle Finanzkrise. Drei 2010 in den USA erschienene Bücher sind zum besseren Verständnis der Hintergründe der Krise und der daraus folgenden Reform-Anforderungen sehr hilfreich; sie werden hier kurz zusammengefasst und seien zugleich nachdrücklich zur Lektüre empfohlen.

Der Finanz-Krimi: Bernard Madoff und die ‚Halbwelt‘ an der Wall Street

Am 11. Dezember 2008 wurde Bernard Madoff in New York verhaftet, nachdem er seinen beiden Söhnen gestanden hatte, dass er all die Jahre nie etwas von den Milliarden seiner Kunden investiert, sondern statt dessen ein gigantisches Ponzi-System betrieben hatte; die Söhne hatten daraufhin das FBI verständigt. Soweit die Darstellung in den Medien, die Harry Markopolos zu Beginn seines Buches „No One Would Listen“ (2010 John Wiley, New York) wiedergibt. In dem nach Charles Ponzi benannten System kommen die vermeintlichen Gewinne der Investoren aus dem Geld, das neue Investoren einzahlen; das angegebene Geschäftsmodell des Betreibers existiert nicht. Markopolos hatte sich rund zehn Jahre bemüht, der amerikanischen Aufsichtsbehörde SEC (Securities and Exchange Commission) zu vermitteln, dass der milliardenschwere Fonds-Manager Madoff ein Betrüger sein muss. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung soll Madoff ungefähr $65 Mrd. angesammelt gehabt haben, die fast vollständig verloren waren (2010:75).

Als Mitarbeiter des Vermögensverwalters Rampart Investment in Boston stand Harry Markopolos unter dem branchenüblichen Druck, ständig verbesserte Anlagemöglichkeiten für Kunden zu entwickeln und so neue Kunden zu gewinnen. Dabei wurde ihm vom Vertriebs-Kollegen Frank Casey das Beispiel Madoff vorgehalten, der höhere Renditen anbiete als Rampart. Markopolos nahm die Herausforderung an und rechnete nach, wie Madoff zu den angegebenen Renditen kommen könnte; er war schnell überzeugt, dass Madoffs Angaben nicht realistisch sind. Casey und Markopolos holten sich Rat bei mathematisch versierten Bekannten, die zum gleichen Ergebnis kamen. Seltsam war auch, dass im Handel keine Marktreaktionen auf Madoffs angeblich großes Handelsvolumen zu sehen waren. Und Markopolos konstatiert, dass Madoff für seine angebliche Strategie gelegentlich viel mehr Optionen hätte kaufen müssen, als überhaupt im Markt vorhanden waren (2010:42).

Wenn es sich also um Betrug handelte, dann warf das die Frage auf, wer Madoff sein Geld anvertraute und warum. Seinem Praktikanten und späteren Kollegen Neil Chelo erläuterte Markopolos, dass Investment eine auf persönlichen Beziehungen aufbauende Branche ist, in der niemand sich nur auf Produktbeschreibungen verlässt. Man will wissen, mit wem man es zu tun hat, Reputation spielt eine große Rolle. Madoff war als Mitbegründer der NASDAQ-Börse in den reichen Kreisen der New Yorker Gesellschaft und weit darüber hinaus bekannt und nutzte seinen Ruf gezielt für sein „Geschäftsmodell“. In der entsprechenden Gesellschaft verließ man sich auf Madoffs Ruf, er war akzeptiert und wurde geschäftlich nicht hinterfragt. Die bereits gewonnenen Kunden warben in ihrem Umfeld diskret weitere Mitglieder für das Netzwerk von Madoff.

Dabei hätte es für Madoffs Investoren Warnsignale gegeben: Madoff schwor seine Kunden auf Geheimhaltung ein, man sollte anderen gegenüber nicht erwähnen, dass man bei ihm investierte; eine scheinbar widersinnige Forderung im Geschäftsleben, wo Erfolg zu Bekanntheit und Geschäftswachstum führt. Außerdem war Madoff lange nicht bei der SEC als Beraterfirma registriert (2010:161), er nahm nur ganz privat Geld von Leuten entgegen und versprach ihnen dafür gute Rendite; er vermittelte seinen Kunden geradezu das Gefühl, sie müssten dankbar sein, dass er ihr Geld angenommen hatte. Überrascht stellte Markopolos fest, wie zahlreich der europäische Adel unter Madoffs Kunden vertreten war, als er und Casey Kontakt zu Thierry de la Villehuchet, CEO von Access International Advisors, erhielten. Der französische Adelige lebte seit langem in den USA und bot seinen europäischen Kunden Geldanlage an der Wall Street an; Madoff bezeichnete er als Partner. Markopolos erwähnt Philippe Junot, den Ex-Mann von Caroline von Monaco, als Madoff-Anleger, und dass Prinz Charles über seinen entfernten Cousin Prinz Michel von Jugoslawien angefragt worden war, der als Vermittler für Access in Europa tätig war (2010:98). Als Casey den von ihm sehr geschätzten Thierry auf die Fragwürdigkeit von Madoff ansprach, verwies dieser auf Madoffs guten Ruf. Als Casey ihn später nochmals auf den Betrugsverdacht hinwies, meinte Thierry: „Wenn ich falsch liege, bin ich ein toter Mann“. Nach der Verhaftung Madoffs, als deutlich wurde, dass das meiste Anlegerkapital verloren war, beginn Thierry in seinem Büro Selbstmord.

1992 hatte die SEC Madoff erstmals überprüft, ohne Konsequenzen. Im Frühjahr 2000 wandte sich Markopolos mit seinem ersten Bericht über Madoff an die Behörde. Beim daraufhin angesetzten Gesprächstermin erschien einer der Teilnehmer, ein erfahrener Rechtsanwalt des Hauses, und erklärte seine Nichtteilnahme, da er gerade seine Stelle gekündigt habe. Die schriftliche Eingabe und der Besuch von Markopolos blieben folgenlos. Als Mike Ocrant, Journalist und Verbündeter von Markopolos, im Mai 2001 einen Artikel über Madoff in der Fachzeitschrift MARHedge veröffentlichte, blieb auch das ohne öffentliche Wirkung. Markopolos hörte später, dass die SEC keine Fachzeitschriften abonniere, nicht einmal das Wall Street Journal. Ein weiterer Teil des Problems ist offenbar, dass die SEC vom Kongress finanziert wird. Folglich sind die Mitarbeiter der Behörde sehr empfindlich bei Nachfragen von Parlamentariern, die ihrer Karriere in und außerhalb der Behörde schaden können. Einmal erfuhr Markopolos, dass Senator Schumer aus New York sich bei der SEC über die Madoff-Nachforschungen erkundigt hatte (2010:141). Mehrfach schildert Markopolos die Konflikte zwischen den SEC-Büros in Boston, wo er für seine Hinweise offene Ohren fand, und in New York, wo er nur ausgebremst wurde.

Der Journalist Mike Ocrant war sehr hilfreich für Markopolos‘ kleines Team, er bestätigte Punkt für Punkt Caseys kritische Hinweise zu Madoffs Geschäften. Für seinen Artikel über Madoff bat er diesen auch um ein Gespräch, was ihm zu seiner Überraschung kurzfristig gewährt wurde. Madoff wirkte sehr selbstsicher und beantwortete alle Fragen ausführlich, wenn auch nicht immer völlig zufriedenstellend. Der persönliche Eindruck verunsicherte Ocrant, aber die Zahlen sprachen weiterhin gegen Madoff.

Mehrfach berichtet Markopolos, dass er sich um seine persönliche Sicherheit zu sorgen begann, als er den Umfang von Madoffs Betrug besser verstand. Ehemals beim Militär, begann er im Alltag eine Waffe zu tragen und nahm Kontakt mit der lokalen Polizeidienststelle an seinem Wohnort auf. In groben Zügen erzählte er dem Sergeant, dass er sich mit Wirtschaftskriminalität befasse und eventuell einmal einen Notruf an die Polizei aussenden würde, der dann wirklich dringend wäre. Hintergrund war unter anderem Markopolos‘ Kenntnis der Geschichte von Frank Caseys Geschäftsbegegnung mit New Jersey Gangstern, die ihn in einer Geldanlage erpresst hatten. Letztlich übernahm dabei Merrill Lynch nach Monaten die Verluste, über die Bank hatte Casey die Geschäftspartner vermittelt bekommen (2010:106ff). Bemerkenswert ist auch der Fall des Wall Street Journal Reporters John Wilke, den Markopolos als Kontakt genannt bekam. Wilke ließ sich ausführlich über Madoff berichten, schob die Veröffentlichung aber immer wieder auf. Schließlich wurde bei ihm im Oktober 2008 ein aggressiver Krebs diagnostiziert und er starb im Frühjahr 2009 (2010:168). Nach der Verhaftung Madoffs schrieb Greg Zuckerman im WSJ die Geschichte. Von Zuckerman ist der kryptische Satz überliefert, man müsse Wilke schützen (2010:208).

Am 4. Februar 2009 sagte Markopolos vor dem zuständigen Unterausschuss des US-Kongresses über seine Erfahrungen mit der SEC im Fall Madoff aus. Er berichtet im Buch sehr lebhaft von seinen Eindrücken, dabei richtet sich seine Kritik an die formal zuständige SEC und befasst sich weniger mit Überlegungen, wer aus dem Hintergrund die offenbar schwache Behörde unter Druck gesetzt haben mag. In der Anhörung wird erwähnt, dass die SEC kürzlich eine Telefonnummer für die Industrie eingerichtet hat, bei der Firmen sich über zu aggressive Untersuchungen beschweren können (2010:230). Markopolos wurde auch zu einer Anhörung des Senats am 10. September 2009 geladen, bei der er jedoch kaum zu Wort kam. Der Ablauf wurde von Senator Charles Schumer aus New York streng kontrolliert, wie Markopolos‘ Anwältin bemerkte.

Die Strafverfolgung hat Bernard Madoff als Einzeltäter behandelt. Markopolos berichtet jedoch von einem Investor, der sich zwei Monate vor Madoffs Verhaftung in dessen Firma nach Investitionsmöglichkeiten erkundigt hat. Nach einem längeren Gespräch fragte der Investor, welche Nachfolge-Regelung Madoff in seinem fortgeschrittenen Alter denn getroffen habe. Madoff verwies zur Beruhigung auf seine beiden Söhne, die er lange eingearbeitet habe und die das Geschäft jederzeit übernehmen könnten. Als der Investor nach Ende des Gesprächs im Fahrstuhl diese beiden Söhne wie zufällig traf, empfand er das als Warnsignal und sah von Investitionen ab (2010:259f). Auch aus eigener Erfahrung mit dem Familienbetrieb seiner Eltern ist Markopolos überzeugt, dass Madoff Helfer gehabt hat, zumal er selbst nicht gut mit Zahlen umgehen konnte, seine Aufstellungen über die fiktiven Börsengeschäfte also von jemand hat schreiben lassen müssen.

Markopolos‘ Urteil über die Geschäftskultur der Finanzbranche ist ernüchternd: Um Verlogenheit und schlechten Charakter von Mitarbeitern kümmere man sich nicht, solange diese Leute Profite für die Firma produzieren (2010:93). Es gebe nur ein längerfristig wirkendes Korrektiv: Wenn ein Händler seine Geschäftspartner mehrfach betrügt und diese Geld verlieren, ist er aus dem Geschäft. Zu den sogenannten strukturierten Produkten bemerkt Markopolos, dass die 99 Prozent dem guten einen Prozent einen sehr schlechten Namen geben (2010:63). Immer wieder stellte Markopolos fest, dass zahlreiche Anlageberater und die großen Banken von Madoffs Betrug wussten und keine Geschäfte mit ihm machten, ihn aber nicht der Strafverfolgung meldeten. Es gelte die Regel, dass man sich um die Geschäfte, die einen nicht selbst betreffen, nicht kümmert (2010:177). Der Öffentlichkeit werde eine Fantasiewelt von Wall Street Investitionsmöglichkeiten vorgegaukelt, aber die Mitarbeiter der Finanzbranche wissen um viel Betrug, sind jedoch ohne die Unterstützung der Regulierungsbehörden machtlos dagegen. Selbst Informanten finden kaum je Gehör, die SEC schützt eher die Industrie vor Nachforschungen als die Investoren vor Betrug, so Markopolos‘ vielfache Beobachtung. Es gibt kaum Teilnehmer des Finanzsystems, die sich für Transparenz engagieren, die zentraler Pfeiler jeder Marktwirtschaft ist.

Den OTC-Markt (over-the-counter, unreguliert) bezeichnet Markopolos als den Bereich, wo die Kakerlaken sich sammeln; zugleich gebe es dort die höchsten Gewinnspannen. Dieser Bereich sollte nach seiner Ansicht abgeschafft werden, weil die Risiken letztlich aus den Steueroasen wieder zurückkommen und vom US-Steuerzahler getragen werden müssen. Besonders schlimm sei der Zustand des Marktes von kommunalen Anleihen (2010:286; dazu auch bloomberg.com, 18. Mai 2010, „State Finances Rigged in Conspiracy by Banks, Advisors“). Im zweiten Kapitel bemerkt Markopolos, dass der OTC-Markt von Alan Greenspan geschützt wurde, der Versuche einer Regulierung aktiv bekämpfte. Vielen außerhalb der Wall Street sei auch nicht bekannt, dass die Kompetenzen der SEC sehr begrenzt sind. In seinen Gesprächen mit den nach Madoffs Verhaftung beauftragten Aufklärern in der SEC unterstreicht Markopolos, dass er und seine Kollegen sich im Umgang mit dem Fall Madoff wie in einer „Twilight Zone“ gefühlt hatten, nichts hatte je einen Sinn ergeben. Sein Buch enthält zahlreiche Verbesserungsvorschläge für eine effektivere Überwachung des Finanzsystems, manche sind geradezu erschreckend einfach. Nicht beantwortet wird die Frage, was Madoff mit 65 Milliarden gemacht hat, hierzu kann man zwischen den Zeilen lesen und eigene Vermutungen anstellen.

Die Finanzjongleure: Mitwirkende an der spekulativen Blase

Am 31. Oktober 2007 sagte die bis dahin unbekannte Finanzanalystin Meredith Whitney von der kleinen Firma Oppenheimer&Co. voraus, dass Citigroup die Dividende senken müsse oder bankrott gehen würde. Damit verursachte sie einen Absturz der US-Börse um $390 Mrd., vier Tage später trat Citigroup-CEO Chuck Prince zurück, zwei Wochen später senkte Citigroup die Dividende. Whitney machte öffentlich deutlich, dass die hochbezahlten Leute in den großen Wall Street Firmen nichts wert waren; man musste sich nur die wertlosen Papiere ansehen, die sie mit geliehenem Geld gekauft hatten. Als ehemaliger Investment Banker, der schon in den 1980er Jahren mit dem Zusammenbruch der verantwortungslosen Wall Street Firmen gerechnet hatte, vergleicht Michael Lewis diese Firmen mit Las Vegas Casinos: Normalerweise bestimmen die Casinos, wer gewinnt und wie hoch (Das ruft den von Hermann Josef Abs/Deutsche Bank kolportierten Satz in Erinnerung: „Börse ist Casino ohne Musik.“). Der Absturz von Citigroup und die Brüchigkeit der ganzen Finanzwelt deuteten jedoch darauf hin, dass die Firmen so inkompetent waren, ihr eigenes Geschäft nicht zu verstehen. Lewis rief Whitney an und wollte wissen, wer neben ihr noch die Entwicklung früher durchschaut hatte. Sie nannte ein halbes Dutzend Namen, und auf den Geschichten dieser Leute gründet Lewis‘ Buch „The Big Short“ (2010 W.W.Norton, New York).

Steve Eisman war Meredith Whitneys Lehrer bei Oppenheimer gewesen, von ihm hatte sie auch den kritischen Blick auf die Finanzwelt gelernt. Eisman war bei Kollegen beliebt, weil er ehrlich analysierte und sein Wissen weitergab. Weniger schätzten ihn diejenigen, deren Firmen er analysierte, da er schonungslos offen urteilte. Bei Oppenheimer spezialisierte sich Eisman auf den Hypothekenmarkt. Mit der neuen Entwicklung von Hypotheken-Anleihen drang Wall Street erstmals in die Finanzsphäre normaler Amerikaner ein: Im Kontrast zu Firmen- und Regierungsanleihen (von je einer Instanz) ist eine Hypothekenanleihe ein Anspruch auf Zahlungen aus tausenden einzelner Hypotheken, die als Anleihe gebündelt werden. Wenn Banken Kredite für den Immobilienkauf vergeben, müssen sie dafür gesetzlich vorgeschriebene Rückstellungen in ihrer Bilanz bilden, also ist ein Teil ihres Geldvermögens damit gebunden und steht für Ausleihungen nicht zur Verfügung. Um diese Regelung zu umgehen, erfand Lewie Ranieri bei Salomon Brothers die Hypothekenanleihen: Mit dem massenhaften Verkauf der Anleihen verschwanden diese aus den Bilanzen der Banken und so wurde die Kapitalbindung der Banken aus Hypotheken-Rückstellungen gesenkt; zugleich sollten die Hypothekenzinsen für die Kreditnehmer sinken. Außerdem sollten Geringverdiener, die einen Großteil ihres Geldes im Hausbesitz gebunden hatten und ihre alltäglichen Ausgaben über teure Kreditkartenzinsen finanzieren mussten, nun statt dessen eine zweite Hypothek auf ihr Haus aufnehmen können. So wurden diese Hypothekenanleihen besonders als Vorteil für die einkommensschwachen Kundengruppen angepriesen (2010:8f). Aus Hypothekenkrediten an solche Gruppen besteht der Bereich „subprime“, der entsprechend als besonders risikoreich gilt.

Eisman und seinem Kollegen Vincent Daniel kamen bald Zweifel an dieser positiven Interpretation des Verkaufs der Hypothekenkredite als Anleihen. Sie entdeckten beim Studium der Zahlen, dass die Firmen, die solche Anleihen verkauften, nicht über die Ausfälle unter den Hypotheken berichteten, deren Prozentsatz angesichts der einkommensschwachen Klientel hoch war. Das Geschäftsmodell wurde nur durch die ständig wachsende Zahl neuer Hypothekenanleihen aufrechterhalten. Eisman begann zu verstehen, dass der ganze Markt für Konsumentenkredite auf dem Abzocken der unteren Einkommensgruppen beruhte. Bis 2005 war allein der Bereich der „subprime“ Kredite auf $625 Mrd. gewachsen, davon $507 Mrd. verpackt als Anleihen. Aus den ersten Konkursen von Hypotheken-Finanzierern in den 1990er Jahren hätte man lernen können, keine Kredite an einkommensschwache Gruppen zu vergeben. Statt dessen vergab man weiter Kredite und verkaufte diese sofort weiter an Wall Street Investment Banken. Diese machten daraus Pakete von Anleihen und verkauften sie an Investoren. Das Modell nannte sich „originate and sell“: Banken und Immobilienfinanzierer vergaben Kredite, die sie sofort weiterverkauften und so ein eigenes Ausfallrisiko vermieden; sie verdienten zugleich sehr gut an den Gebühren, die für Erstellung und Verkauf der fragwürdigen Anleihen anfielen. Das Ausfall-Risiko der zugrundeliegenden Hypotheken landete bei den Käufern als letzten in der Kette. Angesichts dieser gefährlichen Entwicklung verstand Eisman, dass der Wert von Aktien zunehmend vom Wert von Anleihen abhing. Der Anleihenmarkt ist viel größer als der Aktienmarkt, und da die subprime Anleihen stark zunahmen, hingen immer mehr Firmen von diesem Markt finanziell ab (2010:25).

Investor Michael Burry begann um 2004, den Anleihenmarkt zu studieren, besonders das subprime Segment. Er bemerkte die sich ständig verschlechternde Qualität der zugrundeliegenden Kredite und fragte sich, warum jemand je solche Kredite vergeben sollte. Die Schwäche des Systems lag offensichtlich bei den Kreditgebern, die nach seinem Eindruck Anfang 2005 den Überblick über ihr Tun verloren hatten. Als Hedge Fund Manager wollte Burry deshalb gegen den subprime Anleihenmarkt wetten und suchte passende Finanzinstrumente dafür. Der Credit Default Swap (CDS) bot sich an, normalerweise ein Instrument zur Versicherung gegen den Ausfall einer Firmenanleihe, ein Instrument mit fester Laufzeit und halbjährigen Prämienzahlungen. Wenn man sich gegen den Ausfall einer $100 Mio. Anleihe von General Electric (GE) versichern wollte, kostete der CDS Gebühren von $200.000 pro Jahr für 10 Jahre, man würde also maximal $2 Mio. Kosten haben. Sollte GE die Anleihe nicht zurückzahlen, erhielt man für den CDS aber $100 Mio. vom Verkäufer dieser Versicherung.

Erst im folgenden Kapitel geht Lewis auf die seltsame Situation ein, dass der Käufer der CDS-Versicherung auf eine $100 Mio. Anleihe von GE eben diese Anleihe nicht vorher gekauft haben muss. Damit wird das Versicherungsinstrument CDS zum Spekulationsinstrument: Man kann gewinnen, ohne etwas verloren zu haben. Lewis erläutert, dass CDS eigentlich als Schutz für Banken entwickelt worden waren, die zuviel an GE verliehen hatten und sich nachträglich absichern wollten. Nun kauften zunehmend Leute CDS, um gegen Firmen zu wetten – und das ist beim hohen Anteil von Psychologie im Finanzmarkt sehr gefährlich für die Realwirtschaft.

Burry sah, dass CDS das einzige Instrument waren, gegen den subprime Anleihenmarkt zu wetten. Und er sah Zeitdruck entstehen, denn die subprime Hypotheken von 2005 hatten meist einen festen Zinssatz für zwei Jahre, danach würde er steigen und die Geringverdiener würden reihenweise ihre Häuser verlieren. Wenn diese anstehende Welle von Bankrotten 2007 offenbar würde, dann würde niemand mehr CDS-Versicherung für subprime Anleihen verkaufen. Also wollte Burry schnell jemand finden, von dem er solche CDS kaufen könnte, um seinen Erkenntnisvorsprung über diesen Markt finanziell zu nutzen. Er würde einen CDS über eine 30-jährige Laufzeit von subprime Hypothekenanleihen kaufen, aber maximal drei Jahre Prämien bezahlen müssen bis zum Eintreten des Versicherungsfalls. Da es bislang keine CDS auf Hypothekenanleihen gab, rief Burry bei sieben großen Wall Street Investmentbanken an; Bear Stearns und Lehman Brothers ließ er aus, da diese bereits zu weit im subprime Anleihengeschäft engagiert waren und große Verluste zu erwarten hatten – und man kauft keine Versicherung von einer Bank, die selbst pleite gehen könnte. Nur zwei der sieben Banken wollten überhaupt etwas über CDS auf Hypothekenanleihen wissen, Goldman Sachs und Deutsche Bank. Die Entwicklung dieser CDS durch Anwälte dauerte anschließend eine Weile, da man die verschiedenen Teile der Anleihen je einzeln versichern musste, weil Ausfälle je in Tranchen wahrscheinlich waren. Zu Burrys Überraschung wurde der Preis der CDS nicht nach der Qualität der Anleihen berechnet, sondern nach den Noten der Rating Agenturen für diese Anleihen.

In Lewis‘ Buch gewinnt man den Eindruck, dass Mike Burry eine treibende Kraft hinter der Entwicklung des Marktes von CDS auf subprime Hypothekenanleihen war (2010:53). Der mit seinen Strategien für werthaltiges Investieren bekannt gewordene Burry wurde zum Investor in CDS, die auf den Zusammenbruch des Hypothekenmarktes bauten. An seine Investoren schrieb Burry 2005 vom gigantischen Irrtum der Märkte, anzunehmen dass der Hypothekenmarkt so weiter funktionieren könne. Und er nannte es lächerlich zu behaupten, dass solche „asset bubbles“ immer erst hinterher erkannt werden können. Über Alan Greenspans Aussage, dass der Häusermarkt nicht zu Blasen bzw. großer Deflation neige, hatte sich Burry schon 2003 in einer email an seine Investoren lustig gemacht (2010:55). Nicht alle Investoren von Burrys Fonds goutierten seinen Sinneswandel, sie hatten ihm ihr Geld für werthaltige Investitionen anvertraut.

Im November 2005 bekam Burry eine email von Greg Lippmann, Deutsche Bank subprime Abteilung, der von ihm CDS auf subprime Anleihen kaufen wollte. Die Banken hatten begonnen, Burrys Kalkül zu verstehen. Lippmann hatte einen chinesischen Kollegen, der für die mathematischen Berechnungen zuständig war, Eugene Xu (2010:66). Er betonte, dass dieser ein richtiger Chinese sei, im nationalen Mathematik-Wettbewerb Zweiter geworden war und kein Englisch spreche (Darüber, mit wem Eugene Xu eventuelle Freizeit jenseits des Bank-Computers verbrachte, berichtet Lewis nichts). Lippmann sprach freimütig über die Unlogik im subprime Anleihenmarkt und über die Dummheit derer, die solche Anleihen kaufen, zahlreiche davon in Düsseldorf, in Deutschland. Diese Düsseldorfer kauften subprime Anleihen und sie verkauften CDS auf diesen Markt, waren also in jedem Fall auf der Verliererseite der Wette.

Steve Eisman fragte Lippmann einmal, wieso er ihn aufforderte, gegen die Anleihen zu wetten, die seine Bank entwickelte und für die sie falsche Bewertungen der Rating Agenturen besorgte. Eisman wollte herausfinden, wer wirklich der Gegenpart dieser hochriskanten Wetten war und warum die Deutsche Bank sie anbot. Auch Burry ging davon aus, dass Goldman Sachs als Händler dieser Papiere sich nicht selbst dem Risiko aussetzen würde. Es musste eine riesige Firma mit erstklassigem Rating sein, jemand anderes könnte solche Risiken nicht tragen. Es dauerte aber noch drei Jahre, bis Burry erfuhr, dass die AIG Financial Products Abteilung in London dahintersteckte.

AIG FP war 1987 von ehemaligen Mitarbeitern Michael Milkens bei Drexel Burnham gegründet worden und entwickelte Swaps und Optionen als Instrumente, um Risiken zu verstecken. Es fand Nachahmer in Zurich Re FP, Credit Suisse FP u.a. (2010:69ff). 1998 begann AIG FP damit, CDS auf Firmenanleihen zu verkaufen, die gerade von J.P.Morgan entwickelt worden waren. Zu diesen Anleihen mit geringem Risiko kamen später Anleihen auf der Basis von gebündelten Konsumentenkrediten und dann auch subprime Hypothekenanleihen. Ein Mitarbeiter fasste es so zusammen: Wir dachten, das sei das gleiche, was wir bislang immer gemacht haben. Auf allen Ebenen des Konzerns AIG wurde FP jahrelang beobachtet, niemand erhob Einspruch.

Lippmann von Deutsche Bank beobachtete, wie Goldman Sachs es schaffte, AIG FP zum Verkauf dieser hochriskanten CDS zu veranlassen. Als Belohnung für diese Entwicklung war der Goldman Sachs Verkäufer Andrew Davilman zum Managing Director befördert worden. Goldman entwickelte ein weiteres intransparentes Finanzprodukt, die „synthetic mortgage bond-backed collateralized debt obligation“ (synthetic CDO). Lewis schreibt, dass Investoren und Rating Agenturen CDOs weithin nicht verstanden. Und er berichtet, dass Goldman Sachs den Rating Agenturen hohe Gebühren dafür zahlte, minderwertige Produkte mit AAA-Bewertung zu versehen. Goldman Sachs verdiente als Zwischenhändler zwischen Mike Burry und AIG FP Gebühren, deshalb förderte es diese Art von Geschäften. Lewis wundert sich, wie viele Fragen in diesem Zusammenhang nicht gestellt wurden: Warum machten die hochintelligenten Händler bei AIG solche Geschäfte mit? Warum wurden CDS nicht als Versicherung reguliert und die Verkäufer verpflichtet, Kapitalreserven dafür einzustellen? Wie konnten Rating Agenturen schlechten Anleihen die gleiche Spitzenbewertung geben wie US-Regierungsanleihen? Warum hat die Deutsche Bank die deutschen Käufer von subprime Anleihen nicht informiert? (2010:78f)

Die Rating Agenturen hinterließen bei Steve Eisman einen miserablen Eindruck: Während die Agenturen als mächtig gelten, machten ihre Mitarbeiter keinerlei kompetenten Eindruck. Das Urteil von Goldman Sachs Analysten über ein Papier zählt wesentlich weniger als das Urteil von Moody’s. Trotzdem sind die Mitarbeiter der Agenturen so gekleidet, dass sie nicht wirklich ‚dazugehören‘ und die besten unter ihnen suchen einen Job bei den Banken. Eisman wurde klar, dass die Rating Agenturen sich nicht um den vorhersehbaren Zusammenbruch des US-Hypothekenmarktes kümmerten (2010:156f). Sie sorgten sich nur um genügend Aufträge und die Einnahmen daraus. Moody’s war 2000 an die Börse gegangen; seine Einnahmen stiegen dramatisch, mehr als die Hälfte davon aus dem Bereich der strukturierten Finanzprodukte für den Hypothekenmarkt, und Warren Buffett war der größte Einzelaktionär. Eisman schloss daraus, dass der US-Hypothekenmarkt ein einziges Ponzi-System ist und stellte sich die Frage, ob die Akteure in diesem Markt so naiv sind oder vorsätzlich kriminell (2010:158).

Als der subprime Anleihenmarkt 2007 ständig weiter sank, stellte sich heraus, dass viele Banken selbst Anleihen im Bestand hatten und umfangreich abschreiben mussten. Zugleich divergierte die reale Entwicklung im Häusermarkt immer mehr von den Preisen für Anleihen und CDS, als ob die Wall Street Firmen die unangenehmen Fakten einfach ignorierten. Und der Markt für CDS erschien plötzlich nicht mehr als Markt, er war nur das, was Goldman Sachs und Morgan Stanley gelten lassen wollten. Burry fragte sich, ob der CDS-Markt nur Betrug ist (2010:186). Mike Burry hatte seine größten CDS-Positionen bei Goldman Sachs, aber die Firma konnte oder wollte ihm den Tageswert nicht mehr angeben (2010:195). Die zuständige Mitarbeiterin schickte nur eine Abwesenheitsnotiz über email. Am 20.6.2007 erzählte sie Burry schließlich, dass Goldman ein ‚Systemversagen‘ erlebt habe. Burry antwortete, das sei komisch, denn Morgan Stanley und Bank of America hätten das von sich auch gesagt. Offenbar korrigierten Goldman Sachs und Morgan Stanley erst ihre eigenen Handelspositionen, bevor sie bereit waren, die Wertangaben für Burrys CDS-Papiere zu korrigieren. Der ‚Markt‘ hatte endlich die Diagnose seiner eigenen Unordnung akzeptiert, so Burry (2010:196). Und Mike Burry wunderte sich, dass der ‚Markt‘ so lange gebraucht hatte, die Daten über massenhafte Hypothekenkredite an einkommensschwache Kundengruppen zu verstehen: Was taten die Wall Street Analysten eigentlich den ganzen Tag? Als Bloomberg Ende Juli 2007 einen Artikel über die Leute veröffentlichte, die das Desaster hatten kommen sehen, wurde Greg Lippmann genannt, aber nicht Steve Eisman oder Mike Burry.

Die verschiedenen von Lewis portraitierten Personen, die den anstehenden Zusammenbruch des Marktes kommen sahen, nutzten ihr Wissen um finanziellen Gewinn daraus zu ziehen und gaben den Banken sogar noch zusätzliche Ideen für weitere Finanzinstrumente. An Lewis‘ Auswahl von Akteuren wird deutlich, dass auch diese Leute sich in den Bann der Dynamik des schnellen Geldes ziehen ließen. Ein Verantwortungsgefühl für die sozialen Folgen der beobachteten Vorgänge fehlte weitgehend. Dabei konnte man sehen, dass viele subprime Kreditnehmer nur einen kaputten Kühlschrank weit von der Zahlungsunfähigkeit entfernt waren (2010:169). Umso mehr erscheint Harry Markopolos als Einzelfall, der mit wenigen Verbündeten gegen die massiven, aber immer untergründigen Widerstände dieses Systems ankämpfte, um die in der Theorie der Wirtschaftswissenschaft als notwendig vorausgesetzte Transparenz im Finanzsystem zu erreichen.

Strukturreformen: Zur Aktualität von Thomas Jefferson, Theodore und Franklin D. Roosevelt

Während die Bücher von Markopolos und Lewis Nahaufnahmen von Insidern der Finanzblase der letzten Jahre bieten, betrachten Simon Johnson und James Kwak die Krisenentwicklung in historischer Perspektive. Die Frage nach der wirksamen Begrenzung finanzieller Macht zieht sich durch die US-amerikanische Geschichte; in der Gründungsphase wurde die Debatte ausgetragen von Thomas Jefferson, dem Autor der Unabhängigkeitserklärung und dritten Präsidenten, und Alexander Hamilton, dem Finanzminister des ersten Präsidenten George Washington. Jefferson setzte sich für eine Agrargesellschaft mit dezentralen Institutionen ein, er hielt Banken für gefährlicher als stehende Armeen. Hamilton forderte eine starke Zentralregierung, die den Ausbau der Wirtschaft mit Krediten fördert. Während Hamilton der dynamischen Marktwirtschaft der USA die Grundlagen bereiten half, sorgte sich Jefferson um den korrumpierenden Einfluss finanzieller Konzentration und deren Untergraben der Demokratie. Anfang des 20. Jahrhunderts erreichte Präsident Theodore Roosevelt die Zerschlagung industrieller Konzerne, und nach der Weltwirtschaftskrise um 1930 begrenzte F.D. Roosevelt den Tätigkeitsbereich der Banken.

Angesichts der heutigen Krise betonen Johnson und Kwak die Bedeutung des Erbes von Jefferson. In ihrem Buch „13 Bankers. The Wall Street Takeover and the Next Financial Meltdown“ (2010, Pantheon Books, New York) kritisieren sie die offensichtliche Doppelbödigkeit im Umgang mit den Krisenrezepten des Internationalen Währungsfonds (IWF). Als Südkorea 1997 eine gravierende Finanzkrise durchlebte, erhielt es folgende Auflagen:

  • Geldverknappung, so dass der Regierung keine Mittel für ein Konjunkturprogramm blieben;
  • Neuverhandlung der Auslandsschulden, ohne dass die ausländischen Kreditoren für ihre unverantwortliche Kreditvergabe Abschläge hinnehmen mussten;
  • eine weitere Öffnung des Landes für ausländische Firmenübernahmen (zum Zeitpunkt nationaler Schwäche).

International wurden diese Auflagen als unnötige Verschärfung der Krise und als Versuch der USA wahrgenommen, von der Krise Südkoreas zu profitieren (2010:45). Die US-Politik seit 2007 hat große Konjunkturprogramme aufgelegt und gerade den Banken, die an der Krise Schuld haben, massiv staatliche Unterstützung gewährt. Hier kommt offensichtlich die bei Entwicklungsländern immer kritisierte Nähe von Regierungskreisen und führenden Personen aus der Privatwirtschaft zum Tragen. Denn es gilt auch für die USA, was über andere Länder gesagt wurde: Finanzkrisen haben politische Wurzeln, und die Wirren einer Krisensituation nützen gewöhnlich den wirtschaftlich Mächtigen, um sich zusätzlich zu bereichern (2010:48).

Die herausragende Rolle des Finanzsektors in den USA heute wird von Johnson und Kwak auf eine schrittweise Entwicklung seit den 1970er Jahren zurückgeführt. Ausgelöst wurde sie von der hohen Inflationsrate zu dieser Zeit, die zu wirtschaftlichen Verwerfungen führte, auf welche mit Strukturveränderungen reagiert wurde (Der Vietnam-Krieg als ein wichtiger Faktor hinter dieser Inflation wird von den Autoren nicht genannt). Die Banken standen in dieser Inflationsphase beispielsweise vor dem Problem, dass die Hypothekenkredite vieler Kunden zu sieben Prozent langfristig festgeschrieben waren, was für die Banken reale Verluste bedeutete. Weil zahlreiche Hausbesitzer das Weginflationieren ihrer Hypotheken erlebten, entstand in dieser Zeit das langlebige Gerücht, der Hauskauf sei die bestmögliche Investition (2010:66). Aus der Notwendigkeit heraus, höhere Geldanlage-Zinsen zu bieten, drängten viele Banken in risikoreichere Geschäftsfelder, und im Kongress begann ein langes Ringen um das Aufweichen jener Regulierungsgesetze von F.D. Roosevelt aus den 1930er Jahren, die den USA über Jahrzehnte ein „langweiliges Bankgeschäft“ (2010:63) und eine stabile Entwicklung der Realwirtschaft beschert hatten.

Johnson und Kwak nennen eine Reihe von Faktoren, die zur heutigen Krise beigetragen haben:

  1. Die universitäre Spezialisierung auf mathematische Ökonomie, vertreten durch Paul Samuelson, Eugene Fama, Fischer Black, Myron Scholes u.a., führte zu der Annahme, man könne die optimale Kapitalstruktur von Firmen berechnen; auch komplizierte Finanzderivate entstanden aus dieser mathematischen Spezialisierung.
  2. Die Hypothese des effizienten Marktes von Fama (1970) wurde in zugespitzter Form („Niemand kann Preise vorhersagen, der Marktpreis ist immer korrekt.“) zur Ideologie, was den Blick auf unvollständige Informationen, Betrug und Insider-Geschäfte versperrte. Die Deregulierungspolitik wurde mit dieser Hypothese ebenso begründet wie die Berechtigung exorbitanter Gehälter einzelner Börsenhändler.
  3. Die unter Präsident Carter begonnene Deregulierungspolitik wurde unter Reagan forciert. Dazu trug besonders Finanzminister Donald Regan bei, der vorher als CEO bei Merrill Lynch die Freigabe der seit 1792 festgelegten Gebühr für Börsengeschäfte erfolgreich mit befördert hatte. Nach dieser Gebührenreform stieg das Handelsvolumen an der Börse erheblich an (2010:62).
  4. Als Ergebnis der mathematischen Entwicklung und der Deregulierung wurden zahlreiche neue Finanzinstrumente geschaffen. Dies führte zur massiven Expansion des Geschäftsvolumens und der Gewinne – und zum politischen Bedeutungszuwachs der Finanzbranche.

Alan Greenspan, Chef der US-Zentralbank Federal Reserve von 1987 bis 2006, vertrat die Ideologie des freien Marktes, der Deregulierung und der Finanzinnovationen. Regulierung sei nur ein Instrument spezieller Interessengruppen zu deren persönlichem Nutzen, sagte er in einer Rede am 12.4.1997. Dieser Alan Greenspan hatte am Schwarzen Montag des 19.10.1987 massiv Geld ins Finanzsystem gepumpt, um den Fall der US-Börse aufzuhalten. Daraus entstand das geflügelte Wort vom „Greenspan Put“: Wenn die Börse abstürzt, kommt die Zentralbank zu Hilfe (Eine Put Option gibt dem Käufer das Recht, bei fallenden Kursen sein Wertpapier zum höheren, vorher festgelegten Preis zu verkaufen. Der Greenspan Put war also die Versicherung der Märkte gegen Verluste beim Absturz). In einer Rede am 5.12.1996 meinte Greenspan, die Fed solle keinen Investitionsblasen vorbeugen, sondern die Wirtschaft unterstützen, wenn diese Blasen platzen. Und im Juli 2003 erklärte Greenspan bei einer Senatsanhörung, dass er die positive Rolle von Derivaten in der breiten Streuung von Risiken sehe. Johnson und Kwak merken an, dass die Fed nicht nur für Geldpolitik zuständig, sondern zugleich mit dem Schutz von Verbraucherinteressen beauftragt ist. In einem Symposion der Kansas City Federal Reserve im August 2005 gab Raghuram Rajan zu bedenken, ob Deregulierung und Finanzinnovationen die Risiken für das Finanzsystem nicht erhöht hätten; ihm wurde der Konsens der Greenspan-Doktrin entgegengehalten (Johnson and Kwak 2010:101ff).

Ausführlich gehen Johnson und Kwak auf die Kuriositäten von Finanzinnovationen ein, beispielsweise den spekulativen Charakter der CDS-„Versicherung“, und verweisen auf das Zitat von Warren Buffett, Derivate seien finanzielle Massenvernichtungswaffen (2010:107). Ebenso beschreiben sie die ganzen unseriösen Arten von Hypothekenkrediten an Kunden, die offensichtlich nicht in der Lage sein werden, je zurückzuzahlen, die man also bewusst finanziell ausquetscht, um sie dann der Insolvenz zu überlassen. Dazu gehören die Kredite, bei denen der Kreditgeber die Gehaltsangabe ausdrücklich nicht überprüft. In diesem politischen Kontext scheiterte 1998 der Vorschlag von Brooksley Born, damals Chefin der Commodity Futures Trading Commission (CFTC), Derivate zu regulieren, an der breiten Front der Vertreter der Greenspan-Doktrin, darunter auch Lawrence Summers (2010:135). Johnson und Kwak berichten von der Untersuchung der McClatchy Medien (18.10.2009), die herausfanden, dass die Rating Agentur Moody’s noch zum Zeitpunkt des zusammenbrechenden US-Hypothekenmarktes führende Mitarbeiter zur Kündigung zwang, die ihre zu positiven Bewertungen von Hypothekenanleihen in Frage stellten (2010:139).

Johnson und Kwak kritisieren nicht nur die über Jahrzehnte dominante Greenspan-Doktrin, sondern auch das Vorgehen der US-Regierungen in der Finanzkrise. So habe Finanzminister Henry Paulson den Banken im Oktober 2008 viel billiger Geld geliehen als Warren Buffett, der zur gleichen Zeit mit seiner Investition bei Goldman Sachs einen Maßstab setzte. Inzwischen sei klar, dass die an der Krise hauptschuldigen Banken durch die Reaktionen der Regierung nur gestärkt worden sind. Offenbar sei das US-Finanzsystem phänomenal schlecht in der effizienten Allokation von Geld (2010:154ff). Die Autoren erwähnen, dass die Übernahme von Bear Stearns durch JPMorgan in der New York Fed geregelt wurde, zu deren Direktorium der CEO von JPMorgan gehört. Und sie kritisieren die hohen Subventionen der Regierung im TARP-Programm zur Bankenrettung, wofür die US-Steuerzahler letztlich die Rechnung bezahlen müssen. Es gehöre zu den Selbstverständlichkeiten der kapitalistischen Lehre, dass Versagen bestraft wird, nicht etwa belohnt. Wo man zum Nutzen der Gesellschaft Banken retten wolle, da sollten diese wenigstens angemessen dafür bezahlen; die Autoren zitieren ein Papier von Lawrence Summers aus dem Jahr 2000 zu diesem Thema.

Johnson und Kwak halten fest, es müsse auch heute für die USA gelten, was zum Standard-Repertoire des IWF gehöre: Bankrotte Banken werden verstaatlicht, in kleinere Einheiten aufgeteilt und dann wieder in private Führung verkauft (2010:178). Sie zitieren Alan Greenspan vom 15.10.2009, als er schließlich auch über die US-Banken meinte: „If they’re too big to fail, they’re too big.“ Dieser Äußerung stehen die Erfahrungen der US-Parlamentarier entgegen, die um jede kleine Verbesserung der Bankenregulierung gegen eine riesige Lobby kämpfen müssen und feststellen, dass die Banken-Lobby die Komplexität der Materie zu ihrem Vorteil nutzt, um ganze Gesetze durch kleine Ausnahmen zu konterkarieren (2010:192ff). Zugleich geben Johnson und Kwak zu bedenken, dass große Gesetzesänderungen immer Jahre dauern. Die Öffentlichkeit müsse verstehen, dass freie Märkte nicht immer gut sind und dass konzentrierte Wirtschaftsmacht eine Gesellschaft zerstören kann. Vorrangig müssen Individuen, Haushalte und Firmen vor der Macht der Banken geschützt werden. Und das Finanzsystem muss vor erpresserischer Macht von zu großen Banken geschützt werden; solche Banken müssen ohne staatliche Garantiefonds auf eigenes Risiko arbeiten und bei Scheitern jederzeit in die Insolvenz gehen.

Dass überdimensionale Institutionen zu „diseconomies of scale“ führen und regelwidrig Subventionen für sich reklamieren, wird innerhalb der Fed und der Wirtschaftswissenschaft längst diskutiert. Johnson und Kwak argumentieren für eine Größenbegrenzung bei Banken, gemessen am Bruttosozialprodukt der USA; in diese Bemessung sollte auch ihr internationales Geschäft einbezogen werden. Und in den USA tätige ausländische Banken wären ebenso in diese Regulierung einzubeziehen. Die Diskussion werde länger dauern, bis eine Verständigung erreicht sein wird; in der Größenfestlegung müsse auch der mehr oder weniger riskante Geschäftsbereich von Banken berücksichtigt werden. Zentrale Maßstäbe seien Sicherheit und Effizienz des Wirtschaftssystems (2010:212ff). Größenbeschränkungen bieten Schutz gegen die Gefährdung des Finanzsystems, gegen übermäßige politische Macht einzelner Banken und gegen Wettbewerbsverzerrungen. Die heute diskutierten Größenbeschränkungen beträfen derzeit sechs US-Banken, und man könne nicht argumentieren, dass die Aufteilung von sechs Banken die Zukunft der amerikanischen Wirtschaft gefährden würde.

12. September 2010

Der vorstehende Artikel wurde von der freien Journalistin Dr. Sabine Grund geschrieben und erschien zuerst bei www.zmag.de; mit freundlicher Genehmigung der Autorin geben wir ihn hier wieder.

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