Am Rand. Misstrauen als Engagement in der Poetik Ilse Aichingers

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Ilse Aichinger ist 1946 mit ihrem „Aufruf zum Mißtrauen“ in die deutschsprachige Literaturlandschaft getreten. Sie traf gleich da, wo es wehtat. Ihren Appell präsentierte sie als homöopathisches Mittel: der Einzelne soll sich selbst in Frage stellen, bei sich selbst anfangen, damit er „im größten“ nicht fehlgehe. „Der Klarheit unserer Absichten, der Tiefe unserer Gedanken, der Güte unserer Taten! Unserer eigenen Wahrhaftigkeit müssen wir mißtrauen!“ Klarheit, Tiefe, Güte, Wahrhaftigkeit – was ist daran auszusetzen? Gerade in einer geschichtlichen Situation, wo man eben einer verquasten Ideologie entrissen wurde. Aber gerade darauf bezieht sich Aichinger wahrscheinlich, denn den in dieser Verquastheit Befangenen schien das alles wohl klar, tief, gut und wahrhaftig. Selbst den schärfsten Geistern mitunter, man denke nur an Gottfried Benns „Antwort an die literarischen Emigranten“ aus dem Jahre 19331, wo er sich präzise auf diese von Aichinger beargwöhnten Qualitäten beruft. Ansetzen will Aichinger nicht beim Misstrauen gegenüber dem Anderen, sie spricht nicht von der Leichtgläubigkeit der Österreicher und Deutschen, die den Versprechungen der Nazis in die Fänge fielen. Es sind die Gewissheiten, die ihr fatal zu sein scheinen. Menschen, die zu wissen glauben, führen ins Verderben; sie schließt: „Werden wir mißtrauisch gegen uns selbst, um vertrauenswürdiger zu sein!“2

Diesen privatistischen Ansatz angesichts sozialer und politischer Fehlentwicklungen hat Aichinger nie aufgegeben und ihn hat die Kritik ihr fortwährend zum Vorwurf gemacht, dabei ist es schlicht der Ansatz der Kunst überhaupt. Womit allerdings nichts über den künstlerischen Wert von privatistischer beziehungsweise öffentlich orientierter Werke gesagt ist.

Hier soll nun dem nachgegangen werden, wie sich dieses Misstrauen gegenüber der eigenen Wahrhaftigkeit in Aichingers Literatur äußert, in der Form der Literatur. Wie übersetzt es sich in die dichterische Form? Wie steht es dabei um die sogenannte Hermetik und Privatheit von Aichingers Literatur wirklich? Dazu muss ein Text genauestens untersucht werden, bevor wir darüber nachdenken können, inwiefern gerade dieses dichterisch umgesetzte Misstrauen eine Form des Engagements sein kann, wie Ilse Aichinger es wohl versteht.

Analyse des Gedichts Gebirgsrand

Als Untersuchungsgegenstand habe ich das Gedicht Gebirgsrand3 gewählt, weil es mir besonders gelungen und in unserem Zusammenhang vielsagend erscheint, auch weil ihm bereits wissenschaftliche Aufmerksamkeit zuteil wurde4 und zu den bekanntesten Gedichten Aichingers gehört. Es ist kein Zufall, denke ich, dass es ein Gedicht ist, denn in Gedichten funktioniert meines Erachtens das herauszustellende poetische Prinzip am besten5. Es wurde 1958 geschrieben und 1959 zum ersten Mal veröffentlicht.

Gebirgsrand

Denn was täte ich,

wenn die Jäger nicht wären, meine Träume,

die am Morgen

auf der Rückseite der Gebirge

niedersteigen, im Schatten.

Um dieses Gedicht besser verstehen zu können, bedarf es neben genauester Lektüre der Kenntnis von Aichingers Dichtersprache, Parallelstellen sind eine unschätzbare Hilfe, ohne die der Leser leicht in die falsche Richtung gerät, da bei Aichinger einige Selbstverständlichkeiten außer Kraft gesetzt sind, so sind Schatten und Jäger etwa nicht unbedingt negativ besetzt. Dieses Gedicht steht im Zusammenhang mit der bei Aichinger immer wiederkehrenden Thematik von Licht und Dunkel, einer für unsere Fragestellung nach der dichterischen Form und ihren Möglichkeiten von Engagement wesentlich zugehörigen Frage. Ich werde das im Folgenden belegen.

Der Titel besteht aus einem zwar etwas ungebräuchlichen, jedoch nicht wirklich erstaunlichen Kompositum, es mag eine Landschaft an den Ausläufern eines Gebirges bezeichnen, zwischen Gebirge und Ebene. Es sei mir erlaubt, erst am Ende der Interpretation auf den Titel zurückzukommen.

Das so betitelte Gedicht besteht aus einem einzigen relativ klar konstruierten vollständigen Satz mit zwei Appositionen, mit einfachem Vokabular und relativ ungebrochenem Rhythmus. Formal stellt es eine geschlossene Einheit dar. Allerdings wird dieser erste Eindruck bereits mit dem ersten Wort widerrufen, offenbar bezieht sich das Gedicht auf ein ungenanntes Vorausgehendes, es beginnt mit einem kausalen oder konsekutiven „Denn“. Das Folgende ist die Folge des Ungenannten, der Grund bleibt unausgesprochen. Man könnte auch den Titel als Konsequenz des anschließend ausgesprochenen Sachverhalts verstehen. Die erste Zeile läßt syntaktisch auf eine Frage schließen, und es ist die Frage nach dem Handeln, wenn auch ein konditionales („täte“), und zwar des eigenen Handelns, wie das die Zeile abschließende „ich“ betont. Die Frage stellt sich dadurch jeder Leser beim Lesen selbst – wir haben also bereits in der ersten Zeile die von Aichinger geforderte Selbstbefragung jedes Einzelnen.

Die Frage „Denn was täte ich“ lässt jedoch im deutschen Sprachgebrauch mitschwingen, dass es, sollte die Bedingung eintreffen, gar nichts mehr zu tun gäbe, man wäre aufgeschmissen und hilflos.

Der Rest des Gedichts nennt nun diesen vor der Fatalität rettenden Umstand: „wenn die Jäger nicht wären“. Die Existenz der Jäger ist also geradezu Seinsbedingung für das lyrische Ich, das ohne es nicht mehr weiter wüsste. Der Anklang zwischen den übereinanderstehenden „Denn“ und „wenn“ verknüpft die beiden Zeilen auch formal, die Eingangsfrage ist eng mit dem Folgenden verbunden.

Bevor wir diese „Jäger“ vom Gedicht näher bestimmen lassen, müssen wir zwei Parallelstellen hinzuziehen, mit denen es klare Intertextualitäten gibt, die wir zumindest im Ansatz beachten wollen. Bei der ersten handelt es sich um das am 16. Dezember 1960 entstandene Gedicht Winterrichtung (Verschenkter Rat, S. 46):

Winterrichtung

Ich lasse mich

von den Jagdhörnern

aus meinen Schlupfwinkeln jagen,

hin zu der Morgenröte

unterm Schnee,

zum vergilbenden Gras.

Mit meinen Händen

erreich ich

schon die Gelübde der Alten,

die mich rasch aufwärts ziehen,

hol mir

den winkligen Mond.

Jäger, Morgen und Aufwärtsbewegung im Gegensatz zur Abwärtsbewegung in Gebirgsrand mögen hier die Intertextualität ausreichend belegen; worauf es ankommt, ist die Weckfunktion der Jäger, die hier deutlich positiv besetzt ist und das lyrische Ich des Gedichts zu Aktivität und Bewusstheit führen.

Noch bedeutsamer scheint mir jedoch der kurze Prosatext In das Land Salzburg ziehen6 zu sein. Wenn dieser Text auch erst 1982 erschienen ist und darin eine autobiographische Begebenheit aus der Zeit des Umzugs ins Salzburger Land angesprochen wird, also erst nach der Entstehung des Gedichts Gebirgsrand, so handelt es sich meines Erachtens geradezu um eine nachträgliche Erklärung, oder zumindest Bestätigung, des früheren Gedichts.

Aichinger beschreibt ihr Lektüreerlebnis von Blochs Geschichte Der Berg, in der ein Jäger für einige Zeit im Berg verschwand, nach seiner Rückkehr nur auf den Kaiser-Friedrich-Mythos verwies, ansonsten jedoch nichts über seine Erlebnisse im Berg verlautbaren ließ und bald völlig verstummte. Lediglich dem Bischof hat er in der Beichte mehr davon erzählt, was diesen dazu bewog, sein Amt niederzulegen und ebenfalls dem Schweigen anheimzufallen. Beide starben bald darauf friedlich. Aichinger behauptet nun, von diesem Jäger – „von meinem Jäger“, wie sie schreibt – seither begleitet zu werden. Sie merkt an, dass dieser Jäger kein Gewehr trägt, es womöglich „im Untersberg“ stehen gelassen hat aufgrund seines dortigen Schauens. Auch Aichinger möchte wissen, was der Jäger nicht erzählt, jedoch ohne es sich berichten lassen zu wollen.

Der Jäger steht also hier für Aichinger nicht für Gewalt, er hat kein Gewehr, sondern für die Erkenntnis tieferer verborgener Wahrheiten und Aichinger strebt seinem Erlebnis nach. Die folgende Interpretation wird zeigen, inwiefern auch die Jäger unseres Gedichts so zu verstehen sind. Wichtig ist auch, dass Aichinger in der Folge vermutet, der Jäger habe im Untersberg den jüngsten Tag gesehen, der hier als hellster Tag beschrieben wird, und diese Helligkeit sowie die Abwesenheit von Dunkel wird mit Angst und Kälte verbunden. Sie meint, dass nur wenige wüssten, wie eine solche ewige Helligkeit ist, die ewige Nacht hingegen hätten wir „schon öfter um uns“. Sie fährt fort: „Aber der hellste Tag ist dem jüngsten Tag gemäßer als die finsterste Nacht. Wie sollte man auch im Dunkeln verhandeln und verurteilen können?“ Der jüngste Tag als letztes Weltengericht ist zwar letzte Wahrheit, aber durchaus eine verurteilende Wahrheit, die dem irdischen Leben ein Ende setzt. Bei Aichinger ist mit Licht, Helligkeit und Tag immer ambivalent der Schrecken und die Härte verbunden und auch das müssen wir im weiteren Durchgang durch das Gedicht berücksichtigen.

Die Jäger werden nun in der gleichen Zeile mittels einer Apposition als „meine Träume“ bezeichnet, wobei mittels des ä-Lauts ein Zusammenhang zwischen dem Handeln (täte), den Jägern und den Träumen unterstrichen wird. Die Träume spielen bei Aichinger eine wichtige Rolle und frühere Interpreten haben den offensichtlichen Zusammenhang zwischen diesem ersten und dem folgenden letzten Gedicht des Bandes betont (Verschenkter Rat, S. 106):

In einem

Und hätt ich keine Träume,

so wär ich doch kein anderer,

ich wär derselbe ohne Träume,

wer rief mich heim?

Dieses Gedicht hat eine gewisse Verlegenheit bei den Aichinger-Spezialisten hervorgerufen, da es doch gegensätzlich zu allen anderen Textstellen den Träumen eine Bedeutung für das lyrische Ich abzusprechen scheint. Allerdings läßt sich dieses Problem auflösen, indem man darauf hinweist, dass die letzte Zeile analog zur ersten als Konditional gelesen werden sollte (hätt / rief), woraus folgt, dass das Ich ohne Träume nicht heimgerufen würde, also zumindest die Heimat verloren hätte – schlimm genug.

Wir haben zwar schon gesehen, dass die in Gebirgsrand genannten Jäger nicht unbedingt ein Gewehr haben müssen, aber die Frage stellt sich, was sie denn eigentlich jagen, gleich ob mit oder ohne Waffe? Da sie Träume sind und im Zusammenhang mit dem eben Genannten, läßt sich annehmen, dass sie einer Form von Heimat oder Geborgenheit auf der Spur sind.

Die Jäger / Träume steigen „am Morgen“ nieder – das ist überraschend, da Jäger normalerweise früh am Morgen auf die Jagd aufbrechen, während Träume in der Nacht stattfinden also am Morgen zu Ende sind. Sie wären also nachts im Gebirge gewesen und kommen jetzt herunter, an den „Gebirgsrand“. Sollten es Träume sein, so waren sie nachts auf der Höhe und nähern sich am Morgen dem Wohnort der Menschen; als Jäger haben sie nachts gejagt, was auf das Jägerhandwerk direkt zwar nicht zutrifft, aber auf die Traumarbeit angewandt gelten gelassen werden kann. Man könnte auch deuten, dass sie auf Materialjagd im menschlichen Leben herunterkommen. Dass allerdings die Jäger zum Jagen niedersteigen, soll nicht ganz beiseite geschoben werden, verweist dies doch auf eine Jagd in tieferen Bewusstseinsebenen oder auch einfach in den Gefilden der Menschen.

Es besteht eine sprachliche Verwandschaft zwischen Gebirge und Geborgenheit, sodass die oben vermutete Jagd auf Geborgenheit in den Träumen eine Bestätigung erhält. Es ist bemerkenswert, dass Aichinger „der Gebirge“ statt des logischeren Singular „des Gebirges“ schreibt, es kann sich ja nur um ein Gebirge handeln. Damit wird das Bild gesprengt und dem Gebirge eine allgemeinere allegorische Dimension gegeben: es handelt sich wohl um Hohes, schwer Zugängliches oder eben um Geborgenes.

Offenbar ist am Morgen die Sonne aufgegangen, da sich „auf der Rückseite der Gebirge“ Schatten befindet. In diesem Schatten kommen die Jäger / Träume wieder hinab, während sie – wie implizit zu verstehen gegeben wird – ebenfalls im Schatten auf der Vorderseite am Abend aufgestiegen sind. Der Schatten scheint ihr Element zu sein. Er ist durch den Zeilensprung enger an das derart betonte „niedersteigen“ gebunden, was erneut auf die Tiefendimension verweist und ebenfalls eine Näherung beinhaltet aus der Perspektive der ja nicht im Gebirge sondern eher weiter unten am Gebirgsrand lebenden Menschen.

Die bei Aichinger positive Assoziation mit Schatten habe ich bereits angesprochen und möchte sie jetzt belegen. Im Gedicht Mägdemangel (VR, S. 19) werden die Schatten als „diese Tröster“ charakterisiert, in Rauchenberg (VR, S. 23) heißt es: „die erneuerte Spur der Schatten / reicht mir den Weg.“ Und auch im Gedicht Neuer Bund (VR, S. 87) zieht das lyrische Ich den Schatten der Sonne vor. Der Aufenthalt im Schatten ist also durchaus erstrebenswert, man könnte sogar das gesamte Gedicht so lesen, dass es gerade dieser Moment ist, in dem die Jäger / Träume im Schatten niedersteigen, der dem Ich so wesentlich ist. Das läßt sich dann in der Richtung deuten, dass es dieser Zwischenbereich ist, in dem es zwar schon Licht gibt, jedoch im Schatten nicht zuviel davon, und in dem die Träume erreichbar werden. Sie sind nicht mehr unerreichbar im hohen Gebirge, sie kommen zu uns herunter, gedeckt vom Gebirge vor allzu grellem Licht. Am Morgen gleich nach dem Erwachen sind wir der Traumsphäre noch nahe, unser Bewusstsein befindet sich an der Grenze zwischen Tagesbewusstsein und Unbewusstem. Es ist kein Zufall, dass bei Kafka zum Beispiel, in dessen Nähe Aichingers Werk oft gerückt wurde, so viele Geschichten in diesem Zustand ihren Anfang nehmen, man denke nur an Der Prozess und Die Verwandlung.

Jetzt kommen wir auch zum Titel des Gedichts zurück: der „Gebirgsrand“ ist eben gerade dieses Randgebiet, wo man zwischen Gebirge und Ebene sich befindet, wo man Zugang zu beidem hat. Es geht also letztlich um die Verbindung zweier Sphären, präziser: um die Unterstützung aus der Traumsphäre für das ansonsten unwirkliche Leben in der gesellschaftlichen Realität. In der Realität ohne diese andere Wirklichkeitsdimension hätte der Mensch seinen Sinn verloren.

Ilse Aichingers Poetik

In der Poetik Ilse Aichingers wird also die Überzeugung vertreten, dass allzuviel Licht, blendende Klarheit, der Wirklichkeit nicht beikommt, stattdessen bieten der Schatten, die Nuancen, das Zwischenreich die Möglichkeit, in die Wirklichkeit einzutreten. Das Misstrauen Aichingers gilt den klaren Gewissheiten, der linearen Logik, dem technischen Weltbild überhaupt. Martin Heideggers vielkritisierter Bremer Vortrag, in dem er landwirtschaftliche Technologien wie Legebatterien mit den Vernichtungslagern parallel setzte7, ist alles andere als eine Verharmlosung des Churban8, sie erkennt sehr wohl das wesentliche Grauen in der Beiden zugrundeliegenden Denkhaltung. Es ist gerade das Grauen einer alle widersprüchliche Komplexität ausschaltenden rücksichtslosen Funktionabilität.

Die Wirklichkeit ist jedoch mehr als die funktionierende Realität, und in diesem Sinne steht der Wirklichkeit auch bei Aichinger der Traum näher als der überkommene Alltag und seine Selbstverständlichkeiten.

Das hängt natürlich mit der unbedingten Individualität des Lebens zusammen, auf die Karl Krolov in seiner Laudatio auf Ilse Aichinger abzielt, wenn er sagt: „Nichts ist so unwiderruflich individuell wie Geträumtes, nichts so boden- und bedingungslos auf die Person bezogen, die träumt“9. Aber eine Bestimmung dieser Haltung als eine „träumerische Revolution […] gegenüber dem dingfesten Leben, gegenüber der Resolutheit des Sichtbaren, Erkennbaren, Beweisbaren“10 erscheint zwiespältig, da sie eine Fluchtbewegung in die von Kritikern so oft bemühte Traumwelt zumindest mitschwingen läßt. Darum gerade geht es Aichinger nicht.

Im Gespräch mit Hermann Vinke verweist Aichinger auf die „Exaktheit der Träume, ihre Präzision“ und stimmt ihrem Gesprächspartner zu, der formuliert: „Das wäre ein Stück Wirklichkeit in der Unwirklichkeit.“ Sie reagiert:

Ja, ein Stück viel größerer Wirklichkeit, als die Wirklichkeit damals und heute zu geben imstande ist. Die Wirklichkeit ist nicht imstande, ohne Gegenleistungen zu geben. Sie kommt nur hervor, wenn man sie kontert, wenn man sie nicht anerkennt, wenn man sich nicht anpaßt.11

Die Träume sind demnach gar keine Gegenwelt, um der Wirklichkeit zu entkommen, sie sind die genauere Wirklichkeit12, wohingegen die Realität unwirklich ist. Wirklichkeit ist also eine intensivere Seinsform als die vom gesellschaftlichen Leben gewöhnlich ermöglichte.

Der Verweis auf die Seinsphilosophie drängt sich auf, allerdings möchte ich mich dabei nicht auf Heidegger beziehen, dessen Sprachdenken essentialistisch mystifizierende Anklänge aufweist. Martin Bubers Dialogisches Prinzip13 hingegen verankert den Zugang zu einer intensiven Seinsform, die hier als „Wirklichkeit“ im Gegensatz zur „Realität“ bestimmt wird, in einer Ich-Du-Beziehung. Im Gegensatz zu einer Ich-Es-Beziehung, in der das oder der Andere als Objekt betrachtet wird, entsteht in der Ich-Es-Beziehung eine direkte Beziehung zwischen zwei Polen und ein verbindendes Zwischen, das aus dem Alltagsmodus in ein tiefer empfundenes Wahrnehmen der Wirklichkeit, also zur Wirklichkeit überhaupt, führt. Die Grundlage dieses Seinsdenkens liegt demzufolge in der ganz konkreten jeweiligen Beziehung zur umgebenden Welt.

Diese Konzeption läßt sich übertragen auf Aichinger, bei der es für diese intensive Beziehung zur Wirklichkeit eines Konterns bedarf, wie sie es ausdrückt, eines Nichtanerkennens. Darunter muss man wohl verstehen, dass das Vorgegebene in Frage gestellt wird und somit ein Bewusstsein erreicht wird, das beim Mitschwimmen mit dem Lauf der Zeit untergeht. Um im Bild zu bleiben, muss man also gegen den Strom schwimmen, um den Wasserwiderstand zu spüren und sich derart seiner selbst bewusst zu werden.

Diese Bewusstheit des Lebens ist für Aichinger Lebenssinn: „Nicht suchen, sondern das Suchen suchen. Das kommt mir als das Ziel vor.“14 In diesem Infragestellen, diesem Suchen, verliert das Leben seine glatte Selbstverständlichkeit und muss bewusst gelebt werden. Es geht dabei gegen die fraglose Einnahme des Lebens: „Ich schreibe gegen das Konsumieren, gegen das Konsumieren des Lebens überhaupt“15.

Bezeichnend für diese Überzeugung ist auch eine Szene aus dem Roman Die größere Hoffnung16: die jugendliche Ellen soll auf der Wachstube verhört werden, bringt jedoch mit ihren hintersinnigen Antworten den ordnungsgemäßen Ablauf durcheinander, wirft Fragen bei ihren Befragern auf und zeigt die Absurdität und Unwirklichkeit des militärischen Funktionierens, welches als Schlafen, Tod und Gefangensein bezeichnet wird. Sie möchte die Wachmänner aufwecken zum Traum. Am Ende fasst der Oberst, dem die Situation entgleitet, die Begrenztheit dieses militärischen Lebens im Realitätsprinzip zusammen. Er will den Traum verhindern und braucht dazu die eigene Einschränkung und das Vergessen:

Gebt euch zufrieden mit Namen und Adresse, hört ihr, es ist genug. Wiβt ihr nicht mehr, wieviel es bedeutet, ordnungsgemäβ gemeldet zu sein? Wiβt ihr nicht mehr, wie wohl es tut, in Reih und Glied zu gehen? […] Faβt die Saboteure, wenn die Nächte hell sind, schaut nicht zuviel in den Mond! Der Mann im Mond bleibt allein, der Mann im Mond trägt Sprengstoff auf dem Rücken. Es tut mir leid, wir haben keine Macht, ihn einzuliefern. Aber wir haben Macht, ihn zu vergessen.

Er beschuldigt dementsprechend Ellen „der Sabotage des Fragens und der unerwünschten Aussagen“.

Das ist natürlich das dichterische Programm Ilse Aichingers und dementsprechend reagiert ihre Heldin auf diese Anschuldigungen mit einer schlichten Bestätigung: „Ja“. Das in Aichingers Poetik weitverbreitete Prinzip der Paradoxie führt zu einer subversiven Erweichung von Verknöcherungen17. Es geht ihr dabei um eine Form der Eigentlichkeit, die immer nur als ein Gegen, ein Kontern, erreicht werden kann, ihr Gegenanschreiben gegen die Sprachen der Wissenschaft und des Alltags ist ein Widerstand gegen Systembildung18, welche natürlich gleichgesetzt wird mit Automatisierung, folglich Unbewusstheit, folglich Unwirklichkeit.

Der Einsatz für das Wort, ganz im Sinne von Viktor Šklovskijs „Auferweckung des Wortes“ im russischen Formalismus, zielt auf Bewusstsein und auf die Besinnung auf die wahre gelebte Wirklichkeit ab, im Gegensatz zum unbewussten Funktionieren im gesellschaftlichen Zusammenhang. Dem festgestellten und archivierbaren Wissen setzt Aichinger ihre genauen und eben aus der Perspektive der Lebensintensität genaueren Ahnungen entgegen. Ihre Literatur besteht also in einer permanenten Subversion, permanent, weil für eine solche Haltung nichts jemals gesichert sein kann, da Sicherung bereits System und Automatisierung bedeutet. Dem gilt es sich zu verweigern, von den Rändern her zu sprechen, zu widersprechen19.

Deshalb besteht Ilse Aichinger immer wieder darauf, dass die Privatheit ihrer Dichtung genau das Gegenteil dessen bedeutet, was man ihr damit unterschieben möchte: sie ist gerade durch die Privatheit engagiert. Denn privat bedeute laut Wörterbuchdefinition ‚den Einzelnen betreffend’, und Wirklichkeit könne immer nur individuell wahrgenommen werden20. Dementsprechend fasst Aichinger Sprache als individualisierte Sprache auf und folgt damit dem Sprachdenken Wilhelm von Humboldts, der Sprache als „todtes Gerippe“ bezeichnete, solange sie nicht im Zusammenhang des jeweiligen Sprechens belebt wird21. „Sprache ist privat“22, sagt Aichinger,

Sprache ist, wo sie da ist, für mich das Engagement selbst, weil sie kontern muß, die bestehende Sprache kontern muß, die etablierte Sprache, weil sie fort muß aus dem Rezept der Wahrheit in die Wahrheit, weil sie das Gegenteil von Etabliertheit sein muß, aus sich selbst.23

Wahrheit, sobald sie Rezept geworden ist, ist keine mehr, das gleiche gilt von der Wirklichkeit. Und das greift dann auch die Vorstellung des Engagements an: ein Engagement, welches das System auf direkte Weise, mittels vermeintlich klarer Kommunikation von Zielen, verändern möchte, hat sein Ziel, hat den Menschen schon verraten, da es bereits mit einem anderen System, mit Worthülsen operiert. Das ist das Dilemma des Engagements, es kann nur die jeweilige Form, nicht das Wesentliche ändern. Aichingers Engagement möchte radikaler sein im Wortsinn, an der Wurzel ansetzen – und das bedeutet für sie im Selbst des individuellen Menschen, also im Denken, also in der Sprache.

Das Aichinger’sche Misstrauen ist folglich auch eines gegenüber der vermeintlich klaren Kommunizierbarkeit von Wirklichkeit. Misstrauen wäre ein Misstrauen gegenüber der Sprache in der Sprache. Woraus sich natürlich auch die herausragende Rolle des Schweigens in Aichingers Poetik erklärt, ein Schweigen, das selbstverständlich nichts mit Ausdruckslosigkeit zu tun hat, sondern im Gegenteil bedeutsamer als Reden ist und als solches in die Rede einfließen muss. Schreiben ist für sie die beste Möglichkeit zu schweigen, wie sie sagt24. Es ist also auch Ausdruck von Elementen, die ansonsten verloren gehen. Das Schreiben, und in der Folge die Lektüre des Geschriebenen, erlaubt, Dinge wahrzunehmen, die sich anders – beim Reden, in der Alltagssprache? – schlechter vermitteln lassen. Es klingt also ein Misstrauen gegenüber dem gängigen Kommunikationsbegriff mit. Schreiben, Dichtung, tut mehr als Kommunizieren. Wir geraten in den Bereich des „Unsagbaren“, ein bedeutender Topos der deutschen Nachkriegsliteratur.

Das Engagement sogenannter „hermetischer Dichtung“ im Zusammenhang mit der geistesgeschichtlichen Situation nach dem Nationalsozialismus, Adorno und Arendt

In diesem Zusammenhang müssen wir auch auf den ganzen Komplex zu sprechen kommen, der gebunden ist an das sogenannte Verdikt Adornos, nach Auschwitz sei es barbarisch, ein Gedicht zu schreiben. Die Geschichte dieses Zitats ist sehr wechselhaft, zumeist jedoch geprägt durch in der Verkürzung gründende Fehlinterpretation25, deshalb zunächst das ganze Zitat26:

Je totaler die Gesellschaft, um so verdinglichter auch der Geist und um so paradoxer sein Beginnen, der Verdinglichung aus eigenem sich zu entwinden. Noch das äußerste Bewußtsein vom Verhängnis droht zum Geschwätz zu entarten. Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben. Der absoluten Verdinglichung, die den Fortschritt des Geistes als eines ihrer Elemente voraussetzte und die ihn heute gänzlich aufzusaugen sich anschickt, ist der kritische Geist nicht gewachsen, solange er bei sich bleibt in selbstgenügsamer Kontemplation.

Aichingers Bemühen um das Misstrauen und die Form ihres Schreibens lässt sich nicht trennen von dem „Zivilisationsbruch“27, für den die Chiffre Auschwitz steht, auch bei Adorno. Adornos Denken der kulturellen Situation nach Auschwitz steht also parallel zu Aichingers Poetik und erhellt diese.

Adornos Aussage muss im Rahmen seiner allgemeinen Kulturkritik verstanden werden, die aus der „Auschwitz“-Erfahrung resultiert, und „Gedicht“ ist Chiffre für Kultur. Es geht also gar nicht so sehr um das Gedicht als vielmehr um die Dialektik von Kultur und Barbarei, das heißt um die Möglichkeit von Kunst überhaupt nach „Auschwitz“, beziehungsweise um die Notwendigkeit für die Kunst, „Auschwitz“ zu reflektieren. Wobei nicht vergessen werden sollte, dass „Auschwitz“ für Adorno nur die letzte Stufe und den Höhepunkt eines langen Prozesses bedeutet, also nicht zu trennen ist von der gesamten westlichen Kulturgeschichte seit der Aufklärung. Nach diesem Ereignis könne Kunst nurmehr sein, sofern sie dieses Ereignis aufgegriffen hat, natürlich nicht unbedingt auf direkte Art. Und Adorno deutet im letzten Satz des Zitats bereits eine Engagement-Forderung an die Kunst an.

Nun ist es leider so, dass aufklärerisches Engagement, wie Adorno zusammen mit Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung28 dargestellt hat, dialektisch verläuft, also bereits im Ansatz neue Mythologien beziehungsweise gegenläufige Prozesse mit sich führt. Denn Aufklärung als Beherrschung übt Zwang auch auf sich selbst aus, Erkenntnis wird instrumentalisiert, Kultivierung beinhaltet immer auch gegen den Menschen gerichtete Gewalt29.

Die deutsche Bildungsbeflissenheit nach 1945 bewertet Adorno dementsprechend als Verdrängungsdiskurs, der den grundsätzlichen Zivilisationsbruch durch den Nationalsozialismus leugnet30. Sven Kramer fasst das folgendermaßen zusammen: „Die Beschwörung des Geistigen verdecke vielmehr das dem Geist Inkommensurable.“31 Es ist also „nach Auschwitz“ nicht mehr möglich, mit herkömmlichen humanistischen Kulturvorstellungen die Barbarei zu bannen, im Gegenteil, diese würden sich letztlich zum Komplizen jener Barbarei machen, da sie das Geschehene vertuschen. Es handelt sich also um ein Dilemma: der Appell an die Kulturkräfte wird selbst Teil der Barbarei, der man entgegenwirken möchte. Der einzige sich bietende Ausweg ist für Adorno, einen Kulturbegriff zu entwickeln, der imstande ist, das was geschah mit aufzunehmen. Es muss also ein Kulturbegriff sein, der sich jeder Einordnung und Verwaltbarkeit entzieht, der also in Verweigerung besteht. Kultur könne nur kritisch sein, sofern sie grundsätzlich ein kritisches Element gegenüber jeder Institution und Allgemeinheit sei; jede Eingliederung in eine Institution mache sie verfügbar und reihe sie ein in die Unterdrückungsmechanismen der der Barbarei zugesellten Verwaltung32.

So verstanden ist eben auch die Tätigkeit des Gedichteschreibens, wohl als Inbegriff des Kulturellen gewählt, Teil einer Kulturindustrie, die der Barbarei zugehört. Adorno sieht wenig Hoffnung, dem zu entgehen. Noch in der Negativen Dialektik schreibt er33:

Wer für Erhaltung der radikal schuldigen und schäbigen Kultur plädiert, macht sich zum Helfershelfer, während, wer der Kultur sich verweigert, unmittelbar die Barbarei befördert, als welche die Kultur sich enthüllte. Nicht einmal Schweigen kommt aus dem Zirkel heraus; es rationalisiert einzig die eigene subjektive Unfähigkeit mit dem Stand der objektiven Wahrheit und entwürdigt dadurch diese abermals zur Lüge.

Adorno entwickelt in der Folge eine Möglichkeit, dieses Dilemma zu kontern, in der Form des Essais, die für ihn den Versuchscharakter alles Bestimmens und die Möglichkeit seines Scheiterns beinhaltet. In der Kunst sei ein direktes Engagement unmöglich, Adorno sagt von der Kunst: „helfen könnte nur, wenn sie nicht sich gebärdet, als ob sie ihm [dem Menschen] hülfe.“34 Das im obigen Zitat von Adorno verworfene Schweigen jedoch ist wohl ein ebenso gültiger Versuch, den Churban zu reflektieren, sofern es ins dichterische Sprechen integriert wird und somit dem Schweigen eine Form gibt. Es ist nur konsequent, dass diejenigen Dichter der Nachkriegszeit, die sich am intensivsten und reflektiertesten mit dem Churban auseinandersetzten – Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Nelly Sachs und eben auch Ilse Aichinger – durchgehend das Schweigen zum konstitutiven Element ihrer Poetik gemacht haben. Dies ist selbstverständlich nicht als Widerlegung des Adorno’schen Diktums zu verstehen, es soll nur eine Reflexionsfähigkeit des Poetischen aufweisen, die – wie Adorno in der Philosophie mit dem Gedanken der Form des Essais – eine Möglichkeit des Umgangs mit der nach wie vor ernstzunehmenden Adorno’schen Erkenntnis eröffnet.

Im Gegensatz zu Adorno, für den die durch Auschwitz hervorgerufene Erkenntnissituation auch die Kunst umfasst, glaubte Hannah Arendt an die Erzählbarkeit des Ereignisses Auschwitz, und diese forderte sie ein, auch wenn sie nur zu Trauer und Verzweiflung führen könne35. Allerdings hat auch Adorno der Kunst später noch eine nicht barbarische Seinsmöglichkeit als Utopie zugestanden: als Erfüllung der Kunst im richtigen Leben36. Bei Arendt hingegen besteht die Geschichte als Erinnerbare aus Unterbrechungen, diese jedoch bilden zunächst lediglich den „Stoff der Geschichte“ und werden erst dadurch geschichtlich, dass sie poietisierend verwandelt werden37. Thomas Schestag fasst das folgendermaßen zusammen: „erst die erzählten Geschichten sind Geschichte.“38 Und er führt den Arendt’schen Gedanken an gleicher Stelle aus:

Geschichtlich ist erst das Gedicht. Und zwar einzig und allein jenes Gedicht, das der geschehenen Unterbrechung entspricht. Diese Entsprechung geschieht nicht dadurch, daß in konventionellen sprachlichen Formen von unerhörten außerordentlichen Begebenheiten erzählt und berichtet wird, sondern die Entsprechung geschieht – entsprechender – als Einbruch eines unerhörten sprachlichen Artefakts in den geläufigen pragmatischen Umgang mit Sprache.

Die Unterbrechung muss also auch auf sprachlicher Ebene stattfinden, damit sie vom Rande her das Gewohnte durchbricht und somit gerade in seiner Unerhörtheit Erinnerung und damit Geschichte schafft.

Sind wir jetzt abgekommen vom Aichinger’schen Gedicht, das ja gar keine erkenntlich geschichtliche Begebenheit erzählt?

Gerade hier, scheint mir, treffen wir es erst wirklich. Denn es stellt gerade in seiner Sperrigkeit einen Bruch mit dem pragmatischen Umgang mit Sprache dar. Durch sein Verweigern einer klar zu verortenden Kommunikation schafft es die von Arendt eingeforderte geschichtliche Unterbrechung. Weil es nicht einfach aufgenommen werden kann, regt es zu eigenem Denken an. Und als ein solches Gedicht erst entspricht es dem zu Erzählenden in seiner Unerhörtheit.

Ein solches Vorgehen ist durchaus historisch bedingt und als solches erkannt, die Göttinger Forschungsgruppe zur Gruppe 47 verweist auf Walter Höllerers Vorwort zu seiner bedeutenden Lyriksammlung Transit aus dem Jahre 1956, in der dieser den individuellsten Ausdruck als objektivsten bezeichnet. Höllerer begründet dies damit, dass die „Wahrheit des lyrischen Moments“ sich in seinem wesentlichen Gegenwartscharakter an den starren Strukturen der Zeit stoße. Das Gedicht sei also ein Benennen der noch nicht bewusst gewordenen Zeittendenzen39. Die Forschungsgruppe kommentiert das folgendermaßen:

Gerade indem also die Lyrik am utopischen Anspruch von Literatur festhielt, wurde sie in dem Maße in die Abstraktion gedrängt, in dem die Gesellschaft sich verschloß. Die Lösung vom Gegenständlichen, von der deutbaren Metapher, wurde begriffen als ein Akt der Befreiung […].40

Die Dichtung war also das geeignetste Mittel zum Aufbrechen des Systems, sie war Widerstand gegen die gesellschaftliche Erstarrung, was auch ihre Blüte in den fünfziger Jahren erklärt. Aichingers Dichtung ist also wirklich in ihrer Historizität radikal, was Aichinger ja auch für sie beanspruchte und was jetzt erkannt werden kann. Die Göttinger Forschungsgruppe fasst zusammen:

Esoterik, Verweigerung von Kommunikation durch monologische Lyrik, Rückzug in Abstraktion und Entgrenzung der Möglichkeiten von Sprache – eine radikalere Kritik an der alltäglichen Realität durch Literatur mochte in den fünfziger Jahren kaum möglich gewesen sein41.

Gerade das poetische Sprechen kann also eminent politisch sein, wie Schestag herausstreicht:

Das Ziel sprachlichen Handelns, Inbegriff des Politischen, ist die Poietisierung des handelnden Worts, die Risse durchs Milieu kommunikativen Handelns legt, weil sie das Wort aus allen Handlungs-, Gebrauchs- und Verweiszusammenhängen herauslöst und zum Erinnerungsstück verdichtet.42

Dieser Protest gegen den herrschenden Diskurs beinhaltet jedoch ebenfalls die Gefahr der Unverständlichkeit und der Abgehobenheit, wodurch die Lyrik in eine paradoxe Stellung geriet. Gerade in ihrem Engagement konnte sie als bloße „Sprachartistik“ wahrgenommen werden43.

W.G. Sebalds Kritik an der Nachkriegsliteratur soll also nicht einfach abgewiesen werden. Er vertritt gegen die Verleugnungstendenzen gegenüber den durchlebten Schrecknissen das Ideal des Wahren und eine unprätentiöse Sachlichkeit. Dichtung ist ein Kontern, ein Aus-dem-Rahmen-fallen. Die Unerhörtheit ist ein essentielles Element des Dichterischen. Diese kann sich natürlich, sofern sie sich gerade dadurch vom Diskurs ihrer Zeit absetzt, auch in glasklarem Realismus äuβern. Und jede Zeit ist vielschichtig, für Manichäismus in Bezug auf das Dichterische bleibt da kein Platz. Sebald behauptet: „Umgekehrt ist die Herstellung von ästhetischen oder pseudoästhetischen Effekten aus den Trümmern einer vernichteten Welt ein Verfahren, mit dem die Literatur sich ihrer Berechtigung entzieht.“44 Dieser Einwand ist ernstzunehmen, verkennt jedoch die Berechtigung, der Realität eine andere Wirklichkeit entgegenzustellen: ein Geschaffenes – was ja Poetik letztlich bedeutet, poein, machen. Und somit hat gerade diese sogenannte privatistische Dichtung in ihrer Zeit das Potenzial, auf diese Realität einzuwirken, sie mitzugestalten, statt sie zu erleiden. Das hat nichts mit Realitätsverleugnung zu tun, im Gegenteil.

Aichingers privatistische Lyrik ist folglich alles andere als gesellschaftsabgewandt, sie ist vielmehr die Möglichkeit überhaupt, der Affirmation der die Kultur zerstörenden Kulturindustrie entgegenzutreten. Somit ist sie wahres Engagement gegen den Mißstand der Zeit. Ein Engagement, das eben in seiner kulturgeschichtlichen Situation nurmehr von den Rändern aus, im Austausch mit den Gebirgen, erfolgen kann.

Endnoten

1in: Gottfried Benn, “Doppelleben”, in: Sämtliche Werke, Bd. V, Stuttgarter Ausgabe, Hg. Gerhard Schuster, Klett-Cotta, Stuttgart, 1991, S. 87, 91-94, 97.

2Ilse Aichinger, “Aufruf zum Mißtrauen”, in: Samuel Moser (Hg.), Ilse Aichinger. Materialien zu Leben und Werk, Fischer, Frankfurt am Main, 1990, S. 16-17.

3Ilse Aichinger, Verschenkter Rat. Gedichte, Taschenbuchwerkausgabe in acht Bänden, herausgegeben von Richard Reichensperger, Fischer, Frankfurt am Main, 2001 (1991), S. 13. Alle Zitate beziehen sich auf diese Ausgabe, ohne dass es im Folgenden präzisiert werden wird.

4Vera Neuroth (Sprache als Widerstand. Anmerkungen zu Ilse Aichingers Lyrikband ‚Verschenkter Rat’, Frankfurt am Main, u.a., 1992, S. 229-231) hat in ihrer Untersuchung von Aichingers Dichtung ausgezeichnete formale Analysen vieler Gedichte geliefert, in dieser Hinsicht kann ich bei diesem Gedicht kaum etwas hinzufügen, allerdings scheint mir die darüber hinausgehende Interpetation nicht immer überzeugend, wenngleich ungleich viel nachvollziehbarer als die trotz übereinstimmender formaler Analyse ganz gegensätzliche Interpretation des Gedichts durch Dagmar Lorenz (Ilse Aichinger, Athenäum, Königstein im Taunus, 1981, S. 216).

5Hilde Spiel setzt ihr Lob an Aichingers Gedichten stark ab von einer Distanzierung gegenüber der Prosa, in der sie Aichinger nicht immer zu folgen vermag, da die äußere Realität ihres Erachtens nurmehr allzu spurenhaft auftritt (Hilde Spiel, „Eh die Träume rosten und brechen“, in: Moser, Ilse Aichinger, S. 246-250).

6Kleist, Moos, Fasane, S. 34-38.

7Martin Heidegger, „Bremer Vorträge 1945, Das Ge-Stell“, Gesamtausgabe Bd. 79,V. Klostermann, Frankfurt/Main, 1994, S. 24-45. Hier: S. 27:

Durch solches Bestellen wird das Land zu einem Kohlenrevier, der Boden zu einer Erzlagerstätte. Dieses Bestellen ist schon anderer Art als jenes, wodurch vormals der Bauer seinen Acker bestellte. Das bäuerliche Tun fordert den Ackerboden nicht heraus; es gibt vielmehr die Saat den Wachstumskräften anheim; es hütet sie in ihr Gedeihen. Inzwischen ist jedoch auch die Feldbestellung in das gleich Be-Stellen übergegangen, das die Luft auf Stickstoff, den Boden auf Kohle und Erze stellt, das Erz auf Uran, das Uran auf Atomenergie, diese auf bestellbare Zerstörung. Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben.

Heidegger hat bereits unter dem Nazi-Regime mit seiner „Kehre“ die Technik aus diesen Gründen kritisiert, vgl. dazu Silvio Vietta: Heideggers Kritik am Nationalsozialismus und an der Technik, Niemeyer, Tübingen, 1988.

8Es handelt sich hierbei um einen von Manès Sperber eingeführten Begriff für das, was im deutschen Sprachraum allgemein als Holocaust bezeichnet wird. Holocaust bedeutet jedoch „Brandopfer“ und ist deshalb ein unangemessener Begriff, ebenso wie das in Frankreich gebräuchliche Shoah, das eine Naturkatastrophe bedeutet, Churban hingegen ist eine von Menschen gemachte Katastrophe. Der Begriff wird in Israel zunehmend verwendet und sollte sich weltweit durchsetzen.

9Karl Krolov, “Laudatio zur Verleihung des Nelly-Sachs-Preises 1971”, in: Ilse Aichinger. Materialien zu Leben und Werk, Hg. Samuel Moser, Fischer, Frankfurt am Main, 1990, S. 83-89, S. 84.

10Krolov, S. 87.

11 „Gespräch mit Hermann Vinke, 1980”, in: Ilse Aichinger. Materialien zu Leben und Werk, Hg. Samuel Moser, Fischer, Frankfurt am Main, 1990, S. 30-35. Hier: S. 32 f.

12In einem Gespräch mit Brita Steinwendtner verwahrt sich Ilse Aichinger gegen die Einschätzung ihrer Literatur als Phantasie: „Das Wort Phantasie habe ich schon als Kind gehaßt. Ich wollte keine Phantasie, ich wollte die Wirklichkeit genau, so genau es geht.“ In: „Ein paar Fragen in Briefen. Gespräch mit Ilse Aichinger“, in: Kurt Bartsch/ Gerhard Melzer (Hg.), Ilse Aichinger, Droschl, Graz, 1993, S. 7-13. Hier: S. 12.

13Martin Buber, Das dialogische Prinzip, Verlag Lambert Schneider, Heidelberg, 1973 (ab 1923).

14Zitiert von Luzia Stettler, in: “’Stummheit ist immer wieder in Schweigen zu übersetzen, das ist die Aufgabe des Schreibens’”, in: Ilse Aichinger. Materialien zu Leben und Werk, Hg. Samuel Moser, Fischer, Frankfurt am Main, 1990, S. 36-40. Hier: S. 38.

15Stettler, S. 36.

16Ilse Aichinger, Die gröβere Hoffnung, Fischer, Frankfurt am Main, 2005 (1991), S. 206-211.

17So formuliert Neva Šlibar in ihrem Aufsatz „‚Definieren grenzt an Unterhöhlen’. Ambiguisierte Paradoxie in Ilse Aichingers Gedichten (Zdenko Škreb zugeeignet in dankbarem Gedenken)“, in: Kurt Bartsch/ Gerhard Melzer (Hg.), Ilse Aichinger, Droschl, Graz, 1993, S. 55-87. Hier: S. 55.

18Šlibar, S. 58.

19Vgl. Šlibar, S. 77-78: „Im Sinne einer ‚permanenten Subversion’ wird Definieren, werden die genauen Ahnungen zum Thema und dichterischen Programm, gültig, solange Verweigerung, Widerspruch und das Leben an den Rändern als Optionen bestehen und funktionalisiert werden“.

20Ilse Aichinger in: „Gespräche mit Heinz F. Schafroth“, in: Ilse Aichinger. Materialien zu Leben und Werk, Hg. Samuel Moser, Fischer, Frankfurt am Main, 1990, S. 25-29. Hier: S. 25.

21Wilhelm von Humboldt, „Ueber die Verschiedenheiten des menschlichen Sprachbaues“ [1827-1829], in: Werke in fünf Bänden, Band 3, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1979 (1963), S. 144-367. Hier: S. 186.

22Ilse Aichinger in Heinz F. Schafroth: „Gespräche mit Ilse Aichinger“, in: Ilse Aichinger. Materialien zu Leben und Werk, Hg. Samuel Moser, Fischer, Frankfurt am Main, 1990, S. 25-29. Hier: S. 25.

23Ibid., S. 29.

24In: Schafroth, „Gespräche mit Ilse Aichinger“, S. 26: „Es [das Schreiben] bedeutet für mich den Versuch, zu schweigen, vielleicht schreibe ich deshalb, weil ich keine bessere Möglichkeit zu schweigen sehe.“

25Vgl. zur Rezeptionsgeschichte, Hintergrund und Umfeld: Peter Stein, „‚Darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben.’ (Adorno). Widerruf eines Verdikts? Ein Zitat und seine Verkürzung“, in: Weimarer Beiträge, 1996, Heft 4, S. 485-508. Außerdem: Sven Kramer, „‚Wahr sind die Sätze als Impuls…’. Begriffsarbeit und sprachliche Darstellung in Adornos Reflexion auf Auschwitz“, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 1996, Heft 3, S. 501-523. Ebenfalls bezüglich der Folgen dieses Tatbestandes für die Dichtung: Günther Bonheim, Versuch zu zeigen, daß Adorno mit seiner Behauptung, nach Auschwitz lasse sich kein Gedicht mehr schreiben, recht hatte, Königshausen & Neumann, Würzburg, 2002.

26Theodor W. Adorno, „Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft”, in: Gesammelte Schriften, Bd. 10.1., Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1977, S. 11-30. Hier: S. 30 (1951 erstveröffentlicht, 1949 geschrieben).

27Vgl. Dan Diner (Hg.), Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Fischer, Frankfurt am Main, 1988.

28Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Fischer, Frankfurt am Main, 1991 (1944).

29Siehe auch Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, Studienausgabe IX, Fischer, Frankfurt am Main, 1989 (1930) , S. 191-269.

30Vgl. „Die auferstandene Kultur“, in: Gesammelte Schriften, X, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1977, S. 453-464.

31Kramer, S. 506.

32Vgl. „Kultur und Verwaltung“, in: Gesammelte Schriften, VIII, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1972, S. 122-146.

33Adorno, „Negative Dialektik”, Gesammelte Schriften, VI, Frankfurt am Main, 1973, S. 7-412. Hier: S. 359.

34Adorno, „Engagement” (1962), in: Noten zur Literatur III, Frankfurt am Main, 1965, S. 133.

Zur Entwicklung von Adornos Vorstellungen im Rahmen der Debatte über sein Diktum verweise ich erneut auf Peter Stein.

35Hannah Arendt, „Das Bild der Hölle“ [1946], in: Nach Auschwitz. Essays & Kommentare, Hg. E. Geisel / Kl. Bittermann, Berlin, 1989, S. 51.

36Adorno, Negative Dialektik, S. 353 ff.

37Hannah Arendt, Natur und Geschichte, S. 61 f.

38Thomas Schestag, Die unbewältigte Sprache. Hannah Arendts Theorie der Dichtung, Engeler, Basel/ Weil am Rhein, 2006, S. 52.

39Walter Höllerer, Transit. Lyrikbuch der Jahrhundertmitte, Frankfurt am Main, 1956, S. X:

Die Wahrheit des lyrischen Moments will kein verschlafenes, unverwandeltes Zurück zulassen, keinen Ausverkauf an die Vergangenheit. Das Gedicht stößt sich dabei an entgegenstarrenden Vorgängen ringsum. – Der individuellste Ausdruck wird so der objektivste. Denn es besteht eine, wenn auch oft komplizierte, Beziehung des Gedichts zu dem, was nicht nur vom Dichter, sondern von seiner Zeitgenossenschaft als erreichbarer Bewußtseinhorizont geahnt wird, der aber außerhalb der Dichtung noch nicht mit Worten benannt ist.

40Die Gruppe 47, Sonderband Text + Kritik, H.L. Arnold (Hg), 2004, S. 111.

41Ibid. S. 113.

42Schestag, S. 87.

43Die Gruppe 47, S. 112: „Solcher Protest der Lyrik gegen die Realität war ein Protest der beweglichen Sprache gegen die Erstarrung. Er mußte sich dem Vorwurf stellen, daß er zu bloßer Sprachartistik führe.“

44W.G. Sebald, Luftkrieg und Literatur, Fischer, Frankfurt am Main, 2005 (1999), S. 59.

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