Öffentlichkeit und Öffnung – die Dialogik des individuellen Bewusstseins

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Buchcover von V. Gerhardts Buch "Öffentlichkeit - die politische Form des Bewusstseins"Zum neuen Buch von Volker Gerhardt : „Öffentlichkeit – die Politische Form des Bewusstseins“ (Verlag C.H.Beck, München 2012)

In Zeiten der medialen Durchdringung aller Lebensbereiche ist Öffentlichkeit allgegenwärtig. Alles wird öffentlich gemacht, und alle nehmen daran teil. Ist durch diese räumliche und zeitliche Allpräsenz von Öffentlichkeit nicht schon alles gesagt? Brauchen wir noch ein umfassendes philosophisches Werk über den Begriff der Öffentlichkeit, wie es Volker Gerhardt jetzt vorgelegt hat? Es sei doch unbestritten, so könnte man sagen, dass wir größtmögliche Öffentlichkeit wollen, so laut wie die Forderung nach absoluter Transparenz erschallt: alles soll ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt und dort möglichst grell ausgeleuchtet werden. Doch gerade an diesem Punkt erhebt sich die Frage: wer oder was ist denn diese Öffentlichkeit, die teilweise erbarmungslos über Menschen zu Gericht sitzt? Wenn Öffentlichkeit „Wir Alle“ bedeuten sollte, sind es dann also „Alle“, die über bestimmte Menschen Tribunal halten? Gehören dann aber diese „Bestimmten“ nicht zu der Gesamtheit der Anderen, also auch nicht zur Öffentlichkeit? Oder sind es bestimmte Menschen, die von sich behaupten, für alle zu sprechen? In diesem Zusammenhang wird denn auch gefragt, wie viel Öffentlichkeit wir denn vertragen oder haben wollen – so als ob es sich bei der Öffentlichkeit um eine quantifizierbare Ware handelte, bei der man wie bei einem Pfund Käse noch etwas abschneiden könnte. Damit aber wird sie ein Ding oder auch eine Anonymität, aus der sich die Individuen in die Privatsphäre flüchten, die sich jedoch rasch als eine Illusion erweist, denn kaum jemand lebt noch ohne Fernsehen, Internet, Telefon oder andere Kommunikationsmittel, die auch den privaten Raum längst in einen öffentlichen verwandelt haben.

 

Kern und Schale – auf der Suche nach Universalität

Diese kurzen Überlegungen erhellen die Dringlichkeit einer Klärung des Begriffs der Öffentlichkeit, gerade in Zeiten ihrer – wie auch immer empfundenen und wahrgenommenen – Allgegenwart. Volker Gerhardt leistet in seinem neuesten Buch diese Klärung, indem er auf beeindruckende Weise zugleich eine Summa seines bisherigen Wirkens auf dem Feld der theoretischen sowie der praktischen, hier also der politischen Philosophie vorgelegt hat. Eine Fülle an historischem Material ergänzt die nicht minder reichhaltigen philosophischen Denkbewegungen, in denen sich auf vielfältige Weise Antike und Moderne begegnen. Dabei sollte der Umfang des auf 550 Seiten angelegten Werks niemanden vom Lesen abschrecken, denn es schadet dem Verständnis des Ganzen nicht, wenn man mit seiner Lektüre an einer dem Einzelnen interessant erscheinenden Stelle beginnt. Das Buch ist so konzipiert, dass es die Fäden der verschiedenen Gedankengänge in jedem Kapitel immer wieder so verknüpft, dass für sich ein Ganzes daraus wird.

Wer z.B. ohne Umschweife geradewegs zum tieferen „philosophischen Kern“ des Buches vorstoßen möchte, ohne sich bei der historisch-politischen „Schale“ aufzuhalten, der kann seine Lektüre durchaus auf Seite 369 mit dem fünften Kapitel beginnen, das unter der Überschrift „Bewusstsein als soziales Organ“ steht. Doch was besagen hier die Worte „Schale und Kern“? Diese Termini könnten den Eindruck einer klaren Grenze zwischen Innen und Außen erwecken, als ob sich eine deutliche Scheidelinie zwischen den philosophischen und den historischen bzw. politischen Themen der Untersuchung aufweisen ließe. Dass solche Art der trennenden Grenzziehung der Wirklichkeit des Lebens selbst widerspricht, wird – freilich in anderem Zusammenhang – vom Autor in besagtem Kapitel zum „Bewusstsein“ thematisiert. Dort geht es um das Schließen. Natürlich bezieht sich dieses vielsagende Verb im Kontext der Themen Bewusstsein und Vernunft zunächst auf den Vernunftschluss – oder im Anschluss an Kant auf „das Vermögen zu schließen“. Gerhardt aber nimmt diesen Vorgang ganz wörtlich und damit sinnlich: Schließen sei immer zugleich auch ein Öffnen. Ein Schluss der Vernunft beziehe sich über die sinnliche Erfahrung eines Gegenstandes hinaus immer schon auf eine Gesamtheit von Welt, der gegenüber sie sich öffnen müsse. Eine Parallele dazu sieht der Autor im Organismus des lebendigen Körpers, dessen ihn einschließende Grenze (z.B. die Haut) nicht als hermetische Abdichtung gegen seine Umwelt, sondern vielmehr als Voraussetzung einer spezifischen Öffnung dieser gegenüber zu verstehen sei. Zur Illustration wird auch ein Blick ins Tierreich gewagt:

„Das erklärt, warum in kaum etwas anderem die Lebewesen so einfallsreich sind wie in der Gestaltung der Außenhaut, heiße sie nun Membran, Rinde, Schale, Schild, Panzer, Pelz, Fell, Schuppen- oder Federkleid. In alledem wirkt das Vermögen des Organismus, sich zu schließen, und sich im Abschluss für die Umgebung zu öffnen.“ (415)

Mit diesem scheinbar wahllosen und „kühnen“ Sprung in die Mitte des Buches soll zweierlei gesagt sein. Zum einen: man wird dem Gesamtwerk nicht gerecht, würde man es rigide in einen politisch-historisch und einen philosophischen Teil unterteilen. Vielmehr queren die Fäden, Denk- und Sprachbewegungen dieser Themenfelder das Buch auf eine Weise, die man nur als einander durchdringend und durchwebend bezeichnen kann. Die Begriffe Öffentlichkeit und Bewusstsein bilden gewissermaßen das innere Scharnier, um das herum sich alle Betrachtungen drehen. Zum anderen: das auf eine putzige Weise lebensnahe Beispiel von Haut, Pelz und Federkleid soll Appetit wecken auf einen Text, der trotz seiner wissenschaftlichen Diktion als ein den Leser tragender Sprachfluss dahinströmt, der unterbrochen, begleitet, umgeleitet und aufgewirbelt wird durch die pralle Sinnlichkeit anschaulicher Beispiele aus jedermanns Alltag. Hoher Lesegenuss also ist garantiert.

Die Frucht des Kerns enthüllt sich dennoch am „Saftigsten“ demjenigen, der zumindest die ersten Seiten des Vorworts und der Einleitung der „Öffentlichkeit“ liest. Hier expliziert Gerhardt die philosophische Fragestellung, welche ihn nach eigenen Worten lange Jahre „gequält“ habe bzw. an der seine philosophische Arbeit ins Stocken geraten sei. Es ist die Frage nach dem „Ineinander von Öffentlichkeit und Bewusstsein“. Man könnte die Frage auch als eine nach dem Zusammenhang von Individualität und Universalität fassen. Aber Gerhardt hat seinem Buch wohlweislich nicht den Titel Universalität gegeben, was leicht als ein metaphysischer oder gar scholastischer Zungenschlag in der philosophischen Zunft – bzw. der Öffentlichkeit – hätte ausgelegt werden können. Gleichwohl geht es bei der Öffentlichkeit immer um das Universelle, wobei aber durch den praktischen politischen Horizont der Öffentlichkeit jegliches „substanzmetaphysische“ Aroma vermieden wird.

Bemerkenswert ist an der aufgeworfenen Fragestellung zweierlei, das nicht genug betont werden kann: als Kantianer benennt Gerhardt die entscheidende Schwachstelle des im übrigen hoch verehrten Kant, wonach es diesem nicht gelungen sei, „den Raum des Bewusstseins mit der wirklichen Welt zu verbinden“. Für Kant beweise das Bewusstsein ein Etwas, „ohne einen faktischen Beleg dafür zu haben, dass es das erschlossene Außen wirklich gibt.“ Ferner unterzieht Gerhardt sein vor 12 Jahren erschienenes Buch „Individualität“ einer kritischen Revision und erweist sich damit einmal mehr als ein Denker, der nicht nur zum Selbstwiderspruch fähig ist, sondern sich nicht scheut, diesen auch öffentlich zu artikulieren. Was er über Öffentlichkeit schreibt, praktiziert er in seinem Text also selbst.

 

Die konstitutive Extroversion des Bewusstseins

Vor diesem Hintergrund ist der Leser für den schon erwähnten Sprung auf Seite 369 bestens gewappnet. Kritisch reflektiert Gerhardt gleich zu Beginn dieser Textpassagen seinen eigenen Satz aus der im Jahre 2000 veröffentlichten „Individualität“, der da hieß: „Alles ist individuell“. 12 Jahre später formuliert derselbe Autor: „Bewusstsein ist individuell und universell zugleich“, um diese Einsicht dann über fast 70 Seiten auszuführen. Beeindruckend ist daran, wie ein Philosoph der Gegenwart seine ursprüngliche These von der „Individualität als Element der Welt“ behutsam und doch zielstrebig in eine Denkweise erweitert und verwandelt, die zumindest in weiten Teilen an das dialogische Denken anknüpft. Schon in der Bedingung, dass der Mensch das Bewusstsein als ein Organ zur Erschließung der Welt einsetzt, womit also Bewusstsein als „Organ für die Öffentlichkeit einer Welt erscheint, die allen zugänglich ist (wenn auch auf je individuelle Weise)“, klinge die quasi osmotische Verfasstheit des Bewusstseins in seiner Angewiesenheit auf Anderes außer seiner selbst an. Dem Skeptizismus, der das Bewusstsein für etwas Subjektives halte, das sich nur auf sich selbst beziehe oder lediglich Spiegel der äußeren Welt sei, setzt Gerhardt die konstitutive Extroversion des Bewusstseins entgegen. Dies besagt nichts anderes, als dass Bewusstsein ausdrücklich nach außen gerichtet ist und sich nicht in der Binnensphäre des eigenen Ich bewegt. Um überhaupt etwas zu begreifen, müsse das Bewusstsein über sich hinausgehen. Dies kann jeder leicht an dem von Gerhardt gegebenen Beispiel nachvollziehen, wie die Wahrnehmung der eigenen Person über äußere Mittel wie einen Spiegel oder Fotos erfolgt oder dadurch, dass etwas am eigenen Leib zu spüren ist, womit die schon erwähnte Außen-Haut als Medium der Außenwahrnehmung wieder bemüht wird. Diese Extroversion des Bewusstseins belegt Gerhardt im Weiteren mit einer beeindruckenden Fülle von Beispielen an Bewusstseinsleistungen wie Wachsein, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Erkennen, Wissen, Verstehen, Vorstellen, Schließen und Handeln.

In all diesen Vorgängen der Begegnung mit der Welt und dem gemeinsamen Wirken in der Welt sei das Bewusstsein nicht auf Wiedergabe, sondern auf Weitergabe angelegt, so Gerhardt. Die Erfüllung des Wissens liege in der gelingenden Mitteilung, womit nun in der weiteren Abhandlung das Du als Bedingung des Ich auf die Bühne tritt. Zunächst adressiere das Ich mit jeder Mitteilung „potentielle Mitwisser“ und eine „imaginäre Zuhörerschaft“. Insofern stehe „jeder Gedanke unter dem Anspruch, vor denkbar größtem Publikum gerechtfertigt zu sein“. Daraus folgt: „Mit seinem Bewusstsein versetzt sich das Individuum augenblicklich unter die Bedingungen der Universalität.“(428) Damit ist diejenige Sphäre gemeint, innerhalb derer sich der Einzelne potentiell mit allen Anderen über etwas verständigen kann. Diese Anderen aber begegnen dem Einzelnen nicht als Menschheit, Allheit oder Universalität, sondern als konkretes Du. Diese Einsicht hat vor 100 Jahren der berühmte jüdische Philosoph Hermann Cohen formuliert, und Volker Gerhardt folgt ihm hierin auf eigene Art:

„Dem intellektuellen Selbstbezug geht das lebensweltlich erfahrene Du voraus. Das als ursprünglich erlebte Ich hat einen empirischen Vorlauf in den wirklich angetroffenen Anderen. Der in ihnen erfahrene Andere wandert in der Form des vertrauten Du ins Innere des Einzelbewusstseins, wo es die Konturierung des intelligiblen Ich ermöglicht. Die faktisch erfahrene gesellschaftliche Konstellation von Ich und Du wird damit zur Bedingung der Möglichkeit von Selbstbewusstsein.“ (432)

Wenngleich sich Gerhardt mit der Setzung des Adjektivs „ursprünglich“ – vor dem erlebten Ich – von den jüdischen Denkern in der Nachfolge Cohens unterscheidet, so ist in dieser Passage doch auf erstaunliche Weise das Du in die zentrale Position gelangt, aus der sich Universalität und Selbstbewusstsein erst denken lassen. Diesem Selbstbewusstsein konzediert Gerhardt denn auch eine dialogische Struktur, habe es doch das Du „in sich hineingeholt“, wodurch es nun „sich selbst als Du ansprechen“ könne. Diese dialogische Struktur ermögliche dem individuellen Selbstbewusstsein, mit sich selbst nach Art einer öffentlichen Prüfung zu verfahren, d.h. das von ihm selbst Gedachte und Gesagte dem Urteil, dem Zweifel, der prüfenden Vergewisserung zu unterziehen und im Zweifelsfall sich selbst zu widersprechen: „Das Selbstbewusstsein ist keine Monade, sondern das kleinste denkbare Modell politischer Öffentlichkeit.“ (384) Und wenig später heißt es im Text: „Öffentlichkeit ist eine Eigenschaft, die das Bewusstsein in all seinen Formen qualifiziert.“

In gewisser Weise kann man diese Sätze als die eigentliche Pointe des ganzen Buches lesen. Indem wir meinen, ganz – und vielleicht sogar ausschließlich – bei uns zu sein, sind wir immer schon bei den Anderen, potentiell sogar bei allen Anderen. Wäre dem nicht so, hätte nicht einmal das Selbstgespräch einen Sinn. Natürlich führen wir dieses Gespräch mit dem Du in uns nicht nur aus momentaner Ermangelung eines Gesprächspartners, sondern weil wir in mancher Situation meinen, zunächst einmal „mit uns selbst klarkommen zu müssen“. Das bedeutet aber nichts anderes als die Reflexion unserer momentanen, ganz individuellen Weise des Wahrnehmens, Erkennens, Wissens und Verstehens bestimmter Sachverhalte nach Art einer öffentlichen Prüfung. Obgleich dieses Wort die Vorstellung eines Gerichtshofs wecken mag, so ist damit zunächst nicht mehr gemeint als das Gespräch mit dem Du des Anderen, in dessen Verlauf sich die Zweifel oder Fragen des Ich an sich selbst aufklären mögen.

 

Der große Bogen: Geschichte der Öffentlichkeit

Auf diese Weise gelingt es Gerhardt, die gesuchte Brücke zwischen Innenwelt und Außenwelt zu bauen, ohne auf schwindelerregende und absturzgefährdete Luftkonstruktionen angewiesen zu sein, wie sie sich in dem viel zu großen Sprung vom Ich zur Menschheit, vom Selbstbewusstsein zum allgemeinen Bewusstsein zeigen. Nun bedarf es nur noch der „Anwendung“ des besonderen Falls auf das Allgemeine bzw. der philosophischen Einsicht auf die politische Bühne. Diesen Schritt vollzieht der Autor in dem Begriff der Öffentlichkeit als dem Bewusstsein der Politik. Nach dem bisher Gesagten wirkt diese Formulierung zunächst nicht spektakulär, vielmehr nur einleuchtend. Dennoch vermittelt der historische und politiktheoretische Teil von Gerhardts Buch zwei grundlegende Einsichten, die bisher scheinbar „übersehen“ wurden. Zum einen widerspricht der Autor der immer noch gängigen These, nach der gesellschaftliche Öffentlichkeit ein Phänomen der Neuzeit sei, indem er die Entstehung von Öffentlichkeit in den Stadtstaaten der griechischen Antike nachweist. Zwar sei die Öffentlichkeit der griechischen Polis in erster Linie der Raum kultureller Verständigung, aber gerade darin liege schon der Hinweis auf viel frühere Formen von Öffentlichkeit, so z.B. in den vorantiken Hochkulturen des Vorderen Orients. Zum anderen befreit Gerhardt den soziologischen und politikwissenschaftlichen Begriff der Öffentlichkeit aus seiner Engführung auf bestimmte Teilöffentlichkeiten. Was bedeutet das? Auf faszinierende Weise entfaltet Gerhardt ein Panorama der Debatte um den Begriff der Öffentlichkeit von Kant bis zu Habermas und seinen Schülern. Nachdem Kant die Publizität (was nichts anderes als Öffentlichkeit bedeutet) zum „transzendentalen Prinzip“ erklärt und damit die prinzipielle Zugänglichkeit eines Sachverhalts und seine kritische Überprüfbarkeit für das ganze Publikum, also für Alle zum Postulat erhoben habe, sei mit Hegel die eben erst geöffnete Tür wieder geschlossen worden. Nicht Allen, sondern nur bestimmten Personen unter bestimmten Bedingungen sei der öffentliche Zugang zu allen die Öffentlichkeit betreffenden Fragen zu gestatten, so könnte man Hegels durch Revolutionsängste eingeengtes Verständnis von Öffentlichkeit lesen, die sich folglich auf die Institutionen des von Hegel vergötterten Staates zu beschränken habe. In seinem Blick auf die Ideengeschichte führt Gerhardt aus, wie verhängnisvoll diese Weichenstellung für die deutsche Entwicklung gewesen sei. Schließlich hätten gerade die Soziologen eingeschränkte und einschränkende Teilöffentlichkeiten kreiert – bis hin zu Luhmann und Habermas. Wohltuende Ausnahme seien dabei die Arbeiten Karl Poppers und Helmuth Plessners gewesen. An dessen Begriff von der konstitutiven Offenheit der Öffentlichkeit orientiert sich Gerhardt, wenn er Öffentlichkeit über die Sphäre der politischen Institutionen hinaus in allen Lebensbereichen menschlichen Zusammenwirkens – von der Kunst, Musik und Literatur bis hin zu Religion und Technik – zur Bedingung eines gelingenden Zusammenlebens macht.

Bei Lektüre der sehr umfassenden historisch-politischen Betrachtungen des Buches überkommt den Leser zuweilen die Frage, ob die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit hier nicht idealisiert werde. Anders gesagt: Fragen nach der Macht oder der Hegemonie bestimmter Interessengruppen in Politik, Wirtschaft und Medien werden weiträumig umfahren und elegant vermieden. Nun würde der Autor vermutlich antworten, dass als Gegengewicht zu jedweder Hegemonie oder dem Missbrauch von Macht es wiederum nur ein Mittel gäbe: die Öffentlichkeit. Diese Antwort ist so richtig wie schlicht, aber zur Ehre des Autors sei gesagt, dass sein Thema nicht die Analyse der politischen Gegenwart und schon gar nicht irgendeine Form von „Systemkritik“ ist. Sagen wir es so: während Habermas lange Zeit der Politik die Legitimation zur Nicht-Legitimierung gegeben hat, indem er mit seinem Modell des kommunikativen Handelns und der Diskursethik die Illusion der Interessenfreiheit und des Machtvakuums in eben diesen Diskursen gepflegt hat, ließe sich die Debatte mithilfe der vorliegenden Arbeit von Volker Gerhardt erneut öffnen. Öffentlichkeit als Öffnung auf den unendlichen Widerspruch und unendliche Kritik hin zu verstehen, die davon leben, dass sich mehr als nur die wenigen Bekannten an ihr beteiligen, ist offensichtlich keine Darstellung der Wirklichkeit, sondern die Formulierung einer Aufgabe.

Die Frage nach der Stabilität der Brücke zwischen individuellem und öffentlichem Bewusstsein in den Institutionen der Politik schwelt jedoch weiter. Während sich die Philosophie in einer Theorie des Bewusstseins gut einrichten kann, die das lebensweltlich erfahrene Du als Bedingung der Herausbildung eines Selbstbewusstseins zur Grundlage erklärt, verblasst diese Beziehung zwischen Ich und Du im Raum der politischen Institutionen rasch zu dem Spannungsverhältnis zwischen einem Wir und dem davon häufig ausgeschlossenen oder an den Rand gedrängten Ihr. Die Postulierung eines zur Norm erhobenen allgemeinen (quasi kollektiven) Bewusstseins müsste irgendwann zum Gegenteil dessen führen, was Gerhardt unter dem Begriff der Partizipation anstrebt.

 

Geist oder Sprache?

Er selbst spürt offenbar diese unaufgelöste Spannung, auf die er mit der Eröffnung einer weiteren Vermittlungsebene zu antworten sucht: dem Geist. Ein geradezu klassischer Begriff der europäischen Philosophie, hat der Geist dennoch selbst den größten Denkern immer wieder Geheimnis und Rätsel aufgegeben. Die Menge an Definitionen dessen, was unter Geist zu verstehen sei, ist Legion – Gerhardt erwähnt exemplarisch Platons „Ideenhimmel“, Leibnizens „Reich der Gnade“, Kants „Reich der Zwecke“ und Hegels „Weltgeist“. Schon an diesem Punkt beschleichen den Leser leise Zweifel, ob Gerhardt sich mit einer neuerlichen Suche nach dem Geist wirklich einen Gefallen tut. Unter der viel versprechenden Überschrift „Offener Geist und öffentliche Vernunft“ gibt der Autor über 70 Seiten hin ein weiteres frappierendes Beispiel seiner Fähigkeit zur philosophischen „Kernerarbeit“. Vermutlich wird kaum eine Perspektive ausgelassen, von der aus man sich dem Geist nähern könnte – sei es vom Organischen oder Göttlichen, vom Leib oder der Vernunft, vom Sinn oder den Sinnen, der Natur oder der Sprache. Der Geist wird als „Mittel der Verständigung“ bezeichnet (ohne es darauf reduzieren zu wollen) – ein anderes Mal als „lebendiges Wesen“ („aber ein metaphysisches Wesen ist er nicht“), wieder an anderer Stelle als „höchstes Gut der Menschheit“ oder als „Leistung von Konzepten, Programmen und Ideen“, dann aber auch als „unabhängige Wesenheit“ oder gar als „Vollbegriff einer Autonomie, die selbst das Göttliche nicht überbieten kann“. Die hier geleistete Mühsal der Arbeit am Begriff des Geistes nötigt Respekt ab, wobei sich in ihr vor allem das Schwebende und Flüchtige reflektiert, das den Geist umweht, wie wir es schon im Wort Geisthauch lesen können. Warum aber diese Mühen am Ende eines großen philosophischen Werkes? Natürlich schwingt das Unbehagen mit, die eigentlich gesuchte Universalität mit dem Begriff der Öffentlichkeit nur ungenügend wiedergegeben zu haben. Sehr verkürzt gesagt: die Öffentlichkeit öffnet den Raum der Begegnung, der gemeinsamen Wahrnehmung, Erkenntnis und Beratung der vielen „Einzel-Bewusstseine“, aber wie gelingt über das reine Zusammentreffen hinaus die Verständigung untereinander? Um hier nicht das noch problematischere Wort vom allgemeinen Bewusstsein zu bemühen, erscheint der Begriff Geist mehr als angemessen. Und so fasst Gerhardt seine geradezu akribisch betriebene Untersuchung zu diesem Punkt folgendermaßen zusammen:

„So scheint der Geist nach Art einer alle bewussten Wesen umfassenden Institution wirksam zu sein…..Geist ist das, worin sich das Bewusstsein eines jeden möglichen Anderen verbunden wissen kann. In Form und Gehalt darf als Geist alles gelten, worin sich die gedachte Versammlung aller Menschen idealerweise einig sein kann. Im Geist ist Vernunft die Form, Einheit, Zwecke, Mittel und Gründe gebende Instanz. Ihre Fähigkeit, uns Begriffe für Ganzheiten, ja für das All und das Göttliche zur Verfügung zu stellen, hindert sie nicht daran, auch die Instanz für Kritik und Selbstkritik zu sein.“ (510)

Aber es scheint zumindest der Frage wert, ob nicht statt des Geistes eher die Sprache jenes Sich-Verbunden-Wissen des einzelnen Bewusstseins mit jedem möglichen Anderen schafft. Ist sie es nicht auch, die uns jene Begriffe für Ganzheiten gibt, die Gerhardt im Geist „zu Hause“ sehen möchte? Und ferner: ist es nötig, sich eine Versammlung aller Menschen zu denken, die „idealerweise“ sich einig wird? Dem steht in der Wirklichkeit gerade das Einzige entgegen, was überhaupt Menschen zu einer Menschheit zusammenfinden lässt: die Sprache. Zwar ist sie es, die uns verbindet, zugleich aber auch trennt. Ist dieses Paradox der Sprache der Grund, warum der Autor ihr nicht traut und stattdessen den Geist als Medium der Verständigung bemüht? In der Tat siedelt Gerhardt die Sprache vor oder unter dem Geist an, indem er in ihr lediglich ein Werkzeug oder Instrument sehen möchte, das wir in Analogie zum Umgang mit Geräten zu handhaben wissen. Eine solche Sprache zeichne sich demgemäß vor allem durch jene grammatischen Regeln aus, die Verständigung ermöglichten. Aber wird hier der Sprache nicht zuwenig zugetraut? Gerade sie kann den Raum jenseits des Verstehens öffnen, in der die Mehrdeutigkeit des Wortes auch Bedeutungen jenseits jeder festlegbaren Bedeutung aufleuchten lässt, womit wir zu je neuen Fragen geführt werden, die zunächst der Antwort entbehren. Schließlich bringt die Sprache auch ein Wort wie unsagbar hervor, so dass wir um diese Sphäre des Unaussprechlichen zumindest eine Ahnung haben – einer Sphäre der letzten Fragen oder der Fragen nach den letzten Dingen, denen nicht zuletzt die Philosophie sich zuwendet.

Vielleicht ist dies für Gerhardt die Sphäre des Geistes, dann aber griffen alle auf ihn bezogenen, aufwändig und mühevoll zusammengetragenen Definitionen zu kurz. Zugleich stellte sich dann wiederum die Frage nach der Brücke, die uns von der Sphäre allgemeiner Verständigung zu den erwähnten „Ganzheiten“ führte – und zwar zu ihnen als lebendig erfahrene statt nur zu einem unlebendigen Begriff derselben. Nachdem Gerhardt auf so treffende Weise die dialogische Struktur des Selbstbewusstseins herausgearbeitet hat, wäre der Schritt zur Sprache doch kürzer, lebensnäher und überzeugender gewesen als der zum Geist. Aber diese Skepsis gegenüber der Sprache teilt der zeitgenössische Philosoph durchaus mit Platon, Kant und anderen Großen des Fachs.

 

Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter

Unabhängig davon besticht der Satz, wonach die Offenheit des Geistes der politischen Öffentlichkeit voraus liege – (wiederum: läse man hier Sprache statt Geist, steigerte dies den Eindruck ungemein). Die Einsicht, dass der politischen Öffentlichkeit „etwas Offenes“ – sei es Geist oder Sprache – zum Grunde liegt, lenkt die Aufmerksamkeit jedoch noch einmal auf die Eingangsfrage nach der Wahrnehmung von Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter. Gerhardt selbst nennt diese Frage die im Hintergrund leitende, also eine sein ganzes Werk implizit durchwirkende. An einem erneut lebensprallen und derben, wenngleich der Antike entnommenen, Beispiel benennt er schonungslos jene Perversion von Öffentlichkeit, die wir mit dem Einzug des „Worldwide Web“ in unser Leben erfahren: wer bedenkenlos dieses Netz zur Kommunikation nutze, könne jederzeit so dastehen wir Diogenes, der Kyniker, der auf dem Marktplatz onaniert habe, um grundsätzlich nichts zu verheimlichen. Deutlicher kann kaum vor einem Verständnis von Öffentlichkeit gewarnt werden, das den Schutz der Privatsphäre schon verdächtig findet. Deswegen – dies sei am Ende noch einmal besonders hervorgehoben – trifft Gerhardts Buch einen Nerv der Zeit: ohne ein dialogisch verfasstes individuelles Selbstbewusstsein kann Öffentlichkeit, statt Öffnung zum Anderen hin zu bedeuten, rasch zum Albtraum allgegenwärtiger Transparenz oder besser Durchleuchtung führen, in dem das Individuum nicht nur seine Rechte, sondern auch seine Fähigkeit zum Dialog mit sich selbst und Anderen verlieren könnte.

Diese Gefahren erwachsen nicht zuletzt aus jener Nervosität, in die uns das Netz durch den doppelten Druck des Versprechens und der Aufforderung treibt, ständig überall dabei sein zu können und zu müssen. Schlimmer noch: der Einzelne in seiner häufig als unbedeutend empfundenen Existenz erhofft sich Bedeutung, sobald er sich im Netz präsentiert. Gerhardt trifft diesen Punkt zielgenau mit der knappen und schlagenden Wendung „Per Mausklick zum Ruhm“.

Der nervösen Netz-Neurose setzt er Gelassenheit und Zuversicht entgegen, indem er in verschiedenen Wendungen immer wieder an die von vornherein öffentliche Leistung des individuellen Bewusstseins erinnert – exemplarisch greifen wir dazu am Schluss einen Satz aus dem letzten Paragraphen des Kapitels zum Bewusstsein heraus:

„Vor diesem Hintergrund (dass sich mit seinem Bewusstsein das Individuum immer schon unter die Bedingungen der Universalität versetzt, F.H.) ist ein letzter Hinweis auf die dem Bewusstsein eingeschriebene objektive Leistung geboten. Er kann am Ende auch verständlich machen, warum es nicht nur großen Künstlern, Wissenschaftlern und Erfindern gelingen kann, aus den von ihnen beschrittenen Nebenwegen Hauptwege der Kultur zu machen. Jeder trägt durch den ihm nur durch sein Bewusstsein eröffneten Wechsel zwischen verschiedenen Perspektiven dazu bei, dass es im Chaos persönlicher und privater Antriebe die dominierende Kraft allgemeiner Gründe geben kann.“ (434)

Bildnachweis: Buchcover vom Verlag mit freundlicher Genehmigung.

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