Zeugin für ein modernes Judentum: über das kurze Leben der Francesca Albertini

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9783866741836Zu dem Buch „Deutschland oder Jerusalem – das kurze Leben der Francesca Albertini“ von Claus-Steffen Mahnkopf (Verlag zu Klampen)

Der Name Francesca Albertini begegnete mir zum ersten Mal vor vier Jahren, als ich voller Inspiration ihr Buch „Vom Verständnis des Seins bei Hermann Cohen“ las. Zwei Jahre später war ein Vortrag über Emmanuel Levinas von Francesca Albertini in Berlin angekündigt, den ich mir fest in den Terminkalender eingetragen hatte. Dazu kam es leider nicht mehr, da sie kurz vorher 36-jährig verstarb. So habe ich sie, die inzwischen Professorin für Jüdische Religionsphilosophie in Potsdam geworden war, nicht mehr persönlich kennen lernen können, vernahm aber in Potsdam und Berlin immer wieder tiefe Bestürzung über das frühe Ableben dieser Ausnahmebegabung in den jüdischen Studien.

Nun hat ihr Mann Claus-Steffen Mahnkopf ein Buch über das kurze Leben von Francesca Albertini geschrieben, das unter dem Titel „Deutschland oder Jerusalem“ im Verlag zu Klampen erschienen ist. Eine Möglichkeit also, auf andere Weise, wenngleich zu spät kommend, dem Werk und der Person einer jungen Jüdin aus Rom, die mit Anfang 30 Professorin in Deutschland wurde, sich zu nähern.

Übergroß und erdrückend scheint für einen hinterbliebenen Ehemann die Aufgabe, unmittelbar nach dem Ableben seiner geliebten Frau ein Buch über ihr Leben und Werk zu schreiben. Der Leser bangt deshalb schon vor der Lektüre, ob es dem Autor gelungen ist, in einem solchen Buch die Balance zwischen allzu Persönlichem und allgemein Bedeutsamem, zwischen Nähe und Distanz zu halten. Vielleicht empfindet mancher denn auch die ersten fünf Kapitel, die von der Anbahnung der Liebesbeziehung in Rom 1998 oder den gemeinsamen Reisen erzählen, als Einstieg zu idyllisch oder idealisch. In diesem Fall kann man die Lektüre des Buches durchaus mit den letzten Kapiteln über Krankheit und Tod beginnen. Der ergreifenden Klage um den Verlust des geliebten Menschen kann sich hier kaum jemand entziehen. Der trauernde Ehemann zeigt seinen Schmerz in einer Sprache, die auch den Leser schmerzhaft berührt und so ein starkes Mitfühlen auslöst. Doch sogleich wehrt der Autor der Gefahr einer Überwältigung, indem er den Leser wissen lässt, dass er bereits 15 Stunden nach der Todesnachricht dieses Buch zu schreiben begonnen habe – für Mahnkopf die einzig mögliche Antwort auf seinen Schmerz. Und so wechseln Ton und Perspektive vom Privaten ins Öffentliche: mit seinem Buch möchte Mahnkopf Zeugnis ablegen – nicht nur für seine geliebte Frau, sondern ganz in ihrem Sinne für ein modernes, weltoffenes Judentum, als deren Zeugin sie sich verstanden hat. Aus diesem inneren Quell hat sich Francesca Albertini auch für eine besondere Form der Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen eingesetzt, indem sie an die Tradition der Wissenschaft des Judentums anknüpfte, die vom 19. Jahrhundert bis 1933 jene jüdische Renaissance in Deutschland ermöglicht hat, die uns heute so fern scheint.

Tatsächlich ist es Mahnkopf gelungen, weit über das Persönliche hinaus uns teilnehmen zu lassen an dem unermesslichen Verlust für das Geistesleben im Allgemeinen, den der Tod Francesca Albertinis markiert. Man könnte auch – ohne jeglichen pathetischen Beiklang – vom Verlust für die ethische und kulturelle Verfasstheit der Welt im 21.Jahrhundert sprechen, denn Francesca Albertini war gerade dabei, ein neues Kapitel jüdischen Lebens – in ethischer und kultureller Hinsicht – im heutigen Europa und in der Welt zu schreiben. Dabei kam ihrem Bestreben, Juden und Deutsche aus festgeschriebenen Rollenmustern zu befreien, ihre Jugend und ihre italienisch-jüdische Abstammung zu Gute.

Wer war diese Frau, die schon als Teenager Italien verlassen wollte, um entweder in Deutschland oder Jerusalem (so auch der Titel des Buches) zu leben? Mahnkopf lässt ein überaus lebendiges, gleichermaßen lustvoll wie schmerzhaft zu lesendes Porträt seiner so früh verstorbenen Frau entstehen. Lustvoll, weil es eine reine Freude ist, dem geistigen Werden einer jungen Frau zu folgen, die in und mit den Büchern lebte, die ab ihrem 15.Lebensjahr Alles aufzusaugen schien, was in Literatur, Philosophie, Politik sich an Anspruchsvollem anbot. Man staunt ob solch intensiver Leseerfahrung, die von Anbeginn vom Verfassen eigener Gedichte und Aphorismen begleitet wird. Schmerzhaft, denn je mehr wir uns beim Lesen mit der jungen Francesca „anfreunden“, desto intensiver trauern wir selbst um den Verlust dieses Menschen.

Bei Francesca Albertini war im Alter von 28 Jahren Diabetes diagnostiziert worden, wir erfahren von ihren Schwierigkeiten im Umgang mit der Krankheit, dem Versuch, zwischen Ignorieren und „Übertölpeln“ der Krankheit zu lavieren, so dass die Angst vor einem frühen Ende stets präsent war. Diese Jahre von der Dissertation über die Habilitation bis zur Professur erscheinen in diesem Licht wie ein trotziges Dennoch: von einem Arbeitspensum geprägt, wie es singulär anmutet und über die „normale“ wissenschaftliche Laufbahn hinaus vom Leben einer Universalgelehrten kündet, die auf dem Sockel eines ungewöhnlich breiten philosophischen und theologischen Wissens stets Neues bewegte, sei es das Erlernen weiterer Sprachen, die Beschäftigung mit anderen Kulturen, ambitionierte Forschungsprojekte oder die Organisierung internationaler Symposien.

 

Das Judentum als Beruf

Albertini entdeckt ihr Judentum im Alter von 20 Jahren, als sie in Rom Vorlesungen zur Einführung in die jüdische Philosophie hört. Aufgewachsen in der Stadt, die nicht nur Sitz der katholischen Kirche, sondern älteste jüdische Diaspora-Gemeinde ist, lernt Albertini Hebräisch und vertieft sich in das Studium der verschiedensten Aspekte des Judentums auf eine Weise, dass ihr „das Judentum zum Beruf wird“. Mahnkopf erläutert dies als Zeugenschaft für die Anwesenheit und Geltung des ethischen Prinzips, das sich in Gastlichkeit, Offenheit und Menschenliebe genauso zeige wie im Wachrütteln des Bewusstseins gegenüber dem Bösen.

In diesem Sinne möchte Mahnkopf das Vermächtnis seiner verstorbenen Frau weiter tragen; das nach seinen eigenen Worten anspruchsvollste Kapitel des Buches ist denn auch jenes über das Judentum. Es gelingt ihm hier mit bewundernswert leichter Feder, dem deutschen Publikum, das wie er zu Recht bemerkt, vom Judentum außer dem Komplex Shoah/Drittes Reich/Israel hinaus kaum etwas wisse, die Bedeutung des Judentums als kultureller Kraft zu vermitteln. So getreu wie möglich versucht Mahnkopf, gerade in diesen Passagen seine Frau sprechen zu lassen. So lebt ihr Zeugnis in seinen Worten fort, und wir dürfen nicht nur hoffen, sondern als sicher annehmen, dass wer immer dieser Lektüre sich öffnet, in Hinsicht auf das jüdische Denken nun selbst auf Spurensuche gehen wird. Mahnkopf nämlich weckt die Neugier eines jeden denkenden Menschen mit folgenden Worten:

„Philosophisch gesprochen ist das Judentum eine Angelegenheit der Nicht-Identität…selbst die Existenz Gottes als Schöpfer und Richter ist nicht unbedingt ein Dogma. Es gibt eben keine Dogmen…das Judentum ist die Kultur der Differenz. ….Der Jude hat ein Gottvertrauen, das, so scheint es, ihm nicht genommen werden kann. Auch der nicht-religiöse Jude zeigt einen ihm typischen Habitus: er lebt diese Nicht-Identität….Allein, das Judentum geschieht seit zweitausend Jahren in der Diaspora. Die Zerstreuung ist essentiell, das Gegenteil einer Amtskirche mit dem großen Apparat in Rom. Das produziert kulturelle Vielfalt….“ Das Leben im Exil habe die Schrift und den Text -– Talmud. Mishna, Midrasch – als das Band des Zusammenhalts hervorgebracht, das nun als Zeugenschaft für die Verbesserung, ja Vervollkommnung der Menschheit gelesen werde.

Mahnkopf erwähnt die hermeneutische Praxis der permanenten Textauslegung, die jeder Jude immer wieder und für sich persönlich vornehmen müsse, und die große Konsequenzen habe: zum einen gäbe es im strengen Sinne keine „dummen Juden“. Bar und Bat Mitzwa mit 13 Jahren setze Kenntnisse der Thora auf Hebräisch voraus: „Es wäre so, als verstünden alle, mithin mehr als eine Milliarde Katholiken, schon im zarten Alter der Kommunion Latein.“ Genüsslich setzt Mahnkopf hinzu: „Das käme einer Revolution, nämlich einer Intellektualisierung gleich, die so gewaltig wäre, dass man um den Fortbestand der römisch-katholischen Kirche fürchten müsste…“

Da Kritikfähigkeit, Dissens und Differenz sich sowohl in der schriftlichen, wie auch der mündlichen Tradition des Judentums seit Anbeginn so ausgeprägt hätten, sei es wohl kein Zufall, dass wirkungsmächtige Figuren der Moderne jüdischen Hintergrund hatten – und exemplarisch nennt Mahnkopf nur Marx, Freud, Derrida und Adorno,

Ein anschauliches Beispiel für das Andere des Judentums gibt Mahnkopf wiederum mit einer kurzen Anekdote aus dem wissenschaftlichen Leben seiner Frau. Francesca Albertini hatte sich 2001 an einer von der Universität Hannover ausgelobten Preisfrage zum Thema „Was sind religiöse Überzeugungen?“ beteiligt. In ihrer Arbeit habe seine Frau zunächst nur beschrieben, was religiöse Überzeugungen nicht seien: keine moralischen Normen, keine Gefühle, keine Institutionen und vor allem kein Dogma. Vielmehr sei der Grund für religiöse Überzeugungen in ihrer Konzeption der Andere in seiner je einmaligen Faktizität als Mit-Geschöpf: „Der Andere ist der Grund der Anerkennung des göttlichen Gesetzes und der Ursprung jedweder religiösen Überzeugung, weil er es ist, der das göttliche Gesetz auf die Probe stellt.“

 

Ethik und Wissenschaft

Hiermit bewegt sich Albertini im übrigen ganz in der Spur des von ihr höchst verehrten Philosophen Emmanuel Levinas, dessen Denken Mahnkopf ebenfalls auf nur zwei Seiten mit wenigen Strichen auch dem Laien auf luzide Art nahe bringt – auch hier wieder mit feinem Gespür dem folgend, was seine Frau selbst über den für sie wohl wichtigsten Denker der Moderne hervorgehoben hätte:

„Emmanuel Levinas ist der jüdische Philosoph des 20.Jahrhunderts…er entwickelt eine Kritik der abendländischen, letztlich idealistischen Philosophie mittels des jüdischen, monotheistischen Primats der Ethik. Die Ethik ist wichtiger als Ontologie und Erkenntnistheorie. Sie bestimmt die Existenz des Menschen und das geschichtliche Geschehen. Gott übergibt dem Menschen die ganze Verantwortung. Das ist der extreme Humanismus, wie Levinas ihn versteht. Diese Verantwortung äußert sich in der unerschütterlichen Verpflichtung auf Gerechtigkeit und Gastlichkeit. Der andere Mensch begegnet mir als der vollständig Andere. Das heißt, dass der Andere niemals von mir identifiziert, kategorisiert, ja erkannt werden kann, zumindest nicht abschließend. Er wird immer offen sein für das, was ich von ihm nicht weiß bzw. verstehe. Dieser Andere, so Levinas, begegnet mir als Gesicht, als Angesicht, als Antlitz, und nicht als abstrakte Person oder als ein ethisches Prinzip. Der Andere ist mein Gegenüber im Modus der radikalen Nicht-Übereinstimmung….“

Dieser extreme Humanismus des anderen Menschen ist ein anderer Name für das Judentum als Beruf oder Zeugenschaft – und wir erfahren durch das ganze Buch hindurch, wie Francesca Albertini ihr Leben in diesem Sinne als Zeugnisablegen verstanden hat: Zum einen durch den unmittelbaren Dienst am Menschen, indem sie sich den Armen zuwandte oder ehrenamtlich in der Krankenpflege tätig war, aber auch in ihrer unermüdlichen Bereitschaft, für ihre Studenten stets ansprechbar zu sein – in Zeiten der Verschulung der Universitäten weder eine Selbstverständlichkeit noch eine Leichtigkeit. Zum anderen legte Albertini Zeugnis ab als Wissenschaftlerin, die als italienische Jüdin der nachgeborenen Generation in Deutschland an dem Projekt einer jüdisch-deutschen Versöhnung zu arbeiten begann. Doch kann Versöhnung der Name sein für das, was nach dem Unfassbaren als Gespräch des Dennoch im Angesicht des Grauens notwendig ist? Der Leser ahnt etwas von der erfrischenden Unbefangenheit der jungen Wissenschaftlerin Albertini, die vom eigenen Volk forderte, die Blindheit des Opfers zu überwinden und das Land der Täter nicht pauschal zu verurteilen. Sie wollte ein Buch über die nötige Aussöhnung der beiden Völker schreiben und dabei an die große Tradition der Wissenschaft des Judentums anknüpfen, wie sie im 19.Jahrhundert u.a. vom Breslauer Rabbinerseminar ausging, an dem noch der Philosoph Hermann Cohen studiert hatte, auf den sich nicht nur Franz Rosenzweig berief. Breslau war das europäische Zentrum für die Wissenschaft des Judentums, von dort ging auch die Wiederentdeckung der jüdisch-islamischen Beziehungen aus. Von hier aus hatte Albertini begonnen, einen sehr weiten Themenbogen zu spannen, der nicht zuletzt die jüdische Ethik ganz aktuell auch in ihrer Beziehung zu anderen Kulturen und Religionen sowie zu Fragen der Medizin oder der Friedenspolitik verstanden wissen wollte.

So klingt auch ihr Ethos als Professorin in Potsdam als ein Zeiten und Welten überspannendes und zudem höchst modernes:

„Meine Professur zielt darauf, die Besonderheit des jüdischen Glaubens im Zusammenhang der allgemeinen Wissenschaft zu erforschen und zu beleben: die Ausbildung jüdischer und nicht-jüdischer Forscherinnen und Forscher ist einerseits die Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und andererseits die Kontinuität zwischen lehre und Leben.“ Sie könne auf eine Tradition jüdischer Gelehrter bis zurück nach Kanaan, Babylon und Alexandria zurückblicken. Dann habe sie hinzugefügt, dass die jüdische Tradition des Lernens auf dem fruchtbaren Austausch zwischen Lehrern und Schülern beruhe, da das Wissen nie das Ergebnis eines einzelnen Individuums sein könne. Kaum verwunderlich, dass sie mit solchen Worten ihre Studenten zutiefst begeistern konnte.

Der Leser erfährt schließlich, wie viele Projekte Albertinis liegen geblieben sind, allein sechs Bücher hatte sie bereits grob konzipiert, u.a. über Hiob, das jüdisch-theologische Seminar in Breslau, über Hermeneutik der heiligen Texte. Unzählige Manuskripte, Texte und Notizen von ihr sind vorhanden und bedürfen der Sichtung und gelingenden Zusammenstellung zu einem Gesamtwerk. Ihr Ehemann wird auch diese Aufgabe – mit der Hilfe Anderer – übernehmen. Da hilft es, dass er, der eigentlich als Komponist der Avantgarde arbeitet selbst Philosophie studiert hat. So wird auch immer wieder die geistige Verbundenheit beider Thema des Buches: der Leser bekommt en passant einen Einblick in die mehrere tausend Bücher umfassende gemeinsame Bibliothek. Ganz anschaulich lässt sich vorstellen, wie in dem von beiden gerade erworbenen Haus in Berlin eine Art offener Redoute entstehen sollte, als Ort der geistigen und kulturellen Begegnung im Sinne der erwähnten Brücken zwischen den Zeiten und den Religionen und Kulturen, immer vom jüdischen Denken der Nicht-Identität inspiriert.

Die Möglichkeit solcher Begegnungen kann jetzt nur im Autor und im Leser des Buches weiter leben, und in diesem Sinne ist es Mahnkopf trefflich gelungen, den Leser – stellvertretend für eine noch größere Öffentlichkeit – nicht nur zum Mittrauernden im Angesicht eines so schmerzlichen Verlusts zu machen, sondern ihn einzubinden in die Aufgabe, das Vermächtnis der viel zu jung verstorbenen Francesca Albertini selbst weiter zu tragen. Dieses Buch braucht daher viele und kluge Leser – falls der Anregungen noch nicht genug gegeben sind, sollen zum Schluss die folgenden Worte des Ehemanns ihr Übriges dazu tun:

„Was ist nun das Lebenswerk von Francesca, ihr Vermächtnis? Ich würde behaupten, dass es in ihrer Rolle als Zeugin für die geschichtliche, ja messianische Aufgabe des Judentums in der Welt besteht. Das hat sie vorgelebt, als Mitmensch, als Citoyen, als Lehrerin und als Forscherin. Sie betonte die ethischen, universalistischen, kosmopolitischen, rationalen und liberalen Stärken des Judentums. Damit vertrat sie die Position einer radikalen Modernität. Für sie war Judentum eine Kultur, nicht nur eine Religion.“

Bildhinweis: Buchcover mit freundlicher Genehmigung des Verlages

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