Ein kleines Bild von Meese vor dem Tresor

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Rainald Goetz‘ buchcoverholtrophat in seinem Roman vom „kaputtbezahlten“ Manager Johann Holtrop eine Figur erschaffen, die das Verdrängende in ihrem Aufstieg beispielhaft verkörpert. Den Platz einzunehmen, an dem wir ihn am Anfang der Erzählung vorfinden, hat Opfer gefordert – die aber nicht von ihm selbst gebracht wurden:

„Holtrop saß konzentriert und böse hinter seinem Schreibtisch. Er hatte auf seinem Weg nach oben nicht wenige Weggefährten am Rand stehen gelassen, so manche hatte er im Vorbeigehen wegstoßen müssen und genügend viele gegen deren Widerstand auch brutal und eigenhändig in den Abgrund, an dem der gemeinsame Weg nach oben entlangführte, hinuntergestoßen.“

Einem Menschen wie Holtrop ist unbekannt, was die christliche Theologin Lydia Jaeger so formuliert: „Denn jeder ist berufen, seinen eigenen Ort zu bewohnen, nicht den eines anderen.“ Auch aus jüdischer Sicht lässt sich Holtrop in seiner Verfehlung begreifen: Rabbi Menachem Mendel Schneerson, der Lubawitscher Rebbe findet dafür die bestechende Formel:

„Jemand, der von sich selbst eingenommen ist, füllt den Raum um sich herum aus. Es gibt einfach keinen Platz mehr für jemand anderen. Deshalb verachtet er andere schon deshalb, weil sie Raum einnehmen. Er mag andere Gründe für seine Verachtung nennen, diese sind allerdings nebensächlich. Das nennt man schamlosen Hass. Das ist der Grund für unser Exil. Er ist der Kern alles Bösen. Dagegen gibt es nur ein Heilmittel, schamlose Liebe“

„Johann Holtrop“ handelt nur von diesem Hass, dieser Verachtung, die sich nicht schämt. Vom Heilmittel der Liebe handelt es nicht. Holtrop scheint es nicht kennen gelernt zu haben. Es gibt jedenfalls niemanden, der ihn den Gebrauch des Mittels lehren könnte. Seine Ehefrau ist der einzige gute Mensch in seiner Umgebung, aber sie hat keinen Einfluss auf ihn. Er nimmt zwar ihre Skepsis wahr, als er einen Feind in sein Leben holt, den „Finanzimpresario“ Mack, aber er ignoriert dieses Signal genauso wie er seine eigenen Befürchtungen zurückdrängt.

Der Roman zeigt uns, wie Holtrop schließlich alles verliert, auch sein Leben. Das letzte Kapitel, in dem er stirbt, ist mit dem Motto „je ne sais rien de moi/ je ne sais même pas le date/ de ma mort“, eine Erkenntnis, die ironisch als Geisterstimme herein flattert. Niemand kennt das Datum seines Todes, nur jemand, der seinem Leben selbst ein Ende setzt und den Tag festlegt. Holtrop will zunächst sterben, entscheidet sich dann wieder dagegen, doch ist es schon zu spät. Die Art seines Todes ist ein Hinweis darauf, wie das Leben der Figur abschließend anzusehen ist: Holtrop, zum Selbstmord entschlossen, läuft einem Zug schon auf dem Bahndamm entgegen: „Er war dankbar, auch für die Einsicht, dass es falsch war, dieses Leben wegzuschmeißen, und lachte auf. Entschlossen, vor der sicher noch zehn Meter entfernten Eisenbahnlokomotive von den Gleisen herunterzuspringen, tat Holtrop den rettenden Schritt mit dem rechten Fuß wütend, zu heftig, rutschte aus, stürzte, schaute hoch und: war tot.“ Die Anmaßung, die es bedeutet, sein Leben erst wegwerfen und dann im nächsten Moment doch wieder behalten zu wollen, zeigt besser als jede andere Handlungsweise der Figur, dass jedes Gefühl der Geschöpflichkeit fehlt.

Doch die Todesart in ihrer „Zufälligkeit“ weist auch auf etwas hin, das Martin Buber in seiner Auslegung des 73. Psalms (Anfechtung und Trost beim Glück des Gottlosen) entdeckt.

In seinem Buch „Recht und Unrecht. Deutung einiger Psalmen“ (1952) behandelt Buber fünf Psalmen, die, wie er in der Einleitung schreibt, von „dem Verhältnis zwischen dem Rechttun und dem Unrechttun“ erzählen. Der Psalmist behandelt im 73. Psalm Erfahrungen, die mit dem Satz zusammengefasst werden können. „Warum glückt der Weg der Frevler?“ Diese Frage des Propheten Jeremia drückt für Buber am besten die Illusion aus, der wir immer erliegen, wenn wir Ungestraftheit mit ansehen. In seiner Bibel-Übersetzung klingt es so:

„…Da sind nun diese: Frevler,

zufrieden hin in die Zeit

haben sie Macht erlangt…“

Was der Psalmist schließlich erkennt, nach langem Leiden und Hadern mit Gott, ist ein Gesetz, den Sinn des Widerspruchs:

„…nur auf Schlüpfriges hast dus ihnen gesetzt,

in Berückungen lässest du sie verfallen.

Wie werden sie zu Starrnis im Nu,

verenden, verscheiden vor Grausen!

Wie einen Traum nach dem Erwachen, mein Herr,

verlachst du, wenn du dich regst, ihr Schattengebild…“

Buber zeigt, dass der Psalm keine Hoffnung auf eine diesseitige Wiedergutmachung ausspricht, sondern: „es bedeutet in der Sprache des modernen Denkens, dass die Schlechten nicht wahrhaft existieren, und ihr Ende bringt nur diese Änderung herbei, dass sie ihre Nichtexistenz, deren Ahnung zu verdrängen ihnen immer wieder gelang, nun unverdrängbar erfahren. Ihr Bestand war „auf Schlüpfriges gesetzt“, er war darauf angelegt, aus der „Berückung“ ins Wissen der eigenen Nichtigkeit zu entgleiten…Ihr Dasein ist ein Schattengebild in einem Traume Gottes gewesen. Gott erwacht, schüttelt den Traum ab und sieht verächtlich dem zerfließenden Schattenbild nach.“

Rainald Goetz ist es mit seinem Roman meisterhaft gelungen, genau diese Form der „Nichtexistenz“ darzustellen. Erst Holtrops Schritte auf den Bahngleisen führten es mir auf den letzten Seiten vor Augen.

Wenn jedes Gefühl dafür, ein Geschöpf zu sein, fehlt, welcher Platz wird dann Gott in dieser Welt zugewiesen? Wenn Gott einmal direkt beim Namen genannt wird, ist er eine Art Götzenbild in einer Nische, das ins Spiel kommt, wenn man Schwierigkeiten befürchtet. So heißt es in einem Selbstgespräch des Medienunternehmers Binz: „Bisher war es immer gutgegangen. „Gott sei mit denen die ihn brauchen“, sagte Binz, „und so auch mit mir.“ Das war Binz’ Schnellnovene an den Gott der Frankfurter Börse. Ohne göttliche Hilfe könnte es diesmal eng werden. Aber vielleicht hatte Gott angesichts von Binz’ Notlage und der bei Gott deponierten Erinnerung daran, dass gerade die Notleidenden einen Anspruch auf Gottes Hilfe hätten, ein Einsehen, dem eigentlich die Bereitschaft Gottes folgen könnte, Binz zu helfen. Vor dem Hintergrund seines Gottvertrauens, das alles, insbesondere seine Geschäfte umfasste und nicht so völlig anders als andere geschäftliche Kalküle angelegt war, hatte Binz eigentlich nichts zu befürchten und alles zu hoffen.“

Christus kommt hier nur in musealer Gestalt vor, in einem Altarbild, das dem ursprünglichen Ort der Verehrung und Vergegenwärtigung entrissen ist: Das Buch ist in der Mitte zweigeteilt durch diese irritierende Szene im Kölner Wallraf-Richartz-Museum: Die Mittelaltersäle dienen nicht der Kunstbetrachtung, sondern allein einem konspirativen Treffen. Dort wartet Mack, „Finanzimpresario“ eine Weile allein und die Art wie er „näher an das goldprangende Altarbild“ herantritt, mit einem: „Ganz gut gemacht.“ und das Erklärungsschild „Meister der Kreuzigung“, ihm ein nickendes „Stimmt.“ entlockt, weckt die Neugier. Worauf bezieht sich wohl diese Anerkennung, auf den Wert, die Kunst, die Meisterschaft, die Zuordnung? Da ja noch kein Zeuge vorhanden ist, müsste ja keine Kennerschaft vorgespielt werden.

Die Szene ist wie ein kurzer Blick in ein anderes Buch, das ganz ausschließlich in einem Museum spielt und von dort aus die Gesellschaft attackiert: Thomas Bernhards „Alte Meister“. Es ist, als würde eine Tür geöffnet und ein schneller Blick hinein geworfen. Aber es hat sich alles verkehrt.

Bei Bernhard ist das Museum für den Protagonisten seit Jahren ein Zufluchtsort, der ihm zu überleben hilft. Und das sogar, obwohl er nicht aus den Alten Meistern selbst – die er sogar gnadenlos kritisiert – seinen Trost zieht. In „Johann Holtrop“ gibt es nur dieses eine Schlaglicht auf die Museumswelt. Aber anders als bei Bernhard scheint selbst für diesen kurzen Moment eine andere Dimension auf, unkommentiert und dadurch nur umso machtvoller, und das obwohl der Betrachter Mack in der Szene sich von ihr nach kurzer Zurkenntnisnahme völlig unbehelligt zeigt. Aber wir werden darauf hingewiesen.

In einem Mittelaltersaal kann die sakrale Kunst außerhalb des Zusammenhangs der ursprünglichen Anbetung betrachtet werden, doch wenn sie nur als Staffage eines besonders diskreten Treffens dient, wird ihr nicht einmal mehr der Respekt zuteil, der ihr als Kunst zugebilligt wird. Deshalb auch anfangs die kleinen verlegen wirkenden Gesten der Anerkennung, mehr gutgelaunt, als schuldbewusst, mit denen Mack sich im Raum orientiert. Er hat sich noch einen Rest des Gefühls von Unstimmigkeit bewahrt. Doch nachdem er das überwunden hat und sich „zuhause“ fühlt, erscheint es ihm ganz unproblematisch vor dem GRÜNBÄRTIGEN CHRISTUS verabredet zu sein. Die Art wie er sich in dem Saal auf die Bank setzt, ist von obszöner Beziehungslosigkeit zum „Gegenstand“ des Kunstwerks. „Er lehnte den Oberkörper zurück, streckte den Bauch heraus und schaute erwartungsfroh im leeren Saal herum.“ Es war diese Art des Wohlbehagens, die mir „bewies“, dass es sich beim unheimlichen Mack nur um eine von ganz fern an Goethes Mephisto erinnernde Figur handelt, auch wenn es einige Indizien dafür geben mochte. Denn sollte man vom Widersacher wenn schon nicht Unbehagen, so doch Respekt erwarten können?

Mack gleicht Goethes Figur vor allem in seiner Funktion als Geldbeschaffer im zweiten Teil des „Faust“. Denn als er in Holtrops Leben tritt, hat dieser schon gar keine Seele mehr anzubieten. Goetz arbeitet Mack großartig als eine mehr komische als unheimliche Figur heraus. Er taucht auf, als Holtrop schon schuldig wurde, immer noch verstrickt ist, aber in Ungnade gefallen. Macks Einfluss ist dann aber verhängnisvoll, ja teuflisch, weil er dafür sorgt, dass Umkehr und Reue unwahrscheinlich werden. Er tröstet den gefallenen Manager, als dieser selbst zum Opfer des Systems geworden ist: „Das muss man realistisch sehen, nicht moralisch.“ Vorher als Nutznießer hat Holtrop die Dinge noch ohne Anleitung selbst so sehen können, nämlich „realistisch“ und „nicht moralisch“. Holtrop ist nicht gezwungen, seine gesellschaftliche Lage zu erkennen, weil ihm Mack eine neue „Identität“ – und neues Geld verschafft: „Und dann hatte Mack aus dem angestellten Topmanager Holtrop, der ohne eigenes Verschulden in den Abgrund gestürzt war, den freien Unternehmer, den Dealer, den Entrepreneur und Investmentabenteurer Holtrop gemacht. Vierzig Millionen Euro hatte Holtrop von Assberg direkt mitgenommen, zwanzig Millionen würden in den nächsten fünf Jahren von dort noch dazu kommen. „Das ist ja nicht viel“ hatte Mack gesagt, aber mehr als nichts sei es natürlich schon. „Mit vierzig Millionen können Sie kleine Brötchen backen, oder ein bisschen größere“ hatte Mack bei dem legendären ersten Treffen in Holtrops Wohnzimmer erklärt…“ Dieses erste Aufeinandertreffen von Manager und Finanzmann ist allerdings „legendär“ – zugleich die komischste und bedrohlichste Szene des Buches, in der es Mack auf Anhieb gelingt, Holtrops Haus und Leben zu entern: „Mack redete mit ihm, als hätte Holtrop momentan unfreundlicherweise vergessen, dass sie seit ewigen Zeiten eng befreundet seien, Mack zeigte sich enttäuscht, wie wenig deutlich Holtrop ihre langjährige Freundschaft spüren ließ.“

Der Autor brachte das Opfer, in „Johann Holtrop“ nur die zerstörerischen Mächte zu schildern, wie sie ungehindert dort ihr Unwesen treiben, wo sie „vorgesehen“ sind. Diese Gesellschaft und diejenigen, die in ihr erfolgreich agieren, darzustellen, heißt für Rainald Goetz auch, dass seine Sprache sich ihnen qualvoll annähern muss, um zu überzeugen. Das bedeutet, dass es auch keinen Glamour, keinen Trost, keine Beschönigung gibt, nichts, was irgendeinen Zweifel lässt, nach welchen Regeln gespielt wird.

Schönheit gibt es in dieser Welt nicht. Weil aber die, die es zu Geld und Macht gebracht haben, fühlen, dass etwas fehlt, kaufen sie Kunst. Damit lassen sie einerseits Geld „verschwinden“ und zeigen es zugleich, besonders wenn die Namen bekannt sind. In einer das sehr schön illustrierenden Szene verbirgt „ein kleines Bild von Penck oder Meese“ den Tresor.

Doch was fehlt wirklich, wenn die Schönheit fehlt? Carlo Maria Martini geht in seinem Buch „Welche Schönheit rettet die Welt? Reflexionen über den dreifaltigen Gott“ (deutsch 2000) dieser Frage nach. Er hat den Ausgangspunkt dafür in Dostojewskis Roman „Der Idiot“ gefunden, in einer Szene , in der der Atheist Ippolit den Fürsten Myschkin in die Enge treibt mit seinen Fragen: „Ist es wahr, Fürst, dass sie einmal sagten, die ‚Schönheit’ werde die Welt erlösen? …Was für eine Schönheit soll die Welt retten? …Sind Sie ein eifriger Christ?“

Martini nähert sich dieser Schönheit mit Augustinus, der nach seiner Bekehrung bekannte: „Spät habe ich dich geliebt, o alte und immer neue Schönheit.“ Er zitiert Johannes Paul II aus dem Brief an die Künstler (1999)“ Bei der Feststellung, dass alles, was er geschaffen hatte, gut war, sah Gott auch, dass es schön war … Die Schönheit ist gleichsam der sichtbare Ausdruck des Guten, so wie das Gute die metaphysische Voraussetzung der Schönheit ist.“

Und Martini beendet sein Buch mit einem Zitat von Hans Urs von Balthasar, der das ins Gedächtnis ruft, was die Folge davon ist, wenn die Schönheit sich aus der Welt verabschiedet. In seiner theologischen Ästhetik „Herrlichkeit“ hat Balthasar mit diesen Worten das Verhängnis beschwört:

„Schönheit heißt das Wort, das unser erstes sein soll. Schönheit ist das letzte, woran der denkende Verstand sich wagen kann, weil es nur als unfassbarer Glanz das Doppelgestirn des Wahren und Guten und sein unauflösbares Zueinander umspielt, Schönheit, die interesselose, ohne die die alte Welt sich selbst nicht verstehen wollte, die aber von der neuen Welt der Interessen unmerklich-merklich Abschied genommen hat, um sie ihrer Gier und ihrer Traurigkeit zu überlassen. Schönheit, die auch von der Religion nicht mehr geliebt und gehegt wird und die doch, wie eine Maske von deren Antlitz gehoben, darunter Züge freilegt, die für die Menschen undeutbar zu werden drohen. Schönheit, an die wir nicht mehr zu glauben wagen, aus der wir einen Schein gemacht haben, um sie leichter loswerden zu können, Schönheit, die (wie sich heute weist) mindestens ebenso viel Mut und Entscheidungskraft für sich fordert wie Wahrheit und Gutheit, und die sich von den beiden Schwestern nicht trennen und vertreiben lässt, ohne in geheimnisvoller Rache beide mit sich fortzuziehen…

In einer Welt ohne Schönheit – auch wenn die Menschen das Wort nicht entbehren können und es dauernd missbrauchend im Munde führen -, in einer Welt, die vielleicht nicht ohne Schönheit wäre, sie aber nicht mehr zu sehen, nicht mehr mit ihr zu rechnen vermag, hat auch das Gute seine Anziehungskraft, die Evidenz seines Getanwerdenmüssens eingebüßt; der Mensch steht davor und fragt sich, warum er es tun soll, und nicht lieber das andere, das Böse…In einer Welt, die es sich nicht mehr zutraut, das Schöne zu bejahen, haben die Beweise für die Wahrheit ihre Schlüssigkeit eingebüßt…“

Bildhinweis: Buchcover mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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