Zeugnis vom Unzerstörbaren…..zu dem Buch „Uns kriegt ihr nicht – jüdische Überlebende erzählen“

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Buchcover von "uns kriegt ihr nicht"Tina Hüttl/Alexander Meschnig: „Uns kriegt ihr nicht / Als Kinder versteckt – jüdische Überlebende erzählen“, Piper Verlag München 2013

Zeugnis ablegen könne man nur vom Unendlichen, heißt es bei Emmanuel Levinas. Werden wir dem gerecht, wenn wir von den Zeitzeugen, die in unseren Tagen häufig und in vielerlei Umgebung zu Wort kommen, vor allem „Tatsachen“ hören wollen? Jedes Zeugnis ist ein einzigartiges, ganz persönliches, zugleich aber doch insoweit exemplarisch, dass es etwas Allgemeines über die Zeit aussagt, aus der es berichtet. Jedes Zeugnis wird aber auch immer auf einzigartige Weise gehört werden, denn jeder Zuhörer vernimmt es auf seine je eigene Art. Wenn es nur um Fakten oder Tatsachen ginge, genügten Geschichtsbücher oder sachlich verfasste Reportagen. Dass wir die Erzählung der Zeitzeugen häufig vorziehen, zeigt ein Bedürfnis zu hören, was gerade nicht Faktum und Datum ist. Vielfältig mag sich dieses Bedürfnis aufspalten in die Sehnsucht nach Erzählungen, den Wunsch nach Abtragung von Schuld, das Verlangen nach einem starken Gefühl der Teilnahme, vielleicht sogar des Mitleids – und sicher kündet hierin ein gesundes Misstrauen gegen Fakten und Daten, die uns gerade nicht sagen, wie es „wirklich gewesen ist“. Doch dürfen wir deswegen – wie es Levinas tut – ohne Weiteres das Unendliche ins Spiel bringen, wenn vom Zeugnis die Rede ist?

In dem weinrot gehaltenen Salon des Berliner Hotels „Savoy“ kamen Anfang April Zeitzeugen auf eine Weise zu Wort, die ein Summen des Unendlichen, sofern man es zu hören sich nicht versagen wollte, erklingen ließ. Das Hotel Savoy liegt gegenüber vom Filmpalast Delphi, im alten Westen Berlins, wenige 100 Meter von der Jüdischen Gemeinde entfernt und vom Theater des Westens; 1929 als modernstes Hotel der Stadt gebaut, hat es den Krieg unversehrt überstanden – zu den Stammgästen gehörten Romy Schneider, Greta Garbo und Thomas Mann sowie seit Jahrzehnten auch Walter Frankenstein, Jahrgang 1924, der im „Savoy“ wohnt, wenn er seine alte Heimatstadt Berlin besucht. Er hätte vielleicht allen Grund, dieser Stadt, in der er jahrelang von Deportation und Tod bedroht war, für immer den Rücken zu kehren – oder auch nicht, denn er hat den damaligen Machthabern (salopp gesagt) ein Schnippchen geschlagen, indem er als Jude jahrelang im Untergrund sich verbarg und überlebt hat. Frankenstein, ein rüstiger, stattlicher Herr von 88 Jahren, spricht an diesem Abend mit kräftiger Stimme, seine Geschichte erzählend, indem die Furchtlosigkeit, die ihn sein Leben lang begleitet hat, sich im Zuhörer rasch und beinahe wohltuend spiegelt. 1942 ist Walter Frankenstein mitten in Berlin untergetaucht – nicht allein, sondern mit seiner jungen Frau und dem gemeinsamen sechs Wochen alten Kleinkind. Später wird ein weiteres Kind geboren werden, während die Familie in der Illegalität darum kämpft, nicht entdeckt und deportiert zu werden. Auf die Frage nach seinem Verhältnis zu den Deutschen sagt Frankenstein, dass er hier viele Freunde habe, ihm damals immer wieder Menschen geholfen hätten, wodurch er überlebt habe. Es habe also nicht nur Nazis und Mitläufer gegeben. Neben ihm sitzt die um vier Jahre ältere Margot Friedländer, auch sie hat bis 1944 in Berlin auf abenteuerliche Weise unter verschiedenen Identitäten an stets wechselnden Orten sich der Deportation entziehen können. Und auch sie empfindet keinen Hass, wenn sie heute durch die Straßen Berlins geht, ihrer Heimatstadt, in die sie 2010 nach 64 Jahren des Lebens in New York zurückgekehrt ist. Die Moderatorin des Gesprächs, Shelly Kupferberg, bekennt eigene Beklemmungen beim Blick auf die Anzeigetafeln der S-Bahn, wenn ein Zug Richtung Wannsee oder Oranienburg fahre. Sie möchte von Frau Friedländer gern wissen, ob sie ähnliche Empfindungen kenne. Daraufhin erklärt diese keck, wenn sie heute über die Joachimsthaler Str. gehe, in der sie seinerzeit einmal verhaftet wurde, dann komme in ihr ein Gefühl des Triumphes auf, denn „die Nazis sind alle tot, ich aber lebe…“

Für denjenigen, der nicht Ohrenzeuge dieser Worte sein konnte, mögen sie schlicht klingen, wenn nicht sogar verharmlosend. Doch es sind eben nicht Worte aus einem Tatsachenbericht, sondern aus einem Zeugnis des Überlebens. Zeugen sie jedoch schon deswegen vom Unendlichen? Auf jeden Fall bezeugen sie die Endlichkeit auch des Bösen und der scheinbar totalen Macht. Wären sie in diesem Sinne also nicht auch Zeugnis des Unzerstörbaren im Menschen, welches die Endlichkeit überdauert?

Frankenstein und Friedländer sind zwei von 15 Zeitzeugen, deren Geschichten in dem Buch „Uns kriegt ihr nicht – Als Kinder versteckt, jüdische Überlebende erzählen“ zusammengestellt wurden, das jüngst im Piper Verlag erschienen ist und an besagtem Abend im Hotel Savoy vorgestellt wurde. Als Autoren, die jene Geschichten aufgeschrieben haben, waren Tina Hüttl und Alexander Meschnig dabei. 15 Geschichten, die ob ihrer radikalen Kürze eher als Fragmente aus langen Geschichten zu lesen wären, erzählen nicht vom Unfassbaren der Vernichtung, sondern vom Unfassbaren eines Überlebens als Juden im Berlin der Jahre 1941-1945. Mitten in der Hölle der Stigmatisierung, Verfolgung und Deportationen entkamen mehr Menschen dem Tod als angenommen. Das bedeutet auch, dass mehr Menschen als angenommen in Deutschland Juden geholfen haben unterzutauchen. Warum wird darüber noch relativ wenig in der Öffentlichkeit gesprochen? Weil es innerhalb der Erinnerungskultur wenig schicklich erscheint, das Absolute im Begriff einer kollektiv verhängten Schuld in Frage zu stellen? Oder weil damit Scham und Schuld um ein Mehrfaches anwüchsen – denn wenn es doch einigen Wenigen möglich war, inmitten des totalen Terrors Juden zu helfen, warum wurden aus diesen Wenigen nicht Viele oder zumindest Mehrere?

Das Buch enthält Geschichten, die das Unmögliche erzählen, das Groteske, das Unglaubliche, manchmal auch Unheimliche, Furchtbare oder Lächerliche – und dies Alles jeweils zusammengedrängt auf wenigen Seiten. So hören wir von dem schon erwähnten Walter Frankenstein, wie er nach Bombenangriffen, wenn sich kaum jemand auf die Straße traute, in den zerstörten Geschäften für seine beiden Kleinkinder etwas zu essen und zu trinken besorgt. Mehrmals stockt dem Leser der Atem, wenn Frankenstein, von einem Gestapo-Mann oder einer Polizeikontrolle angehalten wird, sich als Fremdarbeiter ausgibt – am Ende des Krieges, vollkommen erschöpft, sogar einmal sagt: „ich bin Jude, lassen Sie mich laufen“. Tatsächlich lässt ihn der Polizist laufen, da er just nur auf der Suche nach Deserteuren war. Oder man nehme die Geschichte von Heinz Schumann, der noch 1943 als untergetauchter Jude in illegalen Jazz-Kneipen auf dem Saxophon verbotene Musik spielte….oder die Geschichte von Eugen Friede, der ebenfalls 1943 als Jude im Versteck in einer Widerstandsgruppe Flugblätter produzierte, die in ganz Deutschland verschickt wurden und zum passiven Widerstand aufriefen…..oder Margot Friedländer, die innerhalb eines Jahres dutzende Male ihr Versteck in irgendeiner Berliner Wohnung aufgeben und ein neues suchen musste, die schließlich mit falscher Identität sich ganz offen auf dem Kurfürstendamm dem Schwarzhandel mit Beutegut widmete, worauf die Todesstrafe stand…. Geschichten werden auch erzählt von Kindern, die in Kellern versteckt wurden, um sie nicht den Nazi-Häschern in die Hände kommen zu lassen – wie das Schicksal der Rahel Mann, die vier Jahre in verschiedenen Kellern lebte, und erst nach 1945 mit bereits 8 Jahren zum ersten Mal die Schule besuchen konnte, aber schon im dunklen Verlies durch einen Nachbarsjungen Lesen und Schreiben gelernt hat….

Den Leser schicken diese Fragmente von Erzählungen auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Zuweilen drängen sich in einem einzigen Satz Staunen, Frohlocken, Lachen, Wut, Trauer und Entsetzen zusammen. Dabei sind die Geschichten in schlichten Sätzen geschrieben, ohne Pathos oder Übertreibung, warum auch, wenn das Leben selbst schon die „Übertreibung“ ist. Gern würde man jeweils die „ganze Geschichte“ hören, mit den Zeugen persönlich sprechen. Doch mit dem faszinierten Zuhören ist es ja nicht getan, das Zeugnis der Anderen bleibt nur lebendig, wenn wir selbst zu Zeugen des Zeugnisses werden, indem wir die Geschichten mit unseren eigenen Worten weitererzählen. Die Zeugen der Zeugen – also wir – hätten nicht zuletzt vom Unvorstellbaren zu zeugen, vom Unmöglichen, das Wirklichkeit wurde, in Gestalt der leisen, unauffälligen Menschen, die trotz allen Terrors nicht mitgemacht haben, sich dem Rausch des Herrenmenschentums und anti-jüdischen Totschlagparolen verweigerten. Sie widersetzten sich der Auflösung alles Menschlichen, indem sie Menschen blieben und Andere vor dem Tod retteten. Die Geschichten der Überlebenden erzählen von losen Netzwerken, die Hilfe darboten, Menschen versteckten, ihnen zu essen gaben, ihnen Papiere verschafften oder Unterschlupf gewährten. Wir hören, dass die Untergetauchten gewarnt wurden, wenn ihr bisheriges Versteck nicht mehr sicher war. Immer wieder wurde ihnen dann ein Zettel mit einer Adresse in die Hand gedrückt, die neuen Unterschlupf bot. Hier zeigte sich wirksamer und praktischer Widerstand gegen das Regime, der sich eben nicht reduzieren lässt auf die Männer des 20.Juli.

Doch diese Sicht auf die Geschehnisse scheint uns fremd, sie passt nicht in das Bild einer absolut homogenen und angepassten Masse, die stumpf und ergeben, fanatisch und aufgehetzt der Verschleppung und Vernichtung von Menschen gleichgültig zusah. Und so bricht ungewollt die Frage auf, ob hier nicht die Erinnerung an Geschichte verkitscht und verbiedert werde, wenn vordergründig vor allem Chuzpe, Sorglosigkeit oder Naivität der damals jugendlichen Überlebenden triumphiert.

Zugleich jedoch bewegt uns in allen Erzählungen etwas, das man das Unzerstörbare im Menschen nennen könnte, dessen Quelle Maurice Blanchot in der „unendlichen und unendlich stillen Gegenwart des Nächsten“ sieht, der zu mir spricht und zu dem ich sprechen kann – selbst ohne Worte. Hier taucht wieder die Spur des Unendlichen auf, dessen Spur auch Levinas im Anderen finden möchte, dem wir uns öffnen. Das Unendliche kann nicht bezeugt werden als etwas, das wir als endliche Wesen erkennen oder wissen, nur als Spur eines Abwesenden oder nicht Sagbaren. Schimmert aus dieser Sicht in dem Titel „Uns kriegt ihr nicht“ noch eine weitere Bedeutungsnuance? Als Name für das Sich-Entziehen, das Widersätzliche und das sich Widersetzende, als Bruch des Vorhersagbaren – all dies wären eben auch sprechende Umkreisungen des Unendlichen, das in jedem wahrhaften Zeugnis sich ausspricht. Zumindest wäre dies ein Faden, der alle 15 Geschichten, die so ganz unterschiedlich sind, verbindet.

Bildnachweis: Buchcover mit freundlicher Genehmigung des Verlages für Rezensionen

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