Vergessen als Bedrohung?

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Die Frage des Vergessens ist umfassender als man meinen könnte. Man begnügt sich leicht damit, das Vergessen für das Gegenteil, den Feind der Erinnerung zu halten. Pflicht des Gedenkens, Kampf dem Vergessen. Das Vergessen als Bedrohung: die Vergangenheit vor dem Vergessen bewahren. Und dennoch bekennen wir, dass es einen rechten Gebrauch des Vergessens gibt, oder stimmen gar das Lob des Vergessens an. Wie lassen sich diese entgegen gesetzten Einstellungen miteinander vereinbaren?“ 1 Diese von Paul Ricoeur aufgeworfene Frage klingt zunächst wie eine Einladung zu einem philosophischen Spaziergang, erschüttert aber jene Selbstverständlichkeit des Gedenkens, das sich im Wort von der Erinnerungskultur manifestiert. Diese wird gepflegt, zelebriert, angeordnet, um dem Vergessen entgegenzutreten. Nur wenn wir die von Menschen gemachten Desaster – mit Namen wie z.B. Verdun, Auschwitz, Hiroshima – nicht vergessen, ließe sich verhindern, so lautet die Formel kollektiven Gedenkens, dass Ähnliches noch einmal geschieht.

Zweifellos bedürfen wir des Gedenkens und der Geschichtsbücher, damit solche Ereignisse als Vorkommnisse oder Daten nicht vergessen werden – aber werden sie damit auch schon erinnert? In der achtlos so benannten Erinnerungskultur werden die vielschichtigen Bedeutungen der Worte Erinnern und Vergessen leicht verwischt. Oft bleibt danach nur eine trocken belehrende Didaktik der Geschichte übrig, die leicht zur „Tyrannei des Gedächtnisses“ wird – auch ein Wort Ricoeurs, mit dem er die „Ersetzung der Trauer- und Erinnerungsarbeit durch die Pflicht zur Erinnerung“2 verurteilt.

Greifen wir das Eingangszitat auf und fragen weiter: bedarf nicht gerade die so genannte Erinnerungsarbeit in bestimmtem Maß des Vergessens? Ermöglicht nicht erst ein bestimmtes Vergessen, dass wir aus späterer Distanz uns erinnernd dem Vergessenen nähern können, ohne von Schmerz, Trauer, Angst oder Hass so überwältigt zu sein, dass es uns schier die Sprache verschlägt oder dass es eine Sprache in uns gebiert, die nicht spricht, sondern schreit? Ist womöglich das Vergessen die notwendige Bedingung des Erinnerns? In den Worten des Dichters scheint dies auf knappste Weise gesagt: „Wer ein ausgezeichnetes Gedächtnis hat, wird nichts erinnern, weil er nichts vergisst.“ 3 Hier wäre das Nicht-Vergessen geradezu ein Fluch, da es uns die Erinnerung versperrt. Aber welches Vergessen und welches Erinnern sind hier gemeint? Was „darf“ oder soll vergessen werden – und welches Vergessen wäre individuell wie auch gesellschaftlich-kulturell bedrohlich? Wie unterscheiden wir zwischen einem mühevollen, tätigen Erinnern und einer „Tyrannei zur Pflicht der Erinnerung“?

Dass die Worte Erinnern und Vergessen nicht als Gegensatzpaar zu lesen sind, erhellt aus den hier wiedergegebenen Zitaten – vielmehr deuten diese auf eine dynamische Korrelation wechselseitiger Bedingung und Durchdringung zwischen Erinnern und Vergessen hin. Die Annahme dieser Korrelation wehrte auch jene informationstheoretische Vorstellung des Speicherns und Löschens ab, wonach das Erinnern nur jenes hervorruft, was zuvor das Gedächtnis gespeichert hat, und welches im Vergessen gelöscht wird. Nicht nur wird hier das Gedächtnis beleidigt, indem man es zum Speicher entwürdigt, sondern auch das Erinnern wird zu Unrecht auf ein bloßes Wiedererkennen beschränkt.

 

Erinnern…Innern

Der tschechische Literat Jiři Gruša hat, indem er auf die deutsche Sprache von außerhalb ihrer selbst hört, trefflich das Er-innern konjugiert: „ich innere, du innerst, er innert“. 4 So wie das Äußern im Gespräch mit einem – uns gegenüber äußeren – Partner geschieht, wäre das Innern ein inneres Gespräch mit Menschen, mit Gott, der Natur, Gegenständen oder Texten, derer wir auf diese Weise innewerden. Statt dabei nur schon Bekanntes wieder zu erkennen, ermöglicht das Er-innern vielmehr, auch bekannte Menschen oder Gegenstände in unserem Innern „wie zum ersten Mal“ wahrzunehmen. Erinnern wäre demnach nicht nur die Wiedergabe eines Gewesenen, sondern darüber hinaus eine unendliche Erzählung, auch des Gewesenen als noch nicht geschehen oder des Zukünftigen als schon geschehen.

Die Literatur schenkt uns dafür eine Fülle an Beispielen. So erinnert sich in Soma Morgensterns Romantrilogie „Funken im Abgrund“ eine der Hauptpersonen bei der Betrachtung eines Spatzes, der auf einem Dachsims im Staub badet, an eine Begebenheit aus seiner vom jüdischen Glauben geprägten Jugend in einem galizischen Dorf. Im eisigen Winter konnte er aus der Gebetsstube des Großvaters einen Spatz beobachten, der abgemagert und halb erfroren versuchte, im Schnee zu „baden“, aber fast keine Kräfte mehr zum Flügelschlagen besaß. Der Anblick dieses traurigen Geschöpfes wurde begleitet vom betenden, zuweilen traurig seufzenden Gesang des Großvaters. Die Worte des Gebets werden in dem Beobachter höchst lebendig er-innert – aber es geschieht noch etwas: das Frieren des Spatzes er-innert den Erzähler an die von ihm übernommene Verpflichtung, die Worte des Großvaters vor dem Erfrieren zu retten: „Ich muss die Melodie des Großvaters retten. Tausende Melodien der Ureltern sind erfroren, weil Millionen Urenkel nicht beten…“5 Zum einen geht das Bild des Vogels im Er-innern fast unmerklich in die Stimme des Großvaters über. Damit wird der häufig behauptete Vorrang der bildhaften vor der stimmhaften Erinnerung – die Bedeutung des inneren Auges vor dem inneren Ohr – in Frage gestellt und der Charakter des Er-innerns als Erzählen hervorgehoben. Zum anderen leitet die Tätigkeit des Er-innerns von einer eher beiläufigen Beobachtung auf eine die Zeiten überspannende Frage nach der Überlieferung von Texten oder auch nach dem Verhältnis von Mensch zu Gott über.

Beispielhaft wird das Erinnern als die Vergegenwärtigung eines Gewesenen erzählt, welches Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft so verknüpft, dass sich alle drei Zeiten gegenseitig durchdringen. Es bleibt offen, wann dem Erinnernden die Gefahr bewusst wurde, dass Worte erfrieren können. Schon damals in Großvaters Betstube oder erst jetzt, im Zuge der gegenwärtigen Erinnerung? Oder war die Verpflichtung, die Worte vor dem Erfrieren zu retten, als eine immerwährende und damit als ein Zukünftiges stets im Innern?

Erinnern also bedeutet weit mehr als ein Gewesenes aus der Abwesenheit zur Anwesenheit zu bringen – vielmehr hieße es zu erzählen, wie es auch hätte sein können oder was noch nicht geschehen ist, aber jederzeit geschehen könnte oder sollte. Im Innern werden dabei nicht nur die Stimmen von Menschen vernehmbar, denen wir begegnet sind, sondern genauso die Worte gelesener Texte. Im inneren Gespräch keimen Erinnerungen, Erzählungen, Erdichtungen und Wachträume auf – wer will sie sezierend genau voneinander trennen? Gerade darin aber, dass Fiktion und Wahrheit, Traum und Wirklichkeit ineinander fließen, ohne ineinander aufzugehen, besteht das Besondere des Er-innerns, das sich damit von der faktischen Beschreibung oder der Dokumentation unterscheidet. Sind diese Erzählungen darum weniger „wahr“ als ein beweiskräftiges Faktum? Der vorsichtige Versuch einer Antwort hätte das schwierige Gebiet der Glaubwürdigkeit des Zeugnisses und des Zeugen zu umkreisen und zu durchqueren. In jedem Fall kann die schriftliche oder bildliche Aufzeichnung des Gewesenen die Arbeit des Erinnerns nicht ersetzen. Es stellt sich sogar die Frage, ob die Dokumentation der Fakten nicht nur das Erinnern erschwert, sondern auch das Vergessen fördert.

 

Wie Vergessen?

Wir kommen damit auf die Vorstellung des Vergessens als Löschen zurück. Wir können von der Tafel, dem Bildschirm oder dem Tonträger etwas löschen, aber wird es damit auch ausgelöscht? Die unwiederbringliche Auslöschung – als ein absolutes Vergessen – scheint unvorstellbar, da auch das Gelöschte Spuren hinterlässt. Selbst in schwersten Fällen pathologischen Gedächtnisverlusts oder kultureller Verdrängungsleistung scheinen sich doch verdünnte Spuren des Gewesenen zu erhalten, von denen unter Umständen ein schmaler Pfad zur Erinnerung führen könnte. Wir lassen diese Frage zunächst offen, und gehen stattdessen im Folgenden einigen Formen des Vergessens unterhalb dieser angenommen Ebene eines „absoluten Vergessens“ nach.

Das therapeutische Vergessen – auch als Verdrängen bezeichnet – soll uns in erster Linie schützen, z.B. nach dem Erlebnis schwerer Traumata. Mit dem absichtlichen Vergessen will sich jemand bewusst und zielgerichtet einer Verantwortung für Andere entziehen. Seiner Verstrickung – ob schuldhaft, mittelbar oder nur als zur Antwort Gerufener – in ein Geflecht von Beziehungen zu Anderen möchte er entkommen, indem er bestimmte Personen und Ereignisse „aus seinem Gedächtnis streicht“. Diese Form des Vergessens bedroht zutiefst das menschliche Zusammenleben, zerstört sie doch zum Einen jegliche Sensibilität und Empathie, während sie zum Anderen das Bekennen von Schuld oder das Zulassen von Scham selbstgerecht zurückweist. Ferner kennen wir das flüchtige Vergessen als das sozusagen alltägliche Vergessen von Terminen, Daten aller Art, Namen, kleinen Aufgaben, Zahlen usw. Diese Flüchtigkeit ist zu nicht geringem Maße der Überfrachtung des Alltags mit unzähligen verschiedenen Aufgaben, Arbeitsgängen und der Verarbeitung von Daten geschuldet. Zweifellos spielen hier aber auch Elemente aus dem therapeutischen Vergessen („man kann sich nicht alles merken“) und dem absichtlichen Vergessen („ich habe nicht daran gedacht, weil ich keine Lust hatte“) hinein, jedoch ohne die gravierenden Hintergründe und – zumeist – auch ohne tragische Folgen. Das flüchtige Vergessen ist vor allem lästig, deswegen erleben wir einen inflationären Gebrauch von Terminplanern, Merkzettelchen, Speichermechanismen. Dass dadurch die Leistung des Gedächtnisses auf Dauer geschwächt wird, nimmt man zugunsten eines reibungslosen Ablaufs des Alltags in Kauf.

Mit diesem Hinweis kommen wir zu einer entscheidenden weiteren Variante des Vergessens, das wir produktives Vergessen nennen möchten. Aus der Lernpsychologie kennen wir den Grundsatz, dass man, um „etwas zu behalten“, es erst einmal vergessen haben sollte. Wesentlich bedeutsamer wird das produktive Vergessen, sobald wir von bestimmten Ereignissen – wie menschlichen Tragödien oder Begegnungen, historischen Verbrechen oder unerwarteten Umbrüchen – Zeugnis ablegen wollen. Häufig erinnern wir uns erst, wenn wir etwas vergessen haben, wonach wir „in der Erinnerung suchen“. Zwar wird das Ereignis als solches – als Datum – wohl niemals vergessen, aber die Einzelheiten des komplexen Aufeinander-, Gegeneinander- und Zusammenwirkens der daran beteiligten Menschen kann derjenige niemals in ihrer Fülle und Widersprüchlichkeit präsent haben, der erinnernd Zeugnis geben soll, und er darf es auch nicht. Die Frage der Zeugenschaft erweist sich als eine so umfassende und einschneidende nicht nur der Philosophie, sondern des Lebens, dass wir ihr hier nicht angemessen nachgehen können. Nur soviel: erzählen und bezeugen bedürfen des Er-innerns im oben dargelegten Sinn eines je neuen und einmaligen Innewerdens in der Aufrichtigkeit der ganzen Person. Sie bedürfen auch eines Gewahrwerdens der ungelösten – und unlösbaren – Fragen in der erzählten und bezeugten Geschichte. In jedem neuen Akt des Er-innerns werden Teile des Vergessenen, die uns rätselhaft oder fragwürdig erscheinen, aus der Tiefe des erinnerten Geschehens gehoben und zugleich verborgen. Das Vergessen erweist sich in diesem Sinne als Bedingung dafür, das Gewesene auch ganz anders zu erzählen, Fragen stets offen zu halten und letzte Antworten zu vermeiden. Nehmen wir ein Beispiel: wer als Betroffener oder Beteiligter von einem tief greifenden und folgenschweren Zerwürfnis zwischen bisher verbundenen Menschen Zeugnis ablegen möchte, wird erst im je neuerlichen Erzählen und Bezeugen sich er-innern, was dieser oder jener bisher „Überhörtes“, also Vergessenes, gesagt hat, wozu ein anderer – auch das haben wir vergessen – viel sagend geschwiegen hat. Meist gelingt es dem Menschen erst in der zeitlichen Distanz zum erzählten Ereignis, sich dessen zu er-innern, was er schon vergessen hatte. Die Wogen der Leidenschaft, die Schmerzen der Verletzungen, welche unmittelbar nach dem Ereignis die Menschen überwältigen, versperren meist den Weg zu den entscheidenden Fragen. Indem aber die mühsame und schmerzvolle Arbeit des Er-innerns das Vergessene zur Sprache bringt, ebnen sich erst Wege zum Verzeihen, zur Versöhnung und zur Gerechtigkeit. Denn selbstverständlich können auch Worte er-innert werden, die nie gesagt wurden. Wir erinnern uns: die Er-innerung öffnet die Tür zu einer Erzählung der anderen Möglichkeiten und damit der Zukunft. Wenn alles auch anders gewesen sein könnte, dann mag der Zeuge manchen der Beteiligten milder beurteilen, vor allem aber auch die Stärke aufbringen, eigene Schuld oder Verfehlungen zu bekennen. Dieses bezeugende Erzählen bedarf der je neuen Er-innerung, wie diese des produktiven Vergessens bedarf. Wir können nur erzählen, weil wir vergessen haben.

 

Vergessen, Bewegen, Über-setzen

Aber können wir auch vergessen, was wir nie „gewusst“ oder nie selbst erlebt haben? Natürlich wirken im Gedächtnis der Menschen neben den selbst erlebten auch die – mündlich und schriftlich – überlieferten Erzählungen. Sie verlangen, ja sie sehnen sich geradezu danach, jeweils neu erzählt zu werden. Auch ihre Erzählung bedarf der inne werdenden Bewegung zwischen Vergessen und Erinnern. Und wenn das produktive Vergessen die Bedingung dafür ist, bestimmte Fragen für immer offen zu halten und sie zugleich immer neu zu stellen, dann begegneten wir im Vergessen den Fragen der so genannten großen Erzählungen, den Fragen nach Tod, Gott, Liebe und Verantwortung. Fragen, welche die Menschen in ihren Liedern und profanen wie auch heiligen Texten seit ewigen Zeiten an sich selbst, an Gott und die Welt, mal klagend, dann wieder streitend, auch betend oder singend gestellt haben. Damit das Nachsingen oder Nacherzählen dieser Lieder und Texte zum persönlichen Zeugnis wird, gilt es zuweilen ihren – scheinbar bekannten – „Sinn“ zu vergessen. Dadurch erst schaffen wir unsere ganz eigene Beziehung zum Text oder zum Wort. Maurice Blanchot sagt dazu:

 

Vergessen ist Beziehung zu dem, was vergessen wird, Beziehung, die das, worauf sie bezogen ist, ins Geheimnis rückt und so den Sinn und die Kraft des Geheimen enthält.“ 6

 

Tatsächlich lebt jede wirkliche Erzählung aus den Worten, die von dieser Kraft des Geheimen, des Wunderbaren, des Rätselhaften getränkt sind. Hören wir weiter Blanchot:

 

Dass in jedem Wort, das spricht, zuerst das Vergessen spricht, bedeutet nicht nur, dass jedes Wort dem Vergessen geweiht ist, vielmehr dass das Vergessen im Wort zur Ruhe kommt und das Wort in Einklang hält mit dem, was sich verbirgt.

In der Ruhe, die jedes echte Wort ihm gewährt, lässt das Vergessen es zur Sprache kommen noch im Vergessen selbst. In jedem Wort soll das Vergessen sich ausruhen.“ 7

 

Viel ist hier die Rede von Ruhe und Ausruhen. Obgleich dreimal die Ruhe erwähnt wird, welche dem Vergessen im Wort gewährt wird, offenbart sich bei genauem Hinhören ein wechselseitiges Ausruhen – des Vergessens im Wort und zugleich des Wortes im Vergessen. Aber ist die gewonnene Ruhe ein Stillstehen oder vielmehr ein leichtes Schweben im Zwischen von anhebender und abebbender Bewegung, zwischen Anheben und Absetzen des „Sprungbeins“? Auf welche Weise nun gewährt das Wort dem Vergessen – man müsste wohl sagen: vorübergehende – Ruhe? Das Wort, indem es schon gesagt worden ist, erinnert an etwas, u.a. an seine vielen, auch widersprüchlichen Bedeutungen, oder an Menschen, die es gesprochen haben, manche auch an Gottes Wort. Das Vergessen begegnet im Wort also nicht einem – zu vergessenden – Nichts, sondern einem erinnerten und zu erinnernden „Sinn“, in dem es zur Ruhe kommt. Und das Wort selbst? Warum ist es dem Vergessen geweiht? Wird in dieser gewissermaßen sakralen Handlung das dem Vergessen dargereichte Wort dieses gar selbst geheiligt? Was aber bedeutet Heiligung des Wortes, wenn nicht die Verpflichtung, das Wort je neu und einzigartig zu sprechen, als spräche darin eine Offenbarung? Man denkt an die Verpflichtung in Morgensterns Roman, Worte vor dem Erfrieren zu retten, weil sie heilig sind.

Im Vergessen wird das Wort davor bewahrt, in (r)einer Bedeutung zu erstarren oder gar zu ersticken. In jedem Wort ertönt ein Überschuss an Bedeutung, der sich nicht auf den Begriff bringen lässt. Kommt das Wort aber im Vergessen zur Ruhe, dann vermögen wir es je neu und anders zu hören und ihm je neue Möglichkeiten abzulauschen. Das Wort kommt zur Sprache und wird im Einklang gehalten – mit dem, was sich verbirgt. Tatsächlich ist es ein Klang, der das Sinnliche und Übersinnliche der Sprache, den wörtlichen und verborgenen Sinn der Worte, das Sagbare und Unsagbare ertönen lässt. „Gehalten“ werden kann aber das Wort zwischen diesen „äußersten Polen“ der Sprache nur im Über-setzen, also indem es gerade nicht hält im Sinne von Anhalten. Eine Bewegung in der Ruhe ist also zu suchen – als ob sich auf dem Flussbett der Sprache die Worte und das Vergessen ausruhen, indem sie stets von einem Ufer des Flusses zum anderen über-setzen.

Wäre es also ein Vergessen, welches die Menschen in die Bewegung des Übersetzens bringt, das nur als Über-setzen gelingen kann? Die Sprachverwirrung von Babel und das Zerbrechen der Gesetzestafeln am Sinai wären demnach auch als Ereignisse zu lesen, die Vergessen bedeuten – Vergessen des „ursprünglichen“ Textes oder der „ursprünglichen“ Sprache (wohl wissend, dass es keinen uns zugänglichen Ursprung gibt). Beide Ereignisse spielen an auf die (Un)Möglichkeit und Notwendigkeit des Übersetzens. Wenn wir erst in der Bewegung des Über-setzens vom wörtlichen zum allegorischen Sinn und schließlich zum verborgenen Sinn, vom Sinnlichen zum Übersinnlichen etwas „erkennen“ oder „verstehen“, dann verdanken wir diese Bewegung nicht zuletzt dem Vergessen. Dass Wissen und Erkenntnis etwas mit Bewegung zu tun haben – für die Alten unterlag dies keinem Zweifel. In der vorsokratischen Mythologie der Griechen gewinnt der Mensch Selbsterkenntnis erst in der Seelenfahrt, auf der er Unterwelt und Oberwelt er-fährt. Im Judentum ist der Gottesfürchtige im ständigen Aufbruch oder eben auf Wanderschaft: Abraham verlässt die Heimat, dem Ruf Gottes ins Ungewisse folgend. Diese Bewegung aber führt über die Erkenntnis hinaus – in das Feld der Bewährung und Bezeugung.

Sowohl der Erkenntnis wie der Bewährung ist gemeinsam, dass sie unvereinbar sind mit einem stationären Zustand, mit Sitzen oder Stillstehen. Erkenntnis wäre dann nur ein bannendes Fixieren, ein Feststellen oder statisches „Be-greifen“. Über dieses begriffliche Wissen, das uns Gegenstände verfügbar macht, haben wir offenbar andere Wege, zu Wissen und Erkenntnis zu gelangen, vergessen. Ebenso verlangt die Bewährung oder die Bezeugung mehr als die mechanische Wiederholung von zu Formeln erstarrten Worten. Davor aber scheint das produktive Vergessen zu bewahren: so heißt es, dass in der jüdischen Überlieferung der Laut oder der Hauch, der dem Aussprechen des ersten stimmlosen Aleph vorausging, nicht gehört und damit der so genannte Sinn der ersten göttlichen Rede „vergessen“ wurde. Jean-Francois Lyotard nennt das Aleph den „Atem des Anfangs“, in dem etwas angekündigt wird, das aber selbst nicht vernehmbar sei: „In gewisser Weise hat das Volk nichts gehört, außer dass etwas angekündigt worden ist.“8 Hier habe sich ein Mangel an Begründung gezeigt, der nie vergessen worden sei. Aber gerade aus dem Nicht-Vergessen, das etwas vergessen wurde, sei die – in diesem Fall jüdische – Tradition der nicht endenden, schürfenden und bohrenden Textauslegung erwachsen sowie die Weigerung der schriftlichen Vokalisierung, um so die Festlegung der Worte auf eine Bedeutung zu verhindern – und schließlich die Bereitschaft, einem Gebot zu folgen, bevor es gehört und verstanden wurde und sich somit als unberechenbar erweise. Das Vergessen also löst eine Unruhe aus, die in eine Bewegung der Verheißung entgegen, in einen Weg des Er-innerns, der Begegnung und des Zeugnisablegens übersetzt.

 

Das absolute Vergessen: Vergessen des Vergessens

Die moderne Welt empfindet dieses – im wahren Sinne produktive – Vergessen als Bedrohung. Ein Vergessen, das an jene möglichen Wirklichkeiten und wirklichen Unmöglichkeiten erinnert, in denen sich die Begegnung zwischen Mensch, Welt und Gott seit den Anfängen ereignet – in denen stets auch vom nicht Darstellbaren oder vom Unsagbaren gezeugt wird. Daran zu erinnern bedroht die Scheinsicherheit, derer unsere Welt offenbar bedarf, um das reine Zweckdenken zur ultima ratio des Daseins zu erheben und damit die menschlichen Verhältnisse berechenbar zu machen. Die Vorstellung, dass wir dabei „etwas“ vergessen haben könnten, setzt uns tiefster Beunruhigung aus. Anders gesagt: nur solange dieses Vergessen nicht vergessen wird, erinnern wir uns jener offenen und beunruhigenden Fragen, auf die es keine letzte Antwort gibt. Da dieses Vergessenhaben die Gewissheit einer nervösen, unsicheren und tief gespaltenen Gesellschaft bedroht, reagiert diese in regelmäßigen Abständen darauf mit dem Versuch des absoluten Vergessens, dem Vergessen des Vergessens – vielleicht die größte Bedrohung der Menschheit.

Dieser Form des Vergessens geht Lyotard in seinem Buch „Heidegger und die Juden“ nach. Darin entwickelt er die Hypothese, dass der Ursprung des abendländischen Anti-Semitismus in der Reaktion auf das jüdische Nicht-Vergessen des besagten ursprünglichen Mangels an Begründung liege. Dieses Nicht-Vergessen habe das abendländische Denken so tief verstört, dass über Jahrhunderte hin die Politik gegenüber den Juden zwischen Konversionszwang und Vertreibung schwankte. Mit der Shoah – so Lyotard – habe man der Erinnerung an ein ursprüngliches Vergessen ein endgültiges Ende setzen wollen:

 

„Man durfte nicht auf halbem Wege stehen bleiben, denn es galt, dem Endlosen, dem Nicht-enden-Wollenden ein Ende zu setzen. Das Verbrechen sollte vollkommen sein, und das Urteil auf Freispruch wegen Mangels an Beweisen lauten. Es handelt sich um eine Politik des vergessenen, des absoluten Vergessens…..“ 9

Gibt es also doch ein absolutes Vergessen? Ein Vergessen des Vergessens selbst, in dem auch die feinste Spur erlischt? Oder bleibt nicht zumindest eine Spur des Verwischens der Spur? Lyotard spricht deswegen auch nur von einer „Politik des absoluten Vergessens“ – es reicht mithin der Vorsatz oder die Gesinnung eines absoluten Vergessenwollens aus, um die Gesellschaft einer nicht enden wollenden Bedrohung auszusetzen. Das absolute Vergessen wolle dem Vergessen selbst ein Ende machen, heißt es. Endliche Transparenz gegen unendliche Verborgenheit, endgültige Klarheit gegen endloses Offenhalten der Fragen? Wer spürte nicht die bestürzende Gegenwärtigkeit dieser Fragen?

Wenn nun Auschwitz tatsächlich der Name für dieses absolute Vergessen ist, dann hätte dies erhebliche Folgen für unsere Erinnerungskultur oder für die – von Ricoeur so genannte – „Tyrannei des Gedächtnisses“, die auf Darstellung der Verbrechen setzt. Gerade solch eine Darstellung aber trägt dazu bei, das Vergessene zu vergessen. Man ist angesichts der Bilder schockiert, ruft „Nie wieder!“, gefällt sich in der Pose der Empörung – und möchte mit dem Erschrecken dem Schrecken ein Ende setzen. Lyotard bezeichnet dies als Schadensabwicklung. Deshalb wendet er sich gegen die Darstellung dessen, „was undarstellbar bleiben muss, um nicht, als das Vergessene selbst, vergessen zu werden.“ 10

Das Vergessene selbst als jener ursprüngliche Mangel an Begründung, jener Hauch der je neu nach Bestimmung suchenden Unbestimmtheit, der sich begrifflicher Festlegung entzieht, jenes Nicht-Wissen, das uns zum Sprechen, Hören und Antworten ruft – vergäßen wir es, dann setzte sich die Politik des absoluten Vergessens fort und die schon erfrorenen Worte blieben im Eis der Seelen erstarrt. Während Morgenstern noch davon sprach, die Worte vor dem Erfrieren zu retten, stellen wir uns – nach der Politik des absoluten Vergessens – die Frage, wie erfrorene Worte aus eisiger Starre zu befreien sind.

 

Endnoten

1 Paul Ricoeur: Das Rätsel der Vergangenheit, Wallstein Verlag Göttingen 1998, S.131
2Paul Ricoeur: Geschichte, Gedächtnis, Vergessen, Wilhelm Fink Verlag Paderborn 2004, S.146
3Samuel Beckett: Proust, Arche Verlag Zürich 1960, S.25
4Jiři Gruša: Als ich ein Feuilleton versprach, Czernin Verlag Wien 2004, S.121
5 Soma Morgenstern: Funken im Abgrund, Band I, zu Klampen Verlag Lüneburg 1996, S.170
6 Maurice Blanchot: Warten Vergessen, Bibliothek Suhrkamp Frankfurt/Main 1964, S.66
7ebda., S.67
8Elisabeth Weber: Jüdisches Denken in Frankreich, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main 1994, S.162
9 Jean-Francois Lyotard: Heidegger und die Juden, Edition Passagen, Passagen Verlag Wien 1998, S.36
10 Ebda., S.37

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